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GESCHICHTE
DER
M E D I C I N.
VORLESUNGEN
GEHALTEN ZU LEIPZIG IM SOMMERSEMESTER 1858
VON
PROF. DR. C. A. WUNDERLICH,
Ritter des Königl. Sächsischen Verdienstordens und des Sachsen Ernestinischen Hausordens,
K. .Sachs. Geh. Medicinalrath , Director des klin. Instituts an der Crüversität Leipzig etc.
CT^QJL^>-0
STUTTGART.
VERLAG VON EBNER & SEÜBERT.
1859.
"R iä.I
Druck der J. B. M etzler'schen Buohdruckerei in Stuttgart.
INHALTS-ÜBERSICHT.
Seite
Einleitung i l
Werth der historischen Studien 1. Objecte der Geschichte der Medicin 1.
Erster Abschnitt. Die Medicin im hellenischen Alterthume. 3
Vorhellenische Medicin 3. Vorhippocratische Medicin in Griechenland 3.
Hippocrates 5. Verfall der griechischen Medicin nach Hippocrates 13.
Die dogmatische Schule 16. Aristoteles 17. Alexandrinische Schule 21.
Heropbilus 22. Erisistratus 22. Empiriker 23.
Zweiter Abschnitt. Die Medicin unter der römischen Herr-
schaft 26
Primitive Zustände der Medicin in Rom 26. Asclepiades 26. Themison und
die methodische Schule 27. Athenäus .und die Pneumatiker 30. Eklektiker
30. Einzelne Aerzte der vorgalenischen Zeit 31. Claudius Galenus 33.
Nachgalenische Zeit 37. Der Process des Verfalls der römischen Medicin
und seine Ursachen 40. Untergang 44.
Dritter Abschnitt. Die Medicin im Mittelalter 46
Die Araber 46. Mönchsmedicin 47. Erste Spuren des wiedererwachenden
wissenschaftlichen Sinns im Abendland 49. Scholastik 50. Regungen einer
besseren Zeit 54. Fünfzehntes Jahrhundert 58.
Vierter Abschnitt. Die Medicin im Zeitalter der Reformation. 60
Ursachen des Umschwungs 60.
Die reellen Fortschritte in der Medicin 63. Positive Fortschritte in den
Naturwissenschaften 66. Anatomie 66. Vesal 69. Pathologische Anatomie
72. Chirurgie 73. Geburtshilfe 76. Einflussreiche italienische Aerzte 76.
Französische Aerzte 77. Holländische Aerzte 78. Deutsche Aeizte 78.
Einzelne Leistungen 78. Charakter der Forschung im 16. Jahrhundert 81.
Die Schwärmer, Wühler und Gaukler der Reformationszeit 82. Para-
celsus 85. Die Obscuranten 101.
IV Inhalts- Uebersicht.
Seite
Fünfter Abschnitt. Die Medicin im siebenzehnten Jahr-
hundert , 104
Baco 104. Physik und Chemie 113. Anatomie 115. Die Societäten 120.
Charlatanerie in der Praxis 120.
Die medicinischen Systeme des 17. Jahrhunderts 124. Van Helmont
124. SyLius 129. Iatromechaniker 132.
Naturbeobachtung und pathologische Anatomie 136. Sydenham 136.
Situation der Medicin in verschiedenen Ländern 144. Herrschende Krank-
heiten 144. Einführung von neuen Arzneimitteln 145. Chirurgie und Ge-
burtshilfe 145.
Sechster Abschnitt. Die Medicin im Zeitalter der Auf-
klärung 147
Bewegungen in der allgemeinen Cultur mit Beginn des 18. Jahrhunderts
147. Naturwissenschaften 152.
Medicinische Wissenschaft 154 Das Schiksal der früheren Systeme 154.
Die theoretische Richtung des 18. Jahrhunderts 155. Fr. Hoffmann 157.
Stahl 160. H. Boerhaave 166. Haller 172. Gaub 178. Wiener Schule 180.
Schule von Montpellier 186. Barthez 188. Die Physiologie der Ency-
clopädisten 192. Cullen 192. Deutsche Solidarpathologen 196. Humoral-
pathologie 200. Krankheitsclassificationen 200. Resume der theoretischen
Bestrebungen der Zeit und ihres Werthes 204.
Reelle Forschungen 208. Pathologische Anatomie 210. Morgagni 211.
Hunter 214. Blutuntersuchungen 215. Französische Chirurgie 215. Chirurgie
in Deutschland 219. Chirurgie in England 220. Die ärztlichen Practiker
220. Monographische Arbeiten 222. Allgemeiner Charakter der ärztlichen
Verhältnisse 233.
Siebenter Abschnitt. Die Vorbereitung der neuen Zeit. . . 236
John Brown 236. Brown's Doctrin 238. Die englische Medicin während
und unmittelbar nach Brown 243.
Frankreich 243. Bichat 214. Pinel 247. Französische Zeitgenossen 249.
Italien 251. Rasori und die Lehre vom Contrastimulus 251.
Deutschland 254. Die Erregungstheorie in Deutschland 259. Natur-
philosophie 263. Thierischer Magnetismus 269. Cranioscopie 270. Homöo-
pathie 270. Die gemässigten Theoretiker in Deutschland 2 2. Zurükführ-
uug des Lebensprocesses auf allgemeine Naturgeseze 2S3. Analogisirung
der Lebenskraft mit den Imponderabilien 285. Genetische Auffassung des
Lebens 286.
Positive Forschung in Deutschland 287. Anatomie 287. Physiologie
287. Pathologische Anatomie 288. Practische Medicin 288. Eklekticismus
290. Zustand der deutschen Medicin überhaupt 295.
Inhalts-Uebersicht. V
Seite
Achter Abschnitt. Die jüngste Umwälzung in der medicin-
ischen Wissenschaft und die Entwiklung der
Gegenwart 298
Frankreich 298 Broussais 298, Pathologisch-anatomische Schule in Frank-
reich 307. Lännec 307. Die Experimentalphysiologie in Frankreich :
Magendie 319. Die französische Chirurgie 321. Specialitätencultur 322.
Schlussbetrachtung über die französische Medicin 324.
England 325. Travers 326. Ch. Bell und die Arbeiten über das
Nervensystem 327. Practische Medicin 330. Specialitäten 330.
Italien 331. Diverse Nationen 331.
Deutschland 331. Schönlein 333. Einzelne Lebenszeichen in der deutschen
Medicin 244. Die deutsche Physiologie 346. Joh. Müller 347. Die Ver-
suche der Chemiker, die Medicin zu reformiren 350. Die Einführung der
ausländischen Leistungen und die Critik 352. Die neue Wiener Schule 352.
Rokitansky 352. Skoda 355. Der Umschwung in der deutschen Medicin
357. Widerstände und Missgriffe 359. Durchdringen der neueren Richt-
ung 362. Die Gestaltung der Medicin in der Gegenwart 363. Die Med-
icin der Zukunft 366.
INHALTS-ÜBERSICHT
DER BELEGE, EXCüßSE UND KOTIZEN.
Zum ersten Abschnitt 3
Hippocrates 3. Plato 6. Aristoteles 13. Theophrastus Eresius 16. Die
späteren Autoren der griechischen Zeit 16.
Zum zweiten Abschnitt 17
Die griechischen Aerzte im alten Rom und ihr Ruf 17. Celsus 17. Dios-
corides 18. Aretäus von Cappadocien 19. Galen 21. Nachgaienische Pe-
riode 22.
Zum dritten Abschnitt 25
Die arabischen Aerzte 25. Constantinus Africacus 25. Die medicinische
Schule von Salem 25. Dreizehntes und vierzehntes Jahrhundert 28. Der
medicinische Unterricht am Schluss des Mittelalters 28. Syphilis vor 1493 28.
Zum vierten Abschnitt 29
Das Reformationszeitalter 29. Hexenprocesse 29. Medicinische Repräsen-
tanten der Fortschrittspartei im 16. Jahrhundert 30. Paracelsus 33. Sy-
philis 35.
VI Inhalts-Uebersicht.
Seite
Zum fünften Abschnitt . 36
Baco 36. Harvey 36. Van Helmont 37. Sylvius 38. Iatromechanische
Schule 42. Alchymisten und Adepten 44. Die spagirische Medicin 45.
Sydenham 47. Marton 50.
Zum sechsten Abschnitt. 55
Fr. Hoffmann 55. Stahl 86. Herrn. Boerhaave 59. Gorter 66. de Haen 66.
Stoll 67. Kämpf 70. Sauvages 75.
Zum siebenten Abschnitt 79
Brown 79. Röschlaub 79. Bichat 80. Bayle 82. Peter Frank 83. Hah-
nemann 84.
Zum achten Abschnitt. 89
Broussais 89. Einige Proben aus der deutschen medicinischen Literatur
vor dem Umschwung der Anschauungen 89. Schönlein 91. Rademacher 93.
Die Popularisation der Naturwissenschaften und der Medicin 98.
EINLEITUNG.
Indem ich es unternehme, die Entwiklung unserer Kunst und Wis- werth der
senschaft im Laufe der Jahrhunderte zu verfolgen, brauche ich wohl kaum hlstor'sc
° Studien.
auf den Werth des historischen Wissens mich zu berufen.
Der Rükblik in die Vergangenheit ist für Jeden Bedürfniss, dessen
Betrachtung der Gegenwart eine denkende ist. Zumal in den Wissen-
schaften ist ein wahres Verständniss unmöglich, wenn es sich nicht auf
die Einsicht gründet, wie die Wissenschaft geworden ist.
So vermag auch der Arzt den Werth und das Wesen der jezigen
Situation des technischen Wissens und Handelns nicht zu fassen, wenn
sein Studium nicht zurükgreift zu den Bewegungen und Entwiklungen,
in deren Resultaten der heutige Standpunkt unserer Kunst und Wissen-
schaft sein Fundament hat.
Die Bedeutung des historischen Studiums liegt nicht in der Gedächt-
nisseinprägung mehr oder weniger reichlicher Notizen, sondern in dem im
Stillen wirkenden Einfluss, welchen ein solches Studium auf die Correct-
heit des wissenschaftlichen Verständnisses ausübt.
Die Geschichte der Medicin hat dreierlei Obje et e, welche sich allent- objecto der
halben verbinden und aufklären und welche in der Darstellung nicht zu JGes';hlJch!*
° der Medicia.
trennen sind.
Sie hat sich zu beschäftigen mit den successiven Veränderungen, welche Geschichte der
das Verhalten der Krankheiten im Laufe der Jahrhunderte erlitten hat: Krankheiten-
Geschichte der Krankheiten. Bei Forschungen dieser Art ist jedoch
nicht zu verkennen, dass ihr sicherer Gewinn nur ein lükenhafter und
sparsamer sein, und dass nur der ängstlichste Verzicht auf gewagte
Deutungen der Worte und Descriptionen der früheren Schriftsteller vor
grobem Irrthum schüzen kann.
Sie hat weiter zur Anschauung zu bringen die Schiksale der ärzt- Geschichte der
liehen Kunst und des ärztlichen Standes, die Geschichte der ärzt- arztic en UD*
7 und des arzt-
lichen Praktiken und Maximen, die Aenderungen in den Institutionen und liehen staade*.
Wunderlich, Geschichte d. Medicin. 1
Einleitung.
Geschichte der
Wissenschaft.
Die Geschichte
der Medicin ist
ein Theil der
allgemeinen
Cokurgesehichte.
in der socialen Stellung der Aerzte, ihre im Laufe der Zeiten wechselnden
Beziehungen zu Staat und Gesellschaft überhaupt und zu den Kranken
insbesondere.
Ihre wichtigste Aufgabe aber ist, das allmälige Eindringen des mensch-
lichen Geistes in das Verständniss der complexen Verhältnisse des kranken
Körpers zu verfolgen: die Geschichte der medicinischen Wissenschaft.
Diese soll nicht antiquarischen Interessen dienen; sie darf nicht eine Samm-
lung der succedirenden Thorheiten und guten Einfälle der Aerzte sich
zur Aufgabe sezen. Nicht einmal die allmälige Aggregation von Ent-
dekungen und Erfindungen im ärztlichen Gebiete darf ihr wesentlicher
Inhalt sein. Die Geschichte der medicinischen Wissenschaft ist vielmehr
die Entwiklungsgeschichte des menschlichen Geistes, dessen eingeborener
Trieb nach Wahrheit sich nach allen Richtungen geltend macht, verfolgt
in unserem speciellen Culturgebiete. Sie hat die in sich nothwendige
Reihenfolge intellectueller Bewegungen aufzuweisen, welche dahin zielen,
aus der Masse der gegenständlichen Wahrnehmungen eine bewusste
Anschauung zu gewianen und das empirische Bemerken zum Wissen
zu erheben.
Die Geschichte der medicinischen Einsichten verflicht sich daher
aufs engste mit der Gesammtculturge schichte. Sie ist ein Glied
derselben und ergänzt diese ihrerseits. Allenthalben ist der Zusammen-
hang der Entwiklung der Medicin mit dem Gange anderer Wissenschaften
bemerklich. Nur vorübergehend und zwar ebensowohl in Zeiten des
Stillstandes als in Momenten ruckweiser intensiver Bereicherung pflegen
sich einzelne Wissensgebiete abzuschliessen. In kurzer Zeit macht sich
der gegenseitige Einfluss zwischen der einzelnen Wissenschaft und der
Gesammtbildung wieder geltend; leztere reisst die in's Stoken gerathene
Partialcultur mit sich fort, oder erhält aus dem Reichthum der vereinzelt
vorgerükten Wissenschaft befruchtende Anregungen. Daher ist die stete
Beziehung auf die Gesammtentwiklung der menschlichen Einsicht auch
bei der Betrachtung der Geschichte der speciellen medicinischen Wissen-
schaft unerlässlich.
ERSTER ABSCHNITT.
Die Medicin im hellenischen Alterthume.
Es genügt, in der Verfolgung der Anfänge unserer Wissenschaft auf
die hellenische Bildung zurükzugehen, welche sich, obwohl an der Grenze
der historischen Zeit, bereits in einer wunderbar vollendeten Harmonie
darstellt und nicht bloss als Keim, sondern als die erste gelungene
Gestaltung humaner Cultur gelten kann.
Zwar sind aus den ältesten Zeiten aller Völker bald sparsame, bald vorheiien-
reichlichere Ueberlieferungen vorhanden, welche sich auf Pflege und Aus-
übung der Heilkunst beziehen. Vor allen genoss diese bei den alten
Aegyptern (2 — 3 Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung) eines hohen
Grades von Ansehen, wurde von den höchsten Priestern und den Königen
selbst ausgeübt und zeigte schon in mancher Hinsicht eine ausgebildete
Technik (Gebrauch der Klystire , Bäder und Frictionen , methodisches
und regelmässiges Brechen und Purgiren, Beschneidung, Einbalsamiren).
Der Ruf der alten ägyptischen Aerzte wirkte noch lange nach und der
Nimbus ägyptischer Weisheit in ärztlichen Dingen vererbte sich bis in
das Mittelalter, freilich aufgefrischt durch die spätere alexandrinische
Schule. Einzelne der Kenntnisse, Fertigkeiten und Vorurtheile der alten
Aegypter verpflanzten sich in die Nachbarländer, und Hebräer und Grie-
chen haben aus den ägyptischen Mysterien geschöpft.
Vorhippocratische Medicin.
In Griechenland verlieren sich zwar die Anfänge der Medicin bis vorhippocrat-
in das sagenhafte Zeitalter. Aber die historische Zeit der Wissenschaft \se„e. e.ie
beginnt erst mit der Mitte des fünften Jahrhunderts v. Chr. iand.;
Wir finden um diese Zeit bereits eine vorgeschrittene Culturstufe in
der Heilkunst, ein ziemlich geordnetes Medicinalwesen, wohl organisirte
medicinische Schulen mit bestimmten sie unterscheidenden Doctrinen und
die Kenutniss von vielen pathologischen und therapeutischen Thatsachen.
i*
Die Medicin im hellenischen Alterthume.
Asclepiaden.
Gymnasien.
Praxis der
Einzelnen.
Die Ausübung der Heilkunst war vorzugsweise in den Händen der
Asclepiaden, der Priester der Aesculaptempel, einer theils an Familien
kastenartig geknüpften, theils aber auch durch Neueintretende sich recru-
tirenden Genossenschaft. Ihre Praxis war der Hauptsache nach eine col-
legialisch-consultatorische und die Berathungen fanden in dem Tempel
selbst statt. Zugleich waren diese Priester die anerkannten Lehrer der
Kunst : das Asclepeion war Medicinschule, meist mit sehr localer Färbung
von Doctrinen und practischen Grundsäzen. Mehre dieser Priestercolle-
gien (die von Cyrene, Rhodus, Cnidos und Cos) gewannen durch Zulauf
von Kranken und Schülern eine hervorragende Celebrität. Zumal waren
es die rivalisirenden Schulen von Cnidos und Cos, welche sich vor den
übrigen hervorthaten. Die erstere, als deren berühmtester Lehrer Eury-
phon (Zeitgenosse des Hippocrates) galt, und deren Grundsäze in den
xvCdica yvcofiai niedergelegt wurden, hatte die Tendenz einer strengen
und subtilen symptomatischen Distinction, nahm sehr zahlreiche Krank-
heitsspecies (z. B. 7 Gallenkrankheiten, 3 Tetanusformen, 12 Blasen-
krankheiten etc.) an und benuzte stark eingreifende therapeutische Pro-
ceduren (Glüheisen). Der Geist und die Praxis der Schule von Cos
dagegen fanden in Hippocrates ihren Interpreten und damit ein unver-
gängliches Ansehen.
Den Asclepeien wurde jedoch durch die Gymnasien Concurrenz
gemacht, in welchen eine Art Naturmedicin getrieben, die alimentäre
Diätetik sehr sorgfältig geprüft, Heilgymnastik freilich in der einfachsten
Weise angewandt wurde. Viele Kranke verliessen die Asclepeien und
wandten sich den Gymnasien zu und es scheint, dass allmälig die Lezteren
für die Behandlung der chronischen Krankheiten den Vorrang gewannen,
während jenen das Monopol in der Therapie der acuten blieb.
Uebrigens wurden auch Kranke in den Häusern besucht. Berühmtere
Aerzte und solche, welche es werden wollten, machten Rundreisen durch
Hellas und die Nachbarlande. Fürsten hielten sich vorübergehend oder
lebenslänglich Leibmedici und wenigstens beim spartanischen Heere waren
Aerzte dem Generalquartier attachirt.
Die Philosophen. So wurde die Praxis ausgeübt. Die Theorie wurde vornehmlich
von den Philosophen gepflegt; besonders waren es die naturphilosoph-
ischen Schulen von Grossgriechenland, dem ersten Herde griechischen
Culturlebens, in welchen philosophische und medicinische Anschauungen
Hand in Hand gingen.
Pythagoras, 540 — 500 v. Chr., behandelte selbst Kranke und legte,
den schwelgerischen Krotoniaden Massigkeit predigend, gewissermaassen
Die Philosophen. 5
die erste Grundlage zu einer Hygieine und Diätetik. Er hüllte sich jedoch
in ein geheimnissvolles Prophetenthum, unterschied die Lehre für die Ein-
geweihten seines geheimen Bundes (Esoteriker) von der für die Masse
(Exoteriker), trieb ägyptischen Mysticismus und führte die Idee von der
wunderbaren Macht der Zahlen ein, unter denen der Sieben mit ihren
Multiplen und halben Fractionen die einflussreichste Gewalt auf das Ge-
schehen in der Natur und am Menschen zugeschrieben wurde. Auch nach
seinem Sturze vom politischen und priesterlichen Schauplaz blieben die
krotonischen Aerzte noch lange in grossem Ansehen; pythagoräische
Mystik wie seine schwerverständlichen wissenschaftlichen Ideen fanden
anderthalb Jahrhunderte' später in den griechischen Schulen Eingang.
Empedocles von Agrigent (um 440), welcher gleichfalls ägyptisches
Wissen und Wesen nach Grossgriechenland brachte, soll sogar als Heil-
gott verehrt worden sein und ist der Urheber der Lehre von den vier
Elementen.
Ausser ihnen machten auch einige Philosophen des engeren Griechen-
landes (Anaxagoras, Demokrit) medicinische Fragen zum Gegenstand
ihrer Speculationen und versuchten, ihre hypothetischen Conceptionen
zur Erklärung des gesunden und kranken Lebens zu verwenden. Manches
davon drang unmerklich in die Doctrinen der Practiker ein und gestaltete
sich selbst zur geläufigen Volksansicht.
Alle Anschauungen, Kenntnisse und practischen Maximen der vor-
hippocratischen griechischen Medicin kennen wir jedoch nur aus secun-
dären Quellen. Die ohne Zweifel nicht sparsamen Aufzeichnungen der Quellen der vor-
Vorgänger und Zeitgenossen des Hippocrates sind sämmtlich verloren kp^0"*tt*chen
gegangen, und man hat Hippocrates selbst, gewiss mit Unrecht, be-
schuldigt, sie verbrannt zu haben. Selbst über eine verheerende, mit
einem pustulösen Exanthem verlaufende Seuche, welche in der Jugendzeit
des Hippocrates Athen heimsuchte (430 v. Chr.), besizen wir nur eine
immerhin vortreffliche Beschreibung eines Laien, des Thucydides.
So kommt es, dass die hippocratische Schriftensammlung als das ein-
zige Denkmal des frühesten medicinischen Alterthums mitten unter der
allgemeinen Zerstörung und neben kaum erkennbaren Trümmern um so
glänzender, unvermittelter und überraschender uns erscheint.
Hippocrates, genannt der Zweite oder der Grosse, von Cos, Sohn des
Heraclides, aus einer ärztlichen Priesterfamilie stammend, welche ihre
Abkunft auf Aesculap und Hercules zurükführte, wurde geboren um 460 Hippocrates.
und starb wahrscheinlich um 370, lebte somit in der Zeit der höchsten
Atheniensischen Blüthe, Von seinem Leben ist wenig sicheres bekannt;
6 Die Medicin im hellenischen Alterthume.
die meisten Erzählungen darüber sind mythisch und in ihrer Unmöglich-
keit oder Unwahrscheinlichkeit nachgewiesen. Nur so viel ist sicher,
dass er allseitig verehrt und hoch angesehen war, ein bewegtes Wander-
leben führte und nicht nur als Arzt, sondern auch als Lehrer wirkte.
Schriften. Zahlreiche ihm zugeschriebene Schriften sind auf uns gekommen.
Als die am wahrscheinlichsten ächten sind zu bezeichnen:
Sieben Sectionen Aphorismen, unzusammenhängende Säze, welche die
Hauptpunkte der Hippocratischen Erfahrung enthalten;
das Buch tceqI aQ^airjg Ir^TQixfjg , eine theils polemische theils doctri-
näre Abhandlung (von Vielen nicht als acht anerkannt) ;
tceqI äsQMV, vöcctwv, TOTtoov. Hinweisung auf die aus atmosphärischen
Verhältnissen, dem Wasser und der Lage der Wohnorte entspringenden
Einflüsse auf die Gesundheit der Menschen;
rtQoyvcoo'Tixov: mit zahlreichen feinen Bemerkungen;
ttsqi diaitrjg ol-swv : Polemik gegen die knidischen Sentenzen und
manche ärztliche Richtungen der Zeit überhaupt, mit genauen Angaben
über das Verhalten in acuten Krankheiten;
S7TiSr^fi/,wv to 7iQÖöTov und rb tqitov: enthält eine Mittheilung
der herrschenden Krankheiten einzelner Jahreszeiten, der epidemischen
Modificationen des Verlaufes und der Symptome nebst Erzählungen in-
dividueller Krankheitsfälle mit Tag für Tag aufgezeichneter Beobachtung,
eine Form der Ueberlieferung von klinischen Thatsachen, welche, ab-
gesehen von den nach hippocratischem Muster aufgezeichneten Mittheil-
ungen seiner nächsten Schüler und vielleicht mit der einzigen Ausnahme
des Erasistratus, fast zwei Jahrtausende lang nachher gänzlich versäumt
und vergessen wurde , während sie die heutige Wissenschaft als die un-
entbehrliche Grundlage jeder soliden Erfahrung anerkennt.
Die genannten Schriften des Hippocrates sind vielfach verstümmelt
und mit Zusäzen von Anderen verunreinigt. Ueberdem laufen eine grosse
Menge anderer Werke irrthümlich unter Hippocrates Namen. Schon
seine Söhne Thessalus und Draco, sein Schwiegersohn Polyb und einzelne
seiner Schüler zeichneten ohne Zweifel nach mündlichen Bemerkungen
manches auf, was Hippocrates selbst zugeschrieben wurde. Einzelne
suchten ihren eigenen Scripturen durch den Namen des grossen Arztes
Eingang zu verschaffen : manche derartige Erzeugnisse mögen durch
mercantile Speculation entstanden sein. Endlich haben sich Spätere
berechtigt geglaubt, ihrerseits durch willkührliche Aenderungen und durch
Zusäze die Werke des grossen Meisters zu verbessern. Heut zu Tage
ist es schwierig, den fremden und den hippocratischen Antheil nicht nur
an manchen entschieden späteren Aufzeichnungen, sondern sogar an den
Hippocrates. 7
acht hippocratischen Schriften festzustellen. Manche bei der bewunderns-
werthen Beobachtungsgabe des Hippocrates unbegreifliche Behauptungen
dürften der Fälschung und Verstümmelung seiner Schriften zugeschrieben
werden, wiewohl sicher eine andere nicht geringe Anzahl nicht zu be-
gründender Angaben durchaus nur ihm selbst zugerechnet werden muss.
Es ist nämlich bei aller Vortrefflichkeit vieler seiner Bemerkungen
nicht zu verkennen , dass zahlreiche Behauptungen von ihm nicht der
alltäglichen Erfahrung entsprechen, dass viele als ausgemacht hingestellte
Punkte nur sehr theilweise anerkannt werden können und dass viele seiner
Angaben geradezu widersinnig oder unbegreiflich erscheinen.
Es wäre irrig , Hippocrates als Schöpfer einer neuen Wissenschaft AUgemeiner
oder auch nur einer neuen Epoche einer solchen anzusehen. Er selbst arakter.
sagt: „wer die Vergangenheit wegwerfend und geringschäzend einen
„neuen Weg und ein neues Schema sucht oder gefunden zu haben glaubt,
„der betrügt oder ist betrogen" (de veteri medicina). Dagegen bewun-
dert man mit vollem Recht den Reichthum und die Feinheit seiner Be-
merkungen, die Umsicht seiner Untersuchung der Kranken und aller
beeinflussenden Verhältnisse, die Schärfe seiner practischen Schlüsse und
vor allem das sorgfältige Festhalten an der Naturbeobachtung.
Hippocrates macht kein System, er weist die Hypothesen mit Ent-
schiedenheit zurük, und wenn er auch dem Einflüsse einiger theoretischer
Anschauungen sich nicht zu entziehen vermag, so muss man bedenken,
dass dieselben damals fast als Axiome galten. Hierher gehören die
Empedokleischen Elemente (Luft, Feuer, Erde, Wasser) und Elementar-
qualitäten (kalt, warm, troken und feucht), die vier angeblichen Cardinal-
säfte des Körpers (Schleim, Blut, Galle und schwarze Galle, statt lezterer
an einzelnen Stellen der hippocratischen Schriften das Wasser), deren
richtige Mischung (Crasis) die Gesundheit voraussezt und deren Störung
nur durch einen Process (Kochung rcsxpig) wieder ausgeglichen wird;
ferner das t{i(fVTov &sq{lov des Heraklit, so wie der Träger dieser
Wärme : das nvetfict. Doch sind alle diese Vorstellungen bei Hippocrates
nicht durchschlagend. Eingehende Theorien und Erklärungen über die-
selben werden nirgends versucht. Sie mischen sich in die Darstellung,
wie selbstverständliche Voraussezungen, über die man keine Rechenschaft
zu geben braucht.
Hippocrates legt überhaupt wenig Werth auf theoretische Discussionen :
„Wenn andere bessere Erklärungen geben können, ist mirs recht, bei
„solchen Anlässen zeigt man nur die Fertigkeit seiner Zunge." Seine
Lehre und sein Handeln werden durch theoretische Annahmen nicht oder
8
Die Medicin im hellenischen Alterthume.
Anatomie and
Physiologie.
Krankennnter-
«uchung.
Semiotische
Verwerthung
nnd Kranken-
betchreibung.
wenig alterirt und bewahren sich den Charakter des schlichten, voraus-
sezungslosen Naturalismus.
Aber sein Naturalismus ist ein durchaus instinctiver und unmetho-
discher. Es kommt ihm nicht darauf an, entgegengesezte Regeln fast
neben einander zu stellen, und seinen Erfahrungssäzen liegt nur der all-
gemeine Eindruk von Reminiscenzen zugrunde, die fast nach augen-
bliklichen Stimmungen zu wechseln scheinen. Principien für die
Naturbeobachtung, welche vollständige Anerkennung und selbst
Bewunderung verdienen, stellt er zwar häufig auf; aber es fehlt viel,
dass er sie überall befolgte.
Die anatomischen Kenntnisse des Hippocrates waren in hohem Grade
dürftig und stüzen sich nirgends auf die Beobachtung einer geöffneten
menschlichen Leiche. Eben so unvollkommen waren seine Vorstellungen
von den Functionen der Theile und nur das Gröbste davon war ihm
zugänglich.
Seine Krankenuntersuchung berüksichtigt vorzüglich den Stand der
Ernährung, den Ausdruk des Antlizes und der Augen, die Coloration,
die Lage und die Bewegungen der Kranken, die Wärme und Kälte der
Körperoberfläche, die Art des Athmens, die Beschaffenheit des Unter-
leibs, die Sputa, das Erbrechen, die Faeces, den Urin, die Blutaustritte,
auffallend wenig, jedenfalls nur in ganz untergeordneter Weise, den Puls.
Die Untersuchung ist eine durchaus objective Exploration, so weit sie
durch unbewaffnete Besichtigung und Betastung zu erreichen ist. Doch
auch das Gehör wird benuzt, und die Succussion der Brust ist eine von
Hippocrates geübte Methode. Auch die Erkennung der mechanischen
Verhältnisse verborgener Organe ist ihm zugänglich : so gibt er in mehren
Fieberfällen, wahrscheinlich von intermittirendem Typus, die eingetretene
Vergrösserung der Milz und ihre Wiederabschwellung an.
Ueberall legt er ein Hauptgewicht auf das, was der Arzt zu erkennen
hat, ohne dass es der Kranke ihm sagt (de diäta acutorum). Bei allen
Zeichen aber wird auf die vorangegangenen und fortwährenden äusseren
und subjectiven Einflüsse die sorgsamste Rüksicht genommen (Prognosti-
con 2; Epidemien erstes Buch 10, und an vielen andern Stellen).
Die Verwerthung des Beobachteten zu praktischen Folgerungen ge-
schieht bei Hippocrates in mehrfacher Weise.
Häufig werden einzelne Zeichen auf einen ganz speciellen Zustand
innerer Organe bezogen, z. B. Aphor. D. 75: „Wenn man Blut oder
„Eiter urinirt, zeigt diess eine Verschwärung der Nieren oder der Blase an."
Auch ist ihm die Symptomatik einer nicht geringen Anzahl von spe-
ciellen Krankheitsformen bekannt, z. B, die Symptomatik der Phthisis,
Hippocrates. 9
der Pneumonie, mancher Gehirnkrankheiten; ja er kannte für einige
Affectionen so bestimmte Zeichen, dass er dreiste therapeutische Eingriffe
auf seine Diagnose zu gründen wagen durfte, wie z. B. die Operation des
Empyems und des Leberabscesses. Aber freilich eine scharfe Angabe
der entscheidenden Merkmale bei Krankheiten, welche wegen grösserer
Aehnlichkeit der Symptome einer Verwechslung sehr nahe lagen, fehlt
bei ihm fast gänzlich. Nachdem er z. B. (Epidemien drittes Buch 6)
angegeben hat, dass die von schwerem Causus befallenen fast die gleichen
Symptome {jtaqavcXiqaLcx) wie die Phrenitischen darbieten , wird das
Hauptgewicht nur daraufgelegt, dass jene niemals die wilde Raserei der
lezteren, sondern nur Prostration (xavacpog^) zeigen.
An mehren Stellen versucht er das Bild einer Krankheitsform im
Allgemeinen zu schildern. Man kann nicht sagen, dass diess ihm beson-
ders gelungen wäre; und es scheint bei ihm sogar als Princip gegolten
zu haben, alles das aus der Beschreibung wegzulassen, was auch ein
Laie wissen und beobachten kann. Dadurch wird die Description sehr
unvollständig und wir vermissen häufig sehr wichtige Zeichen , auch
solche, welche ihm sicher bereits zugänglich waren. Nicht nur wird die
Uebersezung seiner Diagnose in unsere jezige Kunstsprache hierdurch
zweifelhaft und oft unmöglich; sondern wir erhalten auch von einigen,
damals, wie es scheint nicht seltenen, heut zu Tage aber erloschenen
Krankheitsformen, die Hippocrates zu beschreiben unternimmt, z. B. dem
Causus (Epid. III. 6.), der scythischen Krankheit (de aere , aquis et locis)
lediglich keine deutliche Vorstellung.
Bei der Erzählung einzelner Krankheitsfälle gibt er fast niemals eine
Diagnose an. Diese Erzählungen sind sehr unvollkommen. Die in den
Epidemien enthaltene Casuistik, die nur 42 Fälle umfasst, gibt uns kaum
eine entfernte Einsicht in sein praktisches Verhalten. Häufig ist sogar
ganz unmöglich, die Form der Erkrankung aus seiner Beschreibung zu
erkennen, und die Fälle, die fast durchaus acute sind, zeichnen sich weder
durch prägnanten Verlauf, noch durch besonders wichtige Zufälle aus,
noch stellen sie die hippocratische Therapie- in ein vorteilhaftes Licht,
indem fast zwei Drittel derselben (25) tödtlich verliefen. Auch ist diese
Casuistik in einem gewissen Widerspruche mit sehr bestimmt ausgespro-
chenen Säzen an anderen Stellen seiner Schriften.
Weit mehr als zur Bestimmung der speciellen Krankheitsform, ver- Prognostische
wendet Hippocrates die Zeichen dazu, ihre individuelle Bedeutung und
ihren unmittelbaren Werth für die Prognose und die Indication fest-
zustellen. Zahlreiche Säze in den Aphorismen und im Prognosticon be-
weisen , wie er mehr als die Krankheitsform den kranken Menschen zu
Verwerthung- der
Zeichen.
10
Die Medicin im hellenischen Alterthume.
Beachtung der
Crisis.
B^aihtnng der
Aotiolopie.
beachten' sucht und wie er aus einzelnen Wahrnehmungen dessen ganze
Situation und dessen Aussichten auf Herstellung, Verschlimmerung und
Tod rasch zu bemessen verstand; z. B. ..wenn bei einem Fieberkranken
.,Schweiss entsteht, ohne dass das Fieber fällt, so verlängert sich die
„Krankheit" (Aph. D. 56.). „Wenn in Fieberkrankheiten ein zäher
„Ueberzug auf den Zähnen entsteht, so wächst das Fieber" (Aph. D. 53.).
„Eine Krankheit, bei welcher der Schlaf schlimm wirkt, ist tödtlich; er-
leichtert er, so ist sie nicht tödtlich" (Aph. B. 1.). „Schlaf und Schlaf-
losigkeit, wenn sie das Maas überschreiten, sind schlecht. Weder die
„Uebersättigung, noch der Heisshunger, noch irgend etwas, was die Natur
„überschreitet, ist gut" (Aph. B. 3 und 4.). „Wenn ein Reconvalescent
„gut isst und nicht am Leibe zunimmt, so steht es schlecht" (Aph. B. 31.).
„Kälte des Kopfes, der Hände und Füsse bei Hize des Bauchs und der
„Seiten ist schlimm" (Prognosticon 9.). „Um richtig vorhersagen zu
„lernen, wer genesen und wer sterben wird, bei wem die Krankheit
„lang, bei wem sie kurz dauern wird, muss man alle Zeichen kennen und
„ihren gegenseitigen Werth überlegen" (Prognosticon 25.).
Ein grosses Gewicht legt Hippocrates auf die spontane Entscheidung
der Krankheiten , zumal der fieberhaften , auf die Erscheinungen , welche
der Entscheidung vorangehen und welche sie begleiten, und auf die Tage,
an welchen sie erfolgt. Die Krankheiten durchlaufen zuerst eine Periode
der Rohheit (änsipia.), sodann der Kochung (nsipic); endlich entscheiden
sie sich. Unter dem Ausdruke xpiatg versteht er ebensowohl die Ent-
scheidung selbst, als die sie begleitenden und herbeiführenden Ausleer-
ungen. „Wenn das Fieber nicht am ungeraden Tage aufhört, so kehrt
„es gern zurük" (Aph. D. 61.). „Die günstigsten Fieber beendigen sich
„in vier Tagen oder früher, die schlimmsten tödten in vier Tagen oder
„früher. Diess ist das Ende des ersten Angriffs (e<podog). Die weiteren
„Abschnitte sind der 7te, Ute, 14te, 17te, 20ste u. s. f." (Prognosticon
20.). Nach Aph. D. 36. sind die Schweisse vortheilhaft am 3. 5. 7. 9.
11. 14. 17. 21. 27. 31. und 34. Tage. Doch ist zu bemerken, dass an
anderen Stellen seiner Schriften auch noch andere Tage als kritisch be-
zeichnet werden, und dass überdem die eigenen hippocratischen Kranken-
geschichten mit jenen Angaben nicht durchaus übereinstimmen.
Die sorgfältigste Berüksichtigung finden bei Hippocrates die äusseren
Influenzen und die allgemeine körperliche Beschaffenheit der Kranken.
„Wer die Heilkunde genau erforschen will" (beginnt die Abhandlung de
aere, aquis et locis), „der muss folgendermaasen verfahren: Zuerst rauss
„er die Jahreszeiten erwägen und den Einfluss, den jede derselben hat.
„Sodann hat er die Winde zu prüfen (warme und kalte Winde). Weiter
Hippocrates. 1 1
„ist es nöthig, den Einfluss des Wassers zu untersuchen. Kommt man
„also in eine unbekannte Stadt, so wird man die Lage, die Beziehung der
„Winde, die Himmelsrichtung beachten, genau das Trinkwasser prüfeu,
„die Bodenverhältnisse untersuchen, die Lebensweise der Bewohner in
„Erfahrung bringen, ob sie gern essen, trinken und ruhen, oder Leibes-
„übungen und Anstrengungen lieben und nüchtern leben." Hippocrates
verfolgt alle diese Einflüsse im genauesten Detail (sowohl in der ange-
führten Abhandlung, als in dem dritten Abschnitt der Aphorismen), wo-
bei jedoch seine Angaben mit den in unsern Climaten gemachten Erfahr-
ungen vielfach im Widersprach sind.
Nicht weniger als die äusseren Einflüsse beachtet er die Verhältnisse
des Alters, des Geschlechts, der Schwangerschaft, der Temperamente,
Constitutionen, die Gewohnheiten in ihrer Beziehung zur Erkrankung und
zu dem Verlaufe und dem Ausgange der Krankheit.
Sehr reiche Kenntnisse hatte Hippocrates ohne Zweifel von trauma- Chirurgie.
tischen Affectionen. Wenn es auch wahrscheinlich ist, dass die darüber
vorhandenen Aufzeichnungen : tisqi twv §v xsyaXrj TQav^idvcov , xav
IrjTQScov , neQt äyfiäjv , neqi ayd-QUiv , fioyrXixdq nicht von ihm selbst
niedergeschrieben sind, so gehören sie wenigstens zu den Schriften seiner
nächsten Schüler, sind unter seinem unmittelbaren Einflüsse entstanden
und die Richtigkeit vieler darin enthaltenen Säze, obwohl zum Theil
lange verkannt, ist durch die chirurgischen Beobachter der neuesten Zeit
bestätigt.
Die Therapie des Hippocrates ist im Allgemeinen vorsichtig und ver- Therapie,
meidet forcirte Eingriffe (Aph. A. 20.) , doch nach Umständen auch kek
(Aph. A. 23.). Der Grundsaz contraria contrariis findet sich bei ihm
(Aph. B. 22.). Andererseits hebt er doch auch hervor, dass Erbrechen
durch Brechmittel curirt werde.
Zunächst sind die Bemerkungen über das diätetische Verhalten in
hohem Grade fein. Dasselbe wird der Individualität angepasst und überall
wird der Constitution und den Gewohnheiten Rechnung getragen (Aph.
A. 3—19.).
In acuten Krankheiten werden während der Periode des Fiebers und
der Entzündung Nahrungsmittel gänzlich ausgeschlossen , feste Speisen
überhaupt verworfen. Dagegen wird viel Getränke gegeben, unter welchem
die Tinaävij (Gerstentrank) den Vorzug erhält, auch fxsh'xQ^vov (Honig-
wasser) und dZi'iiisXi (Gemisch von Honig und Essig) häufig zur An-
wendung kommt (de diäta acutorum). Reines Wasser wird nur zwischen-
durch zugelassen ; dagegen wird vom Wein selbst in acuten Krankheiten
unter Umständen Gebrauch gemacht (ibid. 14.). Dabei hebt er hervor,
12 Die Medicin im hellenischen Alterthume.
dass man überlegen müsse, ob eine angeordnete Diät den Kranken bis
zum Ende der Krankheit zu erhalten vermöge (Aph. A. 4.).
Vielfach werden von Hippocrates Bäder benuzt (de diäta acutorum
18.), genaue Vorschriften dafür gegeben und die Contraindicationen der-
selben sorgfältig hervorgehoben. Auch Clystire wurden von ihm in
Gebrauch gezogen. Die Anwendung der kalten und der warmen Um-
schläge wurde nicht versäumt. Die Medicamente wurden gewöhnlich in
flüssiger Form gegeben.
Ueber die Anwendung von Brech- und Laxirmitteln finden sich im
vierten Abschnitt der Aphorismen zahlreiche Regeln (1 — 20.). Offenbar
aber machte er von diesen Mitteln einen viel zu ausgedehnten Gebrauch
und namentlich das Laxiren scheint fast in jedem schweren Krankheits-
fall in Anwendung gekommen zu sein. Vielleicht ist es daraus zu er-
klären , dass in den meisten seiner Krankheitserzählungen der diar-
rhoischen Stühle Erwähnung geschieht.
Zum Laxiren bediente er sich einer grossen Menge von abgekochter
Eselsmilch, des Kohlsafts mit Salz und Honig, besonders aber auch der
unter dem Namen Helleborus zusammengefassten Mittel (wahrscheinlich
Veratrum album und Helleborus orientalis) , so wie der Euphorbia. Er
scheint dagegen die in der knidischen Schule angewandten starken Drastica
vermieden zu haben.
Ebenso sind nicht alle Emetica bekannt, welche bei ihm in Gebrauch
kamen. Warmes Wasser, warmer Sauerhonig, Ysop, Kizeln des Schlundes
waren die gewöhnlichen Mittel; doch scheinen auch noch andere an-
gewandt worden zu sein.
Als Diuretica bediente er sich der Canthariden, der Zwiebeln, der
Selleri und des reichlichen Genusses von Honigwasser.
Opium scheint er nicht angewandt zu haben, obwohl die Bekannt-
schaft mit dessen Wirkung und seinem Gebrauche zu seiner Zeit schon
sich findet.
Kupfer diente als blutstillendes Mittel.
Von Blutentziehungen scheint ein ziemlich ergiebiger Gebrauch ge-
macht worden zu sein; doch finden sich die Angaben darüber vorzugs-
weise in den Schriften von zweifelhafter Aechtheit. Die Oeffnung der
Ader geschah wo möglich in der Nachbarschaft des leidenden Theiles,
z. B. bei der Bräune an den Zungenvenen. Auch das Schröpfen wurde
vielfach geübt.
Auch eine Anzahl chirurgischer Operationen wurde von Hippocrates
geübt, zumal waren die Trepanation des Schädels und die Einrichtung der
Luxationen schon sehr ausgebildet. Das Messer wurde vielfach ange-
Hippocrates und seine Epigonen.
13
wandt; in noch höherem Ansehen aber stand die Cauterisation. Der
leztere Aphorismus lautet : „Was Medicamente nicht heilen, heilt Eisen ;
„was Eisen nicht heilt, heilt Feuer; was Feuer nicht heilt, muss als un-
heilbar bezeichnet werden."
Die Anerkennung des Hippocrates war nicht nur bei seinen Zeit- nie Anerkennung
genossen und den nächstfolgenden Generationen eine so eminente, dass bdJ ^f?t
er bereits von Plato als höchste medicinische Autorität citirt wird , dass genossen und
er der Grosse genannt wurde, dass er fast göttliche Verehrung fand, sein aG*"J&tio7en
Leben mit zahlreichen Mythen verherrlicht wurde; sondern in allen Zeiten
galt der Ausdruk hippocratische Medicin als Mittel der Empfehlung und
als anzustrebendes Ziel. Freilich ist darunter sehr Mannigfaltiges ver-
standen worden, bald einfache Empirie, bald humoralpathologische Grund-
lage, bald physiatrische Teleologie; bald war es überhaupt der Noth-
schrei geistig Abgestorbener bei dem unaufhaltsamen Vordrängen der
Zeiten. Aber so viel ist sicher, dass Hippocrates für alle Zeiten ein
Vorbild gelassen hat, wie mit wenig Mitteln eine schlichte, vorurtheils-
freie, von Hypothesen sich freihaltende Beobachtung zu einer scharfen
und vielseitigen Einsicht in die wesentlichsten Verhältnisse der Kranken
und zu einer an Hilfen reichen Pflege derselben führen kann. Dagegen
ist der Versuch einer wahrhaften Rükkehr zum Hippocratismus wenn
nicht Heuchelei, so doch gewiss ein absurdes, unmögliches Unternehmen.
Sind einmal Detailanschauungen Gemeingut geworden , so kann sich Nie-
mand mehr den aus ihnen hervorgehenden Forderungen entziehen und eine
vorgeschrittene und vielverzweigte Cultur kann niemals die naive Einfach-
heit ihres Ursprungs wiedererlangen.
Verfall der griechischen Medicin nach Hippocrates.
Nach Hippocrates' Tode trat eine grosse Regsamkeit, aber auch eine Hippoc
Umwandlung in den ärztlichen Beziehungen ein. Die Kasten- und Fa- pie°
milienmonopole fingen an, rasch zu verschwinden; die ärztlichen Ge-
nossenschaften fielen aus einander, und in die angestammten Traditionen
der Localschulen drangen fremdartige Elemente ein. Die Heilkundigen
Hessen den mönchsartigen Verband ihrer Tempel im Stich und begannen
die Schulen der Philosophen zu frequentiren. Sie entsagten nicht weniger
dem unsteten Wanderleben und Hessen sich, nachdem Republiken und
Demokratien der Fürstenherrschaft und den Satrapien zu weichen an-
fingen, bereitwillig an Höfen und bei den Grossen fixiren; oder sie ver-
teilten sich in freier Praxis in den Städten. Die Heilkunde verlor da-
durch den Nimbus der priesterlichen Unnahbarkeit ; aber sie drang dafür
rate»
nen.
14 Die Medicin im hellenischen Alterthume.
als eine profane Wissenschaft in die Volksmassen ein und war willkommen
und unentbehrlich den Mächtigen und Fürsten. Hatte dabei auch da
und dort ein Arzt für eine misslungene Cur an Leib und Leben zu büssen,
so waren solchen Gefahren die Höchsten neben dem Throne nicht weniger
ausgesezt. An den Höfen der orientalischen Fürsten so gut als bei
Alexander und seinen Nachfolgern wurden die Aerzte einflussreiche und
hochangesehene Persönlichkeiten , und die Fürsten wraren nicht nur ihre
Freunde und Gönner, sondern Manche achteten sich nicht zu hoch, ihre
Schüler zu werden und an ihren Untersuchungen Theil zu nehmen.
Aus dem Verkehr mit den Mächtigsten und Reichsten aber entsprang
für die Aerzte nicht nur die Gelegenheit, sondern auch der Geschmak für
Luxus undUeppigkeit; und bald war an die Stelle der behaglich lebenden,
aber in geistiger und leiblicher Beschränktheit sich bescheidenden Prie-
sterfamilien der Aesculapstempel ein Stand getreten, dessen Glieder
Ruhm und Reichthum zum Ziel ihrer Laufbahn sich sezen durften , die
aber auch als Mittel zu diesem Ziele sowohl, wie als Bedürfniss in der
errungenen glänzenden socialen Stellung die feinste und umfassendste
Bildung anzusehen sich gewöhnten.
Theoretische Die schlichte Naturbeobachtung entsprach dieser veränderten Situation
nicht mehr. Man bedurfte Philosophie , encyclopädische Kenntnisse,
Dialectik, Rhetorik, Gewandtheit in Sprache und Umgang, um aus der
Masse sich emporzuheben. Man musste Neues bringen, um sich in An-
sehen zu sezen und darin zu erhalten , und hatte man keine neuen That-
sachen, so erreichte man noch besser den Zwek mit neuen Worten und
Wendungen, mit blendenden Ideen und Hypothesen. Solche werden, so
lange mit ihnen der Zeitgeschmak harmonirt, als geistreich bewundert;
wenn der Geschmak sich verändert, findet man sie albern und ungeniess-
bar. Eine speculative Haltung und der Anschluss an eine der philosoph-
ischen Schulen, deren Discussionen und Partheiungen damals alles, was
geistige Bedürfnisse empfand, in Bewegung sezte, Hess erkennen, dass
man auf der Höhe seiner Zeit stehe, und vermochte auch einer medicin-
ischen Doctrin Relief zu geben.
So musste sich nach Hippocrates Tode der Sinn für einfache unbe-
fangene Naturbeobachtung rasch verlieren. Zwar die Weisheit seiner Säze
blieb noch geraume Zeit ein Gegenstand der Bewunderung und von dem
Kreise seiner nächsten Angehörigen ward seine Art und Anschauung fort-
während als Muster geachtet. Aber wenn wir sehen, wie trozdem schon
bei seinen Söhnen und nächsten Schülern theoretische Vorstellungen
maasgebend wurden, so erscheint die Verehrung des Meisters und die
principielle Festhaltung an seiner Methode mehr als ein Ausfluss der
Tendenzen.
Der Verfall der griechischen Medicin. 15
Pietät, oder bei Einzelnen selbst als wenn auch nicht völlig bewusste
und vielleicht nur instinctive Berechnung.
Bei den nächsten Nachfolgern des Hippocrates war die Theorie noch
schüchtern. Man suchte nur der gerechtfertigt erscheinenden Forderung
zu entsprechen, die Thatsachen zu erklären, benuzte dazu die bei Hippo-
crates selbst sich vorfindenden, aber von ihm nicht weiter accentuirten
Vorstellungen, schmükte sie etwas aus und vervollständigte sie, wo sie
nicht ausreichten , nach eigenem Gutdünken. Es ist jener primitiven
Periode des medicinischen Nachdenkens um so weniger zu verargen, wenn
sie an der Klippe scheiterte , welche durch alle Jahrhunderte hindurch
zahlreiche Talente zugrunderichtete, wenn sie, statt einen factischen
Besiz^ nur als Ausgangspunkt für weitere factische Eroberungen zu be-
nuzen, sich Speculatiouen über diesen Besiz hingab, wenn sie glaubte, die
Thatsachen durch willkürliche Deutung sichern und die vermeintlich todte
Empirie durch Hypothesen begeistigen zu können. Die Resignation, das
Factische auch da anzuerkennen, wo es unermittelt und imbegriffen bleibt,
wird überall erst nach theoretischen Enttäuschungen gewonnen, und die
Bereitschaft von Gründen und Erklärungen für alles Geschehen ist stets
das Merkmal des Dilettantismus und der ersten Denkversuche in den
Wissenschaften gewesen.
Aber die Bahn der Hypothesen ist eine abschüssige. Sind die ersten
harmlosen Schritte gethan, so fällt die Umkehr schwer und sie wird immer
unmöglicher, je weiter man vorgerükt ist. Die leichten Erfolge, welche
zu gewinnen sind, überraschen und entzüken zugleich; denn man ver-
gisst, wie geringe Anforderungen man an sich gestellt hat. Sie ver-
führen zur Selbstüberschäzung und zur Selbstbewunderung. Bald fängt
man an, sich das Monopol des rationellen Verfahrens zu vindiciren und
sich erhaben über Diejenigen zu dünken , welche darauf verzichten , die
straffe Logik der Thatsachen mit „Gedanken" zu befirnissen. So haben
auch jene Rationalisten (Xoyixoi) des Alterthums von der Werthlosigkeit
ihrer Phantasien , die ihr Stolz waren , und von der Verderbniss , mit der
sie die kaum gewonnenen Wahrheiten inficirten, lediglich keine Ahnung
gehabt.
Der Sohn des Hippocrates, The ssalus, Leibarzt des Königs Archelaus, Thessaius, Draco
gehörte zu diesen philosophischen Schöngeistern. Sein Bruder, Draco, und Polyb'
Leibarzt der Königin Roxane, scheint ein schlichterer Practiker gewesen
zu sein. Der Schwiegersohn des Hippocrates, Polybus, welchem viele
der unächten Schriften desselben zugeschrieben worden, wirkte ohne
Zweifel vorzugsweise als Lehrer. Mehre Enkel des Hippocrates scheinen
derselben Richtung gefolgt zu sein.
16 Die Medicin im hellenischen Alterthume.
puto und die Die Philosophie des Tages, die platonische Academie, trug we-
Academie.
sentlich dazu bei, die idealistische Richtung zu steigern und den Zusam-
menhang der immer sublimer werdenden Theorien mit dem Boden der
Erfahrung zu lokern. Plato selbst hat (vornemlich in Timäus) physio-
logische und medicinische Objecte in einer mehr poetischen, als philosoph-
ischen Weise behandelt.
Es findet sich bei ihm die erste Idee einer Autonomie der Krankheit,
d. h. derjenigen Anschauungsweise, welche die Krankheit nicht als eine
Reihe von Erscheinungen und körperlicher Zustände, sondern als etwas
für sich Existirendes, am Körper Haftendes auffasst.
Zugleich aber hat er in einer maaslosen Weise die Verhältnisse
im Körper aprioristisch oder nach den dürftigsten Kenntnissen • um-
ständlich auseinandergesezt und den umfassendsten Anfang zu einer
imaginären Naturlehre gemacht. Er gab eines der ersten Beispiele
jenes dilettantenhaften Raisonirens über factische Gegenstände, welches
so viele Philosophen in Betreff der realen Wissenschaften nicht zu unter-
drüken vermögen.
Die dogmat- Die Aerzte jener Zeit widerstanden dem Impulse, der von den grossen
ische schule, Philosophen ausging, nicht, sondern folgten mit Begierde der neuen glän-
zenden Bahn und überstürzten sich auf ihr. So bildete sich unter dem
Einflüsse der Academie eine Schule von Theoretikern, welche man die
dogmatische genannt hat. Der Materie wurde allenthalben etwas von
ihr verschiedenes und doch wieder ihr inneres Wesen und ihre Gestaltung
bedingendes Geistiges (jivevfice) als Kern und Kraft untergelegt. Die
Physiologie und Pathologie wird dabei wesentlich auf die theils wirklich
vorhandenen, theils supponirten Säfte gegründet , welche Praxago ras
bis auf 11 (süsse, homogene, glasige, saure, salpetrige, salzige, bittere,
grüne, gelbe, krazende und verstokte) brachte. Nach allen Seiten über-
bot man sich in Spizfindigkeiten, in welchen vornemlich Prodicus ex-
cellirte. Man legte grosses Gewicht auf die pythagoreische Siebenzahl-
lehre, welche auch auf die gesammte menschliche Entwiklung angewandt
wurde (Diocles von Karystos) und versuchte sich selbst schon in noso-
logischer Classification (Mnesitheos).
Doch sind auch einige reelle Fortschritte aus dieser Periode zu be-
merken. Diocles zergliederte Thierleichen und stellte Untersuchungen
über das bebrütete Ei an; Praxagoras, welcher das Gehirn noch als einen
werthlosen Anhang des Rükenmarks ansah , unterschied dagegen zum
ersten Male Venen und Arterien, leztere als lufthaltige Gefässe, so wie
die Nerven.
Dogmatiker. Aristoteles. 17
In Betreff der Krankheiten gehören besonders dem Diocles einige
gute Bemerkungen an; er fasste die Idee der symptomatischen Natur
des Fiebers, unterschied den Ascites von der Hautwassersucht (Hypo-
sarca) und leitete jenen theils von der Leber, theils von der Milz ab;
er erkannte die Gefährlichkeit des Fiebers bei Gelbsucht , die Wider-
natürlichkeit des Schweisses. Ueberhaupt hielt er sich noch von allen
Dogm atikern am meisten an die Erfahrung und warnte vor der Sucht,
alles zu erklären.
In der Therapie waren die Neuerungen unter den Hippocratischen
Epigonen besonders beliebt und wurde gegen die alten Säze vielfach
polemisirt. Diocles war auch hierin noch der Gemässigtste und hielt viel
von einer sorgfältigen Diätetik. Praxagoras beschränkte den Gebrauch
der Venäsection und verwarf sie bei Pneumonie nach dem 5. Tage ganz,
legte aber grossen Werth auf Emetica. Chrysipp von Knidos bekämpft
am meisten die hippocratische Therapie , verbannt Venäsection und Ab-
führmittel gänzlich, lässt die Kranken hungern und klystiren, findet da-
gegen grossen Nuzen von dem Gebrauche des Kohls.
Die Aufzeichnungen der hippocratischen Epigonen sind, so weit sie
nicht unter dem Namen des Meisters erschienen (wie die seiner Söhne
und seines Schwiegersohns), verloren gegangen. Wir kennen ihre An-
sichten und Lehren nur aus secundären Quellen , aus Plinius , Celsus,
namentlich aber aus Galen, Caelius Aurelianus und Oribasius. Es ist
jedoch alle Wahrscheinlichkeit dafür, dass der Verlust ihrer Schriften
nicht hoch anzuschlagen ist.
Neben der dogmatischen Schule erhob sich in kurzer Zeit eine an
Ansehen und an Verdiensten rasch wachsende Rivalin, brachte jene nicht
nur um die Alleinherrschaft, sondern wusste selbst das Uebergewicht über
sie zu erlangen.
Aristoteles, geboren 384, hatte 20 Jahre lang der Academie angehört, Aristoteles,
als er 343 als Lehrer Alexanders vom König Philipp nach Macedonien
berufen wurde. Von da kehrte er 335 mit einer selbständigen Lehre
nach Athen zurük, trug sie im Lykeion vor und wurde der Stifter der
peripatetischen Schule, die er bis zu seinem Tode (322) leitete.
Die Aristotelische Philosophie hat nicht nur die nachfolgenden griech-
ischen Medicinschulen geleitet, sondern ihre Grundsäze, wenn auch viel-
fach carrikirt, behielten die Herrschaft durch das ganze Alterthum und
Mittelalter fast 2000 Jahre lang; denn erst mitBaco hat die entschiedene
Zurükweisung der aristotelischen Lehre als Grundlage der Empirie
begonnen.
Wunderlich, Geschichte d. Median. 2
]8 Die Medicin im hellenischen Alterthmne.
Vor allem contrastirt Aristoteles gegen Plato durch die Nüchternheit
seines Denkens und seiner Sprache. Nirgends findet sich bei ihm seines
Lehrers und Vorgängers poetischer Schwung und dessen erhabener, aber
ungezügelter Gedankenflug. Er selbst tritt polemisch der platonischen
Idealistik entgegen und zeigt, dass Plato's Ideale nichts als potenzirte
Naturdinge seien, daher eine überflüssige Tautologie, die falsche
Vorstellungen hervorruft und für die Erklärung des Existirenden
unfruchtbar sei.
Aristoteles richtet den Blik mit Vorliebe auf die Mannigfaltigkeit der
Erscheinung und will durch allseitiges Beachten des Existirenden und
Realen eine allgemeine, alles Wissen umfassende Wissenschaft gründen.
Er ist Encyclopädist im weitesten Sinne und es hat niemals , so lange
Wissenschaft getrieben wird, einen so vielseitigen Forscher, einen in allen
Gebieten des Wissens so selbständigen Denker gegeben wie ihn.
Dessenungeachtet aber hat er den Verband der einzelnen Wissens-
gebiete nicht herzustellen vermocht. Diese fallen bei ihm gegen seine
Absicht aus einander. Er hat überhaupt nichts näher ausgeführt, mehr
nur Entwürfe gegeben; es fehlte ihm an Consequenz der Anschauung,
an einem wirklich leitenden Principe. Seine Wissenschaft besteht mehr
nur in einem Raisoniren über die verschiedensten Gegenstände, und die
Zusammenhanglosigkeit erschwert oft die Einsicht, wie dasselbe gemeint
sei. Daher waren allenthalben Missverständnisse nahe gelegt und be-
liebige Deutungen seiner Lehren ermöglicht.
Er geht zwar überall von dem Empirischen, Thatsächlichen aus und
knüpft seine Speculation an dasselbe an. Es ist von grosser Wichtigkeit
und bedeutendem Verdienst, dass er der logischen Operationen bei seinem
Nachdenken sich bewusst zu werden sucht, dass seine Schlüsse häufig
auf die Form eines zweifelnden Ueberlegens sich beschränken und dass
er sich mit der Erreichung von Wahrscheinlichkeitserkenntnissen begnügt.
Die Methode seines Nachdenkens ist principiell die Induction, d. h. die
Ableitung allgemeiner Säze von gegebenen Thatsachen.
Aber seine Erfahrung ist eine dürftige, seine Logik eine formelle
Sophistik, seine Wahrscheinlichkeitslehre eine Aufforderung zu frucht-
losen Wortgefechten und seine Induction eine Täuschung.
Wohl hat er zahlreiche Naturgegenstände betrachtet ; wohl hat er
viele vor ihm nicht beachtete Dinge bemerkt. Er hatte in der Botanik
und Zoologie nicht unbedeutende Kenntnisse. Er hat Thiere in grosser
Zahl zergliedert, dadurch manche Anschauungen in der Anatomie ge-
wonnen , auch hat er einige Monstrositäten beschrieben. Allein seine
Aristoteles. J9
Erfahrung besteht nur in Aufzählung von Einzelheiten , er hat für das
Wesentliche und Zufällige noch keinen Sinn. Er beschreibt ohne Ein-
sicht das Gesehene , oder aber er abstrahirt aus einer oder wenigen
Erfahrungen die allgemeinsten Geseze.
Seine Logik hat in formaler Hinsicht eine fast vollendete Ausbildung:
so dass selbst Kant erklärte, die Logik habe seit Aristoteles keinen
Schritt vorwärts und keinen rükwärts gethan. Die Denkoperationen sind
auf's genaueste analysirt; aber der Inhalt sind leere, nicht weiter unter-
suchte Begriffe. Er führt diese auf 10 Ca^egorien, d. h. Grundbegriffe
des menschlichen Vertandes, zurük, an denen das Denken ende: Einzel-
substanz (ovafu) , Grösse (noaov) , Beschaffenheit (noiov), Verhältniss
(nqoa vi), Ort {nov), Zeit (nove), Lage (xeTaSui), Haben (e/e«v), Thun
(noieiv) und Leiden (naoyuv). Er glaubt mit einer wörtlichen De-
finition das Wesen der Dinge zu erklären und täuscht, indem er mit
leeren Formeln den Mangel an Inhalt dekt.
Er hat dadurch der Sophistik , der Logomachie , gegen die er fort-
während ankämpfte, nur neue Nahrung gegeben und hat selbst dazu bei-
getragen, dass das Spiel mit Worten, welches die Sachen vergessen lässt,
auf die Spize getrieben wurde. So ordnend die strenge Form seiner
Logik hätte wirken können und so verlokend die Klarheit und Bündigkeit
derselben erscheinen musste, so konnte, wenn die Form ohne Inhalt blieb
oder über diesen gesezt wurde , die Erstarrung in den todten Begriffen
nicht ausbleiben.
An zwei gegensäzlichen Begriffen, die von Aristoteles stammen, zeigte
sich am anschaulichsten die Gefahr des Begriffunwesens.
Der eine Gegensaz ist Stoff und Form (vkrj und siSog), von ihm selbst
schon zu spizfindigen Speculationen ausgebeutet, aber noch mehr für die
ganze Folgezeit von tödtendem Einfluss.
Der andere Gegensaz ist dvva[iig (Potenzialität) und ive^ysia (Actu-
alität), jenes die Möglichkeit der Form, lezteres- die Wirklichkeit der-
selben: das Samenkorn ist potentiell der Baum, actuell wird es erst der
ausgewachsene Baum. Die spätere Folgezeit hat mit diesem an sich
unverfänglich scheinenden Begriffen den sinnlosesten und unnüzesten
Unfug getrieben.
Nicht wenig wird der Werth seiner Logik geschmälert durch das Ver-
trauen, welches er auf formell richtig scheinende Schlüsse sezt. So baut
er Syllogismen auf Syllogismen , ohne die Gegenprobe ihrer Richtigkeit
in der realen Beobachtung zu suchen und gelangt auf rein theoretischem
Wege mit einem Schein von Recht zu jeder beliebigen Behauptung.
2*
20 Die Medicin im hellenischen Alterthume.
Dieselben Vorwürfe, welche er den Sophisten machte, treffen seine eigene
Methode, und seine Logik dient weniger dazu, die Wahrheit zu suchen,
als vielmehr zur Befestigung des Irrthumes: sie war nicht bloss nuzlos,
sondern sie wirkte schädlich.
Seine Lehre von der Erkenntniss der Wahrscheinlichkeiten (Dialectik),
die er bei allen wissenschaftlichen Untersuchungen mit einzigem Aus-
schluss der mathematischen Gegenstände, welche die apodictische Me-
thode zulassen , angewandt wissen will , war ein wohlthätiger Gegensaz
gegen die absprechende Kühnheit, wie sie in der Academie und den frü-
heren philosophischen Schulen herrschte. Aber indem er in der Abwägung
der Gründe und Gegengründe ihre Behandlung feststellte, wurde ein end-
loses und pedantisches Disputirsystem eingeführt, welches bei seinen
Nachfolgern in das abgeschmakteste , spizfindigste Spiel mit Einwürfen
und Syllogismen, mit Thesen und Antithesen, ausartete.
Aber auch seine Induction ist keine wahre , sondern eine Täuschung.
Er schreitet nicht stufenweise von Beweis zu Beweis , sondern er über-
springt die Mittelglieder und greift, ohne die Kette des ursächlichen Zu-
sammenhangs untersucht zu haben, sofort nach der obersten und lezten
Ursache. Metaphysische Vorstellungen leiten und beherrschen überall
seine Naturerklärungen ; vorgefasste , halbwahre Säze nöthigen ihn zu
den unrichtigsten Deutungen des Empirischen und in seinen Schlussfol-
gerungen gelangt er selbst zu den grössten Ungereimtheiten. Da z. B.
für ihn der Mensch und zwar der ausgewachsene männliche Mensch die
vollendete Form ist, so sind alle übrigen Naturdinge nur missglükte Ver-
suche, einen männlichen Menschen hervorzubringen. Jedes weibliche
Wesen ist ihm gleich einer Missgeburt, daher stammend, dass der er-
zeugende Mann als das formende Princip nicht Kraft genug besass , ein
männliches hervorzubringen; so sind alleThiere und Pflanzen zwergartige,
entartete und misslungene Creaturen der ohne rechtes Bewusstsein und
ohne klare Einsicht arbeitenden Natur.
Ganz besonders wird seine Induction verdorben durch seine durchaus
teleologischen Voraussezungen. Die Gefahr und der Schaden der Teleo-
logie liegt nicht darin, dass man über das Ziel der Thätigkeiten der
Naturkörper Untersuchungen anstellt und dass man das organische In-
einandergreifen dieser Ziele bewundert, sondern darin, dass man sich von
irgend einer Seite her, nur nicht von der strengen und methodischen
Erfahrung, das Vorhandensein eines bestimmten Zwekes bei einem natür-
lichen Geschehen aufnöthigen lässt, und von dem Gesichtspunkte dieser
Annahme aus das Geschehene und seine Beziehungen betrachtet.
Peripatetiker. Alexandriner.
21
Aristoteles'
Einfluss auf die
Medicin.
Aristotelische
Schule.
Obwohl von Aristoteles die eigentliche Pathologie nicht bearbeitet
wurde, so finden sich doch manche Hinweisungen auf dieselbe.
Die Elementarqualitäten und dasPneuma verschwanden in der«aristo-
telischen Anschauung und ein logischer Formalismus, nach welchem die
Krankheit durch das einfache Verhältniss vom Plus und Minus, von
Uebermaass und Mangel zustandekoramt, griff Plaz. Das Blut und die
Säfte , in der dogmatischen Schule identificirt mit den Krankheiten , er-
scheinen in der aristotelischen Lehre nur als Ursachen, Veranlassungen
für Krankheiten.
Mehr noch als durch solche Einzelheiten hat A. durch seine realistische
Richtung, durch seine Grundsäze über Skepsis, durch sein Hinweisen auf
die Erfahrung als einzig sichere Grundlage für die Erkenntniss auf die
Aerzte einen nüzlichen Einfluss geübt, während andererseits sein strenger
Formalismus in der Dialectik zwar die Ausgelassenheit der Gedanken
bändigte , aber dem Wortmachen und den leeren Streitigkeiten den
grössten Vorschub gethan hat.
Seine Schüler waren grösstentheils tüchtige Männer, berühmte Prakt-
iker und mit reellen Kenntnissen wohl ausgerüstet (Kallisthenes, Deka-
karchos, Aristoxenos, Primigenes). Der bedeutendste unter ihnen war
aber Theophrastus, einer der grössten Gelehrten des Alterthums, der
nach Aristoteles das Haupt der peripatetischen Philosophenschule wurde
und bis 288 lebte. Er war nicht nur als Mathematiker ausgezeichnet
und begründete die descriptive Botanik; sondern seine medicinischen Un-
tersuchungen über den Schweiss , die Gerüche und das Eindringen der
Riechstoffe in den Körper, über Ohnmacht und Schwindel, über Lähm-
ungen hatten eine hohe Geltung. Jedoch sind von ihnen nur verstümmelte
Fragmente auf uns gekommen. Auch sein Schüler und Nachfolger in der
Leitung der peripatetischen Schule, Strato, der Physiker, war der Ver-
fasser von zahlreichen Arbeiten , von denen aber nur die Titel über-
geblieben sind.
In Aegypten herrschte seit Alexander des Grossen Tod (323) Pto- Aiexandrin-.
lemaeusl., welcher wie sein Sohn und Enkel den Wissenschaften den um- ische Schnle-
fassendsten Schuz und die reichsten Mittel zukommen Hess, und dadurch
Gelehrte und Forscher aller Art nach seiner Hauptstadt Alexandria und
an deren bald hochberühmte Universität (Museum) lokte. Hierdurch
entstand eine zweite unter dem Namen der alexandrinischen Wissen-
schaft bekannte Blüthenperiode der hellenischen Cultur.
Auch die Medicin nahm daran Theil. Hippocrates' Schriften wurden
eifrigst gesammelt, aber auch unächte untergeschoben und die ächten
22 Die Medicin im hellenischen Alterthume.
verfälscht. Zwei am Schluss des vierten Jahrhunderts v. Chr. lebende
Aerzte aber brachten die alexandrinische Schule durch ihre selbständigen
Lehren zu hohem Ansehen.
Herophiius. Herophilus, Schüler des Praxagoras und dadurch der dogmatischen
Schule , zeichnete sich durch anatomische Untersuchungen an mensch-
lichen Leichen aus , förderte die Anatomie des Auges , des Gehirns,
entdekte die Nebenhoden, die Lungenarterie, benannte den Zwölffinger-
darm. Auch hat er noch in zwei Beziehungen eine hohe Bedeutung. Er ist
nämlich der Gründer der Pulslehre {tteqI rd^scog, dza^Cag 6[ioioTi]T6g re
xul avoofiakCag) , während vor ihm der Arterienpuls gar nicht oder kaum
beachtet worden war. Zweitens hat er der medicamentösen Therapie
wesentlich Vorschub gethan. Er glaubte, alle Krankheiten werden durch
bestimmte Arzneimittel geheilt und wo man eine Krankheit nicht heilen
könne, sei nur das rechte Kraut nicht gefunden : es ist diess der Anfang
der Lehre von der specifischen Wirkung der Medicamente.
Herophiieer. Seine Schule kam erst nach seinem Tode zu Ansehen. Jedoch nur
Eudemus (290) zeichnete sich als Anatom aus. Dann gab die Schule
die anatomische Richtung ganz auf, war sehr doctrinenreich und wendete
sich mit Vorliebe derPharmacologie zu, welche durch sie zu einer grossen
Entwiklung gelangte und wobei bereits zahlreiche und verwikelte Com-
posita in Gebrauch kamen; ausserdem commentirte und critisirte man
den Hippocrates. Später (gegen den Anfang unserer Zeitrechnung) siedelte
die Schule nach Laodikea über und verlor sich in der Neronischen Zeit.
Erasistratus. Noch grössere Berühmtheit erlangte der andere Zeitgenosse: Erasi-
stratus aus Chrysipp's und Aristoteles' Schule. Auch er machte zahlreiche
Sectionen an menschlichen Leichnamen, denen selbst der König und Hof
assistirt haben soll ; auch Vivisectionen an Verbrechern sollen ihm gestattet
worden sein. Dadurch förderte er nicht nur seine anatomischen An-
schauungen überhaupt, verbesserte die Kenntnisse vom Gehirn, Herzen,
entdekte die Milchgefässe des Gekröses, sondern er machte sogar schon
einen Anfang von pathologischer Anatomie. Das Vorurtheil , dass die
Arterien lufthaltig seien, war die Grundlage seiner Pathologie. Er wollte
nichts von den Säften der Dogmatiker wissen, sondern die Krankheiten
entstanden für ihn nur aus einem Missverhältniss von Blut und Pneuma
oder von einer Verirrung derselben an unrechte Orte {naQs/nntcoaig, error
loci). Als die wichtigste Krankheitsursache bezeichnete er die Plethora
(tQocfifjg nXfjO-og), durch welche die verschiedensten Krankheitszustäude
erregt werden. Beim Fieber dringt nach ihm das Blut in die Arterien ;
bei der Entzündung, der gemeinsten Krankheitsform, ist eine heftige Auf-
Alexandriner.
23
regung des Pneuma in den Arterienenden. Er hält auf eine strenge
Diätetik und auf eine sorgsame Bereitung der Speisen; aber auch von
der Wirkung der Arzneimittel hat er eine äusserst hohe Meinung, wandte
gleichfalls höchst zusammengesezte Recepte an und wurde dadurch nebst
Herophilus gewissermaassen Gründer der Apothekerkunst. Doch glaubte
er auch an die Wirkung von Minimaldosen und schreibt einem Zusaz von
drei Tropfen Wein zum Getränke einen grossen Nuzen in der Gallenruhr
zu. Dagegen verwirft er jede Aderlässe und wendet statt derselben
Hungern und Binden der Glieder an. Noch mehr polemisirten seine Schüler
gegen die Venäsection , erklärten sie für einen Mord und brachten die
seltsamsten Gründe (z. B. man könne aus Furcht davor schon vorher
sterben) dagegen zu Tage, aber auch manche, die man in neuester Zeit
wiederholt hat.
Die Schule des Erasistratus blieb seiner Lehre ziemlich blindlings
getreu und erhielt sich als streng abgeschlossener Doctrinarismus über
mehre Jahrhunderte, ohne dass nur ein Einziger unter den Erasistrateern
durch eigene Entdekungen und Vervollkommnungen der Lehre oder auch
nur durch selbständige Bearbeitung derselben sich bemerklich gemacht
hätte. Noch zu Galen's Zeiten (Ende des zweiten Jahrhunderts n. Chr.)
fanden sich strenge Erasistrateer.
Unter den Alexandrinischen Aerzten nahm auch die Chirurgie einen
lebhaften Aufschwung und die Erfindungen in den Maschinen zur Ein-
richtung von Luxationen und Fracturen waren sehr zahlreich , complicirt,
aber auch sehr grausam, der Verband mannigfaltig und gekünstelt, die
Operationen wurden keker und dabei sorgfältiger formulirt. Auch die
Lithotomie ging aus den Händen der gewerbmässigen Steinschneider in
die der wissenschaftlich gebildeten Aerzte über.
Während die Aerzte des ganzen cultivirten Theiles der Erde sich in
wenige Secten theilten, die bei aller Differenz in den einzelnen Annahmen
die Neigung zum Theoretisiren gemein hatten und darin sich zu überbieten
suchten, zweigte sich aus der Schule des Herophilus eine neue Richtung
ab , welche die Rükkehr zur reinen Erfahrung und die Verwerfung aller
Theorie als Princip aufstellt.
Philinus von Kos, 280, gebildet durch das Studium von Hippocrates,
erhob sich gegen die geläufigen Dogmen und machte sich zur Aufgabe,
die gesammte praktische Medicin mit Ausschliessung aller Hypothesen
auf das Thatsächliche zurükzuführen. Ausser dass er diese Tendenz ver-
folgt hat und dadurch Stifter einer eigenen Schule wurde, ist nichts von
ihm auf uns gelangt.
Erasistrateer.
Chirurgie der
Alexandriner.
Empiriker.
24
Die Medicin im hellenischen Alterthume.
Serapion.
Anhänger der
empirischen
Schule.
Verfall
der Schule.
Mit mehr Lärm und mit mehr Success verfolgte Serapion aus
Alexandrien (270) dasselbe Ziel und dehnte seine Polemik, mit der er
gegen alle bestehenden Schulen eiferte , auch auf Hippocrates aus. Er
gab gute Vorschriften für die Methodik der Erfahrung. Was er aber
damit Positives gefunden , ist unbekannt. Nur weiss man , dass er mit
Arzneimitteln grossen Luxus trieb, und dass er Dinge, wie das Hirn des
Kameeis, das Herz des Hasens, die Hoden des Boks und den Koth des
Krokodills den Kranken verordnete.
Aber es gelang ihm wenigstens, Bahn zu brechen und neben den
doctrinären Richtungen der voraussezungslosen Erfahrung wieder Ansehen
zu verschaffen. Alle Autorität gering achtend wollten die Aerzte dieser
Richtung auch nicht nach dem Stifter bezeichnet sein, sondern nannten
sich Empiriker-
Freilich war diese Empirie eigentümlicher Art. Man verlangte
nicht nur die Ausschliessung jeder Philosophie, sondern erklärte auch
die anatomischen Kenntnisse, die Physiologie, die Aetiologie für nuzlos
und verderblich.
Nur die Semiotik einerseits und die Arzneimittellehre andererseits
fanden Pflege in dieser Schule, als deren vornehmste Anhänger zu be-
zeichnen sind: Glaukias (ein gemässigter Empiriker, der Hippocrates
gelten Hess, 260); Heraklides von Tarent (240) schrieb über diätet-
ische Mittel und zahlreiche medicinische und chirurgische Werke , die in
hohem Ansehen standen, aber sämmtlich verloren gegangen sind; Ni-
cander von Kolophon (138), der die Blutegel einführte und die Giftlehre
bearbeitete , ein Zweig der Pharmacologie , mit welchem , wie auch mit
anderen pharmacologischen Gegenständen, die Könige Attalus III. von
Pergamus, Mithridates der Grosse von Pontus und die Königin Kleopatra
sich eifrig und selbständig beschäftigten ; ferner Kratevas (Botaniker und
Pharmacolog, 80 v. Chr.), Zopyrus (70) und manche andere.
Die empirische Schule . erhielt sich bis in das zweite Jahrhundert
n. Chr. , verfiel aber immer mehr in Plattheit und Geistlosigkeit , be-
wegte sich in dürren Definitionen und suchte ihren Hauptruhm darin,
gegen jede Krankheit eine grosse Menge von Mitteln zu wissen. So
verlor sie sich in ein gedanken- und kritikloses Suchen nach Arznei-
mitteln, deren sie allerdings eine grosse Anzahl und darunter manche
von bleibendem Werthe (Hyoscyamus, Colchicum, Aconit) in der Heil-
kunde einbürgerte.
streit der schulen Diese verschiedenen Schulen bekämpften sich aufs lebhafteste. Die
wider einander, Empiriker warfen den Theoretikern ihre grundlosen Hypothesen vor und
Empiriker. 25
diese den ersteren die Gedankenlosigkeit ihres nach Symptomen sich
richtenden Curirens. Die Zänkereien unter den Schulen können in ihrer
Ausdehnung und Lebhaftigkeit begriffen werden, wenn man der unermüd-
lichen und angeborenen Mundfertigkeit der späteren Hellenen und der
sophistischen Ausbildung ihrer Dialectik eingedenk ist.
Bedeutendere Köpfe traten erst wieder auf, nachdem die römische
Herrschaft über Griechenland und den Orient sich ausgedehnt hatte.
Doch ist in der ganzen griechischen Periode troz aller Verirrungen
ein gewisser uneigennüziger Sinn für die "Wissenschaft, für die Erforsch-
ung der Wahrheit nicht zu verkennen.
ZWEITER ABSCHNITT.
Die Medicin unter der römischen Herrschaft.
Primitive Ueber die medicinischen Zustände in Roms früherer Periode ist wenig
us an e er ^g^ajjQ^. man weiss nur dass ft\e Svbillinischen Bücher auch ärztliche
M e d i c i n in ' ' *
Rom. Vorschriften enthielten und dass die Römer 467 v. Chr. dem Apollo
medicus und bald darauf zahlreichen Sanitäts- und Krankheitsgöttern
Tempel errichteten : der Febris , Mephitis , Cloacina , Salus , Lucina,
Fluonia , Uterina etc. , wodurch sie am sichersten hofften , deren Zorn
abzuwenden und vor und in Krankheiten und Leibesnöthen beschüzt
zu werden.
Archayathus. 219 v. Chr. kam ein griechischer Arzt, Archagathus nach Rom, der
Anfangs mit Freude aufgenommen wurde, eine öffentliche Bude und das
Bürgerrecht erhielt, sofort aber wegen seines gewaltsamen Verfahrens
mit dem Schimpfnamen Carnifex belegt und schliesslich fortgejagt wurde,
cato. Auch die Zeit nach ihm war den Trägern griechischer Bildung und
Wissenschaft und daher auch den Aerzten wenig günstig. Selbst weitere
Ausweisungen scheinen stattgefunden zu haben , - vornemlich eiferte der
alte Cato gegen sie , der schreibselig über alles, was er verstand und
nicht verstand, seine Landsleute mit einem eigenen Elaborate beschenkte,
das medicinische Dinge populär traktirte. • Dessenungeachtet mehrten
sich die griechischen Aerzte in Rom, von denen jedoch bis zum Anfange
des lezten Jahrhunderts der vorchristlichen Zeitrechnung nicht Einer eine
historische Bedeutung erlangte.
Asciepiade». Um's Jahr 90 v. Chr. trat in Rom Asclepiades auf. Seine frühere
Lebensgeschichte ist unbekannt. Rasch erlangte er das uneingeschränkteste
Ansehen, welches er durch sein kluges, sicheres, von wohlberechneter
Charlatanerie nicht freies Benehmen zu gewinnen wusste; die Erwekung
eines scheintodten Mädchens, die man im Begriffe war, auf den Scheiter-
haufen zu legen , verschaffte ihm ein blindes Vertrauen bei der Masse.
Seine philosophische und weltmännische Bildung erwarb ihm Hochachtung
Asclepiades.
27
und Freundschaft bei der Aristokratie der Intelligenz und des Reichthums
(Cicero, Crassus).
Asclepiades ging in seinen philosophischen Anschauungen von De-
mokrit und Epicur und ihrer Atomenlehre aus und bildete sich danach
ein System von mechanischen Phantasien. Die Welt und alle Dinge in
ihr dachte er sich aus groben und feinen Atomen zusammengesezt.
Zwischen sich lassen die Atome freie Räume und Kanäle (Poren) , in
denen sich selbst wieder feine Atome bewegen. Die Gesundheit besteht
in der ungehinderten und gleichmässigen Bewegung der leztern. Die
Krankheiten sind entweder bedingt durch eine Erweiterung oder Ver-
engerung der Poren , oder durch eine Stokung der Atome. Die Säfte
traten in diesem Systeme ganz in den Hintergrund. Asclepiades ist
entschiedener Feind der Humoralpathologie , auch die Crisen erkennt er
nicht an.
In anatomischen Dingen war er völliger Ignorant.
Troz der Abenteuerlichkeit seines Systems scheint er in einigen
Krankheiten ungewöhnliche Erfahrungen gehabt zu haben (z. B. in den
bösartigen Fiebern, in der Wassersucht, den Geschwüren). Noch mehr
sind ihm Verdienste in der Therapie zuzuerkennen , indem er den
üblichen Missbrauch der Medicamente bekämpfte , namentlich die
Anwendung der Emetica einschränkte und die bunten Compositionen
verwarf, dabei nicht nach dem Namen der Krankheit, sondern nach dem
individuellen Zustande des Kranken die Indicationen stellte und mehr
milde Mittel gebrauchte. In acuten Krankheiten verfuhr er fast nur ex-
spectativ, in der Behandlung chronischer soll er sehr glüklich gewesen
sein. Sein Grundsaz war: tuto, celeriter und jucunde zu heilen. Seine
Hauptmittel waren Fasten, Frictionen des Körpers, Klystire, Bäder
(auch Sturzbäder), passive und active Bewegung (Schaukeln). Venä-
sectionen wurden vielfältig angewandt und vom Wein machte er einen
ausgedehnten Gebrauch.
Seine Schriften sind fast sämmtlich verloren gegangen; nur wenige
Bruchstüke sind erhalten.
Asclepiades"
Doctrin.
Seine Praxis.
Themison von Laodicea, Schüler des Asclepiades, 50 v. Chr., wurde Tiiemisonund
der Stifter der sogenannten methodischen Schule. Die Lehre von den islche Schuie.
Poren wurde hier auf die Spize getrieben. Alle Krankheiten kommen zu
Stande, je nachdem die Poren contrahirt oder erschlafft, die Secretionen
also angehalten oder profus seien : Strictum oder Laxum , woneben aber
auch noch ein dritter Zustand vorkommen könne, das Mixtum. Die The-
rapie war demnach eine ganz roh symptomatische und äusserst einfache.
28
Die Medicin im römischen Staate.
Besserung
der socialen
Verhältnisse der
Aerzte.
Musa.
Beim Laxum mussten zusammenziehende, beim Strictum erschlaffende
und ausleerende Mittel gegeben werden.
Diese bequeme Lehre drang rasch in die allgemeine Praxis ein. Die
Theorie hatte nichts Sublimes und war daher der schwächsten Intelligenz
zugänglich; sie lokte aber auch nicht zu weiteren Speculationen und Hess
ein empirisches Verfahren neben sich Plaz greifen. So erhielt sich die
Lehre bis in die Zeit des Unterganges der Cultur.
Immerhin aber war durch Asclepiades und Themison die wissenschaft-
liche Berechtigung der Medicin zur Anerkennung gekommen. Damit ging
Hand in Hand eine wesentliche Aenderung der socialen Lage der Aerzte.
Zuvor waren die Reichen allein mit Aerzten versehen gewesen , indem
dieselben sich ihre Medicinsklaven hielten, die, wenn auch in etwas be-
vorzugter Stellung, doch immer dem Gesinde angehörten; die übrige
Praxis wurde fast durchaus von Freigelassenen oder im besten Falle von
nur geduldeten Fremden geübt.
Erst durch Julius Cäsar wurde den Aerzten eine bessere Stellung
gewährt. Dieser vermittelte nicht nur eine gründlichere Bildung, indem
er auf seinen Kriegszügen Bibliotheken und Kunstwerke nach Rom
schleppte und dort concentrirte ; sondern er begünstigte auch speciell die
Aerzte, indem er ihnen das römische Bürgerrecht ertheilte und ihre
Beschäftigung, die bis dahin eines freien Römers kaum würdig erachtet
wurde , hiedurch adelte. Freilich drängten sich bei diesen bessern Aus-
sichten auch in massenhafter Zahl rohe Empiriker und Abenteurer von
mehr als zweifelhaftem Charakter heran ; doch auch für Männer von an-
ständiger Gesinnung und Gesittung, von guter Herkunft und Erziehung
fing der ärztliche Stand an als eine würdigere Laufbahn zu erscheinen.
Wir sehen bereits zehn Jahre n. Chr. einen gebornen Römer, Aulus
Cornelius Celsus, wenn auch nur literarisch, aber immerhin mit grossem
Interesse sich der Medicin zuwenden, die er in einer überlegten, eklek-
tischen , der Hauptsache nach freilich an Asclepiades und Themison sich
anlehnenden Weise behandelte. Das Werk dieses wohlunterrichteten und
vielseitig gebildeten Literaten: de medicina, ist ein werthvolles Denkmal
der damaligen Heilkunst und überdem von klassischer Latinität. Auch
Plinius Secundus, 50 Jahre später, der* encyklopädische Bearbeiter der
Naturwissenschaften, schloss die Medicin in seine Studien ein, ohne sie
jedoch praktisch auszuüben.
Noch mehr wuchs das Ansehen der Aerzte, nachdem Antonius Musa,
ein Freigelassener und Arzt aus der Schule der Methodiker , den Kaiser
Augustus aus einer lebensgefährlichen Krankheit durch kalte Ueberschläge
Situation der Aerzte.
29
und Bäder gerettet hatte. Hiefür wurde ihm selbst die Ritterwürde ver-
liehen, eine Bildsäule gesezt, zugleich aber sämmtlichen Aerzten Befreiung
von Abgaben und Lasten für alle Zeiten gewährt. Zwar sank Musa's
Kredit , als der Neffe August's , Marcellus , bei derselben Kaltwasser-
behandlung zugrundeging; aber die Privilegien der Aerzte blieben
erhalten und stiegen unter den folgenden Kaisern durch den Einfluss der
Leibärzte , welche zum Theil eine sehr intime Stellung am Hofe ein-
nahmen, noch mehr.
Die Situation der Aerzte wurde in Kurzem eine sehr glänzende. Der
gewöhnliche Jahresgehalt des kaiserlichen Leibarztes belief sich auf
14,000 Thaler. Stertinius aber verlangte unter Kaiser Claudius 30,000,
da ihm seine Privatpraxis nicht weniger eintrage. Die Aerzte nahmen
an Zahl ungemein zu, und bereits zweigen sich die Augenärzte, Ohren-
ärzte und Zahnärzte als Specialitäten ab. Während die Aerzte früher
die Medicamente selbst bereitet hatten , fingen sie jezt an , die fertigen
Salben und sonstigen Präparate aus den Buden der Septasiarii zu ent-
nehmen. Freilich wurden dabei häufig betrügerische Präparate verab-
reicht, und der Medicamentenverkäufer oder Medicamentarius kam so in
Verruf, dass dieses Wort wegen der häufigen Fälschungen mit giftigen
Substanzen gleichbedeutend mit Giftmischer geworden ist.
Nero ernannte seinen Leibarzt zum Archiater, wodurch er eine die
übrigen Aerzte überragende Stellung erhielt. Ebenso erhielten die Städte
Oberärzte, welche den Titel Archiater popularis führten, feste Besold-
ungen hatten und „die übrigen Aerzte beaufsichtigten, arme Kranke un-
entgeltlich zu behandeln und überdem den Unterricht der Medicin Stud-
irenden zu besorgen hatten. Dessgleichen wurde jeder Legion , selbst
jeder Cohorte ein Arzt zugetheilt und in den Heeren den Kranken und
Verwundeten grosse Sorgfalt zugewendet, ohne dass jedoch vor dem
zweiten Jahrhundert wirkliche Hospitäler (Valetudinaria) eingerichtet
worden wären.
Die persönlichen Vortheile, welche die Aerzte in der ersten Kaiserzeit
allmälig errangen , waren nicht unbeträchtlich. Sie bestanden in dem
unbedingten Bürgerrecht, in der Befreiung von Abgaben und Stadtämtern,
von Kriegsdienst und Einquartirung, in exemter Gerichtsbarkeit, in dem
Recht, nicht gefänglich eingezogen zu werden, und in der höhern Grav-
irung der ihnen zugefügten Beleidigungen. Einzelne ausgezeichnete oder
begünstigte Aerzte wurden auch mit Titeln geehrt. So erhielten die Leib-
ärzte und einzelne berühmte Privatärzte die Würde des Perfectissimats
oder den Titel eines Comes zweiter oder selbst erster Ordnung, in welch'
lezterem Falle sie den Rang kaiserlicher Vicarien hatten.
Glänzende
Stellung der
Aerzte im
Kaiserreiche.
30 Die Medicin im römischen Staate.
Athenäus Die methodische Schule blieb jedoch nicht lange im Alleinbesiz der
und die römischen Arzneikunde ; vielmehr machte in der Mitte des ersten Jahr-
Pneumatiker.
hunderts ein der Stoa ergebener, in Rom berühmter Praktiker Athenäus
aus Cilicien Fronte gegen den oberflächlichen und gedankenarmen Schema-
tismus der Methodiker. Als Grund alles Seins wurde von ihm dasPneuma
angenommen. Dieses sei im Menschen als psychisches, physisches und
thierisches Pneuma vorhanden und in Krankheiten eines davon verändert.
Diese Lehre , welche man als die zweite dogmatische oder die pneumat-
ische Schule bezeichnet, wurde von Agathinus, besonders aber von Archi-
genes aus Apamea, einem gelehrten und streitsüchtigen Doctrinär, der die
Semiotik der Schmerzen und des Pulses mit vieler Spizfindigkeit ausbildete
und die Säftelehre der griechischen Dogmatiker, wenn auch modificirt durch
den Begriff der Fäulniss, in die Pathologie zurükführte, weiter entwikelt.
Eklektiker. Die Lehren der Methodiker und Pneumatiker hielten sich nicht so
getrennt, wie es die Schulen der griechischen Zeit gewesen waren. Der
eklektische Charakter der römischen Bildung brachte auch eine Mischung
der ärztlichen Doctrinen zuwege, so dass meist nur eine mehr oder weniger
grosse Hinneigung nach der einen oder andern Seite bei namhaften
Aerzten zu erkennen ist. Mancher zählt überdem sich zu einer be-
stimmten Schule , ohne irgend etwas mit ihr gemein zu haben; Andere
nannten sich Empiriker und Eklektiker , um ihre Selbständigkeit in's
Licht zu sezen , während sie oft sehr entschieden von den Vorurtheilen
einer Schule befangen waren.
Charakter der Ein acht wissenschaftlicher Sinn war überhaupt wenig zu bemerken.
Das Interesse für theoretische Probleme zumal trat in den Hintergrund,
und wenn auch noch genug gestritten wurde, so war es meist um einzelne
werthlose Hypothesen und untergeordnete Behauptungen. Die Richtung
der Zeit ging weit mehr auf's Praktische , aber in der rohesten Form.
Anpreisung von Mitteln und von Kurverfahren, Verdammung und Schmäh-
ung der gegnerischen Therapie waren die Zielpunkte der Polemik. Die
culinarische Raffinirtheit der Zeit spiegelte sich dabei auch in den Heil-
mitteln ab. Neue, möglichst complicirte und zugleich angenehme Recept-
compositionen galten für die werthvollste Erfindung und machten schnell
berühmt. Die Charlatanerie in der Ausposaunung unfehlbarer Mittel ent-
wikelte sich rasch zu einem fabelhaften Umfang. Eine feile Claque hatte
die Aufgabe, den Ruf von Mitteln und Aerzten zu verbreiten, und fand
immer wieder ein gläubiges Publikum. Die Ruchlosigkeit ging so weit,
dass man selbst durch öffentliches Anpreisen von sichern Recepten zum
Giftmord sich zu empfehlen wagte.
römischen Aerzto
im Allgemeinen.
Römische Aerzte aus dem ersten Jahrhundert.
31
Die Besseren suchten in den Schriften der alten Zeit nach Rath und
Belehrung, wobei sie sich freilich meist vergriffen, indem sie mit Begierde
von allen sich dort findenden Hypothesen und Theorien hingezogen wurden,
die sie meditirten und commentirten ; dagegen war für die reichen Ver-
mächtnisse reicher Naturbeobachtung der Mehrzahl der Sinn und das
Verständniss bereits abhanden gekommen.
Einzelne
Aerzte der
vorgalen-
ischen Zeit.
Menekrates.
Servilius
Damokrates.
Die wichtigeren Aerzte aus dieser Periode sind :
Menekrates, Leibarzt des Tiberius, verfasste eine geschäzte Dar-
stellung der Arzneimittellehre.
Philo, Verfasser eines Gedichts über Materia medica und des viel
und lange beliebten narcotischen Compositums Philonium (weisser Pfeffer,
Hyoscyamus, Petersilie, Fenchel, Daucus, Cassiaholz, Zimmt, Castoreum,
Myrrhe, Crocus, Spica indica, Zedoaria, Pyrethrum, Opium, Honig, Wein;
jede Drachme enthält gr. \lj2 Opium).
Servilius Damokrates, von Galen agiavog IcstQog genannt, ist der
Erfinder eines noch berühmtem Compositums, das bis ins 17. Jahrhundert
als Universalmittel und Gegengift angesehen wurde, des Mithridat (der-
selbe enthält: Aristolochia, Calamus, Gentiana, Bärenfenchel, Zingiber,
Dictamnus, Herba Polii montani, Herba Scordii cretici, Hypericum, rothe
Rosen, Narden, Juniperus, Pfeffer, Crocus, Agaricus , Styrax, Myrrhe,
Olibanum, Bdellium, Castoreum, Meereidechsen, Wein, Honig, Opium etc.,
ungefähr 50 verschiedene Ingredienzen).
Andromachus von Kreta, kaiserlicher Leibarzt bei Nero, erwarb Andromachns.
sich ebenfalls durch die Erfindung eines bis in die neuere Zeit ungemein
viel gebrauchten narcotisch-aromatischen Compositums, des Therjak, mit
70 bis 80 Ingredienzen einen grossen Ruf.
Wichtiger als diese ist Pedacius Dioskorides, wahrscheinlich ein Dioskonde».
Militärarzt, der um dieselbe Zeit lebte und der Hauptschriftsteller über
Materia medica für die römische Zeit, so wie die erste Autorität in
Botanik und Arzneimittellehre durch das ganze Mittelalter gewesen ist.
Er beschreibt alle Arzneistoffe aus den drei Reichen einfach und klar und
gewissermaassen in populärer Weise ; doch erschwert die in der Folgezeit
gänzlich veränderte und vielfach verwirrte Terminologie die Einsicht in
seine Benennungen.
Vectius Valens, Leibarzt des Kaisers Claudius und mehr bekannt veetius Valens
durch sein adulterisches Verhältniss mit der Kaiserin Messaline, als durch
seine ärztlichen Leistungen , von denen nur eine Eintheilung der Hals-
entzündungen durch ein Citat des Cölius Aurelianus sich erhalten hat.
32
Die Medicin im römischen Staate.
Scribonius
Largus.
Tbessalus.
philumenos.
Soranus.
Ruf as.
Marinas und
Quintus.
Aretäus.
Scribonius Largus, aus gleicher Zeit, hinterliess absurde pharma-
ceutische Vorschriften, scheint aber der Erste gewesen zu sein , welcher
mittels Auflegens eines Zitterrochens die Elektricität bei Kopfschmerzen
verwendete.
Eine mindestens ephemere Berühmtheit erlangte Thessalus von
Tralles (60 n. Chr.), ein roher, ungebildeter Mensch, der aber durch
Brutalität gegen Collegen, durch Nachgiebigkeit gegen die Launen der
Kranken und durch serviles "Wesen gegen Grosse und Mächtige sich eine
immense Praxis verschaffte. Er gab sich für einen grossen Reformator
aus , nannte sich Jatronikes , coquettirte mit Verachtung aller früheren
und gleichzeitigen Aerzte , verwarf alle Vorstudien und versprach , durch
seinen Unterricht in einem halben Jahre jeden Ignoranten zum tüchtigen
Arzt zu machen. Ein Haufe gemeiner Gesellen war seine Claque, welche
überall seinen Ruf auszuposaunen hatte, und der Erfolg beim Publikum
Hess nichts zu wünschen übrig. Begreiflich fehlte es ihm nicht an prakt-
ischem Geschik und einzelne brauchbare Erfahrungen mag er gemacht
haben; seine theoretischen Anschauungen aber waren wesentlich die der
Methodiker, denen er nur einige unklare Redensarten zuzufügen wusste.
Von ihm rührt die Idee her, dass in chronischen Krankheiten der Körper
umgeändert werden müsse, was er Metasyncrisis (Recorporatio) nannte
und durch Nahrungsentziehung und darauf folgende Bäder, Salben, Haut-
reize, Brechmittel und scharfe Substanzen zu erreichen suchte. Endlich
wird ihm die Einrichtung einer Art ambulatorischer Klinik zugeschrieben.
Gewissenhaftere Männer waren :
der zur Eklektik sich hinneigende Methodiker Philumenos (80 n.
Chr.), .der als Beobachter gerühmt wird und sich vorzüglich mit Augen-
heilkunde und Geburtshilfe beschäftigte, welche leztere zuvor nur in den
Händen der Hebammen gewesen war.
Soranus der Aeltere vonEphesus (100 n.Chr.), einer der tüchtigsten
Methodiker, ein sorgfältiger systematischer Compilator in anatomischem,
medicinischem, wie chemischem und geburtshilflichem Gebiete, jedoch
mit der Selbständigkeit eines erfahrenen Arztes.
Rufus, sein Landsmann und Zeitgenosse, war anatomischer Compi-
lator, aber zugleich auch selbständiger Forscher. Er verlegte in die
Nerven sämmtliche Körperfunctionen; auch bearbeitete er die Arznei-
mittellehre.
Noch umfassender und selbständiger waren die Arbeiten des Marinus
(ebenfalls 100 v. Chr.) und seines Schülers Quintus in der Anatomie.
In der Krankenbeschreibung lieferte ungefähr zur selben Zeit Aretäus
von Kappadocien, der pneumatischen Schule angehörig, eine Darstellung
Römische Aerzte aus dem zweiten Jahrhundert.
33
von bis dahin nicht dagewesener und auch später lange Zeit nicht erreichter
Vollständigkeit und Klarheit (de causis et signis acutorum et diuturnorum
niorborum libri IV.), und ein zweites, ebenfalls sehr werthvolles thera-
peutisches Lehrbuch (de curatione acutorum et diuturnorum morborum).
Beide sind zum grossen Theil erhalten und gehören zu den schäzens-
werthesten Denkmälern des medicinischen Alterthums.
Im Gegensaz zu Aretäus' schlichter und naturgetreuer Darstellung
verlor sich Cassius (mit dem Beinamen der latrosophist) in meist sehr
spizfindige theoretische Deductionen und Expirationen , ganz in jener so
häufig für Rationalität ausgegebenen Art, welche für alle Fragen schlag-
fertig zu antworten weiss und für alle verborgenen Dinge Gründe aus der
Analogie oder aus einem elastisch sich anpassenden Hypothesengewebe
bereit hält. Seine Schrift naturales et medicinales quaestiones LXXXIV
circa hominis naturam et morbos aliquot ist uns erhalten und zeugt von
seinem Scharfsinn, nuzlose und müssige Fragen aufzuwerfen.
Ums Jahr 120 beobachtete der Pneumatiker Herodot eine anstekende
variolartige Krankheit und Posidonius aus derselben Schule legte eine
von Späteren viel ausgebrütete Grundlage zu einer Nervenpathologie.
Magnus von Ephesus (165), Palastarzt beim Kaiser Marcus
Aurelius , versuchte die Entdekungen in der Medicin seit Themison zu
sammeln.
Cassius
Herodot
und Posidonius.
Magnus.
Keiner von allen Aerzten der römischen Zeit aber erlangte eine so
welthistorische Berühmtheit und eine so dauernde Autorität als der Per-
gamese Claudius Galenus.
Geboren 131, erhielt er eine sorgfältige Erziehung, studirte Philo-
sophie und Medicin in seiner Vaterstadt, in Smyrna, Corinth und Alexan-
drien und verwendete namentlich grossen Fleiss auf die Anatomie. Mit
28 Jahren wurde er in Pergamus als Gladiatorenarzt angestellt und blieb
es bis 164. Nachdem er sodann nach Rom übergesiedelt hatte, scheint
er die Praxis nur nebenher betrieben und mit seinen römischen Collegen
nicht im besten Einvernehmen gestanden zuhaben. Dagegen verkehrte er
viel mit Philosophen und vornehmen Römern und hielt öffentliche physiolo-
gische Vorträge, die eine Zeit lang bei der Aristokratie sehr beliebt waren,
später wegen Misshelligkeiten mit den Aerzten aufgegeben werden mussten.
Erverliess daher wieder Rom, bereiste Italien und zog sich nach Pergamus
zurük (169), wurde jedoch schon im folgenden Jahre zu den Kaisern
Marcus Aurelius und Lucius Verus zurükberufen und blieb, als Lezterer
an der herrschenden Pest (Antoninischer Pest) gestorben und Ersterer
Wunderlich, Geschichte d. Medicin. 3
Cl. Galenna.
34
Die Medicin im römischen Staate.
Literarische
Thätig-keit.
Allgemeiner
Character.
Anatomie
dos Galen.
zum Heere nach Deutschland abgegangen war, als Leibarzt des Thron-
folgers (Commodus) in Rom. Hier hielt er aufs Neue Vorlesungen,
beschäftigte sich mit seinen ungemein umfassenden literarischen Arbeiten
und starb um das Jahr 200.
Galen war der schreibseligste unter allen Aerzten, welche je gelebt
haben und er scheint schon als Knabe angefangen zu haben, literarisch
thätig zu sein. Man berechnet die Zahl seiner Abhandlungen und Werke
auf nahezu 400, zum Theil von grossem Umfang. Ueber 100 davon waren
philosophischen, mathematischen, grammatischen und juridischen Inhalts :
sie sind sämmtlich verloren gegangen. Ebenso wissen wir von vielen
seiner verlorenen medicinischen Werke nur den Titel, andere sind noch
ungedrukt und steken als Manuscripte in den Bibliotheken; manche sind
nur Fragmente. Aber immer bleiben noch über 100 Schriften übrig,
welche sich über alle Theile der Anatomie , Physiologie und der übrigen
damals bekannten medicinischen Disciplinen verbreiten. Daneben existirt
noch ein halbes Hundert in ihrer Autorschaft zweifelhafter oder ent-
schieden irrthümlich ihm zugeschriebener W7erke.
Seine Darstellung ist weitschweifig, incorrect und überall erkennt man
die Raschheit der Ausarbeitung und das Sichgehenlassen des Autors.
Auch finden sich viele Widersprüche in seinen Schriften und eine nicht
geringe Selbstgefälligkeit macht sich breit. Doch ist ein wesentlicher
Unterschied zwischen den Elaboraten seiner frühern und seiner reiferen
Periode.
Galen war ein Polyhistor von staunenerregender Gelehrsamkeit, ein
unermüdlicher C'ompilator, kundig in allen Wissenschaften und in allen
Schulen. Viele der Ansichten seiner Vorgänger kennen wir lediglich nur
aus seinen Relationen. Allein er war zugleich ein Mann von grossem
analytischem Scharfsinn und von gesunder Kritik. Er hatte viel selbst
gesehen, selbst untersucht und vor allem hatte er ein ungewöhnliches
Talent für Dialektik und für formale Systematisirung (Dreitheilung) und
die unverkennbare Tendenz, den classischen Gräcismus mit Bereicherung
aller seitherigen Entdekungen zu restituiren. In der That glükte es ihm,
an die Stelle der medicinischen Anarchie eine Richtschnur zu sezen, die
zu einer unerhörten und unumschränkten Herrschaft gelangte, an der man
nach fast anderthalb Jahrtausenden erst einige Zweifel sich erlaubte und
die auch heute noch ihren , wenn auch meist nicht anerkannten Ein-
fluss ausübt.
Die anatomischen Kenntnisse Galen's waren theils den Schriften des
Herophilus und des Erasistratus entlehnt, theils durch eigene Dissectionen,
welche er in grosser Anzahl an Affen vornahm, erworben. Sectionen
Galen.
35
menschlicher Leichen zu machen, war längst nicht mehr möglich und jenes
Zeitalter, welches Tausende von Leben den Launen und einem brutalen
Vergnügen opferte, wagte nicht, einen Todten für die Wissenschaft zu
benuzen. Ein einziges Mal in Marc Aurel's deutschem Kriege secirteu
die Aerzte den Leichnam eines Menschen, kamen aber nicht über die Lage
der Eingeweide hinaus. Galen weiss von den meisten Organen des
Körpers (Nerven, Herz, Gefässe) ; doch sind seine Vorstellungen von
denselben in hohem Grade unvollkommen und häufig ganz irrig. Nichts-
destoweniger blieben seine Schriften ein Jahrtausend lang die einzige Quelle
für den Bau des menschlichen Körpers und nur mit Mühe und Widerstand
wurde seine Autorität durch die directe Forschung überwunden.
Galen's Physiologie beschäftigt sich mit den Grundkräften und Ele-
menten des Organismus und mit den Functionen der einzelnen Theile.
In ersterer Beziehung ist alles Vorgebrachte reinste Hypothese oder viel-
mehr eine Sammlung der verschiedenen Schulansichten. Das Pneuma, als
innerster Grund und als Vermittler der Einheit des Organismus , aber in
dreitheiliger Spaltung (nvev^ia tpv%ixov mit dem Siz im Gehirn, nvsvfia
£coTix6v mit dem Siz im Herzen, und nvevftcc (pvaixov mit dem Siz in der
Leber, von welchen Nerven, Arterien und Venen ihre Spvafiig erhalten
und neben welchen noch allen Vorgängen: Zeugung, Wachsthum, Er-
nährung, Absonderung, Retention und Expulsion besondere Kräfte zuge-
dacht werden), die 4 Cardinalsäfte (Blut, Galle, schwarze Galle und
Schleim) und die Elementarqualitäten (warm, kalt, feucht und troken)
vertragen sich in diesem eclectischen System, von dem nur die atomist-
ische Lehre der Methodiker ausgeschlossen bleibt. In der speciellen
Physiologie der Functionen der einzelnen Organe dagegen finden sich viele
factische Angaben , und Experimente an lebenden Thieren mit sorgsamer
Meditation haben ihm umfassende Einsichten in den thierischen Haushalt
verschafft; freilich sind auch viele teleologische Hypothesen mit unter-
gelaufen.
In der Pathologie herrschen bei Galen Definitionen und Eintheil-
ungen vor. Die Gesundheit besteht nach ihm in der Harmonie und
Sympathie der Theile, der Säfte und der Kräfte, die Krankheit in deren
widernatürlichen Verhältnissen. Zwischen beiden finde sich keine strenge
Grenze. *
Die Krankheiten zerfällt Galen sehr glüklich in drei Klassen :
in die der gleichartigen Theile, Gewebe, yh'og öfioiofiegeg , theils
mechanische Störungen (Krankheiten mit Zusammenziehung und Er-
schlaffung), theils solche mit vorwaltender Wärme, Kälte, Feuchtigkeit
und Trokenheit ;
Galen's
Physiologie.
Galen's
Pathologie.
36 Die Medicin im römischen Staate.
in die organischen Krankheiten, yevog oqyavtxbv, welche sich auf Ver-
änderung des Baues, der Zahl, der Grösse, der Lage, des Zusammen-
hangs beziehen (Localpathologie);
und in die Krankheiten des Ganzen oder der Elementartheile (Schleim,
Blut, gelbe Galle, schwarze Galle) : Constitutionspathologie, ysvog andv-
T(OV XOLVOV.
Er unterscheidet dabei begrifflich zwischen SidO-eaic, widernatürlichem
Zustand (theils Krankheitsursache, theils Symptom, theils wirkliche
Krankheit), Tidd-og (die Wirkung einer schädlichen Ursache) und voaog
(die Krankheit im Gegensaz zur Gesundheit). Neben diesen unterscheidet
er noch die Symptome oder Epigenemata.
Das Fieber ist dem Galen wesentlich eine widernatürliche Temperatur.
Die Verschiedenheit der Fieber hänge von dem Grade und dem Size der
abnormen Wärme ab, indem diese im Herzen und den übi igen Festtheilen,
oder in den Säften, oder im Luftgeist sizen könne. Im erstem Fall sei
es Ephemera, in den übrigen Fäulniss ; eine Ansicht, welche 15 Jahr-
hunderte lang die herrschende geblieben ist.
Der Puls liefert die Zeichen für den Zustand des Pneuma zotikon.
Er ist eine Bewegung des Herzens und der Arterien, welche die Wärme
unterhält. Die Bewegung zerfällt in die Diastole und Systole; beide
hält Galen für activ. Neben beiden ist die Pause (die Ruhe). Die ein-
zelnen Pulsarten werden mit grosser logischer Schärfe, aber auch mit
grosser Spizfindigkeit unterschieden und die Procedur des Pulsfühlens wird
genau beschrieben.
Ueberall spielen in Galen's Pathologie die Cardinalsäfte und die krank-
machenden Stoffe die wesentlichste Rolle. Der Typus der Krankheiten,
vornehmlich der fieberhaften, wird eindringlich hervorgerufen, die Krisen-
lehre und die Lehre von den kritischen Tagen bis ins Kleinste ausgedehnt.
Die Symptome , welche ihm zugänglich waren , analysirt er in der ein-
gehendsten und minutiösesten Weise.
Arzneimittel und Die Arzneimittel sind bei Galen sehr mannigfaltig, und auch auf sie
Therapie. wurde die Neigung zu überfeinen Distinctionen angewandt.
Die Therapie ist im Allgemeinen eine eklektische und verwirft keine
der frühern Hauptmethoden, doch ist ihr oberster Grundsaz das Contraria
contrariis und die Austreibung der Materia peccans. Auch bestrebt sich
Galen, strenge Indicationen zu finden.
EinAuss Gaien's. Der Einfluss des Galenismus war immens. Nicht nur wurden seine
positiven Angaben wie seine Hypothesen als unantastbare Wahrheiten
von den spätem Aerzten angesehen, und kein nachfolgendes System war
Nachgalenische Zeit.
37
im Stande, ihn vollständig zu verdrängen ; sondern seine Ansichten und
seine Terminologie sind allmälig vollständig ins Volk übergegangen und
haben sich grösstenteils in demselben erhalten. Diesen grossen Erfolg
hat Galen zum Theil seinem wirklichen Scharfsinn, seinen umfassenden
Kenntnissen, dem Reichthum von vorgebrachten Thatsachen und der Ein-
dringlichkeit seines Vortrags zu danken ; zum Theil aber auch liegt der
Grund darin, dass die Galen'sche Lehre das lezte compacte wissenschaft-
liche System vor dem Verfall der Medicin gewesen ist.
Jahrhunderts.
Von den Aerzten der nachgalen'schen Zeit bis zum Untergang der Nach-
antiken Cultur ist wenig Erfreuliches zu berichten. ea 2eit°
Die Besten unter ihnen waren eklektische Empiriker und Reproductoren
ihrer Vorgänger.
Es können genannt werden
aus dem 3. Jahrhundert S e x t u s Empiricus, weniger durch seine wissen- Aerzte des dritten
schaftlichen Leistungen, als durch seine unbedingte Skepsis bekannt;
Cölius Aurelianus, ein Compilator von massigem Verdienst, der die An-
sichten des altern Soranus reproducirte ; Soranus der Jüngere, Bearbeiter
der Geburtshilfe; Moschion, Verfasser des ersten Hebammenbuchs;
Antyllus, Erfinder der Staaroperation.
Im 4. Jahrhundert lebte Oribasius, Leibarzt des Kaisers Julian,
ein Sammler der Schriften der Alten und von glüklichem practischen
Instincte. Seine 2vvayojyal lax^ixcd (Medicina collecta) sind als werth-
volle Compilation anzusehen, aus welchen er für seinen Sohn Eustachius
einen Auszug als Grundriss (avvoipig) bearbeitete.
Im 5. Jahrhundert machte sich bemerklich Jacobus mit dem Bei-
namen Soter, den man den Phidias der Heilkunst nannte, von dem aber
nichts bekannt ist, als dass er ein kühlendes Verfahren den damals be-
liebten Reizmitteln vorzog, daher er auch Psychrestus genannt wurde.
In den Kämpfen des 6. Jahrhunderts ging im weströmischen Reiche
die bereits aufs äusserste entartete Wissenschaft ihrer völligen Auflösung
entgegen. Selbst aus der Praxis fingen die Aerzte an zu verschwinden
und Mönche und Zauberer traten an ihre Stelle. Nur ein bedeutender
und durch Selbständigkeit hervorragender Arzt ist aus dieser spätesten
römischen Zeit zu nennen: Alexander von Tralles, welcher in seinen
Blßfact iccTQixa övoxai'öexcc die Pathologie topographisch vom Kopf bis
zu den Zehen (mit dem Kopfschmerz beginnend und beim Podagra endend)
und schliesslich noch die Lehre vom Fieber abhandelte, sich ziemlich frei
von dem Aberglauben seiner Zeit hielt, manche treffliche Bemerkungen
Jacobus Soter.
Alexander
von Tralles.
38 Die Medicin im römischen Staate.
vorzüglich über topische Störungen (z. B. des Darmkanals) machte. Er
ist im Anfang der Erkrankungen für eine energische und abschneidende
Therapie, verlangt aber, bei der Behandlung überall den Gesammtzustand
des Kranken mehr als das einzelne Symptom zu beachten. Eine Hel-
minthologie, welche ihm zugeschrieben wird, handelt ziemlich vollständig
die Eingeweidewürmer ab.
AetiusvonAmida. Etwas mehr wissenschaftliche Thätigkeit erhielt sich in dem oströmi-
schen Reiche. Aetius von Amida, Coraes obsequii in der Leibgarde
zu Constantinopel (540) , machte eine Sammlung von Excerpten aus
medicinischen Werken, und obwohl durchdrungen vom Glauben an Wunder
und von der Wirkung der Beschwörungen und dem unmittelbaren göttlichen
Einfluss auf die Arzneimittel (tovto tb (paqfictxov [leycc iarl xvqlov f[(iwv
fivaziqQiov) ist er immerhin ein verhältnissmässig guter Beobachter.
Auch in Alexandrien zeigten sich da und dort noch hervorragendere
Männer, wie z. B. Palladius, welche jedoch grösstenteils in iatrosophi-
stischer Weise medicinische Fragen behandelten, bis im 7. Jahrhundert
durch die Saracenen, welche Egypten eroberten, die Universität Alexan-
drien vernichtet und dadurch dieser wichtige Herd, an dem die Kultur
noch gepflegt worden war, zerstört wurde.
Theophüus. Im 7. Jahrhundert zeichnete sich Theophil us von Constantinopel,
Protospatharius des Kaisers Heraclius, aus. Er war nicht nur Verehrer
des Hippocrates und Galen, sondern auch selbständiger Forscher in ana-
tomischem und physiologischem Gebiete. Er entdekte die Geruchsnerven,
war jedoch einer phantastischen Teleologie ergeben und in der Semiotik
der Krankheiten unklar und dürftig.
Paul von Aegina. Paul von Aegina, ungefähr zur selben Zeit, war ein geschikter Chirurg
und Geburtshelfer und wurde in diesen Gebieten Autorität für das ganze
Mittelalter. Er erfand das Speculum vaginae und war Herausgeber eines
verhältnissmässig kurzen Compendiums über die gesammte Medicin
{sTtuo^g ßißXiu enra.)
Theophanes Theophanes Nonnus war ein Sammler und Excerpist aus dem 10.
Michael Pseiius. Jahrhundert; Michael Psellus ein gelehrter und denkender Encyklopäde
des 11. Jahrhunderts, der aber bald durch seine eigenen ausgearteten
Schüler und ihre Sophistik beseitigt wurde.
character der Diese wenigen Namen verdienen unter der zahllosen Menge von
nachp!ܰiSchen Aerzten, welche ein halbes Jahrtausend hindurch in dem unermesslichen
römischen Reiche wirkten, eine rühmende Erwähnung. Die unendliche
Mehrzahl ging, ohne Spuren zu hinterlassen, dem Gewinn der handwerk-
mässig betriebeneu Beschäftigung nach. Die ärztliche Thätigkeit bestand
Praxis.
Nachgalenische Zeit.
39
in einer völlig gedankenlosen Anwendung zahlreicher, als Heilmittel em-
pfohlener Mittel. Als Erfahrung, Empirie, galt die blinde Annahme jeder
Art von Aberglauben und Unsinn. Nicht nur aller denkbare Koth und
Unrath wurde als Arzneimittel gebraucht, sondern die Beschwörungen
der Krankheiten und die Heilungen durch Sprüche und magische Namen,
die sympathetischen Curen, die Amulete und Zauberformeln wurden von
den Aerzten theils selbst geübt, theils ihre Wirksamkeit wenigstens be-
dingungsweise anerkannt. Mit hebräischen und chaldäischen Namen
wurden viele Heilungen bewirkt; besonders waren die Worte Sabaoth und
Adonai wirksam. Arabische Sprüche waren gleichfalls sehr beliebt bei
den Curen, und gewöhnliche Mittel erhielten durch geheimnissvolle Be-
sprechung jhre Kraft. Oft waren die heilsamen Worte gar keiner be-
kannten Sprache entlehnt, aber sie dienten nichtsdestoweniger, fremde
Körper aus dem Fleische zu ziehen und Sterbende zum Leben zurükzu-
führen. Je fremdartiger die Worte, um so wirksamer und erwünschter.
Schon Galen beklagt sich, dass viele Aerzte nur Arzneimitteln mit egyp-
tischen oder babylonischen Namen Vertrauen schenken. Besonders aber
galt es, die Dämonen, die als Ursache aller Krankheiten angesehen wurden,
zu beschwören, und nicht nur Amulete sollten vor ihnen schüzen, sondern
zahllose Zauberformeln dienten zu ihrer Austreibung. Für jedes Symptom
hatte man einen eigenen Exorcismus, und jeder neu auftretende Schwindler
bedurfte auch neuer Formeln und Zeichen.
Und doch hätte es den Aerzten keineswegs an Material der Beobachtung
und des Nachdenkens gefehlt. Mehrere pestartige Krankheiten wütheten
in wiederholten Umzügen: die sogenannte Pest des Cyprian (255 — 265),
die Seuchen von 312, 455 und 543 (Pest des Justinian), die Blattern;
doch dieser Krankheiten geschieht bei den ärztlichen Schriftstellern fast
nicht die leiseste Erwähnung.
Zu Erfahrungen in der Chirurgie war durch die ewigen Kriege die
reichste Gelegenheit gegeben; aber die Aerzte zeigten keinen Eifer, sie zu
benüzen. Kaiser Mauritius (am Ende des 6. Jahrhunderts) ordnete einen
wohl organisirten Felddienst für die Blessirten an ; der Aerzte wird dabei
gar nicht gedacht.
Die christliche Bruderliebe führte im 4. und 5. Jahrhundert Kranken-
häuser ein, welche schon im 6. zahlreich wurden und eine sorgfältige Ein-
richtung und Ausstattung für die Pflege der Kranken und Gebrechlichen
erhielten. Aber die Aerzte waren von ihnen ausgeschlossen und die
Heilung wurde von Mönchen mittelst Gebet, Magie und rohester Er-
fahrung besorgt.
Zwar zeigten viele unter den Aerzten noch ein geistiges Bedürfnis, iatrosophistik
Epidemische
Krankheiten.
Chirurgie.
Krankenhäuser.
40
Die Medicin im römischen Staate.
aber es befriedigte sich entweder in sophistischen Spizfindigkeiten und
dialectischen Wortklaubereien, was die Iatrosophisten Medicina rationalis
nannten und wobei sie die Brutalität ihres scheinbaren Rationalismus ver-
geblich durch die Maasslosigkeit ihrer Subtilitätensucht verdekten; oder
es erging sich in mystisch-dogmatischem Grübeln nach der Weise der
neuen platonischen und neupythagoräischen Philosophenschulen.
Schon fing man an, selbst diese theoretischen Phantasien nicht mehr
an die eigene Betrachtung der Natur anzuknüpfen, sondern die über-
kommenen Aufzeichnungen des Hippocrates und späterer Schriftsteller,
namentlich Galen's, als Forschungsobjecte anzusehen, wobei man grössten-
teils nur mit den dort niedergelegten Hypothesen commentirend sich
beschäftigte. An medicinischer Literatur war Ueberfiuss, .Mund- und
Schreibfertigkeit ohne Beispiel; aber niemals ist, so lange in der Welt
geistige Arbeit geschieht, bei so viel Geschäftigkeit so wenig zu Stande
gekommen.
Der
Process des
Ve rfalls der
römischen
Medicin
und seine
Ursachen.
Lage der
Civüisation
und des
Gemeinwesens.
Der Process eines so rapiden Verfalls, in den schon vor Galen die
Heilwissenschaft eingetreten war und in dem sie unaufhaltsame Fort-
schritte machte, bis sie in gänzlicher Auflösung durch die Barbarei des
Mittelalters endigte, ist interessant genug.
Er wikelte sich ab, lange ehe die Repräsentanten des Standes
in der allgemeinen Verwirrung verschwanden, ja während sie durch
Zahl und äussern Glanz wie in keiner frühern noch spätem Zeit be-
günstigt waren.
Es liegt nahe, diese Degeneration der medicinischen Wissenschaft mit
dem Verfall des römischen Staates selbst in Verbindung zu bringen, sie
als ein Moment der Zersezung der gesammten antiken Civüisation zu be-
trachten. Indessen ist nicht zu verkennen, dass die Beziehungen zwischen
dem Ganzen der Sitte und Cultur und zwischen der einzelnen Wissen-
schaft damals nicht so unmittelbar gewesen sind.
Die Entartung in der Medicin trat ein , lange ehe die vernichtenden
Stürme über die civilisirte Welt hereinbrachen. Man könnte geneigt sein,
jene als Vorboten dieser anzusehen und zu behaupten, dass ein Zeitalter,
dem der Sinn für Naturforschung abhanden gekommen ist, für Untergang
oder Umwälzung reif sei.
Auch die sittliche Verworfenheit, durch welche die römische Kaiser-
zeit verrufen ist, kann nicht als wesentlicher Grund der wissenschaftlichen
Corruption gelten ; denn wenn auch durch jene die höhern und höchsten
Kreise verdorben waren, und mit ihnen ein Städtepöbel von seltener Roh-
heit und Niederträchtigkeit wetteiferte, so ist doch mit Bestimmtheit anzu-
Ursachen des Verfalls der Medicin.
41
nehmen, dass die Moralität der mittleren Schichten eine ungleich bessere
war, und die Beispiele von selbstvergessendem Heroismus und von Opfer-
freudigkeit für Ideen sind wohl niemals so zahlreich gewesen, als in den
Zeiten der Christenverfolgung.
Ebensowenig kann der politische Druk als directe Ursache der Ver-
kümmerung angesehen werden. Gerade die Heilwissenschaft erfreute sich
ohne Ausnahme der offiziellen Begünstigung und fand nicht nur unter den
bessern Kaisera, sondern selbst unter den blutigsten Wütherichen eifrige
Protectoren.
Ueberhaupt war wenigstens in den vier ersten Jahrhunderten unserer
Zeitrechnung nichts weniger vorhanden, als eine Abneigung gegen Studien
und wissenschaftliche Beschäftigungen. Hohe Schulen erstanden an allen
Orten ; sie und die Gelehrten wurden von den meisten unter den Kaisern
begünstigt. Mehrmals sassen Philosophen von der strengsten Farbe auf
dem Throne (Hadrian, die Antonine, Julian) und suchten ihren grössten
Ruhm in wissenschaftlichen Erfolgen. Schon desshalb, aber überhaupt
nach der ganzen Stimmung der Zeit war gelehrte Bildung für Jedermann
von einigen socialen Ansprüchen unerlässlich. Die Wissenschaft war
Mode geworden und blieb es Jahrhunderte hindurch. Wissenschaftliche
Discussionen vermochten die Bevölkerung einer ganzen Stadt, einer ganzen
Provinz zu alaimiren, und alle politische Noth wurde über literarischen
Händeln vergesen.
Die Medicin aber war bereits in ihrem Verfall zu hohem Grade vor-
geschritten , laige ehe die sonstigen geistigen Interessen sich ver-
schwächten, ja während ein erneuertes Leben der Ideen in der jungen
Kirche wie durcli die lezten Anstrengungen des alten Glaubens und durch
den Eifer in de* Regeneration philosophischer Schulen sich bethätigte.
Die Medicin warschon dem Abgrund nahe, als die bildende Kunst noch
kaum ihre beste ^eit überschritten hatte, und als die Rechtswissenschaft
ihre unübertrofferen Gesezbücher schuf. Die Medicin scheint in ihrem
Sturze allen anden Culturseiten vorangeeilt zu sein; und doch haben wir
allen Grund, anzmehmen, dass die Ursachen ihrer Zerrüttung nicht in
ihr allein gelegen eien.
Allerdings sirj die Ursachen zum Theil in der Beschaffenheit der
ärztlichen Wissenchaft selbst zu suchen , wie solche von der Ungunst
der Zeiten vorgefunden wurde.
Was Baco voij der antiken Wissenschaft überhaupt sagt, gilt ganz
vorzugsweise von per Medicin der römischen Zeit: sie war wie ein Kind,
fertig zum Schwann, aber unreif zum Zeugen.
Ursachen des
Verfalls in dem
Zustande der
Wissenschaft
selbst gelegen.
42 Die Medicin im römischen Staate.
Ihre ganze Grundlage war eine glükliche Naivetät gewesen. Als
diese eingebüsst war, kam alles Positive abhanden, und die Redensarten
blieben im alleinigen Besiz. Die Naivetät an sich aber ist fortbildungs-
unfähig. Wo sie verloren gegangen ist, ohne etwas Anderes zu hinterlassen,
wird jeder Restaurationsversuch zur Carricatur. Die Naturforschung des
Alterthums hatte lediglich keine oder eine durchaus verkehrte Methode.
Jeder Fortschritt, jeder Zuwachs zum Wissen war Sache des Zufalls,
und für den Werth des Hinzukommenden fehlte jeder Maasstab. Die
Methode der Forschung aber ist es allein, welche die Thatsachen sichert
und ihren Werth bestimmt, und welche in schlechten Zeiten die Disciplin
unter den Geistern zu erhalten vermag und die Umwendung aus Irr-
gängen erleichtert.
EinAuss der zeit. Andererseits aber war die Zeit selbst einer gesunden Gestaltung der
Naturforschung so feindlich wie möglich. Es gibt Zeiten , welche der
Naturforschung und damit der Medicin vorzugsweise günsüg , andere
welche ihr in hohem Grade ungünstig sind. Weder die Einen noch die
Andern fallen einfach und ohne weiteres zusammen mit der Rührigkeit
auf andern Gebieten des Geistes, mit den Culminationsperbden anderer
Wissenschaften, weder mit den Epochen der höchsten pditischen oder
kirchlichen Spannung der Gemüther, noch mit deren Erschlaffung und
Ermüdung ; und doch ist der Sinn für Naturforschung unl die Fähigkeit
zu derselben an gewisse zeitliche Stimmungen gebunden.
Bedingung jedes Erfolgs in der Erforschung der Natir ist Unbefan-
genheit des Geistes, mag diese nun instinktmässig oder dirch Gewöhnung
geläufig geworden oder durch Bildung erworben sein. W) das Bedürfniss
für rüksichtslose Ermittlung der Wahrheit mit richtiger Methode , sie
zu finden, sich verbindet, da ist ein guter Boden für die Naturwissen-
schaften und für die Medicin. Aller Zwang , alle bildende Autorität,
mag sie von oben oder von den Massen kommen, mag se durch politische
Macht oder durch die Sazungen der Kirche, durch Herrchaft einer Schule
oder durch traditionelle Vorurtheile auferlegt sein, ma| sie den Einzelnen
treffen oder ganze Generationen beherrschen, fälscht de Forschung nicht
nur für den Augenblik, sondern wirkt nachhaltig lähmnd auf die weitere
Entwiklung.
Die Macht der Der Charakter der römischen Kaiserzeit aber wir gerade der der
blinden Unterwerfung unter Autoritäten jeglicher Art. Die Demüthigung
unter die kaiserliche Schrekensherrschaft ist nicht er einzige , nicht
einmal der schlagendste Beweis dafür. Die Macht der Kirche lastete
nicht weniger fesselnd auf den Geistern , und das tdürmiss , sich zu
beugen, zeigte sich in der eifrigen Habilitirung der Güter aller Religionen
Autoritäten.
Ursachen des Verfalls der Medicin.
43
durch die römischen Gewalthaber. Dasselbe Bedürfniss der Autorität
sprach sich in der Unterwerfung unter jeden Aberglauben und Wunder-
glauben aus , und keiner war absurd genug , dem man nicht huldigen zu
müssen meinte. Selbst den Gelehrtesten und Gebildetsten war der Wun-
derglaube eine selbstverständliche Sache. Das Beschwören von guten
und bösen Geistern , der Verkehr mit Dämonen , das Citiren von Ver-
storbenen, das Auferweken der Todten, die Wunderheilung von Krank-
heiten und andere Mirakel , das Deuten aus den Sternen und die prophet-
ische Ekstase waren ganz alltägliche Erfahrungen, an denen ein Zweifel
fast unerhört war.
Nicht minder tyrannisch war die Macht der Zeitrichtung für die ganze
Gemüthsstimmung , welche auf dem gemeinen Leben wie auf den wissen-
schaftlichen Arbeiten lastete. Ein frömmelnder Mysticismus, ein unge-
sundes , phantastisches und schwärmerisches Wesen , eine krankhafte
Sehnsucht nach der guten alten Zeit, deren Bräuche und Formen man
mit Gewalt zurükführen wollte, eine sentimentale Ueberschwänglichkeit,
die freilich zum grossen Theil nichts weiter als Gefühlsheuchelei war,
eine Hinneigung, aus dem öffentlichen Leben in eine beschauliche Ein-
samkeit sich zurükzuziehen oder in Geheimbünden und ihren Mysterien
Ersaz für die Alltäglichkeit zu finden, kurz all das, was man mit dem
Ausdruk der Romantik zusammenfassen kann, durchdrang die ganze Be-
völkerung. Sinnlose, phantastische Moden hielten ihre epidemieartigen
Umzüge und rissen unwiderstehlich die Massen mit sich fort. Die Schulen
der Neuplatoniker und Neupythagoräer mit ihrem schwärmerischen und
mysteriösen Pathos, die Ausartungen der christlichen Kirche, wie die
gewaltsamen Restitutionsversuche des Heidenthums in sinnlich symbol-
ischer Verkleidung haben sämmtlich dieser Stimmung des Zeitalters
Rechnung gethan.
Gegen die Engheit und Ungesundheit des geistigen Lebens vermochten
auch einzelne Stimmen aufgeklärterer Köpfe (z. B. Lucian) wenig oder
nichts. Ihr Hohn und ihre Skepsis wirkte als angenehmer Kizel für die
durch die romantische Schwärmerei nur zugedekte Frivolität, und sie
selbst vervollständigen nur mit ihren Sarkasmen das Bild eines durch
und durch unwahren, verkünstelten und befangenen Zeitalters.
Antiquarische Studien ohne Sinn für historische Auffassung, ein Ge-
rede ohne Inhalt in einer gezierten und weichlichen Form , künstliche
Phrasen ohne Gedanken bildeten die Literatur, und die romantische
Färbung verfälschte alle natürlichen Empfindungen und Einfälle. Der
Geschmak war im äussersten Grade verdorben, und sehr allgemein wurden
wissenschaftliche Werke in Versen geschrieben.
Romantische
Stimmung.
Charakter der
Gelehrsamkeit.
44 Die Medicin im römischen Staate.
Die empirischen Wissenschaften sah man für abgeschlossen an. Auch
in diesem Gebiete war das Vorgefundene eine unantastbare Autorität,
vor der man sich beugte. Mit pedantischer Gelehrsamkeit sammelte und
commentirte man, und Streitigkeiten über verschiedene Lesearten und
grammatische Fragen gelten für die wichtigsten Forschungen in Gebieten,
auf denen nur die Beobachtung das Wort haben sollte.
Einiiuss der Nicht unwichtig war ferner der Einfluss des jüdischen Volkes, das,
in allen Theilen des römischen Reiches zerstreut, überallhin seine Ge-
schäftigkeit im Minutiösen, seine Schlauheit in der Ueberredung, seine
Anhänglichkeit an die Tradition und seine Neigung zum Grübeln ver-
breitete. Die Verachtung, mit der man den Hebräer behandelte, hinderte
nicht, dass der Talmud und noch mehr die jüdische Geheimlehre, die
Kabbala, rasch als neue Autoritäten zu den alten hinzugefügt und mit
ganz besonderer Scheu und Vorliebe gepflegt wurden. Die Juden selbst,
troz der Verfolgungen, die sie. erduldeten, wussten bald des Punktes sich
zu bemächtigen , von welchem aus sie ihre Dränger beherrschen und aus-
beuten konnten. Sie gelangten zu grossem Ansehen in der Schule und
Literatur und trugen wesentlich dazu bei, derselben den Stempel des ver-
bissenen Pedantismus und der finstern , hartnäkigen und streitsüchtigen
Schulweisheit aufzudrüken.
Kirche und Staat. Was die neue Kirche anbelangt, so kann man von dem Einfluss des
Christenthums eigentlich nicht sprechen ; denn so lange dasselbe sich in
unverfälschter Weise befand, hatte es keinen Einfluss auf die Wissen-
schaften, und als es diesen erlangte, war es entartet. Die Kirche der
spätem römischen Zeit war mehr als hemmende Autorität.
Die officielle Begünstigung der gelehrten Welt, die ihr gemeinschaft-
lich mit Sterndeutern und Zauberern zu Theil wurde , und ihre Aufnahme
in die vornehmen Kreise schüzte nicht vor allen diesen vergiftenden Ein-
flüssen. Ja es wurden dadurch die Rüksichten vor der Autorität jeder
Gattung nur noch eindringlicher zur Pflicht gemacht und damit die Cor-
ruption der Wissenschaft vervollständigt.
Untergang. Nachdem die Heilkunde durch ihre eigenen Vertreter bereits bis zur
äussersten Herabwürdigung gesunken war, kam in der lezten Zeit der
antiken Periode noch direkter Druk von aussen hinzu. Durch Magie und
Zauberformeln wurden die Medicamente , und durch Gaukler die Aerzte
aus der Mode verdrängt. Den Lezteren war die Gestaltung, welche all-
mälig die christliche Kirche annahm, besonders wenig geneigt, da Spuren
ungläubiger Denkweise noch immer unter ihnen sich bemerkbar machten,
und schon die Berufung auf die Heiden Hippocrates und Galen als eine
Untergang der medicinischen Wissenschaft. 45
Versündigung erschien. Die christliche Geistlichkeit richtete daher ihre
eigenen ärztlichen Schulen ein, zu denen man sich durch die Psalmen
David's, das neue Testament und durch das Studium theologischer Streit-
schriften vorbereitete. Die Klosterschule von Edessa erhielt eine Zeit
lang besondern Ruf. Nicht lange aber verblieb es bei der blossen Neben-
buhlerschaft; denn als die christliche Kirche zur Herrschaft über den
Kaiserthron gelangte, da änderte die Verfolgung, die zuvor die neue
Kirche misshandelt hatte, ihre Richtung und nahm vielfach die früher
von den Gewalthabern beschüzten Philosophen und Aerzte zum Ziel.
Die hereinbrechende Barbarei des Mittelalters vernichtete schliesslich
Alles, was von geistigem Leben übrig geblieben war, bis auf den Grund.
DEITTER ABSCHNITT.
Die Medicin im Mittelalter.
Die Araber.
Mesue , Serapion
und Rhazes.
Spanische
Araber :
Avenzoar,
Averroös.
Die Wiedererwekung der ärztlichen Kunst und Wissenschaft ging von
den Arabern aus. Doch scheint es, dass die ersten ärztlichen Kenntnisse
von Juden und Christen zu ihnen gebracht wurden. Man nennt unter
solchen den Priester Ahron (im 7. Jahrhundert), die Familie Baktischuah
(im 8. und 9. Jahrhundert Leibärzte der Kalifen), Ben Isaak und Isa
ben Ali. Hierdurch gelangte ohne Zweifel die Kenntniss Galen's unter
die Araber, welche streng an diese Autorität sich anschlössen und an ihr
festgehalten haben.
Sofort machten sich vom 9. Jahrhunderte an eine Anzahl Aerzte aus
Bagdad, Persien und Syrien bemerklich, unter denen vornehmlich Mesue
und Serapion zu nennen sind, Rhazes aber (Abu Bekr elRari) der be-
rühmteste wurde; er handelte die gesammte Medicin in seinem Almansor,
die Hauptsäze in Aphorismen und überdem monographisch die Poken
und Masern ab.
Im folgenden Jahrhundert wirkten der Jude Isaak BenSoliman und
der Perser Ali ben Abbas, der als der Königliche bezeichnet wurde. Im
11. Jahrhundert folgte Ebn al Dschezzar und Mesue der jüngere, be-
sonders aber der durch Gelehrsamkeit und Abenteuer am meisten hervor-
ragende Avicenna (Ebn Sinah). Einer der lezten aus dem östlichen
Reiche war Abul Käsern (Anfang des 12. Jahrhunderts).
Die arabische Medicin hatte aber ihre Fortsezung in Spanien und
kam dort, vornemlich in Cordova, noch zu höherem Glänze. Auch hier
war sie untermischt mit jüdischen Gelehrten unter arabischen Namen.
Die berühmtesten der spanischen Schule waren Avenzoar (Ebn Zohar)
1070 — 1162; Averroes (Abul Ben Roschd) 1149 — 1198; Ma/mo-
nides (Musa BenMaimon, ein jüdischer Rabbiner) 1139 — 1209; Albei-
thar aus Malaga (Ebn Albeithar) im 13. Jahrhundert,
Die Araber.
47
Die wissenschaftliche Bedeutung der Arabisten ist im Ganzen nicht wissenschaftliche
gross. Von Anatomie und Physiologie wussten sie nur, was in Aristoteles edeu«"ns-
und Galen sich vorfand. In der theoretischen Pathologie folgten sie
gleichfalls blindlings dem Galen. Dagegen zeigten sie ihre praktische
Begabung in zahlreichen guten Bemerkungen und Beobachtungen , vor-
nehmlich in Bezug auf Semiotik und Prognostik.
Unter den Krankheitszeichen widmeten sie dem Urin die grösste
Aufmerksamkeit. Für die Botanik und Pharmacologie zeigten sie über-
wiegende Vorliebe und die Zahl ihrer Mittel ist äusserst gross; doch
hielten sie sich auch in diesem Gebiete an Galen und Dioscorides ;
einiges chemische Geschik scheint sie in ihren pharmacologischen Neig-
ungen unterstüzt zu haben. Metalle, Narcotica, Reizmittel finden schon
umfangreiche Anwendung bei ihnen. Besonders aber schäzten sie Cos-
metica und Aphrodisiaca. Die Chirurgie und die Geburtshilfe wurden
von den Arabern in hohem Grade vernachlässigt.
Die Araber haben der Hauptsache nach aus den Griechen geschöpft
und sie haben dadurch mindestens das Ansehen, zum Theil auch die
Lehren der Lezteren durch mehre Jahrhunderte conservirt. Allein freilich
haben sie dabei ihre Originale vielfach entstellt, falsch verstanden, durch
schlechte Uebersezungen verdorben und mit ihren eigenen, meist wenig
glüklichen Zusäzen verunreinigt.
Nach der Zerstörung von Bagdad und der Eroberung von Cordova
(Mitte des 13. Jahrhunderts) kamen selbständige Medicinautoren nur
noch vereinzelt und ohne alle Bedeutung vor. Dagegen blieben die
Schriften der arabischen Aerzte noch eine geraume Zeit im höchsten
Ansehen, anfangs als Fundgrube für Geheimmedicin, später als vollste
und öffentlich anerkannte Autorität. Wie sie selbst aber die Griechen
in ihren Uebersezungen verunstaltet hatten, so wurden auch ihre Schriften
in der mangelhaftesten und verstandlosesten Weise in die gemeinste
Sprache der Zeit, in ein barbarisches Latein, übersezt.
Untergang
des arabischen
Reiches.
Ein zweites Asyl fanden die Wissenschaften überhaupt und die Me-
dian insbesondere in den Klöstern. Vornemlich waren es die Benedictiner,
welche die Heilkunde pflegten , gleichzeitig aber auch Alchymie damit
verbanden. Die Medicin scheint im sechsten Jahrhundert in den Klöstern
Eingang gefunden zu haben, als der Arzt Cassiodor in den Orden der
Benedictiner eintrat. Auch die Mönche , sofern sie überhaupt wirkliche
Medicin trieben , und nicht durch Gebete und Exorcismen die Krankheit
zu bannen suchten, hielten sich fast ausschliesslich an Galen. Erst
später zeigten sich in einzelnen Klöstern selbständige Regungen und
Mönchs-
me di ein.
Benedictiner.
48
Die Medicin im Mittelalter.
Schule von
Salern.
man fing an , solche Klöster als Medicinschulen einzurichten , so das
Kloster am Monte Cassino , angeblich auf den Trümmern eines Aesculap-
tempels erbaut (seit 830); der Ruf dieser Schule wurde vornehmlich durch
Constantinus Africanus (im 11. Jahrhundert), der ausser Hippocrates und
Galen auch noch die arabischen Aerzte berüksichtigte, begründet. Auch
einige englischen Klosterschulen zeichnete sich aus.
Noch weit umfänglicher und dauernder aber wurde die Berühmtheit
der Schule von Salern, in welcher Stadt schon frühzeitig eine gewisse
Vorliebe für die Medicin geherrscht zu haben scheint. Die Hochschule
von Salern, vermuthlich aus einer mönchischen Medicinschule, die schon
im 8. oder 9. Jahrhundert bestanden haben mag, hervorgegangen, um-
fasste später sämmtliche Wissenschaften. Ihr Verhältniss zur Kirche
ist nicht ganz klar. Nicht zu bezweifeln ist, dass auch Laien und selbst
Frauen am Unterricht mitwirkten.
Die Hauptblüthe dieser Schule fällt in's 11. und 12. Jahrhundert, in
welcher Zeit namentlich Gariopontus , Copho , Nicolaus Praepositus,
Joannes und Mattheus Platearius daselbst Lehrer waren. Das berühmte
Regimen sanitatis salernitanum, eine ausführliche Diätetik, mit zum Theil
nicht unzwekmässigen , oft aber burlesken Vorschriften und einem patho-
logischen, pharmaceutischen und therapeutischen Anhange, alles in (meist
leontinischen) Versen, ferner das neuerdings aufgefundene sogenannte
Compendium salernitanum stammen aus jener Zeit.
Mit dem 13. Jahrhundert fing die Schule bereits an zu sinken und im
14. war sie schon um alles Ansehen gekommen.
Die Salernitanische Schule hat kaum mehr als die Bedeutung eines
Curiosums. Eine Leistung in der Wissenschaft — abgesehen von der
Conservirung einiger medicinischen Reminiscenzen — ist wohl kaum bei
ihr aufzufinden. Dagegen bietet sie ein anziehendes Beispiel des schlichten
und schlauen, plumpen und humoristischen Charakters jener Zeit.
Es scheint , dass in Salern auch die Verleihung academischer Würden
nach der Absolvirung der Studien zuerst eingeführt worden sei.
Situation
der Aerzte.
Troz der priesterlichen Sanction genossen die Aerzte eines sehr ge-
ringen Ansehens unter dem Volke. Männer germanischer Abkunft hielten
es, wie einst die Römer, unter ihrer Würde, sich einer Beschäftigung
hinzugeben, die in der allgemeinen Achtung den untersten Rang einnahm.
Die fürstlichen Leibärzte waren gewöhnlich Juden. Bei der Behandlung
gefährlicher Kranken wurde Caution verlangt, und starb ein Edelmann
nach einem Aderlasse, so wurde der Arzt der Familie preisgegeben.
Frauen durfte nur unter Aufsicht der Verwandten zur Ader gelassen
Das Wiedererwachen der Wissenschaft.
49
und Studienvar-
ordnungen.
werden. Nur diejenigen Aerzte, welche sich mit dem Nimbus der Zauberei
zu umgeben wussten , wurden respectirt. Fahrende Harnschauer oder
Gaukler, Mönche, Hirten und alte Weiber waren die ärztlichen Rathgeber
der niederen Volksclassen; Wallfahrten und Märkte gaben die Gelegen-
heit zu der Consultation.
Selbst unter der Geistlichkeit blieben die medicinischen Studien immer
anrüchig und verdächtig und die Päpste versuchten wiederholt, aber ver-
geblich, sie überhaupt oder doch wenigstens die medicinische Praxis den'
Mönchen zu verbieten. Nur so viel sezten sie durch, dass dieselbe auf die
niedere Geistlichkeit beschränkt blieb, die höhere dagegen weiter nicht sich
damit besudelte.
Erste Spuren
Mit dem 12. Jahrhundert fingen in einzelnen christlichen Ländern des wiederer-
wache nden
wieder an, auch ausserhalb der Klöster und der Salernitanischen Schule wissenschaff
die ersten Spuren eines wissenschaftlichen Sinnes sich zu zeigen. wehen Sinm
r im Abend-
Von grosser Bedeutung war es, dass um diese Zeit die Gesezgebung lande,
sich mit der Medicin zu beschäftigen begann und die ausübende Praxis unter
Controle stellte. König Roger von Sicilien, 1 140, gab das erste Medici- Medicinai^eseze
nalgesez im Mittelalter und machte die Ausübung der Praxis von der
obrigkeitlichen Erlaubniss abhängig. Noch genauer sind die Vorschriften
Kaiser Friedrich's II. (1224), welcher selbst Freund der Natur und sogar
naturwissenschaftlicher Schriftsteller war. Durch dieselben wird das ärzt-
liche Studium geordnet (3 Jahre Logik und 5 Jahre Medicin und Chirur-
gie nach Hippocrates und Galen mit besonderer Anempfehlung der Ana-
tomie), die Erlangung der Magisterwürde und eine Staatsprüfung verlangt,
eine Medicinaltaxe festgesezt und den Aerzten das Halten von Apotheken
verboten. Zugleich ging die Medicin mehr und mehr in profane Hände über
und wurden die Aerzte sogar der Oberaufsicht der Geistlichkeit entzogen.
Die zahlreichen Universitäten, welche im 12. und 13. Jahrhundert er-
richtet wurden, und an denen, wenn auch nicht im Beginn, doch sehr
frühzeitig Facultäten für die Medicin entstanden, förderten das Keimen
der Wissenschaften mächtig. Obwohl sie unter geistlicher Leitung standen,
dienten sie doch dazu, die Kenntnisse auch in andere Kreise zu verbreiten.
Vornehmlich waren es die Hochschulen von Bologna (Gilbert), Paris (Al-
bertus Magnus, Lanfranchi, Gilles von Corbeil, Leibarzt von Philipp
August von Frankreich), auch Montpellier, an welchen mit Eifer Medicin
getrieben wurde.
Freilich war dieses Medicinstudium noch von sehr zweifelhafter Wis-
senschaftlichkeit und der Facultätsverband trug noch mehr dazu bei, die
pedantische Gelehrsamkeit zu fixiren. Es bildeten sich an den Facultäten
Wunderlich, Geschichte d. Medicin. 4
Universitäten.
50 Die Median im Mittelalter.
hochmüthige Theoretiker aus, die, wie Arnald von Villanova klagt, bei
aller Gelehrsamkeit kein Klystir appliciren und keine Ephemera heilen
können. Der beste Theil des Unterrichts war die Exegese von Hippocrates,
Galen, den Arabisten, meist nach schlechten und verfälschten Hand-
schriften. Hierzu kamen einige Bemerkungen über den Werth der Zeichen
und über die Zubereitung der Arzneimittel. Das Verständniss von allem
dem und die höhere Weihe der Erfahrungssäze musste die sogenannte
Scholastik vermitteln.
Scholastik. Die Scholastik, zu der schon Michael Psellus im 11. Jahrhundert den
Grund gelegt hatte, war ein Product der Combination des Christenthums
und der Philosophie, ein Versuch, das Dogma zu rationalisiren. Man be-
diente sich zu dieser Aufgabe vornehmlich der vielfach verunstalteten und
verfälschten Aristotelischen Dialektik und der Augustinischen Theosophie,
welche mit Aufgebot der äussersten Spizfindigkeit die Gründe für die
Wahrheit und Vernunftmässigkeit der von der Kirche aufgestellten Glau-
benssätze liefern mussten.
Die Eigeuthümlichkeit der Scholastiker fixirte sich in der Art der Be-
handlung des Gegenstands, in dem Festhalten des Buchstabens derUeber-
lieferung und in der Kunst, durch Häufung von Autoritäten und durch
verquälte Syllogismen die Beweise zu führen. Uebrigens theilten sich die
Scholastiker in verschiedene Secten : Realisten und Nominalisten , welche
sich aufs wüthendste bekämpften.
Die Scholastik war kein wissenschaftliches System, sie war eine Me-
thode; ihr Wesen war, an einem Nichts den Scharfsinn zu üben.
Diese Methode fand in der Medicin vom 12. Jahrhundert an, beson-
ders aber im 13., die ausgebreitetste Anwendung. In der Medicin waren
die Säze des Galen , auch w ohl des Hippocrates und vieler älteren Com-
mentatoren die Dogmen, auf welche die scholastische Methode angewendet
wurde. Nicht nur mussten diese, da ihre Wahrheit eine vorausgesezte
war, unter einander in Einklang gebracht werden, sondern überdem auch
noch mit den Dogmen der Kirche und mit den angenommenen Anschau-
ungen von der Natur. Nahrung zu Streitigkeiten und tiefsinnigen Forsch-
ungen über die wichtigsten Fragen war hier in Menge gegeben und die
Auflösungen der Probleme gleichen vielfach ihrer Art nach der Expira-
tion des Amatus Lusitanus, welcher den 7. Tag desshalb für critisch hält,
weil die Seele aus drei Kräften und der Körper aus vier Elementen be-
stehe und 3 -\- 4 = 7 sei.
Die Scholastik beherrschte nicht nur grossentheils die ganze Mönchs-
medicin, sondern auch die der Universitäten im 12. und 13. Jahrhundert.
Auch im darauffolgenden Säculum, ja bis in's 16. war sie mächtig genug
Scholastik. 51
Unter den Schriftstellern der medicinischen Scholastik sind besonders
einflussreich gewesen :
Thaddäus von Florenz (1215 — 1300), medicorum magister, plus- Thaddäu*.
quam interpres oder zweiter Hippocrates genannt, ein Mann von ausser-
ordentlichem Rufe, bei Papst Honorius IV. einige Zeit Leibarzt für 100
Goldstüke tägliches Honorar und 10,000 Goldstüke nach der Herstell-
ung. Ihm und seinen Schülern wurden viele Privilegien ertheilt. Er
führte zuerst den disputatorischen Character in der medicinischen Lite-
ratur ein, indem er Hippocrates, Galen und das salernische Regimen
sanitatis nach Art der juristischen Autoren behandelte, mit Glossen ver-
sah, sodann die Quaestiones, Disputationes, Recollectiones und Quodli-
betationes folgen Hess, eine Methode, die von da an an die Stelle der
Aphorismen oder des Knittelverses trat. Damit war die scholastische Form
in der Medicin eingebürgert.
Peter von Abano (1250): sein Hauptwerk Conciliator differen- Peter von Abano.
tiarum sollte die Dicta der ärztlichen Autoritäten mit jenen des Aristoteles
in Einklang bringen; Johann von St. Amand (1277) Expositio supra Johann TOn St-
Amand.
antidotarium ISicolai; Vincenz von Beauvais (1292),' Verfasser einer vincen* von
grossen Encyclopädie. Beauvais.
Arnaldus von Villanova (von der Mitte des 13. bis in's 14. Jahr- Amaidus vonvu-
hundert an), den die Inquisition als Häretiker verfolgte und der gegen die lanova.
Verbindung der Dialektik mit der Medicin eiferte, war nichtsdestowe-
niger ganz in der scholastischen Weise befangen, ausserdem ein eifriger
und berühmter Alchymist. Den Arzneimitteln schrieb er ausser der pro-
prietas actualis noch ein complexio potentialis zu, die man nur durch
Vernunft, aber auf keinem empirischen Wege ermitteln könne, die aber
dessenungeachtet die wichtigste sei. Die Fieber theilt er ein in das kleine
Fieber, aus faulendem Phlegma in den Gefässen und verderbter Galle
ausser denselben entstehend und 18stündige Paroxysmen machend; das
mittlere, aus faulender Galle in den Gefässen und verdorbenem Phlegma
ausser ihnen entstehend, mit 26stündigen Paroxysmen; und das grosse
Fieber, aus verdorbener Galle in den Gefässen und faulender schwarzer
Galle ausser denselben, mit 40stündigen Paroxysmen. — Eine Reihe
practischer Aphorismen von Arnald enthält seine Schrift: Meditationes
parabolae secundum instinctum veritatis aeternae quae dicuntur regulae
generales cnrationis morborum. — Auch lehrte er die graue Queksilber-
salbe kennen und verbreitete die Destillation der ätherischen Oele und
des Weingeists.
Torrigiano, genannt Plusquam commentator (1300), war einer der Andere schoi&«-
spizfindigsten Scholastiker, der grosses Ansehen genoss und dessen plus-
4*
52 Die Medicin im Mittelalter.
quam commentum in Galeni artem parvam eines der gewöhnlichen Com-
pendien des 15. Jahrhunderts war. — Dinus Garbo (1320) stellte Un-
tersuchungen darüber an, ob der Geist, der mit dem Samen des Vaters
in den Uterus gelange, nur aus dem Herzen des Vaters oder auch aus
dessen Gliedern komme, ob er ein Erkenntnissvermögen besize und dergl.
mehr. — Der Britte Bernard von Gordon (um dieselbe Zeit) mittelte
in seinem Liliura medicinae aus, dass die Galle um 3 Uhr, die schwarze
Galle um 9 Uhr und der Schleim Abends sich bewege, dass die Poken
und der Aussaz von der Conception während der Menses herrühren. —
Sein gleichzeitiger Landsmann Joh. Gaddesden, ein roher Empiriker,
aber mit scholastischem Anstrich, schrieb eine Rosa anglica, in der er
viel von seinen geheimen Mitteln spricht, wendet den Branntwein als Uni-
versalmittel an, Schweinekoth als bestes Mittel für Blutflüsse und heilt
die Läuse in den Augbrauen mit Purganzen. — Zahlreiche andere Scho-
lastiker und Empiriker aus jener Zeit verdienen keine weitere Erwähnung.
Praxis in der Es lässt sich nicht anders erwarten, als dass bei solchen Lehren die
«choiastischen praxis der Aerzte eine jämmerliche sein musste. Der Glaube an den
Zeit. . J
Einfluss der Gestirne und der bösen Geister war so allgemein , dass der
Arzt zunächst mit der Astrologie und mit Beschwörungsformeln (ars
magna) vertraut sein musste. Die Bestimmung der Constellation der
Gestirne galt als die wesentlichste Untersuchung zur Deutung der Symp-
tome, zur Prognose und zur Stellung der therapeutischen Indication. In
jeder Stunde meinte man , könne die Wirksamkeit der therapeutischen
Proceduren eine andere sein. Die Aderlässe wurden am liebsten vorge-
nommen, wenn der Mond im Zeichen des Krebses stand. Bei der Con-
stellation desselben mit dem Saturn waren dagegen alle Wirkungen der
Aderlässe und der Arzneimittel gehemmt und besonders Laxire schädlich.
Das Bedürfniss, den Ruf eines Geisterbanners und Magikers (Illuminatis-
simus) zu haben, machte die Geheimthuerei geläufig. Man umgab sich
mit seltsamen Emblemen, füllte die Stube mit chemischen Apparaten und
imponirenden Instrumenten und trachtete, in der Masse Staunen und
Scheu hervorzurufen. Selbst die Aussicht auf Gefängniss und Todes-
strafe, welche dem Zauberer drohten, störte nicht in dem Bestreben, die-
sen verdächtigen Ruhm zu erringen und Raimund Lull endete sogar frei-
willig auf dem Scheiterhaufen (um 1300). Die Tendenz zum Betrug er-
strekte sich bis in die gewöhnlichsten Verhältnisse der Praxis.
In der Charlatanerie wurde förmlich Unterricht ertheilt. In einer
dem Arnald fälschlich zugeschriebenen Schrift : de cautelis medicorum
z. B. heisst es : Bei dem Urtheil aus dem Urin : Tu forte nihil scies. Die
Scholastik. 53
quod habet obstructionem in hepate. Dicet: non Domine, irao dolet in
capite. Tu debes dicere, quod hoc venit ab hepate. Et specialiter utere
hoc nomine obstructio, quia non intelligunt quid significat et multum ex-
pedit, ut non intelligatus ab illis.
In der Semiotik wurde auf den Puls, besonders aber auf den Urin Rük-
sicht genommen und die Uroscopie gab vorzugsweise Gelegenheit, den
Arzt als einen in die verborgensten Geheimnisse Eingeweihten erscheinen
zu lassen. Besonders berühmt Maren im 12. und 13. Jahrhundert die
Regulae urinarum magistri mauri. Es werden darin 19 Farben des Urins
unterschieden: albus (klarem Wasser gleich), lacteus, glaukus, karopos
(von der Farbe derKameelhaare), subpallidus, pallidus (dünn fleischbrüh-
artig), subcitrinus, citrinus, subrufus, rufus (goldgelb), subrubens, rubens
(blutroth), subrubicundus, rubicundus (braunroth, safrangelb), inopos
(ähnlich dem trüben umgestandenen Weine), kianos (grau), viridis, lividus,
niger. Daneben wurde die Menge und Consistenz beobachtet. Alle Zeichen
wurden bezogen auf Wärme oder Kälte, Trokenheit oder Feuchtigkeit des
Organismus.
Von der Art der vorkommenden Krankheiten wird aus den Scholastikern Herrschende
äusserst wenig erfahren. Poken, Masern scheinen vielfach geherrscht zu Krankheiten u°d
_ * Hospitäler.
haben. Des heiligen Feuers und anderer Pesten wird Erwähnung gethan,
ohne dass ihre nähere Natur erkannt werden konnte. Von Erkrankungen
an den Genitalien, als deren Grund man schon vielfach den Beischlaf be-
schuldigte, wird da und dort gesprochen (z. B. von Bernard von Gordon,
Gaddesden, Peter de la Cerlata u. A. m.). Chronische Hautkrankheiten
(Aussaz) waren ungemein verbreitet und gaben zur Errichtung zahlreicher
Leprosenhäuser Veranlassung. In Deutschland ist das von Bischoffsheim
im Rheingau 1109 eines der ersten gewesen. In Leipzig wurde ein solches
von dem Thomas Kloster 1213 gestiftet. Die Begeisterung errichtete
nicht nur Hospitäler, sondern ging in dem Cultus der Kranken bis ins
absurde Extrem. So wird von der heil. Elisabeth von Thüringen erzählt,
dass sie nicht nur die Leprosen reinigte, ihnen die Füsse wusch, sondern
auch die Knollen ihres Aussazes küsste.
Bei der Therapie waren bestimmtes Einhalten gewisser Festtage, Therapie in der
Wallfahrten an heilige Orte, Hersagen von Gebeten, Messe hören und 8ChoIast"cIien
° ° Zeit.
Messe lesen lassen, dem Stande angemessene Opfer und Schenkungen an
Kirchen und Klöster die wesentlichsten und unerlässlichsten Elemente,
ohne welche selbst die nichtgeistlichen Aerzte nicht leicht die Kur einer
schweren Krankheit einleiteten.
Daneben waren Beschwörungen , Zauberformeln , sympathetische
Mittel in umfänglichster Weise in Anwendung gesezt, theils um die bösen
54 Die Medicin im Mittelalter.
Geister zu bemeistern, theils aber auch in der Absicht, die Hilfe des
Schwarzen selbst in Anspruch zu nehmen.
In der medicamentösen Therapie war das Hauptbestreben, eine soge-
nannte Universalmedicin zu finden, welche nicht nur die Heilung aller
Krankheiten bewirken, sondern als Prophylacticura und als Lebenselixir, ja
selbst zur gänzlichen Beseitigung des Todes dienen sollte. Von demselben
Mittel erwartete man zugleich die Kraft, die Metalle umzuwandeln und
sie in Gold metamorphosiren zu können. Viele Aerzte der damaligen Zeit
wussten die Meinung zu verbreiten, dass sie im Besiz dieser köstlichen
Medicin sich befinden.
In Ermanglung derselben begnügte man sich aber auch , alle mög-
lichen Mittel, am liebsten die ekelhaftesten anzuwenden und vervielfältigte
noch den Arzneiunrath der lezten griechischen Zeit und der Arabisten.
Die zunehmende Beschäftigung mit chemischen Proceduren führte übrigens
auch manches nüzliche Präparat ein.
Besonders häufig angewandt wurden der Bisam, das Ambra und ver-
schiedene Edelsteine ; sodann einige Compositionen aus der römischen
und arabischen Zeit, in welchen zahllose Mittel gemischt waren und von
denen für die wirksamsten der grosse und der kleine Theriak, der Mithri-
dat und die Aurea Alexandrina gehalten, wurden. Syrupe waren unge-
mein häufig, auch Conserven und Pillen waren sehr beliebt. Mit Salben,
Oelen und Pflastern wurde sehr viel behandelt.
Regungen Regungen einer freieren Anschauung finden sich jedoch schon ziem-
einer bessern jj^ zejtjg Roger Baco (Mitte des 13. Jahrhunderts, ein Franziskaner)
Roger Baco. verlangte, dass man den ächten Aristoteles statt des scholastischen und
dass man die Natur studiren solle, wofür er freilich ins Gefängniss ge-
worfen wurde und dem Scheiterhaufen kaum entging,
coiiegium chimr- ' Von sehr günstigem Einfluss war die Stiftung des Collegium chirur-
gicum zu Paris. gicum zu p^ (zwischen 1260—78) durch Ludwig IX. und seinen Leib-
chirurg Pitard, als eigene, unabhängige, namentlich auch von der Geist-
lichkeit nicht beengte Schule, welche, in beständigem Kampfe mit der
eifersüchtigen medicinischen Facultät, an reeller Tüchtigkeit ihrer Leist-
ungen diese weit überflügelte und den wohlthätigen Einfluss der Chirurgie
auf die Medicin , der von da an zu allen Zeiten in Frankreich sich geltend
machte, vorbereitete,
sectionen. Ein erster wesentlicher Fortschritt in der thatsächlichen Wissenschaft
war die Wiedereinführung der Sectionen menschlicher Leichen , welche
Mondini. zuerst Mondini de' Luzzi, Professor in Bologna, 1306 an einem weib-
lichen Individuum, sodann öffentlich 1315 an einem zweiten vornahm. Er hat
Regungen. Schwarzer Tod. 55
hierauf sein Compendium (Anathomia) gegründet und gab selbst anatom-
ische Abbildungen heraus, obwohl er dabei allenthalben von den Galenischen
Vorurtheilen troz der eigenen Autopsie sich nicht loszusagen vermochte.
Indessen war doch wenigstens ein Anfang zu eigenen Anschauungen ge-
macht, der auch so imponirte, dass noch über zwei Jahrhunderte lang die
Mondinische Anatomie völlige Autorität behielt, jedes von seiner Be-
schreibung abweichende Verhalten eines Organs als abnorm angesehen
wurde und in Padua noch am Ende des 16. Jahrhunderts sein Compen-
dium obligat und allein zugelassen war.
Ein ungleich selbständigerer Geist war Guy de Chauliac in der Guy de chauiiac.
Mitte des 14. Jahrhunderts. Auch er hatte Leichen untersucht und sich
wenigstens von einzelnen Irrthümern Mondini's frei gehalten. Sein Haupt-
verdienst aber betrifft die Chirurgie, die Lehre von den Wunden, Blut-
ungen, Fracturen, Geschwüren und Operationen.
Auch Franz Petrarcha (f 1374), der das Studium der Medicin als Petrarcha.
Dilettant betrieb, hat die Verdorbenheit dieser Wissenschaft und ihrer
Träger durchschaut und sich in den stärksten Ausdrüken hierüber ge-
äussert (in der Schrift contra medicum quendam invectivae und in seinen
Briefen an Boccaccio, de Dondi, Guilelmo von Ravenna, Franz v. Siena
und Philipp von Cabassole).
Dessen Freund, Franz von Siena (f 1390), zeichnete sich durch Franz von siena.
practische Tüchtigkeit aus.
Um dieselbe Zeit (1347 — 52) wurde Europa von einer mörderischen Der schwarre
Seuche heimgesucht, welche mit dem Namen des schwarzen Todes be- Tod"
zeichnet wurde. Sie kam aus China, durchzog Asien, wo man ihre Opfer auf
37 Millionen Todte schäzte, erschien 1344 auf der Krim, 47 in Italien,
48 in Frankreich, Spanien und England, 49 in Dänemark und Deutsch-
land. Man gibt an, dass ein Viertel, selbst nach Anderen die Hälfte der
Bewohner Europas dieser Seuche erlegen seien. Die grösste Sterblichkeit
war in Italien und Frankreich, mehr als zwei Drittel der Menschen. In
Deutschland sollen allein 200,000 Dörfer völlig ausgestorben sein. In
Erfurt und Strasburg starben je 16,000, in Weimar 5000, in Basel
14,000, in Lübeck an einem einzigen Tage dritthalbtausend, im Ganzen
daselbst 80 — 90,000. Von den Barfüssermönchen sollen in Deutschland
allein 124,000 gestorben sein, im Hotel Dieu in Paris hatte man täg-
lich über 500 Todte. Grosse Familien, volkreiche Klöster starben ganz
aus und in manchen Gegenden blieb nur der 10. Mann übrig. Island und
Grönland, früher reich bevölkert, sollen ihre Verödung dem schwarzen
Tod verdanken. Die grösste Sterblichkeit war von Ostern bis Michaeli
56 D*e Medicin im Mittelalter.
1350. Man konnte nur noch die Menschen in Masse in grossen Gruben
begraben. Aber die Krankheit hielt drei Jahre lang an.
Die Art dieser Seuche , über die wir von dem Dichter Boccaccio eine
sehr lebendige Beschreibung , überdem von Guy de Chauliac die beste
ärztliche Darstellung besitzen, ist nicht ganz sicher zu stellen. Doch ist
das Wahrscheinlichste, dass sie als Bubonenpest anzusehen sei und dass
sie durch Contagion sich verbreitete.
Es sollen der Krankheit verschiedene eigentümliche Naturerschein-
ungen vorangegangen sein (vulkanische Ausbrüche, Nebel, starker Wind,
Gewitter, feurige Luftphänomene; man will viele Schimmelpflanzen, In-
sectenschwärme beobachtet haben). Auch Krankheiten der Wiederkäuer
sollen vorangegangen sein. Doch lässt sich alles diess nicht wohl sicher
feststellen.
Anfangs war ihre Verbreitung langsam; sie war schon 1344 bei der
Belagerung von der den Genuesern gehörigen Caffa auf der Krim unter
den Tartaren erschienen. Von dort aus wurde sie mit einem Schiffe,
dessen Mannschaft von 1000 auf 10 sich verringert hatte, nach Italien
gebracht und verbreitete sich unter den Angehörigen der Ankömmlinge
und von da auf die übrige Bevölkerung. Einmal in grosser Verbreitung,
war freilich die contagiöse Uebertragung nicht mehr zu verfolgen. Doch
wurde sie nach Bergen in Norwegen durch ein verschlagenes Schiff gebracht.
Der Verlauf der Krankheit war nicht überall ein gleicher, nur die
Sterblichkeit war die gleiche, denn es wurde höchst selten ein Befallener
gerettet. Kantakuzenes, der die Krankheit in Constantinopel beobachtete,
unterschied drei Formen:
1) Tod in der ersten Stunde oder doch am ersten Tage;
2) Stimm- und Gefühllosigkeit und Tod am 2 — 3. Tage;
3) heftige Brustsymptome , stinkender Athem , Trokenheit des
Rachens, heftiges Fieber, zuweilen Bubonen.
De Mussis beschreibt die Krankheit als mit einem heftigen Frost be-
ginnend, worauf heftige wie von Lanzenstichen herrührende Schmerzen
plözlich am ganzen Körper empfunden werden. Darauf entstehen in der
Achselhöhle, der Inguinalgegend oder an den Hüften harte Knoten, womit
ein äusserst intensives und fauliges Fieber mit Kopfschmerz zusammen-
fiel, worauf unerträglicher Gestank, bei anderen blutiger Auswurf, bei
anderen jauchige Blasen sich einstellten. Der Tod erfolgte am 1 — 3. Tage.
Guy de Chauliac beobachtete zu verschiedenen Zeiten der Epidemie
einen verschiedenen Verlauf. Bei den Einen (im Anfang der Epidemie)
waren continuirliche Fieber und Blutspeien die wesentlichsten Symptome
nnd der Tod erfolgte innerhalb drei Tagen; in späterer Zeit der Epidemie
Seuchen. 57
vergesellschaftete sich das continuirliche Fieber mit Carbunkeln und Eiter-
beulen in den Achselgruben und Inguinalgruben und der Tod erfolgte meist.
Als nüzliche Therapie wird die Venaesection, der Theriak und die
Localbehandlung der Geschwülste gerühmt.
Die Aerzte hielten sich grösstentheils rühmlich in der allgemeinen
Calamität; zwar hüllten sie sich mit Haaren und Kopf in einen langen
Talar von glatt gepresster Leinwand, bedekten das Gesicht mit einer
schnabelartigen wächsernen Maske, in welche Gläser zum Sehen einge-
fügt waren, während wohlriechende Kräuter und Oele den Schnabel aus-
füllten, machten auch oft genug nur von der Ferne aus ihre Beobacht-
ungen; aber sie blieben doch meist mitten in den inficirten Orten und viele
von ihnen wurden das Opfer ihres Berufs. Ihr Verhalten während der
Epidemie mag wesentlich dazu beigetragen haben, ihr Ansehen zu erhöhen,
obwohl ihre Kunst nichts oder wenig gegen die Krankheit vermochte.
Fast noch schreklicher als die Seuche selbst war ihre entsittlichende foigta d»>
Wirkung. Zwar wurde die allgemeine Angst bei Vielen die Ursache zu
fanatischen Bussmaassregeln und Schaaren von Geisseibrüdern und
Kreuzträgern jeden Geschlechts und Alters durchzogen nakt das Land;
bald aber verfielen diese Schwärmermassen in Ausschweifungen aller Art,
an denen das Volk sich mit Begierde betheiligte. Frühzeitig wurden die
Juden verdächtigt, dass sie durch Zauberei oder durch Vergiftung der
Brunnen die Krankheit herbeigeführt hätten und eine wilde Verfolgung
wendete sich gegen sie, zahlreiche Juden fielen der Seuche zum Opfer.
Mit dem schwarzen Tode scheint die Sittenverderbniss des Mittel-
alters sich auf alle Schichten ausgebreitet zu haben, und die Rohheit des
Zeitalters machte ihre Aeusserungen nur um so abstossender.
Es scheint, als ob die Seuchen mit dem schwarzen Tode einheimisch Ander« voiks-
geworden seien. Zwischen 1361 und 82 werden vier Pesten aufgezählt krankll«it«n-
und vom Jahr 1374 an geschieht der epidemischen Krankheit, welche
man die Tanzwuth genannt hat, Erwähnung. Es sollen ihr Epidemien
bei Thieren vorangegangen sein; auch soll in den Jahren 1354 und
1373 eine epidemische Tollheit in England geherrscht haben. Ge-
nauere ärztliche Beobachtungen der zuerst 1374 in Aachen beobachteten,
sodann über das ganze Rheinthal und die Niederlande sich verbreitenden
Tanzwuth liegen nicht vor. Die wesentlichsten Punkte sind: 1) der Reiz,
in rasenden Sprüngen herumzutanzen bis zur tiefsten Erschöpfung; 2)
darauf folgende Tympanitis, die durch Zusammendmken des Unterleibs
mit Tüchern sich besserte ; 3) Delirien und in den heftigsten Fällen epi-
leptische Anfälle vor dem tödtlichen Ende. Die Tanzwuthanfälle sezten
sich bis in den Anfang des 15. Jahrhunderts fort.
58 Die Medicin im Mittelalter.
Gleichzeitig häufen sich um diese Zeit die Mittheilungen der Schrift-
steller über anstekende Krankheiten der Genitalien, und bereits werden
auch secundäre Uebel dem unreinen Beischlaf zugeschrieben.
Einfluss der Epi- Verheerende Epidemien und neue Krankheiten gaben nicht selten der
^eiikuTde e Heilkunde einen Impuls und eine Wendung. So haben denn auch die
Calamitäten des 14. Jahrhunderts ihre günstige Wirkung gehabt. Nicht
nur wurde dem Bedürfniss nach besserer Verpflegung der Kranken durch
Pestilenzhäuser entsprochen und auf das Sanitätswesen überhaupt mehr
Sorgfalt verwendet, sondern auch das Studium der Wissenschaft wurde
mächtig angeregt. Die Aerzte fanden gegen die unerhörten Krankheits-
zufälle, welche sich ihnen in Masse darboten, in ihren Scholastikern, ihren
Arabern und ihrem Galen keinen Rath und keine Hilfe. Diese neuen
Formen passten auf keine Definitionen und fügten sich in keine Eintheil-
ung. Es blieb nichts anderes übrig, als zur eigenen Erfahrung zu greifen
und zu einem directen Studium der Natur sich wieder zu bequemen. So
haben zur Wiederaufnahme einer selbständigen Cultur der Heilkunde sehr
wesentlich die zahlreichen acuten und chronischen Krankheiten von neuer
Gestaltung beigetragen, welche das 14. Jahrhundert erlebte.
Fünfzehntes Es ist daher auch im 15. Jahrhundert ein bemerkenswerther Fort-
jahrhundcrt. schritt zur selbständigen Forschung nicht zu verkennen.
Im Anfang waren die Resultate freilich noch gering. Zwar traten im
15. Jahrhundert zahlreiche Aerzte auf, welche wenigstens ihre Scholastik
mit eigener Beobachtung ergänzten ; aber die Köpfe lagen noch zu sehr
in den alten Fesseln und man wagte noch nicht, die eigenen richtigeren
Anschauungen der scholastischen Doctrin und der Autorität des Galen
und der Arabisten entgegen zu sezen.
Jacob von Forii. Jacob von Forli (f 1415), berühmter Professor zu Padua, ist noch
vaiescus. durchaus abhängig von der Scholastik. — Valescus de Taranta, Arzt
in Montpellier, gab (1418) in seinem Werke Philonium bereits selb-
ständige Beobachtungen, vornehmlich über Epidemien und syphilitische
Krankheiten und verfasste auch einen Tractatus de epidemia et peste.
Montagnana. Bartholomäus Montagnana, Professor zu Padua (f 1460), obwohl
noch unter dem Einflüsse des Galenismus und der Araber, hat doch in
seinem Leben 14 Leichen secirt, gab seine e'igenen Erfahrungen als Con-
silia medica heraus und lieferte eine genaue Beschreibung des Aussazes.
Benedetti. Auch der Paduaner Professor Benedetti strebte in seinem Fache,
der Chirurgie, nach unbefangener und nüchterner Erfahrung,
savonaroia. Michael Savonarola, Professor in Ferrara und Leibarzt des Fürsten
Este (bis 1462), hat in seinen Werken (vornehmlich: Practica de aegritu-
Fünfzehntes Jahrhundert. 59
dine a capite usque ad pedes) eine für seine Zeit ungewöhnliche Selb-
ständigkeit.
Saladin von Asculo (um 1448) verfasste eine lange sehr angesehene saiadin.
Sammlung der Droguen (Compendium aromatoriorum 1468).
Auch wurden mehrere Sammlungen von medicinischen Schriften an-
gelegt (die sogenannte Articella, der Fasciculus medicinae von Ketham).
Jezt fing man auch an, die Aerzte und Wundärzte Prüfungen zu Medicinaipoiizei.
unterwerfen , ohne welche niemals ärztliche Thätigkeit gestattet war,
ausser wenn sie der Landesherr ausnahmsweise zuliess. Die Juden wurden
von der Heilkunde ausgeschlossen, was wesentlich zur Hebung des Stan-
des in den Augen des Volkes beitrug.
Auch fing man an, den Einrichtungen der Apotheken Aufmerksamkeit
zu schenken. Apotheken waren schon im 14. Jahrhundert aufgekommen.
Vielleicht die erste wurde in der Reichsstadt Esslingen (Schwaben) um
das Jahr 1300 errichtet. London und die Reichsstadt Ulm (1364) und
Nürnberg (1378) folgten nach. 1409 entstand die Löwenapotheke zu
Leipzig. Im 15. Jahrhundert wurden an mehreren Orten Apothekenord-
nungen erlassen (in Paris 1484, in Stuttgart 1486, in Berlin 1488 und
in Halle 1493).
Am Schlüsse des 15. Jahrhunderts und zu Anfang des 16. begannen Epidemien am
neue Epidemien das höchste Interesse in Anspruch zu nehmen und mit ja^hunderts
Staunen und Schreken die Völker zu erfüllen: der englische Schweiss, der
zuerst 1486 in England ausbrach, jedoch erst im folgenden Jahrhundert
Deutschland und Frankreich überzog, die bösartigen Anginen und die
Influenza. Auch scheint es, dass im Jahre 1477 zuerst der exanthe-
matische Typhus in epidemischer Weise sich gezeigt habe; doch wurde
er anfangs noch wenig beachtet und erst im Anfang des 16. Jahrhunderts
erregte er grössere Aufmerksamkeit.
Der Scorbut gewann mit dem Jahre 1486 eine epidemische Verbreit-
ung. Gregorius Fabricius von Chemnitz erzählt in den Annalen der Stadt
Meissen vom Jahre 1486: Grassatus est hoc anno novus et inauditus in
bis terris morbus, quem nautae Saxoniae vocant den Scharbock, qui est
inflammatio in membris partium carnosarum, cui quo celerius adhibetur
medicina eo citius malum restinguitur; sin mora accedit paullo tardior,
sequitur membri affecti mortificatio quam siderationem nostri, Graeci
sphacelum dieunt, ultimum gangraena malum. Nam caro ab ossibus de-
fluit et continua quoque a lue corrumpuntur. Fuit idem morbus conta-
giosus, multorum mortalium gravi periculo.
Endlich hatte 1493 die plözlich eintretende epideraieartige Verbreit-
ung der Lustseuche statt.
VIERTER ABSCHNITT.
Die Medicin im Zeitalter der Reformation.
Ursache n de:
Umschwungs,
Bliithe
der Städte.
Griechen
im Abendland.
Die ursächlichen und vorbereitenden Verhältnisse, welche im 16.
Jahrhundert den grossartigen, alle Cultur- und Lebensverhältnisse durch-
dringenden und auch in der medicinischen Forschung mächtig sich äus-
sernden Umschwung in den Geistern bewirkten, waren zahlreiche und
mannigfache.
Unter den politischen Verhältnissen war von besonderer Wichtig-
keit in dieser Hinsicht das Aufkommen der Städte mit ihren relativ ge-
bildeten und bildsamen Bewohnern im Gegensaz zu dem der Geistescultur
wenig günstigen Wesen und Treiben der Ritter; ferner die Entwiklung
unzähliger kleiner selbständiger Staatskörper, welche aus den theilweise
zerfallenden grossen Reichen sich herstellten : denn die Kleinstaaterei ist
in gewissen Grenzen der Wissenschaftspflege vortheilhaft. ,
Ein Ereigniss von unberechenbarer Tragweite für die Wissenschaften
überhaupt und für die Medicin insbesondere war aber die Eroberung Con-
stantinopels durch die Türken 1453. In Folge davon siedelten sich zahl-
reiche Griechen an der südfranzösichen Küste an und drangen da und
dort in das mittlere Europa ein. Diese Flüchtlinge zeichneten sich im
Vergleich zu der abendländischen Rohheit durch feine Bildung aus und
brachten nicht nur ihre Sitten und höhere Cultur, sondern zugleich ihre
Sprache mit in die neue Heimath. Das Griechische war bis dahin auch
dem Gelehrtesten unzugänglich gewesen und man hatte die griechischen
Autoren nur aus den entstellten Uebersezungen der Scholastiker gekannt.
Jezt fing man an griechisch zu lernen , und das Studium dieser Sprache
wurde in der gelehrten Welt bald mit besonderer Vorliebe getrieben.
Nun aber musste man erkennen , dass der Galen , der Aristoteles, der
Dioskorides und Hippocrates, wie sie bis dahin als unantastbare Gesez-
Ursachen des Umschwungs.
61
bücher gegolten hatten, himmelweit verschieden waren von den ursprüng-
lichen Schriften jener Griechen. Die Autorität, welche man der gefälschten
Uebersezung niemals streitig zu machen gewagt hatte , musste fallen,
sobald man die Fälschung erkannte; aber eben damit war sie auch für die
ächten Originale erschüttert. Man studirte sie zwar noch mit grossem
Eifer, lernte viel aus ihnen, aber das blinde Zutrauen hatte ein Ende,
und man fing an, die Beobachtung der Natur selbst zur Prüfung der grie-
chischen Vorbilder zu verlangen und nur in jener die wahre und einzige
Autorität zu erkennen.
Freilich führten die vertriebenen Griechen auch die neuplatonische
Philosophie und Theosophie in frischer Auflage wieder ein, und sie haben
dadurch manchen Keim zu neuen Verirrungen gegeben ; doch lag in der
Aufnahme des Naturstudiums ein kräftiges Gegenmittel gegen diese Mystik,
deren Ansehen daher nur partiell und vorübergehend bleiben und schliess-
lich von der wachsenden Naturforschung überwunden werden musste.
Wurde durch die Beschäftigung mit der classischen Literatur über- Buchdmk«rkunst.
haupt der Anstoss zu einer wissenschaftlicheren Cultur des Abendlandes
gegeben, so hat am Ende des 15. Jahrhunderts die Erfindung der Buch-
drukerkunst mächtig dazu beigetragen , die Bildung zu verbreiten und
Allen zugänglich zu machen. Von da an sind es nicht mehr einzelne
Bevorzugte , an deren Namen sich die Fortschritte der Wissenschaft
knüpfen, sondern von jezt an wird auf allen Punkten der civilisirten Welt
an der Cultur des Geistes gearbeitet. Die grösste Thätigkeit in Heraus-
gabe von Drukschriften zeigte sich zuerst in Italien, vornehmlich in Venedig.
Bis zum Jahre 1500 waren bereits 800 medicinische und naturwissen-
schaftliche Werke im Druk erschienen.
Die zahlreiche Vermehrung der Universitäten und das Aufkommen
von gelehrten Gesellschaften und Academien, besonders in den Städten
Italiens, belebte ferner das geistige Bedürfniss und förderte den geistigen
Verkehr.
Ueberhaupt aber war es der Charakter der Zeit am Schlüsse des 15.
und im Laufe des 16. Jahrhunderts, dass ein frischer Geist des eigenen
Prüfen« , Muth und Lust zum Opponiren und Protestiren gegen überkom-
mene Autoritäten durch die Welt ging. Der Druk der Kirche erfuhr am
stärksten den Rükschlag, und wenu die Erfolge auf andern Gebieten, zu-
mal in den Wissenschaften mit factischem Inhalt geringer waren , so ist
nicht zu vergessen, dass hier die Erndten langsamer reifen, als da, wo
der Gedanke allein die Herrschaft hat. Viele der eifrigsten Arbeiter in
den Naturwissenschaften und der Medicin gehörten übrigens der neuen
freiem kirchlichen Richtung an.
Universitäten
und gelehrte
Gesellschaften.
Stimmung
der Zeit.
62 Die Medicin im Zeitalter der Reformation.
Das Zeitalter der Reformation begnügte sich jedoch mit der Aufstell-
ung einer zweiten Orthodoxie gegen die herrschende. Die Protestanten,
welche gegen die Fesseln des Geistes sich auflehnten , nahmen die un-
bedingteste Unterwerfung für das in Anspruch, was sie selbst als Recht-
gläubigkeit erkannt hatten. Dieser Charakter der Umwälzung war zwar
für die profanen Wissenschaften nicht der erspriesslichste ; doch war die
Erschütterung der alten Autoritäten an sich schon für sie ein Gewinn
und in der Medicin zumal lag nicht sofort ein fertiges System bereit, das
an die Stelle der zusammenbrechenden Doctrinen gesezt werden konnte.
Die medicinische Reformation hatte glüklichervveise keinen einzelnen Re-
formator. Ein Versuch der Aufdrängung einer neuen naturwissenschaft-
lichen Dogmatik wurde zwar gemacht, aber er fand nur bei wenigen un-
klaren und verdorbenen Köpfen Anklang,
parteiun^en. Die Aufregung der Gemüther in dem Kampfe gegen lang und all-
gemein Geglaubtes war eine unermessliche. Es war eine Zeit der
heissesten Parteiungen und Parteikämpfe, und es lassen sich in dem Zeit-
alter der Reformation , wie in allen sturmbewegten Perioden , drei Richt-
ungen unterscheiden, die, wie auf allen andern Gebieten, so auch in der
Medicin sich bemerklich machten.
Die Richtung des gewissenhaften Fortschritts, die durch sorgfältige
und möglichst unbefangene Forschung und Prüfung die Wahrheit zu er-
mitteln und über den Irrthum aufzuklären sucht, gelangt meist langsam
und still zu Resultaten und nimmt nur ausnahmsweise durch besonders
bevorzugte Köpfe einen beflügelten Gang.
Mehr in die Augen fallend sind die stürmischen Umwälzungsversuche,
welche ohne klare Einsicht in die Lage und in die Bedürfnisse, wie
ohne Aengstlichkeit in der Wahl der Mittel die Zertrümmerung des Be-
stehenden anstreben, aber meist nur einen neuen Gözen und einen neuen
Wahn an die Stelle verfallender Autoritäten und Irrthümer sezen. Frei-
lich haben sie, indem sie das Bestehende aufs schonungsloseste angriffen,
nur zu oft der Finsterniss und dem Rükschritt schliesslich gedient.
Feindlich gegen beide, aber an Fanatismus nicht selten der Umsturz-
partei nichts nachgebend, haben auch im Refonnationszeitalter die hart-*
näkigen und blinden Bestrebungen der Viri obscuri, wie man sie nannte,
der Dunkelmänner, gewirkt.
Neben diesen Richtungen von entschiedenem Charakter fehlte es auch
nicht an dem wohlmeinenden , aber princip- und kritiklosen Haufen der
äusserlichen Conciliatoren , die in jeder grossen Entwiklungsperiode den
Schein der richtigen Mitte für sich in Anspruch nehmen, und die so häufig
das Unglük haben, Verkehrtes von allen Parteien in sich zu vereinen.
Philologische Leistungen.
63
Niemals ist übrigens zu erwarten, dass in solchen bewegten Zeiten
Vernunftmässigkeit und Ehrlichkeit ausschliesslich auf der einen Seite
stehe, und so müssen wir auch in der sturmvollen Periode der medicin-
ischen Bewegung uns an den Auswüchsen nicht stossen, von denen auch
die Besten sich selten völlig rein erhalten konnten.
die medicinischen Wissenschaften uiereeiien
allenthalben einen äusserst regen und vielgestalteten Eifer. Erscheinen ln ^*
Jahrhundert.
Herstellung
correcter
Ausgaben und
Uebersezungen
der antiken
Autoren.
Das 16. Jahrhundert brachte in
Erscheinen
uns heutzutage die Resultate der angestrengtesten Thätigkeit und des Medicin im h
lebhaftesten Kampfes jener Epoche noch nicht sehr ergiebig, so müssen
wir uns vergegenwärtigen , in welcher Versunkenheit das Wissen im
Mittelalter sich befand, und müssen anerkennen, dass wenigstens überall
die Wege angebahnt und die Schuttmassen bei Seite geschafft wurden.
Zunächst sind zu erwähnen die zahlreichen Bestrebungen, die Lehren
des Hippocrates und der antiken Vorbilder in ihrer Reinheit wieder her-
zustellen. Sorgfältigere Ausgaben wurden veranstaltet und durch den
Druk verbreitet; genaue Uebersezungen traten an die Stelle der durch
die Araber und die Mönche gefälschten Documeute des Alterthums, und
man fing an, sich die Aufgabe zu stellen, die ächten Schriften von den
unächten zu scheiden. Eine grosse Zahl gelehrter Aerzte hat an dieser
verdienstlichen Arbeit Theil genommen.
In Italien sind vornemlich zu nennen :
Nicolaus Leonicenus (1428 — 1524), Professor inFerrara, einer der
ersten, welcher auf das Studium der antiken Originale zurükging und
durch die Uebersezungen der Aphorismen des Hippocrates und durch seine
Kritik des Plinius den Anfang einer Wiederbelebung der Alten machte.
Johann Baptista Montanus (1498 — 1551), Professor in Padua, Her-
ausgeber des Galen, auch der zweite Galen genannt.
HieronymusMercurialis (1530 — 1606), Professorin Padua, Bologna
und Pisa, der die ächten und unächten Hippocratischen Schriften zu unter-
scheiden anfing.
Marsilius Cagnati (f 1610), Professor in Rom, der den Text der an-
tiken Schriftsteller nach genauen Handschriften säuberte.
Roderigo de Fonseca (aus Lissabon, Professor in Pisa und Padua,
um 1600).
In Deutschland machten sich bemerklich :
Wilhelm Koch (Copus) aus Basel (1471 — 1532), welcher gute Ueber-
sezungen einzelner Schriften von Hippocrates, Galen und Paul von Aegina
aus dem Griechischen und Lateinischen lieferte.
64 Die Medicin im Zeitalter der Reformation.
"Winther von Andernach (1487 — 15*74), erst Professor der griech-
ischen Sprache in Löwen und Strassburg , dann Professor der Anatomie
in Paris , welcher mehrere griechische Schriftsteller (Galen , Oribasius,
Alexander von Tralles) herausgab.
Johann Hagenbut (Cornarus) aus Zwikau (1500 — 1558), einer der
ersten sorgfältigen Editoren und Uebersezer des Hippocrates.
Theodor Zwinger (1533 — 1588), Professor in Basel, Uebersezer von
einzelnen Hippocratischen und Galenischen Schriften.
In Frankreich wirkten :
Jacob Houllier (Hollerius), Professor zu Paris (1498 — 1562), Her-
ausgeber der Coaca praesagia des Hippocrates und Commentator der
Aphorismen.
Ludwig Duretus, sein Schüler (1527 — 1586), ebenfalls Professor in
Paris und Commentator der Hippocratischen Vorhersagungen.
Anutius Foesius (1528 — 1595), ein anderer Schüler Houllier's, Arzt
in Metz, der erste gründliche Herausgeber und Uebersezer der sämmt-
lichen Hippocratischen Schriften.
In England endlich :
Thomas Linacer von Canterbury (1461 — 1524), nächst Leonicenus
einer der ersten Restitutoren der antiken Medicin, Gründer des medicin-
ischen Collegiums zu London und classischer medicinischer Lehrstellen
zu Oxford und Cambridge.
Johann Cajus (Kaye) aus Norwich (1510 — 1563), kritischer Bear-
beiter einiger Schriften von Galen, Celsus etc.
Die Bedeutung der freilich vorzugsweise philologischen Thätigkeit der
genannten Aerzte ist nicht zu unterschäzen. Sie bereitete die Einanci-
pation aus der Herrschaft der Scholastik und des Aberglaubens vor , und
die Beschäftigung mit den bessern Schriften der Alten führte nicht nur
zu einer freieren, sondern auch schliesslich, zu einer selbständigeren
Naturanschauung.
poi.mik gegen In engster Verbindung damit trat eine mehr oder weniger entschiedene
die Araber. Polemik gegen die Araber und ihre noch ungemein zahlreichen Anhänger
hervor. Mit besonderem Eifer wurden diese bekämpft durch Leonhard
Fuchs in Tübingen und Johannes Lange aus Löwenberg; auch Ser-
veto schrieb gegen die Araber.
Am heftigsten aber wurde der Kampf, als Peter Brissot, Professor in
Paris, als Gegner der arabischen Aderlässe, d. h. der Oeffnung einer von
der kranken Stelle entfernten Vene auftrat und dafür die Hippocratische
Venaesection in möglichster Nähe des afficirten Theiles empfahl. Dieser
Die Gegner Galen's.
65
Streit wurde zur Principienfrage und theilte die Aerzte in zwei Lager, die
Arabisten und Contra-Arabisten. Er dauerte noch nach Brissot's Tode
bis zum Ende des 16. Jahrhunderts fort. Es wurde die Brissot'sche
Neuerung für eine so gefährliche Kezerei als die lutherische erklärt; doch
entschied die zum Richter gewählte Fakultät zu Salamanca und selbst
Karl V., an den man schliesslich appellirte, sich für die Hippocratische
Venaesection.
Aber auch gegen die Galen'schen Lehren erhoben sich bereits Stimmen.
Der bedeutendste Gegner Galen's war Fernel (1497 — 1558), Professor
in Paris um die Mitte des Jahrhunderts, der sich mit Energie zugleich
gegen das ganze scholastische Treiben erhob und verlangte, dass man sich
nicht auf Autoritäten, sondern nur auf die Natur und die Beobachtung be-
rufen müsse.
Joh. Argenterius (1513 — 1572), obwohl ein schlechter Practiker,
doch ein berühmter Lehrer, lebte theils in Lyon, theils in verschiedenen
italienischen Städten, bekämpfte den Galen mit Philosophie und machte
manche treffende Einwendung gegen ihn und die Zeitgenossen. Er leug-
nete vornemlich die zahlreichen Spiritus der Galenisten oder führt sie
sämmtlich auf einen zurük : das Calidum innatum. Auch weist er die
Elementarqualitäten als Ursachen der Krankheit zurük und nennt die Krank-
heit eine Ametria. Er gehörte zu den aufgeklärtesten Denkern jener Zeit.
Seine wichtigsten Schriften sind: De erroribus veterum medicorum 1553;
Commentarii tres in artem medicinalem Galeni 1553; de somno et vigilia,
de spiritibus et calido innato libri II 1566.
Nicht geringere Bedeutung hatte sein Schüler Laurentius J o u b e r t
(1529 — 1583). Er war ein aufgeklärter Mann und da er Professor und
später Kanzler in Montpellier wurde, so machte er seine Lehre daselbst
heimisch und gab den Impuls zu der von da an sich ziemlich abschliessenden
Schule von Montpellier. Obwohl er als Bekämpfer der Galenisten grosse
Selbständigkeit zeigte, namentlich die Lehre von der Fäulniss und den
faulenden Säften sehr entschieden angriff (an die Stelle der Fäulniss
sezte er das Aufbrausen), ferner die Richtigkeit der Galen'schen Fieber-
lehre in Zweifel zog, das Naturnothwendige der Heilungen einsah, so fehlt
es doch bei ihm nicht an zahlreichen verunglükten und willkürlichen Ein-
fällen. Seine Hauptschriften sind: Paradoxa medica seu de febribus 1566
und Medicinae practicae libr. III. ; ein populäres Buch : Erreurs populairs
au fait de la medecine et regime de sante 1570 fand ausserordentlichen Bei-
fall, so dass binnen eines halben Jahrs über 6000 Exemplare verkauft wurden.
Wunderlich, Geschichte der Medicin. 5
Polemik gegea
Galen Fernel.
Arjenterio.
Joubert.
ß(3 Die Medicin im Zeitalter der Reformation.
Crato von \jm dieselbe Zeit zeigten sich in Deutschland Crato von Craftheim
UndCDudühmvon (1519—1585) und Andr. Dudith von Horekowitz (1533 — 1589),
Horekowitz. beides helle Köpfe, welche an der kirchlichen Reformation theilnehmend
auch in medicinischen Dingen aufgeklärtere Anschauungen hatten.
Anderntheils waren freilich die heftigsten Antigalenisten auf der Seite
der blinden Stürmer, von denen später erst die Rede sein wird.
Positive Neben dieser mehr principiellen Tendenzänderung fehlte es nicht an
Fortschritte mannigfachen werthvollen Bereicherungen des factischen Details.
in den Natur- ° °
wissen- Ein regerer Sinn beurkundete sich schon in der Neigung zu natur-
wissenschaftlichen, zumal botanischen Forschungen. Auch hier fing man
an, die Angaben von Aristoteles, Theophrast, Dioscorides und Plinius
zu bezweifeln (Barbarus und Leonicenus). Eine Anzahl von Aerzten
wendete sich mit Vorliebe der Untersuchung von Pflanzen zu und lie-
ferte Abbildungen : namentlich Brunfels in Mainz, Fuchs in Tübingen,
Bock (Tragus) und Tabernaemontanus in Saarbrük, Dodonäus, Lobelius
und Clusius in Holland, mehrere Italiener, besonders aber Conrad Gessner
aus Zürich. Dessgleichen fing man an, die Mineralogie und Zoologie
gründlicher zu studiren.
Anatomie, Die Umgestaltung der Ansichten über den Menschen selbst begann
mit der Anatomie, in deren Gebiet freilich, sobald nur die Vorurtheile
gegen Leichenöffnungen überwunden und einige technische Fertigkeiten
erworben waren, die Entdekungen von selbst sich in die Hände lieferten
und der Nachweis des früheren Irrthums greifbar war.
Hier wie auf so vielen Punkten beruht das Voraneilen der anatomischen
Wissenschaft vor den eigentlich praktischen Doctrinen weniger auf der
grössern Begabung oder dem ernsteren Streben ihrer Vertreter als viel-
mehr auf dem Vorzug, dass dieser Wissenschaftszweig auch dem schlichten
Verstände und einer massigen Ausdauer seine Geheimnisse bereitwillig
ausliefert.
Die Fortschritte in der Anatomie waren ungemein ergiebig und man
kann geradezu sagen, dass die Verhältnisse des gröberen Baus des mensch-
lichen Körpers im 16. Jahrhundert entdekt und festgestellt worden sind.
Es erscheinen diese Resultate um so immenser, wenn man bedenkt, dass zuvor
nicht nur so ziemlich gar keine factische Grundlage vorhanden war, sondern
dass auch noch die Galen'sche, nach Sectionen von Affen und andern Thieren
abstrahirte oder auch überhaupt nur imaginäre Anatomie mit ihrer eingewur-
zelten Autorität erst beseitigt werden musste; wenn man ferner bedenkt,
welche Hindernisse der anatomischen Forschung entgegenstanden und wie
Die Anatomie.
67
gross und nahe die Gefahr war, für kezerische Entdekungen und freiere
Ansichten dem Kerker und Scharfrichter überantwortet zu werden.
In Italien, zumal in Bologna, war durch Mondini eine Vorliebe für die
Anatomie einheimisch geworden und wurde durch die damaligen Fürsten
Italiens (die Medici in Florenz, die Gonzaga in Mantua, die Visconti in
Mailand, ja durch die Päpste selbst) aufs lebhafteste unterstüzt. Auch
hatte die Blüthe der Kunst in Italien einen fördernden Einfluss auf die
anatomischen Studien, und mehrere Künstler des ersten Ranges haben sich
um die Anatomie verdient gemacht, so namentlich Leonardo da Vinci
(f 1518), welcher in Verbindung mit dem Arzt Marc Antonio dellaTorre
die bildlichen Darstellungen der Anatomie begründete ; Rafaelo Santi
(f 1520);Rosso de Rossi (f 1541), und Michel AngeloBuonarotti (fl563),
der mit dem Anatomen Columbo in Verbindung war.
So entwikelte sich in Italien auf verschiedenen Punkten eine rege
Thätigkeit in anatomischen Untersuchungen, und wenn man will, die erste
selbständige anatomische Schule.
Zuerst ist zu nennen: Achillini (1463 — 1525), Professor in Bologna,
der das Labyrinth beschrieb und die Riechnerven und den Patheticus
kennen lehrte.
Auch Zerbi in Padua (1463 — 1505) machte sich durch Beobachtungen
über den Uterus und Embryo verdient.
Weit umfassender waren die Entdekungen Berengar's von Carpi,
Professor in Bologna (von 1502 bis 1527), der selbst angibt, dass er
mehrere Hunderte Leichen secirt habe. Man hat ihn beschuldigt, 2 lebende
Spanier secirt zu haben. Er schrieb Jsagogae breves perlucidae et uberrimae
in anatomiam humani corporis und Commentaria cum amplissimis . addi-
tionibus supra anathomiam Mundini. Er war zugleich ein bedeutender
Chirurg und glüklicher Praktiker, namentlich in der Behandlung der
Syphilis, zog sich aber wegen Anfeindungen 1527 nach Ferrara zurük und
starb 1550. Er verbesserte die Kenntnisse des innern Gehörorgans,
untersuchte zuerst das Os basilare näher, beschrieb die Augenmuskeln,
freilich noch ungenau, die Thränenpunkte, mehrere Muskeln und Knorpel
des Kehlkopfs, die Klappen am Herzen und in den Venen und vermuthete
ihre Function, zeigte, dass die Scheidewand des Heizens keine Oeffnung
habe (wie die Galeniker angenommen hatten), sondern das Blut in der rechten
Abtheilung abtrenne (die linke wurde als mit den spir. vitafis angefüllt
angenommen). Erzeigte den Verlauf der Unterleibsvenen; beschrieb zuerst
den Blinddarm und Wurmfortsaz genau, untersuchte ferner die Nieren
und zeigte, dass sie nicht, wie man glaubte, ein Sieb seien. Zu dem Ende
injicirte er die Renalvene mit einer Flüssigkeit. Ueber das Gehirn hatte
5*
Berengar.
68
Die Medicin im Zeitalter der Reformation.
Massa.
Canano.
Vidus Vidins und
Winther.
Sylvius.
Etienne.
er noch sehr dürftige Vorstellungen, doch kennt er 4 Hirnhöhlen, den
Plexus choroideus, den Zusammenhang mit dem Rükenmarkkanal, lehrte
zuerst, dass aus dem Kleinhirn keine Nerven entspringen, sondern alle
aus dem Grosshirn und der Oblongata oder dem Rükenmark. Er beschreibt
zuerst die 8 Cervicalnerven genauer und richtig, sowie er die Anatomie
des Rükenmarks begründete.
Alessandro Benedetti, Professor in Padua im Jahr 1525, schrieb
ein anatomisches Handbuch, in welchem jedoch die beigefügten prak-
tischen Bemerkungen von grösserm Werth sind als die anatomischen
Beschreibungen.
Nicolaus Massa lebte in Venedig und starb 1564 oder 1569; er
schrieb ein Liber introductorius anatomiae und Epistolae medicinales.
Er hat sehr viel zur Kenntniss des menschlichen Körpers beigetragen.
Er stellte die Osteologie des Schädels fest, entdekte den Ursprung des
Olfactorius, mehrere Antlizmuskeln, den Genioglossus und die muskulöse
Beschaffenheit der Zunge ; beschrieb den Plexus choroideus genauer, glaubte
aber, dass darin die Seele size. Er kannte genau die Lage des Magens,
entdekte die lymphatischen Gefässe der Nieren, die Samenbläschen und
beschrieb die Accidenzorgane der weiblichen Genitalien.
Canano in Ferrara (1543) beschrieb genauer die Muskeln des Ober-
arms und gab davon sehr gute Abbildungen.
Indessen hatte (um 1532) Vidus Vidius (Guido) aus Florenz den
Sinn für Anatomie in die Pariser Schule verpflanzt. Winther von An-
dernach, ursprünglich in Löwen, wurde Professor der Anatomie in Paris,
ohne erhebliches zu leisten.
Sylvius (Dubois) dagegen, ebenfalls in Paris, der erst mit 53 Jahren
Baccalaureus der Medicin wurde, ein vielseitig gebildeter Mann und als
Lehrer von europäischer Berühmtheit, zeichnete sich durch ungewöhnliche
Geschiklichkeit im Seciren aus. Er hatte zuerst die Idee, die Gefässe
mit farbigen Flüssigkeiten zu injiciren, gab dieselbe aber wieder auf. Ob-
wohl noch in Galen'scher Autorität befangen, machte er manche Ent-
dekungen, fand z. B. die Fossä und den Aquäduct im Gehirn, welche
seinen Namen tragen, und die Klappe an der untern Cava. Er beschrieb
den Panniculus adiposus. Besonders aber hat er nüzlich gewirkt, indem
er die nogh jezt gebräuchliche Terminologie der Gefässe und Mus-
keln einführte.
Ein Schüler des Sylvius war Charles Etienne (geb. 1503, zugleich
Buchdruker und vielfach wegen Kezerei verfolgt, starb 1564 im Ge-
fängniss). Er gab nicht nur anatomische Abbildungen heraus, sondern
Die Anatomie. 69
hat vornemlich die Anatomie der Knochen, Knorpel und Ligamente der
Hauptsache nach festgestellt, auch die Lehre von den Muskeln gefördert.
Er unterschied die weisse und graue Gehirnsubstanz, beschrieb den Phre-
nicus, zeigte, dass mehrere der Venen mit dunklem Blut gefüllt sind, die
Arterien aber ein helles und lufthaltiges Blut enthalten.
S e r v e t o, ein anderer Schüler des Sylvius, gleichfalls wegen kirchlicher serveto.
Kezerei verfolgt, wurde auf Calvin' s Veranlassung in Genf eingekerkert
und hingerichtet, ein trauriges Beispiel, wie wenig die Häupter der kirch-
lichen Reformation die Freiheit des Geistes, die sie für sich in Anspruch
nahmen, andern zu gewähren geneigt waren. Er hat die Beschaffenheit
des Septums der Ventrikel näher kennen gelehrt und mochte eine dunkle
Ahnung von dem Mechanismus des Kreislaufs haben.
Bis hieher zeigten die Anatomen immer noch eine grosse Schüchtern-
heit im Abweichen von Galen ; sie begnügten sich ihn zu commentiren und zu
vervollständigen. Selbst ein kleiner Widerspruch wurde nur mit der
grössten Vorsicht vorgetragen.
Ein selbständigerer Geist durchbrach diese Schranke. Es war ein ve$ai.
anderer Schüler des Sylvius: Andreas Vesal (Wesele), geboren 1514 in
Brüssel. Nachdem er in Löwen studirt hatte, begab er sich nach Paris,
wo Vidius, Winther und Sylvius seine Lehrer waren und wo er mit grösstem
Eifer Anatomie trieb. Menschliche Leichen waren noch so selten zur
Section zu erhalten, dass sie nicht bis zu den Studenten gelangten ; er
secii'te daher Thiere, so viel er finden konnte; an einem am Galgen ge-
stohlenen Skelett lernte er Osteologie. Kaum 20 Jahre alt wurde er
Militärchirurg und jezt erst machte er seine erste Section einer mensch-
lichen Leiche. Mit 23 Jahren wurde er Professor in Padua, trug dreimal
noch die Anatomie nach Galen vor, sagte sich dann aber, als der erste,
der es wagte, mit Entschiedenheit von der Galen'schen Anatomie los. Er
las abwechselnd in Padua, Bologna und Pisa, und befand sich dazwischen
in Deutschland und Holland. 1542 gab er einen Grundriss der Anatomie
mit Abbildungen, welche Stephan von Calcar, Tizian's Schüler, geliefert
hatte, 1543 sein grosses Werk de humani corporis fabrica in 7 Büchern
heraus, troz der Warnung seiner Freunde, welche ihm die grössten Ver-
folgungen voraussagten. Die heftigsten Gegner erhoben sich in derThat
gegen ihn, vor allen sein Lehrer Sylvius, der ihn für einen wahnsinnigen
Kezer erklärte, dessen Gifthauch ganz Europa verpeste. Auch war der
Lärm so gross, dass Kaiser Karl V. das Werk der Inquisitions-Censur
vorlegen Hess und dass die theologische Facultät von Salamanca darüber
befragt wurde, ob es katholischen Christen zu gestatten sei, Leichen zu
70
Die Mediciu im Zeitalter der Reformation.
Columbus und
Arantius.
Eustachi und
Ingrassias.
seciren, worüber die Antwort (1556) glüklicherweise bejahend ausfiel.
Nicht wenige seiner Gegner überzeugte Vesal und zahlreiche Anhänger
gewann er dadurch, dass er auf Reisen überall anatomische Demonstra-
tionen an Leichen vornahm. Doch dauerten die Anfeindungen fort und
Vesal verliess Italien, ging nach Brüssel, sodann als Professor nach
Basel, wo er die zweite Auflage seines Werks besorgte, darauf nach
Spanien als Leibarzt Philipps IL Dort verfiel er in Hypochondrie, viel-
leicht auch in Misshelligkeiten mit der Inquisition, unternahm in Folge
davon eine Reise nach Jerusalem, litt Schiffbruch, zog sich dabei eine
Krankheit zu und starb 1564.
Vesal's Arbeiten haben über die meisten Theile des menschlichen
Körpers eine genauere Kenntniss gegeben. Die wichtigsten Punkte, auf
welchen er die Anatomie förderte, sind : Im Gehirn entdekte er den fornix
und das septum pellucidum, sowie die Respirationsbewegung des Gehirns;
sodann wurde das dritte Gehirnnervenpaar und der Hypoglossus zuerst
von ihm genau beschrieben. Es wurden die Dorsalnerven von ihm fest-
gestellt, die Thränendrüse und die Thränenkarunkel beschrieben. Er ver-
vollständigte die Kenntniss vom knöchernen Gehörorgan, stellte den Bau
des Brustbeins und Os sacrum fest, widerlegte das Vorhandensein eines
Herzknochens und eines Hautmuskels, wies die Beschaffenheit der Muskel-
substanz nach, zeigte den Verlauf der Art. subclavia und der Azygos,
lehrte das Mediastinum kennen , beschrieb zuerst die Cardia und den
Pylorus genau, sowie Nez, Leber und Prostata.
Seine bedeutendsten Schüler waren Columbus (sein Prosektor), der
die Kehlkopfstaschen, die Duplicaturen des Bauchfells beschrieb und die
Nerven bis zu den Muskeln verfolgte, und Arantius, welcher das ovale
Loch beschrieb und den fälschlich nach Botalli benannten Ductus arteriosus,
sowie die nach ihm benannten Theile (Noduli Arantii, canalis venosus
Arantii) entdekte, manche Gehirntheile genauer nachwies und die Ana-
stomosen der Arterien verfolgte.
Gleichzeitig mit Vesal lehrte Eustachi in Rom und Ingrassias in
Neapel. Eustachi beschrieb zuerst die Muskeln des Gehörorgans und mit
grosser Genauigkeit die des Kopfes, Halses und Nakens, entdekte den nach
ihm benannten Gang und den Ductus thoracicus, beförderte die Kenntniss
von den Arterienanastomosen und von dem Bau der Nieren, entdekte die
Nebennieren, den Ursprung der Sehnerven und des sechsten Paars und
gab zuerst eine richtige Abbildung des Uterus. Von seinen eigenhändigen
anatomischen Tafeln wurde nur ein Theil während seines Lebens ausge-
geben (1552).— Ingrassias entdekte den Steigbügel und beschrieb zuerst
Die Anatomie. 71
das zusammengesezte Skelett genau, so dass später wenig mehr hinzu-
gefügt werden konnte.
Der unbefangenste und genialste unter den italienischen Anatomen Kaioppia.
war aber Gabriel Faloppia (geboren 1523, gestorben 1563), Professor
zu Ferrara, Pisa und Padua, der in einer kurzen Laufbahn ausserordent-
liches leistete, die Zahl seiner Sectionen jährlich bis auf 7 brachte, auch
einmal einen Menschen mit Genehmigung des Fürsten durch Opium ver-
giftete, um ihn nachher zu seciren. Er bewies, dass die Nerven nicht aus
der Dura entspringen, entdekte die Ganglien, beschrieb zuerst den Quintus,
Acusticus und Glossopharyngeus richtig; er zeigte den innern Bau des
Augs, entdekte das Trommelfell und die Sinus petrosi, wies die Noth-
wendigkeit der Muskeln für die Bewegung nach, beschrieb zuerst genau
die Zungenmuskeln, Bauchmuskeln und einige Schenkelmuskeln, lehrte
die lymphatischen Gefässe kennen. Die fälschlich nach Bauhin genannte
Darmklappe wurde von ihm entdekt, ebenso das Röhrensystem in den
Nieren, obwohl es zum Theil nach Bellini benannt wird. Er beschrieb
den Sphincter vesicae und entdekte die Samenbläschen. Die runden Mutter-
bänder, die Trompeten, die Eierstöke, die Clitoris wurden zuerst von ihm
genau dargestellt; ebenso das Hymen, das kein einziger der Anatomen
des Zeitalters anerkennen wollte. Sein Hauptwerk sind die Observa-
tiones anatomicae 1561.
Faloppia's bedeutendste Schüler waren: Volcher Koyter ausGro- Koyter und
ningen und Hieronymus Fabricius von Aquapendente, welche beide vor-
zugsweise die Anatomia comparata förderten, während Jener zugleich in
der Lehre vom Gehörorgan, Lezterer in der von der Entwiklung wesent-
liche Fortschritte repräsentirte.
Ausserdem sind noch hervorzuheben : Varoli, Professor in Bologna, varou.cesaipino,
der die Commissuren, die Brüke und die Hirnschenkel genau beschrieb
(1573); Cesalpino aus Florenz (1583), welcher den arteriellen Charakter
der Lungenarterie nachwies, auch eine völlig richtige Vorstellung von dem
Bau, aber nicht von den Functionen des Herzens hatte und allerdings
den Blutlauf in den Venen für centrifugal hielt; Giulio Casserio
(1561 — 1616), Schüler des Fabricius ab Aquapendente, Professor in
Padua, untersuchte vornemlich die Stimme und das Gehörorgan und gab
darüber Abbildungen.
Damit endete die glänzende Periode der italienischen Anatomie, wie
auch ungefähr um dieselbe Zeit (Mitte des 16. Jahrhunderts) das politische
L eben in Italien erlosch, und die gesammte Literatur wie die Kunst ent-
arteten. Die krämerische Natur des Herzogs Cosmo von Toscana war
wenig geneigt, seiner Vorfahren Beispiel in ünterstüzung der Wissen-
72 Die Medicin im Zeitalter der Reformation.
schaft nachzuahmen. Ferrara kam unter päpstliche Herrschaft; in Rom
wechselten die Päpste in rascher Folge ; in Neapel herrschten des spa-
nischen Philipp's Vicekönige, und die Handelsherren, welche die vene-
tianische Republik regierten, fingen an, die Sparsamkeit für nothwendig
zu erachten, und beschränkten auf der Universität Padua die bisherige
freigebige Unterstüzung.
Spanien Nach Spanien wurde die Anatomie von Valverde de Hamusco, nach
Deutschland durch die Baseler Professoren Felix Plater (1550 — 1614)
und Caspar Bauhin (1550 — 1624), der namentlich die Terminologie ver-
besserte, gebracht. Alle drei, wie auch Alberti, Professor in Witten-
berg und nachher Leibarzt in Dresden (1 540 — 1 600), lieferten Bilderwerke.
pathoi ogischa Auch in der pathologischen Anatomie wurden im 16. Jahrhundert einige
Anfänge gemacht und die Wichtigkeit dieses Wissenschaftszweiges als
Grundlage für die gesammte Pathologie wurde wenigstens von Einzelnen
gewürdigt. Eustachi bedauerte noch in seinem Alter, die krankhafte
Veränderung der Organe zu wenig verfolgt zu haben und gibt an, dass
die Gicht ihn verhindert habe, die angefangenen Studien darüber zu
vollenden; und Fernel (1497 — 1558) sagt „nunquam ullum plane cog-
nitum penitusque perspectum esse morbum putaverim, nisi compertum
habeatur et quasi oculis cernitur, quae in humano corpore sedes primario
laboret et quis in ea sit affectus praeter naturam". Derselbe theilt, wie
Galen, die Krankheiten ein in similares, organici und communes, und es
finden sich bei ihm bereits zahlreiche pathologisch-anatomische Thatsachen.
Doch wurden die pathologischen Veränderungen in den Leichen mehr
gelegentlich gefunden und nur ausnahmsweise machte man die Section,
um über den Krankheitsfall selbst Klarheit zu gewinnen.
Darum wendete sich auch die Aufmerksamkeit weit überwiegend den
groben, auffallenden und staunenerregenden Veränderungen zu.
Besonders waren es die Steine im Körper, welche viele Anatomen
lebhaft interessirten.
Kenntmann in Dresden sammelte Fälle von steinigen Concretionen
an verschiedenen Orten des menschlichen Körpers und theilte sie G essner
mit, der sie (in der Schrift de omni rerum fossilium genere, lapi-
dibus etc. 1565) veröffentlichte.
Vesal soll ein pathologisch-anatomisches Werk verfasst haben; es
ist verloren gegangen und wurde auf das Gerücht hin, dass es in Spanien
irgendwo verborgen sei, 1812 durch den französischen Gesandten daselbst,
den Grafen Laforest, vergeblich gesucht.
Die pathologische Anatomie. "73
Columbus machte mehre pathologisch-anatomischeBeobachtungen,
z. B. die der Abwesenheit des Pericardiums.
Auch ein Sepulchretum von Peter Castelli in Messina (nach 100 Sec-
tionen) und ein pathologisch-anatomisches Werk von Ulmo gingen verloren.
Von Koyter (Obs. variae novis, diversis ac artificiosissimis figuris
iliustratae 1573) sind manche gute Beobachtungen gemacht worden über
die knöcherne Natur mancher Ankylosen, über das Vorkommen von Aus-
schwizungen im Gehirn und Rükenmark bei Delirien, Convulsionen und
Paralysen.
Dodoneus in Holland machte Fälle von Pneumonie, von Magen-
geschwür, Bauchmuskelentzündung, von Aneurysmen der Coronariae des
Magens und von steinigen Concretionen in den Lungen bekannt (Observ.
medicinalium exempla rara 1581).
Donatus (de medica historia mirabili 1586) machte eine Anzahl
merkwürdiger Beobachtungen und sammelte gleichfalls die Erfahrungen
über Steinbildung im Körper.
Auch Ballonius in Paris gab eine Anzahl von pathologisch-anato-
mischen Bemerkungen (Paradigmata et historiae morborum).
Von besonderem Interesse ist der Versuch Schenk's von Grafen-
berg, Arztes in Freiburg im Breisgau, eine grosse Anzahl von eigenen
und fremden pathologisch-anatomischen Beobachtungen in seinen Obser-
vationum medicarum rariorum novarum, admirabilium et monstrosarum
libri 7 (1600) zu vereinigen. Er legte darin bereits einen reichen Schaz
von wichtigen Erfahrungen über die krankhaften Veränderungen in allen
Theilen des Körpers nieder.
Eine grosse Zahl anatomischer Beobachtungen hat auchFelix Plater
aus Sitten, Professor in Basel (1536 — 1614) in seinen Observationum
in hominis affectibus plerisque libr. 3 (1614) zusammengebracht: viele
darunter sind werthvoll; eine noch grössere Menge dagegen ist kritiklos
gesammelt.
Mit der Anatomie war ferner die Chirurgie im nächsten Connex. In Chirurgie,
derselben hat die italienische Schule des 16. Jahrhunderts nicht uner- italienische
hebliche Leistungen gemacht, welche mit der Förderung der Anatomie im
engen Zusammenhang stehen. Auch hier überragte die Bologneser Fa-
kultät durch Angiolo Bolognini, Berengar und Maggi das ganze übrige
Italien. Doch sind auch Vigo, der freilich die Meinung von der Giftigkeit
der Schusswunden verbreitete, Ingrassias (de tumoribus praeter naturam)
und Fabricius ab Aquapendente zu nennen.
Chirurgie.
74
Die Medicin im Zeitalter der Reformation.
Deutsche
Chirurgie.
In Deutschland lag die Chirurgie noch in tiefster Rohheit und nur
Felix Würtz zu Basel, der auf eigene Beobachtung drang (Practica der
Wundarznei 1563) machte eine rühmliche Ausnahme.
Es war die Chirurgie fast durchaus in den Händen der Bader und
Bartscherer, ein Gewerbe, das immer noch wie das der Schinder unehrlich
war, in dem Grade, dass kein Handwerker einen jungen Menschen in die
Lehre nahm, der mit einem Bader oder Bartscherer verwandt war. Die
Chirurgen zogen, begleitet von ihrem Hanswurst, auf den Märkten herum
und priesen ihre Kunst unter Paukenschlag und Possenreissen dem ver-
sammelten Volke an. Kaiser Wenzel versuchte die Bader 1405 seiner
Concubine zu lieb ehrlich zu machen; doch gelang es ihm nicht, die Vor-
urtheile des Volks auszurotten.
Französische
Chirurgie.
Pare.
In Frankreich waren die Chirurgen durch ihre Gleichstellung mit den
Aerzten ganz besonders begünstigt Die Eifersucht der Fakultät, welche
sogar die Bundesgenossenschaft der Baderinnung gegen das verhasste
Collegium chirurgicorum nicht verschmähte, führte jedoch viele äusserliche
Streitigkeiten und Kämpfe herbei und drängte die wissenschaftliche Arbeit
zurük. Mit dem Jahr 1545 wurden durch den Leibchirurg Franz des
Ersten, Vavasseur, die Standesverhältnisse fixirt, die Bader, welche durch
den Einfluss der. Fakultät mit dem Titel der Barbiers-chirurgien s ge-
schmükt auf Anstiften derselben Fakultät Antheil an dem Collegium
chirurgicum forderten, wurden völlig abgetrennt und die Privilegien der
Wundärzte erweitert.
Nichtsdestoweniger ist gerade aus der Zunft derBarbiers-chirurgiens
einer der grössten Chirurgen hervorgegangen, welche Frankreich gehabt
hat : Ambroise Par6.
Derselbe wurde 1517 geboren, kam zeitig zu einem pariser Barbier in
die Lehre und erwarb sich chirurgische Kenntnisse durch einen dreijähr-
igen Besuch des Hotel Dieu. 19 Jahre alt machte er als Barbier-chi-
rurgien des Marschall Mont Jean den Feldzug gegen CarlV. mit, entdekte
dabei die nichtgiftige Natur der Schusswunden und fand, dass dieselben
weit besser heilen, wenn sie einfach behandelt, als wenn sie wie gebräuch-
lich mit siedendem Oel ausgebrannt werden. Seine vortreffliche Schrift
über Schusswunden erschien nach Beendigung der Feldzüge 1545, das
erste in französischer Sprache geschriebene wissenschaftliche Werk. Nun
trat Pare als Prosector von Sylvius ein und gab eine kurze Anatomie
heraus, welche lange als das brauchbarste Handbuch für Chirurgen galt.
Bereits hatte derselbe eine grosse chirurgische Berühmtheit erlangt, vor-
Die Chirurgie. 75
nemlich durch seine schonende Behandlung der Verlezten, die er im Feld-
zuge von 1552 erprobte, und durch die von ihm zuerst statt der Caute-
risation vorgeschlagene Ligatur der Arterien bei der Amputation. Er
wurde in Folge davon unter die Leibchirurgen des Königs und 1554 in
das Collegium von St. Cume aufgenommen, troz des Widerspruchs der
Universität, welche es für unmöglich hielt, das Jemand, der kein Latein
verstehe, einem gelehrten Körper angehören könne. Aber auch ohne Latein
stieg Pare's Ruhm immer höher, er wurde 1563 premier Chirurgien du roi
und soll 1572 einer der wenigen Hugenotten gewesen sein, dessen Scho-
nung in der Bartholomäusnacht der König befohlen habe. Dagegen
dauerten die Anfeindungen der Collegen und besonders der Aerzte fort
und erreichten den höchsten Grad, als Pare es wagte, die Wirksamkeit
der bis dahin beliebtesten Arzneimittel, des Einhorns und der Mumie, in
Zweifel zu ziehen. Pare starb 1590.
Ambr. Pare hat die Chirurgie von der Herrschaft der Scholastik be-
freit. Obwohl er Hippocrates sehr hochhält und in vielen Punkten die
hippocratische Lehre herstellte, und Galen's Theorien gelten lässt, obwohl er
ferner sich nicht scheute, ganze Abschnitte aus seinen Vorgängern zu ent-
nehmen, so dringt er doch auf selbständige Forschung, denn mehr Dinge seien
noch zu suchen, als schon gefunden. Er hat auf allen Punkten die Wund-
arzneikunst durch einsichtsvolle Beobachtung der Thatsachen und durch
Verbesserung des therapeutischen Verfahrens gefördert. Der richtigen
Beurtheilung der Behandlung der Schusswunden , der Einführung der
Arterienligatur ist schon Erwähnung gethan. Das Glüheisen, das zuvor
die hauptsächlichste Procedur in der Chirurgie gewesen war, wurde von
ihm beschränkt, die Castration bei der Radicalheilung der Brüche be-
seitigt, das Bruchband eingeführt, die Trepanation wesentlich verbessert;
er führte den Kronentrepan ein und hat die Verhärtung der Prostata als Ur-
sache hartnäkiger Strangurie nachgewiesen. Ein nicht geringeres Verdienst
erwarb er sich aber durch die richtige und besonnene Auffassung von den ver-
schiedensten und alltäglichen chirurgischen Vorkommnissen und es kann
ihm bei so vielfacher Bewährung eines vorurtheilsfreien Geistes sein
Glaube an Hexen und Zauberer wohl nachgesehen werden. Sein Grund-
saz : un remede experimente vaut mieux qu'un nouveau invente charak-
terisirt seine richtige und solide Denkungsweise. Er selbst fühlte den
Werth seiner Leistungen, indem er ausruft: Mais arriere enuieux: car
eternellement on verra maugre vous ce mien ouvrage vivre.
Auch dass er sich der französischen Sprache statt der lateinischen
bediente, ist von Bedeutung.
Pare hat der französischen Chirurgie noch weiter dadurch genüzt, dass
französische
Chirurgen.
76 Die Medicin im Zeitalter der Reformation.
er eine grosse Anzahl tüchtiger Schüler zog. Die Superiorität der fran-
zösischen Chirurgie wurde hiedurch auch für die Folge begründet.
Andere Der bedeutendste Schüler Pare's war Jacques Guilleraeau (1550 bis
1613), ein gelehrter Mann, der Pare's Werk in's Lateinische übersezte,
viel zur Verbreitung seiner Lehren beitrug, über die Krankheiten des
Augs, über die Aneurysmen und über die Trepanation nicht Unbedeu-
tendes leistete. Severin Pineau, der als Lithotom bekannt, Habicot
als Lehrer sehr geschäzt, ausserdem Pigray, Jaques de Marque u. A.
Ausserhalb der Pare'schen Schule war Thierry de Hery als Syphilidothe-
rapeut sehr gesucht. Auch Pierre Franco (über Hernien, den Stein-
schnitt) und der Spanier Franciscus Arcäus sind unter den Förderern der
Chirurgie im 16. Jahrhundert zu nennen.
Geburtshilfe. Auch in der Geburtshilfe fing es an sich zu regen. In den Anfang
des Jahrhunderts fällt der Nufer'sche Kaiserschnitt; Eucharius Roslins
der swangern Frawen und Hebammen Rosengarte (1512) war der erste
freilich dürftige Versuch einer isolirten Bearbeitung dieser Wissenschaft,
die bis dahin nur als Zweig der Chirurgie gegolten hatte. Einen zweiten
Rosengarten gab Walter Reiff 1545 heraus, womit er jedoch noch weniger
Ehre eingelegt hat. Der „Burger und Steinschnyder der loblichen Stadt
Zürych" IacobRuetT versuchte sich 1554 gleichfalls in der Schriftstellerei
über dieses Fach.
Von grossem Einfluss waren die durch die italienische Anatomie be-
wirkten Aenderungen der Ansichten über die weiblichen Genitalien und
Berengar, Massa, Vesal, Columbus, Faloppia, Eustachi haben die Ge-
burtshilfe mehr gefördert, als die praktischen Geburtshelfer selbst.
In Frankreich hatPare durch die Wiedereinführung der Wendung auf
die Füsse einen epochemachenden Schritt gethan, zugleich aber auch in
vielen sonstigen Punkten besonnene und angemessene Vorschriften gegeben.
Ausser ihm haben Peter Franco und Jacques Guillemeau an der Erhebung
der Geburtshilfe aus den Händen der Hebammen und Barbiere Antheil.
Rousset (1581) brachte den Kaiserschnitt wieder zu Ehren und lehrte
seine Anwendung bei Lebenden, der in diesem Jahrhundert bereits von
Empirikern mehrfach ausgeübt worden. Caspar Wolf veranstaltete (1565)
eine Sammlung von gynäcologischen Schriften (Gynäcia), der Waldkirch,
Bauhin und Spach mit ähnlichen folgten.
Einfiuss- In der eigentlichen Medicin oder innern Heilkunde war gleichfalls ein
reiche wesentlicher positiver Fortschritt zu bemerken, doch liegt es in der
italienische r
Aerzte. Natur der Sache, dass derselbe nicht so in die Augen fallend sein konnte
als in Anatomie und Chirurgie,
Italienische und französische Aerzte. 77
Die bedeutendsten Männer, welche auf die vorteilhafte Gestaltung
der Medicin im Ganzen von Einfluss waren, sind unter den Italienern
Antonio Beniveni, am Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts
(de abditis nonnullis et mirandis morborum et sanationum causis 1506).
Er war der erste, welcher durch Aufzeichnung einzelner Krankheitsfälle
eine richtige Grundlage der Erfahrung und die sogenannte pathologische
Casuistik begründete.
Sodann der schon bei der Anatomie genannte Benedetti.
Manardo aus Ferrara, Leibarzt des Königs von Ungarn (f 1536),
hielt sich vornemlich von astrologischen Vorurtheilen frei. Giambattista
de Monte (oder Montanus) Mar ein sorgfältiger Beobachter und schrieb
eine Methodus docendi und Meth. medicinae universalis.
Massa, der als Anatom und als Darsteller epidemischer Krankheiten
und der Syphilis sich Ruhm erworben hatte, hat in seinen Epistolae medi-
cinales et physiologicae (1542) zahlreiche werthvolle Beobachtungen
niedergelegt.
Man de IIa, Arzt in Brescia, suchte in seinen Epistolae medicinales
(1538) dem Aberglauben entgegenzutreten und zum Hippocratismus zu-
rükzuführen.
Valleriola (enarrationum medicinalium libri VI. responsorium lib. I.
1554; Locorum communium libr. III. 1553 und Observat. medicinalium
libr. IV. 1573) konnte sich zwar von der Autorität Galen's und der Araber
nicht trennen, war aber nichtsdestoweniger fleissiger Beobachter.
Benedictus Victorius und Helidäus waren berühmte Kliniker
aus Bologna.
In Frankreich war Fernel (schon erwähnt) der bedeutendste. Er Französisch»
hat vorzugsweise auf die Veränderungen der Festtheile, Gewebe und
Organe im Gegensaz zu den Säften Gewicht gelegt: Universa medicina
1554. Therapeutices universalis seu medendi rationis libr. 7. 1554. Fe-
brium curandarum methodus generalis 1554. Consiliorum medicinalium
libr. 1582.
Ballonius (Baillou) von 1538 — 1616, den man den französischen
Hippocrates genannt hat , zeichnete sich durch Unbefangenheit von ein-
seitigen Theorien aus, hinterliess zahlreiche gute Beobachtungen und ver-
dienstliche Untersuchungen über epidemische Verhältnisse und Krank-
heiten. Auch zeigte er die Eigentümlichkeit der rheumatischen und
gichtischen Affectionen und hat die Epidemien von 1570 — 79 dargestellt.
Auch Guillaume Rondelet's in Montpellier Methodus curandorum
omnium morborum corporis humani 1592 ist nicht ohne Werth.
Aerzte.
78 Die Medicin im Zeitalter der Reformation.
Holländische In Holland war DodonaeuS ein sorgsamer Beobachter und berük-
Aerz te.
sichtigte dabei nach Möglichkeit die anatomischen Verhältnisse in Krank-
heiten.
Ganz besonders zahlreich und sorgfältig aber sind die Beobachtungen
Peter For est's (de incerto et fallaci urinarum judicio 1589; Observa-
tionum et curationum medicinalium libri 32. 1614).
Deutsche In Deutschland hat Leonhard Fuchs in Tübingen (f 1565) eine sehr
practische und unbefangene Darstellung der Pathologie und Therapie ge-
geben: de curandi ratione libri octo. 1548.
Crato von Craftheim, geb. 1519, f 1585, theilte seine Erfahrungen
mit in seinen Consiliorum et epistolarum libri VII. 1589.
Cornarus (consilior. medicinalium habitorum in consultationibus a
clarissimis medicis tractatis üb. 1595) gab seltene Erfahrungen.
Felix Plater versuchte zuerst eine Classification der Krankheiten
(Praxis medica 1602).
Einzelne In Betreff der einzelnen Leistungen in der innern Heilkunde waren es
ungen. 2un^c]is^ ^ie jn ^er 2eit herrschenden Krankheiten, welche die Aerzte be-
schäftigten und zu Darstellungen veranlassten, die zum Theil von sorg-
fältiger Beobachtung zeugten.
Die meisten Nachrichten über epidemische Krankheiten beziehen sich
auf die Pest, welche fast durch das ganze Jahrhundert in weitester Ver-
breitung herrschte und zeitweise grosse Verheerungen veranlasste. An-
fangs waren die Aerzte noch in Galenischen Vorurtheilen über die Krank-
heit befangen und namentlich Mercurialis suchte jede Neuerung abzu-
wehren. Mystisch -astrologische und auch theologische Vorstellungen,
welche die Pest als unmittelbare Strafe Gottes erklärten, hinderten eine
sorgfältige Untersuchung. Doch griffen bald selbständige Forschungen
Plaz und besonders Vochs (de pestilentia anni praesentis et ejus cura
1507), Landus (de origine et causa pestis Patavinae anni 1555), Victor
de Bonagentibus (decem problemata de peste 1556), Forest und Pare
haben zu einer genaueren Kenntniss der Krankheit beigetragen. Man fing
auch an, die Contagiosität derselben und ihre Einschleppung anzuerkennen.
Auch den Beobachtungen von Tngrassias (informazione del pestifero e
contagioso morbo il quäle afflige ed ha afflitto questa cittä di Palermo nell
anno 1575) wird practische Bedeutung zugeschrieben. Vornehmlich
wirkten Massaria de peste libri duo 1579 undNicol. Massa auf sorgfältigere
Präventivmaassregeln gegen die Krankheit, deren Auftreten überhaupt
eine sehr grosse Anzahl Schriften hervorgerufen hat, In der Therapie
der Pest aber blieb der Theriak das Hauptmittel.
Herrschende Krankheiten.
79
Ungarische
Krankheit.
Englischer
Schweiss.
Grippe.
Nächstdem war es der Petechialtyphus (febris petechialis) , dessen Petechialtyphus
noch vereinzelte Epidemie mehrfach beschrieben wurde, von Fracastoro
(de contagione et morbis contagiosis 1546), Massa (1535), Trevisius
(de causis, natura, moribus ac curatione pestilentium febrium dictarum
cum signis sive petechiis 1588), Roboretus (de peticulari febre Indenti
anno 1591 publice vagante 1592).
In Spanien wurde die Krankheit Tabardillo genannt, in Frankreich
zuweilen Trousse galante.
Zweifelhafter Natur ist dagegen eine seit der Mitte des Jahrhunderts
von den untern Donaugegenden aus sich verbreitende, mit dem Namen
der ungarischen Krankheit belegte Seuche, über welche nur ziemlich fabel-
hafte Berichte vorliegen; auch der beste darunter (von Jordanus de lue
pannonica 1576) gibt uns keine genügende Einsicht.
Eine andere weit verbreitete Seuche des Jahrhunderts war der eng-
lische Schweiss, dessen Verheerungen von England aus sich über den
ganzen Continent verbreiteten. Unter den verschiedenen Schriftstellern
der damaligen Zeit ist besonders Kaye (de ephemera brittannica 1556)
hervorzuheben.
Auch der Grippe wird Erwähnung gethan. Sie hielt in den Jahren
1510, 1557 und 1580 ihre grossen Umzüge: Thomasius (tractatus de
peste 1587, in Häser's historisch-pathologischen Untersuchungen II. 538
ausgezogen).
Ueber Poken, Masern finden sich gleichfalls zahlreiche Beobacht-
ungen von Massa.
Eine mehr local bleibende Epidemie wurde zuerst 1513 — 18 bei
Rindvieh und Pferden, später aber auch, besonders von 1589 — 1613 bei
Menschen beobachtet und charakterisirt sich durch eine bösartige Angina,
daher der Name Garotillo. Die Krankheit zeigte sich in Holland, der
Schweiz, Spanien.
Noch manche andere Epidemien zeigten sich um diese Zeit. Der
Keuchhusten wurde 1510 — 1593 wiederholt beobachtet. Auch die Krie-
belkrankheit fing gegen das Ende des Jahrhunderts an, sich zu zeigen.
Ausserdem kamen Fälle einer epidemischen schweren Brusterkrankung
vor; ja selbst Nervenzufälle in der Form der Chorea und der Hysterie
zeigten epidemische Umzüge. Luther schalt die Aerzte, welche dieselben
von natürlichen Ursachen ableiteten und nicht dem Teufel zuschreiben
wollten. Der Scorbut wurde in grösserer Verbreitung beobachtet.
Der Aussaz scheint um diese Zeit eine Veränderung erlitten zu haben,
die jedoch nicht genauer sich bezeichnen lässt.
Weitere
Epidemien.
Aussaz.
80 Die Medicin im Zeitalter der Reformation.
Syphilis. Endlich hat die am Schlüsse des 15. Jahrhunderts und im ganzen fol-
genden Jahrhundert zu grosser Verbreitung sich ausdehnende Syphilis
eine massenhafte Literatur hervorgerufen, so dass Girtanner bis zum Jahr
1600 bereits 263 einzelne Schriften über dieselbe aufzählt. Die Krank-
heit wurde damals ganz allgemein als eine neue bezeichnet, die im Jahr
1493 — 5 bei dem französisch-neapolitanischen Feldzug entstanden sei.
Anfangs suchte man die Ursache in der Herrschaft des bösen Saturns
über den guten Jupiter, dann in Ueberschwemmung, in grosser Hize ; vom
Jahr 1515 an wurde die Quelle nach Spanien und sodann nach Amerika
verlegt. Die Anstellung durch den Beischlaf wurde als der gewöhnliche
Weg für die Erkrankung angenommen, doch wurden auch andere Infections-
weisen zugegeben. Die secundären Ausschläge wurden schon in der ersten Zeit
der Beobachtungen bemerkt und die Krankheit daher mit den Poken ver-
glichen. Aber auch viele andere secundäre Zufälle waren bekannt. Der
Verlauf scheint in der ersten Zeit ein rascherer gewesen zu sein, so dass
secundäre Symptome und allgemeine Zerrüttung sehr frühzeitig sich ein-
stellten. Vom Jahre 1550 an wird auch der Tripper häufiger erwähnt und
scheint in dem Verlaufe der Syphilis selbst eine Ermässigung und Ver-
langsamung eingetreten zu sein. Dagegen wurde das latente Stadium
jezt erkannt und die Idee äussert sich bereits vielfach, dass eine voll-
kommene Herstellung nicht, sondern nur ein zeitweises Verschwinden der
Symptome zu erwarten sei. Die Aerzte flohen Anfangs die Kranken und
fürchteten sich vor der Anstekung. Die Behandlung war in den Händen
von Badern und Quaksalbern. Man nahm Zuflucht zu den Mitteln, welche
bei der Kräze nüzlich gefunden worden waren, fand aber bald, dass das
Queksilber das wirksamste sei. Es wurde in Einreibungen im stark ge-
heizten Zimmer bis zu anhaltendem Speichelfluss angewandt (schon 1496).
Bald kam das Gajakholz in die Mode, dem Ulrich von Hütten die bekannte
Lobrede gehalten hat. Auch Chinawurzel, Sarsaparill und Sassafras wur-
den zeitig schon in Anwendung gesezt, jedoch kehrte man wieder zum
Queksilber zurük und fing an, es ausser in Einreibungen auch in Furni-
gationen und innerlich zu administriren.
semiotik. In der Zeichenlehre richtete sich die Opposition vornehmlich gegen die
zum äussersten Missbrauch und zur completesten Charlatanerie gewordene
Uroscopie (Clementius Clementinus, Bruno Seidl, Joh. Lange, Botalli,
Forest, Kölreuter). In der Pulslehre überbot sich zwar Struthius in spiz-
findigen Distinctionen (Ars sphymica 1540) und dieselben fanden viel-
fachen Beifall. Doch fingen Manche an, an der Nüzlichkeit solcher Fein-
heiten zu zweifeln. Als Ergebnisse einer strengen Naturbeobachtung
Semiotik und Therapie. 81
können dagegen angesehen werden die noch jezt geschäzten Werke von
Jodocus Lommius (Medicinal. observationum libri 3, quibus notae mor-
borum omnium et praesagia judicio proponuntur 1560) und von Prosper
Alpinus (de praesagienda vita et morte aegrotantium 1601). Auch er-
schienen bereits Werke, welche die Semiotik zum speciellen Gegenstande
hatten, von Aubert, Campolongus und Fienus.
In der Therapie waren die alten Schriftsteller meist noch maassgebend. Therapie.
Die Aderlassfrage' beschäftigte sehr die Gemüther, und vornehmlich hat
sich Botalli durch sein grenzenloses Uebertreiben der Blutentziehung be-
rüchtigt gemacht. Doch gewann er damit trozdem dass seine Lehre von
der Pariser Facultät für kezerisch erklärt wurde, nicht wenige Anhänger,
und zwar gerade die Meisten in Frankreich selbst.
Von den Arzneimitteln fanden Vegetabilien immer noch die fast aus-
schliessliche Anwendung, meist in sehr componirten Formen. Gegen den
Gebrauch der Metalle war immer noch das Vorurtheil allgemein ; dagegen
wurden Mineralquellen sehr viel benüzt, und mehrere derselben, die auch
jezt noch zu den ersten gehören, hatten in jener Zeit einen grossen Zulauf.
Bei allen bisher angeführten Schriftstellern ist die gemeinschaftliche Charakter der
Richtung bemerklich, durch sorgfältige und möglichst naturgemässe Be- lorschunß im
obachtungen im Einzelnen die Wissenschaft factisch zu fundiren und da- dert.
durch bald die Angaben der vormittelalterlichen Aerzte zu bestätigen,
bald ihrer Autorität durch Thatsachen entgegen zu treten. Dieser Weg
war ein durchaus angemessener; aber der Natur der Sache nach konnten
nur allmälig gute Beobachtungen sich sammeln und konnten nur mühsam
die allgemeinen Vorurtheile gebrochen werden. Es war selbstverständ-
lich, dass bei allem guten Willen, unbefangen und genau zu beobachten,
die eingewurzelten Lehren überall, selbst bei den entschiedensten
Gegnern ihren Einfluss noch geraume Zeit sich bewahren mussten. Auch
waren die Mittel, zu einer gründlichen Beobachtung zu gelangen, noch
sehr dürftig und unvollkommen, und über die Methoden der wissenschaft-
lichen Forschung, über Fragestellung, über die Cautelen und Fehler-
quellen der Empirie hatte man noch nicht angefangen nachzudenken. Es
war allenthalben ein naiver Drang zum empirischen Wahrnehmen, der um
so weniger an seiner Naivetät Anstoss nahm, als das Gebiet des
noch Wahrzunehmenden so unendlich und die Ausbeute auch bei un-
methodischem Suchen so ergiebig war. Für den Anfang der positiven
Forschung erscheint diess aber nicht bloss als der richtige, sondern auch
als der einzige Weg und erst aus den MissgrifFen der Empirie konnte man
die Logik derselben kennen lernen. Es darf wohl angenommen werden,
Wunderlich, (Schichte d. Medicin. (j
t i on sz e i t.
82 Die Medicin im Zeitalter der Reformation.
dass, wenn auf diesem Wege ruhig fortgefahren worden wäre, die Heil-
kunde in nicht zu langer Ferne in denBesiz eines gründlichen Materials
und aufgeklärter Anschauungen gelangt wäre.
Die schwär- Es fehlte jedoch viel, dass diese Bestrebungen erleuchteter Männer
mer, Wühler t|je Massen durchdrungen hätten.
der Reforma- Ifi diesen war die Finsterniss und Rohheit noch gross, und selbst auf
der Seite derer, welche sich der kirchlichen Reformation angeschlossen
hatten, war der Aberglaube und die Gedankenlosigkeit nicht gebrochen
und nahm nur neue Formen an. Die Geistlichkeit der neuen Richtung
entstammte zum grossen Theil den niedersten und ungebildetsten Classen,
und die Aufhellung der Geister wurde von ihr nicht nur nicht gefördert,
sondern vielfach niedergehalten.
Selbst die bessern Aerzte waren von einem unbefangenen Verständ-
niss noch weit entfernt. Es war von einer Generation, welche eben der
Rohheit des Mittelalters zu entwachsen sich anschikte, eine kritische
Prüfung und Einsicht in der That auch nicht zu verlangen. Das allge-
meine Bedürfniss nach einer Aenderung drang zwar in alle Kreise, aber
bei der Art der geistigen Verfassung wurde von den Meisten das Ziel in
einer neuen Mystik gesucht. Der Aberglaube war so verwachsen mit der
ganzen Natur der Menschen, dass nur durch einen neuen Aberglauben auf
sie gewirkt werden konnte. So kam es, dass eine maasslose Schwärmerei
sich Vieler bemächtigt hat.
Einen mächtigen Vorschub erhielt noch die Schwärmerei dadurch,
dass mit dem Wankendwerden der Aristotelischen Autorität und mit dem
Bekanntwerden der griechischen Literatur auch die neuplatonischen Ueber-
schwänglichkeiten wieder zu Kenntniss und Ansehen kamen. Die Kabbala
und die andern Geheimlehren entsprachen dem Bedürfniss nach Wunder-
werk und Gemüthserbauung mehr, als die schlichte und nüchterne Auf-
klärung, und sie wurden ein mächtiges Parteimittel in den Händen der
Fanatiker.
So sehen wir daher neben der soliden und vorsichtigen Ausbildung der
factischen Grundlagen bei der Reform der Naturwissenschaften frühzeitig
die mystischen Bestrebungen in umfangreichster Weise betheiligt. Mag
durch diese auch da und dort eine gewisse Anregung zuwegegebracht
worden sein, so warfen sie doch im Allgemeinen die Heilkunde auf lange
von den bereits errungenen Stufen zurük. Denn sobald der schwärmer-
ische Wahn sich der Bewegung bemächtigt, so artet das Durchbrechen
der gewohnten Schranken in ein sich überstürzendes Stürmen und Zer-
stören aus, und ebenso unausbleiblich mischen sich den Schwärmern
Schwärmer und Wühler. 33
Solche bei, welche die Umwälzung und den Zug der Zeit zu ihrem persön-
lichen Vortheil auszubeuten suchen.
Namentlich in Deutschland war in der Masse des Volks jedes selb-
ständige Denken so gelähmt und verdorben, dass nur eine Einwirkung
auf das Gemüth und auf die Phantasie Erfolg hatte. Gegen die Natur-
wissenschaften verhielt man sich fremd, so lange sie nicht den Charakter
der Heimlichkeit und Uebernatürlichkeit hatten; es waren daher fast allein
die Astrologie und neben ihr die mysteriösen Proceduren in den Labora-
torien der Alchymisten, wofür die Empfänglichkeit sich vorfand.
Auch in Krankheiten gab das Horoskop die wesentlichsten Indica-
tionen, die Diagnose und die Prognose. Bei den Reichern wurde nichts
unternommen, ohne die Gestirne zu befragen; für den gemeinen Mann,
der den Astrologen nicht zu bezahlen vermochte, mussten die in diesem
Jahrhundert aufkommenden astrologischen Kalender Ersaz geben und be-
stimmen, zu welcher Zeit venäsecirt und purgirt werden müsse.
Daher ist auch Deutschland im 16. Jahrhundert neben aller geisti-
gen Erhebung der Tummelplaz der extravagantesten Tollheiten gewesen.
Nicht Alle jedoch, welche uns heut zu Tage als fast verrükte Fana-
tiker oder als trügerische Gaukler erscheinen, sind ohne weiteres zu ver-
dammen und gering zu achten. Gerade in diesem Kampfe der Finsterniss
mit dem vordringenden Lichte gab es eigentümlich organisirte Köpfe,
bei welchen die Verwirrung der Begriffe mit genialen Conceptionen ver-
bunden und bei denen ein fanatischer Glaube an die Wahrheit und Gött-
lichkeit ihrer Inspirationen nicht nur mit der Hartnäkigkeit einer rük-
sichtslosen Energie gepaart war, sondern auch mit der schlauesten Aus-
beutung der Volksdummheit sich vertrug. Es ist in hohem Grade schwierig
oder geradezu unmöglich , diesen Stürmern allenthalben Gerechtigkeit
widerfahren zu lassen und zu berechnen, wie viel bei ihnen dem Taumel
der Begeisterung und der Unklarheit des Umwälzungsinstinkts angehört
und wie viel der Schlauheit des gemeinen Eigennuzes zukommt.
Eine so unsaubere Mitwirkung ist jedoch bei jedem Umwälzungspro-
cesse unvermeidlich und für diesen selbst nicht ohne Förderung. Bei den
Massen reichen Vernunft und Einsicht nicht aus , um verrottete Vorur-
theile wegzufegen, und jene pflegen von einer eingelebten Thorheit nicht
früher zu lassen, als bis sie einer neuen zufallen können. Je abstruser
und je abstossender ein Unsinn ist, um so rascher pflegt die Masse von
seiner höhern Berechtigung sich zu überzeugen. Wie in allen Zeiten, in
welchen Revolutionen sich entladen, so haben auch in jener bewegten und
aufgeregten Periode, in der das Mittelalter unter den neuen und ver-
jüngenden Ideen zusammenbrach, die unverständlichsten Schreier am
6*
84 Die Medicin im Zeitalter der Keformation.
meisten den Zulauf der Menge gehabt. Aber auch ihr Blödsinn hat un-
willkürlich an dem Werke der Zeit mitgearbeitet. Haben sie auch nicht
bloss gegen das Antiquirte gestürmt , sondern das Neue und den Fort-
schritt selbst in keiner Weise zu schäzen gewusst und leidenschaftlich
verfolgt, so haben sie doch dazu beigetragen, die Masse aufzurütteln und
den definitiven Bruch mit den eingewohnten Vorurtheilen herbeizuführen.
Freilich haben sie auch hemmend und widerwärtig gewirkt, und es
fehlte wenig, so hätten die Schwärmer und Gaukler allen Gewinn der
Epoche vereitelt. Sie schadeten weniger dadurch, dass da und dort ein
guter Kopf in ihren Schwindel sich verwikelte, oder dass manche zu nüz-
licherer Arbeit Fähige sich für gezwungen hielten, in der Abwehr des ein-
brechenden Unsinns ihre besten Kräfte zu vergeuden. Der unermessliche
Nachtheil lag vielmehr darin, dass eine Saat von Wirrsinn , Unverstand
und für Gemüthstiefe ausgegebene Schwärmerei ausgestreut wurde, welche
eine Reihe nachfolgender Generationen inficirte und die unbefangene Ar-
beit hemmte und verdarb. Auf allen Punkten wurden Knoten der Ver-
wirrung geschürzt, von deren Gegenwart die Meisten nicht eine Ahnung
hatten und an deren Lösung mehr als zwei Jahrhunderte sich verzehrten.
pico deiia Miran- Zu <jeri Schwindlern dieser Epoche , bei welchen das Maass der Ge-
ASiiPpa von Net- nialität , der Selbsttäuschung und des Betrugs nicht mehr zu finden ist,
tesheim. gehören: Pico dellaMirandola, einer der Wiedereinführer der Kabbala;
Franz Giorgio, der dieselbe auf die Physik anwandte; der weitberühmte
Agrippa von Nettesheim, der das Geheimniss, Gold zumachen, zu
besizen vorgab und behauptete, Menschen ohne Sperma künstlich zu-
sammengesezt zu haben.
cardanus. Auch Hieronymus Cardanus (1501 — 1576), aus Pavia, neigte
dieser Art zu. Er war ein leidenschaftlicher Mensch mit schwächlichem
Körper, reizbar , zum Phantastischen geneigt und alle Schwärmereien und
jeden Aberglauben der verschiedensten Lehren in sich vereinigend. Er
lehrte den Zusammenhang der einzelnen Himmelskörper mit den Theilen
des menschlichen Körpers , war dabei aber ein eifriger Bekämpfer des
Galenismus.
Fioravami, Entschiedene Betrüger , die ihr Talent nur verschwendeten , um den
unwissenden Pöbel zu blenden und zu berauben, waren: der Cavaliere
Leonardo Fioravanti, welcher Italien, und Thomas Bovius, welcher
den Norden ausbeutete. Zahllose andere Abenteurer dieser Zeit sind
vergessen, oder verdienen wenigstens nicht genannt zu werden.
Von allen diesen wurden die überkommenen medicinischen Doctrinen
aufs äusserste angefeindet, die Fortschritte des Jahrhunderts abea theils
Bovius.
Faracelsus. 35
gänzlich ignorirt, theils als unfruchtbar verdächtigt. Ihre speciellen An-
sichten und Behauptungen haben jedoch kein historisches Interesse.
In vielen Beziehungen reiht sich dieser verdächtigen und unsaubern Paraceisus.
Genossenschaft ein Mann an von ungleich höherer Begabung und ohne
Zweifel von lauterer Gesinnung, aber gleich ihnen ein schonungsloser
Stürmer der Reformationsperiode und in den Mitteln seiner Polemik, wie
in der schwärmerischen Extravaganz und der mystischen Färbung seiner
Inspirationen von den Fanatikern des Zeitalters sich nicht wesentlich
unterscheidend : Paraceisus , oder wie er oft genannt wird : Aureolus Phi-
lippus Theophrastus Paraceisus Bombastus ab Hohenheim , der heiligen
Schrift Professor, der freien Künste und beider Arznei Doctor, Medicus
et Germaniae Philosophus, Monarcha medicorum et Mysteriarcha, chemi-
corum princeps, Helvetius Eremita.
Sein Herkommen ist zweifelhaft. Er soll von dem schwäbischen adel-
igen Geschlechte der Bombaste von Hohenheim abgestammt haben , wäh-
rend andere glauben , dass er sich nur deren Namen zugelegt und eigent-
lich Höchner geheissen habe. Sein Vater soll Arzt , seine Mutter Auf-
seherin im Krankenhause des Klosters Einsiedeln in der Schweiz gewesen
sein. 1493 wurde Paraceisus daselbst oder wie andere wollen, in einem
Haus an der Teufelsbrüke des Sihlthales geboren. Im dritten Jahre sollen
ihm , als er Gänse hütete , von einem Schweine die Hoden abgebissen
worden sein und man erklärt daraus seine consequente Abneigung gegen
das weibliche Geschlecht. Den ersten Unterricht auch in medicinischen
Dingen soll er von seinem Vater erhalten haben, der im Jahre 1502 nach
Villach zog. Im Jahre 1509 fing er an, in Basel zu studiren, verliess
es aber bald wieder und besuchte eine Zeit lang die Laboratorien einiger
Alchymisten. Darauf machte er umfangreiche Reisen durch ganz Europa
und verkehrte viel mit Schäfern, Scharfrichtern, Zigeunern, Badern, alten
Weibern, um ihre Heilgeheimnisse zu erforschen. Schon im Jahre 1525
war sein ärztlicher Ruf weit verbreitet und bedienten sich Fürsten seines
Rathes. 1527 erhielt er eine Vocation nach Basel als Professor der
Physik und Chirurgie, wurde Stadtarzt daselbst und Apothekeninspektor.
In seinen Vorlesungen wich er in zwei Beziehungen zum grossen Scandal
vieler seiner Zeitgenossen von dem alten Gebrauche ab. Er legte nem-
lich nicht den Galen und andere Autoritäten zu Grunde und bediente
sich bei seinen Vorträgen der deutschen Sprache. Weiter aber benüzte
er manche Aufsehen erregende Mittel, schimpfte nicht nur auf alle andern
Aerzte, sondern verbrannte öffentlich die Werke des Avicenna: „ich hab
die Summa der Bücher in St. Johannis Feuer geworfen , auf dass alles
86 Die Medicin im Zeitalter der Reformation.
Unglük mit dem Rauch in die Luft gang." Der Zulauf von Schülern
und Neugierigen soll ein ausserordentlicher gewesen sein. Auch seine
praktische Thätigkeit scheint bedeutend gewesen zu sein und hiedusch,
sowie durch Strenge in der Ueberwachung der Apotheken und durch eine
vereinfachte Receptirung zog er sich viele Feindschaft zu. Die Baseler
Facultät war überhaupt mit seiner Ernennung nicht einverstanden gewesen
und sein wachsender Ruf erregte noch mehr die Eifersucht. Man fing an,
Zweifel zu äussern , ob er auch wirklich Doctor sei und ihn als gemeinen
Landstreicher zu verunglimpfen. Ein Streit mit einem Geistlichen über
ein ärztliches Honorar, wobei der Magistrat gegen ihn entschied, führte
den Bruch herbei; er schimpfte öffentlich auf den Rath, gab Pamphlete
gegen ihn aus (Hess „böse Zettel" fliegen) undniusste in Folge davon aus
Basel flüchten (1528). Von da an zog er unstät herum, gefolgt von
einem wechselnden Schwärme von Schülern,' aber auch mit Zigeunern und
Schäfern. Diess Wanderleben hielt er für nüzlich. „Der Arzt soll ein
Landfahrer sein; denn Ursach: die Krankheiten wandern hin und her, so
weit die Welt ist und bleiben nicht an einem Ort. Will einer viel Krank-
heiten erkennen, so wandere er auch. Wandert er weit, so erfährt er viel
und lernet viel erkennen. Die englischen Humores sind nit ungarisch,
noch die neapolitanischen preussisch — darum musst du dahin ziehen,
wo sie sind. Gibt Wandern nicht mehr Verstand, denn hinterm Ofen
sizen? Wer die Natur durchforschen will, der muss mit den Füssen ihre
Bücher treten." Es mag ihm dabei vielfach schlecht gegangen sein.
Wenig Näheres und noch weniger Wichtiges ist von diesen Reisen be-
kannt. 1541 kam er nach Salzburg, erkrankte und starb kurz darauf.
Man behauptete , vielleicht um den Tod troz seines angeblichen Besizes
eines Lebensverlängerungsmittels zu erklären , er sei bei einem Gelage
von seinen Feinden, die ihn die Treppe hinunterwarfen, tödtlich verwundet
worden. An dem Schädel , den man in Salzburg als den seinigen zeigt,
ist eine grosse Fractur zu bemerken ; aber es ist sehr wahrscheinlich,
dass der Schädel unächt ist.
Schriften. Unter den zahlreichen Schriften, welche unter Paracelsus Namen auf
uns gekommen sind, befinden sich nicht wenige unächte; und selbst die
ächten mögen viele Verunstaltungen erlitten haben, da er sie grösstenteils
dictirte. Als entschieden acht kann man (nach Marx) annehmen: die
kleine Chirurgie — die grosse Wundarznei , — sieben Reihen von allen
offenen Schäden, so aus der Natur geboren werden — von den Imposturen
der Aerzte — die Verantwortung über etliche Verunglimpfung — Irrgang
und Labyrinth der Aerzte — vom Ursprung des Sands und Steins — von
des Bad Pfeffers Tugenden, Kräften und Wirkungen, Ursprung und Her-
Paracelsus. 87
kommen, Regiment und Ordnung. Andere sind nach seinen Dictateu
gearbeitet.
Er schrieb seine Bücher grösstenteils in deutscher Sprache und war
sehr überzeugt von deren dauernder Gültigkeit: „ich will's euch dermassen
erläutern und vorhalten, dass bis an den lezten Tag der Welt meine
Schriften müssen bleiben und wahrhaftig mehr will ich richten nach
meinem Tode wider euch, denn davor."
Die Art seiner Darstellung ist eine höchst ungeordnete. Er er-
geht sich mit Vorliebe in allgemeinen Phrasen und Behauptungen und
hat keine Spur einer Logik, keine Idee einer Beweisführung. Wo er einen
Grund für eine Behauptung anführt, ist es stets eine neue Behauptung,
die oft genug, selbst wenn sie richtig wäre, die erstere nicht einmal stüzt.
Die Auseinandersezung eines Sachverhaltes, eine Beschreibung, eine Er-
zählung von Thatsachen ist ihm unmöglich. Wo er einen Anlauf dazu
nimmt, springt er alsbald wieder ab und verfällt in die Gemeinpläze eines
plebejischen Pathos. Seine allgemeinen Redensarten sind oft allerdings
kernig und treffend, aber sie wiederholen und häufen sich zu sehr und
werden bald unerträglich. Es ist in der That schwer begreiflich, wie
Jemand von gutem Geschmak eine einzige seiner Abhandlungen ohne Ekel
und Widerwillen zu Ende lesen kann.
Frühzeitig fand er sich unbefriedigt durch die herrschende Schul- Die Verwerfung
gelehrsamkeit, die nur die Säze von Galen und den Arabern interpretirte der Autontaten-
und wobei die praktischen Studien im Lesen eines alten Schriftstellers
bestanden. Auch ich bin in dem Garten erzogen (klagt er) , wo man die
Bäume verstümmelt. Seine eigene Lehrthätigkeit begann er damit, dass
er des Galen und Avicenna Werke öffentlich verbrannte: das seien Klap-
perleute und seine Schuhriemen wissen mehr als sie, die Haare in seinem
Genik seien gelehrter als alle hohe Schulen und alle Scribenten. „Ihr
müsst mir nach und ich nicht euch. Mir nach Avicenna, Galenus, Rhazes,
Mesue und ich nicht euch: ich werde Monarcha und mein ist die
Monarchey." —
Der Weg, zu irgend einer Kenntniss in der Natur zu gelangen, ist für d;p Grundlagen
Paracelsus die Philosophie. „Der Arzt, der nicht durch die Philosophie
in die Arznei eingeht, geht nicht in die rechte Thür, sondern oben zum
Dache herein, und werden aus ihnen Diebe und Mörder." Unter Philo-
sophie versteht er das vollendete Wissen und Erkennen eines Dings d. h.
der Welt und zu dieser Gewissheit gelange man nur durch Offenbarung,
durch den heiligen Geist. „Sapientia heisst das erste Buch der Arznei
und diess Buch ist Gott selbst. Ohne Gott ist nichts. Der Geist geistet,
was er will, ist niemands eigen; ohne ihn ist der Arzt nichts als ein
88
Die Medicin im Zeitalter der Reformation.
Yliaster.
Salz, Schwefel
und Queksilber.
Pseudomedicus , ein Errant." — Doch ist diese göttliche Wissenschaft
nicht durch den Glauben der Kirche allein zu erlangen: „wer glaubt, ohne
Philosoph zu sein , der ist kein weiser Mann : ein Thor , welcher ohne
Weiteres glaubt , ist todt in seinem Glauben : wer da glauben will , der
muss auch wissen; denn aus und nach seinem Wissen glaubt er." An
einem solchen blinden Glauben habe Gott selbst keine Freude. Noch viel
weniger nüze als der kirchliche Glaube sei aber das Glauben an profane
Autoritäten. Die Kenntniss der Natur allein sei das rechte Wissen.
„Man lästert und schreit von mir, ich sei nicht zur rechten Thür einge-
gangen: aber welches ist die rechte: Galenus, Avicenna, Mesue oder die
offene Natur? ich glaube die lezte! Diese Thür ging ich ein: das Licht
der Natur und kein Apothekerlämpchen leuchtet mir auf meinem Wege."
„Das Speculiren (heisst es an einer andern Stelle) macht noch keinen
Arzt; was der Mensch schreiben und lehren will, das soll er aus der
Erfahrung thun. Der Grund ist nicht aus unseren Köpfen, noch aus
Hörensagen, sondern aus Erfahrenheit , aus der Naturzerlegung und ihrer
Eigenschaftergründung. "
Das Alles lautet sehr schön: aber freilich stehen als Grundlagen der
Medicin bei ihm neben Sapientia und Experientia auch das Firmament,
die Alchymie und die Magie.
Alle Dinge stammen aus einem Anfange, aus Einer Materia. Diese
sei das Mysterium magnum, derYliaster und könne nicht begriffen werden,
habe keine Form, noch Färb, noch elementische Natur. In diesem grossen
Mysterium seien alle Dinge zwar nicht actualiter , aber potentialiter ent-
halten , wie das Bild in dem rohen Holze , aus dem man es schnizeln will.
Die Bildung der einzelnen Naturgegenstände gehe nicht materiell, sondern
dynamisch vor sich und das Dynamische sei auch das Erhaltende und
heisse Leben. „Es ist das Leben nichts als ein spiritualisch Wesen, ein
unsichtbares und unbegreiflich Ding." Aber nicht nur was sich bewege,
habe Leben, sondern auch alle anderen Dinge. „Gott hat im Anfang
kein einzig Ding ohne einen Spiritum gelassen , den es verborgen in sich
führt , denn was wäre ein Corpus ohne Spiritum ? Nichts ! Der Spiritus
hat die Kraft und Tugend." Beim Tode verlasse der Geist den Körper und
gehe an den Ort, von dannen er gekommen, in die Luft und das Chaos.
Alle Dinge habe Gott aus Nichts gemacht; aber dieses Nichts sei
zur Substanz geworden und diese sei in drei Modificationen getheilt: Salz,
Schwefel, Queksilber. In allen Dingen seien diese drei Stoffe vorhanden
und das Salz gebe die Farbe , den Balsam , die Asche ; der Schwefel das
Brennbare ; das Queksilber das Flüssige , Sublimirbare , Rauchende und
zugleich die Virtutes und die Arcana. Während die Mutter aller Materie
Paracelsus.
89
der Yliaster sei, bewirke der Arcliäus die Scheidung der Materie ; aber Archäm.
eine dritte Kraft existire noch : die materielle und productive , der Vul- vuicanus.
canus, der kein Geist noch Person ist, sondern ein Werkmann und
Fabrikator.
Jedes bestehende Ding enthalte einen Ausfluss der Gottheit, jedes Der Mensch ein
Ding sei allen andern verwandt. Aber der Mensch enthalte sie alle Microcosmus-
zusammen. „Nichts ist im Himmel und auf Erden, was nicht ist im
Menschen, und der Gott, der im Himmel ist, der ist im Menschen." Der
Mensch ist demnach ein vollständiger Microcosmus. Im Menschen sind
drei Harmonien , die unabhängig von einander sind: die Seele, die dem
Queksilber entspricht, der Geist, der dem Schwefel entspricht und der
Leib, der dem Salze entspricht. Jedes der einzelnen Organe entspricht
einzelnen Gestirnen : das Herz der Sonne , das Gehirn dem Mond etc.
Im Magen size der Archäus , der daselbst die Rolle eines Chemikers hat.
Jedes Glied ziehe aus dem Magen das ihm Zuständige und verdaue es
für sich. Die Erzeugung neuer Individuen geht vom männlichen Samen
aus. Das Weib wirkt nur, indem es durch seine Gegenwart den Mann
erhizt, damit sich der Samen vom liquor vitae absondere. Unumgänglich
nöthig sei das Weib nicht; denn auch durch chemische Proceduren könne
aus dem Samen ein neues Individuum werden, wie Paracelsus aus eigener
Erfahrung zu wissen versichert.
In der Welt besteht ein Kampf Aller gegen Alle und aus diesem Streite Krankheit.
der äusseren Dinge gegen den Menschen resultire die Krankheit.
„Die Ursprünge, aus welchen ein Jeglicher alle Krankheit gewärtig Die En«a.
ist zu gebären , so viel Krankheiten je gewesen sind und noch sind und
sein werden, sind fünferlei: fünf Entia bedeuten fünf Ursprung. Ein
jegliches Ens hat alle Krankheiten unter ihm und mit ihrer Gewalt über
unsern Leib. Es sind fünferlei Wassersucht, fünferlei Gelbsucht, fünferlei
Fieber, fünferlei Krebs, dergleichen von den anderen. Das erste Ens,
dem wir unterworfen sind, ist Ens astrorum, die Kraft des Gestirns. Die
andere Gewalt, die uns in Krankheit bringet, ist Ens veneni. Das dritte,
das unsern Leib schwächet, heisst Ens naturale, d. i. so uns unser eigener
Leib krank macht durch seine Verirrung und durch sein selbst Zerbrechen.
Das vierte Ens sagt von den gewaltigen Geistern, die unsern Leib kränken:
Ens spirituale. Das fünfte Ens ist Ens Dei."
Weiter liegen die Ursprünge aller Krankheiten in den „drei Dingen: Entstehung der
Sulphur, Sal und Mercurius, wo sie sich zertrennen, zertheilen und son- Krailkhei,en aus
den Elementen.
dern, das eine fault, das andere brennt, das dritte zeucht einen anderen
Weg: das sind die Anfänge der Krankheiten. Alle Krankheiten haben
ein sulphurisch Corpus, einen mercurialischen Liquorem und ihre Con-
90
Die Medicin im Zeitalter der Reformation.
Krankheit als
Microcosmus.
Kranlthcits-
verlauf.
Pult.
gelationem von Salz." — „In was Weg nun der Mercurius sich anzündet,
deren sind drei: in einen feuchten (Distillatio), trokenen (Sublimatio)
oder niedergeschlagenen (Praecipitatio). Distillatio mercurii macht jähen
Tod, Praecipitatio macht podagram, chirargram, arthreticam, Sublimatio
macht maniam , phrenesin. — Das Salz verändert sich in vier Weg:
Resolution, Calcination , Reverberation und Alkalisation. So es sich
resolvirt, macht es fluxus intestinorum, ventris, so es zu fest coagulirt,
durities, oppilationes, so es zu subtil wird, macht es ulcera, scabiem,
pruritum, und so es heftig ist, wird ignis persicus daraus und inflamma-
tiones. — Der Sulphur hat unter ihm, was febrilische Krankheiten sind,
Apostemata und Icteritien. So sich das Salz vom Sulphur wegseparirt,
purificirt sich der Sulphur und macht Krankheiten, in praecordiis pleuresin,
in stomacho febres, in hepate febres, in splene febres, in capite hemi-
craniam, dolores oculorum, dentium, aurium, gravedinem et cephalaeam."
An einer anderen Stelle erscheint die Krankheit noch in anderem
Sinne: „Eine jede Krankheit hat einen unsichtbaren Leib und ist ein Glied
des Macrocosmus und Microcosmus und ein ganzer Mensch. Die Krank-
heiten werden geschmiedet und gemacht , wie der Mensch und darum so
ist jegliche Krankheit ein ganzer Mensch. Also ist der Mensch selbander
in solcher Krankheit und hat zwei Leiber zu gleicher Zeit in einander
verschlossen und ist Ein Mensch" (Anfang der Parasitenlehre).
Den Krankheitsverlauf nennt Paracelsus die Crisis : spatium principio
morbi usque in finem morbi est crisis. Doch heisst Crisis auch der Zeit-
punkt jeder Krankheitsänderung. Der lezte Tag heisst Dies cretica. Von
vielen Krankheiten wissen wir nicht, wie lange sie dauern werden. Um
es zu wissen, muss bekannt sein: qua salia peccent, et quamdiu maneant,
qua minera ibi sint et quamdiu operationem suam exerceant. Es wird
nun sehr willkürlich hiernach die Dauer einzelner Formen bestimmt, z. B.
die Sulphurcrisis auf sechs Wochen, in acuten auf drei, iu schlimmen
auf zwei Wochen; die Dies cretica Salium est in anno decimo vel unde-
cimo; Crisis mercurialis est in quarta die, subtilioris in tertia, acuti in
secunda. Die Synocha, wie alle febres acutae entscheidet sich in sieben
Tagen. Was über die Dies cretica hinaus währt, ist nicht mehr morbus,
sondern imbellicitas quae relinquit oder eine neue Krankheit. „Wenn
ich kein passend Heilmittel habe und noch fünf Wochen bis zum kritischen
Tage sind, so gebe ich etwas pro forma, bis derselbe kommt und die
Krankheit löst."
Die einzelnen krankhaften Erscheinungen werden von ihm wenig be-
nuzt, unter ihnen namentlich der Puls, der nichts anders ist, denn allein
die Mensur der Temperatur im Leibe. Er unterscheidet sieben Pulse
Paracelsus.
91
nach den Gestirnen , zwei an den Füssen , Saturni und Jovis , zwei am
Halse, Veneris et Martis, zwei an den Schläfen, Lunae und Mercurii und
den pulsus solis am Herzen. Der Radialpuls ist dabei nicht aufgeführt.
An einer anderen Stelle heisst es: Ordo debilitationis pulsus cum tendit
ad mortem: temporum fortissimus, colli fortior, laterum fortis, tarnen de-
bilis, manuum debilior, pedum debilissimus. So dient der Puls mehr zur
Prognose als zur diagnostischen Erkenntniss. Dasselbe gilt in noch
höherem Grade vom Urin , dessen drei Zeichen : Urina spissa , lucida,
diaphana je nach dem befallenen Theile eine besondere prognostische
Bedeutung haben.
Die Diagnose und Namen der Krankheiten will er nach den gegen sie
heilkräftigen Mitteln gewählt wissen. „Saget ihr, das ist morbus san-
guinis, das morbus hepatis, wer macht euch so luchsische Augen, dass
ihr so eben wisset, dass Blut oder Leber schuld sei? Ein natürlicher,
wahrhaftiger Arzt spricht, das ist morbus helleborinus, das ist morbus
terpentinius, das morbus Sileris montani und nicht, das ist phlegma, das
ist rheurna, das corrhyza, das catarrhus." „Nicht siebenzigerlei Febres,
sondern so vielerlei Species wider die Febres, so vielerlei Febres."
In den meisten Erkrankungen spielt der Tartarus eine wichtige Rolle.
Der Tartarus ist das Impurum, das Excrementum, ein schleimiges erdiges
Wesen voll erdiger Salze, das in jedem Theile sich anhäufen kann und
alsdann stürmische Operationen nöthig macht, um sie wieder auszutreiben,
womit oft ein höllischer Schmerz (daher tartarus) verbunden ist. Schon
der Zahnstein ist ein Tartarus, aber ein sehr milder. Anderemale aber
ist der Tartarus sehr bösartig, selbst tödtlich; der in der Leber , Niere
und Blase ist der schlimmste. „Der Tartarus hat Gemeinschaft mit dem
Gestirn, darum es ihn auch commoviret in paroxismum, aus Ursach, dass
das Sidus das Feuer ist, das da kocht alle Frucht und Wesen der Erden."
Die Krankheiten heilen durch Vermittelung der Naturheilkraft: „die
Natur ist der Arzt, du nicht!" Diese Naturheilkraft ersoheint ihm als
innerer Arzt, Archäus, dem er an einer Stelle sogar einen inneren Apo-
theker an die Seite stellt. Besonders seien es die gesunden Theile, die
gegen die Krankheit kämpfen : „So eine Krankheit im Leibe ist, so müssen
alle gesunden Glieder gegen sie fechten, nicht eins allein, sondern Alle".
Seine Hauptindication ist, den Archäus zu unterstüzen. Sein oberster
Grundsaz in der Wahl der Mittel ist: Similia similibus, d. h. durch ähn-
liche Qualitäten die Krankheit zu vernichten. Die Masse des Arznei-
körpers hält er nur für die äussere Hülle. Ein Inneres sei noch vorhanden,
das Geistige, Astralische, das Arcanum, die Quinta essentia. Von diesem
hängt auch die Farbe ab, daher er es auch die Tinctur nennt (v. tingo).
Diagnose und
Nomenclatur dar
Krankheiten.
Tartarus.
Nahirheilung.
92
Die Medicin im Zeitalter der Reformation.
Specifica.
Signatur.
Einfachheit der
Recoptur.
Einzelne
Specifica.
Er glaubt, Gott habe für jede Krankheit ein eigenes Arcanum, mit an-,
derem Worte Specificum geschaffen. Wie soll man aber die Specifica
erkennen? „Wie man die Frau aus ihrer Form erkennt, so auch die
Arzneimittel." Wer diess leugnen wolle, der mache Gott zum Lügner,
dessen Weisheit durch solche äussere Merkmale der menschlichen Schwach-
heit zur Erkenntniss helfen wolle. Die Wissenschaft, die Wirkungen der
Mittel aus ihren äusseren Merkmalen zu erkennen, nennt er die Signatur
und legt auf sie das höchste Gewicht. Der Arzt muss verstehen die Sig-
natur, welches ist eine Scientia, durch welche alle verborgenen Dinge
gefunden werden und ohne die Kunst geschieht nichts Gründliches. So
schliesst er aus der hodenförmigen Gestalt der Orchiswurzel auf ihre Wirk-
samkeit gegen Krankheiten der Genitalien, aus der gelben Farbe des
Chelidonsafts auf die Heilsamkeit gegen Gelbsucht. In Herzkrankheiten
gibt er Gold, weil das Herz und das Gold in der cabbalistischen Scala
harmonirten. Die Gesammtheit der Eigenschaften der Medicamente
nennt er ihre Anatomey.
Er dringt dabei auf Einfachheit der Receptformeln. „Welches sind
die besten Hosen? die ganzen; die geflikten sind die ärgsten. Welcher
weise Mann ist so einfältig, dass er meinte, die Natur hätt' eine Kraft
getheilt, in das Kraut so viel, in das so viel und danach Euch Doctoren
befohlen zusammen zu sezen. Ach des armen Componirens ! Es ist doch
nicht anders, denn dass sie vergessen, dass ein Drek den andern verderbt
und ungeschlacht macht. Denn die Frau bedarf doch nicht mehr denn
eines Mannes zu einem Vater, aber vielerlei Samen verderben das Kind.
Aber schaue du zu und versuche das, vermische vielerlei Samen unter
einander, zerknitsche und zerstampfe sie auf apothekerisch und vergrab
sie in die Erden: da wird ja keine Frucht aufgehen."
Einige Hauptmittel, so weit man sie ungefähr zu deuten vermag, sind :
für das Gehirn: Liquor salis, Liquor vitrioli, Liquor lunariae, Essentia
de antheris, Manna, Essentia argenti, Sucus de amethysta, de granatis
und Composita de gemmis ; für das Herz : Essentia melissa, Quinta essen-
tia auri, Materia Laudani, Perlarum, Saphyrorum; für die Nieren: Cor-
rectio Zibethae, Essentia satyrionis, Materia stincor., Mat. sein, lactucae,
Essentia vitrioli; für die Leber: Liquor Brasatellae,Mannae, Aloes, Liquor
Sennae, Cichoreum, Quinta essentia sanguinis, Mysterium Mercurii, Myst.
Antimonii, Essentia plumbi; für die Milz : Helleborus, Valeriana, Verbena,
weisse Corallen, Magist. de asphalto, schwarzer Talk und Myster. Mer-
curii coagulati; für die Lunge: Pulmonaria, Materia roris, sulphuris, olo-
gani, Extr. Stanni ; für die Galle : Quinta ess. chelidonei, Compos. agrestae,
topas und ferrugo.
Paracelsus. 93
Von einigen besonders häufig gebrauchten Medicamenten sagt er : Ein^e
Von Antimon : in ihm ist Essentia, die nichts Unreines bei den Reinen ..aupt"'"el mit
' ihren Wirkungen.
lässt. Und so nichts Guts in dem Subject gefunden wird, so transmutirt
es den „unreinen Leib in den reinen". Es wurde von demselben ein sehr
ausgedehnter Gebrauch gemacht. — Argentum: ejus virtutes sunt in do-
loribus cerebri, splenis, hepatis et retentione profluvii. — Arsenici virtutes
in ulceribus, vulneribus, aliis aperitionibus. Alle Krebs, Wolf, cancrosisch
umfressende Löcher werden von Arsenico geheilt. Doch warnt er vor
unweislichem Gebrauche. — Auri virtutes in (ulceribus, vulneribus, aliis
aperitionibus) parlysi, synthena, febribus, tremore cordis, doloribus matri-
cis, ethica, peripneumonia et in acutis. „Ein Baum, der zwanzig Jahre
keine Früchte mehr getragen hat, so primum ens auri ihn begreift oder
seine Wurzel, hebt wieder an zu grünen und zu blühen wie im ersten
Anfang. — Cupri virtutes in ulceribus, vulneribus, vermibus. — Ferri
viritus styptica constrictiva exsiccativa. — Mercurii virtus est incarna-
tiva et laxativa. „Er ist der Patron zu heilen alle Krankheiten, so sich
in offene Schäden ziehn und ihren Ursprung nehmen aus der Unkeusch-
heit. Kautel: er macht geifern." — Plumbi virtutes sunt pro incarna-
tione. — Stanni virtutes in ictericia, ascite, vermibus. — Sulphur ist
das Hauptstük aller Balsame, proservirt den Leib so gewaltig, dass keine
Influenz mag imprimirt werden. Doch soll er roh nicht gebraucht werden. —
Gemmae restauriren den Leib und nehmen hin tartarische Krankheit:
Rubin gegen Dysenterie, Granit gegen Augenkrankheiten, Smaragd gegen
Haemoptysis, Saphir gegen Herzklopfen, Hyacinth gegen Faulfieber. —
Salz ist ein „Mittel gegen Fäulniss und bewahrt seine Operation in allen
Schäbigkeiten, Räude, Kräze, Juken." — Die Tugenden der aquae natu-
rales sind so viel und mancherlei, so viel und mancherlei Species der
Krankheiten sind. — Mumien und Präparate von Ertrunkenen und Er-
hängten wurden sehr gerühmt. — Die hauptsächlichsten vegetabilischen
Mittel waren Arnica (gegen Fieber), Helleborus niger (gegen Epilepsie,
Podagra, Schlag und Wassersucht), Hypericum perforatum (gegen Wunden
und Geistesstörungen), Polygonum persicaria (als blutbildendes Mittel
und Narcoticum) , Opiate , Pulmonaria (gegen die Lunge) , Chelidonium
(gegen Gelbsucht) etc.
„Ein jeglicher Wundarzt soll wissen, dass er nicht ist, der da heilet, Chirurgie.
sondern der Balsam im Leibe ist, der da heilet. So sollst du das wissen,
dass die Natur des Fleisches, des Leibs, des Geaders, des Beins in ihr
hat ein angeboren Balsam, derselbig heilet Wunden, Stich und was der-
gleichen ist. Die Kunst ist also, dass du der Natur an dem verlezten
Schaden Schirm und Schüzung tragest vor widerwärtigen Feinden. Darum
94
Die Medicin im Zeitalter der Reformation.
der wohl beschirmen mag und hüten kann, derselbig ist ein guter Wund-
arzt." Dem Balsam gebricht aber auch Nahrung: „eine wird ihm geben
durch Speis und Trank", daraus folgt denn die Ordnung in der Diät, „die
andere wird ihm geben durch die Arznei". „Und merke da einen Unter-
schied mit dem Eiter in den Wunden, dass ihrer zweierlei sind, der eine
aus der Fäulung der Wunden, der andere aus der Nahrung der Arznei.
Also ist das eine Eiter Sanies, das andere (pus) ist Excrement, d. i. der
Balsam zeucht aus der Arznei seine Nahrung und das ihm überbleibt, das
sind Stercora, wie sie denn eine jegliche Speis von ihr giebt". „Der
Schäden sind 3 Geschlecht : alle die da hizig, brennig sind, mit rothen
verfasset, mit aderischen Zugange, sie stehen im Leib, wo sie wollen, so
ist es einerlei Arznei. Zu dem Geschlecht nimm Saniculam. Welche
brennen und trefflich weh thun und nicht aderische Zugang haben und mit
rothem verfasst sind, dieselben gehören auch zusammen, zu denen nimm
Centauream. Welche mit Geschwulst, Flüssen und Rinnen verfasst sind,
dieselben gehen zum dritten Geschlecht, zu dem nimmPyrolamsilvanam."
Operationen scheint Paracelsus allenthalben vermieden zu haben.
Anhänger
des Paracelsus
unter seinen
Zeitgenossen.
Paracelsus Stellung in der Geschichte der Medicin ist mindestens eine
zweideutige. Er gehört zu den Männern, welche die möglichst weit aus
einander gehenden Beurtheilungen gefunden haben.
So gross und verbreitet sein Ansehen zu seinen Lebzeiten gewesen
sein mag, so war es jedenfalls schon damals reichlich mit Anfeindung ge-
mischt. Der Zulauf zu ihm und die Adhäsion seiner Schüler waren
grossentheils nur vorübergehend, und es ist in hohem Grade wahrschein-
lich, dass er sie weniger durch seinen wirklichen Werth, als durch die
Meinung an sich zog, er sei im Besiz geheimer Universalmittel, des
Lebenselixirs und des Steins der Weisen. Der ihm folgende Haufe suchte
diese Geheimnisse ihm abzulauschen und schlug sich, so bald er ent-
täuscht war, auf die Seite seiner Gegner. Nur wenige hielten an seiner
Lehre und die Art dieser Wenigen, welche mehr das Mysteriöse und Un-
verständliche seiner Lehre sich aneigneten, hat seinen Namen bei Zeit-
genossen und bei der nachfolgenden Generation noch weiter in Miss-
kredit gebracht.
Er selbst klagt über seine Schüler: „dieselben haben mir die Federn
vom Rok gelesen, Urin aufgewärmt, gedient und gelächelt, wie ein Hünd-
lein herumgestrichen und angehangen. Diess konnten nur Erzschelme
sein." „Was ich von Aerzten geboren habe: aus den Hundert von Pan-
nonia sind zween wohlgerathen, aus der Confyn Poloniae drei; aus den
Regionen der Saxen zween, aus den Slavonien einer, aus Bohemien einer,
Paracelsisten.
95
Andere
Paracelsisten.
aus dem Niederland einer, aus Schwaben keiner. Ein jeglicher hat meine
Lehre nach seinem Kopfe gesattelt : einer fahrt mirs in einen Missbrauch
zu seinem Sekel, ein anderer zeuchts ihm in sein Hoffart, aber ein anderer
glossirts und emendirts und im Fürlegen für mich warens erstunkene Lügen."
Zu diesen Anhängern von wenig rühmlichem Charakter gehörte Thur- Thumey»sen.
neyssen zum Thurn (1530 — 1595), erst Goldschmied, dann Soldat,
sofort Bergmann, zulezt ärztlicher Charlatan, schrieb Quinta essentia,
das ist die höchste Subtilität, Kraft und Wirkung der Medicina und Al-
chemia (1570) und mehreres andere, gab sich den ungereimtesten Phan-
tasien hin, vergötterte Paracelsus, erschwindelte sich die Gunst des Chur-
fürsten Johann Georg in Brandenburg und seines Hofes und damit ein
grosses Vermögen, verlor aber, nachdem Caspar Hoffmann, Professor in
Frankfurt an der Oder seinen Unsinn entschleiert hatte (de barbarie im-
minente), alles Ansehen und zulezt auch nach manchen Abenteuern und
Wechselfällen seinen Reichthum und starb in Armuth zu Köln.
Adam von Bodenstein (Onomastica duo 1572) und Gerhard Dornaus
(Clavis totius philosophiae chemisticae 1567, Fasciculus Paracelsiae me-
dicinae 1581 undDictionarium Theophrasticum 1583) waren nicht weniger
sinnlos und fanatisch.
An Berühmtheit, vielleicht auch an überspannter Mystik überragte
sie noch Peter Seveiinus, dänischer Leibarzt, welcher mit den mystischen
Analogien des Macro- und Microcosmus sein Spiel trieb und die Einfälle
des Paracelsus bis in ihre phantastischen Consequenzen verfolgte.
Ein paracelsischer Charlatan war ferner der Leibarzt der Kaiser
Maximilian n. und Ferdinand: Barthol. Carrichter. Er schrieb „Practica
aus den fürnehmsten Secretis ," ein völlig unverständlicher Galimathias,
und beschäftigte sich mit Vorliebe mit zauberischen Krankheiten; ausser-
dem verfasste er ein populäres Buch: Speisekammer der Teutschen.
Auch in Frankreich fand unter den Freunden der Arkanen die Para-
celsische Lehre Anklang , doch in etwas gemilderter Form : Leo Suavius,
Rochus Riverius, Dariot, besonders aber Quercetanus (Duchesne), der
Leibarzt Heinrichs FV.
Sofort verfielen auch einige Theologen, z. B. die Pastoren Bapst von
Rochlitz und Johaun Gramann und andere Nichtärzte , z. B. der Jurist
Amwald, darauf, aus der paracelsischen Geheimlehre Vortheil zu ziehen
und übertrafen bald die Mediciner an Tollheit und Dreistigkeit.
Eine mystische Theosophie vermengte sich mit der 'paracelsischen
Lehre und eine schwärmerische Secte, die der Rosenkreuzer, ging im fol-
genden Jahrhundert daraus hervor und Hand in Hand mit der paracels-
ischen, oder, wie sie sofort genannt wurde, mit der spagirischen Medicin.
96
Die Medicin im Zeitalter der Reformation.
Gegner des
Paracelsus.
Spätere
und neueste
Lobpreiser des
Paracelsus.
Sehr frühzeitig finden sich erbitterte Gegner des Paracelsischen Auf-
tretens. Gewiss sind manche davon selbst von der zweifelhaftesten Acht-
barkeit: so zunächst Johannes Oporinus, drei Jahre lang sein Schüler
und Sekretär, der aber mit ihm sich entzweite und mit der grössten Härte
über ihn urtheilte und erst nach seinem Tode wieder Verehrung ihm be-
zeigte; sodann Thomas Erastus in Basel, Scholastiker und wüthender
Gegner des Paracelsus, welcher Disputationes de medicina nova Philippi
Paracelsi schrieb. Würdigere Gegner waren Smetius , Professor in Hei-
delberg (Miscellanea medica), und Libavius aus Halle, Professor in Jena
und später Arzt in Coburg (besonders dessen Neoparacelsica).
Man kann wohl sagen , dass im ganzen ] 6. Jahrhundert kein einziger
wirklich gebildeter, unterrichteter und dabei wohldenkender und ernst-
hafter Arzt auf Seiten des Paracelsus stand; auch in beiden folgenden
Jahrhunderten war die allgemeine Stimme gegen ihn und Zimmermann,
im 18. Jahrhundert, drükt nur die geläufige Ansicht aus, wenn er sagt:
„er lebte wie ein Schwein, sah aus wie ein Fuhrmann, fand sein grösstes
Vergnügen in dem Umgang mit dem liederlichsten und niedrigsten Pöbel,
war die meiste Zeit seines ruhmvollen Lebens hindurch besoffen; auch
scheinen alle seine Schriften im Rausche geschrieben."
Gegenüber so vollständiger Verwerfung erscheinen die Versuche , Pa-
racelsus zu einem Geiste erster Grösse und zum Schöpfer und Begründer
der neuen Medicin zu machen, um so paradoxer. Der Beiname, der ihm
von gegnerischer Seite als Spott oder Vorwurf gegeben wurde: Lutherus
medicorum, ist später von seinen Bewunderern allen Ernstes genommen
und Paracelsus als der Reformator der Heilkunst proclamirt worden.
Schon van Helmont (im 17. Jahrhundert) eröffnete die Reihe der
Lobpreiser des Paracelsus ; doch blieb seine Apologie von geringem Ein-
fluss. Erst dem 19. Jahrhundert war es vorbehalten, hinter den Nebeln
der Paracelsischen Mystik die Sonne zu suchen , von welcher die Wieder-
belebung der Naturwissenschaften bewirkt worden sein soll. Man hat ihn
den Propheten der neuen Zeit genannt und seine Aussprüche als tief-
sinnige Vorgefühle angesehen , welche in den folgenden Generationen
mehr und mehr ihre Bestätigung erhalten haben sollen. Man hat selbst
eine Rükkehr zur paracelsischen Geheimlehre in unsern Tagen als die
wahre und einzige Erfahrungsheilkunst verkündet.
Die neuerliche Apotheose des Paracelsus ging von der sogenannten
naturhistorischen Schule Deutschlands aus. Jahn (in Heckers Annalen
1823) hat ihn nicht nur als einen der erhabensten Menschen aller Zeiten
und Völker bezeichnet und zugleich dem deutschen Geiste das zweideutige
Compliment gemacht, dass dieser Mystiker nur von Deutschen , niemals
Paracelsus. 97
von Ausländern zu verstehen sei. Eben so unbeschränkte Bewunderung
haben ihm Lessing (Paracelsus, sein Leben und Denken 1839) und Schulz
v. Schulzenstein gezollt. Häser jedoch (dessen Archiv I. 26.) hat mit
vollem Rechte, wenn auch mit einer gewissen Schüchternheit, seine
reformatorische Bedeutung abgelehnt; auch Marx (zur Würdigung des
Theophrastus von Hohenheim 1842) ist kritisch genug, um das paracelsische
Prophetenthum zu bezweifeln. Hans Locher dagegen (Th. Paracelsus
Bomb, von Hohenheim, der Luther derMedicin und unser grösster Schwei-
zerarzt 1851) und Alb. Moll (Württ. Correspondenzblatt XXI. 32. 33. 34.)
fallen wieder in die panegyrische Auffassung zurük und streiten wechsels-
weise dafür, ob die Schweiz oder Schwaben die Ehre haben solle, Para-
celsus den ihrigen nennen zu dürfen.
Eine nicht zu übersehende Erscheinung ist es ferner, dass die ausser-
halb der Wissenschaft stehenden ärztlichen Bestrebungen der neueren
Zeit vielfach den Paracelsus als ihre Wurzel und Vorahnung ansehen; so
äussern sich manche Anhänger der Hahnemann'schen Lehre, ebenso
Rademacher und seine Nachfolger , nicht weniger einzelne Stimmen aus
den dunkelsten Gebieten der angeblichen Naturmedicin unserer Tage.
Es ist nicht zu bezweifeln, dass ein Mann, welcher es wagte, nach Beurtheiiung
eigenem spontanem Nachdenken mit einer geistigen Gewalt von ändert- des
halbtausendjährigem Bestände und nach sehr allgemeiner Herrschaft ent-
schieden und unumwunden zu brechen , ein Kopf von grosser Selbständ-
igkeit und Energie sein musste; es ist eben so gewiss, dass Paracelsus
Scharfsinn genug besass, die Verdorbenheit der geläufigen Praxis und
Theorie zu durchschauen und dass seine Polemik gegen dieselbe eben so
von seltener Kraft, wie von unbestreitbarem Talente Zeugniss gibt.
Aber es ist auch nicht zu läugnen, dass er in seiner destructorischen
Arbeit von dem Geiste der damaligen Zeit wesentlich getragen und un-
terstüzt wurde, und dass zahlreiche Andere neben und selbst vo¥-ihm die
gleiche Einsicht in die Notwendigkeit einer Wendung der Wissenschaft
hatten und die Forderung derselben , wenn auch nicht mit der Heftigkeit
des Paracelsus, stellten.
Die falsche Auffassung der Paracelsus'schen Bedeutung in der Medicin
rührt zunächst wesentlich davon her, dass man sich vorstellt, er sei der
Erste oder gar der Einzige gewesen , welcher die mittelalterliche arabist-
ische und galenistische Medicin angegriffen, verworfen und das Studium
der Natur herzustellen gesucht habe. Man vergisst dabei die grosse Zahl
Anderer vor und neben ihm, welche mit ganz anderer Gewissenhaftigkeit
die Kritik des Bestehenden und die selbständige Forschung unternahmen
Wundeilich, Geschichte d. Medicin. 7
98 Die Mediän im Zeitalter der Reformation.
und nicht eine neue Mystik, sondern einen, wenn auch sparsamen, doch
positiven Thatsachengewinn zum Erfolg hatten. Man vergisst ganz, dass
Paracelsus' Stürmen gegen eine schon zusammenbrechende Macht ge-
richtet ist und dass er keine Ahnung davon hatte, wie viel schon vor und
neben ihm umgeschafl'en worden war. Er scheint nur die Carricatur der
Wissenschaft zu kennen, welche unter dem Haufen allerdings noch die
herrschende war. Von den gereinigten antiken Vorbildern, wie von den
soliden Forschungen seiner unmittelbaren Vorgänger und Zeitgenossen
verräth er auch nicht eine Spur von Kenntniss.
Allerdings ist wohl anzunehmen , dass Paracelsus die Pflichten der
redlichen Ueberzeugung nicht geflissentlich verlezt hat; er war offenbar
durchdrungen von dem, was er lehrte, und wo er sich in Verwirrungen
und Sinnlosigkeiten überstürzte, ist zuzugeben, dass vorzugsweise nur
sein unklares Denken und eine missglükte Ausdruksweise seine Ideen ver-
unstaltete. Man hat nirgends das Recht, ihm grobe absichtliche Myst-
ification Schuld zu geben. Aber es fehlte ihm durchaus an jedem soliden
positiven Wissen, selbst an solchem, das zu seiner Zeit zugänglich war.
Von Anatomie finden sich bei ihm nur die rohesten Andeutungen. Mit
dem manchen Brauchbaren, was man den von ihm befeindeten Aerzten des
Alterthums verdankt, hat er gar nicht die Mühe sich genommen , bekannt
zu werden. Die Forderung einer logischen Argumentation ist ihm gänz-
lich unbekannt. Niemand hat in willkürlicherer , schrankenloserer Aus-
dehnung Behauptungen und verwegene Hypothesen in der Form von-That-
sachen vorgetragen. Die Personification unklarer Abstractionen wird von
ihm zum Aeussersten getrieben und die imaginären Realitäten (Archäu.-,
Yliaster , Mysterium magnum , Quinta Essentia , Signatur) werden die
Basis seiner ganzen Anschauung. Abergläubische Vorurtheile beherrschen
ihn völlig, verblenden und verfälschen seine Wahrnehmungen und mischen
sich allen Punkten derselben bei. Kann er auch nicht der wissent-
lichen Lüge und des bewussten Betrugs beschuldigt werden, so bezeu^vu
die unmöglichen Erfahrungen, welche er gemacht haben will, dass er den
gröbsten Selbsttäuschungen unterworfen war , und es ist nicht unwahr-
scheinlich, dass er verhezt durch Anfeindungen seiner Gegner und in dem
Taumel der Selbstüberschäzung selbst nicht mehr die Grenzen der Wahr-
heit bemerkte und manches aussagte, was er nicht zu verantworten ver-
mochte. Das Vorbringen schwer glaublicher und unbeweisbarer Dinge
pflegt zu immer kekeren Behauptungen hinzureissen und der Schwindel,
welcher im besten Glauben ausgebrütet ward, vernichtet die Fähigkeit, sich
aus ihm loszuwinden und wird schliesslich als Werk einer höheren Inspir-
ation und Offenbarung gehegt , wird zu einem fanatischen Cultus. Es ist
Paracelsus. 99
diess einSchiksal, welches Paracelsus mit Vielen theilt, die nicht nur
von ihrer besonderen Erleuchtung, sondern selbst von ihrer Ehrlichkeit
und Redlichkeit die festeste Ueberzeugung haben; freilich hat aber bei
ihm dieses Geschik einen ungewöhnlich bedenklichen Grad erreicht und
seine Glaubwürdigkeit auf allen Punkten aufgehoben.
Dabei war jedoch die Redlichkeit des Paracelsus immerhin mit einer
natürlichen Schlauheit vereinigt, die den der Zeit und dem Publikum ent-
sprechenden Ton wohl zu treffen vermochte, rohen und ungebildeten Schü-
lern die Nuzlosigkeit der Studien vorwies, den Kranken mit der Verkehrt-
heit seiner Aerzte schrekte , den Unzufriedenen mit einer neuen Weisheit
lokte , dem Pöbel mit Astronomie und Mysterien imponirte , durch die
Hinweisung auf Gott seine Frömmigkeit documentirte und doch dem
strengen Kirchenglauben, wie es die Zeit wollte, entgegentrat, vor allem
aber das mächtigste Mittel der Ueberredung, die Wiederholung derselben
Declamationen, im unbegrenztesten Maasse handhabte und dabei eine der
Rohheit des Jahrhunderts entsprechende Beredtsamkeit übte, die zumal
gegen die Collegen in die gemeinsten Schimpfreden sich verlor.
Es ist zuzugeben, dass manche seiner Conceptionen von grossartiger
Auffassung und seiner Zeit vorausgeeilt sind. Weniger dürfte damit
gemeint sein die ziemlich unfruchtbare Parallelisirung des Macrocosmus
und Microcosmus, als vielmehr eine gewisse Ahnung des inneren Zusam-
menhanges im Organismus, sowie des nothwendigen Zusammenhangs in
derKrankheitsentwiklung, deren genetische Natur vor ihm kaum beachtet
wurde, die Anerkennung der Spontaneität der Heilung, die Vereinfachung
der Arzneiverordnungen und die Einführung mancher kräftiger vegetabil-
ischer uud besonders metallischer Medicamente.
Allein ein Reformator ist Paracelsus darum noch nicht. Es ist eine
gänzliche Verkennung der Leistungen seiner Zeitgenossen, wie seiner
eigenen Bedeutung, ihm einen reformatorischen Charakter beizumessen.
Der Pabst, von dem Locher spricht, dessen Herrschaft Paracelsus gestürzt
haben soll, Galen, war durch weit eingreifendere und einsichtsvollere An-
griffe um seine Unfehlbarkeit gebracht worden und es ist sehr zweifelhaft,
ob Paracelsus' stürmisches Gebahren der galenischen Lehre auch nur
einen Verständigen entzogen hat.
Zum Reformator fehlten dem Paracelsus ebensowohl die kritischen
wie die positiven Leistungen. Sein Angriff auf die Arabisten und Galen
war eine fortwährende Declamation , nirgends aber eine Widerlegung.
Kein einziger Saz der herrschenden Medicin ward von ihm als falsch
erwiesen ; alle standen nach ihm noch eben so berechtigt wie zuvor, wenn
auch zuzugeben ist, dass schon die Thatsache, dass ein so heftiger Anlauf
100 Die Medicin im Zeitalter der Reformation.
gegen sie gewagt wurde, sie erschüttern konnte. Es ist nicht zu be-
zweifeln , dass auf die Masse der Lärm mehr Einfluss hat , als der argu-
mentirende Verstand. Aber bei Paracelsus blieb sogar jener ohne son-
derliche Wirkung, da er selbst für jene Zeiten übertrieben und ungeniess-
bar war. Höchstens kann man zugeben, dass seit Paracelsus in den
untersten Schichten der ärztlichen Handwerker und Pfuscher eine neue
Sorte von unverstandenem Wahn- und Schwindelwesen Plaz griff und mit
den alten und angeerbten Vorurtheilen sich vermengte. Aber selbst wenn
Paracelsus etwas dazu beigetragen haben sollte, die Herrschaft des Galen
und Avicenna zu untergraben, so bleibt er nur ein Revolutionär und kein
Reformator; denn er stürmte wohl, aber er untersuchte nicht und schuf
nichts. Es fehlt zwar bei ihm nicht an treffenden Redensarten , die aber
nur Forderungen enthalten, dass es anders werden müsse. Wie man die
Wissenschaft zu construiren habe, darüber gibt er lediglich keine Anleitung
und das Positive , was er bietet , ist so verworren und macht die wenigen
guten Ideen , die darunter verborgen sind , so unkenntlich , dass die Fort-
schrittsmänner seiner Zeit nur mit Abscheu oder Gleichgiltigkeit seine
Neuerungsversuche betrachten konnten.
Die Vergleichung mit Luther und der kirchlichen Reformation ist
ohnediess eine ganz unglükliche. Nirgends findet sich bei Paracelsus die
fleissige solide Forschung Luther's, dessen gewissenhafte Untersuchung
und Prüfung und die demüthige Unterordnung der eigenen Person. Ausser
dass gewisse Richtungen und Vorstellungen der Zeit bei beiden zur lauten
Aeusserung kommen , hat Paracelsus nur das mit ihm gemein , was allen
gemein ist, welche Umwälzungen machen oder sie versuchen. Auch
Paracelsus hatte alle Eigenschaften eines kühnen Demagogen und den
Fanatismus, der den falschen wie den wahren Propheten eigen ist. Aber
dieses Kraftgenie hatte nirgends eine solide Grundlage und seine Inspir-
ation zündete nur um zu zerstören, nirgends aber um zu beleben.
So ist denn auch der nächste Erfolg seines Lehrens weit entfernt von
dem geblieben , was man eine Reformation zu nennen pflegt. Will man
einmal die Reformation in der Kirche zur Vergleichung nehmen , so ist
mindestens in den Früchten auch nicht ein Moment der Uebereinstimmung.
Luther's, Zwingli's und Calvin's Ideen breiteten sich im raschen Gange
über die ganze civilisirte Welt aus und fast die Hälfte derselben entschied
sich offen für sie , während in der anderen Hälfte an stiller Zustimmung
kein Mangel war; das ganze Gebiet der kirchlichen Ordnung und der
religiösen Anschauung gestaltete sich in Folge ihres Auftretens um und
selbst auf die profane Cultur hatte die Wendung den mächtigsten Einfluss.
Paracelsus aber hat nur einen Haufen von Gauklern und Wirrköpfen
Die Obscuranten. 101
erzogen , nur Adepten und Goldmacher bemächtigten sich seiner Lehre ;
seine Ideen gingen im Uebrigen spurlos vorüber , wurden von allen Ver-
ständigen für Unsinn erklärt und erst nach 300 Jahren fängt man an,
diess als ungerechte Misskennung anzusehen, durch die Unverständlich-
keit seiner Sprache zu erklären und unter der Masse des Unsinns da und
dort einen tiefen Sinn zu entdeken.
Wessen Lehre ein solches Schiksal — verdient oder unverdient —
hat, der ist kein Reformator! Will man ihn mit einem der Männer der
kirchlichen Reformation analogisiren, so dürfte es eher Thomas Münzer
als Luther sein.
Eine Reformation der Medicin hat stattgefunden im 16. Jahrhundert;
aber sie wurde nicht durch Paracelsus bewirkt; dieser ist kaum an ihr
betheiligt.
Paracelsus hat auf die nächsten Fortschritte der Medicin lediglich gar
keinen Einfluss; er hat aber durch seine barbarische Methode, welche
von Betrügern ausgebeutet und von verwirrten Köpfen schwärmerisch
erfasst wurde, wesentlich dazu beigetragen, den vor und neben ihm be-
gonnenen ruhigen Fortschritt zu hemmen und zu beschränken und die
Verwilderung der Medicin in der folgenden Generation anzubahnen.
Im Gegensaz nicht nur zu diesen Wühlern, sondern im Gegensaz zu Die
Allen, welche an der gewaltigen Bewegung Antheil nahmen, gab es eine 0bscnranfen.
grosse und mächtige conservative Partei , deren lautere Vertreter und
Stimmführer zum Theil an lärmender und tobender Streitsucht, wie an
Obscurantismus hinter Niemand zurükstanden. Sie traf vornemlich Pa-
racelsus' Zorn; über sie schüttet er seinen reichen Vorrath an Schimpf-
wörtern aus ; das sind für ihn die heillosen Lotterbuben, Geldpfaffen, Laus-
jäger, schelmige Juden , Säue, Schanddekel, unwissende Tölpel, lausige
Sophisten, Polsterdoctoren, Oelgözen, Kälberärzte, Gimpel, Sudelköpfe
(== Apotheker), Folterhanse (= Operateurs) und ihre Medicin ist ihm
die Diebs- und Beschissgrube.
Die Obscuranten fanden ihren Halt und ihre Unterstüzung nicht nur
an der grossen conservativen Partei , welcher die ganze reformatorische
Bewegung ein Greuel war, sondern in der troz allen erwachenden Fort-
schritts noch lange nicht getilgten und mit den Gemüthern aufs engste
verwachsenen Befangenheit.
Wie gross und allgemein die Herrschaft der Finsterniss in den Ge- Hexenprocesse.
müthern war, erkennt man vorzüglich an den am Ende des 15. Jahrhun-
derts aufgekommenen und im 16. und 17. wahrhaft epidemisch verbrei-
teten Hexenprocessen und Hexenverbrennungen , an denen auch der junge
102
Die Medicin im Zeitalter der Reformation.
Einzelne
Conservative.
Conciliatoren.
Protestantismus einen eifrigen Antheil nahm. Der Malleus maleficarum,
welcher nähere Nachricht über die Zauberei überhaupt und Anleitung
zum gerichtlichen Verfahren gegen Hexen und Zauberer gibt , erschien
schon 1489. Allein erst im 16. Jahrhundert, bis zu dessen Ende er neun
Auflagen erlebte, wurde seine Wirksamkeit eine verheerende. Zwar hat
sich ein tüchtiger Arzt, Wierus (de praestigiis daemonum et incantatio-
nibus ac veneficiis 1563), mit Entschiedenheit gegen dieses mörderische
Unwesen erklärt , aber er selbst zählt eine ganze Reihe von Teufel auf
und leugnet nur die Bündnisse mit Menschen und die daraus angeblich
hervorgehenden Zauberkünste.
Es liegt in der Natur der Sache, dass von den als Hemmschuh dem
Fortschritt sich Entgegenstellenden nicht viel mehr als die Namen zu
erwähnen sind.
Alexander von Neustain machte sich vornemlich als Argenterio's
Widersacher bekannt.
Ebenso stritt Remigius Megliorati für die alte Lehre von der
Fäulniss. Giorgio Bertini vertheidigte den Galen. Auch Mercurialis
war dem Fortschritt wenig geneigt. Besonders aber stemmte sich die
Pariser Facultät , Riolan an der Spize, gegen jede Neuerung und ver-
urtheilte namentlich den Gebrauch der Antimonialien. Zahlreiche andere
verdienen nicht einmal genannt zu werden.
Doch selbst die strengsten Gegner des Fortschritts mussten dem
Sturm der Zeit auf vielen Punkten nachgeben und manche nachgiebige
Naturen fanden es am geeignetsten , die Neuerungen neben dem Alten
gelten zu lassen , wobei sie nur meist von Diesem und Jenem das Ab-
surdeste vermischten. Zu diesen sogenannten Conciliatoren oder Syncre-
tisten , welche namentlich Paracelsische Lehren aufnahmen , gehörte der
schon erwähnte Winter von Andernach, ferner Andreas Ellinge r,
Professor in Jena, Phaedro von Rodach, Benedictus Aretius und die
beiden Professoren Zwinger in Basel.
Situation
des ärztlichen
Standes.
Die Situation der Aerzte in der Reformationsperiode war keine un-
günstige; sie waren geachtet und galten als die Weisen und als Kenner
der verborgenen Geheimnisse der Natur. Obwohl die Taxen für ärztliche
Berathung nieder gestellt waren, so wurden sie doch meist nicht einge-
halten und die Einnahmen waren im Allgemeinen beträchtlich. Zahlreiche
Adeliche, besonders aus heruntergekommenen Familien, drängten sich in
den ärztlichen Stand, von welchem die Juden ausgeschlossen waren. Das
Practiciren war an einen Gradus oder ein Facultätszeugniss gebunden ;
nur für einzelne Gebrechen war die Behandlung Empirikern überlassen.
Nationalitäten.
Situation des ärztlichen Standes. 103
Die Studien wurden von den Bessern sehr gründlich genommen und viele
Deutsche und Franzosen begaben sich an die blühenden Universitäten
Italiens zum Studiren. Bologna's Doctorwürde galt für die erste in ganz
Europa. Ueberhaupt finden wir eine grosse Beweglichkeit unter den
Aerzten jener Zeit. Wenigstens die Berühmteren befinden sich bald in
Deutschland, bald in Frankreich, bald in Ho 1J and, Ungarn oder Italien
und practiciren und lehren daselbst. Der allgemeine Gebrauch der latein-
ischen Sprache als Verkehrsmittel erleichterte diess. Im Uebrigen sind
die Aerzte theils Professoren an den Universitäten , theils Leibärzte der
zahlreichen Dynasten, theils Physici der Städte. Das gemeine Volk hielt
sich noch grossentheils an vagirende oder sesshafte Empiriker.
Bei dem wechselseitigen Verkehr der Aerzte aller Länder war der Das
nationale Charakter in der Entwiklung und Behandlung der Wissen-
schaften nur theilweise scharf ausgeprägt. Doch lassen sich einige we-
sentliche Differenzen nicht verkennen.
Die bedeutendsten Leistungen nach allen Seiten, vorzüglich aber in
der Anatomie fielen Italien zu.
In Frankreich war die Chirurgie überwiegend. Die Pariser Fakultät
war von geringer Bedeutung, die von Montpellier hervorragender.
Deutschland schliesst sich zum Theil an Italien an , holt dort seine
Bildung; andern theils steht es unter dem Einfluss finstern nordischen
Aberglaubens , eingewurzelter Vorurtheile und eines Zugs zu nebelhafter
Schwärmerei. Es wird durch die Thätigkeit der Reformatoren und durch
die wilden Kämpfe der Parteien am heftigsten durchwühlt.
In Spanien erhielt sich die scholastische Medicin noch am längsten
die Herrschaft. Doch findet man eine Anzahl tüchtiger Aerzte daselbst:
Amatus Lusitanus (Scholastiker), Christobal de Vega (Uebersezer
des Hippocrates) , Francisco Valles (selbständiger Beobachter) , Luis
Mercado (der bedeutendste und originellste Beobachter Spaniens aus
jener Zeit, der vornemlich mit der Garotillo, dem Petechialtyphus, der
Pest und mit Gynaecologie sich beschäftigte), Juan Huarte (ein ein-
sichtsvoller Theoretiker), Roderigo de Fonseca (eigentlich der italien-
ischen Schule angehörig).
In England zeigte sich wenig Selbständigkeit, grösstentheils Anschluss
an Italien, Frankreich, auch an Deutschland.
FÜNFTER ABSCHNITT.
Die Medicin im siebenzehnten Jahrhundert.
Der Mangel an
Methode der
Forschung.
So bedeutend die Fortschritte des 16. Jahrhunderts auch waren, so
sind sie doch lediglich einem völlig unmethodischen Suchen zu verdanken.
Die Ausbeute des planlosesten Arbeitens war zu reichlich, als dass man
das Bedürfniss einer überdachten Forschung sofort gefühlt hätte; aber
die Folge war, dass neben allen Bereicherungen im Factischen auch die
Besten über die Grenzen des Wissens und die Bedingungen der Beweis-
führung in gänzlicher Unklarheit sich befanden und daher bei eifrigstem
Streben nach Wahrheit auf allen Punkten dem Aberglauben verfielen.
Es fehlte an jeder Methode der Untersuchung; die Wege und die Cri-
terien der wissenschaftlichen Forschung waren dem Instinct überlassen.
Falsche Instincte konnten bei solcher Sachlage den ganzen Gewinn der
bisherigen Arbeit wieder in Frage bringen.
Glüklicherweise hat am Ende des 16. und am Anfange des 17. Jahr-
hunderts ein Denker von seltener Unbefangenheit und Schärfe des Geistes
es unternommen , die Methode der Naturforschung mit dem vollendetsten
Erfolge festzustellen.
Franz Baco, geboren 1560, studirte die Rechtswissenschaft und ge-
langte frühzeitig als Schriftsteller, Rechtsgelehrter und Redner zu grossem
Ansehen. Von elastischer Natur und den Verführungen des grossen
Lebens widerstandslos sich hingebend, für Prunk, Verschwendung, Macht,
und Hofgunst höchst empfänglich , hat er durch grosse Verfehlungen sein
moralisches Leben verunreinigt. Zur Partei des Grafen Essex gehörig
und von diesem hochgeschäzt und mit Wohlthaten überhäuft, trat er bei
dessen Sturz zu seinen Gegnern über , suchte zwar nach Mitteln , ihn,
ohne sich selbst zu compromittiren , zu retten; als er aber die Unmög-
lichkeit erkannte, unterstüzte er die Anklage gegen seinen Freund, und
vertheidigte auf Befehl der Königin nach dessen Hinrichtung diesen Act
Baco. 105
öffentlich. Nach der Thronbesteigung Jakob's L, mit welchem Essex's
Partei wieder zur Herrschaft gelangte , wusste er rasch dieser wieder
gefällig zu werden, half dem Herzog von Bukingham, Günstling des Königs,
den Staat und die Privaten plündern , für Geld Patente verleihen und
Monopole verkaufen und Hess sich selbst seine richterlichen Entscheid-
ungen abkaufen. Man behauptet, dass er damit 100,000 Pfund gewonnen
habe, welche er aber eben so schnell wieder vergeudete. 1604 wurde er
Rechtsgelehrter des Königs, 1607 Generalprocurator, 1612 Attorney-
general, 1616 Staatsrath, 1617 Grosssiegelbewahrer und Stellvertreter
des Königs während einer Abwesenheit desselben, 1618 Lordkanzler von
England, 1620 Peer von England , Baron von Verulam und Viscount von
St. Alban. • *
Aber ein neues Parlament trat zusammen, welches die Klagen über
Monopol- und Patentverkäufe und richterliche Bestechungen untersuchte,
den Grosskanzler als den Mittelpunkt derselben entdekte und 23 einzelne
grosse Bestechungsfälle nachwies. Als ihm die Anklagepunkte vorgelegt
wurden , erklärte er sich tief zerknirscht für schuldig und verzichtete auf
alle Vertheidigung (1621). Er wurde zu lebenslänglichem Gefängniss,
bürgerlichem Tode und 40,000 Pfund Geldstrafe verurtheilt, obwohl dabei
die Richter seiner geistigen Grösse ihre volle Bewunderung zollten. Doch
wurde er schon nach zwei Tagen von dem Könige amnestirt, erschien
jedoch nicht mehr öffentlich, sondern lebte bis zu seinem Tode (1626) in
stiller Zurükgezogenheit.
Die Schatten , welche Baco's schwere Verfehlungen auf seinen moral-
ischen Charakter werfen , haben Einzelne mit besonderer Begierde auf-
gegriffen und dazu benüzt, auch seine wissenschaftliche Bedeutung herab-
zuziehen und zu verdächtigen. Es ist nicht möglich, jene zu tilgen oder
zu beschönigen; aber ebenso wenig ist es erlaubt, aus ihnen Motive für
die Beurtheilung von Baco's Leistungen als Denker zu entnehmen. Die
Indignation, mit der man diese Vergehen bei dem Manne der Wissenschaft
hervorzuheben pflegt, ist übrigens ein gutes Zeugniss für die allgemeine
Ehrenhaftigkeit der Gelehrtenwelt; denn man ist nicht gewohnt, auf ähn-
liche Züge aus dem Leben der Helden und Grossen des politischen Schau-
plazes einen gleichen Nachdruk gelegt zu sehen.
Die Hauptwerke Baco's waren: de dignitate et augmento scientiarum Schriften.
(zuerst 1605) und Novum Organum scientiarum (1620), sodann die Silva
silvarum.
Baco hatte die scholastische Philosophie studirt, aber auf die Frage, Aligemeine
Aufgabe und
was er dann gefunden, antwortete er : Worte , Worte , Worte ! Ander Tendenz.
106 Die Medicin im siebenzehnten Jahrhundert.
Stelle dieser todten Gelehrsamkeit unternahm er es, eine frische und
fruchtbare Wissenschaft zu sezen. „Kann ich. aus dem Reiche der Wis-
senschaft zweierlei Räuber vertreiben, die einen, welche durch Wortge-
zänk, die anderen, welche durch blinde Erfahrung, Tradition und Betrügerei
Schaden anrichten, so hoffe ich an ihre Stellen fleissige Beobachtungen,
wohlbegründete Schlüsse, nüzliche Erfindungen undEntdekungen zu sezen."
Der Charakter seines Denkens ist die Nüchternheit; das Ziel der
praktische Nuzen, die Erfindung und Entdekung; das Mittel zur Erfindung
die Erfahrung, und die Methode der Erfahrung die Induction.
Er will eben desshalb nicht ein abgeschlossenes System bilden, er
weiss, dass seine Aufgabe nicht im Laufeines Menschenalters sich voll-
enden lässt; er übergibt darum sein Wet'k.der Zukunft. Er sucht nicht
die Wissenschaft in den engen Fachwerken eines menschlichen Geistes,
sondern in dem weiten Reiche der Welt. „Es gehört nothwendig zu
meiner Denkweise , dass sie den Abschluss nicht sucht und nicht will.
Genug, dass ich die nothwendigen Ziele bezeichne, den richtigen Weg
angebe, selbst einen Theil dieses Wegs zurüklege, Schwierigkeiten fort-
räume und Hilfsmittel ersinne. Das Uebrige überlasse ich den kommenden
Generationen und Jahrhunderten. Auf dieser Bahn gewährt jeder Punkt
einen Sieg, bildet jeder Punkt ein Ziel und nach dem lezten Ziele als
dem Abschluss aller Arbeit können nur die suchen und fragen, die in
dem grossen Wettlauf menschlicher Kräfte nicht mitstreben."
Die Aufgabe, welche sich Baco stellt, ist, den menschlichen Geist zum
planmässigen Erfinden geschikt zu machen, an die Stelle des zufälligen
Findens ein kunstmässiges und geregeltes Erfinden zu sezen. Er sezte
zu dem Ende sein Novum organon dem Aristotelischen entgegen, als das
logische Instrument für das Erfinden, als ratio inveniendi. Das Ziel des
Erfiudens aber ist nichts anderes als die Herrschaft des Menschen über
die Dinge, in welcher der höchste Zwek aller Wissenschaft liegt. „Der
gemeine und schlechte Ehrgeiz ist, die eigene Macht im Vaterland zu ver-
mehren; ein grosser würdiger aber eigennüziger ist, die Macht und Herr-
schaft des Vaterlandes auszubreiten; der erhabenste und gesundeste
Ehrgeiz aber ist, die Herrschaft und Gewalt der Menschheit über das
Universum der Dinge herzustellen" (Nov. Org. lib. 1. Aph. 129). Eine
solche Herrschaft ist nicht möglich, wenn man die Dinge nicht kennt :
im Wissen liegt die Macht! Kenntniss ist aber nicht anders als durch
fortwährenden Verkehr mit den Dingen zu erlangen. „Man muss die
Menschen mitten in das Detail der Dinge führen, damit sie sich vorläufig
aller Begriffe entschlagen und anfangen mit den Dingen selbst zu ver-
kehren". Das richtige Verständniss der Natur ist daher die Grundlage
Baco. 107
alles Wissens: die Naturwissenschaft muss für die Mutter aller Wissen-
schaften gelten. Alle Künste und Wissenschaften, sobald sie von dieser
Wurzel losgerissen werden, können sich wohl formell ausbilden, aber nicht
sich weiter entwikeln. „Niemand möge erwarten, dass die Wissenschaften
Fortschritte machen, bevor die Naturlehre in sie eingedrungen ist und sie
selbst auf Naturlehre zurükgeführt sind. Darum haben Astronomie, Optik,
Musik, sogar die Medicin und die Moral, Politik und Logik so wenig Tiefe
und leiden so sehr an Oberflächlichkeit und Wechsel, weil sie zu isolirten
und particulären Wissenschaften geschaffen wurden und nicht mehr von
der Naturlehre ernährt werden" (Nov. Org. I. Aph. 80).
Bei der Erfahrung genügt aber nach Baco nicht die einfache Auf- Die wahre Er-
zählung wahrgenommener Dinge. Die Descriptio naturae muss zur Inter- fahrune-
pretatio naturae, die Naturgeschichte zur Naturwissenschaft werden. Der
menschliche Verstand darf dabei nichts hinzufügen, nichts vergessen oder
übersehen; er soll sich nicht selbständig ein Bild der Natur entwerfen,
denn diess ist eine Anticipatio naturae und liefert ein wesenloses Hirnge-
spinnst , ein Idol. Die Interpretatio naturae dagegen besteht in der Ver-
nunft , die in der Weise der Notwendigkeit aus den Dingen selbst her-
vorgeht (Nov. Org. lib. I. Aph. 26 — 33). Vorgefasste Begriffe und zu
geringe Erfahrung sind der Grundmangel alles dessen gewesen, was bis
dahin für Wissenschaft ausgegeben wurde. Die Idole und falschen Be-
griffe nehmen den menschlichen Geist so gefangen, dass sie ihm nicht nur
den Eingang zur Wahrheit erschweren, sondern ihn in seinem Streben zur
Wahrheit immer aufs neue hemmen. Ihnen entgegen muss die Wissen-
schaft mit dem Zweifel beginnen; aber der Zweifel darf nur ihr Ausgangs-
punkt, nicht ihr Ziel sein. Das Ziel ist nicht der Zweifel (acatalepsia),
sondern die richtige Erkenntniss (eucatalepsia). Von dem ersten Aus-
gangspunkte an darf der Verstand niemals sich selbst überlassen bleiben,
sondern muss überall geleitet werden. Vornemlich aber müssen ferne
gehalten werden alle aus der individuellen Eigenthümlichkeit, aus socialen
Verhältnissen und aus aufgedrungener Autorität entsprossenen Vorur-
theile und Idole.
Die Naturwissenschaft wurde angestekt und verdorben in der Aristo-
telischen Schule durch Dialektik , in der Platonischen durch Naturtheo-
logie, in der neuplatonischen durch Mathematik (Nov. Org. I. Aph. 96).
Das grösste Ilinderniss einer reinen Erfahrung (mera experientia) ist,
wenn der Verstand über die Grenze der Erkennungsmöglichkeit hinaus
will, wenn er die Natur nach Zweken, nach ihren Finalursachen unter-
suchen will. Mit diesen hat die Physik nichts zu schaffen; sie hat nichts
durch Zwcke, sondern durch wirkende Ursachen zu erklären. Die Unter-
|08 Die Medicin im siebenzehnten Jahrhundert.
suchung der Zweke ist unfruchtbar wie eine gottgeweihte Jungfrau. (De
augment. scient. lib. III. cap. 4 und 5.)
Das Schlimmste aber ist die Apotheose des Irrthums und es ist für
eine Pest der Intelligenz zu halten , wenn zum Wahn die Verehrung sich
gesellt. So hat man in dem ersten Capitel der Genesis, im Buch Hiob
und in andern heiligen Schriften die Grundlage der Naturwissenschaft
finden wollen und um so mehr ist solche Verkehrtheit zu zügeln , weil aus
der unverständigen Vermischung des Göttlichen und Menschlichen nicht nur
eine phantastische Philosophie, sondern eine kezerische Religion entsteht.
Daher ist es durchaus zuträglich , mit nüchternem Sinn dem Glauben nur
zu geben, was des Glaubens ist (Nov. Org. I. Aph. 65).
Statt dessen aber darf man sich nur durch Selbstuntersuchung, durch
Autopsie leiten lassen. Diese aber muss eine methodische sein. Die Er-
fahrung ist, wenn sie zu uns kommt, Zufall, wenn sie gesucht wird, Ex-
periment. Jene Erfahrung ist liederlich und nur ein Tappen, wie wenn
Menschen bei Nacht Alles betasten, ob sie zufällig auf dem rechten "Wege
sind. Viel richtiger und überlegter wäre es, zuerst Licht anzuzünden und
damit den Weg zu betreten. Diess thut die wahre Erfahrung (Nov. Org.
lib. I. 82). Denn man muss sich vor dem Irrthum hüten, die Dinge zu
kennen, ohne sie kennen gelernt, erforscht zu haben. Jener Irrthum
stammt aus dem Besize von Worten und Namen für die Dinge, die wir
eher erfahren als die Natur der Dinge, die uns von Kindheit geläufig sind
und deren Gebrauch uns in die Einbildung versezt, als kennen wir die
Dinge selbst (Nov. Org. lib. I. Aph. 59. 60).
Wir müssen uns ferner hüten, die sinnliche Wahrnehmung der Dinge
ohne weiteres für eine wahre zu nehmen. Es ist falsch, den menschlichen
Sinn für das Maass der Dinge zu nehmen. Alle unsere Wahrnehmungen
sind nur ex analogia hominis und nicht ex analogia universi. Dermenseh-
liche Verstand verhält sich zu den Strahlen der Dinge wie ein unebener
Spiegel, der seine Natur der der Dinge einmischt und so diese verdreht
und verdirbt (Nov. Org. lib. I. Aph. 41). Der Verstand ist überdem auch
durch den Willen und durch die Affecte verdunkelt und er hält für wahr,
wovon er wünscht, dass es wahr sei (Aph. 49).
Man muss daher Sinne und Verstand bearbeiten, corrigiren und unter-
stüzen mit den Instrumenten. „Weder die blosse Hand, noch der sich
selbst überlassene Verstand vermögen viel auszurichten. Sie bedürfen
beider der Instrumente und Hilfsmittel. Alle richtige Interpretation der
Natur geschieht durch correcte Experimente, wobei der Sinn nur über das
Experiment, dieses aber über das Object selbst urtheilt."
Als Grundlage aller Erfahrung verlangt Baco die Analyse, die Dissectio
Baco. 109
naturae, die Anatomia corporum (Nov. Org. I. Aph. 124). „Es ist besser
die Natur zu seciren, als zu abstrahiren" (Nov. Org. I. 51). Aber man
soll nicht , wie in der atomistischen Schule , die Dinge auf Atome zurük-
führen , die einen leeren Raum und eine beharrliche Materie fälschlich
voraussezen, sondern ad particulas veras, quales inveniuntur (Nov. Org.
I. 51 und 57; II. 8).
Es ist sodann nicht zu gestatten, dass der Verstand von dem Parti-
culären zu den entferntesten und gleichsam allgemeinen Axiomen springe
oder fliege und dann mit der so aufgefundenen Wahrheit die mittlem
Axiome entwikle. „Von den Wissenschaften ist erst dann etwas zu hoffen,
wenn auf einer wahren Leiter von Schritt zu Schritt, ohne Zwischenraum
oder Luken emporgestiegen wird, von dem Particulären zu den untersten
Axiomen , dann zu den mittleren , sofort zu den hohen und zulezt zu den
allgemeinsten. Wir müssen dem menschlichen Verstände nicht Fittige,
sondern Blei und Gewichte anfügen, um seinen Sprung und Flug zu hem-
men" (Nov. Org. I. Aph. 104.). Die Empiriker sind wie die Ameisen, die
vieles zusammentragen und nie gebrauchen, die Rationalisten wie die
Spinnen , die aus sich ein Gewebe bereiten , die Vernunft aber gleicht der
Biene, die ihr Material von überall her zusammenträgt und es mit eigener
Kraft verarbeitet und ordnet" (Nov. Org. lib. I. Aph. 95).
Die Erfahrung lehrt die Thatsachen kennen, zur Wissenschaft wird Die induction.
sie erst, wenn die Ursachen der Thatsachen erkannt werden: vere scire
est per causas scire (Nov. Org. lib. II. Aph. 2). Die einzig richtige, exaete
Methode ist die Induction, d. h. die unmittelbare und ohne Sprünge fort-
schreitende Ableitung der allgemeinen Thatsachen von den concreten, der
Geseze von dem einzelnen Geschehen.
Hiezu dient zunächst die Vergleichung vieler ähnlichen Einzelfälle :
hiedurch kann das Wesentliche von dem Zufälligen geschieden werden.
Einerseits ist eine Vielheit von Fällen zu vergleichen , in denen dieselbe
Erscheinung unter verschiedenen Bedingungen sich zeigt (positive In-
stanzen) ; andererseits sind die Fälle , wo unter ähnlichen Bedingungen
dieselbe Erscheinung nicht stattfindet (negative Instanzen) , und leztere
sind sodann wiederum mit den ersteren zu vergleichen. So werden die
unwesentlichen Bedingungen erkannt und durch ihreRejection die wesent-
lichen festgesezt. Schliesslich werden aus diesen die allgemein wirkenden
Geseze der Natur, die Axiome gewonnen. Der Unterschied von den
Schlüssen der gewöhnlichen Erfahrung liegt bei diesem Gang vornem-
lich in der von Baco besonders nachdrüklich geforderten Prüfung durch
die negativen Instanzen. Erst dann ist nach ihm ein Schluss vollendet,
wenn kein widersprechendes Zeugniss, keine negative Instanz mehr gegen
HO Die Medicin im siebenzehnten Jahrhundert.
ihn aufgeführt werden kann. (Cogitata et Visa p. 597.) Homini tantum
conceditur , procedere primo per negativas et postremo loco desinere in
affirmativas post omnimodam exclusionem (Nov. Org. II. 15). Wie der
Zweifel der Ausgangspunkt jeder Forschung ist, so hat er diese auch auf
• jedem Schritt zu begleiten; dadurch macht er die Erfahrung critisch und
schüzt sie vor Leichtgläubigkeit und Aberglauben. Der Zweifel hat auf
jedem Punkte nach den negativen Instanzen zu suchen und dadurch die
Gefangennehmung des Verstandes durch die affirmativen Einzelfälle zu
verhindern.
Da jedoch bei der Methode der Induction eine wesentliche Schwierig-
keit darin liegt, dass man sehr vieler Einzelfälle bedarf, so versucht Baco,
die Forschung dadurch zu erleichtern, dass er gestattet, aus der Erfahrung
solche Fälle auszusuchen, welche entscheidender sind als die andern, in-
dem ein einziger, möglichst reiner, prägnanter Fall den Werth von einer
ganzen Reihe gemischter haben und übersteigen kann. Er nennt diese
Fälle prärogative Instanzen; sie dienen dazu, die Vergleichung abzu-
kürzen und dadurch zu erleichtern und somit die Induction zu beschleu-
nigen (vergl. über die verschiedenen (27) prärogativen Instanzen Nov.
Org. II. 22 — 51). Darunter benüzt er auch die Aehnlichkeit der Dinge
unter einander, die Analogien (die conformen Instanzen), nicht zur Fest-
stellung der Geseze, wohl aber als Wegweiser, welche die Forschung auf-
merksam machen. In allen solchen Analogien ist aber eine ernste und
strenge Vorsicht (cautela gravis et severa) anzuwenden. Es sind nur
solche giltig, welche physische Aehnlichkeiten, reelle und substantielle
im Wesen der Natur liegende, nicht zufällige oder gar abergläubische und
eingebildete, bezeichnen (Nov. Org. II. 27).
Erfind^. Zur Erfindung, dem lezten Ziel der Baconischen Forschung, führt die
gewonnene Kenntniss einfach durch Anwendung der gefundenen Geseze.
Die Erfindung ist ein neues Experiment, abgeleitet von den Axiomen
(Baco's Deduction).
Baco-s Desiderien Die Medicin hat nach Baco drei Aufgaben : das Leben zu verlängern,
für die Medicin. jje Gesundheit zu erhalten und die Krankheiten zu heilen. Er bedauert,
dass die beiden ersten Aufgaben von den Aerzten so wenig beachtet wer-
den. Auch in Bezug auf die Pathologie und Therapie im engern Sinn
bringt er' eine Reihe von beachtenswerthen Desiderien vor.
1) Genaue Krankengeschichten concreter Fälle (Casuistik);
2) Vergleichung des Zustandes der Organe nach Consistenz, Form,
Lage und Beschaffenheit bei verschiedenen Krankheiten (pathologische
Anatomie);
3) Zuhilfenahme der Vivisectionen von Thieren;
Baco. Hl
4) Beseitigung der Voraussezung der Unheilbarkeit von Krankheiten;
5) grössere Rüksichtnahme auf Linderung der Schmerzen und Be-
schwerden der Kranken (plane censeo ad officium medici pertinere non
tantum ut sanitatem restituant, verum etiam ut dolores et cruciatus mor-
borum mitigent), wobei er auch die Euthanasie als eine nicht geringfügige
Aufgabe der Therapie hervorhebt;
6) genauere Erforschung der für specielle Krankheiten erforderlichen
therapeutischen Maassregeln;
7) Versuch, die natürlichen Mineralwasser und Thermen durch che-
mische Zusammensezung künstlich zu ersezen;
8) genauere Formulirung des Curverfahrens nach Zusammensezung,
Aufeinanderfolge etc.
Sonach hat Baco durch sein Nachdenken die gesammte Naturforsch-
ung mit einer Methode der logischen Operationen beschenkt, zu welcher
die folgenden Zeiten bis heute kaum etwas hinzuzufügen wussten. Auch
ist ihm von Seiten der Naturwissenschaften dafür die umfassendste An-
erkennung zu Theil geworden und seine Bedeutung, schon von seinen Zeit-
genossen geahnt und gewürdigt, hat sich in den Kreisen der objectiven
Wissenschaften ungeschmälert erhalten oder ist noch gewachsen. In der
That beginnt mit ihm die entschiedene Klärung des beobachtenden Geistes
und die Einsicht in dessen Aufgabe und Vermögen. Er hat zuerst mit
vollem Bewusstsein den Schritt gewagt, den Autoritätsglauben abzuwerfen
und die Voraussezungslosigkeit als Princip zu proclamiren. Doch hat es
auch nicht an entgegengesezten Stimmen gefehlt. Zumal in der specu-
lativen Schule wurde Baco's Verdienst vielfach in verdächtige Zweifel
gezogen; ja es kam selbst bis zur völligen Verwerfung,, wenn nicht gar
zur Schmähung seines Gedächtnisses. Indessen hat in neuester Zeit auch
die^speculative Wissenschaft angefangen, das an Baco begangene Unrecht
einzusehen und seine hohe Bedeutung in der Entwiklungsgeschichte des
menschlichen Geistes anzuerkennen (Schaller, noch mehr Feuerbach und
Cuno Fischer).
Wie sehr jedoch eine Meditation wie die Baco's im Zuge der Zeit lag, sanchez und
geht daraus hervor, dass gleichzeitig mit ihm in Portugal der Arzt Fran- Joachim Juns-
cisco Sanchez (geb. 1562) einen ähnlichen Versuch machte, die Regeln
der Naturerkenntniss festzustellen, welche er in die Beobachtung, in das
Experiment und in die rationelle Verwerthung des Gefundenen sezt.
(Opera medica. His juncti tractatus quidam philosophici 1636). Das
gleiche Bestreben, die Grundsäze der Forschung festzustellen und der ver-
derblichen Teleologie entgegenzutreten, hatte in Deutschland Joachim
112
Die Medicin im siebenzehnten Jahrhundert.
Gasaeadi.
Jung (geb. 1587, von 1624 an Professor der Mathematik in Rostock,
1625 Professor der Medicin in Helmstädt, dann Arzt in Braunschweig,
von 1629 — 1657 Rector des Gymnasiums in Hamburg). Er gründete
1622 die ereunetische oder zetetische Societät in Rostock, die erste ge-
lehrte Gesellschaft in Deutschland, welche sich folgende Aufgabe stellte :
Scopus Collegii nostri unicus esto veritatem e ratione et experientia tum
inquirere tum inventam common strare ; sive artes et scientias omnes
ratione et experientia subnixas a sophistica vindicare, ad demonstrativam
certitudinem reducere, dextra institutione propagare denique felici inven-
tione augere.
An Baco schloss sich eine Reihe von Denkern an , welche die Conse-
quenzen seiner Methode zu ziehen versuchten.
Hobbes (1588 — 1679) ist der entschiedenste Mathematiker unter
den Philosophen. Alles Denken ist ihm eine mathematische Operation,
eine formale Verarbeitung eines von aussen her gegebenen Inhalts. Alle
nicht empirischen Objecte des Denkens, also z. B. alle religiösen Ange-
legenheiten sind ihm nichts als blinder Autoritätsglaube. Er zweifelt
nicht nur an der Richtigkeit der Offenbarung, sondern selbst überhaupt
an der psychologischen Möglichkeit, an sie zu glauben. Seine Natur-
philosophie beschäftigt sich vorzugsweise mit Raum, Grösse und Beweg-
ung, also mit rein physikalischen Verhältnissen. Die Qualitäten der Kör-
per sind nichts anderes, als verschiedene Bewegungen derselben, wodurch
das Object auf die Sinnesorgane verschieden einwirkt.
Eine idealere, jedoch gleichfalls mechanische Naturanschauung finden
wir bei einem andern Gegner der Scholastik, Descartes (1596 — 1650).
Sein Princip ist der Zweifel an Allem. Nur an dem Ich ist nicht zu
zweifeln; denn wenn es über sich selbst denkt, so muss es auch existiren.
Ego cogito, ergo sum. Von hier aus gelangt er sofort dialectisch durch
Schlüsse zu der Erkenntniss der Aussenwelt. Das Wesentliche eines
Körpers besteht nach Descartes nicht in seiner Farbe, Schwere oder
andern Qualitäten, sondern darin, dass er einen Raum einnimmt, dass er
Ausdehnung hat. Alle Eigenschaften der Körper reduciren sich darauf,
dass sie in's Unendliche theilbar und ihre Theile noch beweglich sind. In
der Bewegung bestehen die Processe der Bildung, alle Thätigkeiten, alle
Beziehungen der Körper zu einander, alles Leben. Sofort versucht er die
Ursachen oder Geseze der Bewegung festzustellen.
Gassendi (1592 — 1655) erklärte die Physik als den wichtigsten
Theil der Philosophie. Seine Reflexionen haben nur empirische Gegen-
stände. Er sieht die Materie nur bis zu einem gewissen Punkt als theil-
Physik. 113
bar an. Zulezt stösst man auf die nicht weiter theilbaren Atome. Die
Atome sind durch das Leere auseinandergehalten. Neben diesen Epicurä-
ischen Grundprincipien sucht aber Gassendi alle bedeutenden Beobacht-
ungen in der Physik zu benüzen und lässt gewisserniaassen die Philosophie
von der Physik absorbiren.
John Locke (1632 — 1704) ist am klarsten und präcisesten in den
Folgerungen des Sazes, dass alle unsere Erkenntniss aus der Erfahrung
komme. Doch beginnt sein Einfluss erst am Schluss unserer Periode und
in den Entwiklungen des 18. Jahrhunderts.
In allen diesen philosophischen Bestrebungen erkennen wir eine ausser-
ordentliche Umwälzung in den Tendenzen. Die Philosophie tritt heraus
aus der Teleologie und in die Phänomenologie ein; sie fragt nicht mehr,
zu welchem Zwek und zu welcher Bestimmung Etwas ist, sondern was
geschieht und wie es geschieht. Die empirische Methode kommt dadurch
zur Geltung und Entwiklung. Sie nimmt ihre erste Richtung auf die
mechanischen Verhältnisse der Körper und auf ihre mathematische Seite.
Ganz dieselbe Bestrebung zeigt sich in der eigentlichen Physik.
Auch hier drang die mathematische Tendenz gegen die frühere suprana-
turalistische, die phänomenologische gegen die frühere teleologische ein.
Galilei (1564 — 1642) war es, welcher der Physik diese Richtung gab.
Statt warum und zu was Ende ein Körper falle? fragte er, welches sind
die Umstände, unter denen er fällt, die Erscheinungen beim Fallen, mit
andern Worten die Geseze des Falls. Es war diess der Anfang einer
völlig neuen Physik. Erst auf diesem Wege konnten verwikelte Erschein-
ungen analysirt und auf wenige Grundgeseze zurükgeführt werden.
Johann Keppler (1571 — 1630) aus Schwaben, obwohl selbst Arzt,
hat zwar auf die Medicin keinen directen Einfluss geübt; *um so grösser
aber war die mittelbare Wirkung seiner Begründung derBewegungsgeseze
der Himmelskörper. Auch die Physik des Auges verdankt ihm wesent-
liche Fortschritte.
In der Chemie bereitete sich im 17. Jahrhundert eine ganz wesent-
liche Umwandlung vor.
Es hatte zwar das Mittelalter und die Reformationsperiode bereits
zahlreiche chemische Erfahrungen gemacht. Viele Stoffe und Verbind-
ungen waren entdekt. Auch einzelne chemische Manipulationen wurden
sorgfältiger festgestellt. In dieser Hinsicht sind die Verdienste der
Alchemisten nicht ganz gering zu achten. Auch Paracelsus hatte einzelne
gute Wahrnehmungen gemacht. Noch mehr hat sein Zeitgenosse Georg
Wunderlich, Geschichte d. Medicia. g
]]4 Die Medicin im siebenzehnten Jahrhundert.
Agricola von Chemnitz durch Verbesserung der chemischen Proceduren
besonders die Kenntniss von den Metallen gefördert.
Im 17. Jahrhundert wurde die Thätigkeit in chemischen Dingen noch
lebhafter und umfassender. Libavius und Sala, Gegner der paracelsi-
schen Lehre, haben einzelne wichtige Entdekungen gemacht. Weit mehr
verdankt die Chemie van Helmont, der den Gasen die Namen gab, sie
von den Dämpfen unterscheiden und einige derselben künstlich darstellen
lehrte, der ferner die Abnahme der Luft, in der ein Körper verbrennt,
kannte , auch den Grundsaz aufstellte , dass die Stoffe in verschiedener
Verbindung ihre eigenthümliche Natur beibehalten und anderes Mehreres.
Nicht weniger that sich Glaub er, sein Zeitgenosse, hervor, der beson-
ders die Darstellung der Mineralsäuren, der Salze und Chlorverbindungen
vervollkommnete und dadurch reinere Präparate zu liefern verstand.
Aber die Chemie war immer noch ein blosses Mittel für technische
Aufgaben, Goldbereitung und pharmaceutische und medicinische Zweke.
An eine wissenschaftliche Beschäftigung mit ihr in der Art, dass man die
Feststellung der chemischen Thatsachen als Selbstzwek angestrebt hätte,
war noch nicht gedacht worden. Der praktische Nuzen eines Wissensge-
biets bleibt aber immer gering, solange es nur um des praktischen Nuzens
willen gepflegt wird. Erst die reine wissenschaftliche Bearbeitung, d. h.
die Erforschung der Wahrheit um der Wahrheit willen , bringt auch den
praktischen Bedürfnissen den reichsten Gewinn.
Je mehr sich die chemischen Erfahrungen ausdehnten , um so näher
rükte man der Erhebung der Chemie zur selbständigen Wissenschaft.
Allein der entscheidende Schritt zu dieser geschah erst in der Mitte des
17. Jahrhunderts, um welche Zeit der Anfang gemacht wurde, die chemi-
schen Forschungen als rüksichtslosen Selbstzwek zur Ermittlung der
Wahrheit zu verfolgen und damit die Emancipation der Chemie aus der
Goldbereitung und Medicin vorzubereiten.
Boyie. Robert Boyle, Graf von Cork, geb. 1627, f 1691, hat unter baconi-
schem Einfluss, in seinem Sinne und nach seiner Methode in der Chemie
gearbeitet, das Experiment als die Grundlage aller Erfahrung und als die
Probe jeder Anschauung festgehalten. Er zeigte, dass weder die Ele-
mente der Griechen (Feuer, Wasser, Luft und Erde), noch die paracel-
sischen (Salz, Schwefel und Queksilber) chemisch sich als solche aus-
weisen. Er stellte zahlreiche und erfolgreiche Untersuchungen an über
Luft, Wasser, Verbrennung, bestimmte den Begriff der Säuren und Al-
kalien nach der Reaction auf Pflanzenfarben, entdekte viele wichtige Ver-
bindungen und ist der Gründer der analytischen Chemie, indem er zuerst
die Prüfung auf nassem Wege und die Reagentien überhaupt einführte.
Chemie.
115
Auch Johann Kunkel (1630 — 1702), den ein ungünstiges Geschik in Kunkci.
vieler Herren Ländern herumtrieb, der in Dresden Verleumdungen weichen
musste und auch aus Berlin, wohin er als des Kurfürsten geheimer Kam-
merdiener berufen worden war, verdrängt wurde, bis er in Schweden eine
Heimath fand und als Baron von Löwenstern nobilisirt wurde, hat viel zur
Vervollkommnung der Chemie beigetragen. Obwohl noch in alchemisti-
schen Vorurtheilen befangen, zeigte er die Unrichtigkeit der Annahme
eines allgemeinen Lösemittels (des Alkahest's), dekte den Betrug der
Goldtinktur auf und bewies, dass weder in den organischen Substanzen
Queksilber, noch in den reinen Metallen Schwefel enthalten sei. Den
Phosphor und zahlreiche andere Substanzen lehrte er darstellen.
Ferner ist Johann Joachim Becher aus Speyer (1635, — 82) zu er- Becher.
wähnen, der ebenfalls einige gute Beobachtungen machte, zuerst aber in
den entzündbaren Körpern einen eigenen Stoff, eine brennbare Erde an-
nahm, in deren Vertreibung die Verbrennung bestehen soll.
Wilhelm Homberg, aus einer sächsischen Familie geb. 1652, seit Homberg und Le-
1688 in Paris lebend, und Tsicolaus Lemery (geb. 1645) haben Vorzugs- mer>'
weise den Sinn für chemische Forschungen in Frankreich verbreitet.
Unter den der Medicin selbst näher liegenden Doctrinen kam der
nächste Einfluss der geänderten Forschungsmethode der Anatomie
zu Gute.
Die italienische Schule im Anfang des 17. Jahrhunderts zehrte noch
an ihrem alten Ruhme und vornemlich Fabricius ab Aquapendente in
Padua, woselbst er ein Prachtgebäude für die Anatomie hergestellt hatte,
erhielt sich, obwohl von bereits vorgeschrittenem Alter, noch einen welt-
berühmten Ruf, bis er 1619 im 82. Lebensjahre starb. Schon 1604 hatte
er die Professur mit seinem Famulus Guilio Casserio getheilt, der aber
noch vor ihm starb. Darauf folgte ein Ausländer auf dem in dieser Zeit
als ersten Italiens und der Welt angesehenen Lehrstuhl der Anatomie zu
Padua: Adrianus van den Spieghel aus Brüssel und 1632 ein anderer
Ausländer, Johann Vesling aus Minden. So war die italienische Ana-
tomie an ihrem damaligen Hauptsize in fremde Hände übergegangen. Der
einzige, Asselli in Pavia, der die Chylusgefässe entdekte, blieb noch
von der alten Schule Italiens übrig. Erst in der zweiten Hälfte des Jahr-
hunderts traten die Italiener aufs Neue in rühmlicher Weise hervor.
Indessen wurde von anderer Seite her die grösste und einflussreichste
anatomisch-physiologische Entdekung gemacht.
In England waren bisher anatomische Studien kaum betrieben worden.
Daher begab sich William Harvey, aus edler Familie stammend (geb.
8*
Anatomie.
Italienische
Schule.
England.
Harvey.
116 Die Medicin im siebenzehnten Jahrhundert.
1578), nachdem er seine ersten Studien in Cambridge gemacht hatte,
nach Padua zum alten Fabricio und blieb dort bis 1604. Nach London
zurükgekehrt, wurde er Arzt am Bartholomäusspital, 1615 Professor der
Anatomie und Chirurgie und später Leibarzt der Könige Jacob I. und
Carl I. In Folge der englischen Revolution zog er sich zurük und lebte
abwechselnd bei seinen Brüdern. 1652 zum Präsidenten des Collegiums
der Aerzte ernannt, lehnte er die Wahl ab. Er starb 1658. Allgemein
wurde die Rechtlichkeit seines Charakters und die liebenswürdige Be-
scheidenheit seines Wesens gerühmt.
Schon 1619 trug Harvey seine Lehre vom Kreislauf vor; aber erst
1628 erschien seine Schrift: Exercitatio medica de motu cordis et san-
guinis in animalibus, ein Schriftchen von nur 72 Seiten.
Dieses Buch hat nicht nur in der Hinsicht historisches Interesse, dass
damit eine wichtige Entdekung kundgemacht wurde, welche alle folgenden
Arbeiten in der thierischen Oeconomie vorbereitete und erst möglich
machte — ein Verdienst, das an sich schon Harvey den bedeutendsten
Förderern der Naturwissenschaften anreihen musste; — sondern diese
Schrift ist nach andern Seiten epochemachend, ja sogar die grösste Leist-
ung, die in der Kenntniss des Menschen jemals einem Einzelnen gelungen ist.
Diese Entdekung eröffnete nämlich eine neue Wissenschaft; sie erhob
die descriptive Anatomie und die Lehre vom Nuzen der Organe zur Phy-
siologie , zur Physik des lebenden Individuums. Sie war die erste , die
einen Hergang im Körper nachwies, in allen seinen Bedingungen und in
der Succession des einzelnen Geschehens verfolgte; sie stellte den Anfang
dar von der Wissenschaft dessen , was im Menschen geschieht , wie und
aus welchen nächsten Gründen es geschieht : den Anfang der explicativen
Physiologie.
Zweitens aber wagte es Harvey mit Erfolg, eine Mechanik in den
thierischen Functionen aufzuzeigen , an diesen ohne Rüksicht auf voraus-
gesezte Zweke die aus dem Bau resultirende physicalische Nothwendigkeit
zu erweisen.
Drittens endlich ist seine Auseinandersezung ein Muster der voll-
endetsten Methode. Aufs sorgfältigste, ohne Declamation, durch schlichte
und positive Gründe widerlegt er zuerst Punkt für Punkt alle Ansichten,
welche bis dahin in Bezug auf das Herz, die Gefässe und die Respiration
geläufig oder vorgebracht waren. Daraufstellte er durch zahlreiche Unter-
suchungen an Thieren verschiedener Classen die einzelnen Acte und Mo-
mente: den systolischen Stoss, die gleichzeitige Zusammenziehung der
Ventrikel, das Hartwerden des Herzens bei der Systole, das gleichzeitige
Ausgestossenwerden des Bluts aus den Arterienmündungen , sodann die
Anatomie.
117
Gegner.
Bewegungen der Arterienhäute und die Congruenz ihrer Dilatation mit der
Systole des Herzens und die das Blut in die Ventrikel treibenden Beweg-
ungen fest. Erst aus diesen Thatsachen und aus dem Bau des Herzens,
der Klappen und der Gefässe beweist er in vollkommen logischem Gang
die nothwendige Richtung des Blutstromes, den Kreislauf des Blutes, und
endlich hält er mit der gewonnenen Theorie die Erfahrungen über krank-
hafte Phänomene, über die Unmacht, über Blutungen, Resorption zu-
sammen und prüft die Richtigkeit jener an ihrer Fähigkeit, die einzelnen
Erscheinungen ungezwungen und gewissermaassen von selbst zu erklären.
In seiner Schrift de generatione animalium hat er manche Punkte weiter
erörtert und überdem an einem pathologischen Fall (einem in Folge von
Caries des Brustbeins blossgelegten Herzen) die Richtigkeit der haupt-
sächlichsten Thatsachen in Betreff der Herzbewegung auch am Menschen
nachgewiesen.
Die grosse Entdekung rief einen Sturm von polemischen Schriften
hervor. Jacob Primerose in Hüll eröffnete die Reihe der Gegenschriften
mit zahlreichen Subtili täten ; Aemilius Paris anus in Rom gab durch
seine Entgegnung seine Unwissenheit und sein völliges Missverstehen
kund; Caspar Hofmann in Altdorf hob die ungenügende Berüksichtig-
ung des Blutdurchgangs durch die Capillarien hervor; Vesling wandte
die Verschiedenheit des arteriösen und venösen Bluts ein; Folli in Ve-
nedig und Gassendi das Vorkommen eines offenen Foramen ovale bei Er-
wachsenen ohne Störung des Kreislaufs. Besonders aber griff der jüngere
Riolan, Professor in Paris, die Lehre mit allem Aufwand spizfindiger
Gelehrsamkeit an. Selbst die ärztliche Stellung Harvey's wurde ungünstig
durch diese Feindseligkeiten berührt und seine Praxis soll sich nach dem
Erscheinen der Schrift über den Kreislauf wesentlich vermindert haben.
Aber endlich siegte die Wahrheit. Zuerst trat der Professor Rol- Verteidiger,
fink in Jena auf Harvey's Seite; besonders aber waren es zahlreiche
holländische Aerzte, Sylvius der Chemiatriker , Diake und de Wale
inLeyden, Regius in Utrecht, de Bak in Rotterdam, welche die Richtig-
keit der Thatsachen und Folgerungen erkannten. Auch Descartes und
Pecquet in. Frankreich schlössen sich an und noch vor Harvey's Tod war
seine Lehre von der Mehrzahl der Intelligenten acceptirt.
Gegen das Ende seines Lebens (1657) gab Harvey die schon 1633
vollendete , aber aus Verdruss über die Aufnahme seines Kreislaufbuchs
zurükgehaltene Schrift: Exercitationes de generatione animalium, quibus
accedunt quaedam de partu, de membranis ac humoribus heraus. Auch
diese Untersuchungen waren mit grosser Sorgfalt angestellt; es wurde die
Entwiklung des Hühnchens im Ei verfolgt und der Beweis geliefert, dass
Harvey über
Entwiklung.
118 Die Medicin im siebenzehnten Jahrhundert.
der Ausgangspunkt aller Entwiklung von Organismen im Ei der Mutter
liege: omne vivum ex ovo.
woitere Arbeiter Die Harvey'sche Entdekung des Kreislaufs hatte einen belebenden
e[ehrreeis au " Einfluss auf das Studium der Anatomie und Physiologie. Die Untersuch-
ungen über die Lymphgefässe von Pecquet und Olaus Rudbeck und die
Auffindung der Strömung der Lymphe schlössen sich zunächst an die
Kreislauflehre an.
Unter den Landsleuten Harvey's selbst traten mehrere ausgezeichnete
und ideenreiche Forscher auf.
Glisson. Franz Glisson, geb. 1597, studirte erst im 30. Jahre Medicin und
war Harvey's Schüler. 1634 wurde er Professor der Medicin und Ana-
tomie in Cambridge. Später liess er sich als Arzt in London nieder und
starb daselbst 1677. Er schrieb mehrere anatomische und physiologische
Werke, unter denen die wichtigsten sind: tractatus de natura substantiae
energetica seu de vita naturae (1672) und de ventriculo et intestinis
(1677). Jede Substanz hat nach Glisson eine energetische Natur, d. h.
eine Natur, welche die innerste Ursache ihrer Thätigkeit ist. Die Ursache
aller Thätigkeit liegt also in der Substanz, in der Materie und ihren Ver-
schiedenheiten selbst. Es ist nicht eine äusserlich dazutretende super-
naturale Kraft, ein Archäus, ein Nervenäther oder eine Seele, welche die
Materie handhabt und regiert, sondern jedes Theilchen der Materie hat
sein Leben, den Grund seines Verhaltens in ihm selbst. Es war dieser
Gedanke ein grosser Schritt und die erste Ahnung eines richtigen Vitalis-
mus. Das ganze Leben erkennt Glisson als eine Reihe von verbundenen
Phänomenen, als einen beständigen Wechsel in der Wirksamkeit der ver
schiedenen Energien, namentlich als einen Wechsel zwischen Reizung
(Irritatio), Perceptio, Begehren (appetitus) und Action.
Das oberste ordnende Princip im thierischen Haushalt (publica regi-
minis animalis ministra) ist die Phantasie. Jede Faser des belebten
Körpers ist mit der Fähigkeit begabt, bewegt zu werden (Irritabilitas),
eine Eigenschaft , die mit keiner andern bisher bekannten Kraft zu ver-
gleichen ist. Aber die Faser bewegt sich nicht, als wenn sie gereizt wird.
Der Reiz, welcher auf sie wirkt, bleibt entweder in ihr, oder er geht auf
die Nerven über, welche der Siz des Sensus sind; hiedurch wird die per-
ceptio bedingt, welche entweder unbewusst bleibt: perceptio naturalis,
oder zum Bewusstsein gelangt: perceptio sensitiva. Auf jede Empfindung
folgt ein entsprechendes Begehren (appetitus) und auf jedes Begehren
eine entsprechende Bewegung (motus naturalis). Andererseits sind die
Reize aber auch innere und gehen von der Phantasie aus oder entstehen
Anatomie. 1\Q
dadurch, dass der Sensus externus von aussen angeregt einen innern Reiz
hervorbringt (motus sensitivus internus und externus). Diese gehaltreichen
Ansichten fanden zunächst nur eine geringe Beachtung : sie sind aber die
Wurzel der so einflussreich gewordenen Haller'schen Irritabilitätslehre.
Einzelne Punkte der Anatomie und Physiologie wurden gefördert durch Anatomen.
Thomas Wharton, Nathanael Highmore, Richard Lower, John Ma-
yow und William Cowper.
Bedeutender als sie war Willis (1622 — 1675), welcher jedoch bei wilUs-
manchen werthvollen anatomischen Forschungen der Hypothese grossen
Spielraum gab. Er unterschied bei der Bewegung den Impuls, die Erreg-
ung der Lebensgeister und endlich die Fähigkeit des Muskelgewebes, sich
zusammenzuziehen (copula elastica).
Auch in Italien regten sich wieder tüchtige Kräfte ; Giovanni Borelli Erneuerte anato-
(1608 — 1670) wandte die Geseze der Mechanik auf die thierischen Be- ^^uaiiea
wegungen an; Marcello Malpighi (1628 — 1694) machte die ersten Ver-
suche microscopischer Beobachtung, entdekte die Blutkörperchen und
zeigte den capillaren Blutlauf an der Lunge der Frösche ; Dominico de
Marchettis (1626 — 1688) verfolgte die Gefässe in injicirten Präpar-
aten; Francesco Redi (1626 — 1697) untersuchte die Fortpflanzung nie-
derer Thiere und leugnete zuerst die generatio aequivoca; Bellini stellte
den Bau der Nieren fest.
Nächst den Engländern und Italienern waren es vornemlich die Holl- Die holländischen
ander , welche au den raschen Fortschritten der Anatomie und Physiologie
theilnahmen. Anton van Leuwenhoeck, Arzt in Delft (1632 — 1723)
hat bereits die microscopischen Untersuchungen zu einem hohen Grad von
Schärfe gebracht und zahlreiche Entdekungen gemacht (vgl. Halbertsma,
de Leuwenhoeckii meritis in quasdam partes anatomiae microscopicae
1843). Dieselbe Methode der Forschung verfolgte Joh. Swammerdam
(1637—1680) anThieren. Ruysch (1638—1731) vervollkommnete die
Gefässinjection. Bidloo (1649 — 1713) gab eine schäzenswerthe illustrirte
Anatomie heraus und Nuck in Leyden ein umfangreiches Werk über die
Drüsen. Regner de Graaf in Delft (1641 — 1673) lieferte eine sorg-
fältige Untersuchung über Hoden und Samenbläschen, über Ovarien und
faloppische Röhren und stellte deren Functionen fest. Nicol. Hoboken
in Utrecht folgte 1669 mit Untersuchung über Uterus und Eihäute, und
Ludwig v. Hammen, Leuwenhoeck's Schüler, entdekte 1677 die Samen-
thierchen.
Auch Deutschland besass einige tüchtige Anatomen, wiewohl die Deutsche Ana-
Wirren des dreissigjährigen Kriegs und seine Folgen wissenschaftliche
120 Die Medicin im siebenzehnten Jahrhundert.
Arbeiten selten machten. Schneider, Professor in "Wittenberg (1614 —
1680), lehrte den Bau und die Functionen der Schleimhäute kennen,
Wepfer in»Schaffhausen (1620 — 1695) gab Untersuchungen über den
Bau des Gehirns, und Peyer in Schaffhausen (1653 — 1712), Brunn er
in Heidelberg (1653 — 1727) und Rivinus in Leipzig (1652 — 1723)
untersuchten die Drüsen des Darms und der Mundhöhle.
vieussens. In Frankreich zeichnete sich nur Vieussens in Montpellier (1641 —
1716) durch seine Untersuchungen über die Anatomie des Herzens und
des Nervensystems aus.
Die socie- . Das gesteigerte Interesse an der Naturforschung war die Veranlass-
ung zu erneuerter Stiftung von gelehrten Gesellschaften, welche in
grösserem Maasstabe als die mehr localen Vereinigungen des 16. Jahr-
hunderts der Herd gemeinschaftlicher Arbeiten werden sollten. 1605
wurde in Rom der Anfang gemacht durch die Stiftung der Academia de'
Lincei. Derselben folgten nach die Academia del cimento und die Ro-
stocker Societät, sodann die Academia naturae curiosorum in Deutschland
1657 (zuerst in Schweinfurt), die königl. Societät in London 1662, die
Academie der Wissenschaften in Paris 1666. Da die Zahl der Mitglieder
eine beschränkte war und die Aufnahme in die Gesellschaft Ehre und
Titel gab, so führten diese Academien ein gewisses exclusives und aristo-
kratisches Element in die Naturwissenschaften ein, das gegen das Ende
des 17. und im Laufe des 18. Jahrhunderts, der Zeit der eigentlichen
Blüthe der Academien, sich noch weiter steigerte. Die Präponderanz
dieser Gesellschaften war zwar vielfach eine anregende und belebende,
aber auch zum Theil eine drükende und ausschliessende.
Charlatanerie
in der Praxis.
Adepten.
Während dieser erfolgreichen Thätigkeiten in den wissenschaftlichen
Sphären ging es in den tieferen Regionen des ärztlichen Treibens und
Practicirens sehr bunt und wild her. Die Charlatanerie hat sich noch nie-
mals von den grossartigsten Erfolgen der Wissenschaft zurükschreken
lassen, das ihr offenstehende Gebiet nach Möglichkeit auszubeuten. Im
17. Jahrhundert war dieses Gebiet ganz ungemein umfangreich. Die
kirchlichen Zänkereien, wie die fortwährenden Kriege stumpften die er-
wachende Aufklärung der Völker wieder ab; an den Höfen der Dynasten
aber war durch die Kriegsnoth, wie durch die Ansprüche des gesteigerten
Luxus ein dringendes Bedürfniss nach Gold eingetreten, dessen Befriedig-
ung von den Naturwissenschaften gefordert und von den Schwindlern
bereitwillig zugesagt wurde. Sogenannte Goldmacher oder Adepten
wucherten in der Mitte des Jahrhunderts allenthalben auf. Sie benüzten
Charlatanerie.
121
Fortdauer des
Galenismus.
einige chemische Kunstgriffe , um das blinde Zutrauen bethörter Fürsten
zu gewinnen und diese, indem sie dieselben mit Hoffnungen auf unermess-
liche Schäze hinhielten, zu plündern.
Die geheimnissvolle Substanz, von welcher man die Transmutation
der Metalle erwartete , sollte auch als Universalmedicin vor Krankheiten
schüzen und solche heilen , und als Lebenselixir die Dauer des mensch-
lichen Lebens auf mehre Jahrhunderte ausdehnen.
Zwar ereilte die Adepten meist ein klägliches Schiksal. Je mehr sie
von den Fürsten gepflegt und gehätschelt worden waren, um so mehr
wurde ihnen die Nichterfüllung ihrer Versprechungen mit erbitterter Grau-
samkeit vergolten. Nichtsdestoweniger fanden sich immer neue Individuen,
welche den kurzen Ruhm geheimnissvoller Wissenschaft um den Preis der
Folter und des Henkertodes erstrebten.
Diese Adepten waren grösstentheils zugleich Aerzte und es lässt sich
erwarten, dass die Charlatanerie, welche nach einer Seite mit aller Schlau-
heit und Beharrlichkeit verfolgt wurde, auch nach der andern Seite thätig
war und die Medicin konnte in dieser Gemeinschaft nur düstere Wege gehen.
Die galenischen Doctrinen waren im grossen Haufen noch in ansehn-
licher Macht. Von der Anatomie war nur wenig in denselben eingedrungen.
Noch in der Mitte des 17. Jahrhunderts stritten sich zwei Heidelberger
Professoren mit dem Leibarzte des Markgrafen von Baden, ob das Herz
in der Mitte des Thorax oder links vom Sternum liege und schlachteten
ein Schwein, um zu erfahren, auf welche Stelle sie dem Fürsten die Herz-
umschläge zu machen hatten.
Die reineren hippocratischen Tendenzen waren der Menge verschlossen Fortdauer
und die scholastische Methode blieb in dem ganzen 17. Jahrhundert noch der scholastischen
Manier.
in voller Herrschaft. Ein Haufen von Citaten und gespreizte, hohle Phrasen
waren die Waffen der gelehrten Discussionen und es hat die Lächerlich-
keit und Sinnlosigkeit jener ärztlichen Pedanten die Geisel geistreicher
Laien in vollem Maasse verdient, aber auch gefunden (Moliere).
Dem alten Autoritätsglauben ab ;• hatte sich meist der alchymist-
ische Wahn mit ziemlich paracelsischer Färbung beigemischt. Man be-
zeichnete die mehr oder weniger das alchimistische Laboratorium be-
nüzende Richtung gewöhnlich als spagirische Medicin und die Aerzte
selbst, welche dieser Richtung anhingen, nannten sich gerne Chymiatri.
Zwar gab es immer noch genug solche, welchen die Einmischung der
Alchymie ein Greuel war, und welche mit allen Waffen der Scholastik sie
verfolgten. Diese Gegner, welche wohl auch die Misochymici genannt
wurden, waren jedoch selbst von so geringer Bildung und Einsicht, dass
Beimischung
einer paracels-
ischen Färbung.
122
Die Medicin im siebenzehnten Jahrhundert.
Paracelsisch-
theosophische
Schwärmer.
Rosenkrenzer.
ihr Haupteinwurf gegen die Chymiatriker immer nur darin bestand, dass
von diesen den Kranken Gifte gereicht werden.
In der Vermehrung des Arzneimittelschazes und in der Handhabung
kräftiger Substanzen lag überdem ein Lokmittel der Chymiatriker und
dadurch zogen sie auch viele solche an, welche für die mystischen Schwär-
mereien gleichgiltig waren und solche , welche in keiner Weise selbst an
den chemischen Arbeiten sich betheiligten.
Dabei theilte sich die chemiatrische Richtung in zwei jedoch nicht
scharf geschiedene Strömungen.
Die eine war ein roher Empirismus, welcher zunächst aus Paracelsus,
den Arabern und aus abergläubischen Volksvorurtheilen eine Anzahl von
Mitteln zusammenraffte, die zum Theil von entschiedenerWirksamkeit waren,
denen aber noch mit mehr oder weniger Grundlosigkeit die fabelhaftesten
Wirkungen beigeschrieben wurden. Auf jede theoretische Anschauung
wurde dabei verzichtet und nur Dämonen und Wunderkräfte spielten in
die Vorstellungen herein.
Die andere Strömung verband sich mit einer schwärmerischen Theo-
sophie, nahm alles Ueberschwängliche und Unverständliche aus Paracelsus
und den anderen Schwindlern der Zeit auf, vermengte es mit den durch
die kirchliche Reformation gewekten transcendentalen Phantasien, ver-
band es mit dunklen und nach Willkür ausgelegten Stellen der Bibel und
brachte durch all diesen Mischmasch einer Ausartung des menschlichen
Verstandes zuwege, welche selbst die in den trübsten Zeiten des späteren
römischen Kaiserreichs und des Mittelalters an Ausschweifung und Ver-
worrenheit hinter sich Hess.
Vornemlich war wiederum Deutschland, dessen geistige und materielle
Kräfte durch die kirchlichen Streitigkeiten, später durch den dreissigjähr-
igen Krieg und die Kämpfe mit Schweden und Frankreich aufs tiefste
zerrüttet waren, der günstige Boden für diese an Albernheit alles hinter
sich lassenden Verirrungen.
Der unsichtbare Mittelpunkt dieser Verrüktheiten war die im Dunkel
sich haltende, aber, wie es scheint, weit verbreitete Gesellschaft der
Rosenkreuzer.
Der Geheimbund der Rosenkreuzer leitete seinen Ursprung aus dem
Anfang des 14. Jahrhunderts ab, wo ein Christian Rosenkreuzer, der in
Aegypten und Fez die orientalische Weisheit erlernt habe, den Orden
gestiftet haben soll. Dagegen ist es wahrscheinlicher, dass der Name
einer Satyre entsprungen ist. Ein Pastor Valentin Andrea aus Schwaben,
ein aufgeklärter Mann, glaubte die Verrüktheit seines Zeitalters am besten
dadurch heilen zu können, dass er (1603) eine Schrift voll beissenden
Rosenkreuzer. 123
Hohns: „die chymische Hochzeit Christians Rosenkreuz" schrieb. Er
selbst, der ein Kreuz und vier Rosen im Wappen führte, nannte sich Ritter
vom Rosenkreuze. Allein es ging anders als er dachte. Die Schwärmer
der Zeit nahmen seine Satyre für baare Münze und traten zu einem Ge-
heimbund zusammen, der die absichtlichen Tollheiten des Buches als höchste
Weisheit erklärte. Eine Kapelle des heiligen Geistes war ihr Versamm-
lungsort. Sie legten sich die Pflicht auf, keine andere Profession als die •
medicinische öffentlich zu treiben, die Chiffer RfC zum Kennzeichen zu
nehmen, Proselyten zu machen, aber 100 Jahre lang den Bund geheim
zu halten.
Die Rosenkreuzer vereinigten paracelsische Lehren mit den ausschwei-
fendsten Ideen über Besserung des Menschengeschlechts, die Bereitung
des Steins der Weisen mit frömmelnder Schwärmerei. Dabei ist es cha-
rakteristisch , dass sie allen Unterricht für überflüssig erklärten und alles
Wissen und Können von dem unmittelbaren Einfluss Gottes auf den Be-
vorzugten ableiteten.
Die Rosenkreuzer behaupteten im Besize einer Wundersalbe zu sein,
mit welcher sie Wunden und äussere Schäden, wie überhaupt alle Krank-
heiten augenbliklich zu heilen vermöchten. Viele höchst mühsame Er-
klärungsversuche der Wirkungen dieses geheimnisvollen Präparats von
zweifelhafter Existenz wurden von den Rationalisten jener Zeit unter-
nommen, während die kirchliche Orthodoxie einfach die Wirkung dem
Teufel zuschrieb und die Rosenkreuzer für Zauberer und Hexenmeister
erklärte, eine Anerkennung, welche sie zwar nicht geringen Gefahren
aussezte, beim gemeinen Volke ihnen aber um so mehr Vorschub leistete.
Die Schriften der Rosenkreuzer sind völlig unverständlich. Oswald
Croll in Anhalt, Valentin Weigel in Chemniz, Heinrich Scheune-
mann in Bamberg, Johann Gramman und Heinrich Kunrath in
Leipzig waren die Bekanntesten unter ihnen. Beim gemeinen Volk standen
sie in grossem Ansehen, und selbst von Fürsten wurden sie herbeigezogen,
bald als Leibärzte, bald als Goldmacher. Viele Adepten des 17. Jahrhun-
derts gingen aus ihnen hervor. Irgend eine wissenschaftliche Bedeutung
haben die Rosenkreuzer als Gemeinschaft lediglich nicht; sie sind nichts
als eine der vielen Degenerationen in der ärztlichen Geschichte, wie
alle Zeiten sie aufzuweisen haben , wie sie aber in der Verwilderung des
17. Jahrhunderts besonders florirten.
Eine den Rosenkreuzern ähnliche Geheimsecte bildete sich in Frank- coiiegium
reich, von dem Stifter Rose das Collegium Rosianum genannt. Ihre
Lehre wurde gleichfalls möglichst geheim gehalten und nur drei Ober-
adepten der Gesellschaft waren in dem Besize der drei Hauptmysterien :
124
Die Medicin im siebenzehnten Jahrhundert.
Robert Fludd
und andere
Schwindler.
Die medicin-
ischen Sy-
steme des 17.
Jahrhun derts.
Vau Helmont.
des Perpetuum mobile , der Universalmedicin und des Mittels, die Metalle
zu verwandeln.
Ein theosophisch-medicinischer Schwärmer von mehr privater Art
war der Engländer Robert Fludd (1574 — 1637), welcher die Krankheit
einzig als Folge der Sünde und als Werke zahlreicher Dämonen ansieht,
die er in romantischer "Weise sich ausmalt; das Gebet erklärt er für das
allein wirkende Mittel zur Heilung und gibt verschiedene Gebetformeln
für die einzelnen Krankheiten an.
Die Engländer Digby, königlicher Kamraerherr , der durch ein sym-
pathetisches Mittel heilte , Greatrake, der mit Auflegen seiner Hände
Schmerzen vertrieb, und William Maxwell, ein Magnetiseur, der die
Krankheiten in Pflanzen und Thiere überzauberte, folgten auf dieser
finsteren Bahn.
Zu den Phantasten dieser Periode gehörten auch Thomas Campa-
nella, ein Märtyrer der Schwärmerei (1568 — 1639), der um seiner He-
terodoxie willen siebenmal auf der Folter gemartert wurde und während
30 Jahre im Gefängniss lebte. So haben stets die unklaren Enthusiasten
mindestens so viel für ihre Einbildungen geduldet, als die unbefangenen
Denker. Von den UrstofFen Kälte und Wärme ausgehend construirt er
die Pathologie und sieht die Krankheiten als Aeusserungen des beleidigten
Lebensgeistes an.
Es ist vollkommen ^erklärlich , dass dieser Wirrwarr des ärztlichen
Treibens, die Principlosigkeit der Praxis einzelner denkender und selb-
ständiger Männer zu dem Versuche treiben musste, durch Feststellung
schärferer Grundsäze und durch strenge Ausführung ihrer Consequenzen
Ordnung in die Zerfahrenheit zu bringen.
Aber freilich wurde, was man sich als Heilmittel gegen die Verderb-
niss der Medicin dachte , nur ein neues und mächtiges Hemmniss für ihre
Entwiklung.
Mitten aus der Verwilderung der Medicin erhoben sich nemlich die
scharf formulirten Doctrinen und aprioristischen Schulsysteme, welche von
da an die Centren der weiteren Geschichte der Heilkunst werden , und es
bis zu den lezten Systemen, den sogenannten naturhistorischen einerseits
und dem Wiener Crasensysteme andererseits geblieben sind.
Dieser Unsegen des Doctrinarismus brach in die Wissenschaft im 17.
Jahrhundert herein.
Den Anfang damit aber machte van Helmont.
Johann Baptist van Helmont aus adelichem Geschlechte , Herr von
Merode, Royenborch etc., geboren 1578, war ein eigenthümlich gemischter
Van Helmont. 125
Charakter: fromm und abergläubisch, der Magie eifrig ergeben, aber doch
auf allen anderen Punkten geneigt zum Zweifeln; eitel und von selbst-
gefälliger Demuth, aber gewissenhaft, weder von sich noch von Anderen
befriedigt; sanguinisch und mit Begeisterung alle Wissenschaften ergrei-
fend, aber ohne Ausdauer und von Zufälligkeiten bestimmbar; ein unklarer
Denker, aber von den besten Intentionen, ein wohlwollender ehrlicher
Schwärmer mit dem Triebe nach Gründlichkeit , aber diese dilettanten-
haft in möglichst umfassendem Verschlingen suchend; schwankend in
seinen Stimmungen, aber consequent in den Verirrungen seiner Phantasie,
die er für volle Existenzen hielt.
Er beschäftigte sich schon frühzeitig mit Mathematik und Astrologie,
aber durch Copernicus' Reform an ihr irre geworden warf er sie weg. Mit
Eifer studirte er nun bei den Jesuiten Philosophie und Geographie , aber
als er sah, dass er „dabei statt Getreide zu ernten, nur leeres Stroh
erhielt," wandte er sich mit Widerwillen ab. Als die Universität ihm die
Magisterwürde der freien Künste anbot, verliess er die hohe Schule, weil
er es nicht zu ertragen vermochte , dass man ihn , der doch kaum ein
Schüler sei, für einen Meister erklären wolle. Als ihm für den Fall,
dass er Theologie studiren wolle, ein reiches Canonicat angetragen wurde,
schrekte ihn der Ausspruch des heiligen Bernhard ab , dass er von den
Sünden des Volks leben würde. Nun warf er sich auf die Moral , enthu-
siasmirte sich für die stoische Schule und wollte Capuciner werden , weil
er diese für die christlichen Stoiker hielt. Da hatte er einen Traum, in
welchem er sich selbst als grosse leere Blase erschien, über der ein Sarg
schwebte und die in einen Abgrund von Finsterniss reichte. In Folge
davon sagte er sich von der stoischen Philosophie los und wandte sich der
Jurisprudenz zu ; allein er fand, dass das Recht nur in Menschensazungen
bestehe; und ebenso verliess er das Studium der Regierungswissenschaft,
weil es ihm schwer genug werde, sich selbst zu regieren.
Da wandte er sich der Botanik zu und studirte den Dioscorides; aber
er wurde auch hier nicht befriedigt und die Kräuterbücher, in denen er
so viel Unrichtiges fand, zogen seine Verachtung auf sich.
Nun dachte er, die Medicin sei doch eine Gabe Gottes und müsse ihre
festen Regeln haben, auch sei es Gottes Wille, dass der Mensch sich
schüze und erhalte. Er studirte Fernel und L. Fuchs , fing aber bald an,
zu fühlen , dass dort der Schlüssel für die Räthsel der Natur nicht zu
finden sei. Er las nun Galen und Hippocrates, den Avicenna und allmälig
gegen 600 Autoren und machte Auszüge daraus. Als er diese Collecta
wieder durchging, fand er, dass er durch die jahrelange Arbeit um nichts
gefördert war und schloss, dass auch der Inhalt dieser Bücher werthlos sei.
126 Die Mediciu im siebenzehnten Jahrhundert.
Sofort gesellte er sich zu einem praktischen Arzte und begleitete ihn
zu den Kranken, aber die Unsicherheit der Praxis enttäuschte ihn aber-
mals und er wollte gefunden haben, dass alle Krankheiten, die nicht von
selbst aufhören, für unheilbar erklärt zu werden pflegen.
Trozdem fing er selbst an , medicinische Vorlesungen zu halten ; aber
er wurde dadurch noch mehr irre an dieser Wissenschaft und hörte daher
bald wieder auf, sich selbst vorwerfend, dass er ohne Erfahrung und
nur nach Bücherstudium Dinge lehren wolle, die man nur nach langer
Uebung erlernen könne.
Ueberhaupt kamen ihm Gedanken, dass der ärztliche Stand sich nicht
für ihn schike , und er machte sich Vorwürfe , dass er aus anderer Men-
schen Unglük Geld sich erwerben solle, dass eine Kunst, die von Gott
verliehen sei, um des Gewinnes wegen betrieben werde, und dass er selbst
gegen den Willen seiner Mutter sich auf ein Geschäft geworfen habe,
welchem sich noch Niemand aus seinem alten adeligen Geschlechte ge-
widmet habe. Er kam sich wie ein ungerathener, ungehorsamer Sohn
vor, entschloss sich, die Medicin zu verlassen, verschenkte seine Bücher,
überliess sein Vermögen seiner Schwester und unternahm eine Wanderung
in fremde Länder, mit dem Plan, niemals wieder zurükzukehren, aber mit
der Zuversicht , dass Gott der Herr seinen Lauf gnädig leiten werde.
Aber auf dieser Wanderschaft gesellte sich ihm bald ein roher Em-
piriker bei , der ihn chemische Handgriffe lehrte. Mit Begeisterung warf
er sich nun auf die Alchemie , voll Hoffnung , einstens durch die Gnade
Gottes diese Wissenschaft zu erreichen, konnte dabei aber nicht unter-
lassen, wo sich Gelegenheit bot, zu mediciniren, und scheint da und dort
mit Curen Aufsehen erregt zu haben. Nun fing er auch an den Paracelsus
zu lesen , wurde bald von Bewunderung hingerissen , um später abermals
mit Zweifeln gegen denselben erfüllt zu werden. Doch behielt er von
dem Phantastischen seiner Lehre Vieles fest.
Zehn Jahre lang zog er herum, kam dann ungefähr in seinem 36.
Lebensjahre wieder nach Holland, promovirte in Löwen, heirathete und zog
sich nach Vilvorden bei Brüssel zurük, lebte bei grösstem Fleisse und in
gänzlicher Abgeschiedenheit den Studien, grübelte über seine und Anderer
Irrthümer , suchte sich durch Beten aufs neue zu stärken und nachdem er
seinen Geist umsonst gequält und gefunden hatte, dass die Wissenschaft
aller Dinge, wie schon Salomo sage, eitel und vergeblich sei, wurde er im
Traum durch den Erzengel Raphael selbst belehrt, dass alles, was der
Mensch sieht, nichts ist, und dass nur der, den der Herr Jesus zur Weis-
heit rufe, dazu komme. Von da an scheint er sich allmälig für einen
solchen Auserkorenen gehalten zu haben und hat nicht nur vielfach ärzt-
System.
Van Helmont's System. 127
liehen Rath ertheilt, sondern ein umfassendes System der Natur und der
Medicin nebst einer ausführlichen Autobiographie hinterlassen. Seine
Werke wurden von seinem Sohne, nachdem er selbst 1644 gestorben war,
herausgegeben: Ortus medicinaeid est initiaphysicaeinaudita. Progressus
medicinae novns in morborum ultionem ad vitam longam 1648.
Die Chemie verdankt zwar, wie schon oben angeführt, dem van Hel-
mont nicht unbedeutende Bereicherungen. Die schwierigeren Verhält-
nisse des gesunden und kranken menschlichen Körpers auseinander zu
wikeln und richtig anzuschauen, dazu reichte seine geistige Kraft nicht
aus. Hierin kam er nicht über unklare Anschauungen hinaus , deren Zu-
sammenhanglosigkeit er vergebens mit phantastischen Gebilden zu ver-
deken suchte.
Das van Helmont'sche System ist das Product eines dilettantenhaften van Heimonf:
Nachsinnens, dem es ebensowohl an der stdiden Grundlage sorgfältiger
Eigenbeobachtung, als an einer gesunden Logik fehlt.
Es kann nicht fehlen, dass auf fast 2000 enggedrukten Columnen , die
das Werk des vieljährigen angestrengten Fleisses eines strebsamen Mannes
sind, da und dort gute Bemerkungen sich vorfinden. Aber sie sind spär-
lich genug und überdem ungeniessbar durch ein Gewirre von phantast-
ischen Conceptionen, in welche sie verflochten sind.
Dieses System stellt das extremste Beispiel der Verkörperung unklarer
Begriffe und unverstandener Vorgänge und Erscheinungen dar.
Die erste Begriffsverkörperung ist sein Archäus, der bei ihm noch
viel sinnlicher und handlicher ist als bei Paracelsus. Es ist die anima
bruta, zwar beherrscht von dem von Gott stammenden Archäus influus,
aber seit dem Sündenfall der Eva sterblich geworden und mit dem Tode
endend, oder vielmehr in die Gesammtnatur zurükkehrend. Der Arckäus
sizt im Magen, hat Leidenschaften wie ein Mensch, ärgert sich, erzürnt
sich, ist oft ungerecht, mürrisch, zerstreut und unbesonnen und hat auch
Langeweile. Er hat sich den ganzen Körper aufgebaut, aus einer chaot-
ischen Materie mittelst eines von Anfang'an vorhandenen Ferments, einer
zweiten träumerischen und unverständlichen Verkörperung. Der Archäus
erhält den Körper und bedient sich zu seinen Zweken einer Menge von
Unterlebensgeistern, die er vom Magen aus nach rechts und links, nach
oben und unten mit seinen Befehlen aussendet. Bei den Krankheiten ist
alles der Archäus. In der Brustentzündung sendet der toll gewordene
Archäus den sauren Magensaft in die Lunge ; die Wassersucht erregt er
aus Aerger über die Trägheit der Nieren; die Epilepsie und Manie sind
nichts, als saure Fermente, von dem zerstreuten Archäus in falsche Theile
gesandt. Beim Fieber haben die Ursachen den Archäus beleidigt, dieser
|28 Die Medicin im siebenzehnten Jahrhundert.
ist darüber erschroken, kleinmüthig und verzagt, und diess ist der Fieber-
frost. Nun aber rafft er sich zusammen , bricht in Wuth aus und begeht
die tollsten und ausschweifendsten Handlungen : diess die Fieberhize.
Eine andere Verkörperung ist das Blas, ein selbstgeschaffenes Wort
van Helmont's , womit er den unklaren Begriff des Movens in der Natur
bezeichnen will. Stellae passunt teraporum mutationes, tempestates at-
que vicissitudines. Quorsum opus habent duplici motu, locali scilicet et
alterativo. Utrumque autem novo nomine Blas significo. Diess ist das
Blas der Sterne. Im Menschen gibt es zunächst ein doppeltes Blas (Blas
humanum), ein naturale und ein voluntarium und ausserdem noch ein Blas
in jedem Organ und selbst im Archäus. Auf diese Entdekung der Blase
ist van Helmont sehr stolz; aber einen genauen Begriff für diese Abstraction
weiss er nirgends zu geben; an einigen Stellen werden auch die Flatus
Blase genannt.
Aehnliche zweifelhafte Begriffe und Begriffsverkörperungen sind das
Magnum oportet, der Custos errans, das Duumvirat (d. h. Magen und
Milz), die Deliramenta, der Latex oder Alkahest und viele andere.
Die Krankheit, der ignotus hospes morbus ist ein ens reale subsistens
in corpore. Die Ursache der Krankheit ist die Idea morbosa. Die ein-
zelnen Krankheiten sind theils solche des obersten Archäus : morbi ar-
cheales, welche spontan entstehen, theils Störungen der untergeordneten
Archei insiti, welche durch schädliche Einflüsse hervorgerufen wurden, die
er in zwei Klassen theilt: die Recepta, die entweder sind: recepta aSagis
(Verzauberungen) oder concepta , deren lezter Grund die Sündhaftigkeit
des Menschen ist, oder inspirata, d. h. in die Athmungsorgane aufge-
nommen , oder suscepta , d. h. mechanische Schädlichkeiten. Die zweite
Klasse sind die Retenta und zwar assumta, unvollständig assimilirte Stoffe
oder innata, im Körper selbst entstanden.
In Betreff der Therapie ist der Grund jeder Arzneiwirkung das gnädige
Erbarmen Gottes. Das Wesen der Arzneikräfte, welche der Mensch
durch Pyrotechnik und Spagirik" aufsuchen muss, nennt er die Sapores.
Die Arzneien wirken theils durch ihren Stoff d. h. die Salia , theils durch
geheimnissvolle und unergründliche Kräfte : Arcana, Specifica, welche der
Idea morbosa direct entgegentreten. Er verwirft sowohl das Contraria
contrariis des Galen als das Similia similibus des Paracelsus; denn die
Arzneien wirken bloss propter merum bonitatis donum, restaurans, na-
turam adjuvando, quae alioqui sui ipsius medicatrix. Die Veröffentlichung
seiner Arcana aber unterlässt van Helmont, um nicht die Perleu vor die
Säue zu werfen: „ne margaritas ante sues sererem."
Sylvias.
129
Als Medicamente scheint er vorzugsweise Stimulantia angewandt
zu haben.
Van Helmont war für die nüchternen Naturen in seinem Zeitalter zu
mystisch und überschwänglich , für die Mystiker zu sublim , zu fein und
zu ehrlich; und sein unmittelbarer Einfluss blieb daher sehr gering.
Es ist in der That vollkommen begreiflich , dass ein solches System
selbst die Zeitgenossen abschreken musste. Die totale Unverständlich-
keit war die einzige werthvolle Eigenschaft, die es hatte und sie war so
gross, dass selbst ein Missbrauch der Lehre dadurch verhindert wurde.
Der alleinige günstige Effect, den van Helmont's System hätte hervor-
bringen können und sollen, wäre der gewesen, abzuschicken von der Con-
struction phantastischer Lehrgebäude. Aber selbst dieser Erfolg blieb
aus und es ging dieses System so gut wie spurlos vorüber. Erst in
späterer Zeit fing man an einigen Sinn in demselben zu entdeken, einzelne
Aussprüche oder die ganze Haltung als tiefgedacht zu bewundern; doch
erst der neuesten Zeit war es vorbehalten, in van Helmont den eigent-
lichen Reformator der Medicin zu entdeken und seine Phantasien in
erhabene Weisheit umzustempeln (Spiess, van Helmont's System der
Medicin 1840).
Van Helmont's
Einfluss und
Bedeutung.
Ein anderer Systematiker und Landsmann van Helmont's traf glük-
licher den Geschmak seiner Zeitgenossen.
Franz Deleboe Sylvius, geboren 1614 aus einer adelichen nieder-
ländischen Familie, practicirte, nachdem er 1637 zu Basel doctorirt hatte,
in Hanau, Leyden und Amsterdam. 1660 wurde er Professor in Leyden
und hatte dort einen ausserordentlichen Zulauf. Er starb 1672.
Obwohl er Vieles von seinen Vorgängern , selbst von van Helmont
entlehnte, erwähnt er doch ihres Namens niemals; er beruft sich allein
auf die directe und eigene Erfahrung. Nihil in medicina vel naturalium
cognitione admittendum pro vero , nisi quod verum ostenderit aut confir-
marit per sensus externos experientia. Damit erlangte er für sich den
Schein der Originalität, zugleich aber nüzte er dadurch, dass er dazu
beitrug , die Berufung auf Autoritäten aus der Mode zu bringen. Auch
hat er das Krankenbett, also die klinische Unterweisung, zuerst mit Nach-
druk in seinem Werthe als Unterrichtsmittel hervorgehoben.
Sylvius war nicht ohne anatomische und physiologische Kenntnisse. Er
will sogar, dass die Medicin auf Anatomie und Physiologie gegründet werde
und bedauert nur die Lükenhaftigkeit dieser Fundamentalwissenschaften.
Er ist namentlich der erste Arzt, der die Kenntniss vom Kreisslauf für
die Pathologie verwendet; auch über die Anatomie und Physiologie der
Wunderlich, Geschichte d. Medicin. Q
S ylviuä.
Anatomische
Kenntnisse.
130
Die Medicin im siebenzelmten Jahrhundert.
Chemiatrische
Theorie.
Therapie.
Lunge, die Verdauung und ihre Organe, die Aufnahme des Chylus und
seine Zuführung zum Blute hat er grösstentheils richtige Vorstellungen.
Das Gehirn gilt ihm als die Bildungsstätte des Spiritus animalis, die
Lymphdrüsen sieht er als Orte an, an welchen ein Spiritus acidus ab-
gesondert werde.
Die Luken seiner Physiologie füllt er aber mit einem hypothetischen
chemischen Processe.aus, der bei ihm die Hauptrolle in der menschlichen
Oeconomie spielt. Es ist die Gährung, welche nach ihm dem Leben und
allen Functionen zu Grunde liegt. Bei der Gährung entsteht ein Auf-
brausen (EfFervescenz), was die Bewegung veranlasst und wobei ein Dunst,
Halitus, sich absondert, der die Lebensgeister darstellt. Die zwei Haupt-
qualitäten, die in diesem chemischen Process erscheinen, sind Säure und
Alkali. Ueberwiegt die eine oder das andere, so entsteht die saure oder
die alkalische Schärfe (acrimonia acida et lixiviosa), welche in jeder thier-
ischen Flüssigkeit sich bilden kann und die Ursache der Krankheit aus-
macht. Da aber alle thierischen Flüssigkeiten im Blute enthalten sind,
so ist das Blut der beständige Träger jeglicher krankhaften Säure oder
Alkalinität (Anfang der entschiedenen Humoralpathologie). Die meisten
Krankheiten beruhen auf saurer Entartung vornemlich der Galle, des
Pancreassaftes und der Lymphe; nur wenige, besonders die bösartigen
Fieber auf Vorwiegen der Alkalinität.
Die Abweichungen der Qualitäten sind übrigens sehr zahlreich und
sie dienen ihm zur Eintheilung der Krankheitsformen. Er theilt die Ab-
weichungen in solche, welche nur durch einen einzelnen Sinn erkannt
werden können, Qualitates sensiles propriae (Farbe, Licht, Geschmak,
Geruch, Glanz, Härte etc.), und solche, welche durch mehrere Sinne wahr-
genommen werden, Qualitates sensiles communes (Zahl, Grösse, Gestalt,
Getrenntsein, Bewegung, Ort etc.).
Die dadurch gewonnenen Anomaliecategorien geht er nun an dem Blute,
der Galle, dem pancreatischen Saft, den Chylus, der Lymphe, den
Lebensgeistern und endlich den partes continentes (Festtheile) durch,
natürlich überall gezwungen zu den grössten Willkürlichkeiten , wenn er
überhaupt darüber etwas sagen wollte.
Die Diagnose des Fiebers knüpfte Sylvius, statt wie die meisten bis-
herigen Pathologen an die erhöhte Wärme, vielmehr an den beschleun-
igten Puls.
In der Therapie wurde die Aderlässe verdächtigt. Seine Indicationen
sind: virium conservatio, morbi sublatio, causae correctio, symptomatum
mitigatio. Seine Mittel sind solche, welche den Verlust ersezen, aus-
leerende (darunter besonders auch schweisstreibende) und Alterantia.
Ausbreitung der Chemiatrie.
131
Vornemlich wurden Antimonpräparate , Calorael, Ammoniak, aber auch
eine Anzahl stark wirkende Vegetabilien in Gebrauch gezogen; auch das
Opium fand vielfältige Anwendung.
Die Sylvius'sche Lehre , welche man das chemiatrische System zu Ausbreitung der
nennen pflegt , fand durch die bequeme Zurükführuug aller Verhältnisse Ckemiatne in
r b ' ^ ° Deutschland.
auflden einfachen Gegensaz von Sauer und Laugig sehr grossen Beifall.
Seine Ansichten waren bald in aller Munde. In Deutschland wurden sie
fast ohne allen Widerstand angenommen. Wolfg. Waldschmidt, Prof.
in Marburg (1644—89), Doläus, hessischer Leibarzt (1638—1707),
besonders aber die Professoren Georg Wolfg. Wedel in Jena, Michael
Ettmüller in Leipzig und Günther Schellhammer in Jena, Helmstädt
und Kiel (sämmtlich zwischen 1644 und 1721) waren die bedeutendsten
Vertheidiger. Nur Conring, Prof. in Helmstädt, der die Lehre für
heillos erklärte und Bohn, Prof. in Leipzig, welcher durch directe Ver-
suche die Nichtigkeit der Grundlage der Sylvius'schen Lehre nachwies,
wagten ihr entgegenzutreten.
Otto Tachenius, ein nicht unbedeutender Chemiker aus Deutschland,
jedoch meist in Venedig lebend, hat nicht nur mit grossem Eifer sich auf
Seite des Sylvius geschlagen, sondern auch versucht, dessen chemiatri-
sches System in Galen und Hippocrates wiederzufinden, indem er den
Ausdruk Feuer bei denselben als identisch mit Säure , und den Ausdruk
Wasser als identisch mit Alkali annahm.
In Holland war die Anerkennung der Chemiatrie ebenso allgemein,
und wurde sogar den mercantilen Interessen förderlich. DerThee, um
jene Zeit von Holländern eingeführt, fand in der chemiatrischen Schule
grosse Lobredner, weil er die Säfte verdünne und, wie man sich ausdrükte,
den Morast aus dem Pancreas wegflöze. Bontekoe und Overkamp
Hessen im Fieber die Tassen Thee nach Duzenden trinken.
In Frankreich fand die Chemiatrie an den Decanen der Pariser
Fakultät Riolan und Guy Patin grossen Widerstand. Aber die Masse
der Aerzte war für sie. Auf Parlamentsbefehl traten sämmtliche Aerzte
von Paris zusammen , erklärten sich mit grosser Majorität für die
Chemiatrie und für die Einführung des Antimons , von dem Guy Patin
behauptete, dass er mehr Menschen getödtet habe, als der dreissigj ährige
Krieg. Diese Niederlage der Fakultät war ihr lezter Stoss. Sie ver-
sank danach und mit ihr die ganze innere Heilkunde in Frankreich in
eine ununterbrochene Unbedeutendheit, aus der sie erst seit wenig mehr
als einem halben Jahrhundert sich wieder aufgeschwungen hat. — Italien
nahm an der Chemiatrie so gut wie keinen Antheil.
In Holland.
In Frankreich
und Italien.
132
Die Medicin im siebenzehnten Jahrhundert.
in England. In England dagegen trat der bedeutendste und selbständigste unter
allen Anhängern der Sylvius'schen Lehre auf: Thoraas Willis (geb.
1622, von 1666 an practischer Arzt in London, gest. 1676). Ein aus-
gezeichneter Anatom und Physiolog und ein gewandter Darsteller hat
Willis den chemiatrischen Hypothesen, während er sie modificirte und
beschränkte, wesentlichen Vorschub gethan. Er nahm als Elemente den
Spiritus, das Salz, den Schwefel , das Wasser und die Erde an und fäSste
die Gährung als Bezeichnung für jede innere Bewegung der Körper auf.
Die Säuren und Alkalien traten bei ihm mehr zurük. Auch erkannte er
die Wichtigkeit des Nervensystems in Krankheiten , verlegte in dasselbe
die Hysterie und die Hypochondrie, sowie die bösartigen Fieber, denen er
zuerst den Namen Nervenfieber gab. Die Hize und vermehrte Blut-
bewegung im Fieber leitete er einerseits von der Beschaffenheit des
Blutes ab, welches einem gährenden Weine gleich turgescire, andererseits
von dem im Herzen gelegenen Fermente. Durch die turgentia spumosa
wird das Blut rarefacirt, die Gefässe werden ausgedehnt, der Puls wird
schneller und brennende Hize nach allen Seiten ergossen.
Die beiden betrachteten Systeme hatten eine völlig unhaltbare Grund-
lage. Das Eine suchte die lediglich unfruchtbaren spiritualistischen Idole
auszubeuten; das Andere unternahm es die dürftigen noch ganz rohen
chemischen Erfahrungen der Zeit zu verwerthen. Ein Gewinn konnte
daher weder bei dem Einen noch bei dem Andern für die Fortbildung der
Wissenschaft erwachsen und nur das nachtheilige Beispiel geschlossener
Doctrinen, das sie gegeben, sichert ihnen eine historische Bedeutung.
Ein besseres Fundament wählte eine um die Mitte des Jahrhunderts
in Italien sich erhebende Schule, welche sich auf die Fortschritte der
Physik und Mechanik, sowie auf Mathematik stüzte und daher den
Namen der Iatromechaniker, Iatr,omatheraatiker oder Iatrophysiker
erhielt.
Santoro. Ihr Vorläufer war Santorio Santoro (geb. 1561, gest. 1636), Prof.
zu Padua und Venedig, der in seiner Medicina statica (1614) zuerst
durch mathematische Berechnung Fragen der Medicin zu lösen suchte.
Er fand durch Wägungen , dass in 24 Stunden das Körpergewicht sich
nicht verändert, ungeachtet bei 5 Pfund Getränke und Speise nur
2 l/j Pfund Excremente und Harn abgesondert werde und schloss daraus,
dass die fehlenden 2 lj2 Pfund durch die Haut als perspiratio insensibilis
abgehen. Diese sieht er dann als höchst wichtig in Krankheiten an,
eine Vorstellung, die bei seinen Nachfolgern für die Empfehlung der
schweisstreibenden Methode benüzt wurde. Von den Krankheiten selbst
Iatro-
mechaniker.
Iatromechaniker. 133
hat er durchaus humoralpathologische Vorstellungen und bestimmte die
Zahl der möglichen Arten krankhafter Säftemischung auf 80,000.
Von ungleich grösserer Bedeutung und der eigentliche Stifter der Boreiu.
iatromechanischen Schule war Borelli (1608 — 1679). Er lehrte anfangs
Mathematik und wurde 1656 als Professor für einen mathematischen
Lehrstuhl nach Pisa berufen. Ein Jahr nach seiner Ankunft daselbst
wurde eine Academie von Anhängern und Schülern Galilei's gegründet,
welche sich zur Aufgabe machte, dessen Grundsäze und die Experimental-
physik weiter zu cultiviren und auf die gesammten Naturwissenschaften
angewandt. Borelli war einer der eifrigsten Theilnehmer und machte bei
diesen Arbeiten seine ersten Versuche, den Mechanismus im Körper auf-
zudeken. Sein Hauptwerk de motu animalium erschien jedoch erst 1670,
nachdem jene Academie längst wieder sich zerstreut hatte.
Borelli suchte vor allem die Muskelbewegung auf mechanische Geseze
zurükzuführen. Er erkennt die Knochen als Hebel, die Muskeln sind an
ihnen befestigt und wirken als Stüke, die, wenn der eine Punkt ihrer An-
heftung fixirt ist, den Knochenhebel, an dem der andere Anheftungspunkt
sich befindet, bewegen. Die wirkende Kraft ist die Anschwellung des
Muskels und ihre Ursache verlegt B. bereits in die Nerven, weil nach
ihrer Durchschneidung die Muskeln gelähmt werden. Diesen Mechanismus
verfolgte Borelli bis ins einzelnste Detail, untersuchte, wie viel jeder Muskel
Kraft braucht, um seinen Knochen zu bewegen, zeigte, wie viel Kraft ver-
loren gehe in Folge ungünstiger mechanischer Verhältnisse der Muskeln
(des nahen Ansazpunkts an dem Ruhepunkt des Hebels, der schiefen An-
heftung und des schiefen Verlaufs der Fasern). Von hohem Interesse und
bis zu den Weber'schen Untersuchungen unübertroffen ist die durch-
geführte Erklärung des Mechanismus zusammengesezter Bewegungen, wie
des Gehens, Laufens, Schwimmens, des Sprungs und Flugs. Auch die
Mechanik des Athmens hat er trefflich auseinandergesezt und die Pas-
sivität der Lunge dabei bewiesen.
Dagegen musste die Anwendung der mechanischen Erklärung auf den
Verdauungsprocess , den er als Zermalmung der Speisen ansieht, miss-
lingen. Ebenso sind seine Untersuchungen über die Absonderung ganz
ungenügend.
Die Wirkung der Nerven auf die Festtheile erklärt er durch das Ein-
dringen des Nervensafts, hält diess jedoch nur für eine Hypothese, eine
causa probabilis.
Das Fieber vergleicht er dem heftigen Orgasmus beim Zorne und hält
es für unstatthaft und directen Untersuchungen conträr, eine Blutverän-
134 Die Median im siebenzehnten Jahrhundert.
derung dabei zu statuiren. Freilich meint er sofort, dass die scharf
gewordenen Spiritus oder Nervensäfte, indem sie Nerven und Herz reizen,
die nächste und unmittelbare Ursache des Fiebers werden.
Die Ursache des Scharfwerdens des Nervensafts sucht er in einer
Verstopfung der Nervenmündungen in den Drüsen und der Haut durch
Gluten. Die stokenden Säfte verfallen in Gährung und werden scharf.
Die Haupttherapie besteht daher in schweisstreibenden Mitteln und in
Stärkung der Festtheile durch Chinarinde.
Maipigiü. Marceil Malpighi, Borelli's Freund und Prof. in Pisa (geb. 1628, gest.
1694), unterstüzte Borelli durch zahlreiche anatomische Untersuchungen
und physiologische Experimente. Er zeigte zuerst den wahren Bau der
Lunge, die man früher für ein drüsenartiges Organ gehalten, und trug so
zur wirklichen Erklärung der Athmungsprocesse die anatomischen Mo-
mente bei ; durch seine Entdekung der Blutkörperchen und des capillären
Blutlaufs vervollständigte er nicht nur die Harvey'sche Lehre , sondern
machte auch die Theorie von den Blutstokungen möglich , welche von da
an die Iatromechanik festhielt.
Beuini. Lorenzo Bellini, geb. 1643, ein Schüler Borelli's, schrieb im
19. Jahre sein Werk über die Structur der Niere und war im 20. öffent-
licher Lehrer der theoretischen Medicin zu Pisa; er starb 1704. Obgleich
Iatromathematiker behielt er doch manche chemiatrische Hypothesen bei
und erfand neue. Namentlich bediente er sich der Fermente zur Erklär-
ung der Absonderung und nahm in jedem Secretionsorgan ein eigenthüm-
liches Ferment an, das sich dem strömenden Blute beimische und die
Trennung der Secretionsstoffe bewirke. In Stokung des Bluts in den
kleinsten vielfach verflochtenen Gefässen suchte er den Grund der Fieber
und der Entzündungen.
Von da an wird die Stokung des Bluts, die Verstopfung der Blutge-
fässe und der Drüsen und die gehemmte Ausleerung der Mittelpunkt der
gesammten iatromechanischen Lehre. Die Entdekung der Blutkörperchen
kam derselben sehr zu statten , man leitete von ihrem Anstossen an ein-
ander und an die Wandungen der Gefässe die gehemmten Bewegungen
ab und glaubte die Hindernisse berechnen und in Zahlen ausdrüken zu
können. Solche Berechnungen und scharfsinnige mathematische Con-
jecturen wurden die Lieblingsbeschäftigung der Iatromechaniker; allein
derartige Beschäftigung wollte sich mit einer bewegten Praxis nicht ver-
tragen und daher traten in dieser Schule zuerst die Theorie und Praxis
in scharfen Gegensaz zu einander.
Donzellini und andere Iatromechaniker. 135
Die Idee dieser vielfach in ihren Consequenzen unglüklichen Trennung Bagiivi.
stammt von Georg Baglivi her, geb. 1669, einem Schüler Malpighi's,
Professor der theoretischen Medicin, Anatomie und Chirurgie zu Rom,
gest. 1707. Er ist in der Theorie exclusiver Iatromechaniker. Die Cir-
culation des Bluts vergleicht er mit einer hydraulischen Maschine, die
Respiration mit einem Blasebalg, die Eingeweide mit Sieben, und selbst
die chemischen Processe erklärt er aus der Figur der kleinsten Theile
und ihrer Wirkungen als Keile und Hebel. Die Absonderung erklärt er
aus den verschiedenen Durchmessern der absondernden Gefässe; die lezte
Ursache aller Bewegung sucht er in den Nerven und der Dura mater, in
welcher lezteren das eingeborene, nicht aber erklärbare Bewegungsprincip
seinen Siz habe; alle Krankheitsphänomene bestehen nach ihm in der Ver-
mehrung oder Verminderung des Tonus der festen Theile.
So sehr aber Baglivi in seinen einseitigen mechanischen Hypothesen
sich festrannte, so verlangt er ausdrüklich, dass die Praxis sich um die
Theorie nicht bekümmern solle, dringt auf genaue und umsichtige Beob-
achtungen und will, dass die Behandlung nirgends nach der Theorie sich
richte, sondern rein empirisch verfahre.
Dieselbe Idee der Trennung von Theorie und Praxis sprach Donzel- Donzeuini und
lini, Arzt in Venedig, aus: de usu mathematum in arte medica. Ein jeder andere
Iatromechaniker.
Arzt hat nach ihm vor allem mathematische und physikalische Kenntnisse
zu besizen und auf die Physiologie anzuwenden; aber er soll sich nicht
beifallen lassen , diese Anwendung im praktischen Theile der Medicin zu
machen; denn hier sei keine mathematische Gewissheit, sondern man
müsse sich mit Wahrscheinlichkeit begnügen.
Weiter beschäftigten sich mit mechanischen Hypothesen und mathe-
matischen Berechnungen Guglielmini, der aus der imaginirten Form
der Aether- und Salztheile therapeutische und pathologische Processe er-
klären will; Buzzicaluve und Jacob de Sandri, die sich mit endlosen
Berechnungen beschäftigten; Mazzini, der sich in fantastischen Hypo-
thesen über die Moleküle und die Arzneimittel verlor.
Dabei hat die Schule aber immerhin sehr wesentliche positive Unter-
suchungen gemacht und zumal die Schüler Malpighi's wandten sich der pa-
thologischen Anatomie zu. Namentlich hat Fantoni (1652 — 1692) den
Zusammenhang der Herzvergrösserung, der Klappenfehler und des Aorta-
aneurysmas mit den Symptomen im Leben gezeigt.
Die Iatromechanik fand ihre Fortsezung und vielfache Umgestaltung
im 18. Jahrhundert zumal in England und Holland.
136
Die Medicin im siebenzehnten Jahrhundert.
Naturbeob- Neben diesen mehr oder weniger abgeschlossenen Schulen bewahrten
achtung und nur wemve bedeutendere Aerzte des 17. Jahrhunderts ihre Selbständig-
pathologische
Anatomie, keit und suchten durch die unbefangene Naturbeobachtung die That-
sachen festzustellen. Mehrere von ihnen haben zugleich die Wichtigkeit
pathologisch-anatomischer Untersuchungen begriffen und einen ansehn-
lichen Zuwachs von factischem Material verdankt man ihren Bemühungen.
Hervorzuheben sind namentlich einige Holländer, Nicol. Tulpius in
Amsterdam (observ. clinicarum lib. IV. 1641), Stalpaart van der
Wyl im Haag (observationes rariones medicae, anatomicae et chirurgicae
1687) und Isbrand van Diemerbroek (gest. 1674) in Utrecht, welcher
durch Beschreibung der Pest, Morbillen und Poken sich auszeichnete und
zuerst gegen die Anwendung der kostbaren Steine , welche damals allge-
mein für die wirksamsten Medicamente gehalten wurden, sich auszu-
sprechen wagte.
Bartholin. Pathologisch - anatomische Untersuchungen von unvergänglichem
Werthe verdankt mau ferner dem Dänen Thomas Bartholin, dessen
Historiarum anatomicarum Centuriae VI (1654 — 1665), Cista medica
Hafniensis (1662) und Epistolarum medicinalium Centuriae IV (1663
bis 1667) noch für unsere Zeit eine zum Theil wichtige Casuistik
enthalten.
Auch die Casus medicinales des preussischen Leibarztes Timaeus
von Güldenklee (1662) sind nicht ohne Verdienst.
Vor allem aber war des Schweizer Theophil Bonnet Sepulchretum
anatomicum (1679) ein Schaz der wichtigsten Beobachtungen und ein
erster und glänzender Anfang, die Pathologie anatomisch zu begründen.
In Italien war der der Chemiatrie etwas sich zuneigende Bernardin
Ramazzini in Padua ein trefflicher Beobachter, beschrieb die epidem-
ischen Verhältnisse der Jahre 1690 — 1694 und war der Erste, der den
Krankheitsverhältnissen der verschiedenen Gewerbe Aufmerksamkeit
schenkte.
In Frankreich hat vorzüglich Vieussens gute Beobachtungen über
einige Krankheiten des Herzens gemacht.
Tiniäus.
Bonnet.
Ramazzini.
Vieussens.
sydenham. Die grösste und nachhaltigste Berühmtheit aber erlangte der Eng-
länder Thomas Sydenham( 1624 — 1689). Von seinen Lebensverhältnissen
ist wenig bekannt, als dass er, aus begüterter Familie stammend, ziem-
lich spät anfing, der Medicin sich zuzuwenden, ausser Oxford auch in
Montpellier studirte, in London grosses Vertrauen genoss, und nachdem
er vom 30. Jahre an an der Gicht gelitten hatte, im 65. daran starb.
Sydenham, schon während seines Lebens in weiten Kreisen hoch-
Sydenham. 137
angesehen, wurde im folgenden Jahrhundert vornehmlich durch Boerhaave
und van Swieten als ein Geist von ungewöhnlicher Grösse gepriesen, der
englische Hippocrates genannt, von manchen selbst geradezu als der
grösste jemals existirende Arzt bezeichnet. Auch bis in die neueste Zeit
wurde er vielfach bald als Muster eines vorurteilsfreien und feinen
Beobachters, bald als Vorgänger der sogenannten naturhistorischen
Schule (Jahn), bald als Restaurator der altclassischen Medicin, bald als
Vorläufer des Rademacher (Kissel), bald als Begründer der modernen
Heilkunst überhaupt bezeichnet.
Man darf bei Sydenham keine geschlossene Lehre, kein System Allgemeiner
der Medicin erwarten. Er ist durchaus ein beobachtender Practiker Charakter.
und es ist nur der Geist seiner Grundsäze, die Berechtigung seiner
Methode und der Inhalt seiner Erfahrungen und Schlüsse , was man zu
prüfen hat.
Man darf bei dieser Prüfung nicht die Zeit vergessen, in welcher
Sydenham lebte. Die Bacon'schen Grundsäze, für welche Sydenham im
vollsten Maasse Anerkennung ausspricht, hatten auf die practische
Medicin noch nirgends Anwendung gefunden, und eine theils geistlose und
platte, theils phantastische und überschwängliche Behandlung des an sich
so schwierigen Objects war alles , was Sydenham vorfand , wenn er über
die ordinärste Erfahrung hinausgehen wollte.
Es ist ferner zu beachten, dass Sydenham in der Zeit lebte, in
welcher unter den Aerzten eine sehr lebhafte Parteinahme für und
gegen die Chemiatrie statt hatte. Obwohl er den Streitigkeiten der
Schulen fremd blieb und das Theoretisiren denen überlässt, welche, wie
er sagt, mehr Zeit dazu finden und mehr Gefallen daran haben als er, so
entgeht er doch dem Einfluss der geläufigen Theorien nicht, die man sich
gewöhnt hatte, als ausgemachte Wahrheiten hinzunehmen. Die Humores,
ihr Aufbrausen, ihre Kochung und Gährung, die Fäulniss waren auch für
Sydenham Thatsachen , die sich von selbst verstanden.
Nichtsdestoweniger ist es offenbar, dass er auch unter der Herrschaft
solcher Vorurtheile eine bemerkenswerthe Nüchternheit und Unbefangen-
heit sich bewahrte.
In den Schriften Sydenham's finden sich zahlreiche Hinweisungen
zerstreut, welche zeigen, dass er die reine und sorgfältige Erfahrung für
die einzige Grundlage der Medicin nimmt, dass er sich aber mit blosser
Empirie nicht begnügen , sondern die allgemeinen Geseze aus den That-
sachen gewinnen will. Er verwirft die Schlussfolgerungen aus ver-
einzelten Beobachtungen; er verlangt, dass zur Erlangung umfassender
Thatsachen die Aerzte sich specielle Untersuchungsobjecte zum Vorwurf
138 Die Medicia im siebenzehnten Jahrhundert.
machen sollen ; er fordert langjährige Ausdauer. Er verwirft die blosse
Büchergelehrsamkeit und weist jede Autorität zuriik, von wem sie auch
stammen mag. Als man ihn fragte , welche Bücher einem jungen Arzte
zur Vorbereitung für die Praxis zu empfehlen seien , so nannte er allein
den Don Quijote. Vor Hippocrates nur bezeugt er stets die grösste
Achtung und nennt ihn den göttlichen Greis.
Er verwirft alle aprioristischen Speculationen und will, dass man nur
solche Hypothesen zulasse, welche aus den Thatsachen selbst entnommen
seien und der Praxis ihren Ursprung verdanken. Er weist darauf hin,
wie gefährlich die Hypothesen sind, weil, wenn zufällig bei einer Krank-
heit sich etwas ereigne, was mit ihnen übereinstimme, solches über
Gebühr hervorgehoben werde , während dagegen die mit der Hypothese
im Widerspruch stehenden Thatsachen mit Stillschweigen übergangen zu
werden pflegen.
Freilich greift er selbst ohne Zaudern und gewissermaassen unbewusst
zu manchen willkührlichen Erklärungen und hat keine volle Einsicht in
die Bedürfnisse und Postulate des wissenschaftlichen Beweises, über den
doch Baco bereits so treffliche Grundsäze festgestellt hatte.
So legt er namentlich kein Gewicht darauf, zum Belege seiner An-
gaben Einzelnbeobachtungen aufzuführen: Frustra enim et cum taedio
lectoris repeterentur ista singulatim, quae in summa contraxi.
Ebenso ist seine Logik meist eine sehr lokere. Er begnügt sich oft
genug, zur Bürgschaft seiner Säze eine allgemeine Behauptung hinzu-
stellen, die selbst in keiner Weise gerechtfertigt ist.
Als wesentlichste Aufgaben der Medicin bezeichnet er die practiscnen
Forderungen: genaue Krankheitsbeschreibung und Aufstellung einer
sicheren Therapie. Sentio nostrae artis incrementum in his consistere
ut habeatur 1) historia sive morborum omnium descriptio, quo fieri potest
graphica et naturalis; 2) praxis seu methodus circa eosdem stabiiis et
consummata. (Praefatio pag. 6.)
Bei der Beobachtung der Krankheiten verlangt er nicht nur die
grösste Genauigkeit und die Entfernthaltung aller Phantasie und aller
vorgefassten Meinungen, sodern eine strenge Prüfung, welche Erschein-
ungen den einzelnen Krankheiten wesentlich und beständig zukommen,
und welche durch Zufälligkeiten bedingt sind. Er will , dass man nicht
auf Raritäten, sondern auf die gewöhnlichen Vorkommnisse die Pathologie
aufbauen solle und dass man suchen müsse, aus unregelmässigen Er-
scheinungen die Regel herauszufinden.
Diese grössere Sorgfalt und die Symptomatik der Krankheiten war
ein wesentlicher Fortschritt; freilich erscheinen uns heutzutage die Be-
Sydenham. 139
Schreibungen Sydenham's selbst dürftig und oberflächlich; allein es ist
auch hierbei nicht zu übersehen, um wie viel ärmlicher noch die
Descriptionen seiner Vorgänger gewesen sind : die relativ besten unter
seinen Darstellungen sind die des Rheumatismus, Rothlaufs, der Pleuritis,
der Peripneumonia notha, der Bräune, der Hysterie, Gicht, Wassersucht,
des Ileus, der Syphilis, des Veitstanzes, der englischen Krankheit und
des Scorbuts.
Allerdings hat er hierbei der künstlichen Abgrenzung der Krankheiten
in zu unbedingter Weise das Wort gesprochen und er ist der eigentliche
Urheber der künstlichen Krankheitsspecies , die zu eben so vielen
Ontologien wurden. Primo expedit, ut morbi omnes ad definitas ac certas
species revocentur, eadem prorsus diligentia ac axqißsCa, qua id factum
videmus a botanicis scriptoribus in suis phytologiis (Praefatio). Es ist
nicht zu verbergen, dass durch einen solchen Grundsaz die im Stillen
eingedrungene Personification der Processe und Ereignisse , mit anderen
Worten die Ontologie, zum Princip gemacht wurde.
Es war jedoch immerhin ein Verdienst, dass er dadurch Ordnung
in der Krankheitsbeschreibung herzustellen strebte; es ist ihm auch
bei der damaligen Verwirrung aller Kunstausdrüke nicht zu verdenken,
dass er einen hohen Werth auf die Nomenclatur legte. Allein er übersah
die Eigenthümlichkeit des Objectes der Medicin , wenn er die Methode
der Botanik mit ihrem ganz anderen Inhalt auf die descriptive Pa-
thologie übertragen wissen wollte.
Sydenham hat ferner das Gesezmässige und Typische in dem Krank-
heitsverlauf vollständig erkannt, wiewohl freilich übertrieben. Et quidem
existimo, nos, ob eam potissimum caussam, adcuratiori morborum historia
ad hunc usque diem destitui, quia scilicet plerique eos pro confusis incon-
ditisque naturae male se tuentis et de statu suo dejectae eflfectis tantum
habuere. Et profecto haud minus se natura methodo adstringit in morbis
tum producendis tum maturandis quam in plantis sive etiam animalibus.
Auch weist er darauf hin , dass manche Symptome nicht sowohl der
Krankheit, als vielmehr den ärztlichen Eingriffen zuzuschreiben seien und
ihre Aufnahme in der Beschreibung daher ein falsches Bild gebe.
Dessgleichen hebt er hervor, dass die Grundprocesse, das Wesen der
verschiedenen Fälle identisch sein können , trozdem dass die Manifesta-
tionen, die Symptome, mit andern Worten die äussere Form differiren,
und dass ebenso die Uebereinstimmung der Erscheinungen ' eine Ver-
schiedenheit der innern Natur nicht ausschliesse : eine an sich glükliche,
aber viel zu ausgedehnt angewandte Idee. So zeigt er die Möglichkeit,
dass Pokenfälle ohne Eruption vorkommen können. Reperiuntur morbi
140 Die Medicin im siebenzehnten Jahrhundert.
qui sub eodem genere ac nomenclatura redacti ac quoad nonnulla sympt-
omata sibi invicem consimiles tarnen et natura inter se discreti diversum
etiam medicandi modum postulant (Praefatio). Aber er hat hiebei eben
vielfach in willkürlicher Weise hypothetische Grundstörungen vorausgesezt
und namentlich die Entzündung des Blutes war es, welche er bei
zahlreichen Erkrankungen als das Wesentliche annahm.
Er leitet die Krankheiten überall von den humores ab : Observandum
est, quod si humores vel diutius quam par est in corpore fuerint retenti,
vel ab hac aut illa aeris constitutione labem morbificam contraxerint; vel
denique contagio aliquo venenato infecti in ejusdem castra transierint; his
inquam modis et his similibus dicti humores in formam substantialem seu
speciem exaltantur, quae his aliisve adfectibus cum propria essentia con-
venientibus se prodit.
Die Ursachen der Krankheiten sucht er theils in den Einflüssen der
Atmosphäre und von gewissen verborgenen Verhältnissen der lezteren,
theils werden die Krankheiten von verschiedenen Gährungen und Fäul-
nissarten der Säfte bedingt.
Auf die Beobachtung der Einflüsse der Jahreszeiten legt er ein grosses
Gewicht. Er stellt nicht in Abrede, dass einige Krankheiten zu jeder Zeit
entstehen können, die sporadischen oder intercurrenten Krankheiten,
welche von dieser oder jener particulären Anomalie des einzelnen Körpers
bedingt sind. Alii tarnen nee pauciores, oeculto quodam naturae instinetu
annorum tempora non secus quam quaedam aves aut plantae sequuntur
(Praefatio).
Epidemielehre. Er hat zuerst dem Gange der Epidemien grosse Aufmerksamkeit zu-
gewendet und das Gemeinschaftliche des Charakters vieler Krankheiten
in gleicher Zeit und ihre Differenz in verschiedenen Zeiten erkannt. Nihil
quiequam, opinor, animum universae qua patet medicinae pomoeria per-
lustrantem tanta admiratione percellet, quam discolor illa et sui plane
dissimilis morborum epidemiorum facies (de morbis epidemiis cap. 2).
Die Eigentümlichkeiten und Differenzen der epidemischen Krank-
heiten hängen aber durchaus nicht zusammen mit manifesten Verhält-
nissen der Luftbeschaffenheit, welche völlig gleich sein kann bei verschied-
enen epidemischen Constitutionen und umgekehrt. Variae sunt nempe
annorum constitutiones quae neque calori, neque frigori, non sicco humi-
dove ortum suum debent, sed ab oeculta potius et inexplicabili quadam
alteratione in ipsis terrae visceribus pendent, unde aer contaminatur. So
lange diese geheime Luftverderbniss oder Luftconstitution anhält, dauern
auch die epidemischen Krankheiten unter den Menschen fort, kommen
aber ohne jene Bedingung niemals vor.
Sydenham. 141
Die unbekannten Einflüsse der Atmosphäre bringen eine bestimmte
Krankheitsconstitution zustande, welche auf alle übrigen zufälligen
Krankheiten influirt und welche sich unterscheidet durch die Natur des
krankhaften Stoffs , der bald durch dieses , bald durch jenes Ausscheid-
ungsorgan entfernt war.
Jede eigenthümliche allgemeine oder epidemische Constitution bedingt
eine besondere Species von Fieber, welche ausserdem nirgends erscheint
und desshalb von Sydenham als stationaria bezeichnet wird.
Manche epidemische Krankheiten wiederholen sich mit grosser Regel-
mässigkeit. Nach dieser ist der Typus festzustellen; andere dagegen
zeigen einen so abnormen Verlauf, dass sie unter keinen Typus unterge-
bracht werden können, sind bösartiger Natur und stammen daher, quod
quaelibet constitutio morbos parit a morbis ejusdem generis qui alio tem-
pore grassabantur, multum abducentes.
Ausserdem zeigen die Krankheiten sich in derselben Jahresconstitution
verschieden, je nachdem man sie im Anfang derselben, in ihrer Mitte oder
gegen ihr Ende beobachtet.
Ferner hebt Sydenham hervor,* dass die epidemischen Krankheiten
überall in zwei Klassen zu trennen sind, nämlich die Frühlingskrankheiten
und die Herbstkrankheiten , welche übrigens bald früher , bald später in
der Jahreszeit beginnen und enden können.
Endlich bemerkt noch Sydenham , dass so oft eine Constitution ver-
schiedene Species epidemischer Krankheiten hervorbringt, diese ihrem
Genus nach von jenen sich unterscheiden, die, obwohl sie denselben Namen
tragen, von einer andern Constitution erzeugt worden sind. So viele
Krankheitsspecies andererseits ein und dieselbe Constitution auch her-
vorruft, so haben sie doch stets etwas gemeinschaftliches und differiren
von denen anderer Constitutionen.
Sydenham geht im Speciellen 5 von ihm beobachtete Constitutionen
durch.
Die erste dauerte von 1661 — 1664 und war characterisirt durch
Wechselfieber und ein demselben verwandtes anhaltendes Fieber und
Poken.
Die zweite von 1665 — 6 war die Constitutio loimodes, beginnend mit
Pneumonien, Pleuriten, Anginen, auf welche ein pestilentiales Fieber und
endlich die Pest selbst folgte.
Die dritte betraf die Jahre 1667 — 9 und wird als Constitutio variolosa
bezeichnet. Neben den wirklichen Blattern kam ein blatternartiges Fieber
ohne Ausschlag vor und diesem glich wieder eine Diarrhoe , wodurch der
Uebergang zur folgenden Constitution gebildet wurde.
142 Die Medicin im siebenzehnten Jahrhundert.
Schon im August 1669 begann die vierte Constitution: die dysenter-
ische, indem zunächst die Cholera höchst verbreitet vorkam, dann Coliken
eintraten und auf einmal Dysenterien ausbrachen. Neben diesen kam ein
dysenterisches Fieber mit allen Characteren der Dysenterie nur ohne
Ausleerung, Masern, Blattern, sodann Wechselfieber mit erneuerten
Fällen von Dysenterie und dysenterischen Fiebern vor. Die Constitution
hielt bis 1672 an.
Die fünfte Constitution von 1673—5 nennt Sydenham die anomale.
Es erschien im Sommer 1673 ein eigentümliches Fieber, darauf Dysen-
terien, Blattern und Masern; durch das ganze Jahr 1674 und bis zum
Juli 1675 herrschte das besondere Fieber, das er als febris comatosa be-
zeichnet. Alle Krankheiten dieser Periode waren anomal und irregulär.
Später beschreibt er, jedoch unvollkommen, die Krankheiten von
1675—1680.
Es ist nicht zu verkennen , dass alle diese Anschauungen einen sehr
weiten Gesichtspunkt bekunden , dass aber die Mittel völlig fehlten , von
demselben aus die Objecte gründlich und scharf zu beherrschen und dass
das Hinüberschreiten über die möglichen Beobachtungsgrenzen Unge-
nauigkeit und Fehlerhaftigkeit der Methode nothwendig zur Folge hatte.
Naturheiiun?. Sydenham hat ferner auf die Spontanheilungen der Krankheiten einen
grossen Werth gelegt; aber indem er dieselben nicht in ihren Processen
zu verfolgen verstand , legte er zu den unklaren Vorstellungen über die
vis medicatrix vorzugsweise den Grund. Ja die ganze Krankheit war für
ihn wesentlich ein Bestreben der Natur, zum Vortheil des Kranken das
krankmachende Princip auszustossen. Je nachdem die Kochung der Ma-
teria peccaus rasch oder langsam gelingt, ist die Krankheit eine acute
oder chronische. Ipsa pestis quid, obsecro, aliud est, quam symptomatum
complicatio, quibus utitur natura, ad inspiratas una cum aere particulas
miasmodes per emunctoria, apostematum specie vel aliarum eruptionum
opera, excutiendas ? Quid arthritis nisi naturae Providentia ad depuran-
dum senum sanguinem atque expurgandum corporis profundum? Das
Fieber gilt ihm vorzugsweise als das Mittel der Natur, durch welches
diese die verdorbenen Theile (particulas inquinatas) von dem Blute trennt.
Haec omnia peragit natura paucissimis simplicissimisque adjuta reme-
diorum formulis, alicubi etiam prorsus nullis.
Therapie. In Betreff der Therapie verlangt Sydenham, dass man nach einer
certa et confirmata medendi methodus jeder einzelnen Krankheitsspecies
suche, ein Postulat, welches von einem Missverständniss der krankhaften
Verhältnisse ausgehend bei den Nachfolgenden viele nuzlose Bestreb-
ungen und viele factische Irrthümer producirt hat.
Sydenham. 143
Dabei stellt er die Berüksichtigung der Naturheilkraft voran : diess
hindert ihn jedoch nicht, zum Theil starke Eingriffe zu machen.
Zwar hält er es für wichtiger, die therapeutische Indication zu stellen,
als Mittel anzugeben. Nichtsdestoweniger strebt er eifrigst nach Auf-
findung von Specificis, lässt jedoch nur die Chinarinde als ein solches
gelten. Si quis objecerit satis magnum remediorum specificorum numerum
jamdius nobis innotescere, hunc ipsum, si examen paulo diligentius insti-
tuerit, in oppositas partes facile transiturum confido, cum unicus cortex
peruvianus a suis militet. Doch hofft er, dass durch die Güte des höchsten
Schöpfers in jedem Lande specifische Heilmittel noch gefunden würden
für jene Krankheiten, die den Menschen am meisten quälen.
In der Art seiner Behandlung verwarf er die geläufige reizende und
schweisstreibende Methode und hat ein kühleres Verhalten und Diät vor-
nemlich bei den acuten Affectionen zum grossen Vortheil der Kranken
eingeführt.
Dagegen macht er von der Venaesection einen höchst umfassenden
Gebrauch und wandte vielfach Abführmittel an. Ausserdem hielt er die
Chinarinde hoch und hat viel zu ihrer allgemeinen Einführung beigetragen.
Auch Eisen und Opium wandte er mit Vorliebe an.
Er zieht unter den Arzneimitteln überhaupt die vegetabilischen vor,
weil ihre Theile mit dem menschlichen Körper mehr übereinstimmen, ob-
wohl er zugibt, dass die Mineralien den Indicationen kräftiger entsprechen.
Seine Ordinationen sind zum Theil noch ungemein complicirt.
Von Leibesübungen empfiehlt er besonders das Reiten und zwar nam-
entlich den Schwindsüchtigen.
Es ist vollkommen anzuerkennen, dass Sydenham ein nüchterner und scMussurtueü.
verhältnissmässig vorurteilsfreier Beobachter war, dass er den besten
Willen und sittlichen Ernst mit zur Arbeit brachte, dass seine Ahnungen
über den Gesichtskreis seiner Zeitgenossen weit hinausgingen, ja zum
Theil noch heute Vielen als etwas völlig Fremdartiges erscheinen mögen.
Aber Sydenham war kein scharfer Denker. Zur Durchführung der
Baconischen Grundsäze auf seinem Gebiete fehlte es ihm an aller Correct-
heit des Geistes und seine wissenschaftlichen Resultate sind daher dürftig,
schief und zum Theil unwahr geblieben. Er hat es auch nicht zu einem
einzigen wohlbewiesenen Saze gebracht und nicht eine allgemeine That-
sache ist von ihm bleibend festgestellt worden. Vielmehr hat sein un-
klares Denken ihn verführt, Bedürfnisse aufzustellen, welche der Wissen-
schaft fremd sind, und Ideen anzuregen, von welchen die Nachkommen
in falsche Bahnen gelenkt wurden. Es gehören hieher die Postulate der
scharfen Nomenclatur und Specification der Krankheitsformen, welche
144 Die Medicin im siebenzehnten Jahrhundert.
dem Personificiren der Processe wesentlich Vorschub thaten, ferner die
Einführung von neuen Ontologien, wie die der Jahresconstitutionen, wo-
durch das Wahre und Wesentliche dieser Verhältnisse von Anfang an in
einen falschen Gesichtspunkt kam , die abermals persönliche Auffassung
der Naturheilkraft und die Vorstellung , dass die Krankheiten nichts
anderes seien , als Heilbestrebungen , wodurch eine halbe Wahrheit in
einen ganzen Irrthum umgewandelt wurde , die Forderung, den Curplan
nach dem Namen der Krankheit, statt nach der Individualität zu formuliren
und für jede Krankheitsspecies eine strenge Curmethode aufzusuchen, die
Illusion des Vorhandenseins specifischer Mittel für alle oder die meisten
Krankheiten und die Stellung und Aufgabe, jene nach allen Kräften zu
suchen und so noch manche andere Ideen von untergeordnetem Einfluss.
Morton. Von nicht geringerer practischer Begabung und Unbefangenheit war ein
anderer Engländer, Richard Morton, ein sehr renommirter Arzt in London
ums Jahr 1670 — 80, in therapeutischer Hinsicht Sydenham's Gegner. Er
beschrieb dieselben Epidemien wie Sydenham, kommt aber dabei zum
Theil auf andere Resultate und befolgt entgegengesezte Curverfahren. Er
war in der Praxis so glüklich wie Sydenham, fand aber keinen Boerhaave
und van Swieten, die ihn hochpriesen. Er verwarf die antiphlogistische
Methode, wie sie Sydenham liebte und empfahl, sobald das Fieber bös-
artig wurde, die reizende Methode. Er lehrte zuerst die verlangten
Wechselfieber kennen und behandeln. Ueber die Phtlnsis schrieb er das
beste Werk, das im 17. und 18. Jahrhundert existirte. Seine Kranken-
geschichten sind ausführlicher und genauer als die Sydenham's.
Situation der So hat sich troz aller Verwilderung in der ersten Hälfte des Jahr-
l 1C in in hunderts der Geist der erwachenden Wissenschaft selbst in der practischen
verscnie- r
denen Lau- Medicin Eingang erzwungen und wenn auch am Schlüsse des Jahrhunderts
noch dike Finsterniss über den Massen lag, so war doch auf einigen
wichtigen Punkten der Tag angebrochen. Italien , Holland und England
waren den übrigen Völkern dabei weit voraus und zumal in Holland war
es, wo von allen Seiten her die Wissbegierigen Kenntnisse suchten.
In diesen Ländern nahmen auch gesellschaftlich die Aerzte einen
ehrenwertheren Rang ein , während sie in Frankreich als abgeschmakte
Pedanten sich dem allgemeinen Gelächter preisgaben, in Deutschland
aber durch Rohheit der Sitten, pöbelhafte Zänkereien sich überboten und
daher auch im Allgemeinen von Niemand geachtet waren.
Herrschende Die verbreitetsten Krankheiten des siebenzehnten Jahrhunderts
Krankheiten. waren zunächst die Pest, welche zu wiederholten Malen schwere Epidemien
Herrschende Krankheiten. 145
in allen Theilen Europa's bedingte, besonders in den Jahren 1624 — 40,
1654—7, 1663 — 8 und 1675 — 84. Nächst ihr waren Variolepidemien
häufig und mörderisch. Auch der Typhus, als Lagerfieber, Petechialfieber,
bösartiges Fieber etc. bezeichnet, machte vornemlich im Verlaufe des
dreissigjährigen Kriegs, sodann zwischen 1670 — 80 grosse Verheerungen.
Daneben und zwischendurch kamen Dysenterien , Masern, epidemische
Pneumonien, bösartige Anginen in beschränkten Seuchen vor. An vielen
Orten endlich herrschten mit mehr oder weniger Ausdehnung, Gefähr-
lichkeit oder Hartnäkigkeit die eigentlichen Malariakrankheiten (Wechsel-
fieber und ihre verschiedenen Formen).
Die Praxis wurde überdem in dem 17. Jahrhundert durch einige Einführung
wichtige aus den neu erforschten Ländern eingeführte Medicamente '°nnen_eu
bereichert und dadurch sehr gehoben. Unter andern weniger wichtigen mitte in.
sind hervorzuheben: der Kirschlorbeer, das Gummiguttae, die Aristo-
lochia, die Radix Columbo, das isländische Moos, die Rad. Ipecacuanae,
vor allen aber die peruvianische Rinde, welche auf die Therapie und ihre
Sicherheit einen ungemeinen Einfluss übte und wesentlich dazu beitrug,
eine grosse Zahl der früher gebrauchten nuzlosen Substanzen zu anti-
quiren. Die Chinarinde ist wahrscheinlich 1639 zuerst durch die Vice-
königin von Peru, Gräfin Chinchon, nach Europa gekommen, wesshalb sie
Anfangs als Pulvis comitissae bezeichnet wurde. Besonders haben die
Jesuiten sie vielfach benüzt, daher auch Pulvis patrum, Pulvis jesuiticus.
In Frankreich wurde sie von einem Engländer Talbor als Geheimniittel
eingeführt und durch Louis XIV. demselben abgekauft. In Italien haben
Borelii, Ramazzini und Sebastian Bado, in England Sydenham und Morton
ihren Werth am vollkommensten erkannt.
Man muss sich die Leiden der Kranken durch Monate lang sich wieder-
holende Wechselfieberanfälle und durch die Entartungen der Milz ver-
gegenwärtigen, Leiden, welche grösstenteils der Kunst gänzlich unzu-
gänglich waren, wenn man den Segen dieser grossen Entdeknng voll-
kommen würdigen will.
Chirurgie und Geburtshilfe haben im 17. Jahrhundert auffallend Chirurgie
geringe Fortschritte gemacht. un hilefe^
In Italien waren Magati in Ferrara (f 1647), Severino in Neapel Italien.
(f 1656), Pietro dt- Marchettis (f 1673) Chirurgen von Ruf, und San-
torio Santoro erfand ein lithontriptisches Instrument.
In Frankreich war Pierre Dionis am Ende des Jahrhunderts als Frankreich.
Chirurg und Geburtshelfer rühmlich bekannt und 1697 trat der Stein-
Wunderlich, Geschichte d. Medicin. JQ
146
Die Medicin im siebenzehnten Jahrhundert.
England.
Holland.
Schneider Frere Jacques (auch Baulot oder Beaulieu genannt) in Paris
auf. Geburtshelfer von bedeutender Berühmtheit und nicht ohne Ver-
dienst waren Francnis Mauriceau (f 1709) und Paul Portal (f 1703).
Ein tüchtiger Augenarzt war Antoine Maitre Jean (gegen das Ende des
Jahrhunderts).
Die französische Chirurgie befand sich aber im Allgemeinen in einer
sehr gedrükten Lage. Es war der stets mit dem Collegium der Chirurgen
im Hader liegenden medicinischen Facultät gelungen , das Uebergewicht
wieder zu erlangen. Das Collegium wurde von 1656 an bis 1699 wieder
der Facultät subordinirt und es wurden die Chirurgen den Badern beige-
rechnet und gleichgestellt.
Unter den Engländern ist vornemlich William Cowper, zugleich
guter Anatom, als Chirurg zu nennen.
In Holland hat Cornelis van Solingen in der Chirurgie sich her-
vorgethan und ein Deutscher, Joh. Jac. Ran aus Baden, Professor in
Leyden, die Methode der Steinoperation von Frere Jacques verbessert.
Der bedeutendste Geburtshelfer Hollands war Hendrik van D eventer,
dessen Hauptwerk erst im Anfang des 18. Jahrhunderts erschien.
In Deutschland und der Schweiz lebten zwar da und dort einige
tüchtige Chirurgen, Fabricius Hildanus, Professor in Bern (f 1634),
Johann Scultetus, Arzt in Ulm (f 1645), Mathias Purmann, Wund-
arzt in Halberstadt und Breslau (um 1674 — 1685), Werner Rolfin k in
Jena, welcher den Siz des Staares in der Linse nachwies. Der gemeine
Haufe der Chirurgen aber war von der äussersten Rohheit und zog markt-
schreierisch in den Städten umher. Im Jahre 1685 verordnete der Kur-
fürst von Preussen, dass die Operatores, Okulisten , Stein- und Bruch-
schneider, Zahnbrecher u. s. w. nicht ohne vorhergegangene Examination
des Collegii medici und nicht über 4 Tage lang auf den Jahrmärkten Zeit
haben sollen.
In der Geburtshilfe sind aus Deutschland in diesem Jahrhundert nur
einige Hebammen nennenswerth: die Margarethe Schieftelbein, Leib-
hebamme der Herzogin von Liegnitz und Brieg, die Justine Siegmund
(Churbrandenburgische Hofwehemutter) und die Braunschweigische Anna
Elisabeth Horenburg.
Auch in Schweden machte sich ein tüchtiger Geburtshelfer, van
Hoorn aus Belgien bekannt.
SECHSTER ABSCHNITT. " '*>*■
Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
Mit dem Beginn des 18. Jahrhunderts tritt eine merkliche Aenderung Bewegungen
der Verhältnisse in der naturwissenschaftlichen Forschung, in der Me- allgemeinen
dicin, wie in der allgemeinen Cultur ein. Die im vorhergehenden Jahr- cultur mit Be-
hundert noch sparsamen und isolirten Anfänge der Aufklärung gewinnen Jahrhunderts.
rasch an Boden und bringen in Kurzem einen Aufschwung in der geistigen
Thätigkeit zuwege, welcher mit einer völligen Wendung in allen Anschau-
ungen um die Mitte des Jahrhunderts den Culminationspunkt erreichte,
von da an aber immer neue Gebiete erfassend und nene Formen annehm-
end in ungeschwächter Lebendigkeit bis in die neueste Zeit sich fortspinnt.
Es ist zur richtigen Anschauung und Beurtheilung der Weiterentwik-
lung der Medicin unerlässlich, die Situation der Cultur am Anfang des
18. Jahrhunderts sich zu vergegenwärtigen , theils um die mächtigen, wie
die stillen Impulse derselben zu erkennen, theils um zu würdigen, wie
weit die Medicin der Bewegung des Zeitgeistes gefolgt, wo sie hinter ihm
zurückgeblieben ist und wo sie ihn überflügelt hat.
In Italien hatte das geistige Leben längst seinen Gipfelpunkt über- Italien.
schritten. Schon mit dem Untergang der Selbständigkeit der einzelnen
Staaten hatte die Blüthe der Cultur rasch ein Ende erreicht. Der Druk
der Kirche und ihrer Inquisition , wie andererseits die Ausdehnung der
formell vollendeten, aber innerlich unwahren Bildung der Jesuiten hatte
die freie Geistesentwiklung unwiderstehlich gebannt und der Nation nur
ein Zerrbild der früheren Grösse in abgeschmakten, süsslichen und affect-
irten Typen hinterlassen.
In England drängten die unruhigen Zeiten während der Regierung der England.
Könige Carl II. und Jacob II. und die politischen Kämpfe um den Wechsel
der Dynastie jedes Allgemeinerwerden einer geistigen Entwiklung zurük,
der ohnediess die mächtige Partei der Puritaner wenig günstig war.
10*
148 D>e Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
König Carl II. selbst , obwohl er freieren Lebensanschauungen zugänglich
war und französische Sitten und Grundsäze von Frankreich mitgebracht
hatte, war zu einflusslos; Jakob II. aber mit seinem finstern Charakter
und seinem katholischen Eifer war geradezu der Wissenschaft feindlich.
Diese wurde daher gewissermaassen nur im Stillen und von Solchen
gepflegt, welche müde von den politischen Aufregungen sich in die Ein-
samkeit zurükzogen. Die Wissenschaft war so zu sagen eine Privat-
unterhaltung vornehmer Leute während freiwilliger oder gezwungener
Ferien und hatte dadurch einen durchaus aristokratisch reservirten
Charakter angenommen.
Es war vornemlich Locke, dessen skeptische Ideen maassgebend
waren und in der Verarbeitung durch vornehme Dilettanten eine mehr
oder weniger frivole Färbung erhielten. Der Graf Shaftesbury und der
Viscount von Bolingbroke waren die hervorragenden Typen der hoch-
adelichen englischen Philosophen , von welchen die Vernichtung aller
Autoritäten der Kirche und Schule mehr mit Wiz und Satyre, als mit
wissenschaftlichen Gründen angestrebt wurde. Und wenn auch einige
Gelehrte vom Fach und später mehre hochbegabte Dichter sich ihnen
anschlössen , >o war doch ihr Einfluss in England ein geringer und hat
niemals die Massen durchdrungen; auch auf die Gestaltung der Katur-
wissenschaften und der Medicin in England sind jene Tendenzen ohne
wesentliche Einwirkung geblieben.
rrankreich. Dagegen hatte zunächst Frankreich, das einigste von allen damaligen
Reichen, das Monopol des Culturvorbildes in Anspruch genommen.
Aber die dortige Civilisation , die von despotischen Händen geleitet
und dictirt wurde, zuerst von Richelieu, später von Louis XIV., konnte
keine gesunde sein. Das Gekenhafte und innerlich Verdorbene der italien-
ischen Bildung fand vielmehr dort einen fruchtbaren Boden. Zwar ist
die damalige Verfeinerung, die von dem französischen Hof aus nach allen
Seiten hin wirkte und eifrige Nachahmer auch ausserhalb Frankreichs
fand, bei allem Verderben, das sie im Gefolge hatte, nicht ohne wohl-
thätigen Einfluss geblieben ; zwar hatten ferner höchst bedeutende Köpfe
die französische Literatur des 17. Jahrhunderts zu einer hervorragenden
Macht erhoben; aber nichtsdestoweniger blieb die Unnatur, das Gezierte
und die Beengung jeder freien Bewegung Charakter jener Epoche, ver-
unstaltete auch ihre genialsten Producte und schränkte die Cultur auf die
exclusiven Kreise der höchsten Gesellschaft und ihre Appertinenzen ein.
Einige philosophische Autoren am Ende des 17. und Anfang des 18.
Jahrhunderts, Pierre Bayle (f 1706) u. Nicol Malbranche (f 1715),
Bewegungen der allgemeinen Cultur. 149
der Erstere mehr Skeptiker, der Leztere mehr Idealist, waren eher Pro-
ducte als Motive der Zeitrichtung.
Die Ausartung stieg noch, als Louis XIV. zu altern anfing, und der
früher bezaubernde Schwung seines Wesens mehr und mehr in der Eitel-
keit und Selbstgefälligkeit unterging und zulezt in Frömmelei und Hypo-
crisie endete.
Es war vielleicht ein Glük für die Cultur, dass es so kam; denn die
hervorragenden Geister, die bis dahin in den hemmenden Banden des
Hofes gestanden und höfische Rüksichten zu nehmen hatten, wurden jezt
diesem Einfluss entzogen. Eine selbständige, fast den oppositionellen
Charakter annehmende geistige Bewegung bildete sich in der Hauptstadt.
Die Unbefangenheit gegenüber den kirchlichen Sazungen war durch die
frühere Periode zu sehr Gewohnheit geworden , als dass die Frömmigkeit
der Maintenon sie hätte wieder vernichten können , und der Widerwille
gegen die religiösen Reactionsbestrebungen der Leztern haben vielleicht
noch das Ihrige dazu beigetragen, die allgemeine Stimmung der Gebildeten
dem Hofe und der Kirche nachhaltig zu entfremden und kräftigere , un-
abhängigere Naturen der Bewegung zu gewinnen.
Auf den Inhalt der Ansichten der französischen Denker hatten
die Ideen des Engländers Locke und seiner adeligen Anhänger den ent-
schiedensten Einfluss. Die Gestaltung aber war eine durch und durch
französische und bekundete die ganze Eleganz, Leichtigkeit und Fasslich-
keit, zu welcher dieses Volk ein so eigentümliches Geschik hat ; anderer-
seits aber auch die Dilettautenhaftigkeit des Denkens, welche den Ursprung
der neuen Philosophie aus der sogenannten guten und feinen Gesellschalt
verrieth.
So entwikelte sich aus den eleganten Kreisen der französischen Haupt-
stadt jene Richtung, welche, getragen und gehoben durch Talente des
ersten Ranges, Rousseau, Voltaire, Montesquieu, in der sogenannten
französischen Aufklärungsperiode den Ton angegeben hat, jedoch erst in
der Mitte des 18. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichte und nach und
nach durch Diderot, d'Alembert, Condorcet, Helvetius, Con-
dillac, la Mettrie und Andere in die einzelnen Wissenschaften einge-
drungen ist. Die Encyclopädie , das umfangreiche und grossartige Werk
dieser Richtung, dessen erster Band 1751 erschien, ist das Resultat des
Zusammenwirkens grösstenteils gleichgesinnter Männer und konnte die
innere Uebereinstimmung nur durch den gemeinschaftlichen Zug des
ganzen Zeitgeistes erlangen. Leztere literarische Manifestation der
französischen Aufklärungsrichtung fällt zwar in eine spätere Zeit und
konnte daher auf die Gestaltung der naturwissenschaftlichen Doctrinen
150
Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
Deutschland.
im Anfang des Jahrhunderts keinen Einfluss mehr haben ; dagegen ist die
Encyclopädie als die beredte Aeusserung einer Geistesrichtung der Epoche
anzuerkennen, die auch mannigfachen Bewegungen auf dem medicinisclieu
Gebiete den Boden geliefert hat.
In Holland, dem es nicht an den tüchtigsten geistigen Kräften in jener
Zeit fehlte, hatten die überwiegenden mercantilen Neigungen mit ihren
Sonderinteressen eine schwunghaftere Erhebung zurükgehalteu. Eine
gewisse Toleranz , oder vielmehr ein gleichgiltiges Gewährenlassen hat
den vereinzelten Arbeiten die Möglichkeit verschafft, aber nicht den
Stachel der Emulation gegeben. Der Einfluss der überragendsten Köpfe
(Spinoza, Geulinx) war gerade auf die holländische Cultur am we-
nigsten bemerklich. Die Holländer hatten den Vortheil einer gesunden
Schulbildung und ruhmvoller wissenschaftlicher Reminiscenzen und die
Forschungen der Einzelnen suchte deren würdig zu bleiben; aber eine
angewöhnte Indolenz verhinderte eine lebhaftere allgemeine Betheiligung.
Deutschland dagegen hatte fast zu gleicher Zeit mit Frankreich seine
Aufklärungsepoche. Aber wenn bei derselben auch die Fäden, welche
sie an die französische Cultur knüpften, nicht zu verkennen sind, so ging
sie doch aus grossentheils andern Elementen hervor.
Alle civilisirten Nationen hatten im Anfang des 18. Jahrhunderts
einen Vortheil vor den Deutschen voraus, aber einen Vortheil von der
unberechenbarsten Wirkung. Jene hatten eine eultivirte Sprache und
eine gebildete Literatur; die Deutschen dagegen besassen nichts als eine
rohe, ungelenke Volkssprache, die zu keiner wissenschaftlichen Verständ-
igung geeignet schien. Sie waren daher angewiesen auf fremde Sprachen,
zumal auf das todte Latein. Mit dem todten und fortbildungsunfähigen
Verständigungsmittel der Gedanken haben auch die Gedanken selbst
etwas Lebensunfähiges , Geschraubtes , Pedantisches erhalten , und der
deutsche Geist kam zu keiner rechten Entwiklung, als bis das hemmende
Latein abgeworfen war.
Die Abschüttelung des Latinismus und zugleich die freiere Bewegung
des Gedankens begann mit Leibnitz und Wolf, welche beide nur theil-
weise der lateinischen Sprache sich bedienten, während zum andern Theile
der Erstere französisch, der Zweite deutsch schrieb.
Leibnitz aus Leipzig (1646 — 1716) war der erste grosse und selb-
ständige Philosoph, welchen Deutschland hervorgebracht hat, und der
erste Deutsche, welcher neben der Gelehrsamkeit weltmännische Ge-
wandtheit und gute Manieren besass. Er verband eine wahrhaft aristo-
telische Vielseitigkeit der Kenntnisse mit der Schärfe des mathematischen
Bewegungen der allgemeinen Cultur. 151
Denkers. Seine Weltanschauung knüpft sich an die Substanz und die
unendliche Vielheit der Einzelnwesen, von ihm Monaden genannt. Dabei
hat er die Geseze der Erkenntniss weiter, als seine Vorgänger verfolgt;
er hat zumal dis Angeborensein gewisser Ideen vertheidigt, unter welchen
dasPrincip des Widerspruchs (principium contradictionis) und dasPrincip
des zureichende] Grundes (principium rationis sufficientis) den ersten
Rang einnehmen. Leibnitz hat den deutschen Geist aus seiner Rohheit
aufgerüttelt und hm den Impuls zum selbständigen Denken gegeben.
Noch eindring'icher, weil populärer hat Christian Wolff (geboren
1679, Professor ii Halle, von den Orthodoxen verfolgt und verjagt, von
Friedrich dem Groisen aber wieder eingesezt und sogar baronisirt, gest.
1754) auf den deuttchen Geist gewirkt. In der Hauptsache mit Leibnitz
übereinstimmend, hit er die Gedanken in ein geordnetes System gefasst
und dadurch nicht mr die Gedanken selbst, sondern auch die systemat-
isch philosophische Methode den Massen empfohlen. Die Dilettantik,
welche vielfach aus cieser Popularisirung der Wissenschaft entsprang,
war gegenüber der vorgegangenen Brutalität des Aberglaubens und der
Gedankenlosigkeit immvr noch ein unermesslicher Gewinn.
Noch wurde aber ron einer andern Seite an dem Aufwachen des
deutschen Geistes gearbe'tet. Die Abgeschmaktheit, Rohheit und Plattheit,
in welche der Protestantismus versunken war, brachte endlich doch eine
Reaction zuwege. Sie gng zuerst aus dem Bedürfniss einer wirklichen
Herzensfrömmigkeit gegenüber der herrschenden absurden Buchstaben-
dogmatik hervor, und es waen die Pietisten Spener in Dresden, Franke
in Halle und Arnold in Thiringen , welche nicht nur Gemüth, sondern
auch Geschmak in die Relirionsübungen einführten. Auch sie waren
Kämpfer für die persönlicheGeistesfreiheit und es ist auf manche me-
dicinische Richtungen der Zei, ihr Einfluss unverkennbar. Freilich ver-
fielen sie selbst bald in Unkla-heit und Intoleranz und haben daher nur
einen rasch vorübergehenden A.theil an der Aufklärung gehabt.
Aus ihrer Gemeinschaft gin^ auch Christian Thomasius hervor
(geboren 1655), zwar ein juristscher Professor, aber in dem Kampfe
der Intelligenz gegen die alten Vjrurtheile einen hervorragenden Rang
einnehmend. Gegen die deutsche Tollheit, gegen den Pedantismus und
die Barbarei der Schule war er unrmüdlich, und obwohl er Franzosen
und Engländer als Muster seiner Naion vorhielt, schrieb er doch deutsch
und wagte es sogar, eine deutsche Voiesung anzukündigen, was in Leipzig
damals (1688) geradezu als ein wissnschaftliches Majestätsverbrechen
angesehen wurde. Auch hatte es una genehme Folgen für ihn, welche
mit ein Grund waren , dass er Leipzig erliess und nach der Gründung
152 Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
der Universität zu Halle seinen Aufenthalt nahm. Er war Anfangs den
Pietisten zugethan, sagte sich aber später von ihnen los md ging zu der
freieren Anschauungsweise Locke's über. Er war es überdiess , dessen
mächtige Polemik die Hexenprocesse gebrochen hat.
So war die Lage der allgemeinen Cultur. Das Bevegungscentrum
derselben lag entschieden in Paris und zwar in den von d«m Hofe und der
Kirche abgewendeten Kreisen. Aber auch in Deutschlaid begannen sich
Herde zu bilden, welche für die streng Conservativen in hohem Grade
bedenklich erscheinen mussten. Ein solcher Herd wf)f vor allem Halle
mit seiner 1694 neu gegründeten Universität, an weldier Wolff, Franke,
Thomasius wirkten, aber auch zwei Aerzte als Lehrer thätig waren, von
welchen ein kräftiger Impuls für die Umgestaltung der Naturwissen-
schaft und Medicin ausging : Friedr. Hoffmann und Georg Ernst Stahl.
Naturwissen- Unter den Naturwissenschaften ist zunächst «ne die Chemie be-
schaffen, treffende einflussreiche Umwandlung zu erwähnen/ welche im 17. Jahr-
Chemie. m °
hundert sich vorbereitend in der ersten Zeit des M. zu Stande kam.
stahrs pMogist- Einen höchst bedeutenden Schritt hat nämliih am Wendepunkt des
ische Theorie. ] f# Jahrhunderts Georg Ernst Stahl gethan (Zyiotechnia fundamentalis
1697), woran sich sofort eine Reihe weiterer V/röffentlichungen bis zum
Jahre 1 732 anschloss. Er folgte zunächst de/ Becher'schen Ansichten
„Becheriana sunt quae profero". Allein er vervollkommnete und bildete
sie so aus, dass die Lehre bei ihm einen völ/g selbständigen Character
annimmt.
Der Hauptpunkt seiner Lehre bezieht sich/auf die Verbrennung. Jeder
brennbare Körper ist eine Zusammensezun/ des Grundstoffs mit einer
hypothetischen Substanz: dem Phlogiston/ Die Verbrennung, bei den
Metallen die Verkalkung ist eine Abscheidrng des Phlogistons : Schwefel
ist also Schwefelsäure und Phlogiston; di/ Metalle sind Metalloxyde mit
Phlogiston. Das Phlogiston und sein Ge/alt bedingt die Farbe und viele
chemische Eigenschaften des Körpers, piese falsche Hypothese hat die
ganze nachfolgende Chemie bis Lavoisi/' beherrscht und hat den Namen
der phlogistischen Theorie erhalten.
Troz dieser falschen Anschauung Aat die Chemie der phlogistischen
Theorie, welche allgemein adoptirt nirde, zahlreiche Entdekungen von
grosser Tragweite zu verdanken. SÄhl selbst hat über die Affinität der
Stoffe schon viele Thatsachen beiffbracht. Er zeigte ferner, dass mit
Metallen nur wiederum Metalle i/d keine Metallsalze oder Oxyde sich
verbinden. Er stellte aus schwef/saurem Salze durch Glühen mit Kohle
(in der Absicht, dem SalzPhlogi/ton zuzuführen) Schwefel dar und vieles
Naturwissenschaften.
153
andere. Indem er zugleich die Unmöglichkeit zeigte, die damalige Chemie
für die Medicin zu verwerthen, hat er die Selbständigkeit der ersteren für
alle Zeiten festgestellt.
Fr. Hoffmann und Boerhaave, zwei andere grosse Aerzte, haben
gleichfalls die Chemie wesentlich gefördert, obwohl sie noch auf vielen
Punkten mit Stahl im Widerspruch waren. Von da an aber nahm die
Chemie ihren eigenen Gang und fing erst, nachdem sie wesentlich erstarkt
war, an, auf die Medicin wieder rükzuwirken.
Einen unbedingteren Fortschritt, als die Chemie hat gleichfalls Phyȟ.
am Wendepunkt des Jahrhunderts die Physik gemacht, indem neben
mehreren andern vornemlich Newton (1642 — 1727) derselben eine
streng mathematische Grundlage verlieh und auf diesem Wege die Geseze
der Bewegung feststellte , auch durch die hypothetische Annahme einer
den Raum ausfüllenden feinsten Materie (des Aethers) den Anstoss zu
zahlreichen neuen Vorstellungen gab.
Newton's Lehre war auf die englische Medicin von beträchtlichem
Einflüsse, der ohne Zweifel wesentlich dazu beitrug, die mechanische Auf-
fassung in England einzubürgern und länger als anderwärts zu erhalten.
Auf dem Contiuente dagegen wurde Newton nur von Einzelnen be-
achtet, häufig aber missverstanden und angefeindet. Erst van Muschen-
broek aus Utrecht (1700—1761), der Encyclopädist d'Alembert(l7l7—
1783) und der Deutsche Euler (1707 — 1787) haben der wissenschaft-
lichen Physik allgemeinen Eingang verschafft.
Die descriptive Anatomie hatte es im 17. Jahrhundert bereits bis zu Anatomie und
einem gewissen Grade von Vollkommenheit gebracht und es trat daher
auf diesem Gebiete für längere Zeit ein Stillstand ein. Nur Valsalva
in Bologna (1666 — 1723), Santorini in Venedig (1681 — 1737),
Win slow in Frankreich (1669 — 1760), sodann Albin in Holland
(1697- — 1770), dessen Abbildungen des Skeletts und dessen anatomische
Beschreibung derselben von vollendeter Vollkommenheit waren, Peter
Camper in Leyden (1722 — 1789), endlich Lieberkühn in Berlin
(1711 — 1765), ein Meister im Tnjiciren und Präpariren, waren es, welche
die descriptive Anatomie im 18. Jahrhundert noch gefördert haben.
Auch in den microscopischen Forschungen wurde um diese Zeit wenig
geleistet und selbst die Arbeiten des 1 7. Jahrhunderts fanden nicht mehr
die volle Würdigung.
Dessgleichen war im Anfang des 18. Jahrhunderts die physiologische
Forschung in den Hintergrund getreten und erst in der Mitte des Jahr-
hunderts mit Haller nahm sie einen neuen Aufschwung.
154
Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
Um so mehr wendete sich das Interesse den pathologischen Veränder-
ungen der Theile zu und die pathologische Anatomie wurde, wie noch
später zu besprechen ist, mit grossem Eifer betrieben und mit wichtigen
Erfahrungen bereichert.
Das Sc hiksal
der frühe reu
Syst eme.
Iatrochemie.
Iatromechanik.
Was nun die medicinische Wissenschaft selbst betrifft, so liatte
von den herrschenden Lehren des 17. Jahrhunderts die Sylvius'sche Iatro-
chemie am Anfang des 18. sich bereits überlebt und wucherte nur noch
in den Schichten des Volks und in der ordinären Praxis fort. Freilich
einzelne Anklänge an die Anschauungen des Sylvius, wie z. B. die Lehre
von den Schärfen, blieben auch in den Systemen der nachfolgenden Zeit
noch mehr oder weniger erhalten.
Die italienische Iatromechanik fand im 18. Jahrhundert in Deutsch-
land zwar nirgends unbedingte Aufnahme, behielt aber in dem System Hoff-
mann's und bei Boerhave's Nachfolgern wenigstens theilweise Verwendung.
Auch in Frankreich fand die iatromechanische Schule wenig Anklang, ob-
gleich der Professor Chirac eine eigene Lehranstalt für iatromechanische
Medicin zu Montpellier zu gründen suchte und dotirte. Claude Perrault
Architect und Anatom, und Denis Dodart waren die Einzigen, welche in
iatromechanischer Weise arbeiteten und namentlich den Mechanismus der
Stimme theilweise kennen lehrten.
Um so eifrigere Anhänger fand die Iatromechanik in England. Ausser
Cole, Sydenham's Freund, welcher die Lehre zum Theil nach Newton's
Entdekungen modificirte (1694) sind vornemlich zu nennen:
James Keil 1(1 673 — 1719), der die höhere Analysis für das medicin-
ische System benüzte, zur Erklärung der Absonderung aber eine Anzieh-
ung der Drüsenkanäle zu den Secretionsstoffen annimmt, eine Idee, welche
ihre äussere Anregung in Newton's Attractionsgesez hatte.
Alexander Thomson fing an, an der Möglichkeit einer bloss mechan-
ischen Erklärung der Bedingungen des Blutlaufs zu verzweifeln und ob-
wohl eifriger Iatromechaniker, Hess er sich zur Annahme einer Anziehung
des Blutes durch Capillarreizungen, also zu einer vom Herzen unabhäng-
gigen Bewegung verleiten, eine Vorstellung, die mehr und mehr in den
verschiedenen theoretischen Anschauungen Eingang gewann.
Archibald Pitcairn, ein Schotte, eine Zeit lang Professor in Leyden
(1652 — 1713) und Boerhave's Lehrer, lehrte zuerst das richtige Verhält-
niss der Gefässe zum Herzen kennen und zeigte, dass die Summe der
Durchmesser der kleinen Gefässe die der grössern weit überrage, dass das
Gefässsystem einem Conus gleiche, dessen Spize im Herzen sei und
dass mithin das Blut, je entfernter vom Herzen , um so langsamer fliessen
Selbständige Theorien. 155
müsse. Er leugnete zugleich das Vorhandensein eines Ferments in den ab-
sondernden Drüsen.
Georges Cheyne, ein Schotte (1671 — 1743), Schüler des Vorigen,
vereinigte jatromathematische Ansichten mit chemiatrischen. Die Krank-
heiten entstehen nach ihm aus geschwächtem oder abnormen Tonus der
Fasern und der Grund davon liegt entweder in dem verminderten
Attractionsverniögen und der Zähigkeit der Säfte, oder in der Schärte
eines heterogenen Salzes, welches die Kraft der Fasern zu abnormen
Attractionen reizt. Die entfernte Ursache der meisten Krankheiten ist
nach ihm Unmässigkeit und das Mittel dagegen eine vegetabilische Diät.
Cheyne selbst, der bis in das 30. Jahr ein üppiges und lokeres Leben
geführt hatte, curirte sich durch eine solche Diät von einem enormen
Fettreichthum.
Nicolaus Robinson (1725) Hess sich durch Newton'sche Ansichten zur
Annahme einer Attractionskraft und Repulsionskraft der festen Theile, des
Blutes und der übrigen Säfte verleiten, iäugnete übrigens die allgemein
gewordene Lehre vom Nervensaft, sieht vielmehr die Nerven als feste
Stränge an, deren Eindrüke durch Oscillation ins Centrum sich verbreiten,
und sezt Newtons Aether an die Stelle der Lebensgeister.
John Tabor (1724) näherte sich bereits der Stahl'schen Schule, ohne
dabei die Jatromechanik ganz aufzugeben. Er nahm die Seele als be-
wegende Kraft in den mechanischen Organismus auf.
Richard Mead (1673 — 1754) ist der lezte bedeutende Jatromechan-
iker Englands, und folgte vorzugsweise Newton'schen Grundsäzen.
Selbständige Theorien.
Das rege Leben, das mit dem Anfang des 18. Jahrhunderts sich Dietheoret-
überall entwikelte, konnte jedoch nicht seine Befriedigung in der blosen lsche Richt~
J feto ung des 18ten
Verpflanzung und weitern Ausführung überkommener Lehren finden. Auch Jahrhunderts.
die einfache ruhige Fortarbeit genügte zunächst nur Wenigen, vielmehr
zeigte das erste Symptom des erwachten wissenschaftlichen Eifers sich in
dem Bestreben , mit originellen Lehrsystemen hervorzutreten. Das
18. Jahrhundert, besonders in seinen ersten zwei Dritteln, ist das Zeit-
alter der Systeme gewesen. Von allen Seiten drängen sich diese an
die Oeft'entlichkeit. Manche hatten nur ein ephemeres Dasein und ge-
wannen weder Beachtung noch historische Bedeutung; anderen, die viel-
leicht nicht einmal durch die Präcision der Ideen hervorragten, aber
durch die Stellung und die Gewandtheit ihrer Urheber oder durch
Zufälligkeiten begünstigt waren, gelang es, einen Kreis von Anhängern
zu sammeln, welche in dem neuen System das lezte Wort der Wissen-
156 Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
schaft erblikten, oder auch welche, selbst sie modificirend, wenigstens
Fragmente davon nach allen Seiten trugen. Nicht selten geschah es,
dass Ideen, die in dem Munde des Urhebers wenig beachtet wurden, erst
unter andern Händen und oft in ganz anderer Gestalt einen mehr oder
weniger umfassenden Einfluss gewannen.
Obwohl die Systeme es nicht sind , auf welchen der Schwerpunkt des
Fortschrittes liegt, so sind sie doch in dem Gang der Wissenschaft von
grösstem Einfluss gewesen und sind mindestens desshalb genau zu ver-
folgen , weil sie vorzugsweise von sich reden machten. Allenthalben und
heute noch, begreiflich aber in einer unklaren Zeit noch in höherem
Grade, sieht man die schwerfällig denkende Masse um die Systematiker
und Doctrinäre sich sammeln, von denen man im Stillen hofft, dass sie
das unbequeme Geschäft des Denkens übernehmen oder doch erleichtern,
und jederzeit, auch heute noch ist die Meinung gewöhnlich, dass zur
Ueberwindung eines Irrthums und eines ausgelebten Princips nicht Ein-
sicht und Kritik allein ausreiche, sondern die Aufstellung eines neuen
Princips von noch so prekärer Wahrheit nothwendig sei.
In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts stand die Theorie ent-
schieden überall im Vordergrund, und die wenigen vorurtheilsfreien un-
systematischen Beobachter in der Medicin wurden kaum beachtet und
scheinen selbst zu schüchtern gewesen zu sein, ihre Stimme laut werden
zu lassen. Statt zu untersuchen, was in Wirklichkeit existirt und
geschieht, beschäftigten sich die Meisten mit der Sammlung von An-
sichten ; statt mit den Thatsachen genau sich vertraut zu machen , fragte
man, was dieser und jener Autor angenommen habe. Zumal in Deutsch-
land wurde auf die möglichst erschöpfende Kenntniss aller Conjecturen
der grösste Werth gelegt und eine Citatengelehrsamkeit von der pein-
lichsten Pedanterie dadurch eingeführt.
Die Theorien stiessen und verdrängten sich, schoben sich in einander
und führten zu lebhaften Discussionen , und fast könnte man über dieser
Ueberschwemmung mit Doctrinen den reellen Fortschritt der Periode
übersehen,
Indessen war schon ein Gewinn , dass Leben und Interesse in die
Wissenschaft gekommen war, und da man beim Zusammenstellen der
Hypothesen doch auch ihre Berechtigung verglich , so war damit Veran-
lassung gegeben, die wirklichen Thatsachen aufzusuchen und jene damit
zu prüfen. Die Aufstellung der Theorien hat den wissenschaftlichen
Scharfsinn geübt, die Bekämpfung und Verdrängung derselben hat noch
überdem die Thatsachen ans Licht gebracht.
Fr. Hoffmann. 157
Zunächst war Halle die Ursprungsstätte der zwei ersten selbständigen
theoretisch-medicinischen Systeme des Jahrhunderts.
Friedrich Hoffmann, geb. 1660 zu Halle, studirte Mathematik, dann Fr. Hoffmann.
unter Wedel, dem Iatromechaniker, Medicin. Im 21. Jahre begann er in
Jena Vorlesungen zu halten, die so beliebt waren, dass sie ihm die Eifer-
sucht der dortigen Professoren zuzogen. Er verlebte darauf einige Jahre
als Practiker in Minden und Halberstadt, bis er nach Gründung der
Hallenser Universität vom Kurfürst von Brandenburg als erster Lehrer
der Medicin 1694 dahin berufen wurde, und nicht nur Vorlesungen von
grosser Beliebtheit hielt, an denen Grafen und Herren, sowie die
Professoren anderer Facultäten und die Aerzte der Stadt Theil nahmen,
sondern auch durch freundliches und würdevolles Benehmen des höchsten
Ansehens genoss und von weit und breit um ärztlichen Rath angegangen
wurde. Drei Jahre lang war er Leibarzt des König Friedrich I. , musste
aber wegen Verläumdungen sich zurükziehen , wurde jedoch später von
Friedrich Wilhelm I. entschädigt. Er starb 1742.
Seine Vorträge wie seine zahlreichen Schriften zeichneten sich
durch Klarheit und fast populäre Verständlichkeit, durch eine system-
atische Consequenz und durch eine nüchterne und schlichte Form aus.
Seine Methode war die iatromathematische, d. h. er pflegte Lehrsäze
vorauszuschiken und zog aus ihnen Consequenzen. Indessen waren die
Lehrsäze, von denen er ausging, nicht immer bewiesen oder unanfechtbare
Wahrheiten. Dagegen wirkte seine klare Verständlichkeit auf viele der
damaligen verworrenen Begriffe wohlthätig ordnend ein.
Die phaenomenologische Anschauungsweise der Iatromechaniker er-
scheint bei ihm nicht mehr in der Schärfe wie bei Galiläi's Schülern;
doch ist sie noch die vorherrschende, wenn auch nicht mit Bewusstsein
durchgeführte.
Hoffmann sezte die rationelle Erfahrung zum Prinzip der Medicin : Allgemeine
Experlentia und Ratio. Die Erfahrung allein könne keine Basis der »■*■*■■*«••»
und Physiologie.
Medicin abgeben, sie liefere nur den Stoff und dieser sei mit Vernunft-
gründen und mit Anwendung der Mathematik zu verarbeiten. Alle Be-
weise in der Medicin müssen entweder anatomisch oder physikalisch sein.
Nnr so werde die Medicin zur Wissenschaft.
Die ganze Katar beruht nach Hoffmann auf den mechanischen
Principien Materie und Bewegung. Aber schon bei der Materie nimmt
er neben den sinnlich erkennbaren Stoffen: Luft, Erde und Wasser noch
einen hypothetischen, den Aether, an. Er ist der feinste, flüssigste und
beweglichste von allen Stoffen, in der ganzen Natur verbreitet, also auch
158 Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung,
im menschlichen Körper: er ist der beweglichste Theil in dem Blut
und der Lymphe. Die Bewegung der Materie hat niemals eine innere
Ursache, sie folgt stets nur einem äussern Impulse.
Der menschliche Körper ist eine Maschine und seine Structur ist
vorzugsweise hydraulisch, da fast das ganze Gefüge aus Gefässen
besteht.
Der Grund des Lebens liegt nach Fr. Hoffinann in der Herzbewegung :
Vita nihil aliud est quam motus sanguinis et humorum in circulum abiens
a Systole ac diastole cordis et arteriarum omnisque generis canalium ac
fibrarum, sanguinis et fluidi nervei influxu sustentata proficiscens , qui
secretionibus et excretionibus corpus ab omni vindicat corruptione et
omnes ejus functiones gubernat. Der Kreislauf ist die Ursache der
Wärme, der Ernährung, des Wachsthums. Alle Actionen, auch die
Mischung der Säfte hängt vom Kreislauf ab. Die Aussendinge wirken
weniger auf die Säfte, als vielmehr auf die Festtheile und ihren Nerven-
äther. Doch bleibt er bei dieser Ansicht nicht consequent, sondern
macht der Humoralpathologie viele Concessionen.
Der wichtigste Stoff ist auch im menschlichen Körper der Aether.
Ausser mit dem Blute gelangt er auf eigenen Bahnen, den Nerven, in alle
Theile des Körpers. Er wird aus seiner Bereitungsstätte im Gehirn
mittelst der Diastole und Systole der Hirnhäute und Rükenmarkshäute
in die Körpertheile getrieben. Das Centrum dieses Nervenfluidums wird
auch die Anima genannt. Sie regiert die Bewegungen des Aethers
gleichfalls nach mechanischen Gesezen; aber nach Gesezen einer höhern
Mechanik, die noch aufzufinden sind. Im Uebrigen verwirft er alle jene
Ausdrüke Natur, Spiritus, Dämon, Archäus, Principium vitale, weil mit
diesen dunkeln Namen nichts erklärlicher werde.
Pathologie. Die Krankheit im Allgemeinen besteht nach Hoffmann in einer ent-
weder entarteten oder verminderten Ausübung der Actionen. Alle Krank-
heiten lassen sich zurükführen auf Krampf und Atonie, ersterer ist ent-
weder allgemein oder örtlich. Zu dem allgemeinen Krampf gehört
namentlich das Fieber; es besteht in einer krampfhaften Bewegung des
Herzens mit zu grosser Resistenz in den Capilargefässen. Jene tuinult-
uarischen Bewegungen des Herzens hängen in lezter Instanz von den
Nerven, namentlich vom Rükenmarke ab. Assero, formalem febris
rationem, sive ut ita loquar, fundamentalem causam consistere in spas-
modica universi generis nervosi et fibrosi affectione, quae maxime ex
spinali medulla procedit et successive ab exterioribus ad interiores partes
vergit (de veru motuum febrilium indole ac sede §. 4.). Zum erstenmal
kommt hiedurch bei Fr. Hoffmann die Frage zum Vorwurf, in welchem
Fr. Hoffmanü. 159
Organe das Motiv für die Fiebererscheinungen liege, die Frage über den
wesentlichen Siz des Fiebers.
Doch erkennt er dabei ausdrüklich den Charakter des Fiebers als
Allgemeinkrankheit an: Sie ullus morbus recte meretur appellari univer-
salis certe est ipsa febris (§. ].).
Weiter untersucht er aber auch, von welchen Theilen das Fieber vor-
zugsweise angeregt werde (Localisation des Fiebers in dem später patho-
logisch-anatomischen Sinne). Er beantwortet diess dahin, dass zwar
verschiedene Organe Fieber hervorrufen können, besonders aber der
Magen und Darmkanal, Quum vero nulla in universo corpore pars
praeter ventriculum et intestinorum canalem tauta gaudeat sympathia et
consensione cum cerebro, spinali medulla eorumque membranis, immo
cum toto nervosarum partium genere non sane mirandum est, a graviter
laesa et afflicta ventriculi et intestinorum substantia totam oeconomiam
motuum et functionum naturalium subverti (§. 17.).
Bei der Entzündung hemmt ein Krampf die Circulation in dem be-
fallenen Theile und treibt das Blut in andere Gefässe. Als eine der
häufigsten Entzündungen bezeichnet er diejenige des Magens, die nur oft,
weil sie maskirt sei, verkannt werde.
Dabei legt Hoffmann auf die anatomische Untersuchung der Leiche
grosses Gewicht und erkennt sie für unentbehrlich, indem man dadurch
erfahre, wie oft im Leben bei dem Patienten ganz andere Krankheiten
verstekt seien, als man nach den Symptomen vermuthen möchte.
Mit den Krankheitsursachen beschäftigte sich II offmann viel und die
abnorme Mischung der Atmosphäre war für ihn eine der wichtigsten
Quellen der Krankheiten, daher er auf meteorologische Beobachtung
grossen Werth legte.
Andererseits glaubte er in der Plethora eine der gewöhnlichsten
inneren Ursachen der Erkrankung zu finden.
Hoffmann's therapeutische Indurationen sind Hebung des Krampfes
und Beseitigung der Atonie.
Bei der Therapie acuter Krankheiten verfuhr Hoffmann kühlend und
exspectiv; in chronischen Fällen bediente er sich besonders gern des
Weins und anderer reizender Mittel, wie Aether, Campher, China, Eisen.
Er beschränkt übrigens den Kreis seiner Mittel sehr und behauptete, dass
man für alle Krankheiten mit 10 — 12 Medicamenten ausreiche. Der
Liquor anodynus, das Balsamum vitae und das Elixir viscerale sind von
ihm. Natürliche Mineralwasser hielt er hoch und brachte sie in Deutsch-
land wieder in Aufnahme. Auf Diät le<jte er ein grosses Gewicht.
160 fr'e Medicia im Zeitalter der Aufklärung.
Hoffmaan's Friedrich Hoffmann hatte zahlreiche Schüler, jedoch waren nur
schüier. Wenige von Belang unter ihnen. Die Masse der Aerzte theilte sich
zwischen ihm und Boerhaave und Viele vermischten diese Beiden ohne-
diess schon eclectischen Systeme und nahmen auch noch fremde Elemente
darin auf. Am consequentesten blieb die Hallenser Facultät und zwar
bis ans Ende des 18. Jahrhunderts der Hoffmann'schen Lehre getreu
(Schulze, Nicolai, Büchner, Nietzky, Eberhardt).
Reg&. Der talentvollste Anhänger der Schule aber war Rega, Professor in
Löwen, gest. 1754. Er bildete die Lehre von den Sympathien aus,
unterschied zwischen physiologischen und pathologischen Sympathien und
machte verdienstliche Untersuchungen über die Sympathien des Magens,
von denen er die Hirnaffectionen ableitete. Er ist entschiedener Solidar-
pathologe und durchaus gegen die Annahme einer Säure im Blute. Auch
die Fieber sind nach ihm nur Krankheiten der festen Theile und nur
secundär könne das Blut dabei fehlerhaft werden. Als die gewöhnliche
Ursache der sogenannten essentiellen Fieber nimmt er die Entzündung
der Magenschleimhaut an. Diese sei der Siz der anhaltenden und fast
aller intermittirenden Fieber.
Hoftmawi's Ein- Ausserdem war Hoffmann's Einfluss gross genug, um partiell auf die
Aus» auf seine Anschauungen vieler Anderer einzuwirken und auch selbständige Theoret-
Zeit. ° °
iker haben manches von ihm aufgenommen.
Noch mehr aber hat seine Methode Eingang gefunden : eine bis zu
einem gewissen Grad nüchterne und schlichte Auffassung, in der aber
doch überall theoretische Voraussezungen sich geltend machen , eine
zwar principielle, aber mit der Oberfläche sich begnügende Untersuchung
des thatsächlichen Verhalts, dabei aber mit dem steten Trieb zum Erklären
der Facta, eine grosse Bereitschaft zum Theil trivialer und durch Hypo-
thesen ad hoc herbeigeschaffter Deutungen des Einzelnen und eine still-
schweigende Formulirung der Thatsachen im Interesse dieser Erklärungen,
endlich die Zurükführung der Therapie auf die theoretische Anschauung
von den Krankheiten, mit einem Worte: die rationalistische Richtung
nahm in Deutschland mit Fr. Hoffmann ihren Anfang.
stahi. Georg Ernst Stahl (geb. 1660) studirte in Jena unter Wedel,
docirte ebendaselbst von 1685 an, bis er 1687 Leibmedicus in Weimar
wurde. In dieser Zeit hing er iatromechanischen Ansichten an. Auf den
Antrag Friedrich Hoffmann's wurde er als zweiter Professor der Medicin
1694 nach Halle berufen. Eine Zeit lang waren diese beiden die einzigen
Lehrer der Medicin an der Hochschule. Hoffmann las Anatomie, Physik,
Chemie, Chirurgie und praktische Medicin; Stahl Botanik, Physiologie,
Charakter.
Stahl. 161
Pathologie, Diätetik, Arzneimittellehre und raedicinische Institutionen.
22 Jahre lang waren sie Collegen, anfangs in freundschaftlichen Bezieh-
ungen, später in gespannten Verhältnissen. Stahl erfreute sich jedoch
nicht des gleichen Beifalls wie Hoffmann, er folgte daher 1716 einem
Rufe als Leibarzt nach Berlin und starb daselbst 1734.
Stahl gehörte der pietistischen Richtung an; er war von Natur in Allgemeiner
sich gekehrt und in gewissen Voraussezungen befangen, ein homo acris
et metaphysicus, wie ihn Haller nennt, stolz auf seine eigenen Ueberzeug-
ungen, die er mühsam sich errungen hatte und die er, nachdem sie in
seinem Innern gesiegt, der Offenbarung gleichhielt: ich weiss von Gottes
Gnaden , sagte er , was ich schreibe. Darum verbitterte es ihn , wenn er
auf Widersprüche stiess. Die Erfolge seiner Gegner machten ihn finster
und versezten ihn in eine melancholische Laune. Er zeigte die Intoleranz
der Sectirer, er verachtete und hasste Andere um ihrer Ansichten willen.
Er hielt die Welt für verloren, die nicht an seine Inspirationen glauben
wollte, und vielfach beklagt er sich in seinen Schriften über die Unge-
rechtigkeit Anderer gegen ihn. •
Er hatte nicht die eindringliche Eloquenz seines Collegen Hoffmann.
Er war ein tiefer in sich gekehrter Geist. Während Boerhave und Hoff-
niann ihre ziemlich flachen Raisonnements und Einfälle ohne Mühe hin-
warfen, ringt Stahl allenthalben mit dem Ausdruk. Seine Gedanken sind
nicht augenblikliche Eingebungen, es ist sein ganzes tiefes Gemüth, seine
innerste Ueberzeugung, sein ganzes geistiges Leben und Wesen, was er
der Welt bietet; darum wird es ihm schwer es in Worte aufzuschliessen.
Seine Ausdruks weise ist schwerfällig, weitschweifig, in endlosen Säzen
sich ergehend und macht auf manchen Punkten das Verständniss geradezu
unmöglich. Aber nicht nur die Form, sondern auch der Inhalt ist oft
dunkel, verworren und für Jeden unverständlich, dessen Ideen nicht zuvor
schon mit ihm harmoniren. Er hatte das Schiksal vieler tiefsinnigen und
zugleich grossartigen Individualitäten. Von der Mehrzahl nicht ver-
standen, ward er von der Menge für ungeniessbar und abgeschmakt
erklärt, von Andern mit Sinn fürs Ueberschwängliche enthusiastisch als
Prophet verehrt und Gegegenstand ihres blinden Glaubens. Von den
Eklektikern ist Einzelnes aus seiner Lehre aufgenommen worden, mochte
es erwiesen sein oder nicht. Der wahrhaft werthvolle Inhalt seiner
Meditationen aber, obwohl von seinen Zeitgenossen nicht gewürdigt oder
nicht verstanden, hat sich dessenungeachtet unmerklich der wissenschaft-
lichen Anschauungen bemächtigt.
Stahl Mar vielleicht der selbständigste und tiefste Kopf unter den
ärztlichen Theoretikern des Jahrhunderts. Niemand hat so zahlreiche
Wunderlich, Geschichte der Medicin. XI
162
Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
Werthschäzung
der Facta.
Organismus und
Seele.
wekende Ideen gehabt, wie er; Niemand mit solcher Consequenz von den
obersten Principien bis zum Einzelnen ein System durchgeführt.
Seine Lehre ist in seiner Schrift Theoria medica vera und in zahl-
reichen Dissertationen niedergelegt.
Er erzählt, wie oft er gefunden, dass Aerzte, die für gute Theoretiker
galten , schlechte Praktiker waren ; aber er leitet daraus nicht einen
Unwerth der Theoretik überhaupt, sondern nur die Schiefheit und Grund-
losigkeit der geläufigen Theorien ab.
Er verlangt, dass überall die theoretischen Ansichten auf Thatsachen
sich stüzen sollen, und sagt, es sei besser, statt überflüssiger Citate das
Thatsächliche selbst anzuführen und für sich sprechen zu lassen, da es
ausser demselben keine Autorität gebe. Aber er will nicht, dass die
ungewöhnlichen Facta die Grundlage der Doctrinen werden sollen,
sondern verlangt, dass diese sich auf das alltäglich Vorkommende stüzen.
„Fürwahr," sagte er, „es ist eine seltsame Weise, nicht aus dem Be-
kannten , Beständigen und Wahren , sondern aus dem Vereinzelten und
Seltenen, welches noch obenein falsch aufgefasst sein kann, den Genius
der Krankheiten abzuleiten, und daraus ein System zu formen."
Er bekämpft mit der grössten Schärfe die in leeren Schematismus und
in eine imaginäre Mechanik ausgeartete iatromathematische Richtung.
Nicht weniger ist ihm die eben so hohl fundirte Iatrochemie zuwider.
Obwohl selbst ein ausgezeichneter Chemiker und der Begründer der
chemischen Ansichten des Jahrhunderts, wies er die Chemie von aller
Mitwirkung aus der Pathologie weg. Adhuc alienior est ab ulla spe boni
atque solidi usus ad medicam theoriam chymia. Ebenso sind ihm aber
auch Anatomie und Physiologie nur ein unnüzer Ballast.
Stahl ist der Erste, der das allgemeinste Wesen des Organismus sich
zu erschliessen suchte, indem er ihn einen Körper nennt, dessen Theile
alle zu einem gemeinschaftlichen Zweke construirt seien. Es kommt ihm
vor Allem darauf an , zu wissen , inwiefern der Körper als ein lebendiger
bezeichnet werden müsse, und was das Leben in ihm sei. Er erkennt
mehr als irgend Jemand vor und neben ihm die wunderbare Harmonie des
Organismus und sucht seinen Unterschied von dem Mechanismus festzu-
stellen. Aber er übersieht die reelle Bedeutung der Materie; er ist blind
für alle Thatsachen, die auf sie weisen.
Die Einheit des Organismus sucht er in der Seele; für diese dient der
Körper nur als Organ, um ihre Wirksamkeit unter den irdischen Verhält-
nissen zu ermöglichen. Der Grund aller Thätigkeit des Organismus liegt
daher nicht im Körper, sondern in der Seele, deren Werkzeug er nur ist.
Sie hat sich den Körper aufgebaut, sie herrscht über ihn, sie thut und
Stahl. 163
besorgt Alles, alle unwillkürlichen Bewegungen, alle Processe im Körper;
sie führt sie zwar nicht mit Ueberlegung und Bewusstsein, aber doch mit
Vernunft (nicht ratiocinio, aber ratione) aus; sie schüzt ihn gegen die .
Zerstörung, in die er alsbald verfällt, sobald die Seele im Tode ihn ver-
lassen hat.
Die Seele ist zwar nach ihm als Einheit anzusehen und Stahl bekämpft
die Versuche der Frühern, mehrere verschiedene seelenartige Kräfte anzu-
nehmen, oder neben ihr Geister und dergleichen, welche ihre Befehle aus-
führen, zu erdichten. Aber die Seele stellt sich in dreifacher Beziehung
dar, soweit sich ihre Handlungen auf materielle Gegenstände beurtheilen
lassen. Sie ist erstens im allgemeinsten Sinn ein thätiges Wesen in eben
dem Maasse, als die Materie passiv ist; sie ist zweitens der allgemeineil
Bedeutung nach ein bewegendes Wesen, da alle ihre Handlungen, sowohl
an und für sich, als in Beziehung auf den Körper in Bewegungen bestehen,
in einem Fortschreiten von einem Gegenstand zum andern; drittens aber
ist sie und im engsten Sinn ein intelligentes Wesen und bedarf der Zeit
nicht nur wegen der Mannigfaltigkeit ihrer Verrichtungen, sondern auch
wegen der Menge der Körper, welche Gegenstände ihres Eikennens sind,
da eine Vergleichung nur unter mehreren Dingen und eine vervielfältigte
Vergleichung nur unter sehr vielen stattfinden kann.
Durch die Einheit der Seele wird die Einheit des Organismus bedingt-
Die Seele steht selbst ihren Angelegenheiten vor (suis rebus ipsa con.su-
lit). Sie bedient sich dazu der Bewegungen, theils der grobem, theils des
Tonus der Weichtheile (motus tonicovitalis). Mittelst der Bewegungen
schafft sie namentlich das überflüssige Blut weg und bringt in eigen-
thümlichen Organen Molimina haemorrhagica zustande.
Die Temperamente bestehen darin, dass in dem Verhältniss der Be-
wegungen des Organismus ein Vorbild für das Verhältniss der Gemüths-
bewegungen abgegeben ist, das heisst dass die Seele den Typus und das
Verhältniss der Bewegungen, an welche sie gebunden ist, hinterdrein auf
die Ordnung und das Maass ihrer moralischen Kräfte überträgt.
Die Herrschaft der Seele über den Körper gibt sich [aufs Deutlichste
zu erkennen, wenn man die Mischungsverhältnisse des lezteren betrachtet.
Die Mischung des Körpers ist nämlich eine solche, dass er die grösste
Neigung hat, in Fäulniss überzugehen, und doch erliegt er ihr in unglaub-
lich seltenen Fällen. Troz der zahlreichen Ursachen, welche Krankheiten
hervorbringen können , werden daher die Menschen nur selten und von
einer geringen Anzahl von Krankheiten befallen. Die Mischung des
Körpers ist darum überhaupt nur von einer untergeordneten Bedeutung
und wird durch die Seele wieder überwunden. Die Abweichung der Be-
ll*
](34 Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
wegungen von ihrer natürlichen Ordnung ist dagegen ungleich wichtiger,
als eine verhältnissmässige Verderbniss der Materie.
Pathologie. Die Krankheiten sind nach Stahl Reactionen, d. h. Bewegungen,
welche die Seele zur Bekämpfung der Krankheitsursachen ausübt, sie will
die Ursache damit austreiben.
Die allgemeine Anlage zu Krankheiten sucht Stahl in der Neigung der
Körper zur fauligen Zersezung, die nächste Ursache der Krankheiten
darin, dass ein Hinderniss entgegentritt gegen die Thätigkeiten der Seele.
Ueberfluss des Blutes (Plethora) und Verdikung desselben sollen die all-
gemeinsten Verhältnisse sein, welche zur Krankheit führen. Die Beweg-
ungen, welche die Seele zur Entfernung der Ursache mache, seien aber
nicht immer zwekmässig, oft seien sie unverhältnissmässig stark, oft
schwankend und unordentlich, aber oft auch zu schwach.
Da Plethora der Hauptfeind der Gesundheit ist, so ist für Stahl auch
nichts zwekmässiger, als wenn durch Blutergüsse die Plethora gehoben
wird. Am deutlichsten sei diess bei der Menstruation; aber auch beim
männlichen Geschlecht finde ein ähnliches Verhältniss statt: die Hämorr-
hoiden. Im Kindesalter gehe die Plethora mehr zum Kopf, beim Jüngling
zu der Brust, im männlichen Alter aber zum Unterleib und dieses sei das
günstigste, vorausgesezt, dass der Hämorrhoidalabfluss zustandekomme.
Dieser sei daher den meisten Constitutionen heilsam und ihn herbeizu-
führen und zu erhalten, gilt für Stahl als die Aufgabe des Arztes. Die
Plethora abdominalis sieht er übrigens als die Quelle der meisten chron-
ischen Krankheiten an.
Die Hypochondrie namentlich ist durch diese Plethora bedingt, und
schon die zu geringe Flüssigkeit des Blutes vermag die hypochondrischen
Zufälle auf rein materielle Weise hervorzurufen. Soll der Körper nicht
gestört, sondern erhalten werden, so steht das sicherste und anwendbarste
Heilmittel allein der Natur zu Gebot: durch angemessene Vermehrung
der Bewegungen das ungünstige Verhältniss des zu bewegenden Stoffes
nicht nur zu compensiren, sondern auch zu verbessern.
Das Fieber ist für Stahl nichts anderes, als eine Bewegung, ein motor-
ischer, secretorischer und excretorischer Act, von der Seele gegen die
vorhandene Schädlichkeit vorgenommen. Alle Erscheinungen, welche man
einmüthig für bloss krankhafte gehalten habe, seien nur als unmittelbare
und positive Wirkungen der Natur zu einem heilbringenden Zweke zu er-
klären, deren Bestimmung sich auf die Austreibung der schädlichen Materie
beziehe, welcher sie in einem angemessenen mechanisch organischen Ver-
hältniss entsprechen. Schon beim Froste sehe man diese Tendenz. Die
Vermehrung der Ab- und Aussonderungen im Fieber können nur durch
Stahl. 165
eine Beschleunigung des Blutumlaufs und durch die Richtung desselben
nach den eigentümlich entsprechenden Organen der Secretion und Ex-
cretion bewerkstelligt werden. Das Fieber sei also heilsam, so namentlich
auch das Wechselfieber, und dürfe darum nicht unterdrükt werden, wie
man durch China in schädlicher Weise versuche. Stahl hält die Seele für
so nothwendig beim Fieber, dass er behauptet, lezteres komme bei den
Thieren gar nicht vor, wreil ihnen die Seele fehle , die energia aestimatoria
tarn rerum, quam actionum. Die Hauptaufgabe der ärztlichen Ueberlegung
ist nach ihm im concreten Falle , quid in motibus febrilibus activum insit,
quid vero passivum.
Das Zurükdrängen des Blutes von der Körperoberfläche zu den innern
Organen, das in den gelindesten Graden als Gänsehaut, in den höheren
als Schüttelfrost erscheint, bewirkt auch die Convulsionen; da sie gewöhn-
lich am Ende gefährlicher Krankheiten eintreten , so seien sie als die
lezte Anstrengung anzusehen ne quid usquara inausum et intentatum
relinquatur.
Die Stokung des Blutes erkennt Stahl als blosse verlangsamte Be-
wegung, er will von ihr die Congestion unterschieden wissen, weil diese
activerArt sei und von einem durch die tonischen Lebensbewegungen be-
wirkten verstärkten Antriebe der Säfte gegen den Theil herrühre. Die
Entzündung sieht er als die Folge von Congestion und Stokung an und
unterscheidet Rothlauf, Phlegmone und Apostema als Formen der Ent-
zündung.
Die wahrhaft methodische Therapie muss nach ihm Anweisung geben, Therapie,
aufweiche Art der Lebensthätigkeit und ihrer Richtung, dem stets bereiten
Mitwirken der Natur hülfreiche Hand geboten werden kann und soll.
Ueber die Mischung des Körpers und über alle Bedingungen derselben
habe die Kunst fast keine Macht, und das ganze Geschäft des Arztes
müsse vielmehr darauf gerichtet sein, das Leben selbst in ungestörter
Thätigkeit zu erhalten. Die Aufgabe sei, die natürlichen und günstigen
Bestrebungen der Seele, welches die Symptome sind, zu leiten und zu
verstärken, namentlich die Ausleerungen gehörig zu unterstüzen. Beim
Fieber namentlich sind die Ausleerungen non solum tolerandae sed etiam
observandae, gubernandae et quoque modo juvandae atque promovendae.
Stahl war ein Feind vieler kräftiger Arzneimittel, der China, des
Opiums, des Eisens und der Reizmittel. Seine Hauptmedicamente waren
Laxantien: Aloe, Rhabarber, Jalappe, die er namentlich in chronischen
Krankheiten gab; in acuten Krankheiten gab er kühlende Salze, und all-
gemeine wie örtliche Blutentziehungen wurden von ihm sehr gerühmt:
namentlich sah er die Aderlässe als Mittel zur Herbeiführung von Krisen an.
.166 Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
Uebrigens trieb er auch einen lucrativen Handel mit sogenannten er-
öffnend balsamischen Pillen, welche aus Antimon, Aloe und Helleborus
bestanden haben sollen.
stahi's Schüler Stahl's Schüler waren wenig zahlreich und meist keine grossen Geister,
fast durchaus frömmelnde, mystische Schwäzer ohne alle neuen Ideen und
voll von selbstgefälligen Phrasen.
Johann Samuel Karl 1645 — 1737, dänischer Leibarzt, den Stahl
selbst als seinen ächten würdigsten Schüler bezeichnete, ist ohne alle
Originalität, aber unbedingter Verehrer von Stahl.
Georg Coschwitz, 1679 — 1729, Professor in Halle , schrieb Organ-
ismus et Mechanismus in nomine vivo 1728.
Georg Neu t er, um 1714 Professor in Strassburg.
Johann Junker, von 1729 Professor in Halle, der zuerst in Halle
klinische Uebungen anstellte (mit Hilfe des Waisenhauses).
Michael Alb er ti, 1682 — 1757, der bekannteste unter den Anhän-
gern Stahls, war vollendeter und unverträglicher Pietist, wie überhaupt
der Pietismus eine wesentliche Stüze des stahlischen Systems war und
ihm Anhänger verschaffte, aber nicht einen einzigen, auf den er stolz
sein durfte.
Im Allgemeinen wurde Stahl in Deutschland wenig berüksichtigt und
erst in neuerer Zeit hat er Vertheidiger gefunden, welche aber bei der
Würdigung seiner Verdienste allerdings dieselben vielfach übertrieben.
In England wurde die Stahlische Lehre von Einzelnen mit der Iatro-
mechanik vermischt.
Am meisten aber drang die Lehre in der Schule von Montpellier ein
und kam dort zu einer eigenthümlichen weiteren Ausbildung.
h. Boerhaave. H e r m ann Boerhaave, Sohn eines Kaufmanns in Voorhout , geboren
1668, war anfangs zur Theologie bestimmt. Er erkrankte im elften Jahre
an einem Geschwür am Schenkel, woran er sieben Jahre lang vergebens
behandelt wurde. Hiedurch wurde schon damals sein Nachdenken auf
die Medicin gelenkt, und es gelang ihm endlich, durch Waschungen mit
Urin und Salzen die Vernarbung herbeizuführen. Indessen sezte er theo-
logische und philosophische Studien fort und beschäftigte sich namentlich
mit Mathematik, welche damals als Schlüssel für alle Wissenschaften galt.
Nachdem er 1690 Doctor der Philosophie geworden war, gab er eine Zeit
lang Unterricht in der Mathematik. Bei der Anfertigung eines Catalogs
für die Bibliothek von Leyden erwarb er sich van de Berg's Gunst, der
ihm rieth, zum Studium der Medicin überzugehen. Er trieb nun Botanik,
Anatomie. Chemie und hörte theoretische Medicin bei dem Iatrochemiker
Boerhaave. \Q*J
Drelincourt, sowie bei dem Iatromathematiker Pitcairn. Daneben
las er aufs eifrigste Spinoza's Schriften, und der Verdacht über seine
Rechtgläubigkeit, den er sich dadurch zuzog, veranlasste ihn, die Theologie
vollends aufzugeben und sich ganz der Medicin zu widmen. Bei seiner
Promotion disputirte er über die Notwendigkeit, die Excremente der
Kranken zu untersuchen. Anfangs war sein Erfolg gering, bis nach Dre-
lincourts Tode die Curatoren der Universität Leyden auf ihn aufmerksam
wurden und er 1701 auf den Lehrstuhl der theoretischen Medicin berufen
wurde. Bei seiner Antrittsrede hob er die Nothwendigkeit des Studiums
von Hippocrates so dringend hervor, dass er schon dadurch eine gewisse
Berühmtheit erlangte und bald darauf einen Ruf nach Groningen erhielt;
doch lehnte er diesen ab, blieb in Leyden, und der Erfolg seiner Vorträge
war so gross, dass in wenigen Jahren von allen Gegenden Europa's
Schüler ihm zuströmten. 1709 erhielt er auch die Professur der Botanik
und eröffnete sie mit einer Rede über die Einfachheit der gereinigten
Medicin , in der er namentlich die Lehrsäze der Chemiatriker und Carte-
sianer zurükwies und die Verfolgung der einfachen Geseze der Natur ver-
langte. Er erkannte zwar die Wichtigkeit der mathematischen Methode
an ; allein er erklärte sie nur für einen unvollkommenen Versuch und be-
zeichnete als Hauptaufgabe des Arztes die einfache Beobachtung der Natur
in Krankheiten. Seinem neuen Fach wendete er sich daneben mit grossem
Eifer zu. 1714 jedoch erhielt er die Direction des Krankenhauses und
war der Erste, der einen geordneten klinischen Unterricht gründete. 1718
erhielt er überdiess die Professur der Chemie. In allen diesen Aemtern
zeigte er eine bewundernswürdige Thätigkeit. Sein Lehrtalent muss ein
immenses gewesen sein. Ausser der Chemie trug er, was damals eine Selten-
heit war, alle seine Vorlesungen vollkommen frei vor. . Aber er war auch
der berühmteste Lehrer seiner Zeit. Kein Hörsaal der Universität reichte
aus, seine Zuhörer zu fassen, und in allen Ländern galt es als Empfehlung,
Boerhaave's Schüler gewesen zu sein. Magnus Boerhaavius ist sein ste-
hender Titel. Mit seinem Ruhm verband sich der der Universität Leyden.
Seine Landsleute vergötterten ihn und illuminirten die Stadt zu seinem
Genesungsfeste. Consultationen aus allen Theilen der Welt kamen ihm
zu, und selbst bis China soll sich sein Ruf erstrekt haben. Dabei behielt
er bis zu seinem Ende eine liebenswürdige Bescheidenheit. Als Rector
der Universität hielt er 1730 eine Rede de honore medici Servitute, und
nach Berlin zur Consultation in Friedrich Wilhelm I Krankheit berufen,
lehnte er es ab mit der Bemerkung, der König habe an Fr. Hoffmann
einen so grossen Arzt im Lande, dass er, Boerhaave, überflüssig sei. Auf
die Herausgabe fremder Werke verwendete er grosse Summen, so auf
168
Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
Charakter
seiner Lehre.
Pathologie.
Swammerdam's Bybel der naturen, auf Vesal's, Bellini's, Piso's
und anderer Werke und liess sie auf seine Kosten zum Theil mit theuren
Kupferstichen druken. Haller sagt von ihm: seine Gelehrsamkeit werden
wohl Einige, wenn auch Wenige erreichen, seinen göttlichen, Alles lie-
benden Geist, der seinen Neidern und Feinden wohlwollte, und auch den
nicht, der ihm täglich widersprach, verkleinerte, Keiner!
Er starb 1738, nachdem er, wie einer seiner Biographen sagt, dreissig
Jahre lang das medicinische Orakel der europäischen Höfe, der Abgott
seiner Zuhörer und der Gegenstand der Verehrung der ganzen literarischen
Welt gewesen war und hinterliess seiner einzigen Tochter mehr als zwei
Millionen Gulden.
Boerhaave's Lehre zeichnet sich weniger durch Scharfsinn, als durch
eine formelle Klarheit des Vortrags und durch die unmittelbare klinische
Anwendung aus. Er schrieb nicht ein System ; nur in Aphorismen und
Institutionen legte er seine Grundsäze nieder. P'r war dabei nichts we-
niger als consequent und vereinigte als entschiedener Eklektiker ziemlich
heterogene Ansichten in sich bis zu einem Grade, dass die Theorie bei
ihm wie eine Nebensache erscheint. Die Titelvignette von van Swieten's
Coramentarien zu Boerhaave trägt das charakteristische Motto: Varietas
delectat. So mischte er mechanische Grundsäze manchen chemiatrischen
bei; immer aber weist er auf die Naturbeobachtung hin und als Muster
für sie auf Hippocrates und Sydenham. Dadurch erhielt seine Lehre die
praktische Brauchbarkeit, und gerade seine geringere Originalität hat ver-
mittelnd gewirkt, indem die geläufigen Ansichten der damaligen Zeit sich
bei ihm vereinigt und in einer ungezwungenen Weise mit der Naturbeob-
achtung verbunden fanden.
Das Leben ist nach Boerhaave ein Zustand , der zur Wechselwirkung
von Seele und Leib nothwendig ist. Gesundheit besteht, wenn jener Zu-
stand so beschaffen ist, dass die Functionen mit Leichtigkeit und Beständ-
igkeit ausgeübt werden. Krankheit ist jeder körperliche Zustand, welcher
die natürlichen Actionen beeinträchtigt. An einer andern Stelle nennt
er die Krankheit einen Mangel an Leben und Gesundheit und noch an
einer andern gibt er an, sie inhärire dem Körper.
Die Bewegung ist das Princip alles Geschehens ; aber als Grund der
Bewegung bezeichnet er eine übersinnliche Ursache, ein unbekanntes
Wesen, das zwischen Geist und Materie stehe, das Enormon.
Die Krankheiten betreffen entweder die festen Theile oder die Säfte.
Die Krankheiten der ersteren entstehen aus dem Zustand der Fasern, der
Gefässe oder der Eingeweide, die entweder straff (rigid), oder schlaff (lax)
und schwach sein können. Die Säftefehler sind entweder spontan und
Boerhaave. 169
bestehen in Säure oder in Alkalität oder in Zähigkeit der Säfte; oder die
Säftekrankheit ist begründet in einer ungeordneten Bewegung der Säfte
entweder in einer beschleunigten, was man an dem frequenten Puls erkennt
(Fieber), oder in einer verlangsamten, wohin besonders die Plethora gehört.
Die einfachste Krankheit unter den zusammengesezten ist die Ob-
struetion, die Verstopfung der Kanäle, welche Flüssigkeiten führen. Sie
kommt äusserst häufig vor, begleitet die meisten Krankheiten und ent-
springt aus zahlreichen verschiedenen Ursachen. In den Blutkanälen kann
Verstopfung eintreten ausser anderem auch durch die Form und Grösse
der Blutkügelchen, die bald zu gross, bald zu klein, bald ekig, spizig oder
scharf sein können.
Die Entzündung ist die Reibimg des rothen in den kleinsten Arterien
stokenden Blutes, welche unterhalten wird durch den Andrang des nach-
folgenden Blutes : Inflammatio est sanguinis rubri arteriosi in minimis
canalibus stagnantis attritus a motu reliqui sanguinis moti. Eine solche
Stagnation des Blutes wird hervorgebracht:
1) durch mechanische Verlezungen;
2) durch Verstopfung der Gefässe, von innen oder aussen;
3) durch eine zu starke Bewegung ;
4) durch Coagulantia.
Auch in den weissen Gefässen, wo nur Lymphe ist, kann derselbe Process
stattfinden und gibt dann Zustände , welche man die weisse Entzünd-
ung nennt.
Das Wesen des Fiebers besteht in einer schnellen Herzcontraction
mit vermehrter Resistenz der Capillargefässe. Von hier an hört die
Temperaturerhöhung als Begriffsbestimmung des Fiebers auf (obwohl
Boerhaave selbst Temperaturmessungen vorgenommen hat), und vermehrte
Pulsfrequenz tritt an ihre Stelle. Zugleich aber bezeichnet Boerhaave
auch in teleologischer Weise das Fieber als den Kampf der Natur, um
den Tod abzuhaken. Die aus acutem Fieber hervorgehenden Symptome
sind nach Boerhaave frigus, tremor, auxietas, sitis, nausea, ruetus, vo-
mitus, debilitas, calor, aestus, siccitas, delirium, coma, pervigilium, con-
vulsio, sudor, diarrhoea, pustulae inflammatoriae.
Die chronischen Krankheiten entstehen entweder aus Säftefehlern:
Dyscrasien, oder aus Residuen ungeheilter acuten Krankheiten.
Die chronischen Dyscrasien rühren ausser von den schon angeführten
spontanen Säftefehlern namentlich von Einführung schlechter Nahrungs-
mittel her. Er stellt sieben Arten von Dyscrasien auf.
1) Die saure Schärfe. Aus ihr entstehen Magenkrankheiten, saures
Aufstossen, saure Faeces, saurer Sehweiss und Speichel, saure Milch,
170 l>ie Mediciu im Zeitalter der Aufklärung.
träge. Galle, blasse Gesichtsfarbe, Stuhlverstopfung, Beissen auf der Haut,
Pusteln und Geschwüre, Reizungen des Gehirns und der Nerven, daher
Convulsionen und Tod. Die Behandlung besteht in vegetabilischer
Nahrung, Bewegung, Kräftigung, absorbirenden , diluirenden und ab-
stumpfenden Medicamenten.
2) Die herbe Schwäche von herben Früchten und ähnlichen Dingen:
dadurch coaguliren die Säfte, die Gefässe ziehen sich zusammen, es ent-
stehen harte Obstructionen. Die Mittel sind diluirende , fixe Alkalien
und Seife.
3) Die aromatische Fettschärfe entsteht von reizenden gewürzhaften
Speisen und Getränken. Es entwikeln sich daraus Hize, Schmerzen,
Verdünnung der Säfte, Fäulniss, Extravasate. Die Behandlung besteht
in Wassertrinken, Mehlspeisen, schleimigen und sauren Mitteln.
4) Die träge, fettige oder ölige Schärfe von Fettnahrung, Fischnahr-
ung, Oelen; daraus entsteht Obstruction , ranzige Galle, Entzündungen
und die schlimmste Fäulniss. Die Behandlung besteht in Diluentien,
Seife und sauren Mitteln.
5) Die salzige Schärfe von gesalzenen Nahrungsmitteln, zerstört die
Gefässe, löst die Flüssigkeiten auf und macht sie scharf; daraus entstehen
Atrophie , Extravasate , langsame Fäulniss , Petechien und Scorbut. Die
Behandlung erfordert Wasser, Säuren und Laugen.
6) Alkalinische Beschaffenheit hängt ab von thierischen Nahrungs-
mitteln, namentlich von nicht frischen Substanzen, und es entsteht daraus
Durst, Appetitlosigkeit, übelriechendes Aufstossen, hässliche Belege an
Zunge und Mund, Widerwille gegen Alles , Diarrhoe , Bauchschmerzen,
unleidliche Hize, sofort hiziges Fieber, Entzündungen, Gangrän. Die
Therapie verlangt Säuren, Salze, Wasser, abstumpfende Mittel, Ruhe
und Schlaf.
7) Die glutinöse Beschaffenheit hängt ab von rohen Mehlspeisen,
schlechter Nahrung, unvollkommener Bewegung und erregt Verstopfung,
Wassersucht, träge Galle, Viscidität und langsame Bewegung des Blutes,
Obstructionen, Concretionen, gehemmte Secretionen, Suffocation und Tod.
Die Behandlung besteht in gut gegohrenen Nahrungsmitteln mit Salz und
Gewürz, kräftigen Suppen, Stärkung, Bewegung, Kälte und Wärme, in
diluirenden, resolvirenden, stimulirenden, seifenartigen Mitteln.
So roh diese Crasenlehre war, so wurde sie mit Begierde aufgenommen
und ein maassloser Schlendrian in der Praxis dadurch eingeführt.
Keine unter allen chronischen Krankheiten hat Boerhaave mit mehr
Vorliebe behandelt als den Scorbut, welcher nach ihm in einem compli-
cirten Säftefehler besteht: Tenuitas zugleich mit Crassities und mit saurer,
Boerhaave.
171
alkalinischer oder salziger Beschaffenheit. Fast allen chronischen Krank-
heiten waren damals nach Boerhaave's Schule etwas scorbutisches beige-
mischt und namentlich wurde jeder trübe Urin, jeder üble Geruch der
Ausleerungen als Beweis dieser Complication angesehen.
Ueberall stösst man bei Boerhaave auf Eintheilungen der Ursachen,
der Affectionen und ebenso der Indicationen, aber meist erscheinen sie nur
als äussere Anordnung ohne logische Schärfe. Eine gewisse oberfläch-
liche Klarheit und Verständigkeit tritt allenthalben hervor , und es hat
sich diese Weise lange Zeit in der allgemeinen Pathologie und in der
allgemeinen Materia medica erhalten. Auch stammen die Collectivbenenn-
ungen für gewisse Reihen von Arzneimitteln von ihm her.
Die Receptur Boerhaave's, wenngleich sie noch vielfach sehr complicirt
ist, hat doch auch schon einfache Formeln und zeigt denselben eklekt-
ischen Charakter wie seine pathologischen Ansichten. Van Swieten hat
seinen Commentarien den Libellus de materiae medica et remediorum for-
mulis Boerhaave's beigefügt.
Boerhaave's
Schüler.
Boerhaave hatte das Glük, ausgezeichnete Schüler 'zu finden, und er
hat mit einem wahren Zauber sie dauernd an sich zu fesseln gewusst.
Mehrere wraren unter denselben , die ihn weit überragten und die dennoch
die höchste Pietät gegen ihn zeigten , die eine Ehre darein sezten , seine
Werke zu ediren , zu commentiren und durch Zusäze brauchbarer zu
machen, die seinen Ruhm verbreiteten, während sie oft seiner Lehre nur
theihveise treu blieben.
Boerhaave's Lehre war eine zu wenig fundirte und consequente, als
dass sie sich hätte rein erhalten können ; aber sie enthielt Keime, welche
sich weiter zu entwikeln vermochten. Dabei wurden von seinen Schülern
bald mehr seine dynamistischen Anschauungen , bald mehr die humoral-
pathologischen ausgeführt. Die erstere Richtung repräsentirte zugleich
die mehr theoretische Behandlung der Pathologie; es gehörten ihr an:
Abraham Kaauw Boerhaave, Gorter, Haller und Gaub. Die humoral-
pathologische Richtung dagegen wurde von van Swieten , de Haen und
der übrigen AViener Schule verfolgt und hatte überwiegend practische
Tendenzen.
Abraham Kaauw Boerhaave, Hermann's Neffe (1715 — 1758), hatte At>r. Boerhaa
nur untergeordnete Bedeutung. Er schrieb über das Impetum faciens
des Hippocrates und seine Identität mit dem Kervenfluidum.
Johann von Gorter, Professor zu Haderwyk , wro er von 1725 an in Gorter.
sich allein die ganze medicinische Facultät vereinigte, indem er Anatomie,
Physiologie, Chemie, Botanik, allgemeine Pathologie, practische Medicin,
172 Die Mediciu im Zeitalter der Aufklärung.
Klinik und Chirurgie vortrug. Er machte jene Universität in Kurzem
berühmt; allein der Ruhm verschwand wieder, als er 1754 nach Peters-
burg als Leibarzt abging. Er starb 1762. Gorter schrieb einen der
besten Commentarien über die Aphorismen des Hippocrates, einMedicinae
Compendium in usum exercitationis domesticae, vier Exercitationes me-
dicae nebst vielem Anderem. Anfangs folgte er genau der Lehre Boer-
haave's ; später verwarf er vieles davon , erklärte die Mechanik für unzu-
reichend ziir Erklärung der physiologischen Vorgänge , und nahm nun in
allen Theilen des Körpers ein von dem Nervenfluidum verschiedenes Princip
an, welches er vitale Bewegung nannte und welches auch den Pflanzen
zukommen solle. Die vitale Bewegung sei unabhängig von den Nerven,
aber auch von der todten Elasticität zu unterscheiden. Die äusseren
Dinge können als Reize auf die vitalen Bewegungen wirken. In der Ent-
zündung sieht er keine Stokungen, sondern eine von der Einwirkung des
Reizes veranlasste vitale Bewegung der Gefässe.
Somit hat er die mechanische Auffassung zu Gunsten der vitalist-
ischen noch weiter als Fr. Hoflfmann beschränkt und zu dem Nerven-
dynanismus noch eine vitale Eigenschaft der lebenden Materie selbst hin-
zugefügt, die bei dem zunächst folgenden Physiologen die umfangsreichste
Berüksichtigung fand.
Uebrigens hält Gorter alle Theile der medicinischen Theorie für so
ausgebildet, ut vix aliquid videatur restare und nur die Praxis ist nach
ihm noch zu sehr zurükgeblieben.
Gorter war ein systematischer Kopf, wie aus seiner Eintheilung der
Störungen hervorgeht (siehe Belege).
Haiier. Albert von Haller, geboren 1708 zu Bern, zeigte von frühester Jugend
auf einen systematischen Geist und eine scientife Tendenz. Sobald er
schreiben konnte, legte er sich ein Wörterbuch an, in das er alle Worte
eintrug mit der Bedeutung, die er erfuhr. Als er fremde Sprachen lernte,
machte er auch von diesen Wörterbücher und als er mit Geschichte sich
beschäftigte, schrieb er historische Wörterbücher. Er versichert, noch
oft später in diesen Arbeiten seines kindlichen Geistes sich Raths erholt
zu haben. Dabei war er nichts weniger als pedantisch, vielmehr von sehr
munterem Temperament. Im 10. Jahre schon verfertigte er lateinische und
deutsche Spottgedichte auf seine Lehrer und sein poetisches Talent hatte
besonders in seiner Jugend durchaus die Tendenz zur Satyre , welcher er
jedoch später gänzlich entsagte. 1723, also im fünfzehnten Jähre bezog
er die Universität Tübingen, um unter Duvernoi und Camerarius Medicin
zu studiren. Schon im folgenden Jahre schrieb er einen polemischen
Hall er. 173
Artikel gegen eine anatomische Behauptung des Professor Coschwitz in
Halle. Indessen blieb er nicht lange in Tübingen ; er soll dort relegirt
worden sein, weil er mit andern Studenten einen Hirten mit Branntwein
so besoffen machte, dass dieser dabei ums Leben kam. 1725 zog er nach
Leyden zuBoerhaave. Sowohl dieser, als der dortige Professor der Ana-
tomie, der damals noch sehr junge Albinus leiteten seine Studien und
Beide schenkten ihm ihre Freundschaft. Im achtzehnten Jahre wurde er
Doctor, reiste dann in England und Frankreich; aus Paris musste er
fliehen, weil er in seiner Wohnung Leichen secirt hatte. Von da ging er
nach Basel, studirte Mathematik beiBernoulli und begab sich 1729
nach seiner Vaterstadt Bern zurük , um zu practiciren, woneben er mit
Vorliebe Botanik trieb. 1734 erhielt er die Direction des dortigen Hospi-
tales und im selben Jahre Hess er ein anatomisches Amphitheater bauen
und wurde als Lehrer der Anatomie angestellt. Von dieser Zeit stammen
die meisten seiner Gedichte und mehrere kleinere Aufsäze nicht medicin-
ischen Inhalts, wie vom Nuzen der Demuth und vom Nachtheile des Wizes.
1735 wurde ihm die Aufsicht über die Berner Stadtbibliothek anvertraut
und er benuzte sie im reichsten Maasse zu historischen und bibliograph-
ischen Arbeiten. 1736 wurde er als Professor der Anatomie, Chemie und
Botanik nach Göttingen berufen und erklärte dort die Institutionen Boer-
haave's , die er mit einem Commentar 1739 herausgab. Dabei sezte er
seine botanischen Studien fort; mehrere grosse klassische botanische Werke
und eine bedeutende Anzahl anatomischer Schriften, nebst seinem anatom-
ischen Atlas stammen aus dieser Zeit.
Sein erstes physiologisches Auftreten war eine polemische Arbeit über
die Respiration (1727). Er zeigte die Nichtigkeit der Annahme von Luft
zwischen Pleura und Lunge gegen Professor Hamberger. Ein lebhafter
Streit erhob sich von da an zwischen Beiden, in welchem Haller zulezt
Sieger blieb. 1747 gab er seine primae lineae physiologiae heraus und
zehn Jahre später sein grosses physiologisches Werk elementa physiologiae
corporis humani, mit welchem eine neue Epoche der positiven Physiologie
begann. Mehrere polemische Schriften, worin er seine Ansicht über die
Irritabilität vertheidigte, folgten. Haller's Ruhm und damit der Ruf der
Universität Göttingen wuchs mit jedem Jahre; er wurde der Gründer der
Göttinger Gesellschaft der Wissenschaft und der noch jezt bestehenden
gelehrten Anzeigen. Nach siebzehnjährigem Aufenthalt daselbst nöthigte
seine Gesundheit ihn, es zu verlassen; er kehrte 1753 nach Bern zurük
und widmete sich dem Gouvernement und der Herausgabe grosser krit-
ischer Literargeschichten über Botanik , Anatomie , Chirurgie und pract-
ische Medicin, Werke, die ihresgleichen nicht haben. In den lezten Jahren
174 Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
lebte Haller fast einzig seiner Bibliothek, er schlief dort und brachte
Monate lang in ihr zu. Seine Gattin, seine Kinder, seine Schüler, seine
Freunde , Alle mussten mithelfen bei seiner ausgebreiteten literarischen
Thätigkeit und nur so wurde es möglich, wie er in wenig Jahren nicht nur
eine Masse kleiner Abhandlungen, z. B. allein über 12,000 Recensionen,
sondern auch eine Reihe von grossen werthvollen Werken zu Tage fördern
konnte, zu deren manchem man ein Menschenleben kaum für genügend
lang schäzen möchte. Er starb am 12. Dezember 1777.
Irritabilitätslehre. Schon längst, nemlich seit der iatromechanischen Schule hatte man
die Bewegungen als das wesentlichste Lebensphänomen erkannt. Haller
analysirte dieses Phänomen und bestimmte den Antheil der Muskeln daran.
Damit hat er die schon von Glisson, aber ohne Erfolg vorgetragene
Lehre von der Reizbarkeit in die Medicin eingeführt. Bereits 1739 hatte
Haller in den Commentarien zu Boerhaave auf die thierische Reizbarkeit
hingedeutet.
In seiner Physiologie 1747 unterschied er dreierlei Kräfte in den Mus-
keln, die todte, das ist die Elasticität, sodann die eingepflanzte, d. h. die
der organischen Substanz eingeborene und von ihr, so lange die Substanz
lebend ist, unzertrennliche, welche er die Irritabilität nennt, und endlich
die Nervenkraft. Die eingepflanzte Kraft, oder die Irritabilität dauert
auch nach dem Tode einige Zeit fort und äussert sich durch abwechselnde
Zusammenziehung und Erschlaffung. Die Nervenkraft kommt den Mus-
keln nur von aussen her zu und erhält die eingepflanzte Kraft, welche
leztere, ohne mit ihr einerlei zu sein, doch erlischt, sobald jene einige Zeit
lang aufgehört hat zu wirken.
Im Jahre 1752 theilte er der Göttinger Academie gegen 200 Experi-
mente über diesen Gegenstand mit, in welchem er eine Anzahl Gewebe
und Organe auf ihre Empfindlichkeit untersucht hatte, d. h. einerseits auf
die Fähigkeit, äussere Eindrüke, Schmerzen zum Bewusstsein zu bringen,
andererseits auf Reizbarkeit oder Irritabilität, d. h. auf die Fähigkeit,
nach äusseren Eindrüken sich zu bewegen und sich zu contrahiren. Er
zeigte, dass die Empfindlichkeit vorzüglich in den Nerven stattfinde; ganz
unempfindlich seien die Pleura, das Peritoneum, die Bronchien, die Ein-
geweide, die Hirnhäute, ferner fehle die Empfindlichkeit durchaus jedem
vom Leben abgetrennten Theile. Reizbar dagegen seien nur diejenigen
Theile, die Muskelfasern enthalten und der Uterus; das Zellengewebe sei
nicht irritabel, sondern nur contractu (durch Kälte u. dergl.), was keine
lebendige Bewegung sei. Die Nerven selbst seien nicht reizbar , denn sie
bewegen sich nicht; die Reizbarkeit könne daher auch nicht identisch sein
mit der Nervenkraft und von den Nerven den Muskeln nicht mitgetheilt
Haller. 175
werden ; denn jene können nicht austheilen , was ihnen selbst abgeht
Die Reizbarkeit erhalte sich auch im abgetrennten Muskel eine Zeitlang
und diejenigen Muskeln erklärt Haller für die reizbarsten , welche diese
Eigenschaft am längsten nach dem Tode behalten, daher unter allen das
Herz, dann die Därme, sofort das Zwerchfell, zulezt die willkürlichen
Muskeln; bei der lozteren könne nur der starke Reiz des Willens, der
durch die Nerven auf sie wirke, Contractionen veranlassen, während im
Herzen solche schon durch die Anwesenheit des Blutes erfolgen.
Haller untersuchte nun weiter die Differenzen der Reizbarkeit und die
Nervenkraft. Jene wirken fortwährend, Leztere nur durch den Willen;
das Resultat beider sei freilich das gleiche , nemlich Contraction der
Muskelfasern.
Die Entdekung der Irritabilität hat Bahn gebrochen in der vitalen
und organischen Physiologie, indem durch sie das Vorhandensein gewisser
nicht physicalischer oder chemischer und doch auch nicht von den Nerven
direct abhängiger, aber an eine bestimmte Organisation gebundener Vor-
gänge aufgedekt wurde. Früher hatte man entweder nur Analoga der
chemischen Processe und mechanischen Verhältnisse im Körper geduldet,
oder supernaturalistische Kräfte, Ausflüsse eines Archäus, einer Seele
auf imaginären Bahnen durch den Körper ziehen und in den einzelnen
Organen die Functionen vernichten lassen; oder endlich man hatte die
Bewegung als une.xplicable Function des Körpers gelten lassen. Haller
zerlegte die tbierische Bewegung und fand dabei ein Elementarpbänomen,
das von einer bestimmten Organisation, von der Muskelfaser abhängt,
das in jedem Augenblike durch das einfachste Experiment hervorgebracht
werden kann und das nirgends ein Analogon in der unorganischen
Natur hat.
Haller hielt seine Entdekung im Ganzen in den gehörigen Grenzen,
d. h. er sah die Irritabilität als Eigenschaft, als inwohnende Kraft der
Muskelfaser an. In seiner Theorie der Temperamente thut er freilich den
Missgriff, diese Eigenschaft auf die Gesammtverhältnisse des Körpers
auszudehnen; das phlegmatische Temperament, sagte er, beruhe auf ge-
ringerer Reizbarkeit mit Schwäche der Faser, das sanguinische auf grosser
Reizbarkeit mit Schwäche der Faser, das cholerische auf grosser Reiz-
barkeit mit Stärke der Faser. An einer anderen Stelle spricht er von
einer specifischen Irritabilität, von Reizempfänglichkeit gewisser Organe
gegen bestimmte Reize und sucht daraus manche Medicamentenwirkungen
zu erklären. Diese ungebührliche und dem Begriff selbst widersprechende
Ausdehnung der Reizbarkeit stellt bereits den ersten Anfang einer höchst
176 Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
verwirrten Handhabung dieses Begriffes dar, welche bei den Späteren jedes
Maass überschritten hat.
Begründung der Haller's Verdienste beschränkten sich jedoch nicht auf jene einzige
specio en Entdekung. Er war der erste, der den Versuch und mit glänzendem Er-
Physiologie. ° ö
folge machte, eine organische Physiologie aufzustellen. Was die Iatro-
mechaniker für die Bewegungen gethan hatten, das versuchte Haller für
die gesammte Physiologie; Organ um Organ geht er durch, schliesst aus
dem anatomischen Verhalten, aus Experimenten und anderen Thatsachen
auf die Functionen und erklärt die Aeusserungen und Symptome dieser
Functionen. Er hat dadurch das gesammte Leben zerlegt in eine Menge
einzelner Erscheinungen. Dieser Weg der Untersuchung war für die da-
malige Zeit ein unendlicher Fortschritt; denn man forschte bis dahin
nicht, was thut die Leber, der Darm, die Harnblase; sondern man fragte,
was thut die Seele oder der Nervengeist, was geschieht, wenn das Blut
auFbrausst, wenn es sich in falsche Wege verläuft, spizig oder scharf wird ?
Haller hat zuerst die ganze Physiologie als empirische Wissenschaft
dargestellt mit aller Bestimmtheit, welche Beobachtungen, Experimente
und ein vorsichtiges Raisonnement verleihen können. Er hat dieser Wis-
senschaft den Geist der Exactheit eingepflanzt, dessen sie nur vorüber-
gehend später sich wieder entäussert hat.
Haller ging an allen Orten kritisch zuwerke. Seine Physiologie ent-
hält daher alle wichtigen Ansichten vor ihm ; er prüft sie und bringt die
Gründe gegen sie an. Diese Discussionen erscheinen uns freilich jezt der
vielen Mühe oft nicht werth; allein man muss sich erinnern , dass ent-
gegengesezte Ansichten zu Haller's Zeit eine unbeschränkte Autorität
genossen. Eine Menge einzelner Entdekungen knüpfen sich an diese
Erörterungen, so z. B. dass die dura mater sich nicht bewege, die Nerven
nicht oscilliren, die Sehnen sich passiv verhalten, dass der Muskel bei der
Contraction nicht bleich werde und sofort.
Gegner der Haller's Irritabilitätslehre fand rasch zahlreiche Gegner und Bewun-
derer; die Sache der Irritabilität verdrängte in Kurzem alle andern phy-
siologischen und pathologischen Fragen. Schon 1763 nahm die Berliner
Academie Veranlassung , Untersuchungen über das Princip der Muskel-
action zum Gegenstand einer Preisaufgabe zu machen. Alle Beantwort-
ungen fielen gegen Haller aus, und namentlich Lecat, der den Preis er-
hielt, suchte zu beweisen, dass die Muskelaction wirklich von demNerven-
fluidum abhängig sei. Noch entschiedenere Gegner Haller's waren De-
lius, Whytt und de Haen. Delius und Whytt suchten die Zulässigkeit
von Untersuchungen an Thieren zu bekämpfen, Whytt namentlich be-
Haller'schen
Irritabüitätslehre.
Irritabilitätslehre.
177
HallerV An-
hänger.
Fontana.
hauptet, an gemarterten Thieren lasse sich Nichts erweisen, alle Theile
seien empfindlich, ob sie Nerven enthalten oder nicht und die angebliche
Irritabilität sei nichts als eine Aeusserung der überall im Körper ver-
breiteten Seelen thätigkeit. Krause in Leipzig fürchtete eine Zurük-
führung der verborgenen Qualitäten durch die Irritabilitätslehre. Die
Practiker beriefen sich auf die Reizbarkeit der Schleimhäute und fibrösen
Häute im Zustand der Entzündung.
Der Streit drehte sich überhaupt theils um das Princip , nämlich ob
die Irritabilität der organischen Faser, in specie der Muskelfaser inwohne
oder nur von den Nerven her zugeleitet werde, also identisch mit
Nervenkraft sei, theils aber um einzelne Thatsachen, ob dieser oder jener
Theil empfindlich sei oder nicht (wie die Sehne, die harte Hirnhaut), oder
reizbar (wie z. B. die Gefässe).
Auf Haller's Seite standen Zimmermann, Leibarzt in Hannover,
der übrigens die Thätigkeit der Irritabilität weiter als auf die Muskelfaser
ausdehnte, Zinn, Heuermann, Tissot, Battie.
Von ganz besonderem Gewicht waren für Haller's Lehre die classischen
Untersuchungen von Fontana (1730 — 1805), welcher theils mit den-
selben Organen auf Empfindlichkeit und Irritabiltät experimentirte, wie
Haller, und dessen Resultate meist bestätigte, theils aber die Geseze der
Reizbarkeit untersuchte und ihren Unterschied von todter Elasticität
einerseits und der Vis nervosa andererseits auseinandersezte. Er kam
auf das Resultat, dass das Nervenagens die erregende Ursache in Be-
ziehung auf die Irritabilität sei und gerade wie der äussere Reiz wirke,
der auch in dem ausgeschnittenen Muskel noch Contractionen ver-
anlasse.
Ziemlich zu gleicher Zeit mit Haller (1746) trat Winter, Professor
in Franecker in der holländischen Provinz Friesland auf und machte auf
die Glisson'sche Irritabilität wieder aufmerksam, die er auf jede Faser des
thierischen Körpers ausdehnte , also nicht als eine Eigenschaft einer be-
stimmten Organisation, der Muskelfaser, sondern als Eigenschaft belebter
Theile überhaupt ansah. Den Nerven schrieb er nur die Fähigkeit zu,
diese vitale Moleculareigenschaft anzuregen und in Thätigkeit zu sezen.
Es war offenbar kein Vortheil , dass gleichzeitig dasselbe "Wort mit ver-
schiedenen und doch ähnlichen Bedeutungen in die Terminologie eintrat,
um so mehr in einer Zeit, der es noch so sehr an Schärfe der Beobachtung
und des Urtheils gebrach.
Winter's Ansichten wurden von mehreren seiner Schüler weiter be- weitere schiksai«
handelt. Lups schrieb sogar 1748 den Pflanzen Irritabilität zu, van der der i«itabmt»ti-
-r» i i lehre.
Bosch trat polemisch gegen Haller auf, behauptet die allgemeine Ver-
wunderlich, Geschichte d. Medicin. 12
Win I er.
178 D'e Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
breitung der Reizbarkeit und hält sie bereits identisch mit jeder organ-
ischen vitalen Thätigkeit, die nicht von der Nervenkraft selbst abhängt.
Guillaume deMagni (1*752) ist bereits geneigt, alle Krankheiten aus
der Irritabilität abzuleiten und erörtert die Quaestio medica: an a vasorum
aucta aut imminuta irritabilitate omnis morbus?
Nicht lange währte es, so drang in vielfacher Entstellung die Irri-
tabilitätslehre überall in die pathologischen Anschauungen ein und hat
hier eine alles Maass überschreitende Verwirrung hervorgebracht, die in
der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aufs verderblichste wirkte und
noch bis ins 19. sich fortsezte.
Während aber so die Irritabilitätslehre zum Kern zahlreicher Theorien
gemacht wurde, so zeigte sich andererseits die Tendenz, die von Haller
gespaltenen Lebensthätigkeiten wieder zu vereinigen und ein gemein-
schaftliches Princip zu finden, dem man sie unterordnen könne. Es
schlössen sich hieran die Theorien von der Lebenskraft, vom Cullen'schen
Nervenprincip, vom principe de la vie der Montpellienser Schule u. s. w.
Gaub. Unter den dynamistischen Schülern Boerhaave's zeichnete sich noch
weiter Gaubius aus. Er hat grossen Einfluss auf die Masse der Aerzte
geübt und noch vor Kurzem galt er für Viele als ein Muster in der allge-
meinen Pathologie.
Hieronymus David Gaub, 1705 geboren, wurde zuerst bei den Jesu-
iten, später bei dem berühmten Pietisten Franke in Halle erzogen; doch
blieb beides ohne nachtheiligen Einfluss auf seine Geistesbildung. Er ge-
noss später Boerhaave's Umgang und Unterricht in Leyden, und dieser
nannte ihn seinen liebsten Schüler. Als Boerhaave sich einiger seiner
vielen lästigen Professuren entledigen wollte, verschaffte er dem jungen
Gaub 1731 die Lehrkanzel der Chemie. 1734 ward er auch Professor
der Medicin und blieb es bis in das 70. Jahr. Er sah zulezt sämmtliche
Lehrstellen Leydens mit seinen Schülern besezt und genoss bis an sein
Lebensende der höchsten Achtung. Er starb 1780.
Er selbst hatte in seinen Vorlesungen während 20 Jahren nur
Boerhaave's Institutionen commentirt und erst dann hielt er es für
geeignet, an ihre Stelle ein eignes den Bedürfnissen und Fortschritten
der Zeit mehr entsprechendes Werk zu sezen. So entstanden seine be-
rühmten Institutiones pathologiae medicinalis, welche bis zum Umschwünge
der Pathologie in der neuesten Zeit die Grundlage der meisten deutschen
Pathologien gebildet haben. Dieses Werk ist mit einer gewissen äussern
Ordnung und mit jener classischen Klarheit geschrieben , die nahe an
Breite und Oberflächlichkeit grenzt. Es huldigt dem vollendeten Eclecti-
cismus und nimmt auch bereits Haller's Lehre in sich auf.
Gaub. . ] 79
Die Institutionespathologiaemedicinalis haben folgenden leitenden Inhalt.
Sie beginnen ganz rationell. Gaub tadelt es, die Krankheit als einen
widernatürlichen Zustand anzusehen; sie sei ebenso natürlich, als Ge-
sundheit und Tod.
Der Körper habe vermöge seines Baues und seiner Mischung gewisse
Eigenschaften, wie Trägheit, Beweglichkeit, Veränderlichkeit, Tncitation,
Consens. Diese Eigenschaften seien unabhängig von der Seele.
Allein schon bei der positiven Begriffsbestimmung der Krankheit ver-
irrt sich Gaub. Die Krankheit ist nach ihm ein Zustand, vermöge dessen
die Functionen nicht nach den Regeln der Gesundheit vor sich gehen
können. Neben der Krankheit sei noch ein A-nderes im Körper vorhanden,
nämlich das Leben, und die Krankheit sei zugleich der Kampf der Natur
zu ihrem eigenen Heile. Es sei noch unentschieden, ob die Heilkraft dem
Körper oder der Seele zukomme. Nichtsdestoweniger sagt er an einer
andern Stelle, die Seele sei nichts Anderes, als ein anderes Wort für Natur,
und alle Streitigkeiten über den Einfluss der Seele seien desshalb unnöthig.
Der Körper besteht aus einem flüssigen Theile, dem Wasser, und aus
dem Trokenen, welches aus brennbaren, salinischen und erdigen Substanzen
zusammengesezt ist. Im gesunden Zustand sind diese alle aufs innigste
gemischt, so dass kein Theil ganz troken oder flüssig ist.
Während er zuerst die Festtheile als die Materie angesehen wissen
will, an der sich die Lebenserscheinungen äussern, so nimmt er doch die
Lebenserscheinungen selbst wieder als einen Ausdruk einer eigenen im-
ponderablen Kraft, der Vis vitalis, an und lässt die festen Theile nur den
Schauplaz der Thätigkeit dieser Kraft sein.
Dabei kommt Gaub nicht aus einem Kreise in den Begriffsbestimm-
ungen heraus. Die Lebenskraft nennt er das, wodurch die lebendige
Materie bei Einwirkung eines Reizes zur Zusammenziehung veranlasst
werde, lebendige Materie eine solche, welche bei Reizeinwirkung sich con-
trahire und empfinde, und Reiz das, was durch Contact die Lebenskraft
zum Wirken veranlasse.
Das lebendige Solidum hat nach ihm zwei Eigenschaften, Empfindung
und Bewegung. Es gibt drei Zustände desselben: 1) die Reizung; 2) die
Perception des Reizes und 3) die Reaction darauf, die Zusammenziehung
und Bewegung.
Die einfachsten Fehler der Festtheile sind nach ihm Rigidität und
Schwäche. Boerhaave hatte noch neben der Schwäche (Debilitas) den
mechanischen Begriff der Laxitas. Gaub dagegen lässt die mechanische
Anschauung fallen und hält die dynamische fest.
Aber nicht nur die Faser, die Materie kann diesen krankhaften Dualis-
12*
130 Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
mus zeigen, sondern auch die Lebenskraft für sich. Sie kann erhöht und
vermindert sein. Ersteres nennt Gaub Irritabilität und legt dadurch
diesem Worte auf einmal einen ganz andern Sinn bei. Die Verminderung
der Lebenskraft nennt er Torpor.
Gaub führt jedoch nicht alle Krankheiten auf diesen Dualismus von
Plus und Minus zurük; vielmehr berüksichtigt er auch die krankhafte
Qualität, besonders in den Säften. Wiederum geht er hier anfangs von
einem ganz richtigen Gruadsaz aus und sagt, es wäre passender, die Säfte-
fehler nur als Ursache und Folge der Krankheiten der Festtheile zu be-
trachten; aber er wird demselben bald wieder ungetreu und spricht den
Säften selbst Lebenskraft zu, die ihnen verborgen inwohnen soll.
So verhält sich Gaub wie alle Eklektiker äusserlich methodisch, inner-
lich inconsequent und voll Widersprüche. Gaub ist der Apostel des Ek-
lekticisraus geworden und galt lange Zeit für ein Muster der Besonnenheit
und Umsicht.
wiener Der andere Theil von Boerhaave's Schülern fasste die humoral-patho-
schuie. logische Seite seiner Lehre auf.
V4a swieten. Gerhard van Swieten (geboren 1700) war der intimste Schüler
Boerhaave's. Von Anfang seiner Studien an zeichnete ihn ein unermüd-
licher Fleiss aus , in einem Grade , dass sein Körper darunter litt und er
in Schwermuth verfiel. Doch erholte er sich unter Boerhaave's eigener
Pflege wieder und verliess seinen Freund und Lehrer bis zu dessen Tode
nicht. Ungeachtet er als Katholik in Holland keinen öffentlichen Wirk-
ungskreis erhalten konnte und ihm glänzende Anerbietungen von London
gemacht worden waren , zog er es vor , bis zum 38. Jahre Boerhaave's
erster Schüler zu heissen. Daneben hielt er unter Boerhaave's Leitung
Privatvorlesungen, welche er aber nach des Lehrers Tode aufgeben musste
und damit jeder academischen Function verlustig ging. Er beschäftigte
sjch nun damit, über Boerhaave's Aphorismen einen Commentar herauszu-
geben. 1745 jedoch wurde er von Maria Theresia nach Wien berufen.
Die Facultät war damals in einem höchst gesunkenen Zustande und van
Swieten's Ankunft machte daselbst Epoche. Maria Theresia hatte richtig
in ihm den Mann erkannt, das dortige Unwesen umzugestalten; sie er-
nannte ihn in Kurzem zum perpetuellen Präses der Wiener Facultät, zum
ersten Protomedicus und Chef des gesammten Medicinalwesens und Hess
ihn den ganzen medicinischen, naturwissenschaftlichen und mathematischen
Unterricht organisiren. Damit geschah die Uebersiedlung der Boerhaav'-
schen Schule nach Wien und es entstand als Tochter des Boerhaav'schen
Humoralmechanismus die Wiener Schule. Swieten starb 1772.
Die Wiener Schule. 181
Van Swieten's wichtigstes Werk sind die Commentarien zn den
Aphorismen seines Lehrers Boerhaave, von dem er sagt, er sei sein Orakel
gewesen. Er erklärte darin fast jedes Wort theils nach Boerhaave's Vor-
lesungen, theils nach Studien älterer Schriftsteller, theils auch nach
eigenen Erfahrungen. Im Anfange des Werkes ist seine Pietät gegen den
Lehrer fast kleinlich und erlaubt ihm auch nicht die geringsten abweich-
enden Ansichten. Erst in den späteren Bänden (sie umfassen 30 Jahre
seines Lebens) wurde er selbständiger, hielt sich weniger an den Lehrer
und arbeitete die einzelnen Abschnitte unabhängig und monographisch
aus. Aber auch hiebei waren es nicht grosse oder folgenreiche Ideen oder
neue organisirende Gesichtspunkte, sondern einfache empirische Be-
schreibungen und Wahrnehmungen, wras der bescheidene, mehr fleissige
und beharrliche, als geistvolle Mann lieferte.
Die Commentarien sind ein sehr werthvolles Resume der damaligen
Kenntnisse, voll umfassender aber höchst anspruchsloser Gelehrsamkeit,
mit einem gewissen Instinct für Naturbeobachtung und mit gesundem
Sinne, aber ohne Schärfe des Gedankens und selbst ohne critische Ein-
sicht ausgearbeitet. Besonders sorgfältig sind abgehandelt: die Symptome
des Fiebers, die Angine, die Apoplexie, die Variolen, der Stein, die
Syphilis, die Rhachitis und der Rheumatismus. Bei der Behandlung der
Syphilis hat van Swieten zuerst in ausgedehnter Weise den Sublimat an-
gewandt und zwar in gelöster Form und so, dass kein oder nur geringer
Speichelfluss erfolgt. In der übrigen Therapie hielt er sich grossentheils
an Boerhaave.
Seine übrigen Schriften sind von geringer Bedeutung.
Dagegen hat er das grosse Verdienst, in Wien und den gesammten
österreichischen Staaten den practischen medicinisch-klinischen Unter-
richt angeordnet zu haben (1754).
Ein Mann von ganz entgegengeseztem Character war van Swieten's De Haen.
Mitschüler und College, Anton de Haen, 1704 geboren. Auch er war
Boerhaave's Schüler und hing ihm mit aller Leidenschaftlichkeit seines
Gemüths an. Während van Swieten tlie bescheidene Anspruchslosigkeit
und Demuth und den unermüdlichen Fleiss zum Studium mitbrachte, er-
griff de Haen seine Wissenschaft mit Enthusiasmus und mit dem Feuer
des Ehrgeizes. Van Swieten verschaffte ihm 1754 die neu gegründete
Professur der medicinischen Klinik in Wien und bald wusste de Haen
seinen Collegen und Protector zu verdunkeln. Er hatte eine hinreissende,
siegende, fast fanatische Beredtsamkeit. Aber nicht nur in den Vorles-
ungen glänzte er dadurch. Seine zahlreichen Gegner waren es, die sie
182 Die Medicin im Zeitalter der AufkläruDg.
am meisten fühleu mussten. In hohem Grade reizbar, suchte er zu ver-
nichten, was ihm entgegentrat und wenn ihn auch selten dabei Scharfsinn
und Sophistik verliessen, verliess ihn oftmals die Besonnenheit. Er hat
sich namentlich durch seinen Streit mit Haller, dem er dennoch zulezt
Recht gab, durch seine Polemik gegen die Pokenimpfung , sowie durch
seine Vertheidigung von Zauberei und Beschwörung fast berüchtigt ge-
macht. Jedes Lob eines Anderen verlezte ihn , jeder fremde Ruhm war
ihm anstössig. Selbst van Swieten, den er weit überragte, war ihm ein
Aerger. Nur einen Mann verehrte er bis zum Tode , seinen Lehrer
Boerhaave.
Dabei hatte er eine seltene Kraft und Ausdauer; keine Arbeit wurde
ihm zu viel. Zahlreiche Aemter besorgte er zumal ; seine klinische Thätig-
keit, seine ausgebreitete Praxis verhinderten ihn nicht, ein umfangreiches
Werk, Ratio medendi in 15 Theilen und 3 Supplementen und zahlreiche
Dissertationen und polemische Artikel zu schreiben. Nach van Swieten's
Tode übernahm er auch dessen Aemter, starb aber schon 1776.
De Haen war vorzugsweise empirischer Beobachter. Er weist neben
Boerhaave stets auf Ilippocrates und Sydenham hin. Für die Theorie im
Allgemeinen hat er nichts gethan, er hat sich ihr vielmehr entgegengesezt,
hat nicht nur selbst nirgends ein eigentliches System befolgt, sondern
allen seinen Scharfsinn und das Feuer seiner Beredtsamkeit darauf ver-
wendet, neu aufkeimende theoretische Ansichten durch empirische Gründe
wie durch alte Autoritäten zu schlagen. De Haen ist dadurch vielfach
der Vertheidiger der Stabilität geworden und es kann nicht verschwiegen
werden, dass er im Missmuth über Neuerungen nicht selten überlebte
Vorurtheile festzuhalten suchte und den Geist des Fortschritts und der
Entwiklung zu hemmen wusste.
Nichtsdestoweniger war er selbst ein eifriger und glüklicher Forscher.
Zahlreiche wichtige Beobachtungen sind von ihm vorhanden , obwohl er
deren Tragweite nicht immer vollständig zu würdigen verstand. Voll Um-
sicht und Scharfsinn , practische Fragen nach verschiedenen Richtungen
zu verfolgen, kommt er doch gewöhnlich zu keinem correcten Schluss-
resultate. MitUeberraschung findet man daher bei ihm wichtige Bemerk-
ungen nnd Thatsachen, welche fast ein Jahrhundert lang nach ihm völlig
ignorirt wurden. Sie hätten bei seinem Einfluss auf die Aerzte seiner
Zeit nicht vergessen werden können, wenn er über ihren Werth sich völlig
klar gewesen wäre. Seine einzelnen Beobachtungen sind sorgfältig und
werden gewissenhaft und nach allen Seiten von ihm überlegt. Auf Sec-
tionen legt er grossen Werth, erzählt sie genau, und gesteht, wenn sie
nicht in Uebereinstimmung mit seinen Erwartungen ausfallen.
Die Wiener Schule.
183
Die wichtigsten pathologischen Abschnitte in seiner Ratio raedendi
sind : über das Blut, Tom. I. Cap. 6, III. 3, IV. 6, mit sehr mannigfaltigen
und werthvollen Untersuchungen zumal über Gerinnung und Crusta phlog-
istica ; über die Eigenwärme in Krankheiten, welche er mittelst des Ther-
mometers mit vieler Ausdauer vei-folgte und über die er zahlreiche wichtige
und interessante Beobachtungen beibringt, Tom. II. 10, III. 3, IV. 6 und
an vielen Stellen seiner Einzelnbeobachtungen ; über critische Tage und
Krisen, I. 4; über den Puls, XII. 1 — 4; über die Bildung des Eiters, II. 2;
über die Dauer der Entzündung, XIV. 5; de morbis malignis III. 1; de
febribus malignis IV. 1 ; über Poken und Variolimpfung IL 3, IX. 7, XII. 8;
über Petechien und Miliarien V. 1, VIII. 3, X. 5; über Pest XIV.; über
Intermittens XI. 1 ; über Melancholie III. 2, X. 1 ; über Scorbut VIII. 4;
über Epilepsie V. 4; über Tetanus X. 3; über Aneurysma V. 6, VII. 1
und 2; über Pleuritis und Pneumonie XI. 2; über Hydrops pectoris V. 3,
VI. 3 ; über Ileus LX. 5, XI. 3 ; über Perforation der Dünndärme VII. 4 ;
über Ascites XL 4; über den breiten Eingeweidewurm XII. 5; über
Wurmfieber XIV. 5 ; über verschiedene Sectionen IX. 1 ; über medicin-
ische Unglüksfälle IL 6.
In der Therapie machte er ausgedehnte Anwendung von Blutentziehung
und der kühlenden Methode , machte aber auch von der Electricität einen
häufigen Gebrauch.
Die übrigen bedeutenderen Aerzte Wiens in der damaligen Zeit ge-
hörten, obwohl sie fast alle des unverträglichen de Haen persönliche
Feinde waren, doch seiner practischen Richtung an.
Hervorzuheben sind: Johann Georg Hasenöhrl (1720 — 1796),
welcher Beobachtungen über das entzündliche und catarrhalische Fieber
veröffentlichte ; Eyerell, der de Haen's -Nachlass herausgab ; Lautter,
der ein epidemisches Wechselfieber beschrieb; A. Plenciz, der gute Be-
obachtungen über Scharlachfieber mittheilte; Ferro, der die Pest und
andere Seuchen abhandelte; Chenot, einer der besten Beobachter der
Pest; Plenck über Hautkrankheiten und Behandlung der Syphilis;
Sagar, der sich in der systematischen Classification versuchte (1776);
Co Hin, der über Camphor und Arnica Beobachtungen machte; Werni-
schek, welcher einige theoretische Bestrebungen bei massiger Begabung
zeigte; Krzowitz, welcher nicht ohne compilatorisches Talent war.
Fast sämmtlich zeigten diese Aerzte einen achtungswerthen Sinn für
Beobachtung , am meisten jedoch mit der Richtung auf die epidemischen
Modifikationen der Krankheiten, auch wohl auf die Medicamente.
Nicht an wissenschaftlicher Bedeutung, wohl aber an Einfluss auf das
ganze österreichische Medicinalwesen überragte sie der Leibarzt Anton
Verschiedene
Aerzte der
Wiener Schule.
Störck.
1 84 Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
Störck (1749 — 1803). Seine Veröffentlichungen sind nicht sparsam und
besonders seine pharmocologischen Untersuchungen (über Cicuta vornem-
lich, sodann über Strammonium, Hyoscyamus, Aconit, Colchicum, Pulsa-
tilia) sind nicht werthlos.
Er verwarf die Aderlässe und zog das Brechmittel vor. Auch er war
gegen die Theorie eingenommen und hielt sich an einige Hippocratisch-
Boerhaave'sche humorale Säze. Wichtiger aber als durch seine directen
Leistungen ist er dadurch geworden, dass er als Chef des medicinischen
Unterrichtswesens (1775) dieses auf den österreichischen Universitäten
für längere Zeit ordnete. Die Hauptprincipien dieser Ordnung waren
Studienzwang für die Studirenden und Lehrzwang, d. h. strenges Halten
an von oben vorgeschriebene Vorlesebücher für den Lehrer. Nur aus-
nahmsweise durfte der Leztere von seinen Vorlesebüchern sich entfernen
und etwas sagen, was nicht darin stand, und selbst hiebei mussten seine
Worte einer höhern Censur vorgelegt werden. Nur der klinische Lehrer
durfte sich mit etwas mehr Freiheit bewegen. Unter solchen Gesezen
war das Schiksal der Wiener Schule unvermeidlich. Kaum zur Blüthe
gekommen ging sie dem Verderben wieder entgegen. Geist und Selb-
ständigkeit wurden methodisch unterdrükt und troz der beispiellosen
Gelegenheit zur Beobachtung erhoben sich nur Wenige über die Mittel-
mässigkeit; die Masse versank in dem Sumpfe eines angelernten und ge-
dankenlosen practischen Schlendrians.
stoii. Stoll war die lezte Grösse der Schule.
Er war 1742 in Württemberg geboren, lernte in der Jesuitenschule
zu Rottweil und trat in den dortigen Orden ein. 1767 trat er wieder
aus, ging nach Wien und wurde da Haen's Schüler und anfangs dessen
unbedingter Anhänger. Hierauf practicirte er in Ungarn und wurde bei
den dort herrschenden epidemischen Krankheiten zuerst gewahr, dass die
ausnahmslose Empfehlung der Aderlässe, wie er sie bei Haen gelernt
hatte, auf seine Kranken sehr nachtheilig wirkte. Um diese Zeit las er
Tissot's Schrift über die Gallenfieber und lernte daraus, sich mit Glük
der Emetica zu bedienen. 1774 begab er sich nach Wien und erhielt
dort durch Heirath die Stelle des Klinikers. In kurzer Zeit waren seine
klinischen Vorträge durch die ganze Welt berühmt, von allen Seiten
strömten alte und junge Schüler herbei. Dies dauerte bis 1784. Da
wurden Veränderungen in den Hospitalräumlichkeiteu vorgenommen, ein
neues grosses Krankenhaus gebaut, aber zu dessen Vorsteher nicht Stoll,
sondern sein persönlicher Feind Quarin ernannt. Er selbst bekam ein
elendes Lokal mit zwölf Betten. Dessenungeachtet sezte er den Unter-
richt mit Erfolg fort und ermüdete auch da nicht, als er gezwungen
Die Wiener Schule. 185
wurde, seinen medicinischen Unterricht für Wundärzte zu berechnen. Er
starb schon 1787. Seine Werke sind die Ratio medendi, 7 partes 1779
bis 1790, Aphorismi de cognoscendis et curandis febribus 1786 und
Praelectiones in diversos morbos chronicus 1788.
Stoll sagt ausdrüklich, er wolle nichts Neues geben, sondern nur
längst Beobachtetes revidiren und verbessern. Ein eigentliches System
ist daher bei ihm nicht zu erwarten. Boerhaave'sche humoralmechanische
Vorstellungen beherrschten ihn. Dabei hielt er eine sorgfältige Beob-
achtung hoch und war einer von denen, welche am eifrigsten durch
Nekroskopie die Beobachtung zu ergänzen suchten. Grossen Werth legte
er auf die temporär eintretenden Aenderungen in dem Character der
Krankheiten und hat in dieser Beziehung sich vornemlich Sydenham
zum Muster genommen. Die wichtigste und einflussreichste seiner An-
sichten aber war, dass die häufigste Ursache der Schärfe die nicht
entfernte Galle sei, dass ferner durch diese Galle, indem sie dem Blute
sich beimische und an verschiedenen Stellen des Kreislaufs hängen bleibe,
Fieber, Apoplexie, Ophthalmie, Angine, Cholera, Pneumonie, Arthritis,
Petechien, Tuberkeln, Asthma und alle möglichen localen Krankheiten
entstehen können. Besonders aber legte er auf die gallige Pleuresie ein
grosses Gewicht. In allen acuten Krankheiten suchte er daher durch
Emetica, und zwar durch den Brechweinstein, vor allem die Galle zu ent-
fernen. In chronischen waren es die auflösenden Mittel, welche er zu
demselben Zweke reichte. Diese Lehre verbreiteten Stoll's Schüler in
allen Theilen der Welt, vornemlich Deutschlands, und das Vomiren,
Purgiren und Resolviren galt eine Zeit lang als allgemeine Indication.
Wenn sofort Stoll bei der Section der verstorbenen Kranken gemeiniglich
Entzündung der Brust, der Därme und dergleichen fand, was er in der
aufrichtigsten Weise bekannte, so pflegte er diese Affectionen als In-
flammationes occultae zu bezeichnen.
Durch sein therapeutisches Regulativ erlangte Stoll den grossen
Einfluss auf die Aerzte seiner Zeit, während dagegen die von ihm so hoch
gehaltene pathologische Anatomie nur geringe Nachahmung fand.
In den spätem Jahren verliess übrigens Stoll selbst seine Lehre
wieder. Da er von seiner Therapie nicht mehr den günstigen Erfolg er-
blikte, so schrieb er diess der Umgestaltung des Genius epidemicus zu,
der von 1780 an phlogistisch geworden sei, so dass alle Krankheiten
etwas Pleuritisches oder Subpleuritisches beigemischt gehabt haben.
Die Wiener Schule verblieb von da an vorzugsweise praktisch thätig,
gegen Ideen gleichgültig, gegen Neuerungen und Entdekungen abgeneigt
sichverschliessend, selbst wenn sie aus ihrem eigenen Schoose hervorgingen.
]8Q Die Medicin Jim Zeitalter der Aufklärung.
Schnie von Ziemlich gleichzeitig mit der Wiener Schule kam im Süden von
Montpellier. Frankreich eine ziemlich abgeschlossene Facultät, die Schule von
Montpellier, zu einem nicht geringen Rufe.
Keine Schule hatte sich so lange frei von fremden Elementen erhalten,
als diese Facultät. Schon vom Mittelalter her hielt sie an hippocrat-
ischen Maximen fest und erst spät mischten sich iatromechanische Ideen
bei ihr ein.
Um die Mitte des 18. Jahrhunderts aber nahm die Montpellienser
Facultät einen eigenthümlichen Character an, wobei allerdings sowohl
Stahl als Hailer einigen Einfluss geübt hatten; aber sie entwikelte ihre
Doctriuen in einer selbständigen und gewissermaassen isolirten Weise.
SauTages. Der eigentliche Gründer der neueren Schule von Montpellier war
Franz Sauvages, geb. 1706. Er wurde 1734 Professor in Montpellier
und sezte sich zur Aufgabe, die dort herrschende schlendrianmässig
betriebene Iatromechauik zu stürzen. Anfangs trat er ziemlich gemässigt
auf; aber allmälig wurde seine Polemik gegen seine Collegen heftiger
und entschiedener und es gelang ihm zulezt, ihren Widerstand zu
besiegen und an die Stelle der Iatromechanik vitalistische und animist-
ische Anschauungen in Montpellier einzubürgern.
Der Mensch besteht nach Sauvages aus Körper und Seele. Die Be-
wegung, sowohl die locomotorische als respiratorische kann nicht von
dem Körper herkommen, denn der Körper ist Materie und die Eigenschaft
dieser ist Trägheit, Widerstand gegen die Bewegung. Eine todte, eine
bloss materielle Bewegung müsste beständig abnehmen, müsste sich auf-
reiben. Der Ausdruk Kraft bezeichne die hinreichende Ursache für eine
Action. Die Kraft könne sowohl in der Seele als im Körper liegen.
Die einzelnen Krankheiten jedoch, meint Sauvages, können nicht aus
solchen Principien begriffen werden. Es gäbe eine descriptive Nosologie
und eine philosophische. Jene zeige die einzelnen Krankheiten; die
zweite gebe nur allgemeine Gesichtspunkte.
Borden. Viel bedeutender noch als Sauvages war Theophile Bordeu, geb.
1722. Er studirte in Montpellier, wandte sich 1752 nach Paris und
beschäftigte sich aufs Emsigste mit Krankheitsbeobachtungen. Bald fand
sein Talent dort Neider und Feinde, die ihn auf jede Weise verleumdeten,
ihn unter andern eines Diebstahls bezüchtigten und es dahin brachten,
dass sein Name aus der Liste der Fakultät gestrichen wurde. Indess
vermochte dies nicht seinen Ruhm zu verdunkeln, er züchtigte seine
Feinde durch eine caustische Polemik und übergab sie der allgemeinen
Verachtung. Er starb 1776.
Schule von Montpellier. 187
Bordeu war der bei weitem bedeutendste unter den französischen
Aerzten in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Seine Schriften sind voll der
trefflichsten Beobachtungen und enthalten nicht nur glükliche Ideen über
einzelne Fälle, sondern auch ordnende Gesichtspunkte.
Er verlangte vor Allem, man dürfe nicht mit Voraussezungen aus der
Physik und Chemie die Vorgänge im thierischen Leben betrachten; er
zeigte, dass in dem Organismus wesentlich die Ordnung und die Harmonie
als Character herrsche und dass dfes nicht von einem zufälligen Zu-
sammenwirken mechanischer und chemischer Verhältnisse abgeleitet
werden dürfe.
Er wies ferner klarer und bündiger als irgend Jemand vor ihm nach,
dass der Organismus einen gewissen Grad von Widerstandsfähigkeit
gegen die Aussenwelt besizt, wodurch er schädliche Einflüsse abwenden
oder unschädlich machen kann. Freilich Hess sich Bordeu durch diese
Betrachtungen hinreissen, ein unbekanntes oberstes Princip dem Leben
vorzusezen, das er Natur nennt und das ihm ziemlich dasselbe ist mit der
Seele Stahl's. Indess machte Bordeu diesen Fehler einigermaassen wieder
gut, indem er nicht blos in allgemeine Betrachtungen über dieses
abstracte Princip Natur sich verlor, wie Helmont, Stahl und Andere;
sondern er versuchte die Funktionen und Phänomene des Organismus zu
analysiren. Dabei kam er auf zwei Elementarphänomene: die Sensation
und die freiwillige Bewegung. Aus ihnen glaubte er alle Vorgänge im
Körper zusammengesezt. Diese Elementarphänomene seien der unorgan-
ischen Natur völlig fremd, sie bilden den Hauptunterschied zwischen ihr
und der organischen. Sensation und Bewegung hängen ab von den
beiden Grundeigenschaften , die der thierischen Materie inhäriren , Sen-
sibilität und Motilität. Wenn die Functionen aller Theile nicht die
gleichen seien, so komme dies daher, dass die Sensibilität und Motilität
ungleich in ihnen vertheilt sei, wofür die anatomische Analyse den Beweis
liefere. Selbst die, Absonderung erklärte er aus jenen Grundeigen-
schaften; sie rühre von demEindruk her, den das Blut auf die Sensibilität
der Drüsen mache und wonach die Drüsengänge sich bald erweitern, bald
sich verschliessen. Die Secretion sei überhaupt keine einfache Trennung
durch Filtration, sondern eine wahre Elaboration und hänge von der
Nervenactiou ab (sur les glandes 1752).
Die Fähigkeit zu empfinden und sich zu bewegen ist das Band
zwischen Seele und Leib, das Nervensystem ist das wesentlichste im
Menschen und seine Undulationen geben das Leben.
Auch findet sich eine Ahnung der histologischen Uebereinstimmuug
topisch getrennter Theile bei ihm.
188
Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
Tonquet.
Krankheit entstehe aus einer Störung in der Ordnung der Beweg-
ungen; das wesentliche Mittel sie zu heilen sei, dass man aus complicirten
Krankheiten einfache, aus chronischen acute mache.
Die Veränderungen des Blutes, die Cachexien, sieht er nicht als
chemische, sondern als vitale an. Er bezieht sie auf die Secretionen, ihr
Vorherrschen , die Resorption eines Secretionsstoffs oder die gehinderte
Ausscheidung desselben.
Bordeu's Ansichten waren von wesentlichem Impuls für spätere
Untersuchungen, namentlich in Frankreich. Mit ihm beginnt in der
französischen Medicin, welcher bis dahin alle Originalität abging, eine
lebendigere Forschung. Zwar erscheinen Bordeu's Ansichten einer ge-
läuterten Physiologie fast durchaus irrthümlich, allein sie enthalten den t
Kern zu vielen Wahrheiten, deren Enthüllung wir eben der französischen
Pathologie verdanken.
Zugleich hatte Bordeu mehr als die deutsche und italienische Medicin
die Richtung auf dasPractische; Analyse der einzelnen Fälle zeigt sich zum
erstenmale bei ihm und so hat er auch in dieser Hinsicht die Bahn zu der
exacten positiven Richtung, zur objectiven Beobachtung gebrochen, eine
Richtung, welche gerade die französische Pathologie so vortheilhaft
characterisirte und auszeichnete. Freilich hat er auch hier im Einzelnen
viele Missgriffe gethan; in der Pulslehre ist er in grosse Subtilitäten ver-
fallen und zu dem Irrthum gelangt, dass der Affection jedes einzelnen
Organs und Theils des Körpers eine besondere Pulsart entspreche. Die
speciellen Cachexien bezieht er auf die einzelnen Secreta und deren nicht
genügende Absonderung und erhält so eine Gallen-, Milch-, Harn-,
Samencachexie etc.
Bordeu's Werke erschienen in einer Gesammtausgabe von Richerand
(Oeuvres completes 1818).
Sein nächster Freund de Lacaze, geb. 1703, gest. 1765, führte be-
sonders den spirituellen Theil der Bordeu'schen Lehre'in einer mystischen
Weise aus.
Fouquet, geb. 1727, fixirte sich nach Sauvage's Tode in Montpellier,
wurde jedoch vielfach zurükgesezt. Erst im 60. Jahre erhielt er eine
Professur und starb 1806. Er beschäftigte sich vorzugsweise damit, den
Antheil der Sensibilität au den Erscheinungen des Lebens aufzufinden
und dehnte ihn viel weiter aus als Bordeu, so sehr, dass er am Ende
sämmtliche Phänomene auf sie zurükführen durfte.
Bar t hex.
Der berühmteste unter den Montpellienser Professoren war Barthez,
geb. 1734. Von frühester Jugend auf zeichnete ihn eine ungewöhnliche
Barthez. ]89
Begabung und ein begeisterter Trieb zu ernsten Studien aus. Aus der
Schule musste er entfernt werden, weil er schon im 10. Jahre seine
Lehrer überragte. Anfangs Theolog trat er 1750 zur Heilkunde über
und machte seine Studien in Montpellier. Bibliotheken waren sein
Lieblingsaufenthalt, Bücher verschlingen seine einzige Freude. 1754
begab er sich nach Paris, wo er anfing, sich mit Eifer an das Studium
der Natur und der Kranken selbst zu wenden. Ein kurzer Feldzug gab
ihm Gelegenheit zu vielen Beobachtungen; aber bald kehrte er zu den
Büchern zurük und wurde Redacteur des Journal des savants. 1761
erhielt er eine Professur in Montpellier und bald entzükte er seine
Schüler und erhob die Facultät von Montpellier zu einer der berühmtesten
der damaligen Zeit. Jezt erschienen von ihm : Qnaestiones medicae duo-
decim 1761; oratio de principio vitali 1773; nova doctrina de function-
ibus corporis humani 1774, und sein Hauptwerk nouveaux elements de la
science de l'homme 1778. Bald genügte ihm jedoch die medicinische
Wissenschaft nicht mehr und er begann Jurisprudenz zu studiren , wurde
1778 Licentiat der Rechte und 1780 Rath im Gerichtshofe. Aber schon
1781 war er auch hievon nicht völlig befriedigt; er begab sich nach Paris
und pflegte dort philosophischer Studien mit d'Alembert und Andern.
1785 kehrte er als Kanzler der Universität nach Montpellier zurük.
Beim Ausbruch der Revolution schlug er sich zur aristokratischen Partei
und trat als Schriftsteller für die Prärogative des Adels auf. Als daher
von der republikanischen Regierung die Universitäten aufgehoben wurden
und medicinische Schulen an ihre Stelle traten, blieb Barthez anfangs
ohne Anstellung. Erst später (1796), nachdem er 6 Jahre lang alsPrivat-
practikus in Narbonne und Toulouse sich aufgehalten hatte, wurde er der
medicinischen Schule wieder einverleibt. Er schrieb jezt: nouvelle
mecanique des mouvemens de l'homme et des animaux 1798; Discours
sur le genie d'Hippocrate 1801; Traite des maladies goutteuses 1802.
1802 wurde er von Napoleon als erstem Consul nebst Corvisart zum Arzt
des Gouvernements, der höchsten medicinischen Civilstelle der Republik
ernannt. 1805 verliess Barthez Montpellier für immer und begab sich
nach Paris , wo er seine Elements in einer erneuerten Gestalt und mit
zahlreichen Noten vermehrt edirte.
Dieses war seine lezte Arbeit. Er starb 1806, weil er sich an einem
Blasensteine nicht operiren lassen wollte.
Barthez war ein leidenschaftlicher, reizbarer Character. Wie er mit
Enthusiasmus dem Studium sich hingab und alle Fächer des Wissens
eines um das andere ergriff, so sind auch seine Schriften voll von be-
geistertem Feuer, oft muss die Ruhe der Untersuchung einer hinreissenden,
] 90 Di0 Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
inspirirten Beredtsamkeit weichen. Von seinen Collegen und anderen
Schriftstellern, denen er geistig weit überlegen war, duldete er keinen
Widerspruch und wies ihre Angriffe mit der ganzen Heftigkeit seines
Characters und der Energie seines Geistes zurük. Als er an Jahren
zunahm, artete diese Entschiedenheit in Unduldsamkeit und seine Kraft
in Eigensinn aus. Er schmähte nicht nur Solche, die es verdienten,
sondern wurde auch ungerecht gegen Männer, denen er nichts als ihren
Ruhm und ihr Talent vorwerfen konnte, z. B. gegen Bichat. Körperliche
Leiden und Unzufriedenheit mit seinen häuslichen Verhältnissen steig-
erten seine Grämlichkeit und Unzufriedenheit.
Barthez suchte Consequenz und Zusammenhang in die Thatsachen zu
bringen. Sein Hauptwerk : die elements de lasciencede lTiomme kann man
in formeller Beziehung als ein Muster einer allgemeinen Physiologie und
Pathologie bezeichnen. Es enthält eine Menge der trefflichsten Ideen.
Während dieses Werk jedoch gesezgebend in der Schule von Montpellier
wirkte, so fand es anderwärts nur wenig Anerkennung. Die Pariser
Schule, noch mehr die deutsche Physiologie ignorirten es fast vollständig.
Nichtsdestoweniger gelangten manche von seinen Anschauungen auf Um-
wegen in die Wissenschaft. Barthez selbst freilich wurde dabei vergessen
und so rächte sich die Ungerechtigkeit, die er gegen andere Verdienste
übte, an ihm selbst.
Sein grösstes Verdienst liegt in dem geordneten, logischen Geiste,
mit welchem er die Thatsachen zu durchdringen wusste. Neue Beobacht-
ungen und neue Thatsachen finden sich wenige bei ihm; aber er weiss aus
bekannten neue Gesichtspunkte zu eröffnen. Die nakten dogmatischen
Aussprüche der früheren Physiologen haben bei Barthez aufgehört und
überall suchte er seine Ansichten nach allen Seiten zu beleuchten und die
Gründe für seine Annahmen beizubringen. Er sucht aus der Masse der
Thatsachen die Naturgeseze abzuleiten, die ihnen zugrundeliegen.
Seine wesentlichste Idee ist die Aufstellung eines Lebensprincips neben
der denkenden Seele. Die Bewegungen , sagteer, müssen auf zwei Ur-
sachen zurükgeführt werden, die von unbekannter Natur, jedenfalls aber
nicht von mechanischer Wirksamkeit sind: diese beiden Ursachen sind die
Seele und das principe de lavie. Er widersezt sich ausdrüklich jedem Ver-
suche , das leztere zu personificiren , es als eine selbständige Existenz zu
betrachten und sagt, es sei nur ein abstracter Begriff , der Ausdruk für
eine vitale Fähigkeit, deren Wesen unbekannt sei. Doch bemerkt er an
einer anderen Stelle , das Lebensprincip könne zerstört werden ohne be-
merkbare Veränderung in dem Körper, daher sei es wahrscheinlich, dass
Barthez. 191
es eine vom Körper distincte Existenz habe, es sei daher vielleicht etwas
von ihm Getrenntes, wahrscheinlich etwas schon zuvor Vorhandenes. Alle
thierischen Kräfte hängen von diesem einen Lebensprincipe ab, die Ein-
heit zeige sich in der Correspondenz aller Theile, in dem eigentümlichen
Charakter, den die jeweilige Individualität allen Theilen aufdrüke.
Die Verhältnisse der Bewegung hat Barthez seit Borelli am voll-
ständigsten auseinandergesezt, jedoch auch hier mehrere unbegründete
Annahmen beigemischt. So nimmt er z. B. eine active Dilatationskraft
der Muskeln an; da nicht nur die Bewegung, sondern auch die Ruhe
activer Art sei , so lässt er sich zur Annahme einer force de Situation
fixe verleiten.
Ausser den motorischen Kräften nimmt er ferner noch tonische
Kräfte an, durch welche unmerkliche Bewegungen in den Weichtheilen
des Körpers bewerkstelligt werden z.B. in den Gefässen, dem Zellgewebe
der Haut, in den Drüsenkanälen. Sie sind unmerklich, weil sie zu lang-
sam erfolgen.
Der bewegenden Kraft gegenüber steht die Sensibilität. Sie sei nichts
Passives , nicht das bloss Geschehen eines Eindruks auf die Nerven,
sondern eine thätige Kraft des Lebensprincips; sie sei nicht den Nerven
ausschliesslich eigen, ja sie stehe nicht einmal in Proportion zur Menge
derselben.
Auch das Blut enthält nach Barthez Lebensprincip und namentlich
Sensibilität.
Ausführlich behandelt Barthez die Sympathien und bringt eine Menge
von Bemerkungen bei, die von grossem practischen Interesse sind.
Besonders anerkennend hervorzuheben ist aber, dass Barthez bei der
Aufstellung des Lebensprincipes die Unbekanntschaft mit der Natur des-
selben eingesteht , dass er es gewissermaassen als offene Frage behandelt
und er ist der Erste, der diess thut.
Grimaud, Barthez' Schüler, 1750 — 1799, zeigt dieselbe Tendenz, die Grimand.
Geseze der vitalen Phänomene aufzufinden, neigt sich jedoch wieder mehr
zu Stahl hin , indem er eine unbewusste Seelenthätigkeit annimmt und
durch sie die inneren Bewegungen, die thierischen Triebe vermitteln lässt,
welche Barthez von der Seele abgetrennt und dem Lebensprincip zuge-
theilt hatte.
Dumas 1765, von 1791 an Professor in Montpellier, später Präsident Dnmai.
der Schule daselbst, gestorben 1813, arbeitete in Barthez' Sinne, verliess
jedoch die abstracte physiologische Methode desselben, Hess die Einheit
des Lebensprincips fallen und studirte mehr und mit Erfolg das Detail
der Lebenserscheinungen. Er nimmt vier Kräfte im Organismus an : die
192 D>e Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
Sensibilität, die motorische, die assimilirende Kraft und die Kraft des
vitalen Widerstands. Die Krankheiten sucht er in ihre Elemente zu zer-
legen und hat in der allgemeinen Anatomie Bichat vorgearbeitet. Seine
Hauptwerke sind die sehr geschäzten Principes de physiologie in 4 Bänden
und die Doctrine generale des maladies chroniques.
Die Physiologie Im übrigen Frankreich geschah in der Aufhellung der Fundamental-
er . Ursachen und Erscheinungen wenig. Lamettrie, der physiologische
Encyclopadisten. ° ° ' r J b
Theoretiker aus der Schule der Encyclopädisten und Freund Haller's, hat
in seinem l'homme machine, einer phrasenreichen Diatribe ohne Logik
und positive Grundlage, den Versuch gemacht, die psychischen Functionen
auf einen Mechanismus, der im Gehirn realisirt sei , zurükzuführen.
Um nichts gründlicher hat der Verfasser des Systeme de la nature
verfahren, in welchem übrigens der physiologische Theil nur einen unter-
geordneten Abschnitt darstellt.
Der ästhetisirende Ton, in welchen das französische Philosophiren
sich verirrte, und das geniesüchtige Absprechen über unbekannte Ver-
hältnisse, womit man zu glänzen strebte, war ernsten und sorgfältigen
Studien über die Natur des Menschen nicht günstig.
England. In England war man bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts fast aus-
schliesslich den iatromechanischen, zum Theil mit Stahl'schen und Hoff-
mann'schen Ideen gemischten, oder auch Boerhaave'schen Anschauungen
zugethan gewesen, bis es einem Manne von ungewöhnlichem Scharfsinn
und strenger Consequeuz gelang, die Mehrzahl der englischen Aerzte zu
einer geschlossenen Schule zu vereinigen,
cuiien. Wilhelm Cullen, geboren 1712, aus einer armen Familie, trat als
Lehrling bei einem Barbier, später bei einem Apotheker ein, erhielt darauf
die Stelle eines Schiffschirurgen auf einem kleinen Schiff, das er bald
wieder verliess, um sich als Wundarzt in einem kleineu Dorfe nieder-
zulassen. Später sezte er sich in Hamilton , wo er mit Wilhelm Hunter
bekanntwurde. Beide waren junge Leute, arm und voll Wissbegierde.
Sie konnten es nicht ertragen, auf halbem Wege stehen geblieben zu sein,
und entschlossen sich, Alles daran zu sezen, um ihre Studien weiter aus-
dehnen zu können. So verabredeten sie, wechselsweise auf gemeinschaft-
liche Rechnung zu practiciren ; Einer durfte auf der Universität während
eines halben Jahres den Studien leben, während der Andere in Hamilton
blieb und die Kosten bestritt.
So gelangte endlich Cullen zum Doctoriren (1740) und wurde 1746
Cullen.
193
Professor der Chemie in Glasgow, 1751 lehrte er ebendaselbst Median.
1756 wurde er nach Edinburgh versezt, anfangs für Chemie, dann für
Materia medica, zulezt für theoretische und practische Medicin. Er wurde
der beliebteste Lehrer der Hochschule, die durch ihn und seine Collegen
Gregory und Monro bald zu grosser Berühmtheit gelangte. Erst gegen
das Ende seines Lebens wankte seine früher unbestrittene Autorität, in-
dem gerade der unter seinen Schülern , der ihm der liebste war und den
er zum Erben und Vertheidiger seiner Ideen auserlesen hatte , als leiden-
schaftlicher Gegner gegen ihn auftrat. Dieser Schüler war John Brown.
Cullen starb 1790.
Als Cullen in Edinburgh auftrat, herrschte dort fast unbeschränkt die
Boerhaave'sche Lehre, der* sich jedoch einige Friedr. Hoffmann'sche Ideen
über den Nervenäther beigemischt hatten. Cullen selbst war unter Boer-
haave'schen Lehrsäzen aufgewachsen; er sah aber bald den Mangel an
Zusammenhang, die Inconsequenz und die Unrichtigkeit der Boerhaave'-
schen Hypothesen ein. Seine eigene Lehre ist am vollständigsten in seinen
1777 erschienenen „Anfangsgründen der medicinischen Praxis" (first lines
of practice of physic) auseinandergesezt.
Sein oberster Grundsaz ist: Das Nervensystem ist die Quelle des Le- Die Nerven die
bens; von ihm gehen alle Krankheiten aus, alle Heilmittel wirken durch Le™° **° a**r
dasselbe. Mit geringen Ausnahmen verwarf er alle mechanischen und
humoralen Ursachen. Er adoptirte Friedr. HofFmann's Eintheilung der
krankhaften Zustände in Spasmus und Atonie ; aber der Spasmus ist ihm
nicht bloss Uebermaass von Kraft und Tonus, sondern nur das Phänomen
einer irritativen Zusammenziehung, deren Ursache häufig ein Zustand von
Schwäche ist, besonders von Schwäche im Gehirn. Hierdurch kam er
dem wahren Yerhältniss bereits viel näher.
Im Fieber glaubt Cullen annehmen zu dürfen, dass, da der Frost stets
*der Vorläufer sei, er auch die Ursache des Fiebers enthalte. Die wesent-
lichste Erscheinung des Fieberfrostes sei aber Schwäche des Gehirns,
während nur die äussersten Enden der Gefässe in krampfhafter Contraction
sich befinden; der Krampf der Gefässendigungen reize sofort Arterien und
Herz, und so entstehe die Pulsfrequenz, die so lange anhalte, bis der Reiz
aufhöre , bis die Gefässendigungen wieder erschlafft seien und das Gehirn
seine volle Energie wieder erhalten habe. Cullen will hier offenbar sich
eine Vorstellung machen von dem, was beim Fieber vorgeht, im Gegensaz
zu den meisten seiner Vorgänger , die nur untersuchen , was es soll und
will. Doch musste auch Cullen's Versuch misslingcn, da die physiolog-
ischen Prämissen noch völlig unzureichend waren.
Bei der Diagnose und Therapie der Fieber habe man vornemlich
Wunderlich, Geschichte d. Medicin, J3
Krankheiten.
[Fieberlfihre.
194
Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
Entxnndung.
Neurosen,
Cachexien und
topische üebel.
Charakter
der Cullen'schen
Anschauungen.
1) auf die Schwäche selbst, und 2) auf die Reaction des Körpers zu sehen
und je nach dem Ueberwiegen des einen oder des andern Verhältnisses
zu verfahren. Wo die Reaction vorherrscht, nennt er das Fieber eine
Synocha; wo die Schwäche, einen Typhus; doch nimmt er noch eine dritte
Classe an, den Synochus, der aus Synocha und Typhus zusammengesezt
sei, anfangs inflammatorisch verlaufe, später typhös werde, aber unmöglich
genau vom Typhus unterschieden werden könne.
Bei der Behandlung des Fiebers sind nach Cullen folgende drei Indi-
cationen zu beobachten : 1) Mässigung der heftigen Reaction, 2) Hebung
der Ursache der Schwäche, und 3) Verbesserung der Säfte.
Bei der Entzündung ist nach Cullen die wesentlichste Erscheinung
vermehrter Blutandrang in die Gefässe des entzündeten Theiles. Blosse
Stokung nach Boerhaave's Theorie erkläre die Phänomene nicht, vielmehr
bewirken gewisse Ursachen ein Anströmen des Blutes nach einzelnen Ge-
fässpartien. Das Blut mache dort einen Reiz und bewirke einen Krampf
in den kleinsten Arterien.
Ist Congestion und Krampf nur massig stark, so kann die vermehrte
Bewegung des Blutes den Krampf wieder überwältigen, und die Entzündung
heilt durch Zertheilung.
Dasselbe geschieht, wenn künstlich eine Blutentleerung in benachbarten
Theilen eingeleitet wird oder spontan eine Hämorrhagie eintritt.
Eiterung dagegen tritt dadurch ein, dass die vermehrte Blutbewegung
die vasa exhalantia in dem entzündeten Theile erweitere , es ergiesse sich
Serum, welches stoke und sich in Eiter verwandle.
Die Indicationen bei der Entzündung sind : Entfernung der Ursache,
Tilgung der diathesis phlogistica und Hebung des Krampfes.
Ausser Pyrexien (Fieber) und Entzündungen nimmt Cullen weiter an
die Neurosen im engern Sinne, d. h. comatöse Krankheiten, Adynamien,
Krämpfe und Geisteskrankheiten , ferner die Cachexien und die top-
ischen Uebel.
Nur bei Scropheln und Scorbut lässt er eine Säfteveränderung zu ;
bei jenen sei Schärfe der Lymphe, beim Scorbut eine Neigung zum Faul-
werden, aber keine wirkliche Fäulniss, denn solche komme im lebenden
Körper nicht vor.
Cullen ist somit ein ganz entschiedener Nervenpatholog, aber er ergeht
sich nicht in allgemeinen Säzen über abstracte Begriffe, sondern er strebte
aus seiner Lehre practische Consequenzen zu ziehen, sie aufs Concrete
anzuwenden. Er hat noch das weitere Verdienst , dass er sich bemühte,
sich eine plastische Vorstellung von den krankhaften Processen zu machen,
die innern organischen Vorgänge zu begreifen. Er fehlte dabei oft, aber
Cullen. Gregory.
195
auch diese Fehler waren von Nuzen , indem sie anregten, den Gegenstand
immer weiter vom neuem zu betrachten.
Die Darstellung der Krankheiten ist bei Culleu systematisch und bündig.
Cullen's Therapie ist um ein Gutes einfacher, als die seiner Vorgänger, cuiieo's Therapi».
Sie bezieht sich auf durchdachte Tndicationen und auf die Erfahrung, und
bedient sich eines kleinen, gewählten Arzneivorrathes.
Damit stellt er den in seiner Allgemeinheit allerdings unrichtigen
Grundsaz auf, dass die Medicamente auf die Nerven, namentlich die des
Magens wirken, und zwar sei diese Wirkung entweder eine schwächende
oder eine stärkende. Grossen Werth legte er auf diätetische Maassregeln
und in chronischen Krankheiten besonders auf körperliche Uebung und
Vermeidung der Fleischspeisen.
Eine grosse Anzahl der englischen Pathologen schlössen sich Cullen
an. Die Selbständigsten darunter sind Musgrave und Gregory.
Samuel Musgrave schrieb 1776 Speculationen und Conjecturen über
die Qualitäten der Nerven. Er nimmt die Suprematie des Nervensystems
noch in grösserem Umfange an , als Cullen. Auch er lässt alle Krank-
heiten vermittelst des Nervensystems entstehen und alle Medicamente
auf dieses wirken.
Jacob Gregory, geboren 1758, Sohn des John Gregory, des Collegen
von Cullen, war Beider Schüler und erhielt schon sehr früh, noch nicht
18 Jahre alt, die Professur der theoretischen Medicin in Edinburgh. Nach
Cullen's Tode wurde er dessen Nachfolger in der Professur der praktischen
Medicin. Er starb 1822, gehört jedoch vollständig der Cullen'schen Zeit
an, indem sein Hauptwerk „Conspectus medicae theoreticae", das sechs
Auflagen erlebte, schon 1776 erschien. Auch hat er eine Ausgabe von
Cullen's Werk mit Noten versehen besorgt.
Gregory begreift Muskeln und Nerven unter einem Gesichtspunkte als
Genus nervosum. Die Irritabilität ist zwar eine den Muskeln eigene, von
den Nerven unabhängige Kraft; sie ist jedoch von der Nervenkraft nur
durch den Siz, durch das materielle Substrat unterschieden. Er weist
die Schwingungen in den Nerven , die Bewegungen des Nervenfluidums
zurük, weil diess unerwiesene Hypothesen seien. Ausser der lebendigen
Irritabilität nimmt er in den Muskeln noch eine todte elastische Kraft an
und eine tonische Kraft. Diese leztere soll der Ausdehnung des Muskels
widerstehen.
Der Nuzen des Blutes sei , dass es das genus nervosum errege , die
thierische Wärme erzeuge und eine Vorrathsmasse für die Absonderung
sei. Die pathologischen Veränderungen des Blutes seien milchartige
13*
Seine Schüler.
Musgrave.
Gregory.
196 Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
Beschaffenheit des Serum, phlogistische Beschaffenheit, Plethora, Anämie
und Serosität. Die Spissitudo erkennt er nicht an; dagegen glaubt er
an eine Fäulniss im Scorbut, Typhus, kalten Brand und in der Pest. Die
Fäulniss rühre von Ammoniak her, das im Uebermaass gebildet werde.
Er nennt diess Hyperanimalisation.
Gregory erklärt sich gegen saure und alkalinische Schärfe im Blut.
Zwar gibt er das Entstehen verschiedener Schärfen im Blut (durch Ge-
würze und starke Getränke) zu, aber es sei nichts Näheres von denselben
bekannt.
Im Allgemeinen hat Gregory nichts wesentlich Neues geliefert, allein
die Nüchternheit seiner Kritik war etwas Neues. Es war ein hohes Ver-
dienst, dass er die Gehaltlosigkeit der herrschenden Hypothesen ins Licht
sezte. Er gesteht überall gern die Luken des Wissens ein.
Gregory war vom grössten Einfluss auf die englische Medicin und hat
ihr den Sinn für die Nüchternheit , eine gewisse Scheu vor Theorien ein-
gepflanzt. In Deutschland und Frankreich wurde Gregory wenig beachtet.
cuUen's Anhänger Ausserhalb England schlössen sich an Cullen mehr oder weniger an:
auf dem delaRoche in Genf und Paris, 1743 — 1813, entschiedener Nerven-
patholog, Vacca Berlinghieri, Professor in Pisa, der jedoch einzelne
Punkte der Cullen'schen Lehre bekämpfte. Sodann aber fand seine fast
ausschliessliche Berüksichtigung derFesttheile in Krankheiten vornemlich
in Deutschland Eingang.
Die Pathologie in Deutschland.
Deutsche Aus der Irritabilitätslehre Haller's und Winter's, aus dem Nerven-
soiidarpatho- fluidum Hoffmann's und zum Theil unter Mitwirkung der Cullen'schen
logen.
Lehre bildete sich, zumal in Deutschland, eine theoretische Anschauungs-
weise heraus , die bald unter allen Verhältnissen im Organismus nur die
der Festtheile berüksichtigte , und bei diesen selbst weniger auf Bau,
Structur und functionelle Bedeutung Rüksicht nahm , als auf die zwei
supponirten Grundkräfte, die in ihnen wirken sollten, nemlich die Irritab-
ilität und Sensibilität. Haller's Irritabilitätslehre war fast durchaus irrig
aufgefasst worden. Man vermochte sich in jener Zeit noch nicht auf den
phänomenologischen Standpunkt zu stellen, von welchem aus das Phänomen,
sich auf Reize zu contrahiren, d. h. Haller's Irritabilität, als eine be-
stimmte Eigenschaft einer bestimmten Organisation, nemlich der Muskel-
faser, als deren immanentes Phänomen erschien.
Die Meisten sahen vielmehr die Irritabilität als eine virtuelle Existenz,
als ein gesondertes, selbständiges Princip an, welches die Muskeln bewege;
Andere blieben an dem Worte Irritabilität, Reizbarkeit hängen, sagten:
Alles was reizbar ist, was auf eine äussere Einwirkung selbstthätige
ünzer. 197
Aeusserungen zeigt, ist irritabel, und dehnten so den Begriff auf den
ganzen Organismus aus; noch Andere verwechselten die Irritabilität mit
der Energie, zu reagiren, mit der Kraft, äussere Eingriffe zurükzuweisen,
und nahmen sofort im Gegensaz dazu die Sensibilität als jene Constitut-
ionseigenthümlichkeit, bei welcher die äusseren Einwirkungen wohl be-
trächtliche subjective Symptome (Schmerz, Unruhe) hervorrufen, ohne
aber mit Energie zurükgewiesen zu werden.
So führten diese Ausdrüke ein Chaos sich confundirender Vorstell-
ungen ein; von jedem Autor wurden die Begriffe verschieden und immer
schwankender aufgefasst, in jedem xA.ugenblik wurden sie verwechselt. So
kam es, dass man die Entzündung, das Fieber eine Krankheit oder eine
Erhöhung der Irritabilität nannte, den Typhus, das Nervenfieber dadurch
erklärte, dass die Sensibilität mitleide, im Faulfieber die Irritabilität als
gesunken und verloren gegangen ansah. Man sprach von vermehrter
Irritabilität, von specifischen Irritabilitäten und von Einwirkungen gewisser
Arzneimittel auf die Irritabilität.
Damit vermischten sich noch mehr oder weniger dunkle Ideen von
einem allgemeinen Lebensprincip , einer Lebenskraft. Irritabilität und
Sensibilität sollten nur die dualistischen Gegensäze sein, die Pole, in
welche die eine Lebenskraft auseinander gehe. Die Lebenskraft selbst
wurde bald als identisch mit Nervenkraft, bald als etwas Höheres, über
ihr Stehendes gedacht.
Die wenigen bedeutenden Schriftsteller aus dieser autorenreichen,
aber leistungsarmen Richtung sind:
Johann August Unzer, der bedeutendste, orginellste und klarste tn«r.
unter ihnen (f 1799). 1771 schrieb er sein berühmtes Werk: Erste
Gründe einer Physiologie der eigentlichen thierischen Natur thierischer
Körper. Ausserdem übte er einen ungemeinen Einfluss durch die Her-
ausgabe eines populär-medicinischen Journals: „der Arzt", und ihm ist
hauptsächlich der entschiedene Sieg der dynamistischeu Nervenpathologie
in Deutschland zuzuschreiben.
Die thierische Maschine wird, sagt er, nach andern Gesezen bewegt,
als die unorganisch mechanische. Die eigentliche thierische Maschine
seien die Nerven und das Gehirn , welches der Siz der Seele sei. Ihre
Structur mache sie zu den organischen Wirkungen fähig, bringe diese aber
nicht hervor; die übrigen Theile des Körpers seien nur eine physikalischen
Gesezen folgende Maschine.
Unzer sezt bereits ganz bestimmt den Unterschied der centripetalen
Leitung in einzelnen Nervenfäden von der Peripherie zum Gehirn und
der centrifugalen in andern Nervenfäden von dem Gehirn zu den Theilen,
1 98 Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
in welchen sich, wie er sagt, die Seelenwirkungen äussern. Die äussern
Eindrüke sind durch die Empfindungen die Triebfeder für die Vorstellung;
aber auch wenn sie Bewegung veranlassen, wirken durch sie die sensitiven
Nerven auf das Gehirn , und erst durch Vermittlung von diesem wieder
auf die centrifugalen Nerven und die zu bewegenden Theile.
Alle thierischen Wirkungen stehen unter der Subordination der
äussern Eindrüke. Durch diese werden die thierischen Lebenskräfte
unterhalten, und von leztern hänge es ab, dass die Wirkungen hervor-
gebracht werden.
Ausserdem seien aber auch die Wirkungen noch der Seelenthätigkeit
subordinirt, denn der Wille wirke gleichsam als Reiz auf die Bewegungen;
allein die äussern Nerveneindrüke können auch auf die Bewegungen re-
flectirt werden ohne das Mittelglied der Seele; daher sei die Nervenkraft
von der Seele verschieden.
Ueberreizung trete ein, wenn durch öftern und längern Gebrauch die
Lebensgeister verzehrt werden.
Unzer war wirklich ein hervorragender Mann und ein guter Denker.
Er hat am klarsten die Luke, welche die Iatromechanik gelassen hat,
angegeben und das Verhältniss der Mechanik im Körper und der Nerven-
wirkung am schärfsten geschieden. Er kann als einer der ersten Be-
gründer der Nervenphysik angesehen werden. Er hat zwar keine erheb-
lichen neuen Thatsachen aufgefunden, aber er hat alles Vorhandene
resumirt. Sein Verdienst ist namentlich das Streben, eine ähnliche
Gesezmässigkeit für das organische Leben aufzufinden, wie sie für die
mechanischen Vorgänge bereits gefunden war. Indessen waren seine
Begriffe allerdings vielfach unklar, und indem er den reinen Mechanismus
im Leben ganz vernachlässigte, wurde er der einseitige Nervosist. Die
sogenannten vegetativen Thätigkeiten finden bei ihm keine Berüksichtig-
ung, nicht einmal Erwähnung.
Medien». Medicus, „über die Lebenskraft" 1774, hatte ähnliche Ideen. Der
Körper sei eine Maschine , deren Bau die Lebenserscheinungen nicht er-
klären könne. Die Seele erkläre sie aber auch nicht; es müsse also ein
Drittes geben. Dieses sei die Lebenskraft, sie wohne im Gehirn und in
den Nerven. Von den Ganglien rühre die Unwillkührlichkeit und Un-
bewusstheit vieler Lebensbewegungen her.
Schäfer. Gottlieb Schäfer ist in seinen „Versuchen aus der theoretischen
Arzneiwissenschaft" (1782-1784) der Ansicht, dass alle Krankheiten
nur von dem abnorm gereizten Nervensystem herkommen. Wenn Theile
angegriffen werden, welche mehr Empfindlichkeit als andere haben, so
entstehe Fieber. Was man Rohheit des Fiebers nannte, bezeichnet
Deutsche Solidarpathologen.
199
Schäfer als Periode der Reizung, das Stadium der Kochung dagegen als
Periode der Erschlaffung. Die Krisen entscheiden nach ihm nicht die
fieberhafte Krankheit, sondern sie sind oft nur die Folgen und die
Zeichen , dass sie entschieden ist. Die Irritabilität ist nach Schäfer ab-
hängig von der Sensibilität. Die Sensibilität ist ihm dagegen ziemlich
gleichbedeutend mit Lebensprincip überhaupt. Es gibt zwei krankhafte
Verhältnisse der Sensibilität: die erhöhte und die angehäufte. Erstere
entsteht durch ungewöhnliche Reize und hat Erschöpfung zur Folge, die
angehäufte entsteht aus Mangel an Reizen. Auch von Schäfer wird dem-
nach die Sensibilität durchaus als etwas Selbständiges, Existentielles
behandelt und von der materiellen Basis gänzlich abstrahirt.
Blumenbach, der berühmte Physiolog von Göttingen, gab seine Biumenbaeh.
„Institutiones physiologicae" 1786 heraus. Er hat das Verdienst, die
Lebenskraft vielseitiger betrachtet und nicht auf die Nerven eingeschränkt
zu haben. Jedem Organe vindicirt er sein eigenes Leben, während er
dagegen dem Blut Vitalität abspricht (de vi vitali sanguini neganda).
Neben Irritabilität und Sensibilität nimmt er noch eine dritte, plastische,
bildende Kraft an , die Bildungskraft oder Reproductionskraft. Damit
waren die materiellen Phänomene der Ernährung und Umsczung, nach-
dem sie in der gesammten Periode fast ausgeschlossen aus den Anschau-
ungen waren, wieder eingeführt, und es war dies ein grosses Verdienst
Blumenbach's. Freilich war die Aufstellung einer besondern Kraft zu
ihrer Erklärung nicht der richtige Weg, sie selbst kennen zu lernen und
zu verstehen.
Ein Compendium der nervosistischen Solidarpathologie verfasste spreng.
1795 — 1797 Kurt Sprengel. Ohne neue Ideen zu bringen, resumirte
er die Ansichten seiner Schule, allerdings mit einer gewissen Klarheit,
zugleich aber in dürrer und trokener Weise. Doch ist sein „Handbuch
der Pathologie" in drei Theilen für das Studium dieser Richtung, welche
darin ohne Discussion rein dogmatisch dargelegt wird, nicht ohne Werth.
Neben diesen hervorragenden Verfechtern der nervosistischen Theorie Unfruchtbarkeit
tauchten eine grosse Anzahl untergeordneter Köpfe in der Literatur auf. d<
Bei ihnen wird die Verwiklung in abstracte Begriffe, das Hin- und Her-
werfen und Spielen mit Worten geradezu unerträglich. Sie entfernten
sich von dem Felde der Beobachtung, und mit einer unglüklichen Sucht
zur Dialektik stritten sie sich wie die Iatrosophisten des Alterthums über
substanzlose Begriffe und inhaltsleere Worte. Jede noch so absurde
Idee rief eine Masse von Streitschriften hervor, und es ist in dieser
Periode ebensowohl die Abundanz als die Unfruchtbarkeit der Literatur
fast ohne Gleichen.
Discussionen.
200 JDie Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
Das Schlimmste aber war, dass durch diese oft geistreichen, oft
geistlosen, aber immer substanzlosen Streitereien bei den deutschen
Aerzten der Sinn für exacte, objective Beobachtung auf lange zerrüttet
und vernichtet wurde, dass eine Masse von bildlichen Ausdrüken und er-
fahrungswidrigen Ansichten in die ganze Denkweise und in den Sprach-
gebrauch der deutschen Medicin eingeführt worden ist. Und es hat mehr
als zwei Generationen gedauert, bis die deutsche Medicin , nachdem sie
beim Auslande in die Lehre gegangen , von dieser Verwirrung sich zu
erholen anfing.
Humorai- Bei den Theoretikern war die Solidarpathologie geradezu fast allein-
pathoiogie. herrsch.encL Je weniger streng und speculativ die Haltung war, um so
mehr mischten sich humoralpathologische Reminiscenzen ein und
für die gewöhnliche Praxis blieben die Säfte und Schärfen fortwährend
das unvermeidliche und unentbehrliche Verkehrsmittel.
Chr. l . Hofmann. Selbst ein Versuch , theoretisch die Humoralpathologie zu rehabilit-
iren, wurde gemacht von Christoph Ludwig Hofmann (1721 — 1807).
Zwar erkennt er Sensibilität und Irritabilität der Festtheile als die Ur-
sache der Lebensbewegungen; aber die pathologischen Zustände leitet er
von der Entartung der Säfte, ihrer Säure und Fäulniss ab. Besonders
dem leztern Begriff verschaffte er aufs neue Anerkennung. Ohne gerade
entschiedene Schüler zu haben , ja selbst ohne von den Gelehrten be-
achtet zu werden, hatte er doch ziemlichen Einfluss auf die Massen.
Kämpf. Noch weit beträchtlicher aber hat Kämpf nicht nur auf die Vorstell-
ungen der Aerzte, sondern namentlich auch auf die der Laien bestimmend
eingewirkt.
Er hat die Lehre von den Infarcten , d. h. von der Verstopfung der
Eingeweide und der Gefässe des Unterleibs ausgebildet und sieht sie
als die wesentlichsten Grundstörungen zahlreicher Unterleibskrankheiten
und vieler sonstiger Beschwerden am Gegen diese Infarcte, sowie gegen
die Schärfe der Säfte wandte er seine weltberühmten Klystire an. Seine
Ansichten und seine Methode sind dargestellt in der Schrift seines
Sohnes: Für Aerzte und Kranke bestimmte Abhandlung von einer neuen
Methode, die hartnäkigsten Krankheiten, die ihren Siz im Unterleibe
haben, besonders die Hypochondrie, sicher und gründlich zu heilen. 1784.
Derselbe schrieb ausserdem ein beliebtes Enchiridium medicum 1778.
Krankheit». Die Zeit der bewegten Theorien hat noch ein anderes beachtens-
werthes Product hervorgebracht, welches von Manchen als die Spize der
classifica'
tionen.
Krankheitsclassificationen. 201
wissenschaftlichen Medicin angesehen wurde: die Classification der
Krankheiten.
Der Gebrauch, die Krankheiten unter Ordnungen und Classen zu
rubriciren, stammt aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Zuvor hatte man
einzelne Krankheiten oder Krankheitserscheinungen, von denen man
etwas zu sagen wusste, monographisch beschrieben oder ungezwungen
aneinandergereiht, höchstens einzelne Hauptformen, acute und chronische
Krankheiten, Fieber, Entzündungen etc. abgetheilt oder die Affectionen
nach ihrem Siz in verschiedenen Organen geordnet.
Indessen machten die Versuche der Botaniker, ihre Pflanzen zu
systematisiren, auch bei einzelnen Aerzten den Wunsch rege, eine ähn-
liche Ordnung zu haben; und schon Sydenham hatte dieses Ziel als ein
sehr werthvolles bezeichnet.
Zuerst ergriff Sau vages diese Idee. Während eines 15monatlichen saures.
Aufenthalts in Paris an einem Augenübel leidend (1730), fasste er den
Gedanken, die Krankheiten, genau geschieden nach Species und Genera,
in Classen zu ordnen, wie die Botaniker die Pflanzen. Er theilte seinen
Plan ßoerhaave mit, der ihn lobte, aber die Schwierigkeiten nicht ver-
schwieg. Troz dessen verfolgte Sauvages seine Idee mit dem grössten
Eifer, studirte alle Bücher, deren er habhaft werden konnte, consultirte
die erfahrensten Aerzte, sammelte von allen Seiten Materialien und Hess
nach angestrengter Arbeit schon 1731 sein Traite des classes des
maladies erscheinen. Nachdem er hierauf über 30 Jahre lang in anderen
Richtungen in Montpellier thätig gewesen war, verbesserte er seinen
ersten Versuch und gab 1763 seine ausführliche Nosologia methodica
sistens morborum classes, genera et species juxta Sydenhami mentem et
botanicorum ordinem heraus. So war das erste Classifikationssystem die
Frucht sehr ernster Studien und Meditationen.
Sauvages stellt als Begriff der Species fest, es gebe so viele Species,
als individuelle Aehnlichkeiten der Krankheiten; doch sagt er ausdrük-
lich, Genera und Species seien nur abstracte Begriffe.
Neben der symptomatischen Specification lässt er ausdrüklich auch
eine ätiologische und anatomisch-organische zu und macht selbst in
beiden einen kurzen Versuch. Er zieht aber die symptomatische vor,
weil die beiden andern nicht durchzuführen seien.
In diesem symptomatisch angeordneten Systeme stellt er 295 Genera
morborum auf mit etwa 2400 Species und theilt sie in 10 Classen, jede
mit mehreren Ordnungen.
Indessen hatte Linne durch sein schärferes System der Pflanzen das L»nnö.
202 Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
grösste Aufsehen erregt und stimmte dadurch die ganze Naturforsehung
und namentlich die Aerzte günstig für die Classification.
Er selbst versuchte sich auch, wiewohl ohne Glük, im Classificiren
der Krankheiten und Hess 1763 die Genera morborum erscheinen, deren
er 325 aufstellt. Er sagt bereits, die exanthemathischen Krankheiten
seien Wucherungen auf dem Körper, parasitische Gebilde. Sein System
erhielt nirgends Beifall.,
weitere ciassi- Nim folgten von allen Seiten neue Systeme : von Vogel, Sagar, Cullen,
ficatiomversuche. _, _. . , _. . , „,
Mac Bride, Daniel, Plouquet.
In Kurzem war die ganze Krankheitslehre botanisch eingetheilt. Erst
kamen die Classen-Charactere, dann die Ordnungs-Charactere, sofort
die Zeichen des Genus. Jede Krankheit musste neben dem Genus-Namen
noch einen Species-Namen führen. Schon fing man an, bei jeder Species
auch sämmtliche Synonyma mit beigefügten Autoren nachzuschleppen.
Die Beschreibung der Krankheit selbst wurde ganz im botanischen Styl
gehalten, und man fing an, sich dem Wahne hinzugeben, dass man damit
den lezten Grad der Wissenschaftlichkeit erreicht habe.
Beurtheiinng der Es ist zuzugeben , dass diese Einführung der Classification in die
Bestrebungen, descriptive Pathologie in der damaligen Zeit nicht ohne Nuzen war. Bei
der grossen Sprachverwirrung, welche eingerissen war und bei der Will-
kür, mit der man mit den elastischen Worten und Begriffen verfuhr, war
die Herstellung einer noch so künstlichen Ordnung und namentlich die
Fixirung der Terminologie und der Nachweis der synonymen Bedeutung
verschiedener Ausdrüke ein nicht unbedeutendes Verdienst. Es war die
Classensystematik der erste Versuch, eine wissenschaftliche Form dem
factischen Material zu geben und dadurch hat sie wirklich einem Bedürf-
niss entsprochen.
Die Krankheitsspecification hat ferner dazu beigetragen, manche Vor-
gänge, die man früher viel zu allgemein und obenhin betrachtet hatte,
näher in ihrem Detail zu verfolgen, und indem sie die Luken des Systems
und damit des Wissens aufdekte, trieb sie dazu, sie auszufüllen.
Hierin liegt die gewichtige historische Bedeutung des classificator-
ischen Nosologismus.
Aber die Nachtheile des Verfahrens waren noch überwiegend:
1) Zunächst bedarf die Classificirung als Grundlage vor allem die
Specification. Diese hat allerdings auch ihren Nuzen: sie dient zur
Orientirung, sie gibt dem Geist einen Ruhepunkt und macht es ihm mög-
lich, Abstractionen in concreten Ausdrüken darzustellen. Aber gerade
dadurch täuscht sie und führt irre, dass sie etwas Abstractes für ein
Beurtheilung der classificatorischen Bestrebungen. 203
Concretes gibt, dass sie den psychologischen Process vergessen lässt,
durch welchen ihre Species aus den einzelnen concreten Fällen abstrahirt
wurden und dass sie der Natur Grenzen anlegt, die ihr fremd sind, sie in
Felder theilt, in deren künstlich regulärem Ebenmaass ihr Character,
die Mannigfaltigkeit, verloren geht.
2) Ebenso ist die Aufstellung der abstrahirten Genera verderblich
und leitet irre. Ihre Charactere müssen entweder dürftig oder ungenau
und unwahr sein ; und da sie im ersten Fall sich selbst aufheben , so ist
es nahe liegend, in den zweiten Fehler zu verfallen. Man überträgt nun
die imaginären Genuscharactere auf die einzelnen Species und eine mehr
oder weniger unwahre Vorstellung von Lezteren fixirt sich dadurch.
Dasselbe gilt von den Ordnungs- und Classen-Characten.
3) Spricht der Classificant von Dingen, von denen er nichts weiss,
von Krankheiten, die er nicht kennt. Da kein Classificant unvollständig
sein und eine Species übergehen will, die sein Vorgänger bemerkt hatte^
so erben sich von System zu System eingebildete Krankheiten, die zulezt
60 viel Credit erlangen, als die wirklich existirenden.
4) Sehr häufig geschieht es, dass eine und dieselbe Krankheit in zwei
verschiedenen Systemen etwas diflerent beschrieben wird; das dritte
System hält sie nun für zweierlei Krankheiten und stellt sie neben
einander.
5) Oft geschieht es, dass die Erfahrung Luken in dem System lässt,
die unangenehm empfunden werden. Man ergänzt sie nun , wie man sie
ungefähr sich möglich denkt; man macht aphoristische imaginäre Krank-
heiten, wie sie etwa sein könnten, oder man hält sich im besten Falle an
irgend einen zweifelhaften Fall. So haben sich viele Species in den
älteren Systemen auf eine einzige Beobachtung, überdem oft von wenig zu-
verlässigen Gewährsmännern, gestüzt.
6) Man schliesst aus dem systematischen Namen der Krankheiten,
aus ihrer Stellung im Systeme auf ihre Symptome , auf ihr Wesen , ihre
Bedeutung. So hat man aus dem Namen der Krankheiten aphoristisch
die Zeichen nicht selten festgesezt. Erst die spätere Untersuchung hat
häufig gezeigt, dass solche Erscheinungen, z. B. Schmerz bei einzelnen
Entzündungen, durchaus nicht wesentlich sind.
7) Man pflegt nur gewisse sogenannte normale Vorgänge in Krank-
heiten zu beschreiben und übersieht dabei die Zwischenglieder. Man
findet dann , dass die Beobachtung am Krankenbett dem vorausgesezten
Bilde nirgends entspricht.
8) Es fixirt sich die verkehrte Aufgabe, für die Diagnose den Krank-
heitsuamen zu finden, aus gewissen leitenden Symptomen das Systembild
204 Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
zu erkennen , mit dem der vorliegende Fall die meiste Aehnlichkeit hat,
und doch ist die richtige Aufgabe der Diagnose, den Zustand des Kranken
in seiner Gesammtheit zu erkennen, eine Aufgabe, die von den Class-
ificanten systematisch hintangesezt wird.
9) Die schlimmste Wirkung aber ist, dass schon durch die Specifi-
cation und noch mehr durch die Classification das Missverständniss, die
Krankheiten für Dinge und selbständige Existenzen zu halten , genährt
und befestigt wird. Die populären Ontologien werden dadurch wissen-
schaftlich sanctionirt; man stellt die Krankheiten den Pflanzen undThier-
species gleich und es ist damit nur ein kleiner Schritt, sie geradezu für
schmarozende Organismen am Organismus zu halten.
10) Ein grenzenloser Schlendrian endlich wird in der Therapie durch
die Systematik eingeführt. An den Krankheitsnamen knüpfen sich nicht
nur Indicationen, sondern einzelne Medicamente. So wird methodisch die
Gedankenlosigkeit im Beobachten und im therapeutischen Verfahren durch
die Systeme gepflegt.
Es war die Classensystematik die erste Unternehmung, eine wissen-
schaftliche Ordnung in die Pathologie einzuführen. Auf einer rohen Stufe
des Wissens war die Classification als Mittel, das Material äusserlich
übersichtlich zu machen, zulässig. Bei vorgeschrittener Einsicht jedoch
muss auf diesen Nothbehelf als einen unnatürlichen verzichtet werden. Es
ist dann aber auch möglich, das provisorische Gerüste wieder zusammen-
zuschlagen, ohne die indess gewonnene innere Ordnung zu stören.
Resnme der Diess ist die Geschichte der theoretischen Medicin in den ersten
theoretischen vier Fünfteln des 18. Jahrhunderts, einer Periode, ausgezeichnet wie keine
Bestrebungen °
der zeit und andere durch die Betheiligung zahlreicher hervorragender Talente an den
Begründungsversuchen einer medicinischen Theorie. Es ist von Inter-
esse, den allgemeinen Character und die Enderfolge dieser lebhaften Be-
strebungen und vielgestalteten, oft sich widersprechenden, aber auch viel-
fach verflochtenen Vorstellungen sich zu vergegenwärtigen.
Es wäre ebenso ungerecht als irrig, diese offenbar wohlgemeinten An-
strengungen, die Geheimnisse der Natur durch Nachdenken zu ergründen,
für schlechtweg unberechtigte Spielereien einer in Conjecturen sich ge-
fallenden Phantasie, ohne Weiteres also für Producte einer Wahnmedicin
zu erklären.
Es dürfte vielmehr unbedingt gestattet sein, in diesen zum Theil ver-
quälten Bemühungen eine unvermeidliche Durchgangsperiode der Entwik-
lung zu erkennen, welche nicht nur unerlässlich war, um aus der früheren
Rohheit, Befangenheit und Schwerfälligkeit des Denkens zu freieren, um-
i hr es
Werth es.
Theoretische Bestrebungen. 205
sichtigeren, aber auch schärferen Anschauungen sich zu erheben, sondern
welche überhaupt durchgemacht werden musste, damit die Aufgaben, die
Methode und die Grenzen der Meditation sich feststellen konnten. Es
waren diese theoretischen Uebungen eine geistige Gymnastik, bei der
viele an sich werthlos scheinende Kraftanstrengungen aufgewendet wurden,
die aber doch sämmtlich dazu beitrugen, nach allen Seiten die Fertigkeit
des Nachdenkens auszubilden und auf zahlreichen Punkten die Zuläng-
lichkeit der Speculation auf die Probe zu stellen.
Die Theoretiker des 18. Jahrhunderts haben sich an die höchsten
Fragen gewagt, aber allerdings dabei dem Baconischen Grundsaz des An-
steigens auf einer Leiter, an der keine Sprosse fehlen darf, nicht ent-
sprochen. Nichtsdestoweniger sind ihre Meditationen in dieser Hinsicht
nicht ganz fruchtlos gewesen, und wenn auch die Theorie am Schlüsse der
Periode in eine allgemeine Confusion der Worte und Begriffe sich ver-
wikelt hat, so blieb doch für immer der Gewinn, dass einige Hauptprob-
leme der Wissenschaft aufgeworfen, andere selbst nicht unbedeutend ge-
fördert worden sind.
Vor allem hatte man die Besonderheit und innere Einheit des Organ-
ismus erkannt. Man begriff sehr gut, dass die "Vorstellungen, die man sich
von dem Organismus überhaupt machte, die Anschauungen und Ideen
über einzelne Vorgänge an demselben beherrschen.
Die einfache Uebertragung mechanischer und chemischer Verhältnisse
auf das Geschehen im Organismus wurde ziemlich allgemein als unzu-
länglich erkannt und zurükgewiesen ; doch kamen nur Einzelne schon auf
das Extrem, den mechanischen und chemischen Gesezen im lebenden
Körper überhaupt alle Giltigkeit abzusprechen. Die Meisten erkannten
noch an, dass Vorgänge jener Art auch im Organismus realisirt seien und
nur über den Umfang derselben war man vielfach verschiedener Meinung.
Dabei ist das allgemeine Streben nicht zu verkennen, auch für die
nicht als mechanisch oder chemisch angesehenen Vorgänge im lebenden
Körper in ähnlicher Weise, wie die Physik die Geseze der Mechanik fest-
gestellt hatte, die leitenden Geseze aufzufinden.
Man analogisirte diese Vorgänge mit ziemlichem Rechte den Beweg-
ungen und hoffte und trachtete , das Geheimniss dieser organischen Be-
wegung ebenso zu enthüllen, wie es der Physik in jener Zeit mit den Be-
wegungen der todten Natur gelungen war.
Anstatt aber zunächst die einzelnen Vorgänge selbst zu untersuchen,
wendete man sich mit ungestümer Begierde der Frage nach dem lezten
Motive dieser organischen Bewegungen zu. Die Zurükführung sowohl der
Einheit im Organismus als der Quelle aller Vorgänge in ihm auf ein
206 Di0 Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
Princip beschäftigte aufs Lebhafteste alle Theoretiker der Zeit. In dieser
Hinsicht kann die ganze Periode als ein Kampf zwischen der Stahl'schen
Annahme einer selbständigen Seele als Princip des Organismus und der
Hoffmann'schen Zurükführung der Lebensthätigkeiten auf ein den ausser-
organischen Substanzen mehr analoges Nervenfluidum (Aether) angesehen
weiden. Im Laufe der Discussion verloren jedoch beide Systeme ihre
obersten Säze. Die animistische Spize des Stahl'schen Systems musste
ebenso fallen, als die hypothetische fluide Natur des Nervenprincips, wie
sie Hofl'mann angenommen hatte. Vom ersteren Systeme blieb dagegen
das Postulat eines einheitlichen, den ganzen lebenden Körper beherrsch-
enden Princips, vom andern Systeme die Verlegung seiner Wirkungen in
die Nerven, als die beherrschenden Organe.
Hatte man die Abhängigkeit der Functionen und des Verhaltens des
Körpers von dem unmittelbaren seelischen Eingreifen auch nicht anerkannt,
so hielt man doch im Allgemeinen an einem Einflüsse der psychischen
Individualität auf leibliche Vorgänge fest. Man hatte %as Bedürfniss eines
Mittelglieds zwischen Körper und Geist; aber man fühlte auch, dass man
hier vor Geheimnissen angekommen sei, die keine Ergründung zulassen.
Immerhin dachte man sich, dass dieses Mittelglied zwischen der seel-
ischen und körperlichen Natur die Thätigkeiten der lezteren beherrsche
und da das Nervenfluidum Hoffmann's als nicht nachweisbar zurükgewiesen
war, so versuchte man die Quelle der Lebenserscheinungen in ähnlicher
Weise sich begreiflich zu machen, wie die Mechanik die Ursache der Be-
wegungen von einer supponirten Kraft, der Schwerkraft ableitet. Man
dachte sich als den lezten Grund des organischen Geschehens eine ähn-
liche, dem Organismus inhärente und ihn characterisirende, von der Seele
geschiedene Kraft und nannte sie schlechthin die Lebenskraft.
Aber bereits machten sich von zwei Seiten her Einwendungen gegen
den Werth und die Giltigkeit dieser zur Erklärung der Lebenserschein-
ungen supponirten Kraft bemerklich. Barthez wies daraufhin, dass der
lezte Grund des Lebens überhaupt etwas Unerforschliches sei und mehrere
Andere sprachen aus, dass die Annahme einer einzigen Kraft zur Deutung
der Phänomene nicht ausreiche.
Der Versuch, durch Theilung der Lebenskraft in mehrere einzelne
Kräfte die Verhältnisse einsichtlicher zu machen, wurde wiederholt unter-
nommen. Aber wenn schon die Lebenskraft ein jeder klaren Vorstellung
entrüktes Abstractum war, so musste man die abstracte Natur solcher
Detailkräfte nur um so schroffer empfinden, je mehr an sie mit dem Her-
eingezogenwerden in specielle Lebensactionen auch der Anspruch einer
exacten Bestimmung wuchs und unabweisbar wurde.
Theoretische Bestrebungen. 207
Die Verwirrung, in welcher man sich mit den Ausdrüken Sensibilität
und Irritabilität verlor, schien jede Aussicht auf eine Verständigung der
Verhältnisse immer ferner zu rüken.
Man sah vollkommen ein, dass die Lebensthätigkeiten in einem anderen
Modus von statten gehen, als die gemeine Bewegung und dass auch die
Aussenwelt sie durch andere Mittel in Gang bringt, und mau suchte nach
einer Formel, durch welche diess anschaulich gemacht werden konnte.
Doch gelang es noch nicht, eine solche zu finden. Es fehlte an einem die
Losung gebenden Gedanken oder auch nur Worte!
Die Rolle der einzelnen Theile bei den Lebenserscheinungen festzu-
stellen, wurden mehrfache wichtige Anfänge gemacht. Vornemlich hat
Haller nicht nur die Functionen der verschiedenen Organe sorgfältig aus-
zumitteln versucht, sondern er hat durch die Auffindung einer besondern
an die Structur der Muskeln gebundenen Eigenschaft einen grossen Schritt
zur Aufklärung über die Eigenthümlichkeit der Leistungen specieller Ge-
webe gethan. Ebenso wurde mit grösserer Genauigkeit die Fähigkeit der
Nerven, Empfindung zu vermitteln, nachgewiesen und selbst die Thatsache
einer Leitung in verschiedener Richtung nach dem Laufe der Nerven
aufgefunden.
Dass ausser den groben Verhältnissen der Theile auch noch eine Ver-
schiedenheit in ihrem feineren Bau bestehe und dass die Charactere des-
selben in verschiedenen Organen des Körpers sich wiederholen können,
mit andern Worten die histologischen Eigenthümlichkeiten und Differ-
enzen hat zuerst Bordeu anerkannt.
Die Anomalien der Festtheile, aufweiche überall in Krankheiten das
Hauptgewicht gelegt wurde, finden sich meist in der Weise aufgefasst, das
bei ihnen einfache Steigerung oder Verminderung stattfinde; doch trifft
man bereits Ideen, dass in solchen qualitativen Abweichungen die Krank-
heit allein nicht bestehen könne.
Die Vorstellungen über die Säfte des Körpers läuterten sich, wenn
auch nicht vollständig, doch grösstentheils. Die Cardinalsäfte der früheren
Perioden verloren mehr und mehr ihren Character als Grundlagen der
Crasis im gesunden und kranken Zustande. Namentlich wurden die
schwarze Galle und der Schleim grösstentheils mit Stillschweigen über-
gangen. Die Anomalien der Galle wurden eher gewürdigt, doch nur in
derselben Weise, wie Störungen der Ausscheidung des Schweisses, des
Harnes und selbst anderer Secrete. Das Blut allein und allenfalls die
Lymphe galten als Flüssigkeiten , welche der Siz einflussreicherer Stör-
ungen werden können und man trachtete bereits in objectiver Weise, so-
weit es die dürftigen Hilfsmittel zuliessen, die Veränderungen des Bluts
208 Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
in Krankheiten festzustellen. Die Schärfen wurden in der Theorie nur
noch als eine Art Concession geduldet und gelegentlich angeführt; die
Plethora dagegen fand allgemeinere Anerkennung. Ueberall wurden aber
die Anomalien der flüssigen Theile des Körpers mehr als Ursache der
krankhaften Erscheinungen, oder als Folgen der Störungen, denn als
wirkliche Krankheiten angesehen und höchstens nur bei einzelnen Constit-
utionsaffectionen ausdrüklich der Hauptaccent auf die Beschaffenheit des
Blutes gelegt.
Ueber die Hergänge in den Krankheiten fing man an sich Vorstell-
ungen zu machen, die zwar an einzelne Thatsachen anknüpften, aber doch
vielfach nur aus Phantasien bestanden. Indessen begann man doch, dem
Gesezmässigen in dem krankhaften Verhalten ernstlich nachzuforschen.
Die Processe, welche in dieser Hinsicht mit besonderer Vorliebe verfolgt
wurden , waren die Entzündung und das Fieber. Bei beiden fing man
wenigstens an , einzelne Theile des Processes für sich der Meditation zu
unterwerfen.
Das Bedürfniss einer Ordnung des bereits sehr angeschwollenen Ma-
terials trat allgemein hervor, und wenn es bei Vielen durch die Aufstellung
strenger Systeme sich äusserte , so ist dabei der Richtung der Zeit und
der Naturwissenschaften Rechnung zu tragen.
Noch ist hervorzuheben, dassim 18. Jahrhundert, wenigstens in dessen
erster Hälfte die theoretische Discussion eine gewisse maasshaltende
Würde zeigte, dass die Einzelnen eine früher oder später häufig zu ver-
missende Bescheidenheit und Anständigkeit an den Tag legten , dass es
ihnen offenbar um die Sache und nicht um egoistische Vortheile zu thun
war und dass somit diese Zeit bei allen Missgriffen einen wohlthuenden
Eindruk macht. Unter den Missgriffen war vielleicht der schlimmste, dass
die Berechtigung der schlichten Kritik nicht verstanden wurde , dass es
vielmehr allgemeines Vorurtheil war, es müsse Jeder, der die Ansichten
eines Andern verwerfe oder als ungegründet nachweise, seinerseits eine
Theorie an die Stelle der bekämpften sezen. Dieser durchgreifende Irr-
thum hat wohl wesentlich dazu beigetragen , dass die tüchtigsten Kräfte
im Ersinnen von Hypothesen vergeudet wurden.
Die Versuche und Erfolge der reellen Forschung und die
Forichun*»n. ärztliche Praxis im Zeitalter der Aufklärung.
Das 18. Jahrhundert war nicht nur hervorragend durch seine theoret-
ischen Bemühungen. Ebenso, selbst noch in höherem Grade ausgezeichnet
ist der Eifer und der Erfolg, mit welchem man die sachlichen Verhältnisse in
Krankheiten durchforscht und die Masse des positiven Wissens vermehrt
Reelle
Reelle Forschungen. 209
hat. Es gibt keine Periode in der Medicin, in welcher in solcher Zahl
begabte Männer der angestrengtesten Forschung sich zuwandten, keine
aber auch, welche an bedeutenden Erfolgen und Entdekungen dem 18.
Jahrhundert gleichkäme.
Auf allen Punkten des Stoffs wurden Untersuchungen angeknüpft und
zum Theil bis zu höchst werthvollen Resultaten fortgeführt. Im Anfang
des Jahrhunderts sind diese Forschungen noch vereinzelt. Die thatsäch-
lichen Untersuchungen wagen noch kaum, unter den Theorien sich zu er-
heben ; aber schon in der Mitte des Jahrhunderts ist der Werth der
positiven Forschung allgemein anerkannt, ist man fast auf allen Punkten
Europa' s mit derselben eifrigst beschäftigt, und mit dem Ende des zweiten
Drittels des Jahrhunderts ist geradezu der positive Inhalt der Wissen-
schaft nach allen Richtungen regenerirt.
Man erhielt sich hiebei eine bemerkenswerthe Unbefangenheit und
Unabhängigkeit von den herrschenden Theorien. Die Stimmen aus dem
vorhergehenden Jahrhundert, welche die Unvereinbarkeit und Unverträg-
lichkeit von Theorie und Praxis ausgesprochen hatten, scheinen zur Wirk-
ung gekommen zu sein. Bei aller Achtung, die man den theoretischen Be-
strebungen zollte, liess man sie bei den reellen Untersuchungen völlig bei
Seite liegen und der unwillkürliche Einfluss, dem man sich begreiflich
ganz nicht entziehen konnte, blieb doch ein sehr geringer.
Dabei wurden die Aerzte jener Zeit von einem bewundernswürdigen
Tacte geleitet, der sie nicht nur überall auf die zunächst werthvollen
Punkte hinführte, sondern ihre Anschauungen troz der mangelnden Klar-
heit der Principien grösstenteils in einer richtigen Bahn erhielt.
Eine Anzahl von Männern wandte sich mit grossem Eifer der sorg-
samen Detailforschung zu und monographische Arbeiten von überrasch-
ender Vollständigkeit waren die Resultate ihrer Bemühungen; andere
hatten mehr umfassende Tendenzen und wussten den verschiedensten Ge-
bieten wichtige Entdekungen abzugewinnen ; noch andere suchten , frei
von Theorien , eine geläuterte Erfahrung am Krankenbett oft mit Hin-
weisung auf Hippocrates und Sydenham zu cultiviren.
Mehrere von denjenigen, welche in der Theorie der Wissenschaften
sich einen Namen machten, erscheinen auch auf dem practischen Gebiete
in emsiger Arbeit. Hier sind sie nüchterne, sorgfältige Beobachter, und
die Gewandtheit des Geistes, welche sie bei ihren Speculationen bewiesen
hatten, kommt ihnen auch bei der Behandlung des empirischen Materials
zu gute. Fr. II offmann steht hier oben an. Ausserdem zeichneten sich
auch einige Anhänger Boerhaave's und der Wiener Schule durch die Förd-
erung des reellen Inhalts der Wissenschaft aus.
Wunderlich. Geschichte d. Modicin. ]4
210
Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
Pathologische
Anatomie.
Es liegt in der Natur der Sache, dass die Detailleistungen, wo sie so
massenhaft auftreten, wie im 18. Jahrhundert, sich nur andeuten lassen.
Eine genaue Darlegung der einzelnen Fortschritte und Bereicherung könnte
nur durch ein monographisches Eingehen in das Detail selbst erreicht
werden. Doch ist wenigstens eine übersichtliche Darlegung der reellen
Forschungen für das Verständniss der Zeit unumgänglich.
Vor allem war es die Vorliebe für die Feststellung der Veränderungen
der Organe, für die pathologische Anatomie, welche das Jahrhundert aus-
zeichnete. Doch ging man allenthalben dabei mehr auf Einzelfälle , ver-
glich die Störungen der Organe , welche die Leiche aufwies , mit den
Symptomen während des Lebens im einzelnen Fall. Generelle Resultate
daraus zu ziehen, wagte man noch nicht. Daher blieben auch die path-
ologisch-anatomischen Kenntnisse noch von geringem Einfluss auf die
Krankheitsbeschreibung, die durch jene nicht geleitet, sondern nur er-
läutert wurde.
Eine reiche pathologisch anatomische Casuistik findet sich in den Ver-
öffentlichungen der zahlreichen Academien, in dem um die Mitte des Jahr-
hunderts sich entwikelnden wissenschaftlichen Journalismus, und zerstreut
in den Mittheilungen der ärztlichen Practiker und der Chirurgen.
Einige hervorragende Männer, theils Anatomen, theils Aerzte, theils
Chirurgen haben jedoch die pathologische Anatomie zum Hauptgegenstand
ihrer Forschungen gemacht.
Lancisi, im Anfange des Jahrhunderts, hat zuerst durch sorgsame
anatomische Untersuchungen eine einzelne Frage, die Ursache des plöz-
lichen Todes zu beantworten gesucht: de subitaneis mortibus libri duo
1707, und dabei eine grosse Menge von Thatsachen über Veränderungen
des Gehirns und anderer Theile beigebracht. Er zeigte , dass Gefäss-
und Herzzerreissungen, sowie Krankheiten der Nervencentra die häufigsten
Ursachen des schnell eintretenden Todes seien.
Albinus (de anatomeerroresdetegente inmedicina 1723) und Vater
(de anatomes utilitate in eruendis causis occultis morborum vel mortis
subitaneae 1723) haben der pathologisch anatomischen Forschung einen
weiteren Impuls gegeben. Vater gab ausserdem 1750 ein pathologisch
anatomisches Museum heraus.
Von noch grösserer Bedeutung war Senac'sFasciculus observationum
medicochirurgicarum, in welchem er auf die Wichtigkeit der Kenntniss
auch unheilbarer Krankheiten hinweisst und zeigt, wie dieselbe für den
Arzt und für das Wohl seiner Kranken ebenso unerlässlich sei als die
Kenntniss der heilbaren.
Morgagni. 211
Alle Andern überragte aber Job.. Bapt. Morgagni, geboren 1682. Morgagni,
Er studirte unter Alber tini und Valsalva und wurde von 1701 an des
Lezteren Assistent und Stellvertreter. In dieser Zeit erschienen seine Ad-
versaria anatomica, welche noch die Normalanatomie zum Gegenstand
haben, aber auch 1712 eine nova institutionum medicarum idea. 1715
wurde er Professor der Anatomie zu Padua, wo er zahlreiche anatomische,
pathologisch anatomische, legalmedicinische, practische Schriften, aber
auch Abhandlungen über Gegenstände anderer Wissensgebiete < (z. B.
Archäologie) herausgab. In seinem 79. Lebensjahr erschien sein be-
rühmtestes Werk : de sedibus et causis morborum per anatomen indagatis
1761. Es ist das Hauptwerk über pathologische Anatomie aus dieser ganzen
Periode. Morgagni starb 1772.
Er hat in genannten Werken eine sehr grosse Anzahl interessanter
Thatsachen der anatomischen Pathologie niedergelegt und mit grossem
Scharfsinn und feinem Urtheil besprochen^ Manche der Fälle sind freilich
nicht von ihm selbst, die Krankheitsgeschichten überdem meist ihm von
den Aerzten mitgetheilt und diess mindert allerdings den thatsächlichen
Werth des Materials und macht erklärlich , dass manche ohne Zweifel
unrichtige Angaben mit unterlaufen.
Die Fälle selbst sind mit grosser Sorgfalt erläutert; seine umfassende
Gelehrsamkeit gestattete Morgagni, die gesammte vor ihm voVhandene
Casuistik mit seinen Beobachtungen zu vergleichen. Ueberall will er
ausdrüklich nur auf die Facta Gewicht gelegt wissen. Die Theorien freilich
drängten da und dort unmerklich auch bei ihm sich ein.
Ein erstes grosses Verdienst von Morgagni ist , dass er überall sucht,
die Differenzen zwischen normalen und abnormen Zuständen der Organe
festzustellen, ein Unternehmen, was für die damalige Zeit, in welcher noch
allenthalben Zweifel über die Grenzen des pathologischenVerhaltens bestehen
mussten, von grösstem Werth war. Schon darum allein ist Morgagni als
derjenige anzusehen, der die Basis der pathologischen Anatomie gelegt hat.
Weiter aber stellt er zuerst in entschiedener Weise sich die Aufgabe,
auf anatomischem Wege nach Ursachen und Siz der Krankheiten zu suchen.
Er erkennt dabei recht wohl die natürliche Grenze dieser Untersuchungs-
weise und ist in hohem Grade vorsichtig in seinem Vorgehen.
Er hat die anatomischen Veränderungen vieler Organe in einer sorgfält-
igen und alle seine Zeitgenossen wesentlich an Schärfe überragenden Weise
dargestellt und dabei nicht bloss wie die meisten vor ihm auf Seltenheiten
seine Aufmerksamkeit gerichtet, sondern gerade auch die gewöhnlichen
Vorkommnisse mit Genauigkeit beschrieben.
Sodann suchte er aber auch die Symptome der Krankheiten mit den
14*
212 Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
organischen Veränderungen in Einklang zu bringen , indem er an die ge-
wöhnlich vorkommenden symptomatischen Verhältnisse die anatomischen
Befunde anknüpft, um jene aus diesen zu erklären. Selbst therapeutische
Excurse rinden sich vielfach bei ihm.
Kurz Morgagnis Werk enthält mit Ausnahme der Verfolgung der
Processe alle Aufgaben der pathologischen Anatomie und entspricht ihnen
in einer für den ersten Versuch bewundernswerthen Weise.
Die Zugänglichkeit seiner gehaltvollen Erfahrungen ist nur durch die
unglükliche, wenig handliche Form der Briefe bedeutend erschwert. Diese
Form sezt eine grosse Vertrautheit mit dem Werke voraus, wenn es zur
raschen und augenbliklichen Belehrung benüzt werden soll, und lässt auch
in dem Studium desselben leicht ermüden; denn obgleich viele der in den
Briefen umständlich erörterten Punkte für eine vorgeschrittene Periode
der Wissenschaft wenig Interesse mehr haben, zum Theil nur eine Polemik
gegen längst gefallene Ansichten geben, so nöthigt doch die Form der
Darstellung, dieselben nicht zu übergehen.
Ohne Zweifel hat diese Form des wichtigsten pathologisch-anatom-
ischen Werkes des vorigen Jahrhunderts dessen Einfluss auf die Entwik-
lung der Wissenschaft selbst beträchtlich gemindert.
Es lässt sich kaum denken, dass wenn die lichtvollen Auseinander-
sezungen 'Morgagni's überall leicht zugänglich gewesen wären, sie über
ein halbes Jahrhundert lang hätten fast in Vergessenheit begraben bleiben
können.
In den ersten vierzehn Briefen geht Morgagni die Krankheiten des
Kopfes durch, beginnend mit Störungen, welche am sichersten auf den
Kopf zu beziehen seien, also mit "den Kopfschmerzen; sodann folgen die
Apoplexien, die soporösen Zustände, die Phrenesie und das Delirium, die
Manie , Melancholie und Hypochondrie ; weiter die Epilepsie , eines der
interessantesten Capitel, die Convulsionen , die Paralysen, Hydrocephalus
und Hydrorrhachis , wobei er überall für die Krankheitserscheinungen die
anatomischen Veränderungen aufsucht. Die Krankheiten der Augen,
Ohren und Nase beschliessen das Buch von den Kopfaffectionen.
Vom 15. — 27. Brief bespricht er die Krankheiten der Brust und unter-
sucht zuerst die Ursachen gestörter Respiration; er findet sie bald im
Thorax, bald ausserhalb desselben, in lezterem Fall bald im Kopf, bald
im Hals, bald im Unterleib und geht diese verschiedenen Verhältnisse an
der Hand von Fällen durch. Einen besondern Brief widmet er der Dyspnoe
durch Wassersucht des Thorax und des Herzbeutels , einen andern (den
17.) derjenigen, welche durch Aneurysmen des Herzens und der Aorta
bedingt werde und bringt dabei zahlreiche interessante Thatsachen über
Morgagni. 213
Arterienkrankheiten bei. Weiter untersucht er die Ursachen der Suffocation
und des Hustens. Auch beim Husten scheidet er die Fälle , wo derselbe
durch die Lungen oder von andern Stellen her erregt werde. Die Schmerzen
der Brust und des Rükens geben sofort Veranlassung zu sehr ausführlichen
Untersuchungen, wobei verschiedene anatomische Störungen der Respir-
ationsorgane zur Sprache kommen. Er zeigt das Vorkommen isolirter
Entzündungen sowohl der Pleura als der Lunge. Der Bluthusten, der
eitrige Auswurf, das Empyem und die Phthisis sind Gegenstand des 22.
Briefes. Die Herzkrankheiten handelt er im 23. — 27. Briefe ab, ausgehend
von den Symptomen der Palpitation, von den abnormen Pulsationen und
dem Ereigniss des plözlichen Todes.
Die Krankheiten des Unterleibs beginnt er mit Untersuchung über den
anatomischen Grund des widernatürlichen Hungers Ep. 28. Sofort be-
spricht er die anatomische Ursache des Singultus, derRumination und der
Magenschmerzen; sodann die des Erbrechens und der blutigen und nicht
blutigen Dejectionen (Ep. 29 — 31) und bringt dabei viele wichtige Beob-
achtungen bei. Von der Verstopfung und den Hämorrhoiden handelt
Ep. 32, von dem Prolapsus des Mastdarms Ep. 33. Die Ursachen der
Bauchschmerzen, des Ileus und Volvulus werden im 34. und 35. Brief
erforscht; und im 36. die der Geschwülste und Schmerzen in der hypoch-
ondrischen Gegend , wobei die Anschwellungen der Milz und Leber be-
sprochen werden. Weiter finden sich (Ep. 37) Untersuchungen über den
Icterus und die Gallensteine, und im 38. Brief wird der Ascites, die Tym-
panitis, der Hydrops saccatus und einzelnes anderes zumTheil vortrefflich
abgehandelt. Die übrigen Bauchgeschwülste werden im 39. Brief durch-
gegangen.
In dem 40. Brief werden die Lumbarschmerzen besprochen und wird
besonders auf die Häufigkeit der Nierenkrankheiten als Ursache derselben,
ferner auf Abdominalaortaaneurysma Caries der Wirbel und Lumbarabscesse
aufmerksam gemacht.
In den Briefen 41 — 48 handelt Morgagni von den Hernien, Nieren-
und Genitalienkrankheiten.
Epistola 49. ist den Fiebern gewidmet, wobei er hervorhebt, dass bei
jedem tödtlich werdenden Fieber irgend ein einzelnes Organ schwer afficirt
sei und dass man suchen müsse, die Organstörungen kennen zu lernen.
Er betrachtet sofort die gutartigen Fieber als häufig abhängig von den
Localaffectionen. Die malignen Fieber dagegen, bei welchen ebenfalls Lo-
calstörungen eintreten , sind Folge einer Infection und die Localaffection
ist nur secundär. Doch hat er die Sectionen bei solchen der Contagion
214
Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
Lieutaud.
de Haen, Stoll.
wegen vermieden. Auch bespricht er noch die brennenden Fieber und die
febris lenta.
Epistel 50 ist den G-eschwülsten, die Briefe 51 — 57 sind chirurgischen
Zufällen gewidmet. Im 58. Briefe wird die Lues venerea besprochen , im
59. werden Vergiftungen abgehandelt u. Ep. 60 — 70 enthalten Nachträge.
Man ersieht aus dem Dargestellten , dass Morgagnis pathologische
Anatomie nicht eine auf die anatomischen Störungen gegründete Pathologie,
nicht eine anatomische Pathologie war, sondern eine symptomatische Pa-
thologie blieb, die nur durch Anatomie illustrirt wurde.
Auch Lieutaud hat die pathologische Anatomie zum Gegenstand
eines Werkes gemacht. Seine Historia anatomico-medica 1764 ist jedoch
fast nur ein Excerpt aus Bonnet und zum Theil aus Morgagni, mit wenigen
und belanglosen eigenen Erfahrungen vermehrt.
Dessgleichen hat die Wiener Schule, de Haen, besonders aber Stoll
viel für pathologische Anatomie gethan, ohne sich jedoch über die descript-
iven Relationen zu erheben.
Nicht weniger bedeutend und vielleicht noch einflussreicher als Mor-
gagni war John Hunter, geboren 1728, Bruder des William, Sohn armer
Eltern und ursprünglich zum Zimmermann bestimmt. Im 20. Jahre konnte
er kaum lesen und schreiben; da nahm ihn sein Bruder William zum Hand-
langer bei anatomischen und chirurgischen Arbeiten. Er studirte nun
fleissig und wurde 1756 Chirurg am St. Georghospital und 1760 im eng-
lischen Heere , mit welchem er am siebenjährigen Kriege Theil nahm.
Nach seiner Rükkehr gab er sich aufs eifrigste anatomischen Untersuch-
ungen hin und besorgte zugleich mit äusserster Anstrengung seine um-
fängliche Praxis, sowie seine Vorlesungen, indem er den Tag seiner öffent-
lichen Thätigkeit widmete , Abends aber auf ein Landhaus sich zurükzog
und den grössten Theil der Nacht mit Studien und Experimenten zubrachte.
1768 wurde er erster dirigirender Wundarzt am Georghospital, 1770
consultirender Chirurg des Königs und Generalchirurg der Armeen. Einer
der ersten Practiker Londons hatte er ein sehr beträchtliches Einkommen,
das er zum grossen Theil auf Herstellung eines Museums von zootom-
ischen , anatomischen und pathologischen Präparaten verwandte , welches
nach seinem Tode (1793) von der Regierung angekauft wurde.
Bei Hunter nimmt die pathologische Anatomie die unmittelbar pract-
ische Richtung, allerdings vorzugsweise auf die den Wundarzt interess-
irenden Gebiete. Man erkennt an ihm den wohlthätigen Einfluss des
anatomischen Denkens auf jeden Schritt in der Praxis. Bekannte That-
sachen wusste er von dem pathologisch anatomischen Gesichtspunkte aus
Chirurgie. 215
anschaulich und begreiflich zu machen. Und ohne gerade grosse neue
Entdekungen in pathologischer Anatomie gemacht zu haben , erscheinen
alle Beobachtungen bei ihm präciser und naturgetreuer. Höchst werthvolle
Beiträge zur pathologischen Anatomie sind seine Untersuchungen über die
Entzündung und das Blut. Sein Einfluss auf die englischen Aerzte war
gross und von der glüklichsten Wirkung.
Der dritte grosse pathologische Anatom der Zeit ist der Holländer sandifort.
Eduard S and i fort (geboren 1740, gestorben 1819), der Nachfolger
Albin's in der anatomischen Professur zu Leyden. Er gab sehr werth-
volle Observationes anatomico-pathologicae 1779 — 1781, besonders aber
sein classisches Museum anatomicum Äcademiae Lugdunae 1793 mit vor-
trefflichen Abbildungen heraus.
Nennenswerth ist auch noch Antoine Portal, geboren 1742, gestorben Portal-
1832, dessen einzelne anatomisch pathologische und practische Arbeiten
aus dem vorigen Jahrhundert gesammelt als Memoires sur la nature et le
traitement de plusieurs maladies (1800 — 1824) erschienen.
Auch dem Blute wurde zuerst im 18. Jahrhundert eine pathologisch Biutunter-
anatomische Betrachtung zu Theil. Nachdem Stephan Haies in England *u,c V8^"'
° r o Haies, de Haen,
1733 über die Statik der Blutbewegung die ersten scharfen Beobacht- Hunter, Hewson.
ungen gemacht hat, wurde dem krankhaft veränderten Blute durch de
Haen und Hunter (wie schon angeführt), besonders aber durch Hewson
(1772), der zugleich das Experiment in ausgedehntester Weise benüzte,
eine sorgfältige und objective Beachtung zu Theil.
In der nächsten Beziehung zur pathologischen Anatomie war die chirurg-ie.
Chirurgie des 18. Jahrhunderts.
Die Reihe ganz ausgezeichneter Leistungen auf diesem Gebiete beginnt
und schliesst mit den beiden hervorragendsten Chirurgen des Jahrhunderts,
Jean Louis Petit und Desault, mit und zwischen welchen eine grosse
Anzahl höchst tüchtiger Männer nicht nur die Chirurgie selbst zu grosser
Vollkommenheit brachten, sondern zugleich die pathologische Anatomie
wesentlich förderten und selbst der inneren Medicin einen energischen
Impuls gaben.
Jean Louis Petit, geboren 1674 zu Paris , wurde schon als Knabe j. l. Petit,
unter der Leitung des Anatomen Littre in anatomische Arbeiten einge-
führt und machte bereits in seinem zwölften Jahre die Präparate zu den
Vorlesungen des Leztern, repetirte auch zuweilen diese mit den Zuhörern.
Nachdem er seine Studien schon im achtzehnten Jahre vollendet hatte,
wurde er 1692 Feldwundarzt und machte den flandrischen Feldzug mit.
216 Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
1697 wurde er Chirurg im Militärhospital zu Tournay. 1700 aber fixirte
er sich in Paris , hielt Vorlesungen und erlangte rasch einen grossen Ruf.
1715 wurde er Mitglied der Academie des sciences, damals für einen
Chirurgen eine grosse Ehre , sodann Chef der Ecole de Chirurgie und bei
Errichtung der Academie de Chirurgie 1731 deren Director. Er starb
1750. Er hatte einen ausserordentlichen Einfluss auf Hebung und Ge-
staltung der französischen Chirurgie. Sein Hauptwerk waren die Knochen-
krankheiten 1705, in verbesserter Auflage 1723. Mehrere wichtige Ab-
handlungen von ihm finden sich in den Mein, de l'academie des sciences
und in den Mem. de l'academie de Chirurgie. Seine Ideen waren überall
kek und genial und seine Beobachtungen scharf und anatomisch.
Besonders sind hervorzuheben: die Trepanation des Brustbeins, die
Behandlung der Thränenfistel , der Zahnfistel und Speichelfistel, die Tre-
panation des processus mastoideus, die Erfindung des Pharyngotoms , die
Mitexstirpation benachbarter scirrhöser Lymphdrüsen bei Brustkrebs,
die Thoracentese, Modificationen in der Behandlung eingeklemmter Brüche,
die Operativbehandlung des Anus imperforatus, die Darmnath, Verbesser-
ungen der Castration, die Einführung des Schraubentourniquets, richtiger
und ausgedehnter Indicationen und werthvoller Modificationen der Am-
putation , die Differentialdiagnose der wahren und falschen Pulsader-
geschwülste und endlich die vollständige Durcharbeitung der Knochen-
krankheiten.
Im engsten Zusammenhang mit J. L. Petit steht die Academie der
Chirurgie.
Academio der jm Anfang des 18. Jahrhunderts hatte die gedrükte Stellung der
französischen Chirurgie noch grösstentheils fortgedauert, bis es dem Hof-
chirurgen Francis la Peyronie, der schon 1724 die Anstellung von fünf
Demonstratoren der Anatomie und Chirurgie herbeigeführt und auf eigene
Kosten noch einen sechsten für die Geburtshilfe hinzugefügt hatte, gelang,
eine eigene Academie der Chirurgie herzustellen (1731), zu welcher
im Jahre 1750 noch die Ecole pratique de Chirurgie hinzukam. Die
Arbeiten der Mitglieder der Academie, welche in den Memoiren der Aca-
demie niedergelegt sind, und die Preisantworten, welche durch die chirurg-
ische Anatomie veranlasst wurden, gehören zu dem Gediegensten, was je
über Chirurgie geschrieben wurde. Selbst für die innere Medicin trifft
man in ihnen eine klare Auffassung und rationelle Ansichten: wie sie
kaum in der übrigen medicinischen Literatur der Zeit im gleichen Maasse
sich vorfinden. Die Leistungen der französischen Chirurgen überragten
in kurzer Zeit so sehr die aller andern Länder, dass die Academie
der Chirurgie die anerkannte Autorität in allen chirurgischen Ange-
Academie der Chirurgie. 217
legenheiten wurde, und dass Friedrich der Grosse, Joseph von Oestreich
und andere Potentaten ihre Chirurgen von der Academie ernennen
Hessen.
Die bedeutendsten Männer, welche in dieser Zeit in der französischen
Chirurgie sich hervorthaten , fast sämmtlich Mitglieder der Academie,
waren, ausser dem Gründer der Leztern, la Peyronie (geb. 1678, gest.
1747), der vornemlich über Hernien und einige operative Fragen sich
vernehmen Hess, ausser Jean L. Petit, dem schon erwähnten Präsidenten
der Academie:
De la Motte, gest. 1740, Herausgeber eines Traite complet de
Chirurgie, welches viele werthvolle Beobachtungen über alle Theile der
Chirurgie bietet.
Franz Quesnay, geb. 1694, wurde bei der Errichtung der Academie
Secretaire perpetuel, später Leibarzt des Königs, starb 1774. Er schrieb
Monographien über die Suppuration 1749, die Gangrän 1749, über die
Fieber 1753; ausserdem in den Memoiren der Academie sur le vice des
humeurs, über Wunden des Gehirns, Exfoliation der Schädelknochen und
anderes Mehreres.
Rene de Garengeot, geb. 1688, eines der ersten Mitglieder der
Academie, Militärarzt, starb 1759. Seine zahlreichen Veröffentlichungen
sind nicht ohne Talent, aber etwas flüchtig gearbeitet. Seine Operativ-
chirurgie hielt sich nicht lange.
Bell ocq veröffentlichte eine Description d'une machine pour arreter
le sang de l'artere intercostale und eine Abhandlung sur quelques hem-
orrhagies particulieres et sur les moyens d'y remedier.
Le Dran, ein sehr geschikter Chirurg, schrieb: sur le Cancer, über
Bauch- und Darmwunden und verbesserte viele Operationsmethoden.
George de la Faye (f 1781) hochangesehener Operateur, schrieb:
sur le bec-de-lievre und sur la methode d'operer la cataracte, sowie über
die Exarticulation des Oberarms.
Peter Foubert hat vornemlich geschrieben: nouv. meth. de tirer la
pierre de la vessie, obs. sur un abces au poumon, sur les differentes especes
d'anevrisme faux, sur les grands abces du fondement.
Franz Salvator Morand, geb. 1697, gest. 1773, war eines der aus-
gezeichnetsten Mitglieder der Academie und eine Zeitlang ihr Secretaire
perpetuel. Wichtige Arbeiten von ihm sind über Leberabscesse, über
Tumoren der Gallenblase, über fremde Körper, über Hydrops ovarii und
zahlreiche Verbesserungen der Operativmethode. Seine hauptsächlichsten
Erfahrungen finden sich in den Memoiren der Academie und in den
Opuscules de Chirurgie 1 768 — 72.
218 Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
Prudent Hevin (1715 — 1789), Professor der Chirurgie, Therapie
und Inspecteur der Militärhospitäler, schrieb sur la nephrotomie, sur les
corps etrangers arretes dans l'oesophage, sur le volvulus und einen Cours
de pathologie et de therapeutique chirurgicale 1780.
Antoine Louis, geb. 1723, ward in Folge einer Preislösung 1746
Mitglied der Academie der Chirurgie. Er war der erste Chirurg, der
wieder eine lateinische Disputation hielt. 1764 wurde er nach Morand's
Abgang Secretaire perpetuel der Academie. Er starb 1792. Zahlreiche
wichtige Abhandlungen von ihm finden sich in den Memoiren der
Academie: Ueber Speichel- und Thränenfistel, Bronchotomie , Fungus
durae matris, Zunge, Harnsteine, Hernien, Uterussteine, Verlezungen
und Amputationen etc.
Antoine Petit, 1718 — 1794, von grossem Ansehen, Mitglied der
Academie des sciences (1760), Inspecteur general der französischen
Militärhospitäler (1768), Professor der Anatomie und Chirurgie (1769).
Seine nicht unwichtigen Schriften haben jedoch weniger allgemeines
Interesse.
Sabatier, der Vater, und der noch berühmtere Sabatier, der
Sohn. Lezterer, geb. 1732, wurde 1757 Professor der Anatomie am
königlich chirurgischen Collegium, später Professor der operativen
Chirurgie an der Ecole de sante. Napoleon ernannte ihn zu seinem
consultirenden Wundarzt. Er starb 1811. Er hat einige nicht unwichtige
anatomische und physiologische Beobachtungen (über Herz, Lunge,
Gehirn etc.) gemacht, bei Tetanus das Opium in grosser Dosis empfohlen,
überdem besonders die Operativchirurgie gefördert. Sein traite complet
d'anatomie 1764 war sehr geschäzt und berüksichtigte zugleich die
Physiologie. Sein Werk de la medecine operatoire (3 Bände) verdrängte
alle anderen Operationslehren.
Franz Chopart, gegen das Ende des Jahrhunderts Professor in
Paris, gab 1779 ein traite des maladies chirurgicales et des Operations
qui leur conviennent heraus und ist am meisten bekannt durch seine
Methode der Fussamputation.
Indessen wurden alle überstrahlt von Desault (1744 — 1795), Ant.
Petit's Schüler, Lehrer an der Ecole pratique, bei dem eine wohlüber-
dachte Methode hervortritt und der die chirurgischen Krankheiten der
Organe aus ihrem Bau und den Gesezen ihrer Functionen, also aus
Anatomie und Physiologie zu begreifen suchte, zugleich aus diesen
Grundwissenschaften die leitenden Ideen für die chirurgischen Indicat-
ionen entlehnte. Er gründete eine neue Wissenschaft, die chirurgische
Anatomie, und mit ihrer Hilfe bewirkte er zahllose Reformen in der
Chirurgie in Deutschland.
219
Therapie aller Theile der Chirurgie. Er förderte die pathologische
Anatomie und somit selbst die innere Medicin, die er übrigens verachtete,
-weil er sie als ein dunkles Labyrinth ansah, in dem man nur vom Zufall
geleitet herumirre. Mit Desault begann eine neue Zeit für die Chirurgie,
die Periode der durch Anatomie geleiteten Wissenschaft.
Die Geschichte der damaligen Chirurgie ist in der Geschichte der
französischen Schule enthalten , und die andern Nationen haben verhält-
nissmässig Weniges zur gleichen Zeit geleistet. In Holland und Deutsch-
land waren die Chirurgen zwar zum Theil gelehrter als die französischen,
sie stritten sich mehr um die Fragen des Tages, waren aber arm an
Ideen, machten keine oder unbedeutende Entdekungen und klebten an den
Yorurtheilen der Schule.
Doch sind davon einige ehrenvolle Ausnahmen zu nennen:
Heister (1683 — 1758), ein Schüler Boerhaave's, dann holländischer
Militärarzt, später Professor in Helmstedt. Mit ihm beginnt erst die
deutsche Chirurgie einigermaassen zu Ehren zu kommen.
Platnerin Leipzig (1694 — 1747) war ein Apostel der französischen
Chirurgie.
Mauchart (1696 — 1751), Professor in Tübingen, vornemlich um die
Augenheilkunde verdient.
Friedrich der Grosse sah recht wohl den traurigen Zustand der
deutschen Chirurgie ein und die Notwendigkeit , gebildete Wundärzte
statt der Feldscheerer bei seinen Armeen zu haben. Er errichtete daher
die Charite in Berlin für Bildung von Militärchirurgen , und bald hatte
auch die preussische Armee ihre ausgezeichneten Chirurgen, namentlich
Schaarschmidt, Henkel, Bilguer, Schmuker, Theden und Mursinna. Doch
hat Friedrich der Grosse für weitere Hebung der Chirurgie nicht soviel
gethan , als man hätte erwarten können.
Nächst Preussen that vornemlich Joseph von Oestreich etwas für
Verbesserung der chirurgischen Ausbildung durch Gründung seines Joseph-
inums für Militärärzte. Die bedeutendsten dortigen Chirurgen, die jedoch
weit unter den französischen standen, waren Mohrenheim, Brambilla,
Hunczovsky und Plenk. Jedoch fing Wien an, wenigstens auf einem
Gebiete sich hervorzuthun und eine eigene Schule zu bilden, auf dem der
Ophthalmiatrik. Joseph Barth, Professor der Anatomie und Augenheil-
kunde, gab dazu die Veranlassung. Viel berühmter aber noch waren
seine Schüler Adam Schmidt, Prochaska und Beer.
Ein selbständiger Geist auf chirurgischem Gebiete war ferner August
Gottlob Richter, Professor in Göttingen, der seine chirurgische Bildung
C h iru rgi ein
Deutschland.
Oesterreich.
220 Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
in England erhalten hatte und auch als Arzt berühmt war (1742 — 1812).
Erst im Alter beschäftigte er sich jedoch mit innerer Medicin. Richter
hat, ohne grosse specielle Entdekungen zu machen, vornemlich dazu bei-
getragen, die Chirurgie in Deutschland der Medicin ebenbürtig zu
machen. Ueberdem hat er durch seine „Chirurgische Bibliothek"
(15 Bände, 1771 — 1797) die Bekanntschaft der Deutschen mit der
• chirurgischen Literatur des Auslandes vermittelt und in seinen „Anfangs-
gründen der Wundarzneikunst" (1782 — 1804) das erste umfassende
Handbuch der Chirurgie geliefert.
Chirurgie in jn England hing die Chirurgie noch im ganzen 18. Jahrhundert mit
der Barbierstube zusammen. Dessenungeachtet haben einige tüchtige
Männer schon frühzeitig sich hervorgethan, besonders Cheselden (f 1788),
Alex. Monro (f .1767), Pott (f 1788), Bromfield (f 1792), Benjamin
Bell (f 1804), vor allen aber die beiden Hunter, William, der 1718 bis
1783 lebte, und John, der bereits bei der pathologischen Anatomie ange-
führt wurde.
Die ärztlichen jn (jer innern Medicin hat sich eine Reihe tüchtiger Aerzte den Ruhm
der practischen Unbefangenheit und der umsichtigen und allseitigen
Beobachtung erworben. Sie waren fast sämmtlich Practiker von weit-
verbreitetem Rufe , Einzelne zugleich Universitätslehrer. Ihre Schriften
betreffen grossentheils Aufzeichnungen über verschiedene Punkte der
alltäglichen Erfahrung. Den herrschenden Schulen hielten sie sich mehr
oder weniger fern und werden häufig im Gegensaz zu denselben als die
Practiker des 18. Jahrhunderts bezeichnet.
Vornemlich war England reich an tüchtigen unbefangenen Beob-
achtern. Unter ihnen sind zu nennen:
Richard Mead, f 1754, königlicher Leibarzt, auf dessen Antrieb von
dem Buchhändler Guy das Guys-Hospital errichtet wurde. Seine Opera
erschienen zuerst 1744.
John Huxham, f 1768, Arzt in Plymouth, der vornemlich über
epidemische Krankheiten geschrieben hat (observationes de aere et
morbis epidemicis 1744 und essay on fevers 1750).
John Fbthergill, f 1780, Arzt in London , beschrieb die epidem-
ischen Verhältnisse von London in den Jahren 1751 — 54 und verfasste
mehrere Monographien. Seine sämmtlichen Werke erschienen 1783.
John Pringle, f 1782, Oberarzt des brittischen Heeres, später
königl. Leibarzt, vornemlich berühmt durch seine Observations on diseases
of an army 1 752.
In England.
Chirurgie.
221
William Heberden, f 1801, einPractiker von feinster Beobachtung,
Arzt in London. Seine schäzenswerthen Commentarii de raorborum
historia et curatione erschienen nach seinem Tode (1802).
Ferner Alex. Monro der Jüngere, Franz Home, Cleghorn etc.
Ihnen schliesst sich der Amerikaner Benj. Rush an, geb. 1745, #
gest. 1813. Er schrieb Medical inquiries and observations 1789, ferner
über Gelbfieber und Seelenkrankheiten.
In Italien war Giov. Batt. Borsieri de Kanilfeld (1725 — 1785), '» I*au«»-
Professor in Pavia, der bedeutendste Practiker. Seine Institutiones
medicinae practicae stellen die erste genaue specielle Pathologie dar.
Sarcone, Arzt in Neapel und Darsteller der daselbst herrschenden
Krankheiten, 1761, zählt gleichfalls zu den hervorragenden practischen
Schriftstellern.
In der Schweiz zeichnete sich der tüchtige Practiker Tissot, Arzt in in der Schweiz.
Lausanne, vorübergehend Professor in Pavia (geb. 1728, gest. 1797),
aus, theils durch einige monographische Arbeiten, theils durch mehrere
halb und ganz populäre Schriften.
In Frankreich sucht man vergeblich nach hervorragenden practischen in Frankreich.
Schriftstellern der innern Medicin. Alle Talente hatten sich entweder
der Schule von Montpellier oder der Chirurgie angeschlossen.
In Deutschland war die Zahl der tüchtigen Practiker im 18. Jahr- in Deutschland.
hundert ganz besonders gross. Ausser Fr. Hoffmann und der Wiener
Schule, welche gleichfalls die practische Seite glänzend vertreten hat,
sind als von der Schule mehr oder weniger unabhängige Männer hervor-
zuheben :
Paul Gottl. Werlhof (1699—1767), Leibarzt in Hannover, der
erste unter der Reihe ausgezeichneter Practiker, welche die Hannoverschen
Leibärzte bilden. Seine Opera medica erschienen 1757.
Rudolph Augustin Vogel (1724 — 1774), Professor der Medicin in
Göttingen, später gleichfalls Hannover'scher Leibarzt, schrieb ausser
chemischen und mineralogischen Schriften, besonders de cognoscendis
praecipuis corporis humani affectibus 1772, Observ. med. chirurgicae
1773 und Opuscula medica 1786.
Joh. Georg Zimmermann (1728 — 1795), Arzt in der Schweiz,
später Hannover'scher Leibarzt , berühmt durch seine Schriften über die
Erfahrung.
Jos. von Quarin (1734 — 1814), kais. österreichischer Leibarzt,
1797 in den Grafenstand erhoben, schrieb über die Behandlung der
Fieber und Entzündungen und Animadversiones in diversos morbos.
222 Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
Joh. Ernst Wichmann (1739 — 1802), Leibarzt in Hannover,
berühmt vornemlich durch seine Ideen zur Diagnostik.
Benjamin Lentin (1736 — 1804), erst Arzt in Clausthal, sodann
Hannoverscher Leibarzt, verfasste mehrfache Beiträge und Beobachtungen.
Joh. Peter Frank (1745 — 1825), dessen hauptsächliche Thätigkeit
und Wirkung jedoch erst in die folgende Periode fällt.
Christian Gottlieb Seile, geb. 1748, Leibarzt in Berlin und Director
des Collegium medico - chirurgicum daselbst, starb 1800, schrieb
Rudimenta pyretologiae methodicae, eine Medicina clinica , neue Beiträge
zur Natur- und Arzneiwissenschaft und vieles Andere (auch philosoph-
ische Schriften).
Samuel Gottl. Vogel, geb. 1750, zuerst Arzt in Göttingen, später
meklenburg'scher Leibarzt, gest. 1837, schrieb ausser zahlreichen kleinen
Schriften ein schäzbares Handbuch der practischen Arzneiwissenschaft
(1781 begonnen).
An die Deutschen reiht sich noch Friedr. Ludw. Bang in Kopen-
hagen (1747 — 1820) an, ein gleichfalls umsichtiger und trefflicher
Practiker. Er schrieb neben anderem Praxis medica 1789 und Selecta
diarii nosocomii frideric. 1789.
Diese Practiker haben einen eigenthümlich glüklichen Ton in der
Praxis eingeführt. Wenn auch mannigfach befangen in Vorurtheilen und
durchaus nicht klar über Forderungen und Schwierigkeiten der Erkennt-
niss krankhafter Verhältnisse haben sie in vielen Punkten instinctmässig
das Richtige getroffen. Die Krankheitsbeschreibungen waren einfach
und ungekünstelt. Obwohl die Eintheilung in Arten nicht mehr aufge-
geben wurde, so nahmen die practischen Schriftsteller doch so wenig
zahlreiche Species an, dass immerhin dadurch der Schaden ausgeglichen
wurde und innerhalb der einzelnen Species noch Raum genug für reich-
liche individuelle Eigenthümlichkeiten blieb. Die Diagnose knüpfte sich
nicht an einzelne Punkte , sondern an die Gesammtheit des Falls ; durch
Vergleichung verschiedener Krankheitsformen suchte man sich die
Differenzen um so anschaulicher zu machen. In der Therapie endlich
wurde mit einem glüklichen Instincte jedes Extrem vermieden und
überall unbewusst dahin getrachtet, auf den ganzen Menschen und nicht
blos auf einzelne Seiten und Organe desselben einzuwirken.
Monograph- Zahlreiche monographische Untersuchungen fast aller Theile des
ische Ar- Körpers haben noch weiter dazu beigetragen, den Inhalt der positiven
Leiten. r a w
Wissenschaft zu vervollständigen.
Gehirn. In der Gehirnpathologie wurde ein werthvoller Grund gelegt,
Monographische Arbeiten. 223
hauptsächlich aber in Betreff der anatomischen Veränderungen. Ausser
den Arbeiten von Lancisi und Morgagni sind vorzüglich zu erwähnen das
Sammelwerk von Wepfer: Observationes medico-practicae de affectibus
capitis internis et externis, 1727, und Büchner: De morbis cerebri ex
structura ejus anatomica deducendis, 1741.
Unter den symptomatischen Erkrankungen haben zunächst unter Cullen's
Einfluss die Geisteskrankheiten in England Berüksichtigung gefunden.
Sein Schüler Arnold lieferte 1782 die erste ausführliche Darstellung der-
selben (Observations on the nature, kinds, causes and prevention of in-
sanity, lunacy or madness). Eine Anzahl von englischen Practikern
schloss sich an, so Perfect (1787), Harper (1789), Parketer (1792),
Ferriar (1792) und Haslam.
In Betreff der Epilepsie hat zuerst van Swieten in den Commentaren
von Boerhaave sie für eine Gehirnkrankheit erklärt, und er sowohl als
besonders Tissot (Traite de l'epilepsie, 1702) haben die werthvollsten
Beiträge zur Kenntniss der Krankheit geliefert und ihre Thatsachen
wurden später lange Zeit einfach copirt.
Die Eclampsie wurde von Sauvages als eine besondere Form von
Krämpfen von der Epilepsie abgetrennt; auch die Eclampsia parturientium
von demselben zuerst unterschieden , sodann aber von mehreren andern
Aerzten, namentlich Denman (Essay on puerperal convulsions, 1768),
Gehler (De eclampsia parturientium, 1776), und Blaud (1781), vonPetri
(De convulsionibus gravidarum, parturientium etc., 1790) sorgfältig
untersucht.
Auch der Veitstanz , schon von früher her bekannt , wurde von Sau-
vages und Cullen genau von andern Störungen abgetrennt. Es wurden
zahlreiche Abhandlungen über ihn veröffentlicht, unter denen namentlich
die von Spangenberg: De Chorea Sti. Viti, 1764 hervorzuheben ist.
Die Katalepsie ist Gegenstand zahlreicher Untersuchungen geworden,
zumal hat Dionis (Traite sur la mort subite et sur la catalepsie, 1710)
dieselbe ausführlich beschrieben.
In Betreff der Hysterie hat Friedrich Hoffmann eine vollendete Dar-
stellung gegeben; ausserdem haben Astruc (Traite des maladies des
ferames, 1761), Tissot (Traite des maladies nerveuses), Wilson (Medical
researches on the nature and origine of hysteries, 1776) und Leidenfrost
(De differentia passionis hysterici a morbis convulsivis reliquis, 1780)
werthvolle Beiträge geliefert.
Die Neuralgien wurden 1756 zuerst von Arutrin entdekt. Der wicht-
igste Beobachter über dieselben war aber Fothergill, der 16 Fälle beob-
achtete. Cotugno (1764) untersuchte den Sectionserfund bei der Ischiadik.
224
Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
Riikenmark.
Die Apoplexie des Gehirns wurde von Friedrich Hoffmann zuerst von
der Hämorrhagie aus zerrissenen Gehirngefässen abgeleitet, und Wepfer
(Historia apoplecticorum, 1734) hat eine Anzahl derartiger Beobachtungen
veröffentlicht. Ebenso hat Morgagni in seinem zweiten und dritten Briefe
die anatomischen Verhältnisse aufs schärfste festgestellt. Auch mehrere
andere Schriftsteller, Schröder, Fothergill, haben zur Aufklärung der
Apoplexie beigetragen.
Die Entzündungen des Gehirns wurden dagegen wenig beachtet, ob-
wohl Hinweisungen auf ihr Vorkommen sich vielfach finden. Meist wurden
sie unter dem Namen der Phrenitis mit andern schweren Hirnkrankheiten,
die von Delirien begleitet sind, zusammengeworfen. Morgagni jedoch
trennte zuerst die Meningitis von den übrigen acuten Gehirnkrankheiten ;
allein auch nach ihm verstand man unter dem Ausdruk häufig noch die
Entzündung der dura mater.
DenHydrocephalus internus beschrieb Fothergill monographisch(1757).
Von den Krankheiten des Rükenmarks hatte man noch wenig Vor-
stellungen; doch hat Ludwig (Tractatio de doloribus ad spinam dorsi,
1770) einen Anfang zur Erkenntniss dieser Krankheiten gemacht.
Ueber die Krankheiten des Herzens finden sich bei Lower undLancisi
einzelne wichtige Beobachtungen. Der Erste aber, der eine ausführliche
Monographie der Krankheiten dieses Organs unternahm, indem er das
Zerstreute kritisch bearbeitete und dem allgemeinen Gebrauch zugänglich
machte, war Senac (Traite de la structure du coeur, de son action et de
ses maladies, 1749), ein Werk, ganz im Geiste wahrer Naturforschung
geschrieben und mit der Tendenz, die Pathologie des Herzens auf die
normale Anatomie und Physiologie zu stüzen. Ueberall sind bei der Dar-
stellung der einzelnen Krankheiten die pathologisch-anatomischen That-
sachen leitend; die meisten Formen der Herzkrankheiten finden sich schon
beschrieben, am genauesten die Pericarditis und die Herzerweiterung.
Dieses Werk wurde von Morgagni, Albin und Haller, aber auch von den
Practikern, van Swieten, de Haen und Pringle mit unbedingtem Beifall
aufgenommen, später aber, wie so viele andere grosse und werthvolle Ar-
beiten des Jahrhunderts, fast völlig vergessen.
Den Krankheiten der Arterien hat zuerst Morgagni genauere Auf-
merksamkeit geschenkt und einen Reichthum wichtiger Beobachtungen in
seinem Werke niedergelegt, welche der ganzen folgenden Zeit zum Muster
dienen können. Seine wichtigsten Erfahrungen beziehen sich auf das
Aneurysma, das allerdings schon früher bekannt war, aber durch ihn,
Monographische Arbeiten. 225
wie durch Foubert (Memoires de l'Academie de Chirurgie) vorzüglich ge-
fördert wurde.
Die Krankheiten der Lungen und der dazu gehörigen Organe wurden Respirations-
im 18. Jahrhundert von zahlreichen Aerzten auf das eifrigste verfolgt;
namentlich van Swieten, de Haen, Morgagni, Lietaud haben in dieser Be-
ziehung Bedeutendes geleistet, und ein Versuch, die Percussion auf die
Lungenkrankheiten anzuwenden, wurde, freilich von Kieniand weiter be-
rüksichtigt, von Auenbrugger gemacht (Inventum novum, 1761).
Unter den einzelnen Affectionen der Respirationsorgane hat besonders
das Asthma die Aufmerksamkeit der Aerzte auf sich gezogen. Sauvages
stellt 18 Species desselben auf. Ridley (Observationes quaedam de asth-
mate et hydrophobia, 1763) und Floyer (Abhandlung über die Engbrüstig-
keit, aus dem Englischen von Scherf, 1782) haben einzelne, freilich viel-
deutige Beobachtungen darüber gemacht.
Die gefährlichen Formen von Suffocation im Kindesalter sind seit der
Mitte des 18. Jahrhunderts beachtet worden, ohne Zweifel unter dem
Einfluss der Cullen'schen Doctrin. Simpson (1761), Miliar (1769),
Bush (1770) und Chalmers (1776) beschrieben die Form der acuten
Glottisverengerung oder des Pseudocroups, die man später häufig nach
Miliar benannte.
Ueber den Croup erschienen die ersten genaueren Untersuchungen von
Franz Home in Edinburgh 1765 (an inquiry into the nature, causes and
eure of the croup). Eine grosse Zahl von Arbeiten folgte, von denen be-
sonders die Dissertation von Michaelis (1778, De angina polyposa seu
membranacea) von Werth ist.
Das Glottisödem wurde als Entzündung der weissen Muskeln der
Glottis zuerst von Boerhaave beschrieben; dagegen ist seine Angina
aquosa ohne Zweifel ein anderer Zustand. Auch bei Morgagni und andern
Beobachtern des 18. Jahrhunderts finden sich einzelne Andeutungen über
die submueöse Infiltration der Glottis.
Die anatomischen Veränderungen bei chronischer Laryngitis wurden
zuerst von Morgagni genauer beschrieben und einzelne Erscheinungen auf
sie bezogen, sodann aber von Borsieri als eine besondere Krankheitsform,
die Laryngeal- und Trachealphthisis aufgestellt.
Die Bronchitis und der Lungencatarrh wurden im 18. Jahrhundert
noch nicht genau von andern Affectionen unterschieden; dagegen haben
über den Keuchhusten Friedrich Hoffmann, Alberti, Forbes, de Haen,
Stoll und Rosen von Rosenstein werthvolles Material zusammengebracht
und in descriptiver Beziehung wenig übrig gelassen.
Wunderlich, Geschickte d. Medicin. 15
226
Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
Oesophagus.
Magen und
Darmkanal.
Die Lungenentzündung, meist als Peripneumonie bezeichnet, wurde
namentlich durch Huxham, Stoll, Samuel Gottlieb Vogel, Borsieri in Be-
ziehung auf die Symptome gefördert. Die anatomische Betrachtungsweise
der Pneumonie wird zuerst bei Morgagni durchschlagend, welcher das ge-
trennte Vorkommen der Pneumonie und der Pleuritis nachwies.
üeber die Pleuritis hatte man noch vielfach ungenaue Vorstellungen
und ihre Diagnose wurde meist an das Vorhandensein des Schmerzes ge-
knüpft. Vornemlich haben Boerhaave und de Haen auf diesen den Haupt-
werth gelegt; während dagegen eine Anzahl anderer Autoren sich über-
haupt gegen die Zulässigkeit einer Abtrennung der Pleuritis von der
Lungenentzündung erklärte : Haller, Tissot, Cullen, Stoll.
Die Lungentuberculose , gewöhnlich als Phthisis pulmonum , knotige
oder ulcerative Schwindsucht bezeichnet, wurde von Boerhaave und van
Swieten und manchen Andern mit vieler Sorgfalt abgehandelt; aber die
Classificationssucht, die z. B. Sauvages zur Annahme von 20 Phthisis-
species führte, hinderte das Aufkommen von richtigen Anschauungen über
die Krankheit.
Der Hydrothorax spielte noch eine sehr grosse Rolle in den Vorstell-
ungen der Aerzte, und es ist wahrscheinlich, dass manche Fälle von
Emphysem unter diesem Namen verstanden worden sind. Doch finden sich
bei Morgagni bereits einige Sectionsresultate , welche die Kenntniss des
Lungenemphysems erweisen. Einen Fall von Lungenmelanose hat Haller
beschrieben, und steinige Concretionen in der Lunge haben fortwährend
die Aufmerksamkeit der Beobachter auf sich gezogen.
Die Krankheiten des Oesophagus sind zuerst von Friedrich Hoff-
mann (De morbis oesophagi, 1722), sodann vonNahuys(De morbis oeso-
phago in den Verhandlungen der Harlemer Academie) und von Bleuland
(Observationes anatomico-medicae de sana et morbosa oesophagi struc-
tura, 1785) beschrieben. Aber auch bei Morgagni finden sich einzelne
wichtige Beobachtungen über dieselben.
Ueber die Krankheiten des Magens und Darmes hatte man im 18.
Jahrhundert nur sehr unvollkommene Vorstellungen, da die Besichtigung
der Schleimhautseite noch nicht gebräuchlich war. Die ganze Pathologie
hatte noch den rohesten symptomatischen Character, und es waren mehr
nur die Schmerzen : Cardialgie (Friedrich Hoffmann) , Kolik (de Haen,
Huxham), sowie die Verstopfungen, Infarcte und die Diarrhöen, aufweiche
die Aerzte Rüksicht nahmen.
Mit besonderer Vorliebe wurden die Hämorrhoiden behandelt, und die
Monographische Arbeiten.
227
Schriften von Stahl (De utilitate haemorrhoidum , 1698) und de Haen
(Theses pathologicae de haemorrhoidibus) waren maassgebend.
Die Ideen von Pfortaderstokung (Stahl), der die vena portarum porta
malorum nennt, und vom Infarct (Kaempf) wurden zu rasch und ohne
Kritik acceptirt und waren der genaueren Erforschung chronischer Darm-
affectionen hinderlich.
Unter den acuten Krankheiten des Darmes wurde vornemlich der Ruhr
sorgfältige Aufmerksamkeit geschenkt. Zimmermann (Von der Ruhr unter
dem Volke, 1767) beschrieb die Krankheit nach" Beobachtungen aus der
Schweiz und in Südwestdeutschland. Stoll sucht sie theils als rheumat-
ische, theils als biliöse Affection zu characterisiren. Die wichtigste Arbeit
aber ist von Pringle (Observations on the diseases of the army, 1772),
welcher die Identität aller Formen der Dysenterie nachwies und ihre An-
stekung zeigte. Auch AI. Monro (1766), Akenside (1776) und Mursinna
(1780) haben zur Kenntniss der Krankheit beigetragen.
Die Darm- und Mesenterialdrüsentuberculose, häufig, als Atrophia in-
fantum, Phthisis meseraica bezeichnet, wurde mehrfach sorgfältig be-
schrieben, und eine ausführliche Monographie darüber erschien von Baumes
(Recherches sur la maladie propre aux enfants, 1788). Auch Morgagni
hat einige dahin bezügliche Beobachtungen gemacht.
Einen Versuch, diePancreaskrankheiten monographisch darzu-
stellen, machte Friedrich Hoffmann (De pancreatis morbis, 1713), ohne
jedoch viel Positives beibringen zu können.
Auch war Friedrich Hoffmann einer der Ersten, welcher das Bedürfniss
einer anatomischen Erforschung der Leberkrankheiten fühlte (Disser-
tatio de morbis hepatis ex anatome detegendis, 1726); aber auch auf
diesem Gebiete waren seine und der Nachfolgenden Leistungen gering.
Ueber peritonitische Affectionen haben Morgagni und Lieutaud
einige Erfahrungen gemacht. Cullen nimmt zwar die Peritonitis in sein
System auf, aber mit dem Bemerken, dass er sie nicht abhandeln wolle,
weil er ihre Zufälle nicht angeben könne. Walther (De morbis peritonaei
et apoplexia, 1789) war der Erste, welcher die Pathologie des Bauchfells
zu verfolgen unternahm.
Ueber die Nieren hat zwar Morgagni in seinem 36., 40. und 42.
Briefe einige anatomische Erfahrungen mitgetheilt ; auch Olivier (Traite
des maladies des reins et de la vessie, 1731) und Troja (Ueber die Krank-
heiten der Nieren, aus dem Italienischen, 1788) haben versucht, die Kennt-
nisse über Nierenkrankheiten zu sammeln, die aber noch in hohem
Grade dürftig erscheinen.
15*
Pancreas und
Leber.
Peritoneum.
228
Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
Haut.
Knochen.
Constitutions-
krankheiten.
Die Hautkrankheiten wurden im 18. Jahrhundert mit Vorliebe ab-
gehandelt. Malpighi's Entdekung der Hautdrüsen wurde vorzüglich von
Morgagni und Boerhaave für die Pathologie der Hautkrankheiten ver-
werthet. Turner (De morbis cutaneis, 1714) lieferte zuerst genaue Be-
schreibungen. Noch sorgfältiger stellte Astruc (Traite des tumeurs et des
ulceres, 1759) einzelne Hautaffectionen dar. Die erste Classification der
Hautkrankheiten rührt vonPlenkher (Doctrina de morbis cutaneis, 1776).
Aber unendlich wichtiger in praktischer Beziehung und voll schöner Be-
obachtungen ist das Werk von Lorry (Tractatus de morbis cutaneis, 1777,
deutsch von Held, 1779). Auch hat Cotugno (De sedibus variolarum,
1769) den Anfang einer anatomischen Untersuchung kranker Hautstellen
gemacht. Die parasitische Milbe bei der Kräze hat Wichmann (Aetiologie
der Krätze, 1786) genau beschrieben, die Methode sie aufzusuchen sorg-
fältig angegeben und das Thier abgebildet, auch zugleich entsprechende
richtige Anschauungen über die Bedeutung der Kräze selbst geäussert.
Die Knochenkrankheiten wurden zuerst von Jean Louis Petit
(Traite des maladies des os, 1705) im Zusammenhange und mit grosser
Sorgfalt dargestellt. Von Wichtigkeit ist auch das Werk von Heyne (De
praecipuis ossium morbis, 1731). Louis hat vornemlich die Necrose kennen
gelehrt. Duverney (Traite des maladies des os, 1751) und Böttcher (Ab-
handlungen von den Krankheiten der Knochen, Knorpel und Zähne, 1781
bis 1792) haben die Kenntnisse über Knochenkrankheiten resumirt. Ueber-
dem finden sich in dem Museum anatomicum von Sandifort zahlreiche
werthvolle Beobachtungen.
Bordenave hat sich besonders die Erforschung der Krankheiten der
Gesichtsknochen zur Aufgabe genommen (Sur les maladies du sinus
maxillaire, und : Sur quelques exostoses de la machoire inferieure).
Die genauere Kenntniss der Chlorose beginnt mit Fr. Hoffmann's
Abhandlung (als Emmerich's Dissertation gedrukt) : De genuina chlorosis
indole, origine et curatione, 1731.
Ueber die Scropheln wurde durch eine Preisaufgabe der Academie
der Chirurgie eine Reihe von werthvollen Abhandlungen von Bordeu,
Faure, Charmetton hervorgerufen. Später veranlasste eine abermalige
Preisaufgabe der Academie der Medicin über die Aetiologie der Scropheln
die Arbeiten von Pujol, Baumes und Kortum.
Ueber den Scorbut enthalten die Schriften von Boerhaave und van
Swieten , ferner von Fr. Hoffmann wichtige Mittheilungen ; eine Mono-
graphie vom gediegensten Inhalt aber erschien von dem Engländer Lind
(a treatise on the scurvy, 1752).
Monographische Arbeiten. 229
Die Wassersucht wurde vielfach Gegenstand specieller Untersuch-
ung. Aufklärend war das Experiment von Haies, dass durch Einsprizung
von Wasser in die Gefässe Hydrops entsteht. Auch Donald Monro's
Monographie (on the dropsy and its different species, 1755) ist nicht
ohne Werth.
Der Diabetes beschäftigte die Praktiker vielfach; doch erst im Jahr
1775 wurde der wirkliche Zukergehalt des Harns von Pool und Dobson
nachgewiesen.
Ueber die Gicht machten vornemlich englische Aerzte: Musgrave
(1703 und 1707), Cardogan (1771), Falconner (1773), Grant (1781)
Untersuchungen.
Die Bleikrankheit zog im 18. Jahrhundert in hohem Grade die Auf- Vergiftungen.
merksamkeit auf sich und vornemlich die Kolik, jedoch auch die übrigen
Symptome wurden beachtet. Schon im vorhergehenden Jahrhundert hatte
Stockhausen die toxische Ursache nachgewiesen (De lithargyri fumo
noxio, 1686), vornemlich aberdeHaen in mehreren Abhandlungen, Astruc
(An morbo colica pictonum dicto etc., 1751), Ilsemann (De colica satur-
nina, 1755), Tronchin (De colica pictonum, 1756) und Combalusier (Ob-
servations et reflexions sur la colique de Poitou et des peintres, 1761)
haben die Kenntnisse über diese Krankheit beträchtlich gefördert und zu-
mal die Symptome sehr genau festgestellt.
Auch die Folgen des Alcoholmissbrauchs wurden da und dort be-
achtet. (Jänisch, de Spiritus vini usu et abusu, 1793).
Besonders aber machte im 18. Jahrhundert die Vergiftung durch
Mutterkorn grosses Aufsehen und wurde als Rhaphanie bezeichnet.
Schon 1695 war sie von Brunner dem verunreinigten Korn zugeschrieben
worden. Von Linne wurde noch der Rhaphanus rhaphanistrum als die
wahre Schädlichkeit angesehen. Andere hielten das Lolium temulentum
für die giftige Substanz. Zahlreiche Beobachtungen, zum Theil in grössern
Epidemien, wurden an den verschiedensten Orten gemacht und in Betreff
der Symptome namentlich discutirt, ob die convulsivische Erkrankung und
die gangränöse in Betreff der Ursachen identisch seien. Rosen von Rosen-
stein beschrieb die spasmodische Form (1742), Mulcaille die gangränöse
(1748). Ausserdem haben Zimmermann, Tissot, Read, Wichmann,
Saillant, Tessier, Taube und viele Andere sich um diese Krankheit, deren
lezte grosse Epidemie in die Jahre 1770 und 1771 fiel, verdient gemacht.
In Betreff der Syphilis wurde ausser van Swieten's Arbeit, sowie Syphilis,
dem Werke von Astruc (De morbis veneriis libri VI, 1736) wenig Bedeut-
endes geleistet, ausgenommen dass 1767 Balfour zuerst den Versuch
230
Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung,
Variolen.
Scharlach.
machte, den-Tripper von der Syphilis auszuschliessen. Erst 1786 erschien
das epochemachende Werk von John Hunter, welches die ganze Syphilis-
lehre der neueren Zeit beherrscht hat.
Ueber die Poken erschien eine Anzahl sehr wichtiger Beobachtungen
von Mead (1747), von Huxham, Werlhoff, van Swieten, Cotugno, ferner
von Sarcone, Borsieri. In die Mitte des 18. Jahrhunderts fielen überdem
die Discussionen über die Zulässigkeit und Zwekmässigkeit der im An-
fang des Jahrhunderts eingeführten prophylactischen Variolinoculation.
Auf die Varicellen fing man ebenfalls zuerst in der Mitte des Jahr-
hunderts an zu achten, pflegte aber zu ihnen gewöhnlich leichtere Variol-
formen mitzurechnen (Heberden, 1767).
Zur Feststellung der Eigenthümlichkeit der Masernkrankheit haben
besonders Friedrich Hoffmann und Borsieri beigetragen. Zur Zeit Rosen
von Rosenstein's (1762), welcher eine gute Darstellung der Krankheit
gibt, wurden die Masern bereits unzweifelhaft als besondere und specifische
Krankheit betrachtet.
Der Scharlach wurde erst im 18. Jahrhundert mit Sicherheit beob-
achtet. Fothergill legt noch auf die Angine das Hauptgewicht. Huxham
trennt den Scharlach noch nicht von den Masern, und Andere sprechen
nur gelegentlich von Scharlach. Vornemlich war es Borsieri, welcher die
erste genaue und umfassende Beschreibung der Krankheit lieferte. Doch
hatte Plenkwitz bereits das Anasarca nach der Eruption beobachtet.
scinvcisssucht. Die Seh weiss such t machte im 18. Jahrhundert in Verbindung mit
Frieseleruptionen epidemische Umzüge, und aus Deutschland, Frankreich
und Italien liegen zahlreiche Beobachtungen über dieselbe vor. Meist
wurde die Affection als Friesel, Miliaria bezeichnet.
pestv Die Pe st drang im 18. Jahrhundert nur noch selten und in beschränkter
Ausdehnung im christlichen Europa vor. 1709 und 1710 herrschte sie in
Schweden, Dänemark und an der Nordküste von Deutschland, 1713 kam
sie von Süden her nach Oesterreich und Bayern; 1720 brach sie in Mar-
seille aus, wobei ihre Contagiosität sich vornemlich klar herausstellte, in-
dem ein Schiff aus Saida , auf dem einige irrthümlich nicht für Pest ge-
haltene Fälle an Bord vorgekommen und tödtlich verlaufen waren, nach
der Landung die Krankheit sichtlich auf die zunächst damit verkehrenden
Personen ausbreitete , worauf sodann die Seuche von Haus zu Haus sich
weiter ausdehnte, in einem Grade, dass 60,000 Menschen daran gestorben
sein sollen, 1738 war die Pest in der Ukraine; 1743 raffte sie 43,000
Geburtshilfe.
231
Typhus.
Malariakrank-
heiten.
Menschen in Messina hin; 1755 brachte sie ein Armenier nach Sieben-
bürgen; T771 endlich herrschte eine schwere Pestepidemie in Moskau.
Die hauptsächlichsten Beobachter der Krankheit waren Mead (1720),
Bertrand über die Pest zu Marseille (1723), Chenot, Orräus über die
zu Moskau (1784), Samoilowitz über dieselbe (1787).
Fieber, welche ohne Zweifel dem exanthematischen Typhus ent-
sprechen, sind mehrfach im 18. Jahrhundert beobachtet worden; so
namentlich von Huxham (Essay on the fevers, 1739), Pringle (1752),
Sarcone (Geschichte der Krankheiten, die im Jahre 1764 in Neapel ge-
herrscht hatten), Campbell (Observations on the typhus, 1786).
Ausserdem wurde von Röderer und Wagler eine Krankheit beob-
achtet, welche sie Morbus mucosus nennen und deren anatomische Stör-
ungen, aufs Genaueste von ihnen beschrieben, mit denen des enterischen
Typhus übereinstimmen : die erste sichere Beobachtung über die jezt so
gemeine Krankheit (de morbo mucoso, 1762). Ohne Zweifel ist die von
Huxham als Febris nervosa lenta bezeichnete und symptomatisch sorg-
fältig beschriebene Krankheit gleichfalls der enterische Typhus gewesen.
Ueber die intermittirenden Fieber hat das 18. Jahrhundert zahl-
reiche wichtige Werke geliefert und die wesentlichsten Punkte aufgeklärt.
Ausser den Werken von de Haen, Borsieri, van Swieten, Fr. Hoffmann,
Huxham sind besonders hervorzuheben: Torti, Therapeutice specialis ad
febres quasdam perniciosas, 1712, eine bis jezt nicht übertroffene Dar-
stellung der einzelnen, vornemlich perniciösen Fieberformen; Lancisi (De
noxiis paludum effluviis eorumque remediis, 1716); Werlhoff (Observat-
iones de febribus, praecipue intermittentibus, 1732), sodann eine anonyme
Sennac zugeschriebene Schrift : De recondita febrium intermittentium tum
remittentium natura, 1759; Trnka de Krzowiz (Historia febrium inter-
mittentium omnis aevi etc., 1775), und Strack (Observationes medicinales
de febribus intermittentibus, 1785).
Endlich ist noch der Geburtshilfe Erwähnung zu thun. Sie ist im Geburtshilfe,
eigentlichsten Sinne eine Schöpfung des 18. Jahrhunderts.
Den grossen Aufschwung , den sie nahm , verdankte sie zunächst der
Erfindung eines einfachen Instrumentes, der Zange. •
Schon am Ende des 17. Jahrhunderts hatte die Familie Chamberlen
in England ein zangenartiges Werkzeug zur Extraction des Kopfes
besessen; dasselbe wurde aber als Familiengeheimniss behandelt und nur
für einen hohen Kaufpreis feilgeboten. Van Roonhuysen in Holland soll
das Geheimniss gekauft haben, behielt es aber gleichfalls zunächst für
232 Die Median im Zeitalter der Aufklärung.
sich, und erst durch weitere Käufe und Erbschaften kamen auch andere
holländische Aerzte in den Besiz des Instruments. Aber bereits war es
zweifelhaft, ob die auf diese Weise in Privathänden sich befindenden
Werkzeuge wirklich mit dem ursprünglichen Chamberlen'schen Instru-
mente übereinstimmten. Nichtsdestoweniger wurde im Jahre 1*746 von
dem Collegium medico-pharmaceuticum zu Amsterdam das Gesez ge-
geben, dass kein Geburtshelfer seine Kunst ausüben dürfe, der nicht
erweise, dass er im Besiz des Geheimnisses sei, welches das Collegium
selbst für 2 bis 2*/2 Tausend Gulden verkaufte. Als endlich 1753 dasselbe
veröffentlicht wurde, erwies es sich als nichts Anderes denn ein Hebel.
Auch in England kam das Geheimniss von Hand zu Hand, ohne dass
schliesslich irgend eine Sicherheit war, ob die theuer erkauften Instru-
mente die ursprünglich Chamberlen'schen waren. Der erste Engländer,
welcher ein wirklich zangenartiges Instrument beschrieben hat, war
Chapman, 1733, der dasselbe in seiner zweiten Auflage, 1735, auch
abbildete.
Theils vielleicht geleitet durch dunkle Gerüchte, theils iu Folge
eigenen Nachdenkens wurde darauf die Zange von Palfyn, Professor in
Gent, erfunden, die Erfindung der Pariser Academie vorgelegt (1723),
aber gleichfalls nicht weiter veröffentlicht. Heister in Helmstädt hatte
zwar wahrscheinlich das Instrument gesehen, doch ebenfalls zunächst
nichts Näheres davon mitgetheilt. Erst durch Levret (1747) wurde die
Palfyn'sche Zange oder tire-tete beschrieben. Doch hat man noch
längere Zeit Zweifel in den Werth des geheimnissvollen Instruments gesezt,
bis endlich die Stimme der aufgeklärteren Geburtshelfer der Zeit, welche
sieb für dasselbe entschieden, durchdrang.
Das 18. Jahrhundert war reich an bedeutenden Geburtshelfern. Auch
auf diesem Gebiete ging Frankreich voran. De la Motte, die beiden
Gregoire, Nicolas Puzos, sodann besonders Andreas Levret (1703 bis
1780), auch Ant. Petit, Frangois Ange Deleyrie (geb. 1737), Solayres de
Renhac und Jean Louis Baudelocque (1746 — 1810) waren die hervor-
ragendsten. — In England zeichneten sich Manuingham, vornemlich aber
William Sraellie (1680—1763), aber auch William Hunter und Thomas
Denman aus, denen sich noch eine Reihe Anderer anschloss. — In
Deutschland wurde -im Anfang des Jahrhunderts noch fürchterlich unter
Gebärenden und Kindern gewüthet. Die Neugeborenen waren regel-
mässig verloren, wo ein Geburtshelfer seine Hände anlegte, und in
Betreff der Entbundenen rühmt sich ein Accoucheur Mittelhäuser in
Weissenfeis, dass ihm unter zehn nur zwei starben. Zahllose Hebararnen-
bücher wurden übrigens geschrieben.
Geburtshilfe. 233
Erst bei Heister gewinnt die Geburtshilfe , die für ihn ein Theil der
Chirurgie ist, ein etwas besseres Aussehen. Der erste sorgfältige Geburts-
helfer Deutschlands war Rüderer aus Strassburg, Professor in Göttingen.
Am meisten trug in Deutschland zur Verbreitung der Zange , zu einer
richtigen Einsicht in den Geburtsact und zur Einführung zwekmässigerer
Operativverfahren Georg Wilhelm Stein (1737—1803) bei.
Durch die wetteifernde Thätigkeit so zahlreicher Kräfte wurde die
Geburtshilfe rasch gehoben und namentlich durch Renhac und Baudelocque
wurde das Studium der naturgemässen Vorgänge und die Ansicht, dass
diese zu leiten seien , vorbereitet.
Auch fing man jezt allenthalben an, eigene Unterrichtsanstalten für
die Geburtshilfe zu gründen: vornemlich zu Paris (1720), zu Strassburg
(1728) , zu Göttingen (auf Haller' s Veranlassung 1751) , zu Kopenhagen
(1760), in Kassel (1763), zu Wien (unter dem Einfluss van Swieten's
(1764), in London (1765), in Dresden (1774).
So hat sich nach dem bisher Ausgeführten im 18. Jahrhundert eine Allgemeiner
Masse von positiven Thatsachen angesammelt: reiche Kenntnisse und *,.eJ
•t o ^ ärztlichen
treffliches Urtheil findet man in den Schriften der damaligen hervorrangende Verhältnisse.
Aerzte. Aber neben diesen Männern von höchstem Verdienst und Ver-
ständniss ging ein grosser Haufe der gedankenlosesten, kenntnisslosesten
und abergläubigsten Praktiker einher. Nie war die Kluft so gross, welche
den wissenschaftlichen Arzt von der rohen Masse der ärztlichen Hand-
werker trennt. Die Wissenschaft war ein Monopol verhältnissmässig
Weniger. Die Bildung der grossen Menge war noch auf der Stufe der
nachreformatorischen Zeit.
Indessen mehrte sich doch die Zahl derer , welche aus den Abgründen
des Aberglaubens zu wissenschaftlichen Bestrebungen sich erhoben, im
Laufe des Jahrhunderts immer beträchtlicher, und wenn auch viele nur die
Formen der Wissenschaft sich aneigneten, ohne für den bereits vorhan-
denen Inhalt den rechten Sinn zu haben, so war diess immerhin schon ein
Fortschritt.
Gleichzeitig besserte sich die sociale Stellung der Aerzte wesentlich
und rasch. Am bemerklichsten war diess in Deutschland, wo noch am
Schluss des 17. Jahrhunderts die Aerzte eine höchst zweifelhafte Stufe in
der öffentlichen Achtung eingenommen hatten. Schon gegen die Mitte
des 18. waren .sie dagegen zu hohem Ansehen daselbst gelangt, und in der
zweiten Hälfte des Jahrhunders hatten sie eine Stellung in der Gesell-
schaft sich verschafft , wie sie nie zuvor dem Stande zu Theil geworden
war, und wie er sie grotsentheils längst wieder eingebüsst hat.
234 Die Medicin im Zeitalter der Aufklärung.
Diese ungewöhnlich günstige Situation beruhte mindestens nicht allein
auf den reichen Einnahmen; denn obwohl bei der noch beschränkten Zahl
der Aerzte der pecuniäre Gewinn der Kunst ein völlig ausreichender und
anständiger war, so blieben doch die wirklich glänzenden Einkünfte um
so mehr auf einzelne Bevorzugte beschränkt, als die Einfachheit der Zeiten
und Sitten, welche wenigstens in den bürgerlichen Verhältnissen herrschte,
auch in dieser Hinsicht sich geltend machte.
Die vorteilhafte Stellung der Aerzte lag vielmehr darin, dass sie eine
Macht geworden waren, die sich bis ins innerste Leben der Familie er-
strekte, und der man sich ebenso unbedingt fügte, als mit Vertrauen hin-
gab. Im 18. Jahrhundert nemlich bildete sich das Verhältniss der Haus-
ärzte aus und gestaltete sich in kurzer Zeit zu einem ebenso naturgemässen
und fest begründeten, als für beide Theile wohlthätigen Institute.
Dem Bedürfnisse eines einsichtsvollen, mit allen Beziehungen ver-
trauten, theilnehmenden und zuverlässigen Familienberathers hatte früher
allgemein der geistliche Beichtvater entsprochen. Allein just in der Zeit,
als durch die steigende Cultur die geistigen Ansprüche wuchsen, hielt
vielfach zumal in der protestantischen Kirche die Befähigung der Geistlich-
keit, diesen Ansprüchen zu genügen, nicht gleichen Schritt, und die ein-
gerissene religiöse Indifferenz trug noch mehr dazu bei, die vertraulichen
Beziehungen zum geistlichen Beichtvater zu lokern und abzustumpfen.
Diese der Geistlichkeit verloren gehende Stellung fingen an die Aerzte
einzunehmen und sie befestigten sich um so schneller in der Intimität, als
sie , vertraut mit den körperlichen Schwächen und Geheimnissen der Fa-
milienglieder und eingeweiht in die auch den Gebildetsten der Zeit noch
völlig verschlossenen Mysterien der Natur, die unbeneidete und unange-
fochtene geistige Ueberlegenheit geltend zu machen vermochten. So wurde
der Arzt der Rathgeber in allen Sorgen und Kümmernissen , der Freund
der Familie, vor dem man kein körperliches noch moralisches Geheinmiss
verbarg, und dessen Wort in allen Nöthen des Leibes und der Seele maass-
gebend wurde. Und doch artete das Verhältniss nicht in eine gegenseitige
zu grosse Vertraulichkeit aus. Der Arzt mit seinen immer noch ange-
staunten Kenntnissen und Fertigkeiten behielt eine so unnahbare Superior-
ität, dass seinen Aussprüchen in allen menschlichen und natürlichen An-
gelegenheiten die unbedingteste Autorität und meist ein blinder Gehorsam
zu Theil wurde. Manche Aerzte wussten durch ein absichtliches , der
Charlatanerie nicht fremdes Benehmen , bald durch eine stolze Würde,
bald durch eine zur Schau getragene Verachtung aller Sitte, oder durch
Sonderlingsmanieren, bald durch Grobheit und Rüksichtslosigkeit, bald,
wie der berühmte Beireis in Helmstedt, durch ein Halbdunkel von Heim-
Allgemeiner Charakter der ärztlichen Verhältnisse. 235
lichkeiten und verborgenen Künsten den Respect bis zu einem gewissen
Grauen zu steigern. Jedoch haben gerade diese, indem sie für ihre per-
sönlichen und augenbliklichen Interessen wirkten, dazu beigetragen , die
Achtung der Verständigen vor dem Stande wieder zu untergraben und zu
erschüttern.
Auch in öffentlichen Angelegenheiten fing die Stimme des Arztes an
geachtet zu werden. Die Medicina forensis und die medicinische Polizei
nehmen in diesem Jahrhundert ihren ernstlichen Anfang. Der Arzt galt
hier gleich dem Kenner der Natur überhaupt. Er war der Physicus, dem
über alle natürlichen Dinge und Fragen das lezte und entscheidende Wort
zukam.
So ist in Hinsicht auf die Leistungen wie auf die Werthschäzung des
Standes das 18. Jahrhundert das goldene Zeitalter der Medicin gewesen.
SIEBENTER ABSCHNITT.
Die Vorbereitung der neuen Zeit.
john Brown. Die Confusion , in welcher sich gegen das Ende des 18. Jahrhunderts
die Theorien verfangen hatten , fand einen Abschluss durch den Eng-
länder John Brown. Mit einem Schlag schien derselbe durch die Auf-
findung einer Formel für die vitalen Beziehungen alle Schwierigkeiten
gelöst zu haben. Die ihm vorausgegangenen lebhaften und verwirrten
Discussionen verstummten mit seinem Erscheinen fast plözlich und eine
Zeitlang theilten sich die theoretischen Aerzte in die Partheinahme für
und gegen ihn. Er hat aber mit seinem obersten Gesez für den vitalen
Mechanismus nicht nur ein Princip geliefert, das eine Zeitlang die Theorie
beherrschte, sondern durch die extravaganten Consequenzen, die er daraus
zog, hat er neuen Stoff zu gewagten Conjecturen und zum Theil seltsame
Verwirrungen in die Medicin geworfen.
John Brown, geboren 1735 in Schottland, zeigte von frühester Jugend
hervorstechende Talente. Im 7. Jahre las er schon alle lateinischen
Classiker. Allein seine Eltern bestimmten ihn, Weber zu werden, und
er trat bei einem solchen im 10. Lebensjahre in die Lehre. Nur kurze
Zeit that er bei ihm gut. Im 13. Jahre ward er Unterlehrer und blieb es
bis zum 18., wo er Hofmeister in Edinburgh ward und daneben Theologie
studirte. Sein Glaube an die Lehre der Kirche fing bald an , wankend
zu werden. Eine Dissertation, die er einem Candidaten der Medicin über-
sezte, bestimmte ihn, sich dieser Wissenschaft zuzuwenden. Allein seine
Mittel waren gering. Er verschaffte sich solche durch Uebersezen und
Verfertigen von Dissertationen. Er soll übrigens in dieser Zeit sehr aus-
schweifend gelebt haben. Im 30. Jahre, obgleich in den dürftigsten Um-
ständen, heirathete er und suchte seine Tage durch Kosttische, die er den
Studenten gab, zu fristen. Schon nach drei Jahren machte er Bankerott
und überliess sich aufs Neue dem zügellosesten Leben; da nahm sich
Cullen seiner an, verschaffte ihm bei Studenten l^rivatissima, in denen er
Bro-wn. 237
Cullen's Vorlesungen zu repetiren hatte. Einige Zeit lang war er Cullen's
enthusiastischer Lobredner. Aber das Verhältniss änderte sich später.
Er fand grösseren Beifall als sein Meister; eine zwar kleine Anzahl von
Schülern, aber gerade die besten Köpfe, freilich auch die liederlichsten
hingen ihm an; bald fing er an, Cullen und die anderen Lehrer lächerlich
zu machen und zu verhöhnen, und die Folge davon war die bitterste Feind-
schaft zwischen ihm und seinem Wohlthäter. 1779 erschienen seine
Elementa medicinae. Von jezt an war der Krieg ein offener. Nicht nur
Brown wurde auf jede Weise gedrükt und verfolgt, und vergalt seinerseits
seinem Gegner mit dem reichlichsten Maasse von Schmähungen , sondern
das ganze medicinische junge Edinburgh war in zwei Lager getheilt, und
häufig scheinen die wissenschaftlichen Fehden mit den Fäusten ausgekämpft
worden zu sein. Wenigstens hatte die Edinburgher medicinische Gesell-
schaft um diese Zeit in ihren Statuten einen Paragraphen, nach welchem
jeder , der wegen einer wissenschaftlichen Discussion einen Andern prügle
excludirt werden solle. — Durch seine fortdauernde Verschwendung ge-
langte Brown ins Schuldgefängniss , aus welchem er nur durch das Geld
seiner Schüler befreit wurde. 1786 verliess er endlich Edinburgh und
begab sich nach London , um auf einem grösseren Markte von seinem
System auch Iucrativeren Gewinn zu ziehen. Er trat mit grossen Worten
in London auf, aber der Erfolg war gering. Einzelne Verehrer hingen ihm
mit Leidenschaft an; aber in dem öffentlichen Credit wussteer sich nicht
festzusezen. Oft sprach er mit dem Vertrauen des Genies von dem künf-
tigen Triumph seines Systems ; aber er that nichts , diesen Triumph zu
beschleunigen. Nachdem er, seiner Gewohnheit nach, eine starke Dose
Laudanum genossen hatte, starb er im Schlafe apoplectisch 1788. Seine
Wittwe und seine Kinder mussten durch die Mildthätigkeit seiner Schüler
erhalten werden.
Es ist nicht zu verkennen , dass in dem ganzen Benehmen und Leben
Brown 's einige Aehnlichkeit mit Paracelsus hervortritt. Manche seiner
Anhänger wollten das Extravagante und Unziemliche in Brown's Leben
wegleugnen und ihm den Ruf eines geordneten, ehrbaren Mannes erhalten.
Aber es ist vergeblich, über Notorisches zu schweigen oder es zu bemän-
teln, und man kann Brown's Geist und seine Lehre immerhin achten, wenn
man auch bekennt, dass sein Leben nicht überall innerhalb der von der
Polizei und der guten Sitte gezogenen Grenzen sich bewegt hat.
Von grossem Interesse ist, was Brown selbst über seinen geistigen
Entwiklungsgang sagt.
Er beginnt seine Elementa medicinae mit folgender Vorrede :
Der Verfasser vollbrachte mehr als 20 Jahre mit Erlernen , Lehren
238 Die Vorbereitung der neuen Zeit.
und fleissigem Untersuchen aller Theile der Medicin. Die ersten 5 Jahre
hörte er Andere, studirte über das Gehörte, glaubte blind und bemächtigte
sich des Besizes, als eines sehr reichen und kostbaren Erbguts. Die fol-
genden 5 Jahre beschäftigte er sich damit, alles Einzelne klarer zu er-
läutern , genauer auszuarbeiten und streng auszubessern. Die weiteren 5
Jahre hindurch ging nichts zu seiner Befriedigung von statten : er wurde
Zweifler und begann die Heilkunst als eine völlig ungewisse und unbegreif-
liche Kunst zu beklagen. Erst zwischen dem 15. und 20. Jahre ging ihm
ein matter Lichtstrahl gleich dem ersten Grauen des Tages auf.
Ein Gichtanfall , erzählt er weiter , habe ihm die bessere Einsicht er-
öffnet. Die Meinung der damaligen Äerzte war, diese Krankheit solle von
Blutüberfluss und übermässiger Kräftigkeit abhängen und durch Enthalt-
samkeit und Pfianzennahrung geheilt werden. Nun seien aber bei ihm selbst
zwei Anfälle dann eingetreten , als er zufällig lange Zeit diät gelebt habe,
während bei seinem früheren üppigen Leben und während der Zeit der
vollen Manneskraft nichts davon sich gezeigt hatte. Dessenungeachtet
habe er sich an den üblichen Curplan gehalten , in Folge dessen er denn
auch ein ganzes Jahr lang mit Hinken und peinigenden Schmerzen geplagt
gewesen sei. Diese Thatsachen habe er sich zusammengehalten, habe
daraus geschlossen, dass der Zustand bei der Gicht in Schwäche bestehe
und habe sich durch stärkende Mittel , Wein , Fleisch und Gewürze ge-
holfen. Sofort habe er gefunden , dass auch die bösartigen Anginen und
der chronische Rheumatismus auf Schwäche beruhen. Bald habe sich
ihm diese Ansicht der Dinge auch auf weitere Krankheiten ausgedehnt.
Browns Die wesentlichen Punkte des Brown'schen Systems sind folgende:
Im Zustand des Lebens unterscheidet sich das Individuum von der
leblosen Materie nur allein dadurch, dass es durch äussere Thätigkeiten
so bestimmt werden kann, dass eigenthümliche Phänomene, die dem lebenden
Zustande eigenthümlich sind, hervorgebracht werden können (§.10). Jene
äusseren Thätigkeiten können fremde Substanzen und Potenzen sein , oder
aber auch die Verrichtungen der Systeme selbst. Leztere können das
Gesammtsystem ganz auf dieselbe Weise bestimmen, wie die absolut
äussern Dinge. Die Eigenschaft, durch äussere Thätigkeiten zu be-
stimmten eigenen Thätigkeiten angeregt werden zu können, ist das für
die lebende Substanz Specifische. Brown nennt sieErregbarkeit. Nicht
ganz mit eben so glüklich gewähltem Ausdruk nennt er das Anregende
einen Reiz (denn bei diesem Wort wird unwillkürlich etwas Actives, Ein-
wirkendes gedacht). Die Wirkung des Reizes auf die Erregbarkeit (Brown
macht hier schon einen Fehler, indem er§. 16 „auf die Erregbarkeit" statt
auf die erregbare Substanz sezt), nennt er Erregung.
Doc trin.
Brown. 239
Schon im §. 18 kommen weitere Verirruagen. Ganz richtig sagt
Brown: „wir erkennen nicht, was Erregbarkeit sei," aber daneben nennt
er sie etwas den lebenden Wesen „Zugetheiltes" und lässt sogar die Mög-
lichkeit offen, dass sie selbst Substanz sei. Zu gleicher Zeit jedoch ver-
wahrt er sich dagegen, dass er, wenn er von Ueberflüssigkeit, Anhäufung,
Abnahme, Erschöpfung und Aufzehrung der Erregbarkeit spreche, diess
materiell gemeint habe. Nur die Armuth der Sprache sei Schuld, dass
man sich solcher bildlichen Ausdrüke bedienen müsse. Aber diese Ver-
wahrung hat wenig genüzt. Er selbst und noch mehr seine schwächeren
Nachfolger haben diese Bilder bald in allem Ernste genommen, man hat
sogar die Quantität der Erregbarkeit und ihre Verluste berechnet und in
Zahlen ausgedrükt.
Das Leben, sagt Brown weiter, kann nur bestehen beim Vorhanden-
sein von Reizen und von Erregbarkeit, das Leben ist also eine Kette von
Erregungen. Schwäche ist nicht ein Zeichen von mangelnder Erregung,
sondern nur von einem geringen Grade derselben.
Zu heftige Reize bringen Krankheiten hervor, wie zu schwache. Der
Zustand der massigen Erregung bezeichnet das Wohlsein , diess hat aber
nach zwei Seiten eine Grenze, auf der einen beginnen die sthenischen
Krankheiten von zu grossem Reize, auf der anderen die von Schwäche,
die asthenischen. Gesundheit und Krankheit sind also keine verschieden-
artigen Zustände , sondern sie bestehen in Erregungen , nur von verschie-
denem Grade. Zwischen der Gesundheit und ausgesprochener Krankheit
liegt die Anlage zur Krankheit. Die Wiederherstellung der Gesundheit
beruht bei den sthenischen Krankheiten auf Verminderung der Erregung,
bei den asthenischen auf Vermehrung der Erregung.
Erregbarkeit, fährt er §. 24 fort, verhält sich so, dass je schwächer
und geringer die Reize auf sie einwirken , um desto mehr erhöht sie sich,
je mächtiger der Reiz ist, um so eher wird die Erregbarkeit erschöpft.
Ein massiger Reiz , der eine massige Erregbarkeit bestimmt , erzeugt die
höchste Erregung. Hoher Grad der Erregbarkeit lässt nur geringe Reize
zu, von heftigen wird sie erschöpft; daher stellt sie eine gewisse Art der
Schwäche dar, jene Art, wie sie beim Kinde vorkommt. Geringer Grad
der Erregung bedarf dagegen sehr heftiger Reize, wenn Erregung resultiren
soll, und stellt daher wiederum Schwäche dar: die Schwäche des hohen
Alters.
Es gibt zwei Weisen, wie die Erregung aufhören kann, 1) durch jeden
relativ zu heftigen Reiz wird die Erregbarkeit erschöpft, so dass in der
Folge keine Erregungen mehr stattfinden können, und diess bald vorüber-
gehend, bald unersezlich. Der Reiz kann entweder durch seine Vehemenz
240 Die Vorbereitung der neuen Zeit.
oder seine Dauer wirken ; eines ist wie das andere ; nur entsteht die Er-
schöpfung im ersten Fall plözlich, im zweiten allmälig. Bei wem durch
Einen Reiz die Erregbarkeit erschöpft scheint , bei dem kann doch oft
durch eine andere flüchtigere noch Erregung erfolgen (Mahlzeit, Wein,
Opium). Je öfter solche Abnüzung und Wiedererregung auf einander folgt,
um so schwieriger wird zulezt der Wiederersaz der Erregbarkeit. Die
Schwäche , welche durch solches Uebermaass von Reizen eintritt , nennt
Brown indirecte Schwäche zum Unterschied von jener, welche von
Mangel an Reiz herrührt.
Die zweite Art, wie die Erregung aufhört, ist durch Verminderung der
Reize. Die Erregung nimmt dabei ab , die Erregbarkeit aber zu (diess
findet z. B. statt bei Hungerleiden, Wassertrinken, Faulheit, Melancholie).
Es entsteht Schwäche, die er dir e et e nennt , weil sie vom Mangel an
Reizen herrührt. Es ist daher immer nothwendig, dass durch fortdauernde
Einwirkung von Reizen die Erregbarkeit verhindert werde, sich anzuhäufen,
und hier kann oft für den Mangel eines Reizes ein anderer eintreten.
Wenn ein grosses Uebermaass von Erregbarkeit vorhanden ist, so droht
der Tod; in solchen Fällen kann man nur dadurch das Wohlsein wieder
zurükführen , dass man , mit den kleinsten Reizen beginnend , allmälig
zu grösseren aufsteigt (z. B. bei Verhungerten). In Krankheiten, welche
von diesen Verhältnissen abhängen (z. B. bei Fiebern) muss zur Cur eine
grosse Summe von Reizen angewandt werden, jedoch um so weniger davon
auf einmal, je grösser gerade das Uebermaass der Erregbarkeit ist. Nie
aber darf in solchen Krankheiten geschwächt werden (durch Kälte , Blut-
entziehungen , Hungern) , denn dadurch steigert sich nur das Uebermaass
der Erregbarkeit.
Das Leben ist also kein natürlicher, sondern ein erzwungener Zustand;
die lebenden Wesen schreiten jeden Augenblik ihrer Auflösung entgegen
und werden davon nur durch äussere Thätigkeiten zurükgehalten mit
Schwierigkeit. §. 72.
Der Siz der Erregbarkeit ist das Nervenmark und die Muskelmaterie.
Auf jeden Theil des Nervensystems wirken besondere speeifische Reize;
kein Reiz wirkt zunächst auf das Ganze, dennoch bestimmt jeder Reiz
sogleich die gesammte Erregbarkeit. Der Theil , auf welchen aber der
Reiz direct wirkt, ist immer der am stärksten afficirte. Da aber die Er-
regung immer eine gesammte ist, so kann sie nie in einem Theile vermehrt
und im anderen vermindert sein, oder umgekehrt. Sie kann nur in dem
speeifisch ergriffenen Theile etwas stärker vermehrt oder etwas bedeut-
ender vermindert sein, als in den übrigen. Wofern man also in Einem
Organ Zeichen vermehrter Erregung wahrnimmt , darf man sicher sein,
Brown. 241
dass solche über den ganzen Körper stattfindet, nnd ebenso bei vermin-
derter Erregung (allgemeine Krankheiten).
Keine allgemeine Affection hat folglich in Einem Theile ihren allein-
igen Siz ; jede ist über den ganzen Körper verbreitet, indem die gesammte
Erregbarkeit bestimmt ist (§.t54). Jede örtliche Affection in einer all-
gemeinen Krankheit (Pneumonie z. B.) ist daher nur als Theil des Uebels
anzusehen und die Behandlung immer auf das ganze zu richten.
Die örtlichen Krankheiten unterscheiden sich namentlich dadurch,
dass ihnen keine Anlage vorangeht. Die erste und wichtigste Diagnose
ist daher immer die Unterscheidung der allgemeinen und örtlichen
Krankheiten.
Die allgemeine Wirkung sthenischer Schädlichkeiten beruht darauf,
dass sie die Verrichtungen anfangs vermehren, nachher zum Theil sie
beschränken, jedoch keineswegs mittelst eines schwächenden "Wirkens. —
Die Wirkung der asthenischen Schädlichkeiten besteht in Verminderung
der Verrichtungen, jedoch so, dass es manchmal den trügerischen Anschein
hat, als seien sie vermehrt. Die Curanzeige bei sthenischer Beschaffen-
heit ist, die Erregung zu vermindern, bei asthenischer sie zu vermehren,
und zwar beides bis zu dem Grade, in welchem die Erregung wieder zur
Mittelstufe zwischen den beiden Extremen, auf welchen Wohlsein statt-
findet, zurükgebracht ist. Diess ist die einzige Indication bei all-
gemeinen Krankheiten. (§.88.) Auf die krankheiterzeugende Ma-
terie hat man nur insofern beim Curplan Rüksicht zu nehmen, dass man
ihr Zeit lasse, aus dem Körper zu wandern. Bei der Behandlung der in-
directen Schwäche (von Erschöpfung der Erregbarkeit, Alter, Schwelgen)
muss von dem Reize, welcher als das vorzüglichste Heilmittel dienen soll,
anfangs beinahe dieselbe Quantität angewendet werden , durch welche die
Krankheit hervorgerufen wurde, dann allmälig weniger und weniger bis
zur Entfernung der Krankheit (103). Die Cur der directen Schwäche
dagegen ist mit dem geringsten Reize anzufangen , dann allmälig damit
zu steigen , bis nach allmäliger Verminderung der zu hohen Erregbarkeit
endlich das Wohlsein wiederkehrt (107). Ist die Krankheit aus dem
Mangel Eines Reizes entstanden, so wird auch nur die Anwendung eines
und desselben Reizes sie heben; mangeln mehrere, so muss auch die The-
rapie sich complicirter Reize bedienen.
Brown's Hauptverdienst ist die Auffindung einer Formel für die vitalen xnzen und Nach-
Vorgänge. Er fand das oberste Gesez der Erscheinungen. Sein System theü det Brown'-
° * sehen Doctrin.
ist überdiess ziemlich rein phänomenologisch. Wir finden keine teleolog-
ischen und weniger ontologische Begriffe darin , wie in den anderen. Da-
gegen bewegt es sich in einem ungemein engen Räume , nemlich in den
Wunderlich, Geschichte d. Medicin. 16
242 Die Vorbereitung der neuen Zeit.
quantitativen Verhältnissen der Erregbarkeit und der Reize. In Folge
davon betrachtet er eine Menge verschiedener Krankheiten als fast ident-
isch: als sthenisch oder als asthenisch. Andererseits spinnt er die
Verhältnisse der Erregbarkeit und Erregung auf eine subtile und alle Er-
fahrung verhöhnende Weise aus. Die Therapie, welche dieses System ein-
führte, war die überwiegend reizende, und manche behaupten, dieses System
habe dadurch mehr Menschen getödtet , als die Kriege der französischen
Revolution und des Kaiserreichs.
Aber auch troz dieser Missgriffe ist doch nicht zu verkennen, dass mit
Brown ein entschiedener Wendepunkt eingetreten war. Die bis dahin
vergeblichen Abmühungen, das Räthsel des vitalen Mechanismus zu lösen,
welche die ganze Speculation des 18. Jahrhunderts geleitet und charakter-
isirt haben, waren endlich mit Brown zu einem Resultate gelangt, und
die Lösung befriedigte um so vollständiger, als sie an die bisherigen Vor-
stellungen sich durchaus anlehnte, diese nur klärte, und auf Säze von der
bündigsten Kürze zurükführte.
Die Formel Brown's, welche im Wesentlichen dahin lautet, dass zum
Zustandekommen einer vitalen Thätigkeit zwei Bedingungen nothwendig
sind: eine äussere Einwirkung (Reiz, Potenz) und eine Empfänglichkeit
der organischen Substanz (Erregbarkeit), und dass das Resultat des Con-
flicts beider eben die Action (die Erregung) ist, diese so höchst einfache
Formel erhält nur dadurch ihre Bedeutung , dass man die vorausgegang-
enen peinlichen Abmühungen sich ins Gedächtniss zurükruft. Sie ent-
schied zugleich in strengster Form über die Naturnotwendigkeit der Vor-
gänge im Organismus.
Aber freilich erlangt ein formulirtes Gesez nur dadurch seinen vollen
Gehalt, dass es an den Thatsachen seinen Werth und seine Richtigkeit
erprobt. Die nakte Formel bleibt steril, so lange sie nicht die Erforschung
des Details der Erscheinungen wekt und diese aufklärt ; sie führt zu nuz-
losen Speculationen , wenn man fortfährt , in Allgemeinheiten sich zu be-
wegen. Lezteres hat Brown selbst und ein grosser Theil seiner Nach-
folger zumal in Deutschland gethan. So kam es, dass durch die Brown'-
sche Lehre ein Zeitalter der hohlsten Theoretik eingeleitet wurde, und sie
hätte zu einem abermaligen Verfall des Wissens führen können, wenn
nicht glüklicherweise von anderer Seite her ein kräftiger Impuls für die
Detailforschung Erfolge zuwegegebracht hätte, von denen schliesslich die
theoretisirende Richtung völlig überwunden wurde. So bereitete sich eine
Umgestaltung der Anschauungen vor , welche schliesslich zu einer Ueber-
einstimmung aller denkenden Aerzte in Betreff der Aufgabe und Methode
Die englische Medicin.
243
der Wissenschaft führte und diese daneben mit einem wohl begründeten
factischen Inhalte von ungemeinem Umfange bereicherte.
mittelbar
nach Brown.
In England herrschte in dieser Zeit die nüchterne Arbeit fast unbe- Die englische
schränkt. Brown's System blieb daher fast ohne Einfluss. Nur wenige e lcin wa
J ■ °rendundun-
Anhänger machten sich bemerklich. Der unbedingteste Partisane war
Robert Jones (an inquiry into the State of medicine on the principles of
inductive philosophy 1782). Ausserdem machten sich bemerklich Stewart,
Lynch und in sehr bedingter Weise Beddocs. Die meisten Engländer
behielten als Grundlage Cullen's und Gregory's Ideen und nahmen vom
Auslande ohne viel Critik auf, was ihnen praktisch werthvoll schien.
Doch machte Darwin einen Versuch, die Physiologie im Zusammen-
hang darzustellen (Zoonomia 1794 — 97), die Thatsachen des thierischen
Lebens zu ordnen und daraus die Krankheitstheorie zu entwikeln. Er
hält die Eintheilung der Natur in Geist und Materie fest. In manchen
Punkten stimmt er mit Brown überein, in andern mitBarthez. Er bringt
ein ungemein reiches Material zusammen und sucht es mit philosophischem
Sinne zu bewältigen. Aber seine Deutungen und Anschauungen haben
etwas Gekünsteltes und sein Einfluss war gering.
Um so grösser war der John Hunter' s auf die ganze praktische
Richtung. Pathologische Anatomen von bedeutendem Verdienste gingen
aus seiner Schule hervor, namentlich Everard Home, dessen wichtigste
Schrift über den Eiter handelte, und Baillie, der die Präparate des Hun-
ter'schen Museums beschrieb. Ihnen schloss sich eine Reihe von Chir-
urgen an, unter denen Aber nethy Physiologie und Chirurgie verband;
sein Hauptwerk handelt von den Aftergebilden. Crawford schrieb über
den Krebs. Cline und Georg Bell waren gleichfalls tüchtige und ge-
schäzte Chirurgen. Ueber alle andern ragte aber Astley Cooper hervor.
Unter den englischen Aerzten aus dieser Zeit sind vornemlich hervorzu-
heben: Fordyce, Fowler, Ferrior; die Begründer der genauen Kennt-
niss der Hautkrankheiten : Willan und Bateman; der Monograph des
Diabetes Rollo, und Jenner, welcher sich durch Einführung der Vaccin-
ation 1796 das grösste Verdienst um die Menschheit erwarb.
John Hnnter
und andere
Engländer.
In Frankreich war für eine rasche Ausbildung der positiven Wissen-
schaft die Lage günstig. Ein solides Fundament war durch die Chirurgie
des 18. Jahrhunderts gelegt. Die innere Medicin war so in den Hinter-
grund getreten, dass sie der von der Chirurgie angezeigten Richtung sich
ohne Widerspruch unterwarf. Zu theoretischen Ausschweifungen war
wenig Neigung vorhanden: die Ideale waren in den Stürmen der Revolution
16*
Frankreich.
244 Die Vorbereitung der neuen Zeit.
untergegangen und der neue Machthaber begünstigte ebensosehr den
reellen Fortschritt , als er den Ideologen feindlich war. So wurde die
französische Medicin von rein theoretischen Fragen kaum berührt und
auch von der Brown'schen Lehre wurde nur das unmittelbar praktisch
Verwendbare aufgenommen.
In der That ist die ganze Richtung der neueren französischen Medicin
der chirurgischen Schule entsprungen. Am meisten hat ohne allen Zweifel
Desault gewirkt als Muster von exacter Beobachtung und von Zurük-
führung der Chirurgie auf ihre anatomische Grundlage.
Drei Männer waren es vor Allem , welche denselben Geist der gründ-
lichen Untersuchung in die innere Medicin zu verpflanzen sich bestrebten:
Bichat, Pinel und Corvisart.
Bichat. Bichat, der jüngste von ihnen, aber der einflussreichste Genius der
neueren französischen Medicin und die Quelle der ganzen neuen Richtung
der medicinischen Wissenschaft, war Desault's Schüler, genauer Freund
und Mitarbeiter.
Marie Franz Xaver Bichat, geboren 1771 , trat , nachdem er in Lyon
studirt hatte, 1793 in die Desault'sche Schule in Paris ein. Ein Zufall
machte ihn dem Lehrer näher bekannt , der ihn sofort in sein Haus auf-
nahm, als Privatsecretär und Gehilfe an seinen literarischen Arbeiten be-
nüzte und ihn wie einen Sohn behandelte. Von nun an war er in der
ausgebreitetsten und unermüdlichsten Beschäftigung. Er war der Assi-
stent bei Desault's Operationen, sein Gehilfe und Stellvertreter in dessen
über ganz Frankreich sich ausdehnender Praxis; er half Desault seine
Vorlesungen ausarbeiten und sein Journal schreiben. Daneben studirte
er aufs eifrigste die Anatomie am Cadaver. Als Desault 1795 starb,
beendigte der erst 24jährige Bichat dessen Journal der Chirurgie und gab
Desault's Werke heraus.
Bald darauf aber verliess er die chirurgische Carriere und widmete
sich von 1797 dem öffentlichen Unterricht in der Anatomie. Diese Vor-
lesungen machten Epoche in Paris. Anstatt der trokenen anatomischen
Beschreibungen , mit denen man sonst in dem Amphitheater gelangweilt
wurde, belebte Bichat die Anatomie durch die Physiologie und verband
mit seinen Demonstrationen Experimente an Thieren. Später verflocht
er damit auch Excurse über die Krankheiten einzelner Organe und las
selbst über pathologische Anatomie.
Um diese Zeit gründete er die Societe medicale d'emulation, deren
periodische Blätter mehrere seiner Aufsäze enthielten und die bald
Bichat.
245
alle Männer des Fortschritts und der lebendigen Wissenschaft in sich
vereinigte.
1800 Hess er sein „Traite des membranes" erscheinen, in welchem
bereits die wichtigste Idee der Gewebsanatoraie enthalten ist. Bald dar-
auf erschienen seine „Physiologischen Untersuchungen über Leben und
Tod," und sein Hauptwerk, „Die allgemeine Anatomie," sowie die zwei
ersten Bände seiner „descriptiven Anatomie".
Aber Bichat's Geist strebte immer weiter. Nachdem er durch seine
allgemeine Anatomie Licht über die Verhältnisse der gesunden und
kranken Phänomene verbreitet hatte , fühlte er wohl, dass der schwächste
Theil der ganzen Medicin die Materia medica sei. Dieser wollte er sich
zunächst zuwenden, wozu ihm seine 1801 erhaltene Anstellung als ordin-
irender Arzt im Hötel-Dieu die beste Gelegenheit gab. Aber längst hatte
seine Gesundheit angefangen zu wanken. Mehrmalige Anfälle von Blut~
husten hatte er nicht beachtet. Da begann im Sommer 1802 sein Brust-
übel mit grosser Vehemenz, und er unterlag ihm nach 14 Tagen am 22.
Juli 1802 im 31. Lebensjahre.
Bichat gilt unbestritten in der ganzen französischen Medicin als ihr
grösster Geist, und seine Ideen und Studien haben, wenn sie auch heut-
zutage nicht mehr dem Worte nach gültig sind, auf die ganze neuere
Richtung der Medicin den glüklichsten bestimmenden Einfluss geübt.
Bichat hat nach zwei Seiten hin reformirend gewirkt. Erstens indem
er die Untersuchung auf das Detail leitete , die Organe nicht als untheil-
bares Ganzes betrachtete, sondern in ihre einzelnen Theile die verschie-
denen Gewebe analysirte. „In jedem Organe," sagt er, „das aus mehrern
Geweben zusammengesezt ist, kann das eine krank sein, während die
übrigen gesund bleiben;" und an einer andern Stelle: „Ein krankes Ge-
webe kann wohl auf die benachbarten influenciren, aber die Krankheit geht
immer nur von einem Gewebe aus." Dadurch war ein ungeheurer Schritt
zur exactern Beobachtung gegeben, um so mehr, da er die Bestimmung
des Sizes der Krankheit als die erste Aufgabe stellte. „Was ist Beob-
achtung," ruft er aus, „wenn man nicht weiss, wo das Uebel sizt?" So
zerfiel jezt z. B. die frühere Peripneumonie in Bronchitis , Pneumonie und
Pleuritis, die Darmentzündung in Katarrh, Follicularentzündung, Ent-
zündung der Serosa u. s. w. Dadurch erst wrurde die Medicin auf die
anatomische Basis geführt.
Weiter aber führte Bichat eine neue und sehr naturgemässe Weise
des Generalisirens der Erscheinungen ein, indem er zeigte, dass Gewebe
von gleichem oder ähnlichem Bau auch in gleicher oder ähnlicher Weise
erkranken, dass es also für die anatomische Form der Erkrankung weniger
Wesentliche
Punkte der
Bichat'schen
Anschauungen,
246 Die Vorbereitung der neuen Zeit.
entscheidend sei, ob das Organ im Bauch oder im Kopf oder in der Brust
liege , als vielmehr , ob es eine seröse Haut , eine mucöse oder fibröse
Membran und dergleichen sei , in welcher die Störung ihren Siz habe.
Bichat ist der Erste, der die Gewebseigenthümlichkeiten auch in Krank-
heiten nachgewiesen hat; er ist es, der nicht nur die sogenannte allge-
meine Anatomie geschaffen, sondern sie auch zuerst auf die allgemeine
Pathologie angewandt hat.
Auf allen Punkten ging Bichat's ganzes Bestreben dahin , die Medicin
durch Anatomie und Physiologie zu begründen.
So findet sich bei ihm zuerst die Idee durchgeführt, dass die Phäno-
menologie des Organismus in ähnlicher Weise auf Principien und Geseze
zurükgeführt werden müsse, wie die Phänomenologie der todten Körper,
die Physik. „Die physikalischen Wissenschaften," sagt er, „wie die phy-
siologischen sind aus zwei Bestandtheilen zusammengesezt, aus derKennt-
niss der Erscheinungen und aus der Untersuchung der Verhältnisse der-
selben unter einander und den physischen und vitalen Eigenschaften,
welche jene bedingen."
Durchdrungen von dieser phänomenologischen Anschauungsweise sagt
er in der „Allgemeinen Anatomie" (Vorrede): „Wenn mein Buch ein ähn-
liches Axiom für die physiologischen Wissenschaften festsezt, wie es in den
physikalischen schon anerkannt ist, so wird es seinen Zwek erfüllt haben."
„Das Geheimniss der Schöpfung," sagt Bichat sehr schön, „ist Ein-
fachheit der Ursachen und Mannigfaltigkeit der Effecte."
Getreu der phänomenologischen Anschauungsweise sezt er nicht Kräfte
und Geister, wie die früheren Doctrinen, sondern vitale Eigenschaften,
welche den organischen Theilen inhäriren. „Jedes pathologische Phän-
omen," bemerkt er, „hängt ab von der Vermehrung oder Verminderung,
oder Abweichung (Alteration) der vitalen Eigenschaften."
Er war es, der die pathologische Anatomie zur Führerin in der Path-
ologie erhob. „Entfernt einige Fieber und nervöse Affectionen, und alles
Uebrige in der Medicin gehört in das Bereich der pathologischen Anatomie."
Von dem Verhältniss der Flüssigkeiten des Körpers in Krankheiten
hatte er die ganz richtige Ansicht: „Die krankhaften Phänomene kommen
von den Festtheilen; aber man glaube nicht, dass die Flüssigkeiten für
nichts in den Krankheiten seien. Sehr oft tragen sie den Keim zur Krank-
heit und sind das Vehikel der krankmachenden Potenz."
Während Bichat so den Hauptimpuls zu einer wissenschaftlichem, ex-
actern und positiven Gestaltung der Medicin gab , gingen von ihm auch
viele andere historisch wichtige Ansichten aus, die weniger zu rechtfertigen
sind, die zum Theil wirkliche Irrthümer enthalten, zum Theil auch nur
Bichat. Pinel. 247
grosse Worte und Phrasen sind, zu welchen ihn seine reiche Phantasie
hinriss. Daher kommt es , dass Bichat's Werk zwei ganz verschiedene
Parteien von Lesern entzükte , ebensowohl die Männer der soliden Wis-
senschaft, als auch diejenigen , denen glänzende Einfälle über Thatsachen
gehen. Was Leztere an Bichat bewundern , das wird von den Erstem
demselben eher verziehen, als gedankt; was Erstere schäzen, davon haben
die Leztern kaum eine Idee.
Es war besonders ein zu vitalistischer Ideenkreis , in welchem Bichat
befangen war. Nachdem er kaum die vitalen Eigenschaften acht phäno-
menologisch betrachtet hatte , sieht er sie auf einmal als etwas Aeusser-
liches, Trennbares, Hinzugekommenes an. „Das Chaos," sagt er, „war
nur die Materie ohne die Eigenschaften. Um das Universum zu schaffen,
verlieh Gott ihm Schwerkraft, Elasticität, Affinität, und theilte überdem
einer Portion der Materie noch Sensibilität und Contractilität aus." Bichat
hat hier offenbar die Ideen der Montpellienser Schule aufgenommen.
So theilte Bichat, wie viele andere Vitalisten , das Leben in zwei Ab-
theilungen: das animalische und organische, und die Eigenschaften lebender
Körper in vitale und in Gewebseigenschaften. Die leztern sind Exten-
sibilität und Gewebscontractilität. Die vitalen Eigenschaften dagegen sind
nach ihm Sensibilität und vitale Contractilität, jede von diesen in der
animalen und organischen Sphäre. Die vitale organische Contractilität
theilt er in sensible und insensible , welche jedoch nur dem Grade nach
verschieden seien. Er führt nun allerdings eine höchst interessante und
geistreiche Parallele zwischen dem animalen und organischen Leben durch;
aber diess alles will sich freilich nicht mit Bichat's Grundsaz vereinen :
„Die Hypothese ist immer die Grenze, wo ich Halt mache."
Ein grosser Mangel ist es endlich, dass Bichat die physikalischen Er-
scheinungen im thierischen Mechanismus fast ganz übersah.
Ein genaues Studium der Bichat'schen Werke ist auch heutzutage
noch in hohem Grade förderlich. Sie bieten in vielen einzelnen Stüken
eine umsichtige physiologische Untersuchung sowohl der gesunden als der
krankhaften Verhältnisse.
Philipp Pinel, geboren 1745, studirte in Toulouse und Montpellier. Pinei.
1792 wurde er Arzt von Bicetre. Hier war es, wo er Befreiung von den
Fesseln und menschlichere Behandlung für die Geisteskranken von der
republikanischen Regierung forderte und erlangte und damit in der Psy-
chiatrie nicht etwa bloss Epoche machte, sondern sie ermöglichte und
schuf. Später wurde er Professor in der Pariser Fakultät; 1822 wurde
er entlassen und starb 1826.
248 Die Vorbereitung der neuen Zeit.
Sein Hauptwerk ist die Nosographie philosophique, oder : La methode
de l'analyse appliquee a la raedecine (1798). In diesem Werke steht
Pinel mit dem einen Fusse in dem vorigen Jahrhundert, mit dem andern
dagegen in der neuen Zeit.
Pinel's wichtigster und einflussreichster Grundsaz ist der der klin-
ischen Analyse. „Kann man," ruft er aus, „einen klaren, bestimmten
Begriff von zusammengesezten Gegenständen, wie es die Krankheiten sind,
erlangen, wenn man ihre Bestandtheile nicht getrennt betrachtet?" An
allen Stellen dringt Pinel auf die klinische Analyse, auf die Zerfällung des
Krankheitsbildes in seine Elemente.
Indessen gelingt die Aufgabe Pinel selbst nur sehr unvollkommen.
Er localisirt zwar und hat überall das Bestreben dazu, aber er localisirt
noch nicht speciell genug, er localisirt in ganze histologische Systeme
und sucht seine Localisation mehr durch die Symptomenanalyse , als
durch die anatomische Forschung zu beweisen.
In der Abtheilung der Fieber verfällt er wieder ganz in den Fehler der
altern Medicin , Musterspecies aufzustellen , und anstatt die Phänomene
hier in ihre Elemente zu zerlegen , will er sie nur bis auf seine Muster-
species analysirt wissen. Er nimmt hier noch ganz zusammengesezte
Verhältnisse bereits für einfache. So stellt er die Fieberclassen auf: ent-
zündliche Fieber, Magendarmhautfieber, Schleimhautfieber, Fieber mit
Atonie der Muskelfaser, atactische Fieber und Drüsennervenfieber.
Ist schon hierin den Geweben ein grosser Einfluss an der Eintheilung
eingeräumt, so tritt diess noch mehr bei den Entzündungen hervor, welche
er in Entzündungen der Schleimhäute, der durchsichtigen (serösen) Häute,
des Zellgewebes und Parenchyms, der Muskel und der Haut eintheilt. Hier
ist ganz die Bichat'sche Idee, die Krankheiten zu betrachten und histolog-
isch zu generalisiren , und es ist nicht zu ermitteln, wer von Beiden dem
Andern mehr verdankt; denn Pinel's Werk erschien ungefähr gleichzeitig
mit Bichat's erstem Aufsaz über die Membranen in den Memoiren der
Societe d'emulation. Jedenfalls hat Bichat die Idee ungleich bewusster
durchgeführt.
Uebrigens verfährt Pinel überall noch ganz systematisch , beschreibt
einfach die vorkommenden und beobachteten Erscheinungen, ohne sieb
darum zu kümmern, sie auf ihre Gründe zurükzuführen.
comsart. Jean Nicolas Corvisart de Märest, geboren 1755, zeichnete sich
früh durch anatomische Studien aus. Anfangs wurde ihm die Uebernahme
eines Hospitals versagt, weil er keine Perüke tragen wollte. Mit der
Revolutionszeit fiel dieses Hinderniss weg , und Corvisart stieg rasch zu
Französische Aerzte im AnfaDg des 19. Jahrhunderts. 249
allen medicinischen Ehren und Würden. Seine Hospitalvisite war unter
allen die besuchteste, und 1795 wurde er Professor der klinischen Medicin,
die eben erst in Frankreich errichtet worden war. Am ersten Tage des
Consulats wurde er nebst Barthez Arzt des Gouvernements und später
erster Leibarzt des Kaisers und Baron des Kaiserreichs. Nach Napoleon's
Sturz zog er sich freiwillig zurük und wollte mit der neuen Regierung troz
aller glänzenden Anträge nichts zu thun haben. Er starb nach mehreren
apoplectischen Anfällen 1821.
Ohne gerade neue Ideen eingeführt zu haben, ist Corvisart von Be-
deutung, indem er durch seine steten Bemühungen für eine genau detaillirte
und objective Diagnose viel zu der gegenwärtigen Richtung in der Medicin
beigetragen hat. Besonders waren seine Studien auf die Krankheiten der
Brusthöhle und des Herzens gerichtet, und durch eine Uebersezung des
Auenbrugger'schen Werkes führte er die Percussion in Frankreich ein,
übte sie regelmässig aus und vervollkommnete sie wesentlich. Sein Haupt-
werk ist das „Essai sur les maladies et les lesions organiques du coeur
et des gros vaisseaux (1806). In seiner Schule bildeten sich Lännec,
Bayle und Dupuytren.
Zu gleicher Zeit wurden auch einige Versuche in Frankreich gemacht, Französische
die physiologischen Thatsachen in geordneter Weise darzustellen, so von Zei^ln0^eD'
Richerand in seinen geschäzten nouveaux elemens de physiologie 1801,
und von Cabanis, welcher in seinen Rapports du physique et du moral
de rhomme, 1802 in lichtvollster Darstellung eine Zurükführung der mo-
ralischen Thätigkeiten auf die organische Sensibilität versuchte , die Ge-
hirnactionen von den äusseren Eindrüken ableitete und die geistigen Phän-
omene als Modificationen der Organisation betrachtete. Auch seine Ab-
handlung: du degre de certitude de la medecine enthält viele treffliche
Bemerkungen. Nichtsdestoweniger ist der directe Einfluss dieser beiden
Autoren auf die Medicin ein untergeordneter geblieben.
Dagegen erregte die Wirksamkeit der drei oben genannten grossen
Forscher am Wendepunkt des Jahrzehnts viele Nacheiferung. Jedoch
blieb bis in die Mitte des zweiten Jahrzehents die französische Medicin
im Gange stiller Thätigkeit und ohne entschiedene Färbung. Manche
tüchtige Leistungen, die sich namentlich in dem Journal von Corvisart
und Boyer und in dem grossen Dictionnaire des Sciences medicales, den
beiden Hauptorganen dieser Zeit finden, geben Zeugniss von der sorg-
samen und ernsten Forschung der damaligen französischen Aerzte. Be-
sonders ging die Richtung auf die Untersuchung der Leiche, um das
Wesentliche der Krankheiten aus ihr nachzuweisen.
250
Die Vorbereitung der neuen Zeit.
Bavle.
Petit und Serres,
Boyer.
Larrey.
Richerand.
Dupuytren.
Delpech.
In dieser Hinsicht sind besonders hervorzuheben:
Prost, medecine eclairee par l'ouverture des corps 1804, welcher
namentlich eine Zurükführung der Pinel'schen Fieberspecies auf krank-
hafte Zustände des Darmkanals versuchte.
Bayle, geb. 1774, seit 1805 Arzt der Charite, gest. 1816, der
wesentlich mit zur Begründung der pathologisch-anatomischen Richtung
der französischen Medicin beitrug und mehrere .treffliche Untersuchungen
über Cancer, Tuberkel (die er zuerst genau unterschied) sowie über
Oedema glottidis veröffentlichte.
Petit und Serres, deren traite de la fievre enteromesenterique 1813
die erste symptomatische und anatomische Beschreibung des enterischen
Typhus seit Röderer und Wagler war.
Neben diesen wirkten noch im selben Sinne einige tüchtige Chirurgen,
namentlich Boy er, geb. 1760 (gleichfalls Assistent Desault's, später
Chirurg an der Charite und Professor der chirurgischen Klinik) , gest.
1833. Seine wichtigsten Werke sind das Traite d'anatomie 1797 — 99
und das grosse neunbändige Traite des maladies chirurgicales 1814 — 1825.
Larrey, geb. 1766, seit 1798 Napoleon's Oberwundarzt und Be-
gleiter nach Aegypten und auf den meisten spätem Feldzügen, nach der
Schlacht von Wagram 1809 baronisirt, starb 1842. Er schrieb sur les
amputations des membres a la suite des coups de feu 1797, eine Relation
über den ägyptischen Feldzug 1803 und Memoires de Chirurgie militaire
1812 — 17, ausserdem noch später neben mehreren minder wichtigen
Arbeiten eine Clinique chirurgicale 1830.
Richerand, geb. 1779, ein anderer Schüler Desault's, Professor der
chirurgischen Pathologie, Baron 1815, starb 1840. Von einiger Wichtig-
keit ist seine Nosographie chirurgicale 1803 (eilfte Auflage).
Der Genialste unter den französischen Chirurgen aber war Du-
puytren, geb. 1777, dessen wissenschaftliche Stellung sich jedoch erst
später bestimmter ausprägte. Hervorzuheben ist jedoch hier schon, dass
auch er zeitig ganz besonders auf Förderung der pathologisch-anatom-
ischen Studien hinwirkte und dass unter seinem directesten Einfluss und
ohne Zweifel nach seinen Vorträgen 1807 von einem seiner Schüler,
Marandel, eine interessante kleine Schrift, essai sur les irritations
erschien , welche nicht nur höchst anregend die mannigfaltigsten Punkte
der Pathologie kurz bespricht, sondern auch in vielen Beziehungen Vor-
läufer der Broussais'schen Lehre wurde.
Endlich ist noch der Rivale Dupuytrens, Delpech (ermordet von
einem Kranken 1832) zu erwähnen, der durch Originalität und grosse
Operationsfertigkeit sich auszeichnete.
Rasori. 251
Nach Italien hatte im Jahre 1790 Locatelli die Brown'schen Ele- Italien,
mente aus England mitgebracht. 1792 erschien die erste italienische
Ausgabe der Elemente. Rasch gewannen sie Bewunderer, zumal in den
nördlichen Provinzen. Von Moscati, Monteggia, Frank, Rasori wurde die
Brown'sche Lehre eifrig verfochten, doch fand sie bereits auch mehrere
Gegner: Carminati, Del Monte, Berlinghieri.
Doch in Kurzem entwikelte sich aus ihr eine Doctrin von eigenthüm-
licher Art.
Giovanni Rasori, geb. 1763, hatte schon in England die Brown'sche Rasori
Lehre kennen gelernt, nahm sie mit Enthusiasmus auf und lehrte sie als vom Contra.
Professor zu Pavia aufs Eifrigste. Da brach eine Typhusepidemie in den stimuiu».
Jahren 1799 und 1800 in Genua aus, und Rasori wurde dahin geschikt,
um die dortigen Hospitäler zu leiten. Anfangs nach Brown'schen Grund-
säzen dabei verfahrend, hatte er die übelsten Erfolge und wurde so ver-
anlasst, eine neue Therapie und für sie auch eine neue Theorie zu
ersinnen. In seinen ersten Schriften über die Epidemie zu Genua und in
den Zusäzen zu Darwin's Zoonomie zeigte er sich noch ziemlich zurük-
haltend und unschlüssig. Erst als er die medicinische Klinik in Mailand
erhielt, ging er daran, sein System vollständiger abzurunden. Aber auch
jezt schrieb er nur einige Journalaufsäze (in den Annali de scienze e
lettere), als Proben seines Systems über die Pneumonie und ihre Behand-
lung mit Tartarus emeticus , über die Wirkung der Digitalis , über den
Gebrauch des Gummigutts bei Intestinalfluxus und des Salpeters im
Diabetes. Ungleich mehr wirkte er durch mündlichen Vortrag, und seine
zahlreichen in den zwanziger Jahren über ganz Italien verbreiteten und
fast alle Kliniken innehabenden Schüler sind es, aus deren Schriften wir
seine Lehre kennen. Namentlich zeichneten sich unter ihnen aus Tom-
masini, Borda, Fonzago, Rubini, Brera, Acerbi, Lanza, Bondioli. Das
Hauptwerk, in welchem die Lehre dargestellt ist, ist von Tommasini:
Della nuova dottrina medica italiana (1817). Rasori erlebte den voll-
ständigsten Sturz seiner Lehre. Er starb, nur von Wenigen mehr aner-
kannt, 1837.
Wie Brown alle Lebenszustände in Sthenie und Asthenie eintheilte,
so auch Rasori, nur mit Verwerfung der Brown'schen Ausdrüke. Es ist
nach Rasori die Lebensthätigkeit entweder erhöht und die organische
Faser in einem Zustande von Spannung oder Contraction : der Zustand
des Reizes, Diathesis di stimulo ; oder die Lebensthätigkeit ist vermindert
und die organische Faser befindet sich im Zustande der Erschlaffung :
Zustand des Gegenreizes, Diathesis di contrastimulo. Bei der Diathesis
di stimulo ist die Muskelkraft erhöht, Neigung zu Krämpfen, starker
252 Die Vorbereitung der neuen Zeit.
Pulsschlag, Delirien, Herzklopfen sind vorhanden; bei der Diathesis di
contrastimulo ist die Festigkeit und die Geneigtheit zu Contractionen
geringer, soporöse Zustände und stille Delirien, Stumpfheit der Geistes-
functionen, Ohnmächten und Ohrensausen, kleiner und schwacher Puls
charakterisiren sie.
Uebrigens protestirt Rasori dagegen, dass man die Diathese aus ein-
zelnen Symptomen erkennen könne. Erwägung aller Erscheinungen und
namentlich der Ursache führe eher zu einer sichern Diagnose. Das Haupt-
mittel für die Diagnose aber ist nach ihm die Anwendung der Medica-
mente. Die Medicamente nämlich sind, wie alle äussern Dinge, in zwei
Hauptclassen getheilt: in solche, welche die Diathesis di stimulo hervor-
rufen, Reize — hieher gehören das Ammoniak, der Moschus, Opium,
Campher, Kohlensäure, Alcohol, Aether, ätherische Oele, viele Gewürze,
China , Wärme , Blut , Schmerz , Leidenschaften , animalische Nahrung
u. s. w., und in solche, welche die Diathesis di contrastimulo hervorrufen,
Gegenreize, wohin Lymphe, Chylus, Galle, Magensaft, Urin, Brechwein-
stein und die andern Antimonpräparate, ferner Mercur, die Emetica,
Drastica, Purgantia, Arsen, die bittern Mittel, Säuren, Sauerstoff,
namentlich Blausäure, Digitalis, Salpeter, Weinstein, phosphorsaurer
Kalk, viele Narcotica wie Hyosciamus, Belladonna, Aconit, Cicuta, sodann
dieArnica, Gratiola, Phellandrium aquaticum, Valeriana, Serpentaria,
Safran, Kaffee, Senf, Pfeffer, Chamillen, Canthariden etc. gehören. Wenn
nun ein Mittel aus der ersten Reihe günstig und heilend wirkt, so darf
man sicher sein, dass man es nicht mit einem Reizzustande zu thun hatte,
der durch weitere Reize nur erhöht würde , sondern mit der Diathesis di
contrastimulo , und umgekehrt.
Um aus dem Cirkel, der durch diese Art und Beweisführung entsteht,
herauszukommen, sagt Rasori, müsse man sich an die Wirkungsweise be-
sonders entschiedener Mittel halten, die man als bekannt vorausseze.
Ein solches Medicament sei vor Allem die Venäsection, die in allen
sthenischen Krankheiten nüzlich sei. Alle übrigen Arzneimittel werden
nur danach beurtheilt, ob sie der Aderlässe analog oder entgegengesezt
wirken. Jene sind Gegenreize, diese Stimuli, und danach wird berechnet,
ob der krankhafte Zustand die Diathesis di contrastimulo oder di stimulo
sei. In zweifelhaften Fällen wird eine kleine Probe-Aderlässe gemacht
und nach ihrem Erfolg die Diagnose gestellt.
Die Diathesis des Reizes ist weit häufiger vorhanden als die des
Gegenreizes. Hier erklärt sich Rasori gegen Brown, der im Gegentheil
die asthenische Diathesis überwiegen Hess. Rasori sagt ferner, die
indirecte Asthenie von Brown sei ganz unhaltbar und müsse unter die
Easori. 253
Reiz-Diathesis gebracht werden. Alle Krankheiten, behauptet er ferner,
welchen die Reiz-Diathesis zu Grunde liege, gehen in der Regel von selbst
in die Genesung über, während die Krankheiten der andern Diathese sich
selbst überlassen meist mit dem Tode enden.
Die chronischen Krankheiten beruhen meist auf Reiz-Diathese,
ebenso die Entzündungen ; die hizigen Fieber dagegen auf der Diathesis
di contrastimulo. Die anstekenden Exantheme, die Syphilis sind sthenisch.
Bei den örtlichen Uebeln ist keine oder nur geringe allgemeine Diathese;
indessen gesellt sich später dazu häufig eine Reiz-Diathese.
Die erste Aufgabe der Behandlung ist Entfernung der Ursachen. Die
Behandlung der Reiz-Diathese geschieht entweder durch Verminderung
der vorhandenen Reize, namentlich des Blutes, oder noch sicherer durch
Vermehrung der Gegenreize mittelst sehr energischer Anwendung der-
selben. Namentlich müssen sie fast immer in grossen Gaben gereicht
werden: der Brechweinstein zu ij2 Scrupel bis zu i/2 Drachme, Isitrum
zu mehreren Unzen, Digitalis zu 1 — 2 Scrupel, Jalappe zu 1 — 4 Scrupel,
Flores Zinci zu 1 — 4 Scrupel.
Niemals sollten aber gleichzeitig mehrere Mittel in Anwendung
kommen, sondern immer nur Eines allein.
Aber nicht für jede Diathesis di stimulo ist jeder Gegenreiz am
Plaze; vielmehr ist besonders die specifische Beziehung der Mittel zu den
einzelnen Organen zu berüksichtigen.
Die Diathesis di contrastimulo kann immer nur durch Anwendung der
Reize behandelt werden.
Eine der wichtigsten Bereicherungen durch diese Schule ist die Er-
fahrung, dass die Arzneisymptome vorzugsweise bei falschen Anwendungen
eintreten.
Die gewöhnliche Behandlung bei Entzündungen waren sehr reichliche
Venäsectionen, bis zu zehn in wenigen Tagen. Daneben bei Pneumonie
1 72 — 2 Drachmen» Tartarus emeticus in mittlerer Dose für den Tag; bei
Hydrothorax täglich 6 Drachmen Tartarus emeticus, während 6 Tagen
fortgesezt; gegen Dysenterie Gummigutt zu 1 Scrupel; gegen Diarrhoe,
wenn die Diathesis des Reizes vorhanden ist, 2 — 3 Unzen Nitrum täg-
lich; gegen Phthisis anfangs Phellandrium aquaticum, später Aconit-
extract; gegen Wechselfieber und Manie sehr grosse Gaben vonGratioIa;
gegen Magenentzündung grosse Dosen von Oleum Crotonis; gegen
Scropheln Cicuta.
Die Mortalitätsverhältnisse sollen nach Tommasini sehr günstig ge-
wesen sein , und die Schule hat in der That nicht unbedeutende pharma-
kologische Verdienste. Ihre Theorie freilich ist fast durchaus schief und
254
Die Vorbereitung der neuen Zeit.
Berlinghieri
und Scarpa.
Gallini.
verfehlt, und ihr therapeutisches Vorgehen oft überaus gewagt und ge-
fährlich. Auch traten daher bald bedeutende Gegner in Italien selbst
auf, Ozanam, Amoretti, Bianchi, Spallanzani, Bufalini etc., und schon
gegen die Mitte der zwanziger Jahre war die Rasori'sche Lehre sehr in
Misscredit gekommen.
Unabhängig von dieser Schule wie von dem Brownianismus habenV ac c a
Berlinghieri (f 1826) und Scarpa (f 1832) die Chirurgie und die
pathologische Anatomie gefördert.
Stefan Gallini (Elem. der Physiologie 1817) machte einen Versuch,
die Kräfte der thierischen Organismen auf die allgemeinen Naturkräfte
zurükzuführen und die Iatromechanik zu restituiren.
Deuts c h) and.
Allgemeine
Situation.
Nirgends war die vorbereitende Periode der Neuzeit reicher an Be-
wegungen, aber auch reicher an Extravaganzen und Verirrungen, nirgends
waren die Contraste so schroff, die Parteien so feindlich entgegengesezt
und doch auch nirgends die Principien so verflochten und vermischt als
in Deutschland.
Es war diess eine wirre Epoche der deutschen Medicin, wie keine
andere Nation eine ähnliche aufzuweisen hat. Während in den Nachbar-
ländern grösstenteils in ruhiger Weise die Grundanschauungen sich ent-
wikelten und zur Geltung kamen , von denen aus die Neugestaltung der
Wissenschaft ausgehen konnte , war .in Deutschland schon der heftigste
Kampf ausgebrochen , aber ein Kampf ohne Boden, in der Luft und um
Phantome, ein Kampf daher auch, der auf jeder Seite nur zur Niederlage
führen musste und nach welchem die Parteien ermattet und erschöpft,
ohne reellen Gewinn, wie ohne Versöhnung zurükblieben.
Diese fruchtlosen Kämpfe auf dem Gebiete der Medicin fielen in eine
Zeit, in welcher Deutschland überhaupt seine bittersten Erfahrungen
machte, wie andererseits seine glänzendsten Erfolge erlebte, in eine Zeit
der tiefsten Erniedrigung und Demüthigung, aber auch des grossartigsten
geistigen Aufschwungs, wie er jemals in. irgend einer Nation statt-
gefunden hat.
Es ist nicht anders möglich, als dass solche Schiksale der Nation
auch auf die Entwiklung einer ganz partiellen Culturseite von Einfluss
sein mussten, und es ist lehrreich, in welcher Weise die extremsten Gegen-
säze und Sprünge in dem Denken und Leben , in der Sitte und der polit-
ischen Lage der Nation auf die Naturforschung influencirt haben.
Im Anfange der Periode, d. h. unmittelbar vor und während der
französischen Revolution, finden wir Deutschland in politischer Zerrüttung
und Zerfahrenheit. Sieht man ab von den sporadisch gebliebenen ge-
Allgemeine Situation in Deutschland. 255
sunden Elementen aus der Hinterlassenschaft der zwei erleuchtetsten
Fürsten des Jahrhunderts, so begegnet man in jener Zeit fast allenthalben
nur despotischem Druk oder Frivolität, pedantischer Kleinlichkeit oder
maassloser Vergeudung der Nationalkräfte, blinder Sorglosigkeit oder der
nichtswürdigsten Feigheit.
Mitten aus dieser nationalen Verkommenheit erhoben sich die besten
Köpfe, die jemals Deutschland hervorgebracht hat, und entwikelte sich jene
classische Literatur, welche nicht nur nach allen Seiten anregend und auf-
rüttelnd die deutsche Cultur in kürzester Zeit jeder andern ebenbürtig
machte, sondern welche als der Gipfel der ästhetischen und philosoph-
ischen Entwiklung des deutschen Geistes bis jezt gelten muss.
Der Naturforschung gelang es nicht, diesen ruhmvollen Aufschwung
der Literatur zu begleiten. Zwar wurde auch sie von dem gewaltigen
Stürmen und Drängen in den Köpfen mit fortgerissen und es fehlte nicht
an grossen Anläufen und idealen Projecten und es fehlte ebensowenig an
hartem Aufeinanderstossen der Parteiungen; aber es fehlte allenthalb
der Sinn für das Einfache, für das schlichte Factum. Daher wurde kaum
irgendwo ein ächter Weiterschritt zustandegebracht, fast überall wurde
nur die Anschauung in unabsehbare Irrgänge geleitet.
Auf die politische Verdorbenheit folgte die Zeit der tiefsten Demüth-
igung durch fremde Uebermacht. Vernichtete diese aber auch alle
Selbständigkeit des nationalen Hervortretens , so hat sie das nationale
Bewusstsein in einem grossen Theile der Bevölkerung nicht zu zerstören
vermocht; ja es wurde dieses geradezu dadurch gewekt, verbreitet und
gekräftigt, und die geistige Cultur, in der das nationale Gefühl seine
einzige Befriedigung zu finden vermochte und zu welcher es die Zuflucht
nahm, gewann in der Zeit der Unterwerfung unter die Fremdherrschaft
an innerlicher Consolidirung wie an Umfang.
In dieser Zeit der ruhigeren geistigen Beschäftigung fanden zwar
da und dort Anfänge einer erfolgreichen Thätigkeit in der Erforschung der
Natur statt; aber sie waren zu unmächtig, die überkommenen idealen
Extravaganzen zu überwinden.
Die Erhebung gegen die fremde Gewalt geschah mit aller Leiden-
schaft des feurigsten Patriotismus, und vor dem kriegerischen Enthusias-
mus mussten die zarteren Manifestationen der Cultur verstummen. Die Auf-
regung brachte eine Menge neuer Elemente auf die Oberfläche, deren
Ueberschwänglichkeit eine Zeitlang die innere Rohheit und Hohlheit ver-
dekte und die allgemeine Begeisterung schloss auch die absurde Phrase,
wenn sie nur patriotisch klang, in die Arme.
Die Beschäftigung mit der Natur wurde hier von dem gewaltigen an-
256 Die Vorbereitung der neuen Zeit.
dersartigen Interesse zurükgedrängt und es hat die Zeit des politischen
Sturmes so gut wie nichts in der Medicin zu Tage gefördert , die Anfänge
einer gründlicheren Betrachtung sogar wieder vernichtet.
Als aber nach dem Siege die Ruhe wiederkehrte und die extremen
Hoffnungen, für welche die mächtigsten Anstrengungen aufgeboten worden
waren , sich nirgends erfüllten , da trat mit der Enttäuschung Missmuth
und Erschlaffung ein. Von den Ueberschwänglichkeiten , welche in der
Periode der Aufregung erträglich gewesen waren, blieb jezt bei der all-
gemeinen Versumpfung nur noch die Albernheit zurük. Die Romantik,
nachdem sie ihren Schwung eingebüsst hatte , wurde fade und platt , und
es trat jene grenzenlose geistige Flachheit, Abgeschmaktheit, Erlahmung
des Restaurationszeitalters ein, an der auch Naturforschung und Medicin,
so wenig sie geleistet hatten , den vollsten Theil nahmen.
So hat diese ganze denkwürdige Periode der deutschen Geschichte,
von den 80ger Jahren des vorigen Seculums bis gegen die 30ger des je-
zigen, mit allen ihren extremen Gegensäzen, mit ihrer gewaltigen Auf-
rüttlung in der allgemeinen Cultur wie in der Politik und andererseits mit
der nachfolgenden Ermattung, für die Naturforschung in Deutschland un-
gemein wenig zuwegegebracht und unter all den Wechselfällen hat nur
die Sterilität in den realen Wissenschaften sich gleich erhalten. Frei-
lich ist diess nicht zu verwundern, noch war es anders möglich; denn für
die ruhige besonnene Forschung, die allein die Kenntniss der Natur zu
fördern vermag, sind alle Extreme stets nur von übelstem Einfluss.
Einfiuss der Tjm Speciell zu der Lage der Medicin am Ende des 18. Jahrhunderts
Philosophie.
überzugehen, so ist zuvörderst daran zu erinnern, dass sie vorzugsweise
theoretische Neigungen geerbt Ifette. Diese wurden noch genährt durch
die glänzenden Erfolge der deutschen Philosophie in derselben Zeit. Dem
Impulse für das kritische Denken, der von einem so scharfen Geist, wie
Immanuel Kant, ausging, konnte sich kein offener Kopf entziehen und die
Masse folgte dem Zuge nach philosophischer Vertiefung.
Man hat sogar Kant, welcher so unermesslich im Reiche der Gedanken
gewirkt hat, als den intellectuellen Urheber der ganzen neuen Gestaltung
der Naturwissenschaft zu bezeichnen versucht und sich auf jene schöne
Stelle in der Vorrede zu den „Metaphysischen Anfangsgründen der Natur-
wissenschaft" berufen, in welcher er sagt: „Ich behaupte, dass in jeder
neuern Naturlehre nur so viel eigentliche Wissenschaft angetroffen werden
könne , als darin Mathematik anzutreffen ist. Denn eigentliche Wissen-
schaft vornemlich der Natur erfordert einen reinen Theil, der dem empir-
ischen zugrundeliegt und der auf Erkenntniss der Naturdinge a priori
Kant. 257
beruht. Nun heisst es etwas a priori erkennen, es aus seiner blossen
Möglichkeit erkennen; die Möglichkeit bestimmter Naturdinge kann aber
nicht aus ihren blossen Begriffen erkannt werden; denn aus diesen kann
zwar die Möglichkeit des Gedankens, aber nicht des Objects als Naturding
anerkannt werden, welches ausser dem Gedanken gegeben werden kann.
Also wird, um die Möglichkeit bestimmter Naturdinge, mithin um diese a
priori zu erkennen, noch gefordert, dass die dem Begriffe correspondirende
Anschauung a priori gegeben werde, d.h. dass der Begriff construirt werde.
Nun ist die Vernunfterkenntniss durch Construction der Begriffe mathemat-
isch. Also mag zwar eine reine Philosophie der Natur überhaupt, d. i.
diejenige, die nur das, was den Begriff der Natur im Allgemeinen aus-
macht, untersucht, auch ohne Mathematik möglich sein; aber eine reine
Naturlehre über bestimmte Naturdinge ist nur mittelst der Mathematik
möglich, und da in jeder Naturlehre nur so viel eigentliche Wissenschaft'
angetroffen wird, als sich darin Erkenntniss a priori befindet, so wird Natur-
lehre nur so viel eigentliche Wissenschaft enthalten, als Mathematik in
ihr angewendet werden kann."
Aber schon in dieser Stelle ist in einer bedenklichen Weise auf die
apriorische Erkenntniss als die einzig wahre hingewiesen und es war diess
bei so theoretischer, vom Detail abgewandter Richtung, in welcher die
deutsche Medicin sich bereits verfangen hatte, doppelt gefährlich. Neben
der Erfahrung hat Kant dem idealistischen Bedürfnisse, mehr als es für
die Medicin damaliger Zeit erspriesslich war, Rechnung getragen und
damit noch mehr seine ärztlichen Zeitgenossen electrisirt und fortgerissen,
als mit der nüchternen Analyse und der Zertrümmerung der Autoritäten.
So musste bei der Lükenhaftigkeit der Kenntniss der Objecte, die unter
dem Gewichte Kant'schen Geistes gegebene Einladung, statt „unsere Er-
kenntniss nach den Gegenständen sich richten zu lassen, einmal zu ver-
suchen, ob man nicht besser fortkomme, wenn man annehme, die Gegen-
stände müssen sich nach unserer Erkenntniss richten," nur zu verführer-
isch wirken, und die daran geknüpfte Erinnerung an den Erfolg, den Co-
pernicus mit seiner Hypothese hatte, war zu lokend, als dass nicht die
Strebsamsten und Eifrigsten mit Vorliebe der aprioristischen Meditation
sich zugeneigt hätten. So ist die Kant'sche strenge Gedankengymnastik
den Naturwissenschaften ohne directen V ortheil geblieben, hat selbst Ab-
wege geöffnet, die vielleicht ohne die philosophische Stimmung der Zeit
nicht betreten worden wären.
Noch hatte Kant der empirischen Realität ihr volles Recht gelassen,
das Subjective unserer Anschauung genau bezeichnet; aber schon zeigt
Wanderlich, Geschichte d. Medicin. ]7
258 Die Vorbereitung der neuen Zeit.
sich bei ihm die Vermuthung , dass das „Ding an sich" und das „Ich"
identisch sei.
Uebrigens waren alle Denker jener Zeit mehr oder weniger Schüler
der Kant'schen Logik und überall begegnet man der Neigung , Kant'sche
Verstandescategorien mit empirischem Inhalt zu füllen und lezteren da-
durch ein wissenschaftliches Gewand zu geben.
Ist die Kant'sche Philosophie nicht der Ursprung der gegenwärtigen
Gestalt in der Naturforschung, so ist sie es dagegen um so gewisser, auf
welche sich die rationalistischen Richtungen mit Vorliebe berufen. Die
idealistischen Keime aber, die in ihr lagen, erlangten bei dem Ueberwieg-
endwerden romantischer Neigungen in der Culturstimmung bald die Ober-
hand und haben ihre einseitige und möglichst extravagante Entwiklung
genommen.
Benüzung der Die vorhandenen Thatsachen reichten nicht aus , den phantastischen
Physik u. c emie. j}e(3ürfnigSen zu genügen, welche voll Ungeduld von einigen allgemeinen
Säzen aus die ganze Wissenschaft zu construiren unternahmen. Mit hast-
iger Ueberstürzung wurden daher die Entdekungen aus verwandten Wis-
senschaften herangezogen.
Die Electricität namentlich und die Pole der voltaischen Säule wurden
mit Begierde aufgegriffen, um die mangelhaften Facta des eigenen Ge-
bietes zu ergänzen. Niemals hat man mit geringerer Berechtigung eine
grosse physikalische Entdekung für die Zweke der medicinischen Theorie
missbraucht, als diess am Wendepunkt des Jahrhunderts mit dem negat-
iven und positiven Pole der Säule geschah und je dunkler die Thatsache
selbst war, um so ungenirter Hess sie sich auf allen widerstrebenden Punkten
der medicinischen Theorie verwenden. Bald wurde die Electricität mit
der Lebenskraft identificirt, diese selbst als galvanischer Process ange-
sehen; bald wurde sie nur damit analogisirt und der positive Pol der Irrit-
abilität, der negative Lebenspol der Sensibilität gleichgesezt; es wurden
zwischen den Geschlechtern, den Altersstufen, den einzelnen Organen und
Processen willkürlich die gleichen Gegeusäze vertheilt, fast immer mit
dem unverkennbaren Missverständniss, dass man in dem positiven Pol
wirklich etwas Positives und Actives, in dem negativen etwas Passives,
Recipirendes sich dachte.
Nicht weniger roh und gewaltthätig wurde die Reform der Chemie
durch Lavoisier und seine Entdekung der Bedeutung des Sauerstoffs
für die medicinische Theorie ausgebeutet.
Mit Vorsicht hatte zuerstFourcroy die neuen Entdekungen in seiner
„Medecine eclairee par lesscienccsphysiques" benüzt (1792); aber schon
Irritabilitätslehre und Erregbarkeit. 259
der Franzose Baumes machte eine Carricatur daraus. Sofort trat der
Deutsche Gir tanner auf und erklärte den Sauerstoff für den Siz der
Irritabilität, für das Princip der Lebenskraft. So weit war es bereits mit
diesen Begriffen gekommen. Weiter entwikelte sich daraus die sogenannte
antiphlogistische Schule, welche die meisten Krankheiten als Uebermaass
von Sauerstoff, einige wenige, wie den Scorbut, als Mangel desselben be-
zeichnete. Vornemlich bemächtigte sich die naturphilosophische Schule
dieser Idee. Sauerstoff, Wasserstoff, Kohlenstoff wurde die Trinität, die
an die Stelle der Irritabilität, Sensibilität und Reproduction trat. Die-
selben verfehlten Speculationen kehrten somit mit neuen Namen zurük,
und dike Bände hindurch wurde über das Oxygen und Hydrogen geträumt.
Die alte Irritabilitäts- und Sensibilitätslehre mit allen ihren Missstalt- irritabuitätsiehre
ungen und Auswüchsen verfehlte nicht, dabei ihre Wirksamkeit im Stillen nnd Erreebarkeit-
fortzusezen und zumal alles Unklare, Nebelhafte aus ihr wurde mit seltener
Anhänglichkeit bewahrt.
Vornemlich aber kam die Brown'sche Erregbarkeit zu weitverbreiteter
Geltung und ausser den Kreisen ihrer nächsten Anhänger mischte sie in
alle Köpfe ihren Einfluss.
Eigentlich reelle Untersuchungen waren ungemein sparsam und dürftig.
Je mehr die Aerzte sich von der positiven Forschung entfernten, um so
gieriger strebten sie nun nach dem Ruhme geistreicher Einfälle und feder-
fertiger Gewandtheit; je inhaltsloser die Discussionen wurden, um so grimm-
iger und leidenschaftlicher wurden die Streiter.
Die Aerzte der Zeit spalteten sich in unzählige Fractionen; die Schulen
erhielten sich nur theilweise und das Streben nach individueller Eigenthüm-
lichkeit brachte die mannigfachsten Mischungen der Anschauungen hervor.
Kur unvollkommen lassen sich daher die hervorragenden ärztlichen Schrift-
steller der Zeit rubriciren. Doch machten sich vornemlich einzelne Gruppen
bemerklich.
Die Einführung der Brown'schen Lehre auf dem Continente hatte Die Erreg-
mit einem Scandale begonnen. 1790 hatte Girtanner im Journal de nn?s(heorie
° in Deut sc h-
physique die Brown'schen Grundsäze als seine eigenen bekannt gemacht. und.
1795 begann der Streit in Deutschland. Weikard dekte Girtanner's Einführung.
Betrug auf und übersezte die Elementa ins Deutsche, ihm folgte Pfaff.
A. Röschlaub erklärte sich gleichfalls für Brown in seiner Diss. de febre.
Frühe machten sich jedoch auch Gegner geltend. Hufeland trat Hufeiand.
zuerst unter ihnen auf, indem er im vierten Band seines Journals eine
ausführliche Critik des Brown'schen Systems gab. Manches macht er
dabei mit Recht geltend. Der Körper bestehe auch aus Materie und deren
260 Die Vorbereitung der neuen Zeit.
physische und chemische Verhältnisse seien nicht weniger zu berüksicht-
igen. Das Leben sei nicht bloss Erregung, sondern eine beständige
Metamorphose. Die äusseren Einwirkungen wirken nicht nur als Nerven-
reize, sondern auch chemisch, durch Verwandlung des Bluts. Ueberhaupt
seien die Vitalität des Bluts, die Dyscrasien, die Crisen in Brown's Sy-
stem unberüksichtigt geblieben. Ferner habe Brown die innere schaff-
ende Kraft im Organismus, die Autocratie der Natur übersehen.
Hartmann. £m anderer noch glüklicherer Gegner war Hartmann (Analyse der
neuern Heilkunde 1802). Er wirft der Brown'schen Physiologie nament-
lich die Vernachlässigung der Vegetation vor. Erregbarkeit sei nicht das
einzige Lebensprincip , das zweite sei die organische Wahlanziehung; die
Thätigkeit des Organismus hänge von seiner Organisation ab. Es könne
keine blossen Krankheiten der Erregbarkeit geben. Jede Krankheit sei
eine Krankheit der Organisation. Die Erregbarkeit könne nie verändert
sein, ohne dass es die Materie sei.
pfaff. Auch der Uebersezer Brown's, Pfaff, lieferte eine Critik der Lehre
(Revision der Grundsäze von Brown, 1804). Die Brown'sche Erregbarkeit
sei nur Receptivität; davon müsse das Wirkungsvermögen unterschieden
werden. In der Schwäche sei die Receptivität erhöht, das Wirkungs-
vermögen vermindert. Es sei ferner ein Fehler von Brown , dass er die
Modifikationen der Erregbarkeit nach den verschiedenen Hauptsysteraen
nicht nachgewiesen habe. Ferner habe Brown mit Unrecht den Säften die
Vitalität abgesprochen und den Stoffwechsel versäumt zu berüksichtigen.
Wenn Brown von einem Ersaz der Erregbarkeit spreche, so wisse man
nicht, woher diese kommen solle. Es könne diese von nichts anderem,
als einem Ersaz der Masse, des Körperlichen selbst, abhängen.
Ausbreitung des "Yxoz dieser Widersprüche befestigte sich das Ansehen des Brown '-
Brownianismus.
sehen Systems immer mehr in Deutschland. Man fing nun an, mit grös-
serer Umsicht die Lehre darzustellen , und manches davon zu modificiren ;
so entstand die sogenannte Erregungstheorie. Vornemlich aber fanden
die Consequenzen der Brown'schen Lehre Eingang bei den Practikern.
Nichts war leichter, als bei diesem Systeme Diagnosen zu machen , nichts
leichter, als die Indicationen zu finden. Die Brown'sche Reiztheorie wurde
fast allgemein aeeeptirt.
Roschiaub. -Qer leidenschaftlichste Verfechter des Brownianismus und der Gründer
der Schule der Erregungstheoretiker war der Professor Andr. Röschlaub.
1798 schrieb er über den Einfluss der Brown'schen Theorie auf die Praxis,
1799 begann er eine Zeitschrift als Organ der Erregungslehre zu ediren :
das berühmte Magazin für Vervollkommnung der Heilkunde , das anfangs
mit ausserordentlichem Beifall aufgenommen wurde, allmälig aber gewaltig
Röschlaub. 261
ausartete und in den Ton des niedrigsten Schimpfens verfiel (so in dem
Artikel über den Lieblingsdichter der Gemeinheit, in den fürchterlichen
Philippiken gegen Autenrieth, Burdach, Loder, Hufeland; alle anders Den-
kenden werden als Janhagel bezeichnet, Kozebue's Poesien nennt er dessen
Fäces etc.) So kam die Zeitschrift in Misscredit, Niemand wollte sich
mehr Röschlaub anschliessen und schon im sechsten Band erklärt der
Redacteur, er werde sie in Zukunft allein schreiben, denn nur so werde
sie gut. Sein Hauptwerk aber sind die Untersuchungen über Pathogenie
in drei Bänden, in welchen er mit vielem Scharfsinn die vorzüglichsten
der damaligen Ansichten prüft. Er sucht zuerst nachzuweisen, dass zwei
Verhältnisse zum Bestehen des Lebens nothwendig seien, 1) ein äusseres,
die Organisation, auf welche Brown viel zu wenig Rüksicht genommen
habe , 2) aber auch ein inneres Lebensprincip , welches nach Röschlaub
mit Brown's Incitabilität identisch sei. Diese Incitabilität ist die erste
nothwendige Ursache der Lebenserscheinungen. Dieses Lebensprincip sei
aber nicht als eine Kraft vorzustellen, denn eine Kraft sei selbständig, sei
der Grund einer Handlung aus sich, während das Lebensprincip nur durch
äussere Anregung wirke, also bloss ein Vermögen des Organismus sei.
Die Incitabilität selbst aber sei zusammengesezt aus zwei Begriffen , aus
der Fähigkeit, von äusseren Eindrüken afficirt zu werden: Receptivität
(auch Irritabilität genannt) , und aus dem Vermögen , bestimmte Hand-
lungen hervorzubringen: Wirkungsvermögen (auch Contractionsvermögen).
Die Scheidung beider sei aber nur subjectiv. Sofort stellt Röschlaub
dreissig Geseze der Erregbarkeit auf, die sehr instructiv sind, um den
Geist der ganzen Schule in Kurzem kennen zu lernen (S. Excurse.).
Der Hauptgrundsaz Röschlaub's für die Pathologie ist folgender: Nur
bei einer bestimmten i. e. mittelmässigen Gewalt des Incitaments und
einem bestimmten i. e. mittelmässigen Grade der Erregbarkeit, bei welchem
die Stärke des Wirkungsvermögens der Gewalt des Incitaments proport-
ional ist, existirt gehörig starke d. >h. normale Erregung, mit anderen
Worten absolute Gesundheit. Diese gehörige Stärke, also die absolute
Gesundheit , wird gestört , sobald das Incitament oder das Wirkungsver-
mögen nicht mehr mittelmässig, nicht mehr proportional sind. Krankheit
entsteht also aus Disproportion beider. Diesen Saz nennt Röschlaub die
FundaniGntaltheorie der Medicin. Alle krankhaften Verhältnisse beruhen
daher auf Hypersthenie der Erregung (bei zu gewaltigem Incitament) oder
auf Asthenie der Erregung (bei relativ überwiegender Erregbarkeit). Ist in
lezterem Verhältniss die Disproportion durch absolut vermindertes Incita-
ment eingetreten, so ist es directe Asthenie. Indirecte Asthenie entsteht
(hier merkliche Abweichung von Brown) , wenn das Incitament nur wegen
262 Die Vorbereitung der neuen Zeit.
relativer Verminderung zu geringe Gewalt hat. Diese indirecte Asthenie
sei es namentlich, welche auf jede gesteigerte Hypersthenie folge. Directe
und indirecte Asthenie können aber auch gemischt sein.
Röschlaub war ein sehr scharfer und logischer Kopf, aber er war nicht
frei von dialectischen Sophistereien. Seine Polemik überschritt alles Maass,
und nachdem er eine Zeitlang grossen Einfluss genossen, endete er damit,
sich mit aller Welt zu verfeinden,
weitere Erreg- Die übrigen Erregungstheoretiker waren theils unbedeutend, theils fehlte
nngst eoreti er. -1^nen ^jg (Konsequenz nnd manche fielen später von der Lehre ab. Viele
haben zugleich andere Elemente in ihre Anschauungen aufgenommen.
Einer der Gediegensten unter den Erregungstheoretikern war Nie-
meyer (Materialien zur Erregungstheorie 1800), der schon im 25.
Jahre starb.
Jos. Frank gehörte zu den feurigsten Vorkämpfern, vornemlich so
lange er sich in Italien aufhielt. Später verlor sich die Hize ; er kam mit
Röschlaub in Streit und warf sich aufs Compendienschreiben.
J. H. Müller hat in einem 4bändigen Werke (System der gesammten
Heilkunde nach der Erregungstheorie 1803 — 10) in ziemlich langweiliger
Weise die Lehre auseinandergebreitet.
Auch K. Sprengel hat in der dritten Auflage seiner allgemeinen
Pathologie sich mit der Erregungstheorie hefreundet.
v. Hoven hat eine Anzahl Schriften in erregungstheoretischem Sinn
geschrieben , doch meist sich ziemlich practisch gehalten.
Weikard blieb ohne grossen Einfluss. E. Hörn, einer der tüchtig-
sten und aufgewektesten Köpfe, wandte sich bald mehr der Empirie zu.
Henke war ein gemässigter Anhänger. Auch A. F. Heck er war nicht
unbedeutend influencirt.
Cappel verband humoralpathologische Ansichten mit der Erregungs-
theorie.
Nicht wenige haben die Erregungstheorie mit naturphilosophischen
Tendenzen verflochten.
Adalbert Friedrich Marcus in Bamberg endlich (geboren 1755, ge-
storben 1816), war anfangs entschiedener Erregungstheoretiker (Prüfung
des Brown'schen Systems an Krankenbetten 1797 — 1799), später wurde
er Naturphilosoph. Zulezt verfiel er in die extreme Idee, dass fast alle
Krankheiten Entzündungen seien, während er sie zehn Jahre vorher alle
für asthenisch erklärt hatte und selbst die Pleuritis mit Reizmitteln be-
handelte (S. über ihn später).
Gegner. Es konnte nicht fehlen, dass die so anspruchsvolle und übermüthige neue
Schelling. 263
Lehre auf zahlreichen Widerstand stiess. Zum grossen Theil waren freilich
die Gegner der Erregungstheorie dem kampffertigen Röschlaub und den
übrigen Vertheidigern der Brown'schen Doctrin an Gewandtheit der Dia-
lectik nicht gewachsen. Aber wenn auch der Einzelne in dem harten
Streite gegen die Theorie des Tages meist den Kürzern zog , so ver-
mochten diese sporadischen Niederlagen doch den unvermeidlichen Sieg
unbefangenerer Anschauungen nicht zu verhindern. Vieles von dem da-
mals gegen die Theorie Vorgebrachten, womit fast alle Zeitschriften jener
Zeit gefüllt sind, erscheint uns jezt bedeutungslos und trivial; aber nichts-
destoweniger haben auch die schwächeren Hände etwas dazu beigetragen,
den stolzen aber hohlen Bau zum Sturze zu bringen. Die gewichtigsten
Gegner des Systems waren die Practiker und Eklektiker, namentlich Chr.
G. Grüner, Wedekind, Stieglitz, Kreyssig, Hartroann, Pfaff und Hufe-
land. Andere Practiker haben mit Umgehung eigentlicher Polemik den
theoretischen Streitigkeiten einfach den Rüken gewendet und ruhig ihren
eigenen Weg verfolgt.
Auch nachdem die Erregungstheorie dem allgemeinen Misscredit ver- Fortdauernder
fallen war, dauerte jedoch in gutem und schlimmem Sinne ihre Wirksam- Erreln^tiJorie
keit noch fort. Es blieben namentlich die Begriffe der Erregbarkeit und
Reizung als wirklich brauchbare in der Medicin eingebürgert, daneben
aber auch die mehr oder weniger ungerechtfertigten der Sthenie und Hy-
persthenie, der directen und indirecten Schwäche. Was leztere anbetrifft,
so erschien über die Schwäche 1807 einer der gediegensten und aufge-
klärtesten Versuche von dem württembergischen Hofmedicus Jäger (über
dia Natur und Behandlung der krankhaften Schwäche des menschlichen
Organismus).
Ferner blieb von der Erregungstheorie die irrige Anschauungsweise,
dass sich gewisse Eigenschaften der organischen Materie im Körper an-
häufen können , so die Erregbarkeit, die Irritabilität und Sensibilität. Es
blieb ferner die Neigung, welche in der ganzen deutschen Medicin
vorherrschend blieb, über dem Ganzen des Organismus seine Theile
zu vergessen und zu übersehen, dass ein Ganzes nur aus seinen Theilen,
der Zustand eines Organismus mnur aus dem Zustande seiner Organe er-
kannt werden kann.
Ziemlich zur gleichen Zeit (1799) mit der Erregungstheorie trat Natur-
Schelling in Jena (geb. 1775 im Württembergischen; gest. 1854) mit ^^g^'
dem Entwurf eines Systemes der Naturphilosophie auf, und gab dadurch
den Impuls zur sogenannten naturphilosophischen Schule. Obwohl er in
vielen Hauptpunkten die Brown'sche Schule und die Erregungstheoretiker
264 Die Vorbereitung der neuen Zeit.
entschieden angriff, so machten leztere doch im Anfang gemeinschaftliche
Sache mit ihm, ehrten und becomplimentirten die neue Naturphilosophie
auf jede Weise, und erst als Marcus und mit ihm einer der Erregungs-
theoretiker um den anderen zu der naturphilosophischen Schule abfiel, so
fing Röschlaub an , auch gegen sie seine Lanze zu richten. Im weiteren
Verlaufe der Sache blieb dieser denn zulezt ganz isolirt, der eine Theil
der Erregungstheoretiker vereinigte sich vollständig mit der Naturphilo-
sophie, der andere aber wendete sich dem Eklekticismus zu.
Schelling erklärte sich gegen die Brown'sche Aufstellung der Erreg-
barkeit als essentielles Merkmal des Lebens und bezeichnete die Natur der
organischen Wesen dahin, dass diese durch äussere Einwirkungen erregt
dennoch in der Form ihres Seins bestehe, die unorganischen aber verwan-
delt werde und ihr unabhängiges Sein verliere.
Indessen will ich versuchen, eine kurze Skizze der Schelling'schen
Ansichten aus jener Zeit zu geben, insofern sie sich auf Natur und Medicin
beziehen.
Es gibt keine höhere Offenbarung in der Wissenschaft, Kunst und
Religion, als die der Göttlichkeit des All. Mit dieser Offenbarung fangen
jene erst an. Nur wo man die Dinge aus dem All, aus der Einheit er-
kannte, hat man sie erkannt; wo man versucht, sie in ihrer Trennung zu
erkennen, da sieht man die Wissenschaft in weiten Räumen veröden,
Sandkörner sammeln, um ein Universum zu bauen. Aller Widerstreit in
der Wissenschaft rührt nun daher, dass man von der Idee der Einheit
absieht. — Gott ist nicht das Höchste, sondern er ist das schlechthin
Eine; er ist nicht anzuschauen als Gipfel, sondern als Alles in Allem. Es
gibt wahrhaft und an sich kein Subject und kein Ich und kein Object u#d
kein Nichtich, sondern nur Eines: Gott oder das All und ausserdem Nichts.
Auch das Denken ist nicht mein Denken, das Sein nicht mein Sein, sondern
alles ist nur Gottes oder des Alls. Das Erkennen des Alls geschieht
durch die Vernunft und durch den Verstand. Die Vernunft ist kein Ver-
mögen , kein Werkzeug , das man brauchen kann , es gibt üherhaupt nicht
eine Vernunft, die wir hätten, sondern nur eine Vernunft, die uns hat. Es
ist das schlechthin Allgemeine, das sich selber weiss. Die Vernunft hat
nicht die Idee Gottes, sondern sie ist die Idee Gottes.
Kaum ist aber aus der Fülle der Vernunft die Idee Gottes geboren,
so tritt auch der Verstand hinzu , um Theil zu haben an diesem Gut. Er
möchte das, was in jener Idee als ewig und absolut Eins gesezt ist, ge-
trennt betrachten. Alle diese Abstractionen des Verstandes geben ihre
Nichtigkeit unmittelbar durch den Widerspruch kund, den sie mit sich
führen. —
Schelling. 265
Nach diesen grossen Säzen über das absolut Eine und Unendliche war
es eine höchste Schwierigkeit, endlich auch an das Einzelne und Endliche
heranzukommen.
Das Absolute ist ein Offenbaren , Bejahen und Wollen seiner selbst
auf unbegrenzte Weise , in allen Formen, Graden und Potenzen der Real-
ität. Diese Formen nun, in welchen das ewige Wollen sich selbst will,
sind für sich betrachtet ein Vieles und jedes einzelne Sein ist eine be-
stimmte Form des nur in der Totalität verwirklichten Seins des Absoluten.
Die Materie als solche für reell erachten, ist die niedrigste Stufe der
Erkenntniss; in der Materie dasjenige erbliken, was sie mit dem Unend-
lichen gemein hat, ist die zweite; und endlich erkennen, dass die Materie
überhaupt nicht ist, sondern dass nur die absolute Einheit ist, ist die
höchste Stufe oder die acht speculative Erkenntniss.
Der Raum ist die blosse Form der Dinge ohne das Band. Das Band
(die Copula) oder die Macht, welche die Dinge in der Allheit zur Einheit
verknüpft, ist in der Natur die Schwere. Die Schwere ist das Ewige in
der Natur als Einheit in der Allheit. Aber das Ewige muss auch in der
entgegengesezten Richtung als Allheit in der Einheit die Dinge eben so
allgemein umfassen. Dieses zweite Wesen besteht in dem allgegenwärt-
igen Lichtwesen. Weder Schwere noch Lichtwesen wirken für sich allein
in der Natur. Das eigentliche Wesen der Dinge ist immer das Identische
der Beiden, die Copula. Durch diess Verhältniss des Lichtwesens und
der Schwere wird die Materie erzeugt, welche der vollständige Abdruk des
ganzen Wesens ist. Sie macht ein dreifach ausgebreitetes und doch zur
Einheit untrennbar verkettetes Ganzes aus, in welchem die Formen ins-
gesammt verwirklicht werden, die zu Folge des Wesens des Absoluten
möglich sind.
Sowohl die grossen Abtheilungen der Materie als jeder einzelne Theil
der Materie ist wieder ein Abbild des dreigestalteten Ganzen und stellt
sich in drei „Dimensionen" dar. In dem Reiche der Schwere erscheint
als Abdruk der Schwere selbst das Feste, als Abdruk des Lichtwesens die
Luft , als Abdruk des Bandes zwischen beiden (der Copula) das Wasser,
von welchem alle Productivität ausgeht. In ähnlicher Weise kommt Schelling
auf die Trinität des Magnetismus, der Electricität und des Chemismus.
Auch im Organismus finden sich die drei Dimensionen wieder, der
ersten Dimension entspricht die Reproduction, der zweiten die Irritabilität
und der dritten die Sensibilität.
Die Schelling'sche Lehre von der Natur ist vornemlich niedergelegt in
seinen und Marcus' Jahrbüchern der Medicin als Wissenschaft (1806).
266
Die Vorbereitung der neuen Zeit.
Naturphilosoph-
ische Schule.
Troxler.
Marcus.
Die Schelling'sche Philosophie wurde von Oken (1779 — 1851), Prof.
in Jena, später in München und Zürich, auf die Naturwissenschaften an-
gewandt, von dem Professor der Theologie Carl Christ. Erhard Seh mid
in Jena auf die Physiologie, in etwas gemässigter "Weise von Döllinger,
Prof. in Würzburg und München, sodann von Phil. Franz Walt her, Prof.
in Landshut, Bonn und München gleichfalls auf die Physiologie applicirt.
Die philosophische Verarbeitung der eigentlichen Medicin übernahmen:
Troxler, der bedeutendste unter diesen Phantasten, defmirt die
Krankheit als Missverhältniss der organischen Thätigkeit zu ihrem organ-
ischen Gebilde (das Inadäquatsein der organischen Thätigkeit zu ihrem
Exponenten).
Marcus, der sich besonders durch seine Unwissenheit auszeichnete,
verfuhr noch plumper. Seine specielle Therapie fängt mit folgender De-
finition der Entzündung an : „Entzündung ist das Ergriffensein des elec-
trischen Moments in den Dimensionen." Weiterhin heisst es §. 6. : Die
Irritabilität ist der Kampf des Magnetismus mit der Electricität; §. 8.:
die Arterie ist die positive, die Vene die negative Seite der Irritabilität!
Kies er (System der Medicin 1814) hält das Leben für eine Oscill-
ation, eine Spannung. Gesundheit ist relative Indifferenz beider Principien,
Krankheit Abweichen vom Normal durch Vorwiegen des positiven oder
negativen Pols.
Ferner gehörten zu der Schule Eschenmeyer, Kilian, sodann Mal-
fatti und Schmidt in Wien, Himly in Göttingen und in etwas gemäss-
igten Formen Nasse in Bonn.
Bald galt es wenigstens unter den jüngeren Aerzten als geistreich, in dem
Schelling'schen Jargon zu raisonniren. Schelling's Schüler griffen nament-
lich einzelne seiner Säze, oft missverstandene heraus. Besonders verarbeitete
man den höchst unerquiklichen Dualismus der Polaritäten, wieihnSchelling
gewiss nicht in Absicht gehabt hatte: Expansion und Contraction, Sauerstoff
und Wasserstoff, Kohle und Stikstoff, Säure und Alkali, negative und po-
sitive Lebensseite, Receptivität und Actuosität, Subjectivität und Object-
ivität, Erregbarkeit und Materie, Factoren und Exponenten , Actu und
Potentia, Idee und Substanz, Kreis und Linie; diese Gegensäze und noch
viele andere findet man auf jeder Seite der naturphilosophischen Elaborate.
Dieses Hereinbrechen der Naturphilosophie hat für die Medicin nicht
das geringste Nüzliche geleistet. Nicht einmal die Opposition gegen sie
hat etwas zuwegegebracht. Vielmehr trug sie nur dazu bei, einerseits
die Talente noch mehr von der detaillirten Forschung abzuziehen, anderer-
seits den Werth philosophischer Bildung für den Naturforscher und Arzt
bei dem grossen Haufen in Misscredit zu bringen.
Einfluss der naturphilosophischen Schule. 267
Nur der eine Fortschritt in formeller Beziehung muss anerkannt werden.
Die Naturphilosophen, wie auch schon die Erregungstheoretiker bedienten
sich fast ohne Ausnahme der deutschen Sprache, die allein ihren
seltsamen Wendungen sich fügte; und mit dieser Zeit beginnt der definitive
Sieg der Muttersprache in denDiscussionen der medicinischen Wissenschaft.
Die Naturphilosophie drang in die Anschauungen der meisten andern
Richtungen der Zeit. Keine der übrigen theoretischen Fractionen in Deutsch-
land hielt sich ganz frei davon. Selbst die entschiedensten Gegner nahmen
da und dort einzelne ihrer Ideen auf. Am meisten aber verband sie sich
mit der spätem sogenannten naturhistorischen Schule und mit der Para-
sitentheorie. Schon Schönlein war nicht wenig durch ihren Einfluss
gehemmt. Noch mehr trat diese bei den untergeordneteren Ausbildern
der Parasitenlehre hervor: bei Stark in Jena, Jahn in Meiningen. Auch
Naumann in Bonn (zumal in den Elementader physiologischen Pathologie
1834) zeigte die naturphilosophische Färbung.
Ueberhaupt hat die Naturphilosophie im Ganzen den Effect gehabt,
dass sie, wenn auch nicht gerade zuerst, aber am consequentesten, als
Hauptmittel zur Erforschung der Natur die Phantasie einführte.
Sie hat vornemlich die Idee in Curs gesezt, dass die Krankheit eigent-
lich ein Heraustreten einer Sphäre des Lebens , bei den Nüchternen eines
Organs aus dem Fluss der normalen Erscheinungen sei. Wenn diess ganz
allgemein betrachtet auch eine nicht ganz unrichtige Ansicht ist , so will
sie doch nicht viel sagen. Auch Hegel' s Idee von der Krankheit ist die
gleiche, wenn er sich ausdrükt: „Das Individuum befindet sich im Zustande
der Krankheit, insofern eines seiner Systeme oder Organe im Conflict mit
der unorganischen Potenz erregt, sich für sich festsezt und in seiner be-
sonderen Thätigkeit gegen die Thätigkeit des Ganzen beharrt , dessen
Flüssigkeit und durch alle Momente hindurch gehender Process hiermit
gehemmt ist." Das Heraustreten ist am Ende nur ein sehr untergeord-
netes Nebenmoment und ein solches Heraustreten einzelner Organe findet
sich auch in nicht krankhaftem Zustande (z. B. Uterus in der Schwanger-
schaft), und zwar in viel höherem Grade als in vielen Krankheiten (Fieber).
Der Schaden, der dadurch angerichtet wurde, war aber besonders der,
dass man mit der willkürlichen Annahme eines Heraustretens einer Sphäre,
eines Organs für concrete Fälle sich begnügte und alles weitere ununter-
sucht liess.
Ferner hat die Naturphilosophie die Idee der Polarität ziemlich fest
in den deutschen Vorstellungen sich einnisten lassen.
Sogar Hartmann, Medicin und Krankheit, 1825, huldigt dieser An-
sicht, §. 97. Das Leben wird nicht durch Eine Kraft, wie man ehemals
268 Die Vorbereitung der neuen Zeit.
glaubte, sondern durch Wechselwirkung zweier einander entgegengesezter
Kräfte hervorgerufen.
Damit hängt ein weiterer Nachtheil zusammen, den die Naturphilo-
sophie uns hinterlassen hat, nemlich das schrankenlose Analogisiren. Am
weitesten hat es darin Oken gebracht. Aber auch manche andere glaubten
darin ihren Geist leuchten lassen zu müssen.
Bis auf die Darstellung hat uns die naturphilosophische Richtung die
Wissenschaft verdorben. Während der englische und französische Arzt
naiv und einfach den Thatbestand angibt, ist in Deutschland vorzüglich
durch die naturphilosophischen Ueberschwänglichkeiten eine verkünstelte
und inhaltslose Terminologie geläufig geworden.
Sie hat den Worten einen Sinn gegeben, den sie nicht haben, und ein-
zelnen Körpertheilen eine allgemeine Bedeutung untergelegt, der ihnen
empirisch nicht zukommt , so die Arteriellität und die Venosität (Marcus,
Puchelt), die sensitive Sphäre und die sensitive Entzündung.
So hiess es : bei diesen Kranken ist ein Ueberwiegen der sensitiven
Sphäre, oder die Sensibilität hat auf Kosten der Reproduction sich ent-
wikelt, oder die Arteriellität ist vorherrschend etc. Ein durch und durch
verdorbener Ideengang und Wortgebrauch wurde dadurch geläufig. Manche
sahen dann in den kranken Organen überdiess noch ein gesteigertes Leben
(z. B. in der Entzündung). Andere meinten sogar ein Zurüksinken auf
schwächere Lebensformen annehmen zu müssen, ein Stehenbleiben der
Entwiklung; andere gingen sogar so weit, ein wirkliches Uebertreten in
das Leben niederer Thiere, Moluskeu, Fische, Vögel, anzunehmen, z. B.
Steinheim, Hofmann, Ritter und Rösch.
Der Naturphilosophie war es nicht um Einfluss auf die Praxis zu thun ;
ja sie zog sich vornehm von dieser zurük. Die Arbeit der philosophischen
Aerzte war am Schreibtisch. Diess war noch gewissermaassen ein Glük.
Allein die Wirkung auf die Praxis blieb doch nicht aus. Zunächst hatten
die medicinischen Unterrichtsanstalten mehr oder weniger einen naturphi-
losophischen Anstrich und von manchen Lehrern wurden nur die sublimsten
Probleme und Speculationen behandelt; von eigentlicher Medicin erfuhr man
in den Schulen nichts. Der Hauptherd der Hyperphilosophie war Jena,
es inficirte nicht nur die ganze Umgegend, sondern es konnte sich selbst
bis in die neueste Zeit seiner speculativen Färbung nicht ganz entledigen.
Später wurde durch Schelling die Naturphilosophie nach Würzburg und
durch denselben, Walther und Nasse nach Bonn und München verpflanzt;
am drolligsten aber nahm sie sich in einigen Versuchen in Wien aus, wo
lediglich für sie kein Boden und keine Stimmung vorhanden war.
Aber nicht nur die Schulen, sondern die ganze Literatur nahm einen
Thierischer Magnetismus. 269
naturphilosophischen Beigeschmak an. Wenn man auch nicht gerade
speculative Gedanken hatte, so meinte man doch durch Wendungen und
philosophische Stichwörter den Forderungen des Tages gerecht werden zu
müssen. Und so sind eine Zeitlang fast alle medicinischen Publicationen
mehr oder weniger ungeniessbar und gehen auf naturphilosophischen
Stelzen.
Endlich aber hat die völlige Verflüchtigung aller factischen Grundlage,
wie sie in der naturphilosophischen Schule statthatte, sicher drei Schwin-
delrichtungen wesentlich Vorschub gethan, welche ganz im Gegensaz zu
der naturphilosophischen Zurükhaltung vor jeder Profanation sich mit Be-
gierde des Publikums zu bemächtigen suchten, und denen diess auch bei
der Unbildung des Iezteren in allen naturwissenschaftlichen Dingen in
nicht geringem Maasse gelang.
Schon in der Mitte des 18. Jahrhunderts waren da und dort Individuen Thierischer
aufgetreten, welche im Besize wunderbarer natürlicher Kräfte zu sein be- agnE
haupteten. Ein System brachte in diese Geheimnisse Friedrich Anton
Mesmer, geboren 1734, der 1764 mit einer Dissertation de influxu pla-
netarum in corpus humanuni in Wien doctorirte, sofort in Wien practicirte,
anfangs vielfach den mineralischen Magnet anwandte, später aber in seinen
eigenen Händen eine weit wirksamere Kraft entdekt zu haben glaubte, die
er thierischen Magnetismus nannte. Er machte seine Erfahrungen zuerst
1774 in einer Schrift: Schreiben an einen auswärtigen Arzt über die Mag-
netcur bekannt, der er 1775 ein Schreiben an das Publikum folgen Hess.
Nun errichtete er in seinem Hause ein kleines Privathospital und lernte
dabei die eigentümliche Erscheinung des Somnambulismus kennen. 1778
wandte er sich nach Paris, schrieb dort sein Memoire sur la decouverte
du Magnetisme animal 1776 und ein Precis historique des faits relatifs au
Magnetisme animal 1781, und legte seine angeblichen Erfahrungen der
Academie der Wissenschaften und der medicinischen Fakultät vor. So
wenig er bei diesen gelehrten Körperschaften Anerkennung fand, um so
grösseres Glük machte er bei den Laien und der Enthusiasmus für die
neue Entdekung verbreitete sich über ganz Frankreich. Die Revolution
machte dem ein Ende und Mesmer selbst entging mit Noth der Guillotine.
Er flüchtete in die Schweiz, lebte dort ziemlich zurükgezogen und
starb 1815.
Die Mesmer'sche Behauptung fand nun bei Schelling selbst (Jahr-
bücher 2. Band, pag. 3.) und bei einem Theil der naturphilosophischen
Richtung die wärmste Aufnahme, bei den Eklektikern wie Hufeland, der
sie mit zu der von ihm ganz tolerant behandelten Medicina magica rechnete,
270 Die Vorbereitung der neuen Zeit.
wenigstens eine gewisse Anerkennung. Unter den Freunden des Mesmer-
ismus sind namentlich hervorzuheben die mehr oder weniger der Schelling'-
schen Schule angehürigen Wienholt, Wolfart, Eschenmeyer, Justinus
Kerner, Kieser, Nasse, Ennemoser, Nees von Esenbek, Passavant.
Eine voluminöse Literatur entstand, zahlreiche Zeitschriften wurden für
den Gegenstand gegründet und es wurde eine Masse des abstrusesten,
überspanntesten und trivialsten Unsinns zusammengebracht, wodurch die
ganze Angelegenheit der, wie man sie zu nennen pflegte, Nachtseite der
Natur zugleich auch reiche Belege für die Nachtseite der Bildung und des
menschlichen Verstandes geliefert hat.
Hat die Entstehung und Acceptation dieser theils zur Befriedigung der
Neigung zum Seltsamen und Unerhörten dienenden, theils besonders für
therapeutische und selbst diagnostische Zweke ausgebeuteten phantast-
ischen Doctrin als Zeichen der Zeit einiges historisches Interesse, so ist
dagegen ihr weiteres Festhaften in den Köpfen der Wundersüchtigen und
ihre bald rohere , bald schlauere Benüzung zur Behandlung von hyster-
ischen und ähnlichen Kranken nicht weiter Gegenstand irgend einer Be-
rüksichtigung von Seiten der Wissenschaft.
Cranioscopio. Eine etwas nüchternere Schwärmerei verdankt ihren Ursprung einem
andern Wiener Arzte, dem Joh. Joseph Gall, geboren 1758. Er machte
nicht ungründliche Untersuchungen über das Gehirn, und von der Idee
ausgehend, dass die verschiedenen geistigen Fähigkeiten und Anlagen ihre
speciellste Localisation an der Oberfläche des Organs haben , meinte er
aus der Beschaffenheit des Schädels, seinen Vorragungen undEindrüken die
Entwiklung der einzelnen Theile der Hirnperipherie und damit die geistige
Constitution des Individuums erkennen zu können (Cranioscopie). Seine
Vorlesungen über den Gegenstand, die er schon 1796 in Wien hielt,
wurden verboten und nachdem er sich einen Mann von nicht unbedeutendem
Talent, Johann Caspar Spurzheim, für seine Lehre gewonnen hatte,
begab er sich mit diesem nach Paris (1805) und starb dort 1828.
Auch diese Doctrin fand in den Reihen der naturphilosophischen Schule
Anhänger, jedoch sparsam; denn sie war nicht sublim genug. Anderer-
seits Hessen sich durch die Localisation und scheinbare anatomische
Grundlage der Lehre einige nüchterne Männer verführen , sie zu accept-
iren, wie George Combe, Broussais. — Auch die Cranioscopie hat
nicht aufgehört, bis in unsere Tage ihre theils in der Stille und Einsamkeit
grübelnden, theils herumziehenden und lärmmachenden Lobpreiser sich zu
erhalten.
Homöopathie. Eine dritte Lehre endlich hat die practische Tendenz völlig in den
Hahnemann. 271
Vordergrund gestellt und selbst die Verdrängung jeglicher bisherigen Er-
fahrung sich zur Aufgabe gemacht: die sogenannte Homöopathie.
Ihr Stifter, Samuel Hahnemann, wurde 1755 in Meissen geboren, Hahnemann.
studirte in Leipzig und darauf in Wien unter Quarin. Nachdem er 1779
in Erlangen promovirt hatte, practicirte er in Dessau, darauf zu Gommern
bei Magdeburg. Hier sollen die ersten Scrupel gegen die Richtigkeit des
gewöhnlichen Heilverfahrens in ihm aufgestiegen sein, wesshalb er denn
mehrere Jahre der Praxis entsagte und nur gelehrten Studien lebte. 1790
übersezte er Cullen's Materia medica, wobei er zum Nachdenken über die
antifebrile Wirkung der China geleitet wurde. Er kam auf die Ver-
muthung, sie könnte wohl dadurch wirken, dass sie einen dem Wechsel-
fieber ähnlichen Zustand beim Gesunden errege; er nahm mehrere Tage je
zweimal i\2 Unze Chinapulver und bald empfand er Symptome, wie sie bei
Wechselfiebern stattfinden. Diess nennt er selbst die erste Morgenröthe
der neuen Heillehre. Er widmete sich nun wieder der Praxis; da er aber
selbst dispensiren wollte, so ward er von den Apothekern verfolgt und von
Ort zu Ort vertrieben. 1796 machte er zum ersten Male seine Ansichten
in Hufeland's Journal bekannt und schon im folgenden Jahre theilte er
mehrere homöopathische Heilungen mit. Er verordnete die Mittel noch
in starker Dose und bekannte, dass die günstige Wirkung erst nach mehr-
tägiger Verschlimmerung eintrete. Sofort versuchte er diese medicament-
öse Verschlimmerung dadurch abzukürzen , dass er die Mittel in immer
kleineren Dosen reichte, was er zugleich mit derEntdekung der Schuzkraft
der Belladonna gegen Scharlach veröffentlichte. Schon hatte die Polemik
gegen ihn begonnen und er antwortete mit einem scharfsinnigen und energ-
ischen Angriffe auf die Medicin der Schule (in Hufeland's Journal 1801).
1805 gab er sein erstes grösseres Werk Fragmentade viribus medicament-
orum positivis sive in sano corpore observatis heraus. Mit noch grösserer
Entschiedenheit griff er die gangbare Medicin in seinem Organon der rat-
ionellen Heilkunde 1810 an und legte seiner Lehre im Gegensaz zur alten
Medicin, die er Allöopathie nannte, den Namen „Homöopathie" bei. Erst
durch den neuen Namen wurde der Streit gegen ihn lebhafter. Vom Jahre
1811 — 1821 , wo er in Leipzig practicirte und grossen Zulauf hatte, er-
schien seine reine Arzneimittellehre. Während 1818 die Ausübung der
Homöopathie in Oesterreich verboten wurde , reisten selbst Fürsten nach
Leipzig, um sich von ihm behandeln zu lassen. Allmälig traten nun auch
Hahnemann's Schüler und Anhänger hervor. Er selbst zog sich 1821 nach
Köthen zurük, gab dort 1828 seine chronischen Krankheiten heraus. Im
Uebrigen überliess er seinen Anhängern mehr und mehr den Schauplaz,
272
Die Vorbereitung der neuen Zeit.
Hahnemann's
allgemeinste
Grundsäzc.
obwohl er viel an ihnen auszusezen hatte. 1834 wandte er sich nach
Paris und starb daselbst 1843.
Seine Lehre ist im Wesentlichen folgende :
Des Arztes einziger Beruf ist zu heilen , alles theoretische Wissen ist
vergeblich. Der Arzt hat nur zu wissen, was an jedem Krankheitsfall zu
heilen ist, und die Arzneikräfte zu kennen, so isterein ächter Heilkünstler.
Von der Krankheit selbst kann er nichts wissen, als die Symptome. Innere
Veränderungen sind wohl vorhanden, aber diese Seite der Krankheit ist
dem Arzte verhüllt; es ist unmöglich, sich davon eine täuschungslose, un-
trügerische Vorstellung zu machen. Die Gesammtheit der Symptome ist
das Einzige , was dem Beobachter zugänglich ist und an diese hat er sich
also allein zu halten. Mit der Wegnahme der Symptome ist auch die
Krankheit selbst gehoben (Hahnemann verkennt hienach ganz .das Vor-
handensein symptomloser Krankheiten).
Zwar ist in den Krankheiten ursprünglich die Lebenskraft verstimmt,
aber diess ist nur aus Symptomen zu erkennen. Wie die Lebenskraft die
Symptome hervorruft, braucht der Heilkünstler nicht zu wissen. Die Ge-
sammtheit der Symptome ist daher die einzige Indication, die einzige Hin-
weisung auf ein zu wählendes Mittel.
Indem nun die Krankheiten nichts als Befindensveränderungen des
Gesunden sind, die sich durch Krankheitszeichen ausdrüken, und die Heil-
ung ebenfalls nur durch Befindensveränderung des Kranken zum gesunden
Zustande möglich ist, so sieht man leicht, dass die Arzneien auf keine
Weise Krankheiten wieder heilen können, als indem sie die Kraft besizen,
das auf Sensationen und Thätigkeiten beruhende Menschenbefinden umzu-
stimmen. Diese Befindensveränderungskraft der Arzneien kann bloss in
ihrer Einwirkung auf gesunde Menschen wahrgenommen werden. Die
krankhaften Symptome, welche die Arzneien im gesunden Menschen
erzeugen, sind das Einzige, woraus wir ihre Krankheitsheilungskraft
erkennen.
Die Arzneien können nun möglicherweise auf zweierlei Art die vorher
bestandene Krankheit heilen; 1) durch Hervorrufung eines anderen ent-
gegengesezten Krankheitszustandes, Contraria contrariis: antipathische
Methode; 2) oder durch Hervorrufung eines dem Krankheitszustande mög-
lichst ähnlichen (nicht gleichen) Zustandes , indem die vorher vorhandene
natürliche Krankheit sich sofort in dieser künstlichen, ihr ähnlichen auf-
löst: Similia similibus, homöopathische Methode. Die Allöopathie oder
die alte Medicin ist nur eine übelverstandene, unbewusste und inconsequente
Abart der ersten Methode. Die Erfahrung lehrt nun, dass durch anti-
pathische Cur zwar vorübergehend die Symptome gemindert oder scheinbar
Hahnemann. 273
gehoben werden, dass sie aber nachher nur um so heftiger wiederkommen,
dass sie also immer oder fast immer nur eine palliative und zugleich
schädliche Cur ist.
Es bleibt daher keine andere hilfeversprechende Curmethode übrig,
als die homöopathische, und die Erfahrung lehrt, dass wirklich diejenige
Arznei, welche in ihrer Einwirkung auf gesunde menschliche Körper die
meisten Symptome in Aehnlichkeit erzeugt, wie sie in dem zu heilenden
Krankheitsfälle zu finden sind, dass diese Arznei in gehörig potenzirter
Dose auch die Gesammtheit der Symptome, die ganze gegenwärtige Krank-
heit schnell, gründlich und dauerhaft hebe und in Gesundheit verwandle.
Diess beruht auf dem Naturgeseze , dass eine schwächere dynamische
Affection von einer stärkeren (d. h. arzneilichen) dauerhaft ausgelöscht
wird, wenn diese jener sehr ähnlich in ihrer Aeusserung ist. Bei üblem
Geruch wirkt z. B. weder Musik noch Zukerbrod , sondern Schnupftabak.
Durch fernen Kanonendonner in Furcht gesezte Soldaten werden nicht
durch ein glänzendes Montirungsstük, noch durch einen Verweis, wohl aber
durch die homöopathische Wirkung des Trommelschlages von der Furcht
curirt.
Während die homöopathisch richtig gewählten Mittel unfehlbar jede
Krankheit heilen, so haben die nicht homöopathischen Curen besonders
bei chronischen Krankheiten entweder gar keine Wirkung , oder sie rufen
eine Arzneikrankheit hervor, die zwar für den Augenblik die natürliche
Krankheit unterdrükt, wenn sie aber weicht, die leztere wieder zum Vor-
schein kommen lässt, oder endlich es mischt sich die alte Krankheit mit
der neuen und Kunstkrankheit des allöopathischen Arztes und macht so
einen complicirten Zustand. Diese, sagt Hahnemann §. 75., durch die
allöopathische Unheilkunst hervorgebrachten Verhunzungen des mensch-
lichen Befindens sind unter allen die traurigsten, unheilbarsten chronischen
Krankheiten, und ich bedaure, dass sie zu heilen, wenn sie zu einiger Höhe
getrieben worden sind, wohl nie Mittel scheinen erfunden oder erdacht
werden zu können. Nur gegen natürliche Krankheiten hat uns der All-
gütige Hilfe durch die Homöopathie geschenkt, aber jene , durch falsche
Kunst schonungslos erzwungenen, oft jahrelangen Verhunzungen und Ver-
krüppelungen müsste die Lebenskraft selbst wieder zurüknehmen, wenn
sie nicht schon zu sehr durch solche Unthaten geschwächt worden wäre,
und wenn sie mehrere Jahre auf dieses ungeheure Geschäft ungestört ver-
wenden könnte. Eine menschliche Heilkunst zur Normalisirung jener un-
zähligen, von der allöopathischen ünheilkunst oft angerichteten Tnnormal-
itäten gibt es nicht und kann es nicht geben. Unterliegt endlich der Kranke,
Wunderlich, Geschichte d. Medicin. Jg
274
Die Vorbereitung der neuen Zeit.
Acute
Krankleiten.
Chronische
Krankheiten.
so pflegt der Vollender einer solchen Cur bei der Leichenöffnung diese
inneren organischen Verunstaltungen , die seiner Unkunst die Entstehung
verdanken, recht schlau, als ursprüngliches, unheilbares Uebel den trost-
losen Angehörigen vorzuzeigen. Die anatomischen Pathologien mit Ab-
bildungen, täuschenden Andenkens, enthalten die Producte solcher jämmer-
lichen Verpfuschungen (Hahnemann selbst vermied es stets, Sectionen
anzuwohnen).
Die homöopathische Curmethode similia similibus entgegen zu sezen,
ist also die allein sich eignende unter allen Umständen, mit einziger Aus-
nahme dringender Fälle, wo Lebensgefahr und die Nähe des Todes dem
homöopathischen Hilfsmittel keine Zeit zum Wirken gestattet.
Die acuten Krankheiten sirid alle entweder durch äusserliche Schäd-
lichkeiten, wie tellurische Einflüsse, Contagien, Miasmen entstanden, oder
aber sie werden durch verschiedene Vergehen in der Diät und dem Lebens-
wandel veranlasst, Erkältungen, Erhizungen, Ausschweifungen, Entbehr-
ungen, Strapazen u. s. f. Die lezteren sind aber eigentlich nur die Ver-
anlassung zu der Erkrankung, denn selbst die acute Krankheit ist nichts
weiter, als eine Aufloderung latenter Kräze , welche von selbst wieder in
ihren Schlummerzustand zurükkehrt, wenn die acute Krankheit nicht allzu-
heftig war und bald wieder beseitigt wird (§. 73.).
Die chronischen Krankheiten sind theils die schon erwähnten Arznei-
krankheiten, die auf Schuld der Allöopathie fallen; die übrigen sind von
einem chronischen Miasma entstanden und nehmen, wenn nicht homöo-
pathische Hilfe eintritt, immer zu, quälen den Kranken bis an das Ende
seines Lebens und reiben ihn zulezt auf. Solcher chronischen Miasmen
gibt es drei: 1) die Syphilis; 2) die Feigwarzenkrankheit; 3) alle übrigen
chronischen Uebel, mögen sie Namen haben, mögen sie Erscheinungen
darbieten, welche sie wollen, kommeu von der Kräze her (Psora). „Zwölf
Jahre," sagt Hahnemann, „brauchte ich dazu, um die Quelle jener un-
glaublich zahlreichen Menge langwieriger Leiden aufzufinden und diese der
ganzen Vor- und Mitwelt unbekannt gebliebene grosse Wahrheit zu er-
forschen und zur Gewissheit zu bringen, dass die Psora ihre einzig wahre
Grundursache und Erzeugerin ist, und zugleich die vorzüglichsten anti-
psori>chen Mittel zu entdeken , welche zusammen diesem tausendköpfigen
Ungeheuer von Krankheit grösstentheils gewachsen sind."
Dadurch nun, dass dieser uralte Anstekungszunder nach und nach in
einigen hundert Generationen durch viele Millionen menschlicher Organ-
ismen ging, wird Hahnemann begreiflich, wie er sich in so unzähligen
Krankheitsformen entfalten konnte. Für gewöhnlich ist das Psoragift
Hahnemann. 275
latent; von Zeit zu Zeit aber bricht es acut aus oder macht allmälig
chronisches Siechthum.
Troz dieser entdekten Universalursachen bleibt es für den horaöopath- Symptomen-
• • aufnähme.
ischen Arzt immer unerlässlich, in einem jeden Krankheitsfälle eine strenge
Individualisirung eintreten zu lassen, da nie zwei Fälle einander gleichen,
wenn sie auch die alte Schule unter demselben Namen zusammenwirft.
Besonders ist die genaueste individualisirende Untersuchung eines Krank-
heitsfalles bei den chronischen Krankheiten nothwendig, wozu der Arzt
übrigens weder anatomischer noch physiologischer Kenntnisse bedarf,
noch etwas von der speciellen Pathologie zu wissen braucht, sondern nur
'Unbefangenheit und gesunden Sinn, Aufmerksamkeit im Beobachten und
Treue im Aufzeichnen des Bildes der Krankheit nöthig hat. Aber auch
diese Eigenschaften sind schliesslich überflüssig, denn Hahnemann hatte
es am liebsten , wenn der Kranke selbst die Symptome aufzeichnete und
sofort schriftlich mit ihm verkehrte. Sieht der Homöopath den Kranken
selbst, so empfiehlt Hahnemann, alle Symptome, die er sieht, bemerkt und
vom Kranken sich erzählen lässt, ohne diesen durch Fragen zu unter-
brechen, sogleich zu Papier zu bringen. Die einzige Ermahnung, die der
Arzt Hch erlauben darf, ist nath§. 84., dass der Kranke langsam spreche,
damit jener gut nach ehr iben kö. ne. Erst nach vollendeter Erzählung
des Kranken kann der Arzt über einzelne Symptome nähere Erkundig-
ung einziehen.
Bei den seuchenhaften Krankheiten muss man sich erinnern, dass nicht
jeder Kranke sämmtliche Symptome zeigt; hier muss man die fehlenden
von den andern Fällen her ergänzen, um das Bild der Seuche zu erhalten.
Mit dieser Symptomenaufnahme des Krankheitsfalles ist die schwerste
Arbeit geschehen.
Das zweite Geschäft betrifft nun die Erforschung der Heilmittel und Erforschung der
ihrer krankmachenden Kraft. Diese erfährt man nur aus ihrer Wirkung
auf gesunde Individuen. Man findet dabei zweierlei Wirkungen: 1) die
Erstwirkung der Arznei , bei welcher sich die Lebenskraft bloss empfäng-
lich zu verhalten pflegt und wie gezwungen durch die fremde Potenz ihr
Befinden umändern lässt; 2) die Kachwirkung, wenn sich die Lebenskraft
wieder ermannt hat und einen der Erstwirkung gerade entgegengesezten
oder sie auslöschenden Zustand hervorruft. Die Kachwirkung der Arz-
neipotenz fällt weg, wenn die Gabe gehörig klein gewählt wird; wo da-
gegen die Gabe zu gross ist , tritt sogleich die Nachwirkung ein und die
Erstwirkung wird vereitelt. So bei allen Purganzen und Vomitiven ; hier
wird der Organismus genöthigt, das Mittel in revolutionärer Weise von
sich zu spuken.
18*
276 Die Vorbereitung der neuen Zeit.
Um nun die Kräfte der einzelnen Arzneimittel zu prüfen, werden ge-
sunden Individuen die Mittel in massigen bis kleinsten Dosen gereicht.
Nun werden alle Empfindungen und veränderten Thätigkeiten der Personen,
mit welchen experimentirt wird, bis ins Einzelnste notirt, nicht ein Bild des
Zustandes entworfen, sondern jedes einzelne Symptom in kurzen Säzen
hinter einander gereiht, wobei häufig ganz unbedeutende Modificationen
derselben Empfindung neben einander aufgezählt werden. Solcher Symp-
tome sind bei den meisten Arzneimitteln wenigstens tausend aufgezählt,
bei Phosphor zweitausend. Diese langen Listen nun soll der homöopath-
ische Arzt mit der Liste der Symptome des Krankheitsfalles vergleichen,
um das rechte Mittel herauszufinden; eben .auf die richtige Wahl kommt'
Alles an; denn es gibt keine gleich wirkenden Mittel nach Hahnemann, es
gibt keine Surrogate, immer ist nur ein Mittel das richtige.
Anwendungsweiso Ist das rechte Mittel gefunden, so kommt der dritte Punkt des Ge-
schäftes eines ächten Heilkünstlers, die Auffindung der zwekmässigsten
Anwendungsart der Arzneipotenz zur Heilung der natürlichen Krankheit.
Hat eine Krankheit nicht allzu lange gedauert, so wird sie gemeiniglich
durch die erste Gabe des richtig nach Symptomenähnlichkeit gewählten
Arzneimittels ohne bedeutende Beschwerde gehoben und ausgelöscht.
Indessen gibt es fast kein auch noch so passend gewähltes homöopath-
isches Heilmittel, welches vorzüglich in zu wenig verkleinerter Gabe nicht
einige Arzneisymptome bei sehr reizbaren und feinfühlenden Kranken zu-
wegebringen sollte, weil es fast unmöglich ist, dass Arznei und Krankheit
in ihren Symptomen sich mathematisch deken. Jedoch hat diess nicht viel
zu sagen. Die Arzneisymptome verschwinden, wenn sie unbedeutend sind,
bald wieder, und eine kleine homöopathische Verschlimmerung in den
ersten Stunden nach der Darreichung des Mittels ist sogar von guter Vor-
bedeutung. Je kleiner die Gabe des homöopathischen Mittels aber, desto
kleiner und kürzer ist auch diese anscheinende Verschlimmerung. Bei den
chronischen psorischen Krankheiten tritt die Verschlimmerung oft erst
nach mehreren Tagen ein. Die Arznei, d. h. die einzige Gabe, muss hier
mehrere Tage, selbst Wochen lang wirken; nur zuweilen ist es nothwendig,
nach Tagen und Wochen eine neue Dosis nachzugeben. Die Zeit der
Wiedergabe richtet sich nach der Art des Mittels.
Sollte man in einem einzelnen Falle kein vollkommen entsprechendes
homöopathisches Mittel finden, so werden die Beschwerden auch nur theil-
weise gehoben, und es wird oft nöthig, später ein zweites oder selbst drittes
Mittel nachzuschiken. Diess sowohl als die Wiederholung ist nur dann
gestattet, wenn die Besserung sistirt wird oder die Zufälle wieder zu-
nehmen; denn so lange der Kranke in der Besserung Fortschritte macht,
Hahnemann. 277
darf kein Mittel gereicht werden, indem solches nur die Besserung stören
würde. Nur wenn die Besserung gar zu langsam geht, darf auch die Dose,
aber nur sehr feiner Mittel, wiederholt werden. So z. B. behandelt man
einen frisch* entstandenen Kräzausschlag mit einem alle sieben Tage ge-
reichten Decillionstel Gran Tinctura sulphuris, und in frischer Syphilis
sind meist 2 — 3 Dosen metallisches Queksilber, je zu einem Decillionstel
Gran, nothwendig.
Die Hauptsache ist aber immer , dass die Arzneien in ihrer Vollkraft- Dosirung und
igsten und ächtesten Weise angewendet werden. Die Substanzen des Potenziriine-
Thier- und Pflanzenreichs sind in ihrem frischen und rohen Zustande am
arzneilichsten. Am zwekmässigsten ist es , aus der ganz frischen Pflanze
den Saft auszupressen und diesen Saft sogleich mit gleichen Theilen starken
und reinen Weingeistes zu vermischen. Um nun aber die geistartigen
Arzneikräfte recht zu entwikeln und zu einem vordem unerhörten Grade
zu steigern , bedarf es einer eigentümlichen Behandlung derselben , wo-
durch auch solche Substanzen heilkräftig werden , die in rohem Zustande
gar keine Wirkung haben. Zwei Tropfen von obigem mit Weingeist ver-
mischten Safte werden mit 98 Tropfen Weingeist verdünnt und mittelst
zweier Schüttelschläge potenzirt als erste Kraftentwikelung und so durch
noch 29 Gläser hindurch, deren jedes mit 99 Tropfen Weingeist zu drei
Vierteln angefüllt ist, dergestalt, dass jedes folgende Glas mit einem
Tropfen des vorigen geschüttelten Glases versehen wird, um es dann gleich-
falls zweimal zu schütteln, und ebenso wird auch zulezt die 30. Kraftent-
wiklung, die potenzirte Decillionsverdünnung hervorgebracht, welche die
zwekmässigste ist. Durch mehreres Schütteln würde noch mehr potenzirt
werden; allein das Verfahren würde ungenau.
Andere Stoffe, Metalle, trokene Pulver, Mittelsalze, Phosphor werden
erst durch dreimal je einstündiges Reiben von 1 Gran mit je 100 Gran
Milchzuker zur millionfachen Pulververdünnung potenzirt, von dieser dann,
und zwar auch bei unlöslichen Substanzen, ein Gran in Weingeist gelöst
und durch 27 Verdünnungsgläser auf ähnliche Weise wie bei den Pflan-
zensäften bis zur 30. d. h. Drillionstel Kraftentwiklung gebracht.
Ein Tropfen von der lezten Verdünnung wird auf Milchzuker genommen,
oder auch ein kleines Streukügelchen, deren man tausend mit einem Tropfen
befeuchten kann , damit benezt und daran gerochen. Mit einem solchen
einfachen Riechen an dem Decillionstel Gran Kieselerde heilt man unter
vielem Andern den Kopfgrind, die Kahlköpfigkeit, den grauen Staar, die
Amaurose, das nächtliche Bettpissen, den übermässigen Geschlechtstrieb,
den Husten mit Eiterauswurf, den stinkenden Fussschweiss, die chronischen
278 Die Vorbereitung der neuen Zeit.
Fussgeschwüre , ängstliche Träume , die Unfähigkeit zum Denken und
vieles Gähnen.
Mit Sulphur werden geheilt unter Anderm die Furchtsamkeit, religiöse
fixe Ideen, Kurzsichtigkeit und stumpfes Gehör, Zahnweh und Heisshunger,
Bluthusten und gelbe Fleke am Körper, Kräze und Schläfrigkeit, Impotenz,
Vorfall des Mastdarms und kalte Füsse.
Durch Phosphor werden Scheu vor der Arbeit und Leistenbrüche,Magen-
drüken und Hämorrhoidalknoten, stinkender Athem und Bandwurm, un-
ablässiger Drang zum Beischlaf und Unterköthigkeitsschmerz der Sohlen
beim Gehen beseitigt.
Die Erfahrung zeigt durchgängig, dass die Gabe des homöopathisch
gewählten Heilmittels niemals so klein gewählt werden kann, dass sie nicht
noch stärker wäre, als die natürliche Krankheit; und sie nicht wenigstens
zum Theil zu überstimmen, auszulöschen und zu heilen vermöchte (§. 279.).
„Es gibt keinen Fall von dynamischer (d. h. nach pag. 176 des
Organon 5te Aufl. „aller nicht chirurgischer") Krankheit in der
Welt, den Todeskampf, das hohe Alter und die Zerstörung
eines nothwendigen Theils ausgenommen, deren Symptome in den
Wirkungen einer Arznei in grosser Aehnlichkeit angetroffen werden, welche
nicht durch diese Arznei schnell und dauerhaft geheilt würde"
(Reine Arzneimittellehre 2. Theil, pag. 21.).
Diät. Neben diesen Arzneien ist noch die Diät zu berüksichtigen , die in
acuten Krankheitsfällen sich nach dem Instinct richtet, in chronischen da-
gegen methodisch sein muss. „Die sanften Flötentöne," sagt Hahnemann
(Organon, §. 259.), „die aus der Ferne in stiller Mitternacht ein weiches
Herz zu überirdischen Gefühlen erheben, werden unhörbar und vergeblich
unter fremdartigem Geschrei und Tagesgetöse; ebenso die Wirkung der
Arzneien, wenn sie durch fremdartige Einwirkung gestört wird." Daher
sind eine Menge Dinge zu vermeiden : Apotheken, Kaffee, Thee, Liqueure,
Punsch, Riechwasser und Parfümerien, stark duftende Blumen, Zahnpulver,
gewürztes Bakwerk, grüne Gemüse.
Gegner Viele Gegner sind gegen Hahnemann und seine Lehre aufgetreten und
haben bald gewandt, bald plump, mit Ernst oder mit Hohn die Neuerung
angegriffen. Im Ganzen haben sie eher dazu beigetragen , den Ruf der
Homöopathie zu verbreiten. Bekehrt hat man wohl selten durch Streit-
schriften einen Anhänger der Lehre , und der Laie urtheilt nur zu gerne,
dass das, was man eines Angriffs würdigt, kein vollständiges Hirngespinnst
sein könne. Die Gegner haben zumal darin gefehlt , dass sie als Partei
sich der Homöopathie gegenüber stellten. Freilich war der Zustand der
damaligen Medicin selbst ein solcher, da>s sie Hahnemann und seinen
Hahnemann's.
Hahnemann.
279
Anhängern die faule Methode ihrer Erfahrung und ihrer Argumentation
kaum zum Vorwurf machen durfte. Die angeblichen Thatsachen und
Schlüsse der sogenannten Homöopathen sind derselben liederlichen Art
der Beobachtung und Logik entsprungen , durch welche die Medicin aller
Zeite so viel nuzlosen und schädlichen Ballast sich aufgeladen hat. So
waren die Gegner in einer schiefen Stellung. Die Vorwürfe, die sie Hah-
nemann machten, trafen sie selbst eben so gut. Das Modewerden der
neuen Lehre konnten sie ohnediess nicht verhindern ; denn niemals darf
man erwarten, dass das Publikum, dem meist die logische Bildung und
immer die Einsicht in die Thatsachen fehlt, durch wissenschaftliche Gründe
und Widerlegungen überzeugt werden kann. In allen solchen Dingen ist
nur auf die Wandlungen der Zeit und auf das schliesslich doch nicht aus-
bleibende Erwachen des öffentlichen Schamgefühls zu hoffen.
Eine Critik der Hahnemann'schen Lehre erscheint völlig überflüssig.
Die einfache ungeschminkte Darstellung der Doctrin ist ihr strengstes
Gericht, das mit Worten nicht geschärft werden kann. Wer das Willkür-
liche der Prämissen , die Fehler der Logik und der Beobachtungsmethode
und das Abenteuerliche des Verfahrens an einem so massiven Beispiele
nicht selber zu erkennen vermag, für den bleibt jede Belehrung
hoffnungslos.
Man darf aber Hahnemann's Begabung nicht zu gering schäzen.
Scharfsinn, jede Schwäche des Gegners zu bemerken und zu benüzen,
Energie, jeden wirklichen oder scheinbaren Sieg zu verfolgen, vor allem
aber ein gewisses demagogisches Talent, das überall die volksthümlichen
Neigungen und Vorurtheile zu verwerthen weiss, dem Unkundigen schmei-
chelt und den Sachverständigen herunterreisst, das den Besiz mit Glük
zu verdächtigen versteht, das für den Gedankenlosen zur rechten Zeit ein
Schlagwort bereit hält, die Beweise durch nichtssagende aber überraschende
Beispiele aus dem gemeinen Leben führt und schliesslich bei aller inner-
lichen Verachtung der blinden Massen doch überall an ihr Urtheil appellirt
— alle diese für einen Mann der Revolution höchst brauchbaren und förder-
lichen Fähigkeiten und Eigenschaften sind ihm in hohem Grade geläufig.
Auch fand seine Lehre bald auf den verschiedensten Punkten Sym-
pathien ; zumal unter dem grossen Publikum wurde vielfach mit Leiden-
schaft Partie für die sogenannte neue Medicin genommen. Die Motive für
diese Vorliebe zahlreicher Laien waren die heterogensten. Der Liebhaber
des Mystischen wurde augezogen, weil ihm ein neues unerhörtes Geheim-
niss der Natur, die Steigerung der Kraft durch Theilung der Materie , ge-
offenbart wurde ; der Gegner des Materialismus und der sinnlichen Auffass-
ung fand seine Befriedigung durch den Hohn, mit dem jede reelle Unter-
Hahnemann's
ungewöhnliche
Hahnemann's
Erfolge.
280 Die Vorbereitung der neuen Zeit.
suchung behandelt wurde. Das gläubige Gemüth wurde erbaut, weil ihm
etwas Unbegreifliches, also um so mehr auf Glauben Anspruch machendes
geboten wurde; ja selbst die Vergleichung der neuen Lehre mit dem Pro-
testantismus im Gegensaz zur alten oder katholischen Medicin führte
Anhänger in das Lager der Homöopathen. Wer ohne grosses Nachdenken
sich für einen Verehrer der Natur hielt und erklärte, war satisfacirt, weil
in dem System der Natur keine Gewalt angethan werde ; und wer der
Toleranz sich rühmte, wollte wenigstens beide Parteien, wie man es nannte,
gewähren lassen. Der Revolutionär ward durch den schonungslosen An-
griff auf das Bestehende und das Herkommen gewonnen, der Liberale durch
die polizeilichen Verfolgungen und Unterdrükungen der Lehre; für die
Aengstlichen unter den Conservativen schienen die strengen Vorschriften
der Homöopathen weniger gefährlich, als der Schein von Anarchie, welchen
die freie Bewegung der Wissenschaft mit sich bringt. Manchen imponirte
die strenge Diät; andere waren froh, statt übelschmekender Arzneien nur
selten ein harmloses Streukügelchen nehmen zu müssen. Besonders Kluge
brachten heraus, dass die Homöopathie wenigstens für gewisse Krankheiten
nüzlich sei; Andere wechseln überhaupt gerne einmal mit dem Arzte und
seiner Methode, weil sie niemals dazu gelangen, die Aufgabe und die
Mittel der Heilkunde zu begreifen. Manchen imponirte der Erfolg der Ho-
möopathie bei selbstheilenden Krankheiten oder die Besserung solcher,
welche übertrieben mit Medicamenten gefüttert waren. Schwerkranke und
Unheilbare griffen nach jedem Strohhalm, der ihnen Hilfe versprach, und
im Hilfeversprechen sind die Homöopathen niemals blöde gewesen.
Adhäsion unter Auch von Seiten der Aerzte zeigte sich allmälig eine wachsende Ad-
häsion. Hufeland in seiner eklektischen Bereitwilligkeit, überall zu ver-
mitteln, war einer der Ersten, der „etwas Wahres" an der Sache fand.
Ums Jahr 1816 fingen einige Praktiker in Leipzig und der Umgegend an,
entschieden sich auf Hahnemann's Seite zu schlagen. 1822 eröffneten
(gegen Hahnemann's Willen) Moriz Müller in Leipzig, Stapf in Naumburg
und Gross in Jüterbogk das Archiv für homöopathische Heilkunde, das
erste Organ der Hahnemann'schen Lehre. 1829 entstand der allgemeine
homöopathische Verein, dessen Centralsiz Leipzig war. Der Kampf wurde
nun immer erbitterter. Die polizeilichen Verfolgungen der Secte wurden
reichlich aufgewogen durch den zunehmenden Beifall des Publikums und
durch den Uebertritt mancher selbst älterer Praktiker, und das Verbot
wirkte nur als neuer Reiz für die Homöopathie , während die da und dort
erfolgende Duldung und Zulassung als Sieg von der Secte proclamirt wurde
An manchen Orten wurde die neue Methode öffentlich in Heilanstalten
geprüft , in Leipzig und Wien wurden selbst eigene Hospitäler für homöo-
den Aerzten.
Hahuemann. 281
pathische BehandluDg eröffnet. Auch ausserhalb Deutschlands fing die
neue Lehre bereits an Proselyten zu machen.
Aber schon im Anfang der 30er Jahre begannen Symptome innerer Zwietracht in der
Zwietracht in der neuen Secte. Man unterschied reine und freie Homöo-
pathen. Der Zank brach mit öffentlichem Scandale los, als Hahnemann
von Köthen aus im Leipziger Tageblatt (am 3. November 1832) unter den
schmählichsten Invectiven (von denen sogar der polizeiliche Censor des
Blatts einzelne zu streichen für nöthig fand) gegen die Ernennung von
Moriz Müller zum Arzte des eben im Entstehen begriffenen Leipziger
homöopathischen Spitals protestirte. Ein Abgrund von Schmuz, Klatsch
und Tntrigue bezeichnet von da an die nächste Geschichte der Homöopathie in
Sachsen, und das Hospital selbst, das mit einem Scandal begonnen und
niemals zu rechtem Gedeihen gekommen war , ging schon nach etwa vier
Jahren wieder ein nach einer abermaligen Prostitution durch einen coloss-
alen Scandal, indem nemlich der abtretende Oberarzt Fi ekel erklärte,
dass er nur, um den homöopathischen Trug zu ergründen, die Leitung
übernommen und Thatsachen und Erfahrungen, die von den Homöopathen
mit Bewunderung hingenommen worden waren, erdichtet habe.
Hahnemann hatte indessen fortgefahren, alle nicht streng an ihn sich
Haltenden Kezer und einen Theil der sächsischen Homöopathen speciell
Mischlinge und Bastardhomöopathen zu schimpfen und sie als eine „leicht-
sinnige und schädliche Brut" zu bezeichnen (Organon , 5te Aufl. p. 201.).
Aber auch von andern Seiten entstand eine Opposition gegen Hahne-
mann. Seit 1836 lehnten sich die süddeutschen Homöopathen gegen ihn
auf: Griesselich, welcher Hahnemann für einen Narren und alten
Schwäzer erklärte und sagt, dessen Methode sei schlecht, aber die alte
noch viel schiechter , gab die homöopathische Zeitschrift Hygea her-
aus, welche noch den meisten wissenschaftlichen Anstrich unter den ho-
möopathischen Publicationen hatte und ausserdem durch ihre kräftigen,
zum Theil groben Auslassungen mit dem süsslichen und sentimentalen
Tone der damaligen practischen Ergüsse der deutschen Medicin einen nicht
unvorteilhaften Contrast bildete. Auch Schrön, Kopp in Hanau, Fleisch-
mann in Wien Hessen die Hahnemann'sche Lehre nur sehr modificirt
gelten.
So wurde manches fallen gelassen und verworfen , von Einzelnen so
viel, dass kaum etwas von der ursprünglichen Hahnemann'schen Lehre
übrig blieb; die theoretischen Ansichten Hahnemann's (namentlich die
Psora- und die Potenzirtheorie) wurden Punkt um Punkt aufgegeben, Ader-
lässe , Laxire und Vomitive wurden wieder zugelassen , die Verdünnung
der Dosen sehr beschränkt, die Dosen öfter, meist alle Tage wiederholt;
282 Die Vorbereitung der neuen Zeit.
es wurde oft mit Arzneimitteln gewechselt, die Diät wurde weniger streng
formulirt. Die Bessern unter den Neuhomöopathen , namentlich die Ba-
denser Schule, versäumten dabei die genauere Diagnostik und die patholog-
ische Anatomie nicht. Die specielle Pathologie wurde daneben wieder
ganz nach der alten Methode abgehandelt. Es wurden Krankheitsbilder
aufgestellt, denen die empirischen Arzneimittel angehängt wurden. Mancher
Unsinn von Hahnemann wurde dabei wieder ausgelöscht ; andererseits
nahm man aber auch wieder manche Thorheit der alten Schule auf, gegen
die Hahnemann nicht mit Unrecht gestritten hat. So blieb bei manchen
der Neuhomöopathen nichts weiter übrig, als der Name und die Eigen-
thümlichkeit, die Indication der Arzneimittel durch Prüfung an Gesunden
festzustellen (mindestens ein sehr untergeordnetes und irreleitendes Crit-
erium) und in Folge davon die Festhaltung einzelner Arzneimittel in kleinen
Dosen bei Krankheiten, in denen sie vor Hahnemann nicht gereicht worden
waren; Manche haben daher auch den charlatanmässigen Ausdruk Ho-
möopathen sich verbeten und wollten nur Specifiker heissen.
Die ultra». Es gab aber auch Homöopathen, welche weit über Hahnemann hinaus-
gingen, ihm Halbheit vorwarfen , und ihn wo möglich im Unsinn zu über-
bieten suchten. Diese Ultra's in der Homöopathie, meist Laien und ent-
schiedene Schwindler und Charlatane, erweiterten namentlich die Strenge
der Diät und waren noch keker in den Versicherungen von den Wunder-
wirkungen der homöopathischen Dosen. Zu ihnen kann man auch die
Isopathen rechnen, welche, wie Lux, Anthraxstoff gegen Milzbrand, oder,
wie G. Fr. Müller, Täniastoff gegen Bandwurm gaben; ebenso Psorin
gegen die Kräze. Hahnemann war sehr gegen sie erbittert.
Die Die übrigen ärztlichen Fractionen und Kundgebungen in Deutschland
Thlo^etfker gehörten theils überwiegend theoretischen Bestrebungen an , welche bald
in ziemlich unnüz, bald nicht ohne Verdienst waren; theils waren es Eklekt-
iker, welche principlos nach allen Seiten Recht gaben; theils endlich hat
ein kleiner Kreis der reellen Förderung der Wissenschaft zu entsprechen
gesucht, wenn gleich bei manchen derselben durch die speculative Stimmung
der Zeit vielfache Annäherungen an die theoretischen Richtungen
bedingt wurden.
Die überwiegend theoretischen Gelehrten unter den Aerzten und
Physiologen suchten fast durchaus die pathologischen Thatsachen aus den
allgemeinen Anschauungen der Natur und aus physiologischen Prämissen
zu erklären. In diesem Sinne waren sie physiologische Pathologen. Allein
ihre Physiologie war grösstenteils eine conjecturale, beschäftigte sich
Deutschland.
Theoretiker in Deutschland.
283
fast nur mit den obersten Säzen und trug mehr dazu bei, die Pathologie
zu sublimiren, als sie zu begründen.
Man kann dieselben rubriciren je nach den Anschauungen , welche sie
von dem Lebensprocesse hatten.
Erste Anschauungsweise: der Lebensprocess beruht auf Gesezen, zurükführung
die sich auch sonst in der Natur vorfinden. Er hängt also von des Lebens-
° processesauf
der Materie ab, die im Organismus wesentlich keine andere ist, als die allgemeine
unorganische, aber nur in andern Verhältnissen und Combinationen sich Na ur&eseze-
befindet. Je nach dem Gebiete, aus welchem die Geseze entlehnt wurden,
welche für den Lebensvorgang vorzugsweise in Anspruch genommen wurden,
gestalteten sich die Modifikationen dieser Anschauungsweisen.
Bei der einen Partei sind es die Geseze der chemischen Affinität , bei
der andern die Geseze der Electricität.
Unter den chemischen Theoretikern ist zuerst Reich-
Reich zu nennen, Professor in Berlin (vom Fieber 1800, und Erläut-
erungen zur Fieberlehre 1805).
Der Organismus ist nach ihm ein chemisches Product. Die Veränd-
erungen des Körpers, selbst die Wirkungen der Seelenkräfte beruhen auf
chemischer Aenderung. Die Affinitäten der todten und lebenden Chemie
sind an sich dieselben.
Das Wesen des Fiebers besteht in einer durch die widernatürliche Ver-
minderung des Sauerstoffs bewirkten widernatürlichen allgemeinen Trenn-
ung und Wiederverbindung der einfachen Bestandtheile des menschlichen
Körpers, in der übermässigen Anhäufung von Stikstoff, Wasserstoff, Koh-
lenstoff, Schwefel, Phosphor etc. und in der vielfältig möglichen wider-
natürlichen binären, ternären, quaternären , quinternären etc. Verbindung
dieser Stoffe unter einander. Der Sauerstoff ist daher das einzige sichere
Mittel gegen alle Fieber. Nosologisch soll weiter das Fieber in Entweich-
ung des Thermogens bestehen.
Noch ausführlicher ist Ackermann (Versuch einer physischen Dar- Ackermann.
Stellung der Lebenskräfte organisirter Körper 1797, und über den Typhus
1814). Er sucht aus Wechsel von Wärmestoff, Kohle und Sauerstoff
das Leben zu erklären. Das Leben ist die Identität des Seins und der
Thätigkeit. Das Sein wird durch die Materie , die Thätigkeit durch das
Lichtprincip erzeugt und so fort.
Reil (geboren 1759), besonders berühmt durch seine Fieberlehre Reu.
1797 — 1815 und sein Archiv für Physiologie 1795 — 1815. Ausserdem
schrieb er Memorabilia clinica, eine allgemeine Pathologie in drei Bänden,
eine allgemeine Therapie (1816) und einige psychiatrische Schriften.
Reil stellt den richtigen Grundsaz auf: die Kräfte des menschlichen
284 Die Vorbereitung der neuen Zeit.
Körpers sind Eigenschaften seiner Materie und seine besonderen Kräfte
sind Resultate seiner eigenthümlichen Materie. Kraft sei überhaupt
nichts anderes als Eigenschaft der Materie. Er weisst namentlich die
Ansicht der Vitalisten mit allem Recht zurük , dass im Organismus die
physischen- und chemischen Kräfte einer Lebenskraft subordinirt seien.
„Eine solche Herrschaft und Subordination lasse sich in der Natur nicht
denken." Die Begriffe der Subordination seien subjective, durch die bloss
blöde Menschen geblendet werden können. Aber sehr Unrecht hat er,
wenn er den Grund aller Verschiedenheiten und Eigenthümlichkeiten einzig
in der Mischung sucht. Durch sie werden zunächst die Formen bestimmt
und Mischung und Form zusammen bilden die Organisation. Die Mangel-
haftigkeit dieser Theorie sieht er selbst ein, indem er zugibt, dass aus der
bekannten Mischung der Theile nicht mit Nothwendigkeit die Verschieden-
heit ihrer Actionen hervorgehe ; aber er sucht seine Theorie dadurch zu
retten , dass er das Vorhandensein von feinen noch unbekannten Stoffen
annimmt. Eben so sagt er von den Krankheiten, sie haben ihre nächste
Ursache entweder in einer widernatürlichen Organisation oder Mischung
der thierischen Materie. Uebrigens ist bei Reil das Streben nach. Realität
sehr deutlich, und der specielle Theil seiner Fieberlehre ist vortrefflich
und enthält feine und naturwahre Beobachtungen. — Im Alter nahm Reil
bedeutend ab; die Naturphilosophie verdarb ihn, und seine späteren, erst
nach seinem Tode herausgegebenen Schriften , die allgemeine Pathologie
und Therapie, sind ziemlich geringfügig. Seine früher mit Scharfsinn und
Entschiedenheit aufgestellten, wiewohl einseitigen Ansichten gab er auf,
verfiel nun aber in ein substanzloses Schwäzen. Die 112 Seiten Einleit-
ung in seine Pathologie und 140 weitere Seiten allgemeiner Abstraction
über den Lebensprocess gehören ganz in die Kategorie der damaligen
Schriftsteller. Den Lebensprocess erklärt er daselbst für einen potenz-
irten galvanischen Process.
Humboldt. Auch Humboldt näherte sich derselben Anschauungsweise. Er er-
klärt sich gegen die Girtanner'sche Ansicht, dass der Siz der Irritabilität
der Sauerstoff sei. Allerdings hängen die vitalen Functionen vorzüglich
von Anhäufung von Sauerstoff ab, allein einen Grundstoff der Reizbarkeit
gebe es nicht. Aeussere Dinge wirken nur dadurch als Reize, dass eine
Ziehkraft auf die organischen Elemente ausgeübt werde. Was in dem
einen Moment einströme, scheide sich im folgenden wieder aus, und nur
in diesem beständigen Kampfe erhalten sich die Organismen. Von den
Bestandteilen und den chemischen Ziehkräften hänge die Reizbarkeit ab.
Uebrigens nimmt er andererseits eine eigene Lebenskraft an und bezeichnet
sie als diejenige Kraft, welche die Bande der chemischen Verwandtschaft
Theoretiker in Deutschland.
285
Brandis
löse und die freie Verbindung der Elemente in den Körpern hindere. Das
Werk, in welchem Humboldt seine physiologischen Anschauungen nieder-
legte, die Versuche über die gereizte Muskel- und Nervenfaser (1797) ist
dabei voll des wichtigsten Details und eine wohldurchdachte , musterhafte
experimental-physiologische Arbeit.
Brandis, Professor zu Kiel (Versuche über die Lebenskraft, 1795),
nimmt dagegen entschieden die Electricität als Lebensprincip an und be-
hauptet , die Lebenskraft sei etwas von der Materie Verschiedenes, wirke
gleichsam als Aeusseres auf diese.
Nach Prochaska (Physiologie oder Lehre von der Natur des Men- Prochaska.
sehen, 1820) gibt es nur ein Princip des Lebens, und diess offenbart sich
uns in der Electricität, deren Bedingnisse mit denen des Lebens überein-
stimmen, daher denn auch die Geseze des Lebens aus den Gesezen der
galvanischen Electricität abgeleitet werden müssen.
Eine zweite Anschauungsweise betrachtet das Princip der Lebensvor- Anaiogisirung
gänge als etwas Eigentümliches, jedoch den übrigen imponde- k°Ift lu^en
rablen Stoffen Vergleichbares und Analoges. Es ist nicht
Electricität, nicht Magnetismus, sondern ein speeifisches Princip, das mit
jenen nur Analogien hat. Diess war schon ein nicht unbedeutender Fort-
schritt. Er stammt von Autenrieth her und wurde in seinem Handbuch
der empirischen menschlichen Physiologie (1801) an vielen Stellen aus-
gesprochen. Eine ausführliche Betrachtung über das Verhältniss des Le-
bensprineips zu den Imponderabilien findet sich in der Autenrieth'schen
Dissertation (resp. Matthes) de differentia, quae naturam vis organicae
et fluidorum imponderabilium indolem intercedit. Autenrieth zeigt darin
ausführlich, dass das Lebensprincip mit keinem andern Imponderabile ver-
wechselt werden könne, sondern durchaus speeifisch sei. Uebrigens adop-
tirte Autenrieth die Brown'schen Begriffe von Anhäufung, Erschöpfung
der Erregbarkeit fast völlig und überträgt sie nur auf die Lebenskraft.
Treviranus in seinen Untersuchungen über Nervenkraft, Consens
und in der Biologie hat ziemlich ähnliche Ideen. Er sagt, es gebe nur
eine Grundkraft in der ganzen Natur, deren Modifikationen die verschied-
enen Kräfte ausmachen. Er nimmt nun einen eigenen Lebensstoff an, der,
indem er das Vehikel jener Grundkraft werde, die Lebenskraft enthalte.
Diesen Lebensstoff parallelisirt er vollständig mit Electricität und Mag-
netismus. Auch Treviranus nimmt die Brown'sche Idee auf, gibt aber eine
Menge geistreicher und befruchtender Gedanken im Detail dazu.
Auch Kielmeyer (1765—1844), Professor an der hohen Carlsschule
zu Stuttgart, von 1796 in Tübingen, wirkte als anregender Theoretiker
Imponderab-
ilien.
Autenrieth.
Treviranus.
286 Die Vorbereitung der neuen Zeit.
jedoch weniger durch Schriften, als vom Katheder. Dadurch, dass er
ziemlich alle Fächer der Naturwissenschaft vertrat, gewann er jenen uni-
versalen Ueberblik, der grosse Gedanken erzeugt. Er ist der Schöpfer
der vergleichenden Zoologie und hat zuerst auf den analogen Typus in der
Bildung der Thierklassen aufmerksam gemacht , indem er die einzelnen
Formen als verschiedenartige Abstufung in der Realisirung einer wesent-
lichen Idee betrachtete. Als Lehrer Cuvier's verdankte ihm Lezterer seine
Bildung und seine Richtung. Kielmeyer hat durch den Nachweis der Ana-
logie und selbst der Identität der Lebensgeseze in allen Thierklassen die
Benüzung der einfacheren Thierorganismen zum Studium der Vorgänge im
menschlichen Organismus vorbereitet. Er zeigte, dass die Natur in allen
thierischen Körpern wenige und einfache Mechanismen zu ihrer Verfügung
hat, durch deren verschiedenartige Combination die scheinbar differentesten
Aufgaben erreicht werden. Weniger glüklich war er in der Aufstellung
einer weiteren (neben Sensibilität, Irritabilität, Reproductionskraft und
Secretionskraft) Kraft: der Propulsionskraft des Blutes. Seine ganze
literarische Thätigkeit bestand übrigens in einer kleinen Schrift über den
Stachelberger Schwefelbrunnen 1816, von welcher der bescheidene Mann
fast die ganze Auflage wieder aufkaufen Hess, weil sie ihn nicht befriedigte,
und in einer gedrukten Gelegenheitsrede über die Verhältnisse der organ-
ischen Kräfte unter einander in der Reihe der verschiedenen Organ-
ismen 1793.
Die Idee eines gewissen Parallelismus zwischen dem Lebensprincip und
den Imponderabilien hat ziemlich Plaz gegriffen in der deutschen Physio-
logie, und vornemlich Burdach, aber auch Johannes Müller haben diese
Anschauungsweise adoptirt, und gewiss hat das Parallelisiren dadurch
sehr genüzt, indem man die Methode der Erforschung der Erscheinungen der
Imponderabilien auch auf die Erscheinungen des Lebens oder des Nerven-
princips übertrug. Die Methode , die in der Physik bereits so präcis war,
ist in der Physiologie noch lange roh und principlos geblieben. Um so
grösser waren die Vortheile, welche aus jener Uebertragung erreicht
wurden.
Genetische Eine dritte Anschauungsweise betrachtet das Leben als ein beständ-
Auffassung i »e s w7 e r d en , eine fortwährende Assimilation. Wie im Ei gerade die
desLebens.0 ' _#
Ueberwältigung des Aeussern, die Aneignung des Fremden die einzige
Lebensäusserung sei, so lassen sich auch in den spätem entwikelten Le-
bensverhältnissen alle Lebensäusserungen auf den Fluss von Neugestalt-
ungen und Reproductionen zurükführen.
Diese phänomenologisch-genetische Anschauung hat zuerst S n i a d e z k
Positive Forschung in Deutschland. 287
geäussert (Aetiologie der organischen Wesen, 1821). Er fasst das Leben
umgekehrt auf, als Brown. Während Lezterer die Bedingung des Lebens
vorzüglich in äussere Reize sezt , vertheidigt Sniadezki die Spontaneität
der lebenden Wesen und zeigt, dass das Leben wesentlich nicht in den
Einwirkungen der äussern Dinge, sondern umgekehrt in einer beständigen
Einwirkung des Belebten auf das Fremde, in einem beständigen Verbrauch
und in Assimilation des Leztern bestehe, und dass dabei Organisation und
Materie in einem fortdauernden Umwandlungsprocess begriffen sei. Jedoch
sind diese Ideen in Sniadezki's vortrefflichem Werke noch nicht mit der
gehörigen Schärfe hingestellt. Auch hat dieser gedankenvolle Autor nicht
die verdiente allgemeine Anerkennung gefunden , wurde sogar von den
Meisten geradezu ignorirt.
Im Gegensaz zu diesen theoretischen Bestrebungen fand die positive positive
Forschung nur eine sparsame und überdem auch nirgends ganz reine Forschung in
° r ° ° Deutschland.
Vertretung.
In der Anatomie hat zunächst Wrisberg in Göttingen (1739 — 1808) Anatomie.
einige werthvolle Untersuchungen über das Bauchfell , die Bauchganglien
und den Kehlkopf gemacht. Loder, sein Schüler (1778 Professor in
Jena, 1806 in Halle und 1809 in Moskau, gestorben 1822) war nicht viel
mehr als Compilator, aber ein tüchtiger Lehrer und einflussreich durch
gute, freilich meist nachgedrukte anatomische Abbildungen.
Ungleich bedeutender war Sam. Thomas Sömmering (1755 — 1830),
welcher theils als Lehrer in Kassel und Mainz, theils als praktischer Arzt in
Frankfurt lebte, und welcher mit grosser Sorgfalt die Anatomie der ver-
schiedenen Körpertheile revidirte und damit eine Art Abschluss des anat-
omischen Wissens für die damalige Zeit zuwegebrachte.
Auch Hildenbrandt, Professor in Erlangen, Hempel, Professor in
Göttingen, Rosenmüller, Professor in Leipzig, Joh. Friedr. Meckel,
Professor in Halle, Conrad Langenbeck, Professor in Göttingen waren
gescbäzte Anatomen dieser Zeit.
Unter den physiologischen Arbeiten zeichnete sich durch Nüchternheit Physiologe.
besonders Autenrieth aus, der vielfach an Bichat sich anlehnte, auch
Treviranus jedoch mit stark theoretischer Färbung. „Mit Unrecht," sagt
in seinem Handbuch der empirischen menschlichen Physiologie Autenrieth,
„wird in neuerer Zeit die Form der Organe vernachlässigt. Ohne Anatomie
bleibt eine menschliche Physiologie unvollständig." Autenrieth hat das
physiologische Wissen da wieder aufgenommen, wo Haller es gelassen,
und suchte durch strenges Festhalten an der objectiven Beobachtung das-
288 Die Vorbereitung der neuen Zeit.
selbe von den vielen Illusionen zu reinigen, welche die Zeit seit Haller in
dasselbe gebracht hatte. Die anatomischen Verhältnisse bilden bei ihm
die Grundlage seiner Physiologie; aus ihnen suchte er, immer sich an
möglichst reine Thatsachen haltend, die Functionen zu erklären. Freilich
stand ihm dabei ein ziemlich mageres Material zu Gebote; es war nur die
gröbere Anatomie, an die er sich halten konnte, und die physiologischen
Vorgänge selbst waren nur in Fragmenten bekannt. Ja es blieb Auten-
rieth auch in seiner Physiologie nicht ganz von dem Einfluss der Brown'-
schen Erregungsphysiologie frei; es fehlt ihm noch an der consequenten
Nüchternheit der wahren Naturforschung. Immer aber muss man seine
Physiologie, wenn man sie mit dem substanzlosen, vagen und mystischen
Gerede der ganzen damaligen Zeit vergleicht, als eine höchst wohlthuende
und aufgeklärte Erscheinung ansehen. Der Einfluss derselben auf die
Reform der Physiologie war übrigens nicht sehr bedeutend, und die Ver-
irrung der Zeit zu gross, als dass sie durch eine einzige nüchterne Stimme
auf den richtigen Weg hätte geleitet werden können.
Von Arbeiten speciellsten Inhalts sind noch die bereits angeführten
Versuche von Humboldt und die anatomisch-physiologischen Abhand-
lungen von Rudolphi (1802) hervorzuheben.
pathologische in (jer pathologischen Anatomie herrschte noch die Neigung,
Anatomie.
Merkwürdigkeiten zu sammeln, vor. G. Chr. Conradi in Werthheim
(1796) und Voigtel, Arzt in Eisleben (1804 — 5) verfassten Handbücher.
In der Meckel'schen Familie in Halle war eine gewisse pathologisch-ana-
tomische Richtung erblich, die vornemlich in dem Handbuch der patholog-
ischen Anatomie 1812 von Meckel dem Jüngern (Joh. Friedr. oder dem
Enkel) zu einer tüchtigen Leistung sich concentrirte. Auch Otto in
Breslau beschäftigte sich mit der pathologischen Anatomie (Handbuch der
pathologischen Anatomie des Menschen und derThiere 1814 und Lehrbuch
1830). Rudolphi endlich machte seine classischen Untersuchungen über
die Entozoen (1806—1810 und 1819).
Practischo In der practischen Medicin erhielten sich nur wenige von dem er-
e lcin' tödtenden Einflüsse der Theorien frei.
Peter Frank. ^ys ^eY erste un(j bedeutendste unter ihnen ist Joh. Peter Frank zu
nennen. Derselbe (geboren 1745) wurde 1784 klinischer Professor in
Göttingen, 1785 inPavia, 1795 in Wien, wo er das pathologisch-anatom-
ische Museum gründete und von einem tüchtigen Prosector Vetter gut
unterstüzt wurde, 1804 in Wilna, darauf Leibarzt in Petersburg. Nach-
dem er sich 1808 zur Ruhe gesezt hatte, starb er 1822. In Kant'scher
Schule gebildet war er beim Bekanntwerden des Brown'schen Systems
Practiker in Deutschland.
289
diesem anfangs warm zugethan, wendete sich aber später durchaus wieder
der practischen Richtung zu und hat in seiner klaren einfachen und doch
kritischen Weise, ohne gerade bedeutende Entdekungen zu machen, we-
sentlich zur Sichtung und Ordnung der speciellen Krankheitslehre beige-
tragen. Seine Therapie war ungleich einfacher als die seiner Zeitgenossen.
Sein Hauptwerk ist de curandis hominum morbis epitome 1792 — 1821.
Von grossem Interesse sind auch seine Interpretationes clinicae 1812?
welche ein gutes Bild einer damaligen Klinik geben.
Auch Chr. G. Gruuer (geb. 1744, Professor in Jena, gest. 1815)
gehörte, obwohl sich in philologischen Studien vertiefend, zu den pract-
ischen Köpfen. Seine Semiotik (1775, deutsch 1795) ist eines der besten
Bücher der Zeit; sein Almanach für Aerzte und Nichtärzte (1782 — 96)
war einer stets schlagfertigen Critik, vielfach auch dem Scandale gewidmet.
Joh. Heinr. Ferdinand Autenrieth, geb. 1772, gest. 1835, Professor
(successiv fast aller propädeutischen und ärztlichen Fächer) und Kanzler
in Tübingen , war der bedeutendste Schüler Peter Frank's und drang auf
objective Beobachtung und physiologische Untersuchung der Krankheits-
verhältnisse. Selbst ein tüchtiger Anatom und Physiolog wusste er mehr
als alle andern unter seinen Zeitgenossen auch seiner Pathologie eine
anatomisch-physiologische Grundlage zu geben. Er ging nirgends von
sublimen Säzen aus, sondern überall von dem concreten Thatbestand und
legte ein grosses Gewicht auf die anatomische Untersuchung der Leichen.
Die Störungen beim Abdominaltyphus, der von ihm den Namen hat, wurden
zuerst durch ihn in Deutschland im laufenden Jahrhundert hervorgehoben
und durch seinen Schüler Pommer des Nähern beschrieben. Autenrieth's
lebhafte Phantasie und eine gewisse Ungezügeltheit in Einfällen hat ihn
aber zu manchen willkürlich Annahmen über einzelne Krankheitsverhält-
nisse verführt. Namentlich das Gefässnervensystem und dessen Betheil-
igung in Krankheiten, der kalte Trunk als Ursache einer Species von
Schwindsucht, die Metastasenlehre, die specifische Belebtheit der Conta-
gien, die Zurükführung vieler acuten und besonders chronischen Krank-
heiten auf gestörte Entwiklung von contagiösen Affectionen, unter denen
die vertriebene Kräze am meisten hervorgehoben wurde , sind Lieblings-
annahmen von ihm gewesen, welche seine Verdienste wesentlich schmälerten.
Veröfi'entlicht hat er grösstenteils nur Dissertationen unter dem Namen
seiner Schüler; diese gehörten aber zu den besten Arbeiten der Zeit und
wurden vielfach benüzt und stillschweigend ausgeschrieben. Ausserdem
gab er die Versuche für die practische Heilkunde (1807 u. 8) heraus und
betheiligte sich an der Redaction des Reil'schen Archivs und der Tübinger
Blätter. Seine Nosologie erschien nach seinen Vorlesungen von Reinhard.
Wunderlich, Geschichte d. Medicia. \Q
290
Die Vorbereitung der neuen Zeit.
Heim u. Stieglitz
Hecker.
Hildenbrand.
Hörn.
Grossi.
Chirurgen und
Geburtshelfer.
Viele seiner Ideen drangen in die allgemeinen Anschauungen, und nament-
lich Schönlein hat Manches von ihm adoptirt.
Heim (1747 — 1834), praktischer Arzt in Berlin, und Stieglitz
(1767 — 1835), Leibarzt in Hannover, waren Practiker von grossem und
verdientem Rufe und einer gewissen Nüchternheit der Anschauung. Ihre
Publicationen haben jedoch nichts Hervorragendes.
Auch Aug. Friedr. Hecker, Professor in Berlin (1763—1821), ob-
wohl ein gelehrter Arzt , verfolgte vorzugsweise die practische Richtung
und hat in seiner „Kunst, die Krankheiten des Menschen zu heilen" einen
einsichtsvollen Buk in die Schwächen der herrschenden Theorien gezeigt.
Er hat ausserdem noch eine Arzneimittellehre und zahlreiche andere
Schriften geschrieben, auch mehrere Journale redigirt, unter denen das
wichtigste das anonym von ihm herausgegebene Journal der Erfindungen,
Theorien und Widersprüche (1792—1808) war.
Joh. Valentin von Hildenbrand, geboren 1763, Professor in Wien,
gestorben 1818, war die einzige bedeutende Erscheinung auf dem pract-
ischen Gebiete der Medicin unter den Wiener Pathologen. Er schrieb
namentlich über den Typhus 1810, eine Ratio medendi in schola practica
Vindobonensi 1809 — 13 und Institutiones pract. med. 1816.
Ernst Hörn (geboren 1774, Professor in Braunschweig, Wittenberg,
Erlangen, seit 1806 Professor in Berlin), war zwar nicht ohne theoretische
Neigungen, aber ein practischer und kritischer Kopf. Seine Beiträge zur
medicinischen Clinik 1800 waren vornemlich kritischer Art; sein Archiv
für medicinische Erfahrung von 1801 an ist wohl das beste deutsche med-
icinische Journal der Zeit. Auch einige Monographien und eine Arznei-
mittellehre gab er heraus, die jedoch von untergeordnetem Werthe sind.
Ernst v. Grossi, geboren 1782, Professor in Salzburg und von 1809
an in München, wo er 1829 starb, gehörte der practischen Richtung an,
schrieb einen Versuch einer allgemeinen Krankheitslehre 1811. Seine
sämmtlichen Werke Opera medica postuma kamen erst nach seinem Tode
heraus, 1831—32. Auf die bayerische Medicin von fast ausschliesslichem
und nicht unvorteilhaftem Einfluss hat er auf weitere Kreise wenig gewirkt.
An die Practiker schliessen sich noch die Chirurgen Kern in Wien,
Rust und Gräfe in Berlin, Langenbek in Göttingen und der Schöpfer
der neueren Geburtshilfe Boer in Wien an.
EUekticiuuM. Fast mehr noch als die theoretischen Extravaganzen trug zur Ver-
kümmerung der deutschen Medicin das Aufkommen eines matten und tri-
vialen Eklekticismus bei, der bei einiger practischen Begabung und bei
einem Schein von freilich ganz principlosem Rationalismus keinen Sinn für
Hufeland. 291
die straffe Logik der Thatsachen hatte und nach allen Seiten hin ein
harmloses Gewährenlassen zur Gewohnheit machte.
Der berühmteste und zugleich das Muster aller Eklektiker war Christoph Hufeiand.
Wilhelm Hufeland, geboren 1762, zuerst Hofmedicus in Weimar, 1793
Professor in Jena, seit 1801 in Berlin Director des Collegium medico-chi-
rurgicum, erster Arzt der Charite, Leibarzt und Professor der Therapie
und Klinik, 1809 geadelt, starb 1836. Ausser seinem Journal der pract-
ischen Medicin und Wundarzneikunde, dem Sammelplaz für alle schlaffe
Erfahrung und dem Denkmal der sterilen Periode der deutschen Medicin
gab er noch mehre Journale heraus und schrieb eine Anzahl grösserer
und kleinerer Schriften, namentlich Ideen über Pathogenie 1795, ein System
der practischen Heilkunde 1800—1805, die Makrobiotik 1797 und das
Enchiridium medicum 1836.
Hufeland hat während seines ganzen Lebens mit einer gewissen Wärme
den Vermittler gemacht. Er war ein frommer, wohlmeinender, zur Senti-
mentalität geneigter Mann, dem der Kampf in der Wissenschaft wehe that,
und der nicht begriff, dass ohne Gegensäze auch keine Entwiklung möglich
ist. Als Mann der Wissenschaft fehlte es Hufeland an logischer Schärfe
und an Vertrauen auf die siegreiche Gewalt der Wahrheit. Er gehörte
zu jenen wenn auch begabten, aber nachgiebigen Geistern, welchen jede
Partei imponirt, welche nie zur Wahl zwischen verschiedenen Meinungen
gelangen, welche daher von jeder Meinung ein Fragment adoptiren und
diess den Weg der richtigen Mitte nennen. Hufeland war ein Mann des
Friedens um jeden Preis; aber gerade durch seine unermüdlichen Versöhn-
ungstendenzen kam er überall in Streit und wurde gegen Manchen zur
ungerechtesten Polemik hingerissen; während er alle Eken vermeiden
wollte, wurde er so intolerant, wie irgend ein Fanatiker.
Seine Urtheilsschwäche spielte ihm den Possen , dass er fast überall,
in allen einzelnen Fragen die Nichtigkeit unter seinen Schuz nahm und den
wahren Fortschritt perhorrescirte. Daher musste er später so oft seine
früheren Aussprüche widerrufen. Hufeland empfahl die Homöopathie,
den thierischen Magnetismus und die Medicina magica; er suchte die
Wirkung der Mineralwasser in dem Brunnengeist; er war der wärmste
Vertheidiger der Naturheilkraft und der Vitalität des Blutes. Die unklaren
Begriffe von Lebenskraft, Reaction fanden durch ihn stets Empfehlung.
Andererseits trat er Brown entgegen , dessen wichtigste Säze er jedoch
bei der Polemik übersah. Er bekämpfte Broussais wegen der Localisation
der Krankheit; er verwarf die pathologische Anatomie, die Auscultation,
die physiologischen und pharmacologischen Experimente und die Vivi-
sectionen.
19*
292 ^e Vorbereitung der neuen Zeit.
Hufeland's erste bedeutende Schrift waren seine Ideen über Pathogenie
und Einfluss der Lebenskraft auf Entstehung und Form der Krankheiten
(1795). Er machte hier zuerst den Versuch, die Geseze der Lebenskraft
auseinanderzusezen, aber ohne alle logische Schärfe, wie auch ohne ge-
nügende empirische Belege. Sie ist nach ihm die Fähigkeit, Eindrüke als
Reize zu percipiren und darauf zu reagiren (Perception und Reaction).
Mit lezterem Ausdruk hat er zwar im Anfang nicht mit Bestimmtheit eine
willkürliche und zwekmässige Reaction behauptet, allein seine weiteren Ex-
positionen zeigen deutlich diese Ansicht. Die Art, wie er die Lebenskraft
in Modifikationen abtheilt , zeigt am besten seinen Mangel an Schärfe :
1) Einfachste organisch bindende und erhalteude Kraft, sie hält ab und
entkräftet die allgemeinen Zerstörungskräfte der Natur; 2) Plastische
Kraft; 3) Perceptionskraft , welche zerfällt in die Irritabilität oder die
Fähigkeit der Faser, sich zusammenzuziehen und an der Stelle des Reizes
zu reagiren; in die Sensibilität oder die Fähigkeit, den Reiz zu percipiren
und ihn weiter zu leiten; und endlich in die specifische Reizfähigkeit,
insofern sowohl die Perception des Reizes als die Reaction durch die be-
sondere Organisation specifisch modificirt sein kann.
Seine weiteren Untersuchungen über die Geseze und den Mechanismus
der pathologischen Reaction sind eine Sammlung von schiefen Vorstellungen.
Eine andere irrige Idee hat Hufeland in die Pathologie eingeführt, die
von der ungleichen Vertheilung der Lebenskraft, in der Art, dass ein
System oder Organ zu viel, das andere zu wenig haben könne.
Dagegen macht er mit Glük gegenüber von der Hypersthenie und
Asthenie der Erregungstheoretiker den Begriff einer einfachen Reizung
geltend, welche an sich weder hypersthenisch noch asthenisch sei, son-
dern die einfache normalmässige und nothwendige Reaction eines gesunden
Organismus gegen eine äussere Schädlichkeit darstelle.
• Diese an sich ganz richtige Idee wurde nur dadurch wieder verdorben,
dass Hufeland sie aufs engste mit seinen Ansichten von der Naturheilkraft
in Verbindung sezte, welche er sich vorstellt als eine zum Wohl und zur
Erhaltung des Körpers eingepflanzte Potenz oder Kraft , die Schaden ab-
wende und immer diejenigen Thätigkeiten errege, welche für den Fall die
passendsten seien.
Kreyssig. Ein anderer Eklektiker von entschiedenem Talente, noch mehr als
Hufeland aufs Practische gerichtet, war Kreyssig in Dresden, geb. 1770
(Neue Darstellung der physiologischen und pathologischen Grundlagen,
1798 — 1800; System der practischen Heilkunde, 1818—1819, und
Krankheiten des Herzens, in drei Bänden, 1814 — 17).
Kreyssig. Hartmann. 293
Kreyssig tritt der Ansicht mit Recht entgegen, dass der Ausdruk:
Kraft, Lebenskraft, ein reelles Princip bezeichne; er zeigt ferner, dass
Sensibilität, Irritabilität nur Eigenschaften gewisser Substanzen seien; dass
die Erregbarkeit gleichfalls keine Kraft, nichts Selbständiges sei, sondern
nur die Form, unter der das Zustandekommen der thierischen Thätigkeiten
erscheine , das allgemeine Gesez, nach welchem sie Zustandekommen.
Er fühlt ferner, dass das eigentliche Criterium des Lebens das Bilden,
mit andern Worten das Werden ist; aber auf einmal wird er seinen eigenen
Grundsäzen wieder ungetreu und nimmt als die Ursache dieses Werdens
eine eigene bildende Kraft an, die er in die Säfte verlegt, weil aus diesen
am meisten gebildet werde. Weil nun aber diesem niedrig aufgefassten
Bilden manche Vorgänge im thierischen Leben nicht entsprechen wollen,
so sezt er ein Doppelleben: ein vegetatives und ein vorstellendes; ersteres
soll von dem Gesez der Zwekmässigkeit beherrscht sein,*lezteres aber
abhängig von einem eigenen geistigen Principe.
Indem Kreyssig die Zwekmässigkeit zur Idee des Lebens macht, musste
er nothwendig auf die verkehrte Consequenz kommen , dass die Krankheit
nicht bloss eine Modifikation des Lebens, sondern eine Störung desselben
sei. Dieser ursprüngliche theoretische Fehlgriff kommt sofort auch pract-
isch zu Tage, indem er weiter folgert, dass als Störungen des Lebens die
Krankheiten nothwendig unsern Sinnen sich kundgeben müssen; eine Be-
hauptung, welche die täglichste Erfahrung dementirt.
Ueberall hat Kreyssig die verdienstliche Tendenz, die Erfahrung gelten
zu lassen; und meist gibt er im Einzelnen die allgemeinen theoretischen
Grundsäze wieder auf, oder ignorirt sie, wie das so häufig bei Eklektikern
der Fall ist. Ausserdem zeigt sich eine starke Hinneigung zur Humoral-
pathologie bei ihm.
Ein ungleich schärferer Denker war Philipp Carl Hartmann, Professor
in Wien, der bedeutendste und consequenteste unter allen Eklektikern der
Zeit. Seine „Theorie der Krankheit" , 1823, ist unstreitig die wissen-
schaftlichste allgemeine Pathologie aus dieser Periode.
Unter Leben versteht er einerseits Erregung durch Reize und anderer-
seits Vegetation aus innerer Kraft. Die dem Organismus zugrundeliegende
Modifikation, durch welche die Art und das Maass seines Seinsund Wirkens
vorausbestimmt werde, bestimme sein Grundgesez, seine Norm. Befolge
der lebende Organismus in seinem Sein und Wirken diese ihm vorgezeich-
neten Geseze, so ist sein Zustand gesezmässig und verkündige sich als
Gesundheit; Krankheit dagegen sei Abweichung des Lebens im einzelnen
Organismus von seiner Gesezmässigkeit, und sie sei namentlich diejenige
294 Die Vorbereitung der neuen Zeit.
Veränderung des innern Lebens eines Organismus , wodurch seine regel-
mässige Eutwiklung gestört, seine Zerstörung befördert und seine organ-
ische Bewegung in ein Missverhältniss zur Entwiklung und zu dem ge-
sammten Lebenszwek des Individuums gesezt werde.
Dabei ist aber anzuerkennen, dass Hartmann wirklich mehr umfasst,
als seine Vorgänger, und namentlich als die Erregungstheoretiker. Er
berüksichtigt besonders auch die qualitativen Verhältnisse. Die Krank-
heiten theilt er ein : 1) in dynamische , welche ein gesezwidriger Lebens-
process sein sollen, hervorgegangen aus unmittelbarer Veränderung der
Lebensprincipien oder Lebenskräfte; 2) in Organisationskrankheiten, zu-
nächst bedingt durch gestörten Mechanismus der Organisation. Er sagt
dabei ausdrüklich , dass er anerkenne, dass keine Veränderung in der Le-
bensthätigkeit ohne gleichzeitige Veränderung in der Organisation sich
denken lasse , und umgekehrt. Allein dessenungeachtet hält er die Auf-
stellung besonderer Organisationskrankheiten oder mechanischer Krank-
heiten für nothwendig und gerechtfertigt, insofern bei ihnen krankhafte
Symptome durch ein mechanisches Verhältniss als ihre nächste Ursache
veranlasst werden. Freilich muss Hartmann seine Eintheilung gleichsam
ausdrüklich wieder zurücknehmen, denn der erste Paragraph über die dyn-
amischen Krankheiten lautet : man dürfe unter den dynamischen Krank-
heiten keine rein dynamischen verstehen.
Im weiteren Verlauf huldigt Hartmann der Polaritätstheorie und sagt:
Gegensaz der Kräfte, denen immer auch ein Gegensaz der Stoffe entspreche,
Polarität sei das Princip alles besondern Wirkens und Werdens in der er-
scheinenden Natur. Jeder Theil des Organs trage in seiner Substanz die
materiellen und dynamischen Gegensäze und damit die Factoren des Le-
bensprocesses , habe daher Leben und Quell des Lebens aus und in
sich selbst.
Die Ausbreitung War bei diesen Häuptern der eklektischen Richtung wenigstens noch
eine hervorragende practische Befähigung , eine nicht zu leugnende Ge-
wandtheit in der Verflechtung der Doctrinen, ein formaler Scharfsinn in
der Handhabung substanzloser Categorien, so verlor sich der Eklekt-
icismus in um so grössere Trivialität, je mehr er in die Massen drang.
Die Hypothesen aller Zeiten wurden in diesem Eklekticismus vereinigt,
während der Antheil der Thatsachen ein sehr beschränkter war. Das Ganze
pflegte in etwas Kant'sche Logik eingehüllt zu werden. Der einzige Vor-
theil dieser theoretischen Eklektik war, dass einzelne vergessene Anschau-
ungen dadurch wieder ans Licht gezogen wurden, so namentlich die hu-
moralpathologischen, die bei aller Willkürlichkeit in der Ausführung doch
dasEklekticismus.
Zustand der deutschen Medicin überhaupt. 295
wohlthätig beschränkend auf die ausschliessliche Reiz- und Polarlehre
wirkten.
Die Herde des Eklekticismus waren vornemlich Berlin, Wien, Leipzig,
Göttingen, Heidelberg. Auch Ferdinand Graelin in Tübingen gehörte
dieser Richtung an und seine allgemeine Pathologie (2te Aufl. 1821) war
eines der geschäztesten und abgerundetsten Producte der Eklektik.
An die Eklektiker schlössen sich in natürlicher Weise die compilator-
ischen Schriftsteller an, die häufig, ohne selbst Kranke beobachtet zu
haben, voluminöse Werke über practische Medicin schrieben.
Hatte die Naturphilosophie die Köpfe verdreht und den Sinn von der zustand
sogenannten gemeinen Wirklichkeit weggerissen, hatte die Erregungstheorie ^Medicin**
das Nachdenken in einem leeren Formalismus aufgehen lassen, so ist dem überhaupt.
Eklekticismus die Verödung der deutschen Medicin zuzuschreiben. So kam
es , dass in den ersten 30 Jahren des Jahrhunderts in keinem Lande eine
schlechtere und schlaffere Medicin herrschte, als in Deutschland.
Köpfe, die, ohne Denker zu sein, als Philosophen sich geberdeten,
gaben den Ton an in der Literatur und standen an der Spize des
Unterrichts.
Die Jugend wurde schon in der Schule verdorben. Fast ohne Aus-
nahme war auf allen deutschen Universitäten in der Medicin lediglich nichts
reelles zu lernen. Der ganze positive Inhalt des Wissens wurde vernach-
lässigt, gering geschäzt oder war den Lehrern selbst gänzlich unbekannt.
Sublime Theorien oder eine trokene, triviale, logisch aussehende, aber
völlig nichtssagende Systematik mussten die Inhaltlosigkeit ersezen. Wo
noch, wie an mehreren deutschen Universitäten, der Unterricht lateinisch
ertheilt wurde, ging er vollends in leerem Phrasenwesen auf.
Schlecht unterrichtet , verdorben , irregeleitet und ohne alle reelle
Kenntnisse traten die jungen Aerzte ans Krankenbett und bei offenem Sinn
mussten sie bald die völlige Nichtigkeit ihrer bisherigen Studien erkennen.
Einzelne suchten diesen Mangel durch emsiges Selbststudium zu ersezen
und verliefen sich dabei gar häufig in die mannigfaltigen Abwege und Irr-
gänge, welchen der Autodidact selten ganz entgeht. Andere klammerten
sich an diese oder jene Seltsamkeit an und nicht wenige führte der trost-
lose Zustand ihrer Schulbildung in das Lager der Homöopathen.
Wo die Anhänglichkeit an die primitiven Eindrüke nicht auszulöschen
war, und doch der tägliche Umgang mit der Natur die angelernten Doctrinen
fortwährend dementirte, da musste sich Unklarheit und Confusion der Köpfe
bemächtigen.
Eine gewisse Vorliebe für hochtrabende und transscendentale Redens-
296 Die Vorbereitung der neuen Zeit.
arten ist den meisten Aerzten jener Zeit eigen geblieben. Für die ein-
fachen Fragen des Thatbestands fehlte es an dem schlichten Sinne. Die
Diagnosen am Krankenbett wurden daher stets in einen Gallimathias un-
verdauter Phrasen eingewikelt; nur im seltensten Falle kam die diagnost-
ische Untersuchung auf handgreifliche und klare Antworten , sondern sie
schloss mit nebelhaften , nicht weiter zu analysirenden und ebensowenig
zu fassenden Begriffen : bald Asthenie und Hypersthenie, bald Erschöpfung
und Perversität der Lebenskraft, bald aber mit den gänzlich von allem
positiven Boden verflüchtigten Redensarten des gastrischen, biliösen, rheu-
matischen, catarrhalischen, nervösen etc. Zustands. Da jede Schärfe den
diagnostischen Bestimmungen abging, so fand man sich veranlasst, die
Categorien im selben Falle zu häufen und die febris rheumatico-catarrh-
alis subgastrica und gastrico-biliosa subnervosa, oder gastrico-nervosa
inflammatoria waren ganz geläufige Diagnosen.
Specielle Anhaltspunkte für diese Finessen der Diagnose fehlten völlig
und der Schüler folgte diesen Subtilitäten, in denen der Lehrer excellirte,
mit Staunen und ängstlicher Beklemmung; aber auf sich selbst angewiesen
fand er sich von jedem Leitfaden verlassen.
D*ie Therapie war eine äusserst complicirte und reizende. Sie meinte
rationell zu sein, indem sie vorgab, auf das doch völlig imaginäre Wesen
der Krankheiten sich zu stüzen. In Wahrheit aber ging sie jedem Symptome
nach. Grösstentheils waren es Reizmittel, welche in dem ersten Viertel
des Jahrhunderts zur Anwendung kamen. In schweren Krankheiten wurde
die Reihenfolge und Combination derselben in der doctrinärsten Weise
festgestellt. Aber jedenfalls war die Menge der eingeführten Irritantien
unter dem Einfluss des Brownianismus noch ungeheuer. In dem unter
Marcus' Leitung stehenden Hospitale zu Bamberg befanden sich im Jahr
1798 480 Kranke (46 an sthenischen, 367 an asthenischen, 67 an ört-
lichen Uebeln leidend). Man hat berechnet, dass durchschnittlich auf
jeden einzelnen Kranken 1 Drachme Opium, 195 Gran Campher, 1 Unze
Liquor anodynus, 132 Gran Serpentaria, 528 Gran Chinarinde, rectificirter
Weingeist mehr als 1 Pfund kamen , überdem noch beträchtliche Mengen
Moschus, Naphth. Vitrioli, Arnica, Valeriana, Angelica, Zimmt, Tinctura
Martis tonica und Elixir roborans Whyttii (S. Häser's Geschichte der
Medicin, 2te Aufl. p. 721).
Erst gegen die Mitte der 20er Jahre kam eine mehr kühlende und
milde Behandlung in Gebrauch , obwohl auch dann noch die Serpentaria,
Valeriana, Angelica, Caryophyllata etc. zu den unentbehrlichsten und un-
ersezbarsten Droguen gerechnet wurden.
Dabei zehrten in dem socialen Ansehen die Aerzte noch an der von
Zustand der deutschen Medicin überhaupt. 297
ihren Vorfahren ererbten Stellung. Aber schon mit den scandalösen
Händeln der Erregungstheoretiker, noch mehr mit dem Auftreten der
Homöopathen fing die ärztliche Glaubwürdigkeit und Unfehlbarkeit und
dadurch auch die Würde des Standes in den Augen der Laien an zu sinken.
Diese selbst, von den Homöopathen zu Richtern über medicinische Fragen
angerufen, fingen an, wenigstens in gesunden Tagen sich der Meinung hin-
zugeben, dass man auch ohne alles Studium recht gut die Medicin beur-
theilen könne, und dass selbst die gelehrte Vorbildung der unbefangenen
Anschauung nachtheilig sei; je mehr Einzelne die Laien aufzuklären
suchten, um so verwirrter und eingebildeter wurden diese und um so mehr
sanken die Aerzte selbst in der allgemeinen Achtung.
ACHTEE ABSCHNITT.
Die jüngste Umwälzung in der medicinischen Wissenschaft
und die Entwiklung der Gegenwart.
Frankreich, Die Bewegungen zu einer radicalen Umwälzung der medicinischen
Anschauungen gingen von Frankreich aus.
Brou»sais. Franz Joseph Victor Broussais, geboren 1772 in St. Malo, Sohn eines
Arztes, zeichnete sich früh durch Lebhaftigkeit des Geistes, einen herkul-
ischen Körperbau und durch Lust zu körperlichem und geistigem Streite
aus. In seinem 20. Jahre , als durch die gesezgebende Versammlung das
Vaterland in Gefahr erklärt wurde, ergriff er mit Enthusiasmus die Waffen
und trat als Volontair in die Armee, stieg bald zum Sergeanten, bis ihn
eine Krankheit nöthigte, in die Heimath zurükzukehren. Hier gab er dem
Drange seines Vaters nach und trat in die medicinische Carriere. Seine
Studien, denen er anfangs mit Eifer oblag, wurden unterbrochen durch die
Wirren der Revolution. Vater und Mutter wurden ihm als eifrigem Re-
publikaner von Royalisten ermordet, sein Haus niedergebrannt. Er machte
nun eine Freibeuterexpedition auf einem französischen Piratenschiff. 1798
begab er sich nach Paris und kam mit'Bichat in freundschaftliche Bezieh-
ung. 1803 doctorirte er und schrieb seine Dissertation über das hectische
Fieber , in welcher er sich als Anhänger der damals herrschenden Pinel'-
schen Nosologie zeigte. Zwei Jahre lang versuchte er sich darauf in der
Praxis in Paris; da er jedoch nicht viel prosperirte, so trat er 1805 als
Hilfsarzt in der Armee ein, machte die Feldzüge in Holland, Deutschland,
Oesterreich und Italien mit. 1808 kehrte er zurük und publicirte seine
vortreffliche Histoire des phlegmasies chroniques , sein erstes und bestes
Werk, das er auf zahlreiche Leichenuntersuchungen gestüzt hatte, in wel-
chem sich aber von seinem neuen System nur Andeutungen finden. Im
selben Jahre noch folgte er der Armee nach Spanien, wo er sechs Jahre
verblieb. 1814 kam er zurük und wurde zweiter Professor am Militär-
Broussais. 299
hospital Val de Gräce zu Paris. Zugleich begann er Privatvorlesungen
zu halten , in welchen er mit grosser Kühnheit und Beredtsamkeit die
Grundsäze einer neuen Lehre auseinandersezte. In Kurzem hing ihm die
Jugend mit wahrem Fanatismus an; die Vorlesungen der Professoren und
die Fakultätskliniken waren verlassen. Noch war es nur stiller Neid und
verhaltene Feindschaft , die er sich von den Aerzten der alten Schule zu-
zog; aber bald sollte der Kampf in hellen Flammen ausbrechen. Diess
geschah, als er 1816 sein Examen de la doctrine medicale generalement
adoptee veröffentlichte. Das Aufsehen, das er damit im Publikum her-
vorrief, war unermesslich. Von dem Augenblik gab es nur zwei Lager
der Aerzte in Frankreich , enthusiastische Anhänger des Reformators und
entschiedene Gegner seiner Lehre ; ein Schwanken war wenigstens im
Anfang nicht mehr möglich. Niemals hat ein Systematiker in so kurzer
Zeit sich eine mächtige Partei erobert. In den nächsten Jahren wuchs
die Zahl seiner Anhänger reissend. Daneben aber erstand eine andere,
gleichfalls die Sazungen der alten Medicin bekämpfende, aber einem posi-
tiveren Fortschritt huldigende Schule. Der Broussaisismus kam nunmehr
nicht bloss mit den Anhängern der veralteten Grundsäze, sondern auch
mit diesen neuen Bestrebungen in Conflict, und trozdem, dass Broussais
durch Wort undSchrift seine Lehre mit einer beispiellosen Kraft vertheidigte,
so fingen doch die Besonneneren an, sich von ihm abzuwenden. 1821 gab
er die zweite Auflage seines Examen heraus, in welcher er die ganze Ge-
schichte der Medicin im Lichte seiner Theorie betrachtete , während er in
der ersten Ausgabe nur gegen die herrschenden Ansichten polemisch ver-
fahren war. Damit verband er 468 Säze als Propositionen , welche die
Quintessenz seiner eigenen Lehre enthielten. Von 1822 an liess er die
Annalen der physiologischen Medicin erscheinen, die bis 1834 fortgesezt
wurden und das Hauptorgan seiner Polemik und seiner Beobachtungen
wurden. Gleichfalls 1822 erschien sein Traite de physiologie appliquee
a la pathologie, in welchem besonders seine Ansichten über die Sympathien
auseinander gesezt sind. 1824 veröffentlichte er seinen berühmten, po-
pulär geschriebenen „Katechismus der physiologischen Medjcin," 1828
wieder ein Hauptwerk : De Tirritation et delafolie," worin er seine Grund-
säze auf Psychologie und Psychiatrie ausdehnte. 1829 erschien in zwei
Bänden ein Commentar zu den Propositionen der Pathologie voll wichtiger
Aufschlüsse über seine Lehre. Während der Zeit der französischen Re-
stauration war ihm die Fakultät verschlossen geblieben , alle seine Vor-
träge waren in Privatvorlesungen und in dem Militärhospital gehalten
worden. Casimir Perrier machte 1831 das Unrecht gegen den ersten
lebenden französischen Arzt gut und ernannte ihn zum Professor der all-
300 Die jüngste Umwälzung und die Entwiklung der Gegenwart.
gemeinen Pathologie und Therapie. Es ist, als ob von diesem Eintritt in
die Fakultät an seine geistige Kraft gelähmt worden wäre. Wohl be-
hielt er noch die alte Lebhaftigkeit seiner Polemik, aber er vermochte keine
neuen Gesichtspunkte aufzubringen. Seine eigenen Schüler wie seine
Gegner hatten ihn überflügelt; er blieb hinter ihnen zurük, sich fortwährend
mit allem Eigensinn des Alters an seine breitgetretenen Begriffe der Ir-
ritation und Gastroenterite anklebend. Seine Vorlesungen, sonst gedrängt
voll von enthusiastischen Verehrern, wurden, seit sie legal geworden waren,
nur sparsam gehört, seine Klinik blieb verwaist, und die Jugend folgte
andern Sternen.
Noch einmal, im Jahre 1836, wusste er sich auf kurze Zeit den alten
Beifall zu erringen , aber nicht zum bleibenden Ruhm seines Namens. Er
hatte sich der Phrenologie ergeben und kündigte einen Curs über diesen
Gegenstand an. Mehr als tausend Zuhörer drängten sich zu; die Thüren,
die eisernen Geländer wurden eingebrochen ; die Lehrer , welche den Saal
vor ihm hatten , konnten nicht lesen , weil schon mehrere Stunden zuvor
alle Pläze von Broussais' Schülern besezt waren. Endlich konnte nur da-
durch Raum gewonnen werden , dass die Vorlesung in einem der grössten
Concertsäle von Paris gehalten wurde. Diess war das lezte glänzende
Ereigniss in Broussais' Leben. Von da an lebte er zurükgezogen , hielt
seine wenig besuchten Vorlesungen über allgemeine Pathologie und kränkelte
viel. Er starb im November 1838 an einem Cancer des Rectums.
Broussais legte seiner Lehre denNamen „die physiologische Med-
icin" bei; doch stammt weder die Idee noch das Wort von ihm ab. Die
Idee ist so alt als die Physiologie selbst, und das Wort findet sich schon
bei Bichat und Dupuytren.
Pathologische Die ganze bisherige Medicin ruht nachBroussais auf einem principiellen
Irrthum. Sie fasst die Krankheiten als Dinge, als Wesen, als Entites auf.
Dieser falsche Gesichtspunkt, den er den ontologischen nennt, ist die Quelle
unendlich zahlreicher Missverständnisse des pathologischen Geschehens
und der mannigfaltigsten Missgriflfe des therapeutischen Handelns.
Als ersten Saz seiner Physiologie stellt Broussais Brown's Ausspruch
hin : das thierische Leben unterhalte sich nur durch äussere Reize. Alles,
was die vitalen Phänomene erhöht, sezt Broussais hinzu, ist reizend, sti-
mulirend. Als Hauptreiz sieht er die Wärme an. Diese seze die unbe-
kannte Kraft (lapuissance inconnue) in Thätigkeit, damit diese die Organe
zusammenseze. Diese unbekannte Kraft habe in das lebende Wesen eine
eigentümliche Chemie gelegt. Sie verleihe ihm überdiess Contractilität
(Vermögen, sich zusammenzuziehen) und Sensibilität. Sobald Sensibilität
und Contractilität auf einem Punkte vermehrt werden, werden sie es auch
Grundsäze.
Broussais. 301
auf andern. Diess seien die Sympathien, welche stets durch ein eigen-
thümliches System, das Nervensystem, vermittelt werden. Alle primären
und sympathischen Stimulationen dienen zu dem Zwek der Ernährung, der
Entfernung schädlicher Dinge und der Reproduction.
Jede Stimulation, wenn sie nicht zu schwach ist, mag sie einen Theil
treffen, welchen sie will, durchwandert nach Broussais das Gesammtnerven-
system sowohl der Eingeweide als der Centraltheile. Ist sie stark genug,
ins Gehirn zu gelangen, so gelangt sie sicher auch in alle Eingeweide.
Vom Centrum , dem Gehirn aus geht darauf der Impuls zu dem Muskel-
system. Das Gangliensystem und seine Knoten stellen für sich Nerven-
centren dar, welche Stimulationen von einem Ort auf den andern übertragen
können. Sie sind zugänglich den Stimulationen des übrigen Nervensystems,
jedoch unabhängig vom "Willen. Das Ich nimmt von ihnen, aber auch
von den Zuständen der übrigen Nerven bald Notiz , bald nicht.
Eine leichte , beständige und nach allen Richtungen ausgehende Mit-
theilung von Excitation zwischen den verschiedenen Theilen des Körpers
mittelst der Nerven ist unumgänglich für die Unterhaltung des Gleichge-
wichts der Functionen ; nie aber ist die Excitation über alle Theile gleich
vertheilt. Ist die Ungleichheit bedeutend, so leiden die Functionen
darunter.
Die Gesundheit wird nie von selbst gestört, sondern immer nur da-
durch, dass die äussern Stimulantien, welche die Functionen unterhalten
sollen, in einem Theile zu viel oder zu wenig Excitation erregt haben. Die
Krankheit hängt ab von der Irregularität der Functionen , der Tod von
ihrem Aufhören.
Es gibt niemals eine allgemeine Vermehrung (Exaltation) oder Ver-
minderung der Vitalität sämmtlicher Organe; vielmehr beginnt die Exalt-
ation immer in einem einzigen organischen Systeme (man erkennt sie an
der Vermehrung der vitalen Phänomene) und breitet sich von hier weiter
aus, theils in demselben Apparate, theils anderwärts. Die Natur der so
mitgetheilten Exaltation ist die gleiche wie die Natur der ursprünglichen
und primitiven. Eine solche Exaltation veranlasst immer Languor, Träg-
heit in einem andern System oder Organ; Verminderung der Vitalität
zieht oft Vermehrung in andern nach sich, zuweilen auch Verminderung.
Die Exaltation der Vitalität sezt immer eine übermässige Stimulation
durch die äussern Reize (Suprastimulation, Surexcitation) voraus. Partielle
Surexcitation bedingt stets vermehrten Säftezufluss zu den Theilen,
krankhafte active Congestion. Ihre Folge ist immer auch eine abnorm
vermehrte oder unregelmässige Ernähruug des Theiles (eine Desorgan-
isation).
302 Die jüngste Umwälzung und die Entwiklung der Gegenwart.
Auch die Verminderung der Vitalität kann Congestion herbeiführen ;
aber diese ist passiv und desorganisirt viel weniger, als die active.
Jene active krankhafte Congestion nun und ihre stete Begleiterin, die
Surexcitation, nennt Broussais Irritation, wobei man jedoch stets still-
schweigend eine krankhafte verstehen muss. Die Irritation beschränkt sich
nur in ganz leichten Graden auf ein System. Sie beginnt zwar stets in einem
einzigen, aber bei irgend bedeutendem Grade werden auch andere in sym-
pathische Irritation versezt durch Vermittlung der Nerven. Je sensibler
das ursprünglich irritirte Organ ist, um so zahlreicher sind die Sympathien,
die durch dasselbe erregt werden. Je zahlreicher die Sympathien sind,
desto schwerer ist die Krankheit.
Zuweilen steigt in dem sympathisch irritirten Organ die Irritation
höher, während sie in den ursprünglich afficirten abnimmt; diess sind die
Metastasen der alten Schule. Wenn Secretionsorgane sympathisch irritirt
werden und die Irritation des ursprünglich ergriffenen Organs gegen diese
zurüktritt, so hebt sich rasch die ganze Krankheit durch Erscheinen ver-
mehrter Secretionen. Diese sind die Krisen der alten Schule.
Eine Irritation, welche Blut in dem Gewebe anhäuft, mit ungewöhn-
licher Röthe, Hize und Geschwulst heisst Entzündung.
Jede Irritation irgend welchen Organes, wenn sie einen gewissen Grad
erreicht, erregt sympathische Irritation des Gehirns, Kopfweh, Müdigkeit.
Alle intensiven Irritationen erregen ferner gleich zu Anfang sympathische
Irritation des Magens (Appetitlosigkeit, Zungenbeleg). Alle intensiven
Irritationen erregen endlich sympathische Irritation des Herzens (Fieber).
Jede Irritation, welche intens genug ist, Fieber zu erregen, ist Entzündung;
jede, welche intens genug ist, Fieber zu erregen, erregt sicherlich auch
Irritation des Magens und Gehirns, und jede Irritation, welche auf diese
Organe wirkt, ist immer auch Entzündung.
Wenn Entzündung des Gehirns und des Magens vorhanden ist, so ist
erstere häufiger die Folge, als die Ursache von der leztern. Die Entzünd-
ung des Magens , Gastrite , kommt nie vor ohne solche der Dünndärme,
daher sie Gastroenterite heissen muss. Andererseits ist die Enterite für
sich wenigstens sehr selten ohne Gastrite, und bei Gastroenterite prädom-
inirt nur bald die Magen-, bald die Dünndarmaffection. Die Gastroenterite
ist immer ohne Schmerzen im Bauch , wenigstens ohne umschriebene und
heftige. Wo solche bestehen, ist Peritonite und Colite damit verbunden.
Eine acute Gastroenterite, wenn sie heftig wird, complicirt sich mit vielen
und heftigen sympathischen Irritationen. Es entstehen die Symptome
eines putriden Fiebers oder Typhus. Alle sogenannten essentiellen Fieber
der Schule sind Gastroenteriten. Auch die acuten Hautausschläge be-
Maximen.
Broussais. 303
ginnen mit Gastroenterite und erst secundär treten die Hautphlegmasien
an ihre Stelle.
Die Hypochondrie ist eine chronische Gastroenterite; die Dyspepsien,
Gastrodynien, Pyrosen, Cardialgien sind chronische Gastroenteriten. Die
Gastroenterite leitet die Leberentzündung ein. Die Bauchwassersucht ist
durch Gastroenterite veranlasst, welche auf das Peritonäum fortschreitet.
Die Peritonite geht entweder von der Gastroenterite, oder, wie beim Kind-
bettfieber, von einer Metrite aus.
Tuberkeln, Skirrhus sind Folgen von Entzündung. Auch die Skropheln
sind durch eine Art von Entzündung hervorgebracht, jedoch ist dabei keine
vermehrte Wärme und wenig Röthe. Broussais führte hiefür den Namen
Subinflammation ein.
In Beziehung auf die Therapie gelten folgende Grundsäze. Eine Ent- Therapeutiscto
Zündung darf nicht erwartet werden , man muss ihr vorbeugen ; man darf
nicht auf den Ausgang und die spontane Heilung durch Crisen sich ver-
lassen , sondern muss sie so schnell wie möglich unterdrüken. Es gibt
vier Arten von Mitteln, den Gang der Entzündung aufzuhalten: schwäch-
ende Mittel, revulsive Mittel, fixe Tonica, flüchtige Reize.
Die schwächenden Mittel sind Blutlassen, Hungern, emollirende und
säuerliche Getränke. Unter allen diesen ist das Blutlassen das wirksamste.
Das OefFnen einer Vene eignet sich für sehr rasch sich ausbildende Ent-
zündungen in parenchymatösen Organen. Die capilläre Blutentziehung
ist dagegen in allen andern Fällen, namentlich im Beginn der Krankheit
vorzuziehen. Nur in einzelnen Fällen ist die Blutentziehung contraindicirt,
nemlich bei blutleeren Individuen, bei weit gekommenen chronischen Ent-
zündungen der vornehmsten Eingeweide (Tuberkel , Krebs) , bei Gehirn-
congestionen mit schwachem Puls. In allen sonstigen Erkrankungen ver-
hindert eine zeitige Ansezung von Blutegeln die schlimmsten Störungen.
Blutegel an den Hals verhindern den Uebergang des Katarrhs in die
Phthisis; Blutegel unter den Clavikeln beseitigen die schon beginnende
Phthisis; Blutegel in die Magengegend wirken bei allen Formen von
Gastrite und leichten Phlegmasien des Gehirns Blutegel an den After bei
Kolik und Dysenterie; bei Angine und Croup werden Blutegel an die ent-
sprechende Stelle gesezt. Biliöse, muköse und gastrische Symptome ver-
langen Blutegel an die epigastrische Gegend, Icterus Blutegel eben dahin
oder in der hypochondrischen Gegend , Rheumatismus an die befallenen
Gelenke und in die Magengegend. Bei acuten Hautausschlägen werden
Blutegel an die epigastrische Gegend, bei adynamischem Fieber, Typhus
Blutegel auf den Bauch gesezt. Bei Würmern im Darme werden ebenfalls
Blutegel auf den Bauch applicirt, denn jene sind durch Gastroenterite
Lehre.
304 Die jüngste Umwälzung und die Entwiklung der Gegenwart.
unterhalten, und sie gehen von selbst ab, sobald diese gehoben ist. Bei
Kindbettfieber werden Blutegel in Menge in die hypogastrische Gegend
gesezt u. s. f. Neben diesen localen Blutentziehungen ist bei allen diesen
Krankheiten grösstmögliche Diät und die Anwendung von Gummiwasser
nothwendig. Diese Behandlung macht die Krankheit abortiren; sie heilt
plözlich, so lange die Affection noch nicht zu einer gewissen Höhe
gelangt ist.
Die revulsiven Mittel: Blasenpflaster, Diaphoretica, Diuretica, Emetica,
Laxantien sind wohl im Stande , durch Hervorbringung einer secundären
Irritation die primäre zu entfernen ; aber sie sind immer gefährlich , denn
wenn diess nicht glükt, so steigern sie imGegentheil die primäre Krankheit.
cuarakteie der Die Hauptcharaktere der Broussais 'sehen Lehre sind :
BrousSais-Schen j) Verwerfung der Ontologie, deren Nachtheile Broussais zuerst
aufgedekt hat; doch ist er sich selbst nicht klar, denn er führt seinerseits
neue Ontologien ein: die Irritation und die Gastroenteritis.
2) Die Irritationslehre, welche offenbar ein MissgrifF war , indem er
nur zwei Krankheitsformen erkennt: reine Schwäche und Irritation, und
indem er die leztere als eine erhöhte Functionirung, ja selbst als erhöhte
Vitalität ansieht. Weiter verwechselt er die Irritation mit activer Con-
gestion und zulezt mit Entzündung. So werden auf einmal Krankheiten
zu Entzündungen, die wenigstens sonst Niemand dafür hielt, und die auch
unter einander nichts gemein haben.
3) Das Princip der Localisation , welchem jedoch Broussais oft un-
treu wird.
4) Das Princip des materiellen Nachweises der Störungen, welches
zunächst zur eifrigen Cultur der pathologischen Anatomie und eben dadurch
zum Sturze der Broussais'schen Lehre führte.
5) Die Benüzung der Sympathien zur Erklärung der Theilnahme
entfernter Organe, eine Hereinführung physiologisch unbegründeter und
ungenügend aufgedekter Verhältnisse.
6) Die Magensympathien und die Häufigkeit der Gastroenteritis.
7) Die Desessentialisation der Fieber, das Losungswort der ganzen
Schule, eine Lehre, wodurch allerdings die genauere Kenntniss der Fieber
gefördert, aber eine Begriffsverwirrung herbeigeführt wurde und an die
Stelle maassgebender Verhältnisse , die in der Beachtung zurüktraten, die
weit weniger wichtigen Localprocesse gesezt wurden.
8) Die Häufigkeit der chronischen Entzündung.
9) Die Vorbeugungstherapie und die Abortivbehandlung.
10) Die excessive Anwendung örtlicher Blutentziehungen.
Broussais'sche Schule.
305
Unter Broussais' zahlreichen Schülern und Anhängern befinden sich
viele, welche durch ausgezeichnete Forschungen die Detailkenntniss in der
Pathologie bedeutend gefördert haben; wenige jedoch nur, welche sich um
die medicinische Theorie viel bekümmerten. Aber nicht bloss die heran-
wachsende Generation schloss sich zum grössten Theile an Broussais an,
sondern auch mehrere ältere Aerzte. Unter lezteren ist besonders
C haussier zu nennen, Professor der Physiologie bis zur Restauration
der Bourbons und zugleich vielbeschäftigter Practiker. Obgleich fast 70
Jahre alt bei Broussais' Auftreten, wurde er Broussais' warmer Vertheidiger.
Auch Dupuytren hat sich Broussais theilweise angeschlossen. Er
wurde geboren 1777. Als Sohn armer Eltern war er zweimal wegen seiner
Schönheit entführt worden; das erste Mal, als er 2l[2 Jahre alt war, das
zweite Mal im 12. Jahre von einem Cavalleriecapitän, der ihn nach Paris«,
brachte und für seinen Unterricht sorgte. Im 18. Jahre wurde er als
anatomischer Prosector angestellt. In seiner Dissertation besprach er das
Verhältniss der Anatomie und Physiologie zur Medicin. 1812 wurde er
Professor der Operativchirurgie. Er war unbestritten der erste Chirurg
und Operateur Frankreichs zu seiner Zeit. Auch fielen ihm alle Ehren und
Reichthümer zu. Nach Karl X. Vertreibung konnte er ihm eine Million
als ein Drittel seines Vermögens anbieten. Dupuytren starb 1834.
Dupuytren machte die Grundsäze der Localisation und des anatomischen
Nachweises in der Chirurgie geltend. An der Stelle imaginärer Krank-
heiten und eines leeren Namenschema's lehrte er objective Vorgänge
kennen. Der Classification war er feind und bearbeitete die einzelnen
chirurgischen Krankheiten monographisch. Keine von allen , die er ab-
handelte, hat er ohne Bereicherung gelassen. Wenn er auch nicht gerade
viel Neues entdekte, an das man seinen Namen knüpfen könnte, so hat
er doch überall die Verhältnisse fasslich dargestellt, den nothwendigen
Zusammenhang der Erscheinungen gezeigt, und er hat die symptomat-
ische Chirurgie zu einer physiologischen erhoben.
Lallemand schrieb seine Untersuchungen über das Gehirn und dessen
Krankheiten im Broussais'schen Sinne. Er versuchte die Symptome der
Gehirnkrankheiten anatomisch zu localisiren, indem er durch zahlreiche
eigene und fremde Beobachtungen zu ermitteln trachtete, wie die ver-
schiedenen Symptome mit den Affectionen der verschiedenen Theile des
Gehirns im Zusammenhang stehen. Die pathologischen Veränderungen
führte er auf Irritation zurük.
Begin war einer der eifrigsten Interpreten von Broussais, schrieb
zahlreiche Journalaufsäze und mehrere grosse "Werke über die physiolog-
ische Pathologie (Traite de therapeutique coordonnee d'apres les principes
Broussais'
Schüler.
Dupuytren.
Lallemand.
te^in.
Wunderlich, Geschichte d. Medicin.
20
306
Die jüngste Umwälzung und die Entwiklung der Gegenwart.
de la nouvelle doctrine medicale, und Traite de physiologie pathologique).
Ausserdem behandelte er vorzugsweise die Chirurgie.
Goupii. Die beste Interpretation der Lehre, von Broussais selbst als giltig an-
erkannt, erschien 1824 von Goupii: Exposition des principes de la nouT
velle doctrine medicale.
Roche. Roche, einer der talentvollsten Anhänger Broussais', schrieb mehrere
Streitschriften und Dictionnaire-Artikel und die beste specielle Pathologie
der Broussais'schen Schule mit Sanson gemeinschaftlich: Elements de
pathologie medico-chirurgicale.
Boisseau. Boisseau hat ebenfalls im Broussais'schen Sinne eine vortreffliche
Pathologie erscheinen lassen und besonders die Fieberlehre und die Local-
isation nicht unbedeutend geklärt: Nosographie organique 1828.
Desmeiies. Desruelles wandte die Broussais'sche Theorie und Therapie auf die
Lehre von der Syphilis an, die er als nicht specifische Krankheit betrachtet
und mit Blutegeln und ohne Queksilber behandelt.
Rayer. Ray er, einer der tüchtigsten Monographen, gehörte wenigstens an-
fangs der Broussais'schen Doctrin an, besonders in seiner Arbeit über das
Fieber, während er später der pathologisch-anatomischen Schule in seinen
grossen Werken über die Krankheiten der Haut und über die der Nieren
folgte.
Bouüiaud. Bouillaud war Broussais' genialster und extremster Anhänger. Die
Desessentialisation der Fieber und die blutentziehende Therapie waren die
Hauptpunkte, an denen Bouillaud festhielt. In Beziehung auf diese nannte
er Broussais den medicinischen Messias. Doch ging er in Hinsicht »der
Blutentziehungen noch weit über Broussais hinaus und führte die Saignee
coup sur coup ein, durchweiche er behauptete, Typhus, Pneumonie, Rheu-
matismus acutus, Herzentzündung und andere Krankheiten juguliren zu
können. Auch auf anderen Punkten weicht er von Broussais ab, indem er
namentlich manche Entzündungen nicht als einfache, sondern als durch
Blutveränderungen modificirte ansah. So ist der Typhus bei Broussais ein-
fache Gastroenterite, bei Bouillaud Enteromesenterite typhoide. Vornem-
. lieh die Störungen des Gehirns und des Herzens, sowie das Zusammen-
fallen von Herzentzündungen mit Rheumatismus wurden von ihm aufge-
klärt, die Ursachen |er localen Erytheme und Oedeme in einer Verschliess-
ung der Gefässe nachgewiesen, übrigens auch auf vielen anderen Punkten
Bedeutendes geleistet.
Unter seinen zahlreichen Arbeiten sind die wichtigsten : Traite clinique
et physiologique de l'encephalite 1825; Traite clinique et experimental
des fievres pretendues essentielles 1826; Traite clinique des maladies du
coeur 1834; Essai sur la philosophie medicale 1836; Traite clinique du
Pathologisch-anatomische Schule in Frankreich. 307
rhumatisme articulaire; Clinique medicale de l'höpital de la Charite 1837;
Nosographie medicale 1846.
Casimir Broussais, des Reformators Sohn, war ziemlich unbe- cas. Broussais.
deutend und hat nur durch die Localisation des Icterus in einer Duodenite
einigen Kamen erlangt.
Die berühmtesten Schüler Broussais nebst einigen andern unabhäng-
igeren Aerzten veröffentlichten ein Collectivwerk, welches die gediegensten
monographischen Arbeiten der damaligen Zeit in sich vereinte : das Dic-
tionnaire de medecine pratique in 15 Bänden vom Jahre 1829 — 1835.
Als journalistisches Organ wurde ausser den Annales de la medecine phys-
iologique auch das Journal hebdomadaire benüzt.
Ausserhalb Frankreichs wurden nur einzelne Broussais'sche Anschau-
ungen aufgenommen, ohne dass die Schule einen unbedingten Vertreter
gefunden hätte. Nur etwa der Spanier Hurtado machte eine Ausnahme.
Neben Broussais und in entschiedener Opposition mit ihm trat eine pathoiogisch-
andere Schule in Frankreich auf, welche gleichfalls von Bichat ihren Aus- anatomiscne
° Schule in
gang nahm: die pathologisch-anatomische. Frankreich.
Dupuytren stand zwischen beiden in der Mitte und hat, wie einer- Dupuytren,
seits die Irritationslehre, so andererseits die Wichtigkeit genauer patho-
logisch-anatomischer Thatsachen gewürdigt.
Zunächst können als die Gründer der pathologisch-anatomischen ßayie.
Schule Bayle (s. oben) und namentlich Laennec angesehen werden.
Rene Laennec, geboren 1781, von 1802 an eifriger pathologischer Laennec.
Anatom und Anfangs Rival von Dupuytren, indem beide sich die Priorität
von Entdekungen streitig machten. Von 1806 an war er Arzt im Höpital
Necker. Hier entdekte er die Auscultation, die er 1819 bekannt machte.
1822 wurde er Professor und starb 1826 an Lungentuberculose.
Laennec's Tendenz war, die pathologische Anatomie zur klinischen zu
erheben. Die Aufgaben, die er sich stellte, waren, wie er selbst sagt:
1) an den Leichen zu untersuchen, welche anatomische Veränderungen
in den Organen vorkommen; 2) durch Vergleichung der Symptome mit
der Section nachzuweisen, welche Symptome die anatomischen Veränder-
ungen begleiten, und namentlich welche mit physikalischer Notwendig-
keit von ihnen abhängen; und endlich 3) sichere Mittel zu finden, durch
welche die anatomischen Veränderungen in den Normalzustand zurükge-
führt werden können.
Durch Befolgung der ersten Aufgabe lieferte er eine Reihe der wicht-
igsten Bereicherungen der speciellen Pathologie über Peritonitis, die Ein-
geweidewürmer , die Acephalocysten , die Aneurysmen des Herzens , über
20*
308
Die jüngste Umwälzung und die Entwiklung der Gegenwart.
Cruveilhier.
Rostan.
Melanose und Markschwamm. Die meisten Lungenkrankheiten lehrte
Laennec erst genau kennen; manche waren vor ihm ganz unbekannt, die
Bronchiectasie, das Lungenemphysem und mehrere andere. Den Be-
griff der Tuberkeln stellte er erst pathologisch-anatomisch fest. Seine
Eintheilung der Krankheiten ist eine durchaus pathologisch-anatomische.
In Beziehung auf die zweite Aufgabe schuf er eine ganz neue Wissen-
schaft, die physikalische Semiotik, indem er zeigte, dass die materiellen
Verhältnisse namentlich der Organe der Brust aus gewissen akustischen
Zeichen zu erkennen seien. Diese Lehre wurde von Laennec bis zu einer
bedeutenden Vollkommenheit ausgebildet und seine Nachfolger wussten
während zweier Jahrzehnte wenig ihr beizufügen.
Auch für die Therapie sind seine Verdienste nicht klein. In Opposition
gegen Broussais verwarf er das ausschliessliche Blutentleeren und die in-
differenten Tisanen und sezte an ihre Stelle entschieden wirkende Mittel,
wie Tartarus emeticus, China und Stimulantien.
Laennec vor Allen hat der französischen Medicin den objectiven
Charakter gegeben, die Richtung auf das Materielle, die ihr aus Missver-
stand oft zum Vorwurf gemacht wurde.
Laennec war es, dessen gründliche Leistungen zuerst das Ansehen
Broussais' untergruben. Der tiefe Hass des Lezteren gegen den gefähr-
lichen Rivalen spricht sich in den scheinbar kalten Worten aus, mit denen
er Laennec im Examen (3. ed. tom IV. pag. 143) einführt: Monsieur le
docteur Laennec est l'inventeur d'un cylindre creuxdestine a perfectionner
par le moyen de l'auscultation de la poitrine le diagnostic des maladies de
cette cavite viscerale.
Cruveilhier, Dupuytren's Zögling, stand wie dieser in der Mitte
zwischen dem Broussaisismus und der anatomischen Schule. Als er Du-
puytren wegen einer Doctorsdissertation um Rath fragte, antwortete
dieser : Schreiben Sie über pathologische Anatomie, und wiederholte diese
Antwort bei nochmaliger Frage. So entstand Cruveilhier's erstes und
ziemlich mageres Handbuch über diesen Gegenstand 1816. Im Jahr 1821
begann er eine Medecine pratique eclairee par l'anatomie et la physiologie
pathologique zu schreiben , von der aber nur ein Heft erschien. Zahl-
reiche werthvolle Arbeiten von ihm sind in dem Dict. en XV vol. ent-
halten. Allmälig trat er mehr und mehr auf die Seite der pathologisch-
anatomischen Schule und sein Hauptwerk (Anatomie pathologique du Corps
humain) in 40 Lieferungen mit Abbildungen (1829 — 1842) ist eine der
werthvollsten Arbeiten dieser Richtung und eines der wichtigsten Werke
der Medicin überhaupt.
Rostan, Professor an der Universitätsklinik, nahm das anatomische
Pathologisch-anatomische Schule in Frankreich.
309
Element in seine Anschauungen auf, obwohl er vielfach dem älteren Ver-
fahren treu blieb. In seinem Werke sur le ramolissement du cerveau 1823
nahm er die Gehirnerweichung als eigene Krankheit an und gab Veran-
lassung zu zahlreichen späteren Forschungen über ihre primitive, ent-
zündliche oder sonstige Natur. Ausserdem erschien ein Cours de clinique
von ihm in 3 Bänden , welcher nicht ohne Einfluss war und viel dazu bei-
trug, auch die Anhänger der älteren Schulen für die pathologische Ana-
tomie zu gewinnen.
Auch Chomel, geb. 1781, seit 1826 Professor an der Facultät zu
Paris, gehörte theilweise noch der alten Medicin an, ergriff aber mit
grosser Lebhaftigkeit die pathologisch-anatomische Auffassung. In seiner
Dissertation: essai sur le rhumatisme 1813, ist eine gute Beobachtungs-
gabe zu bemerken, der Ton aber durchaus der der alten Medicin. Sein
Traite des fievres et des maladies pestillentielles 1822 ist noch in ziem-
lich Pinel'schem Sinne geschrieben. Seine Elemens de pathologie generale
(1824) führten diese Doctrin erst in Frankreich ein. Erst in seinen Legons
de clinique medicale, in denen er zuerst den Typhus, sodann die Pneu-
monie, endlich den Rheumatismus nach seinen Vorträgen von seinen
Assistenzärzten bearbeiten Hess, erscheint der anatomische Gesichtspunkt
vorwiegend. Chomel hatte etwas Deutsches in seiner Art, im guten wie
im schlimmen Sinne des Worts. Er war von den hervorragenden Aerzten
der Periode am meisten Eklektiker; da sein Eklekticismus aber den
Theorien ziemlich fern blieb , so wurde seine practische Bedeutung eher
dadurch erhöht als vermindert.
Gen drin (Recherches sur la nature et les causes des fievres, 1823,
und Histoire des inflammations, 1826) bekämpfte gleichfalls vom patho-
logisch-anatomischen Standpunkte die Broussais'sche Lehre und ver-
suchte in dem lezten Werke eine Zurükführung der gesammten Pathologie
auf die Gewebsformen und die durch sie begründeten Eigenthümlichkeiten
der Störungen.
Bretonneau in Tours nahm eine etwas isolirte Stellung ein. Er be-
schäftigte sich vornemlich mit den Eigenthümlichkeiten der Schleimhaut-
entzündungen und trennte die diphtherische (bei bösartiger Angina und
Croup) und die folliculöse Darmentzündung (Dothienenteritis) von der
gemeinen Entzündung ab.
Andral (geb. 1797) erregte zuerst durch seine Clinique medicale,
begonnen 1823, grosses Aufsehen, indem er darin den neuen Weg ver-
folgte, aus einer Reihe einzelner Beobachtungen gewöhnlich vorkommender
Krankheitsfälle die Verhältnisse der betreffenden Krankheiten vollkommen
empirisch festzustellen. Die wesentlichste Untersuchung bezog sich auf
Gendriii.
Andral.
310 Die jüngste Umwälzung und die Entwiklung der Gegenwart.
die pathologisch-anatomischen Veränderungen und auf die Symptome,
während die Therapie um so mehr vernachlässigt blieb, als die Beobacht-
ungen fast durchaus einer fremden Praxis entnommen waren. In den zwei
ersten Bänden wurden die Krankheiten der Brustorgane , im dritten und
vierten die des Unterleibs, mit besonders ausgedehnter Berüksichtigung
des Abdominaltyphus, und im fünften die Gehirnkrankheiten abgehandelt.
Ferner hat Andral in seinem Precis d'anatomie pathologique (1829)
die erste allgemeine pathologische Anatomie geliefert, indem er die Läs-
ionen der Organe unter allgemeinem Gesichtspunkte auffasste. Von ganz
besonderem Interesse ist der Versuch, den Begriff der Entzündung, der
in der gesammten Medicin und namentlich in der Broussais'schen Schule
zu so viel Unfug Anlass gegeben hatte, in seine Elemente zu analysiren
und gewissermaassen zu beseitigen. Andral zeigte, wie das, was man Ent-
zündung nennt, aus verschiedenen einzelnen Vorgängen zusammengesezt
ist, namentlich aus Hyperämie, Eiterung und Secretion, untersuchte auf's
genaueste die Verhältnisse der Hyperämie und hat dadurch in die ver-
worrensten Verhältnisse Klarheit und Zusammenhang gebracht. Auch
den Begriff der Irritation Hess er als einen nicht anatomischen und
vagen fallen.
Der specielle Theil ist das erste gründliche Resume der pathologisch-
anatomischen Thatsachen, bereichert durch zahlreiche eigene Unter-
suchungen.
Die Cours de pathologie interne , nach der Redaction von Latour
(1836) bieten eine sehr lichtvolle specielle Pathologie. Auch mehrere
wichtige Artikel im Dict. en XV wurden von Andral gearbeitet.
Im Jahr 1842 machte er seine mit Gavarret gemeinschaftlich unter-
nommenen Untersuchungen über die Zusammensezung des Bluts in
Krankheiten bekannt und eröffnete dadurch die neuere Gestaltung der
Humoralpathologie. Eine allgemeine Pathologie erschien zulezt von ihm.
Louis. Louis, der sorgfältigste und voraussezungsloseste Beobachter unter
den französischen Aerzten hat am meisten dazu beigetragen den
Broussaisismus zu stürzen. Nachdem er längere Zeit in Russland
practicirt hatte, kam er im 33sten Lebensjahr nach Frankreich zurük und
fand den Broussaisismus fast in der Alleinherrschaft. Er studirte die
Werke der neuen Richtung und folgte den Vorlesungen Broussais'.
Allein voll Zweifel über die Richtigkeit der vorgetragenen Behauptungen
entschloss er sich zu einer rein objectiven Beobachtung, ohne selbst
irgend an der Therapie der Kranken sich zu betheiligen, und er beschäft-
igte sich sieben Jahre lang einzig mit der unermüdlichen Verfolgung der
Krankheitsfälle auf zwei Sälen der Charite. Während dieser Zeit er-
Louis. 31]
schienen einige kleine Arbeiten von ihm (zuerst die Abhandlung über die
Perforation des Dünndarms). 1825 erschienen seine Recherches anatom-
iques pathologiques et ther. sur la phthisie, 1826 seine gesammelten
Memoires und 1829 seine Recherches sur la maladie typhoide.
Die eindringliche Wahrhaftigkeit der Louis'schen Beobachtungen und
die ungemein sorgfältigen und umsichtigen Folgerungen, die er darauf
basirte, haben ganz besonders viel dazu beigetragen, die Einsichtigen von
Broussais zu entfernen, nicht allein darum, weil er die Unrichtigkeit und
Ungenauigkeit der Auffassungen Broussais' in vielen Punkten, namentlich
in Betreff der Gastroenteritis beim Typhus aufdekte , sondern weil er im
Gegensaz zu der oberflächlichen und cavalieren Methode von Broussais
und seinen Schülern ein Beispiel der exacten Forschung gegeben hat, wie
kein zweites bis dahin in der Medicin existirte ; von ihm an erst datirt die
strenge Verwerthung der Einzelfacta.
Broussais fühlte die grosse Gefahr, die seinem Ansehen durch das
Auftreten dieses einfachen, ruhigen Beobachters drohte. Er bekämpfte
ihn daher in der dritten Auflage des Examens aufs Lebhafteste
und mit grossem dialectischen Scharfsinn bis in die einzelsten Punkte.
Der vierte Theil des lezten Bandes seines Geschichtswerkes ist allein
Louis gewidmet. Louis antwortete darauf in seinem Examen de l'examen
mit schneidender Ruhe und mit dem ganzen Gewicht einer Wissenschaft,
der die Thatsachen Alles sind und in der die Hypothese kein Wort mit-
zusprechen hat.
Louis ist überdem der Urheber der sogenannten numerischen Methode
in der Medicin, d. h. der Verwendung der Statistik für Beantwortung von
Fragen der Aetiologie, der pathologischen Anatomie, Symptomatik,
Prognose und selbst der Therapie. Er selbst, nachdem er in den meisten
seiner Veröffentlichungen diese Methode angewandt hatte, hat in den
Memoires de la Societe d'observation I. ihre Grundsäze und ihren Ge-
brauch auseinandergesezt. Noch ausführlicher und sorgfältiger hat
Gavarret (Principes generaux de statistique medicale ou developpement
des regles qui doivent presider a son emploi 1840) die Methode und ihre
Grundsäze dargelegt. Wenn auch diese Methode zu vielen verkehrten
Anwendungen und zu vielen illusorischen Hoffnungen Veranlassung
gegeben hat, so ist sie doch bei besonnenem und einsichtsvollem Ge-
brauch ein wesentliches und unentbehrliches Instrument der exacten
Methode geworden.
Durch Louis und seine numerische Methode mehr noch als durch die
übrigen anatomischen Pathologen gelangte die Hospitalbeobachtung für
eine Zeitlang in gewisser Art zur Alleinherrschaft. Sie nur erschien als
312 Die jüngste Umwälzung und die Entvnklung der Gegenwart.
maassgebend und brauchbar zur Feststellung giltiger Thatsachen und die
Erfahrungen der Privatpraxis zogen sich, verschüchtert durch den Umfang
und die Strenge der Anforderungen, aus der Casuistik zurük. So nüzlich
und nothwendig dies für eine scharfe Revision der factischen Grundlagen
der Wissenschaft war, so ist doch nicht zu verkennen, dass die engen
Grenzen der Hospitalerfahrungen der Pathologie den Charakter einer
Beschränktheit aufgedrükt und ihre Verwendung für das practische
Handeln wesentlich beeinträchtigt haben.
Biiiard. Billard war schon als ganz junger Mann einer der entschiedensten
Bekämpfer der Broussais'schen Lehre der Gastroenteritis und hat zu
richtigeren anatomischen Vorstellungen Veranlassung gegeben. Er hat in
seinem Werke de la membrane muqueuse gastrointestinale dans Fetat
sain et dans l'etat inflammatoire 1825 nachgewiesen, dass Röthe der
Membranen kein sicheres Zeichen von Entzündung sei, sondern häufig eine
Leichenerscheinung und durch Imbibition bedingt. Ausserdem hat er
in seinem Traite des maladies des enfans nouveaunes die Pathologie
der Neugeborenen anatomisch und symptomatisch festgestellt und
dadurch die so erfolgreiche Forschung in den Kinderkrankheiten mit
einem wahrhaft classischen Werke eröffnet (1828). Er starb bald nach
dieser ruhmvollen Arbeit.
piorry. Nicht ohne bedeutendes Verdienst war auch Piorry (geb. 1794, seit
1831 Professor), welcher, obwohl der anatomischen Schule angehörig,
doch wieder viele Anknüpfungspunkte an Broussais hatte und die antion-
tologische Tendenz mit der äussersten Pedanterie und unter der
greulichsten Misshandlung der Sprache betrieb. Er schrieb schon 1820
sein Buch de l'irritation encephalique des enfans. Sein Hauptverdienst
ist die Anwendung des Plessimeters zur Percussion und die dadurch
erreichte Vervollkommnung des Percussionsverfahrens überhaupt. Aber
auch dieses diagnostische Hilfsmittel wurde von ihm mit der ganzen
Unerträglichkeit eines eigenliebigen Pedanten fortwährend aufgedrungen.
Seine erste Schrift darüber ist de la percussion mediate 1828.
Seine späteren Schriften sind zum grossen Theil Circumscriptionen seiner
ersten Entdekung, besonders: du procede operatoire a suivre dans l'explo-
ration des organes par la percussion mediate 1831. Ein werthvolles
Buch war sein Traite de diagnostic et de semeiologie 1837. Piorry hat
gleichfalls den Versuch gemacht, die Veränderungen des Blutes in Krank-
heiten festzustellen: Traite des alterations du sang 1836. Doch fehlte es
ihm dazu an der genügenden factischen Basis.
Noch eine grosse Anzahl tüchtiger Männer arbeitete im "Sinne der pa-
thologisch-anatomischen Schule, namentlich Breschet, Lombard, Double,
Bedeutung der pathologisch-anatomischen Schule. 313
Dance, Dalmas, Calmeil, Rochoux, Ollivier, Guersent, Ferrus, Con-
tanceau etc. und die Jüngern, wie Grisolle, Requin, Latour, Bizot, Barth,
Pelletan, Fournet, Sestier, Marc d'Espine, Rilliet und Barthez, Monneret,
Delaberge und viele Andere.
Die ältere pathologisch-anatomische Schule, obwohl sie auch das
Dict. en XV vol. zu ihren Veröffentlichungen benüzte, hatte doch ein
neues gemeinschaftliches Organ dafür gegründet, das Dict. de medecine
oder Repertoire generale des sciences medicales en XXI vol., in 2. Aufl.
en XXX vol. Ihr journalistisches Organ waren vornemlich die Archives
generales, während die Jüngern theils die Memoires de la societe d'obser-
vation, theils das Bulletin de la societe anatomique benüzten; die Me-
moires der Academie de medecine dagegen waren ein neutrales Terrain.
Die pathologisch-anatomische Schule hat mehr noch als Broussais Bedeutung der
dazu beigetragen , die alte symptomatische Medicin aufzulösen , indem sie Pathol°sisch-ana-
° ° ' J r ' tomischeu Schule.
etwas Reelles an deren Stelle sezte.
Die symptomatische Medicin hatte aus der Aehnlichkeit der Symp-
tome auf Gleichartigkeit der Krankheit geschlossen und so eine Menge
von Krankheitsspecies aufgestellt, die nur auf das ganz äusserliche Bei-
sammensein von Symptomen gegründet waren. Die pathologisch-
anatomische Schule verwarf fast alle diese auf äusserliche Aehnlichkeit
basirten Krankheitsbilder und führte dagegen ihre Krankheitsformen auf
die anatomischen Läsionen als auf das Wesentlichste zurük. Damit
brachte sie den Untergang allen jenen steifen, unnüzen und verwirrenden
Classificationen, die auf wesenlose Eintheilungsprincipien basirt waren
(Krankheiten der Irritabilität, Sensibilität, sthenische und asthenische
Krankheiten).
Der grösste Gewinn der anatomischen Schule liegt darin, dass sie
die Gewohnheit herbeiführte , anatomisch zu denken, dass sie durch die
erworbenen Kenntnisse von Störungen der einzelnen Organe nöthigte , in
jedem Einzelfall auch dieser Organe und der möglichen Störungen in
ihnen sich zu erinnern. In Folge davon tritt der Arzt mit ganz andern
Anforderungen an sich, mit einer ganz veränderten Aufgabe ans
Krankenbett; und es wird ihm geradezu unmöglich, sich in den früheren
Nebel zu verflüchtigen.
Diese zur Gewohnheit gewordene Notwendigkeit, anatomisch zu
denken bei der Beschäftigung mit Kranken, ist der Punkt, durch welchen
sich die neue Zeit von der alten am durchgreifendsten unterscheidet.
Hierin liegt aber auch der Grund, wesshalb ganz tüchtige Aerzte der
alten Schule so oft nicht mehr im Stande waren, selbst bei aller Einsicht,
314 Die jüngste Umwälzung und die Entwiklung der Gegenwart.
bei allen Kenntnissen und beim besten Willen in der neuen Richtung
sich zurecht zu finden. Es war ihnen nicht mehr möglich , anatomisch
denken zu lernen. Alles Gelernte war nur angenommen, hing nur an,
wie etwas fremdartiges , einer fremden Sprache gleich , die man nicht von
Kindesbeinen an gesprochen, sondern erst im Alter erlernt hat.
Die pathologisch-anatomische Schule suchte allenthalben das kranke
Organ zu bestimmen und die Art der materiellen Veränderungen in ihm
aufzufinden. Diess galt von jezt an als Aufgabe im Einzelfalle, wie als
Ziel für die Construction der gesammten Krankheitslehre.
In Beziehung auf leztere führte daher diese Schule eine totale Umge-
staltung mit sich , welche Umgestaltung sich theils auf Entfernung vieler
alten Species, die selbst bis auf den Namen verloren gegangen sind,
bezog, theils auf eine gänzliche Umwandlung der Begriffe und selbst der
Namen, indem unter manchen früher geläufigen Ausdrüken sehr ver-
schiedene anatomische Zustände aufgefunden wurden und diese daher
getrennt werden mussten, bei andern wesentliche früher ungeahnte Stör-
ungen der Krankheit nachgewiesen wurden und ihr daher auch den
Namen gaben. Dadurch gestaltete sich die ganze Terminologie der
Wissenschaft neu oder in anderem Sinne und diese neue Sprache war nur
die Manifestation des neuen Denkens.
Die Entitäten der alten Schule fielen dadurch von selbst. Broussais
hatte sie durch seine Angriffe auf die Ontologie logisch aufgelöst, die
anatomische Schule zeigte ihre Wesenlosigkeit auf positivem Wege.
Aber die anatomische Schule war sich bei der Beseitigung der Krank-
heitseinheiten doch der ganzen Unwissenschaftlichkeit der alten Pathologie
nicht recht bewusst. Schon aus Opposition gegen Broussais und aus
Abneigung gegen alles Theoretisiren fasste sie die Frage nicht scharf
ins Auge. Wenn sie daher auch die alten Entitäten aufgab , so sezte sie
ganz unbefangen neue, anatomische an ihre Stelle. Sie schuf patho-
logisch-anatomische Species. Dieses Speciesmachen der anatomischen
Schule war jedoch nicht das Ergebniss eines naturhistorischen Vor-
urtheils, vielmehr zumeist nur ein Mittel , die Beschreibung und sprach-
liche Handhabung der Objecte zu erleichtern. Die Species dieser Schule
waren weder so wesenlos wie die alten, noch wurde an ihnen mit der
früheren Aengstlichkeit festgehalten, wie von den Systematikern. Sie
erschienen mehr als augenbliklich gewählte Abgrenzungen , die nach Be-
dürfniss wieder aufgegeben wurden und auf welche keine strenge
Classification zu basiren war. Bei den Intelligenten dieser Richtung
haben sie lediglich auch keinen Schaden gebracht. Beim grossen Haufen
und bei den Schwächeren hatten sie allerdings den Nachtheil,
Bedeutung der pathologisch-anatomischen Schule. 315
dass sie die Wirkung des Broussais'schen Angriffs auf die Ontologi ab-
stumpften und den Erfolg desselben für viele wieder verlustig gehen Hessen.
Die ganze Methode der Beobachtung wurde verändert. Während
man früher vor Allem auf diejenigen Erscheinungen Rüksicht genommen
hatte, welche den allgemeinen Zustand anzeigten, richtete sich jezt die
Beobachtung mehr auf locale Phänomene. Das Raisonnement über das
Beobachtete drehte sich jezt nicht mehr um die allgemeinen Kräfte,
sondern bezog sich auf den Stand der anatomischen Veränderungen.
Diess führte zu der Tendenz einer möglichst genauen detaillirten Er-
forschung der Thatsachen , sowohl der Veränderungen , die der Lebende
bietet, als derer, die in der Leiche gefunden werden. Eine grosse Menge
von Entdekungen wurde dadurch gemacht. In demselben Maasse ver-
loren die alten Autoritäten, deren Angaben man nicht bestätigt fand, an
Credit. Man glaubte nur dem , was man selbst sah und zweifelte an
Allem, was durch die Tradition überkommen war. Vornemlich nachdem
die numerische Methode sich unter den Beobachtern eingebürgert hatte,
wurden alle bisherigen Annahmen als verdächtig angesehen und eine
radicale Revision der ganzen Wissenschaft angestrebt. Eine wohlthätige
Skepsis ist dadurch herbeigeführt worden, bei vielen aber auch die falsche
Sucht, durch widerspenstige und hartnäkige Zweifelsucht ihre Wissen-
schaftlichkeit zu documentiren. Auch ist ein grosser Theil schon vor-
handener werthvoller Beobachtungen dadurch in der Erinnerung ausgelöscht
worden und in völlige Vergessenheit gefallen.
Die Erfolge der neueren genauen Beobachtung waren in der That
immens. Wie von selbst lieferten sich die Entdekungen in die Hand und
wo man hinblikte, da fand sich Neues. Eine Menge bis dahin unbekannter
Zustände, wie man zu sagen pflegte, neuer Krankheiten wurde entdekt,
von denen die alte Schule lediglich keine Ahnung hatte. Die Verfolgung
aller möglichen Störungen an jedem einzelnen Organe vervielfältigte die
Formen des Krankseins ins Unendliche und doch gewährte sie einen
leichteren Einblik und eine raschere Uebersicht als die früheren künstlich-
systematischen Anordnungen der damals viel sparsamer angenommenen
Krankheitsformen.
Ebensoviel hat die anatomische Schule in der Erkennung der localen
Störungen beim Lebenden gefördert. Sie hat dabei nicht nur negativ
durch Zurükweisung zahlreicher unberechtigter Annahmen gewirkt, son-
dern durch Einführung von einer Menge neuer, namentlich der auf physi-
kalische Verhältnisse hinweisenden Zeichen.
Doch hätte sie auch hiebei, wenn sie ihrer Aufgabe sich klarer bewusst
gewesen wäre , noch mehr leisten können.
316 Die jüngste Umwälzung und die Entwiklung der Gegenwart.
Statt nemlich bei der Deutung eines Symptoms dieses immer nur auf
das Organ zurükzuführen , von dessen Läsion es zunächst abhängt und
dadurch die gesammten Erscheinungen des Falls in verschiedenen ergriff-
enen Organen zu localisiren, war bei dieser Schule die Tendenz vor-
herrschend, die Gesammtkrankheit und alle ihre Symptome stets nur
auf ein Organ zu beziehen, in ein Organ zu localisiren, mit andern
Worten den Siz der Krankheit aufzufinden. Ist es auch für sehr viele
Fälle von höchstem Interesse, den topischen Ausgangsherd der Krankheit
zu entdeken, so gibt es doch Fälle genug, bei welchen durch ein solches
Verfahren nur eine schiefe Vorstellung erlangt wird und in allen Fällen
ist die einzige vollständige Einsicht nur dadurch zu erlangen , dass der
Werth der Betheiligung der sämmtlichen Organe richtig geschäzt wird.
Eine physiologische Deutung der Krankheitserscheinungen wurde von
der pathologisch-anatomischen Schule fast ganz vernachlässigt. In der
Epicrise der besten Schriftsteller dieser Schule wird kaum an eine phy-
siologische Erörterung gedacht. Alle Erscheinungen werden vernach-
lässigt, deren Ursache nicht unmittelbar mit dem Messer nachgewiesen
werden kann, und jede palpable Veränderung, die sich vorfindet, wird
ohne Weiteres als Ursache der Erscheinungen angesehen , wenn sie auch
nur in fernem Zusammenhang mit diesen stehen. So werden kaum be-
sprochen der Schmerz, das Verhältniss derSecretionen, die Veränderungen
der Eigenwärme, die Pulsverhältnisse. Oder es werden Symptome ohne
Weiteres entfernten Veränderungen zugeschrieben (Kopfschmerz der
Darmaffection z. B.)
Ueberhaupt ging diese Schule bei ihrer Semiotik ganz empirisch zu
Werk , indem sie untersuchte : welche Symptome pflegen bei diesen oder
jenen anatomischen Hauptstörungen der Organe vorzukommen? welche
Veränderungen finden sich bei diesen oder jenen Symptomen? Diesen
Fehler trifft man am vollendetsten bei der numerischen Methode. Die
Zurükführung auf physikalische oder physiologische Notwendigkeit wird
nirgends mit Bewusstsein angestrebt.
Die Zeichen, selbst in der physikalischen Semiotik, werden daher
auch nicht auf die wirklichen physikalischen Verhältnisse zurükgeführt,
sondern die Zeichen nach äusserlicher Aehnlichkeit mit sonstigen Er-
scheinungen (Schallarten, Geräuschen) verglichen (räle ronflant, Blasebalg-
geräusch, Nonnengeräusch, Feilen, Sägegeräusch, Schleierhauchen, Leber-
ton, Milzton etc.) und nun einfach empirisch untersucht, bei welchen
anatomischen Veränderungen dieses oder jenes Symptom sich vorfindet.
Es mussten dadurch wichtige Resultate geliefert werden, aber eine wirk-
liche Einsicht ward nicht hergestellt, ja sogar verzögert.
Bedeutung der pathologisch-anatomischen Schule. 317
Damit zusammenhängt, dass diese Schule eine grosse Anzahl von
Krankheitsfällen , bei welchen die Anatomie wenig oder nichts zur Auf-
hellung zu leisten vermag, vernachlässigte und gewissermaassen aus der
Pathologie beiseitigte. So namentlich die meisten nervösen Störungen
und complicirten Affectionen, deren Zurükführung auf ein Localleiden
nicht sofort gelingt. Ueberhaupt hat sie der Hospitalpraxis, in welcher
die ausgebildeten Fälle vorwiegen , ein augenblikliches Uebergewicht ver-
schafft und eben dadurch die Einsicht in die zahlreichen Vorkommnisse
der gemeinen Praxis für längere Zeit zurükgesezt.
Auch die Zustände der Flüssigkeiten (des Bluts, Harns) und die von
ihnen abhängigen Zufälle und Erscheinungen wurden von der anatomischen
Schule lange gering geachtet. Erst in der Folge wurde denselben mehr
Aufmerksamkeit geschenkt und es gestaltete sich eine neue humoral-
pathologische Richtung. Constitutionsaffectionen wurden überall zu
wenig beachtet.
Die ausschliessliche Rüksichtnahme auf grobe topische Störungen
hatte das Interresse für alle anderen Fragen geschwächt oder selbst ver-
dächtig gemacht.
Damit fiel freilich auch eine Menge theoretischer Bedenken weg,
welche den Arzt der Schule mit seiner Irritabilität, seinen Factoren und
Polen, seiner Voraussezung von Erregbarkeitserschöpfung, Tendenz der
Naturheilkraft etc. gequält hatten. Manche sublime Fragen wurden gar
nicht mehr gestellt; die Aufgabe der Beurtheilung, indem sie reeller ge-
worden war, gewann an Einfachheit.
Eine grosse Vorsicht im Raisonnement ist Character dieser Schule
gewesen. Sie hat freilich dabei eine gewisse Armuth an Ideen herbei-
geführt. Auf der andern Seite aber hat sie in der Medicin den Sinn für
Objectivität eingebürgert und den ungeschminkten Thatsachen ihr Recht
gelassen. Daher sind auch die Arbeiten der schwächern Mitglieder dieser
Schule immer von einer gewissen Brauchbarkeit und von Werth und
werden nicht von den verquälten Conjecturen der Elaborate gleicher Stufe
aus der deutschen Medicin verunstaltet.
Bei der Erforschung des Thatsächlichen geht die französische patho-
logisch-anatomische Schule zwar stets auf das Detail; aber nirgends auf
das lezte Detail. Die microscopische Anatomie der veränderten Gewebe
wurde von ihr lange noch vernachlässigt, als sie anderwärts schon grosse
Erfolge errungen hatte.
Auch konnte sich die Schule noch lange nicht zu klarer Anschauung
der pathologischen Processe erheben. Weder die Entwiklung noch die
Ausgleichung derselben wurde verfolgt. Mystische Ausdrüke und Begriffe :
318 Die jüngste Umwälzung und die Entwiklung der Gegenwart.
Irritation, Tendenz der Natur, organisches Leben werden immer noch
überall eingeschoben, auch wo klarere Vorstellungen möglich gewesen
wären. *
Die Therapie der pathologisch-anatomischen Schule war im Allge-
meinen noch längere Zeit sehr einfach, und wenn auch gegen die
Broussais'schen Excesse in Blutentziehungen polemisirt wurde, so blieb
doch auch bei ihr das Blutentziehen die Hauptsache; leichte Tisanen
wurden daneben gegeben. Lännec jedoch hatte schon angefangen, unter
Umständen eingreifender zu verfahren und hat selbst von der gewalt-
tätigen Rasori'schen Therapie etwas aufgenommen. Später verfiel die
Schule zum grossen Theil in den Enthusiasmus für toxische Dosen.
Die Indicationen wurden fast durchaus nicht aus Individualdiagnosen
abgeleitet, sondern grösstentheils an die Nominaldiagnose der Krankheit
gebunden. Die numerische Methode hat dieser unpassenden und schlen-
drianmässigen Therapie um so mehr Vorschub geleistet, als sie dieselbe
mit einer Art rein wissenschaftlichen Nimbus umgab.
Im Allgemeinen hatte das therapeutische Handeln der pathologischen
Anatomie etwas hoffnungsloses; denn die massiven Veränderungen der
Organe imponirten im Anfang so, dass man an jeder Wiederherstellung
der Integrität verzweifelte, um so mehr, da die Verfolgung der Heilungs-
processe überall versäumt wurde. Daher war man in der Blüthe der
pathologisch-anatomischen Schule mehr als je von der absoluten Unheil-
barkeit zahlreicher Krankheiten überzeugt und hörte auf, auch nur Ver-
suche zur Ausgleichung zu machen. Das exspectative Verfahren wurde
dadurch vorherrschend, indem man bei geringfügigen Störungen es nicht
der Mühe werth fand einzugreifen , bei grossen keinen Nuzen davon zu
haben glaubte.
Indem man überall die localen Veränderungen als das Hauptsächliche
und fast einzig zu Berüksichtigende ansah, so lag es nahe und war selbst
nothwendig, dass man wähnte, auch vornemlich durch topische Mittel
wirken zu müssen. Man übersah völlig, dass bei Besserung des Allge-
meinzustandes die örtlichen Veränderungen von selbst sich ausgleichen ;
aber man hielt es für unwissenschaftlich, auf den Allgemeinzustand zu
wirken , von dem das anatomische Messer keine Kunde gab. Darum
waren die früheren Aerzte bei aller Armuth ihrer Kenntnisse bessere
Practiker als die pathologischen Anatomen, weil jene auf das zu wirken
angewiesen waren , was in den meisten Fällen allein durch die Therapie
modificirt werden kann: nemlich auf den Gesammtzustand, auf das Fieber,
auf den Stand der Kräfte und der Ernährung.
Magendie. 319
Von grossem Einfluss auf die Umgestaltung der wissenschaftlichen Die Experi-
Methode und der Anschauungen in der Heilkunde war ferner die erfolgreiche me'ta p y"
Entwiklung der Experimentalphysiologie in Frankreich. Die Ge- Frankreich.
websanatomie Bichat's und Cabanis' Auffassung des Organismus haben
die zahlreichen und meisterhaften Untersuchungen Magendie's vorbereitet.
Magendie (geb. 1783, seit 1831 Professor der Experimentalphysio- Magendie.
logie am College de France). Seine Hauptwerke sind: das Precis
elementaire de physiologie, ein Memoire sur le vomissement (1813), über
die Functionen des Nervensystems (1823), ein Formular für die Anwend-
ung von neuen Medicamenten (1836), mehrere Bände Vorlesungen über
die physikalischen Phänomene des Lebens, das Nervensystem und das
Blut; endlich gab er 1821 — 1831 das Journal de physiologie experi-
mentale et pathologique heraus.
Magendie's Tendenz war, die physiologische Wissenschaft zu der
Exactheit der physikalischen zu erheben. Alle theoretischen und aprior-
istischen Theorien verbannte er als einer mythischen Zeit angehörig,
welche die Medicin gerade so haben musste, wie alle andern Wissen-
schaften, wie Physik und Chemie. Während aber die Physik seit Galilei
eine exacte Erfahrungswissenschaft geworden sei, habe die Physiologie
und Medicin in ihrer mythischen Periode verharrt. Nur dasselbe Mittel
könne sie daraus erretten, welches Galilei für die Physik anwandte, näm-
lich das Experiment ; dieses sei eine Frage an die Natur, auf die sie immer
antworte, wenn man nur zu fragen wisse. Das Experiment sei der einzige
Weg, zur wahren Erkenntniss der Lebensphänomene zu kommen. Wo
immer möglich, dürfen die Lebensphänomene nicht von den physischen
und chemischen getrennt werden; nur wo physikalische und chemische
Geseze nicht ausreichen, sei man vorläufig berechtigt, vitale Phänomene
gelten zu lassen : dies gelte aber fast nur allein bei den Phänomenen des
Nervenlebens. Die Medicin selbst sei ganz auf gleiche Weise zu behandeln,
wie die Physiologie; sie sei nur ein Theil derselben, d. h. die Physiologie
des kranken Menschen.
Magendie hat in dem Gesagten unendlich unbefangener, als Broussais,
das Wesen und den Begriff einer physiologischen Pathologie gefasst, und
wenn auch nicht alle seine einzelnen Resultate stichhaltig sind, so ist
seine Tendenz durchaus anzuerkennen, und die Früchte, die durch ihn
selbst, wie durch seine Anregung der Physiologie und Medicin erwuchsen,
sind wirklich unendlich. Doch ist zu bemerken, dass er die lezte Stufe der
Exactheit nicht betreten hat; wenn er auch überall das Experiment zur
Aufklärung der Lebensphänomene forderte, so hatte er doch noch nicht
die Einsicht und das Bedürfniss, das Experiment mittelst Maass und Ge-
320 Die jüngste Umwälzung und die Entwiklung der Gegenwart.
wicht exact zu machen. Magendie war kein messender Experimentator,
und dadurch verblieben viele seiner Resultate ungenau und ungenügend.
Für die Medicin im engeren Sinne hat Magendie in vier Beziehungen
gewirkt: die Anregung zu einer Experimentalpathologie ging vorzugsweise
von ihm aus; er selbst machte zahlreiche Versuche an Thieren, um künst-
lich krankhafte Symptome hervorzurufen. Die ersten dieser Art sind die
über das Erbrechen; damit hat er ein fast ganz neues Feld der Forschung
eröffnet, auf dem nicht unbeträchtliche Erfolge gewonnen worden sind.
Zweitens stammt von Magendie die nähere Begründung des soge-
nannten Bell'schen Sazes von der Verschiedenheit der Functionen der
beiden Nervenwurzeln ab; durch diese Kenntniss ist erst eine Nerven-
pathologie möglich geworden.
Drittens hat Magendie den Impuls zu einer neuen Humoralpathologie
gegeben und auch hierin einen neuen Weg, nämlich den des directen Ex-
perimentes gezeigt. Gaspard war einer der Ersten, der 1822 in der Ab-
sicht, die Symptome putrider Fieber durch faulige Injection in die Venen
herzustellen, in Magendie's Journal die Methode der experimentalen
Forschung befolgte. Durch diese und andere ähnliche, von Magendie
selbst, Dupuy und Trousseau, Leuret, Gendrin vorgenommene Versuche
gelangte man zwar nicht auf das erwartete «Resultat, einen Typhus zu er-
zeugen, aber aufEntdekung einer ganz neuen Krankheit: der Jauche- und
Eitervergiftung des Blutes. Weiter lehrte nun Breschet den Einfluss der
Phlebitis auf Entstehung dieser Krankheit kennen und zeigte die Häufig-
keit ihres Vorkommens. Bald bemerkte man, dass die schlimmen Aus-
gänge der chirurgischen Operationen , das bösartige Kindbettfieber, viele
sogenannte perniciöse Wechselfieber nichts Anderes seien, als secundäre
Ablagerungen, die einem primären Eiter- oder Jaucheherd nachfolgen.
Auch für andere Krankheiten hat Magendie den Weg gebahnt und Ex-
perimente über die seröse Blutmischung, über fibrinarmes Blut hervorge-
rufen. Im weitern Verlaufe wurde dieser Neohumorismus von der ähn-
lichen Tendenz der pathologisch-anatomischen Schule untnrstüzt, sowie
durch einige Arbeiten der Chemiker: Denis (Essai sur l'application de
la chemie a l'etude du sang 1838), Gavarret (1. c), Becquerel und Kodier
mit wachsendem Inhalte gefüllt.
Viertens machte Magendie in der Therapie und namentlich in der
Materia medica Epoche. Er war es, mit dem eine ganz neue Methode be-
gann , nämlich die Anwendung sehr entschieden wirkender chemischer
Präparate, nicht nur vieler metallischen Mittel, sondern namentlich der
aus Pelletier's Laboratorium hervorgegangenen Alkaloide , von denen er
besonders das Chinin, das Veratrin, Strychniu, Piperin, Morphium, Emetin
Die französische Chirurgie. 321
und andere theils zuerst anwandte, theils vorzugsweise zu ihrer Verbreit-
ung beitrug. Auch die Anwendung der Brom- und Jodpräparate, des Jod-
eisens etc. wurde von Magendie gefördert und er suchte sowohl durch
Versuche an Thieren als an Kranken über einfache Medicamente der ge-
nannten Art sichere Resultate zu gewinnen. Magendie's Formulaire hat in
kurzer Zeit eine grosse Anzahl von Auflagen erlebt und ist die Grundlage
der ganzen neuern Pharmacologie der chemischen Substanzen geworden.
Magendie hat in der französischen Physiologie zwar in hohem Grade
anregend gewirkt, ohne jedoch viele seiner würdige Schüler zu erziehen.
Allerdings hat in seiner Weise und mit grosser Sorgfalt Longe t fortge-
arbeitet; noch mehr aber haben in neuester Zeit Claude Bernard und
Brown Sequard die Experimentalphysiologie durch ingeniöse Ideen und
glükliche Untersuchungen weiter gebracht.
Neben den Aerzten und Physiologen ist aber auch der Chirurgen Die fr an-
Erwähnung zu thun. In der Chirurgie hat überhaupt die Ontologie nie- Chirurgie.
mals so fest gewurzelt, als in der Medicin und es sind daher die Chirurgen
die natürlichen Mithelfer in den gegen die Ontologie gerichteten Angriffen
gewesen. Die Localisation war bei ihnen gewissermaassen selbstverständ-
lich und es wurde ihnen leichter, als den innern Aerzten, die mechanischen
Verhältnisse im Kranksein nicht aus dem Auge zu verlieren.
Den Gipfel des Ruhms hatte jedoch die französische Chirurgie mit
Dupuytren erreicht. So fördernd sein Einfluss auf richtige Vorstell-
ungen war, so hat die Alleinherrschaft im chirurgischen Gebiete, die er
sich eine Zeit lang erhielt, auch wieder hemmend gewirkt. Dupuytren
konnte keinen Widerspruch ertragen, er ignorirte ihn entweder oder wies
ihn herb zurük und Niemand hatte den Muth, dauernd ihm irgendwo
Opposition zu machen.
Nach seinem Tod galt es fortwährend noch als Ruhm und Empfehlung, Ecole de Paris.
sein Schüler zu heissen. Obwohl sich jedoch aus einem Theile seiner An-
hänger eine Art geschlossener Schule entwikelte, die sogenannte Ecole de
Paris, so gingen doch andere ihren eigenen Weg.
Die Ecole de Paris suchte die Fortschritte vornemlich in der minut-
iösen Entwiklung der chirurgischen Anatomie, wendete diese jedoch nicht
immer in der heilsamen Verbindung mit pathologischer Anatomie und
Physiologie an und trieb die Localisation der Krankheiten auf's äusserste.
Es ist nicht zu verkennen, dass mit ihr die französische Chirurgie anfing,
etwas auszuarten , theils in eine übertriebene operative Künstelei , theils
in diagnostische Subtilitäten, die ohne practischen Werth sind. Es wurde
Wunderlich, Geschichte d. Medicin. 21
322 Die jüngste Umwälzung und die Entwiklung der Gegenwart.
die anatomische Begründung der Chirurgie in einer nicht mehr leitenden,
sondern hemmenden und pedantischen Weise erstrebt.
Sanson war ein anspruchsloser guter Chirurg; Velpeau zwar ein
gelehrter Mann und ebenso gewandt im Operiren als in der Dialektik, aber
ohne Sinn für die leitenden Ideen der Zeit und voll Ueberzeugung von der
eigenen Superiorität. Br es ch et war tüchtig gebildet, aber bequem und
ohne Schärfe, Gerdy ein Idealist, Blandin ein emsiger anatomischer
Arbeiter ohne erheblichen Geist.
Neben ihnen suchte Roux, ein grosser Operationskünstler, die ältere
französische Chirurgie wieder zu restituiren. Lisfranc, der sich rühmte,
der ächteste Nachfolger Dupuytren's zu sein, stritt gegen die anatomische
Schule mit Leidenschaft, nahm es aber in Beobachtung und in den Be-
richten über seine Erfolge mit der Wahrheit nicht ganz genau.
»aigne. Erst gegen das Ende der Dreissigerjahre trat ein scharfer Kopf unter
den französischen Chirurgen in den Vordergrund: Malgaigne. Er war
einer der wenigen jungen Chirurgen, welche Dupuytren mit Achtung ge-
nannt und überhaupt erwähnt hatte. Es war die Unbefangenheit von allen
traditionellen Vorurtheilen, der Trieb, alles längst für abgeschlossen Er-
achtete auf's neue zu untersuchen und zu prüfen, und die Schärfe der
Auffassung der einzelsten Momente, was Malgaigne auszeichnete. Die
statistische Methode führte er in der Chirurgie ein ; zugleich versuchte er
überall die Anwendung physikalischer und physiologischer Geseze. Aber
es fehlte ihm an ruhiger Besonnenheit und geduldigem Ertragen von Zu-
rüksezungen, und in dem Eifer, die höchsten Ehren zu erlangen, überstürzte
er sich und ging dadurch dieser Ehren und selbst fast seines bereits er-
langten Ruhmes wieder verlustig.
Die Operativchirurgie blieb immerhin in der französischen Schule von
vollendeter Vollkommenheit und kein Einzelner, noch irgend eine Nation
vermochten sich mit der Gewandtheit, Sicherheit und Eleganz der französ-
ischen Chirurgen zumal am Leichentisch zu messen.
encu ltur.
speciaiität- Unter der Herrschaft der pathologisch-anatomischen Schule bildeten
sich die Specialitäten aus. Die Cultur der Specialitäten , d.h. be-
schränkter Wissenschafts- und Kunstgebiete hat ihre Vortheile, wie ihre
Nachtheile. Sie begünstigt das Virtuosenthum in seiner guten und glänz-
enden Seite, wie in seinem schwindlerischen und aufgeblasenen Wesen.
Die vollendete Technik, das Studium der minutiösesten Verhältnisse, die
Möglichkeit sehr umfangreicher Erfahrung in einem beschränkten Gebiet
und die Vergleichung von zahlreichen im Wesentlichen übereinstimmenden,
in vielen Einzelbeziehungen doch individuell abweichenden Fällen sind
Specialitätencultur. 323
Vortheile, welche die Specialitätencultur stets aufrecht erhalten und em-
pfehlen werden. Aber wenige Köpfe sind so glüklich organisirt, dass sie
bei den Erfolgen ihrer Virtuosität von Selbstüberhebung frei bleiben und
dass die Beschränkung des Gebiets ihrer Thätigkeit nicht auch eine Be-
engung ihres geistigen Gesichtskreises zur Folge hat. Die Meisten ver-
lieren die wirklich wissenschaftlichen Anschauungen und stellen sich auf
die Dentistenstufe, pochen auf ihre technische Perfection, und lassen den
Sinn für das Generelle veröden.
In Frankreich haben jedoch viele Specialisten eine ruhmvolle Aus-
nahme hievon gemacht und durch die Schärfe ihrer Detailuntersuchungen
wesentlich zur Förderung der allgemeinen Anschauungen beigetragen.
Hieher gehört vornemlichRicord, der berühmteste Specialist, der seiner- Ricord.
seits durch die sorgfältige und intelligente Beobachtung syphilitisch
Kranker ebensowohl dem Broussaisismus als der einseitigen pathologischen
Anatomie entgegenarbeitete; Biett, der in der Diagnose der Hautkrank- Biett.
heiten die grösste Exactheit herstellte, und neben dem auch seine Schüler
Cazenave und Gib er t erwähnenswerth sind; die Bearbeiter der Krank-
heiten des Urogenitalsystems besonders Civiale und Mercier, auch der
Orthopäde Guerin.
Es gehören ferner hieher die Specialisten in psychischen Krankheiten: specialisten in
Esquirolvoran, sodann Marc, Ferrus, Calmeil, Guislain, Baillarger, Leuret, dcr Psychiatrie
lind den Nerven-
Foville, Cerise, Voisin, Lunier, Thore und viele Andere; die über Nerven- krankheiten.
krankheiten: Georget, Ollivier, Valleix, Longet, See, Delasiauve, Herpin,
Durand-Fardel.
Sehr ausgezeichnet waren sodann viele Specialisten über Kinderkrank- specialisten über
heiten: Billard, Guersent, Blache, Taupin, Roger, Valleix, Legendre, ^^erkrank-
heiten.
Berton, Trousseau, Rilhet und Barthez.
Die Krankheiten der Greise machten zum Gegenstand ihrer Forsch-
ungen: Hourman und Dechambre, Prus, Durand-Fardel.
Höchst bedeutend waren die französischen Leistungen in der Hygieine Hygieine und
und in den forensisch-technischen Fächern von Orfila, Parent-du-Chatelet, forensische
Medicin.
Villerme, Chevallier, Devergie, Gaultier de Claubry, Levy und Anderen.
Nur die Oculistik, sowie die Geburtshilfe und die Frauenkrankheiten ocuiistik undGe-
waren auffallend sparsam vertreten. In ersterer hat Velpeau Einiges ge-
than, Sichel dagegen die deutschen Ansichten einzubürgern gesucht. Mehr
selbständig verfuhr Desmarres. In der Geburtshilfe und den Frauenkrank-
heiten waren die beiden jüngeren Baudelocque, Velpeau und Paul Dubois
die wenigen Männer von bedeutendem Rufe. Lejumeau de Kergaradec
führte 1821 die Auscultation in die Geburtshilfe ein. Die Hebamme La-
chapelle hatte eine Zeit lang die umfassendste Berühmtheit in Frankreich.
21*
M e d i f i n.
324 Die jüngste Umwälzung und die Entwiklung der Gegenwart.
Sie starb 1821. Auch Mad. Boivin zeichnete sich aus. Ihre Schriften
gab Duges heraus.
schiussbe- Es ist kein Zweifel, dass die französische Schule von 1815 — 1840
^ber'di1* eine glänzende und gewinnreiche Periode der Medicin darstellte, nicht
französische allein durch die Masse der Entdekungen, sondern durch die Vollendung
einer radicalen Umgestaltung der ganzen ärztlichen Anschauungsweise,
nicht bloss durch das Wirken einzelner hervorragender Köpfe, sondern
durch das wetteifernde Zusammenwirken aller Kräfte und durch die glük-
liche Richtung, welche auch dem Schwächeren gestattete, nüzlich zu sein
und die positive Grundlage der Wissenschaft werthvoll zu bereichern.
Zahlreiche treffliche Arbeiten sind von jungen Männern in dieser Zeit
veröffentlicht, welche noch nicht einmal ihren Doctorhut erworben hatten,
und die medicinischen Journale der Zeit sind eine Sammlung von Schazen,
welche niemals veralten werden.
Die Gegensäze und Widersprüche der Schule glichen sich nach dem
Tode von Broussais grösstentheils aus und eine ziemlich übereinstimmende
Richtung nach Objectivität beherrschte bei fortdauernden einzelnen Diff-
erenzen die französischen Pathologen.
Der parlamentarische Zug der Zeit, wie er sich in der späteren Rest-
aurationsperiode ausbildete und nach der Julirevolution seine höchste Ent-
wiklung fand , hat auch auf die Physiognomie der Medicin den entschied-
ensten Einfluss gehabt und auch auf diesem Gebiete seine Vortheile und
Nachtheile blossgelegt. In der ersten Zeit ein mächtiges Anregungsmittel,
eine Waffe der Wahrheit und der Intelligenz gegen den Geist der Finster-
niss, arteten die parlamentarischen Allüren der Medicin schliesslich in die
inhaltsleeren und endlosen Manifestationen einer geschwäzigen Eitelkeit aus.
Von 1840 an wurden die werthvolleren Publicationen der französischen
Aerzte seltener. Die alten berühmten Namen verschwinden vom Schau-
plaz und neue trifft man sparsam. Aran, Monneret sind noch die hervor-
ragendsten. Der rapide Fortschritt der Wissenschaft hat sich in andere
Ländergebiete gewendet. Frankreich zehrt noch am alten Ruhm , weiss
ihn aber nicht aufzufrischen.
Es ist übrigens nicht nur der Mangel an Ideen , an welchen die jezige
französische Medicin leidet, sondern im Hintergrund steht die Unklar-
heit der Begriffe und der Aufgaben der Wissenschaft, wodurch die Franz-
osen zu alten, anderwärts längst überwundenen Missgriffen zurükgedrängt
werden. Ihre neuesten Versuche, die allgemeine Pathologie zu bearbeiten,
und ihr Rükfallen in die systematische Nosologie sind dafür die redend-
sten Beweise.
England. 325
Ueberhaupt ist es eine Eigentümlichkeit dieser begabten Nation, dass
sie, wo und so lange sie in erster Linie steht, Ausserordentliches zuwege-
bringt, dass sie aber, wenn sie den ersten Rang eingebüsst hat, zwar nicht
ihre Einbildung, wohl aber ihre Leistungsfähigkeit zu verlieren pflegt. Kur
in einzelnen Specialitäten, wo sie noch den obersten Rang nicht verloren
hat, sehen wir sie auch in voller und erfolgreicher Thätigkeit: so in der
Psychiatrie, in der Electrotherapie.
Dabei ist es ein weiter eigenthümliches Schiksal der Franzosen , wo-
durch sie sich bei dem Kenner der Wissenschaft oft komisch machen.
Die Entdekungen anderer civilisirter Nationen werden durchschnittlich
erst eine Reihe von Jahren nachher bei ihnen bekannt; oft nachdem sie
längst anderwärts modificirt oder näher ausgebildet sind, kommt die
erste Kunde von denselben in ihrem primitivsten Kleide zu den Franz-
osen. Diese wundern sich darüber, fangen an, über Sachen, welche ander-
wärts völlig in Ordnung sind, mit vielem Ernst zu debattiren, finden dabei
unfehlbar, dass einer der Ihren wesentlich das Verdienst der ersten Ent-
dekung oder doch der Application hatte; denn es kann nicht fehlen, dass
in den 10 Jahren, welche die Neuerung zu dem Wege über den Rhein be-
darf, irgend ein Gallier einmal davon Wind bekommen oder auch zufällig
selbst eine Idee von entfernter Aehnlichkeit geäussert hat. So finden wir
in der neuesten Zeit Beobachtungen und Methoden in Frankreich auf-
tauchen und mit der Wichtigkeit unerhörter Entdekungen behandelt
werden, die anderwärts jedem Anfänger geläufig sind.
England, hat nach Brown nur wenig auf die Entwiklung der medicin- England.
ischen Wissenschaft im Allgemeinen Einfluss geübt. So zahlreich die
einzelnen Bereicherungen sind, die wir in Beziehung auf pathologische
Anatomie, Semiotik und Therapie den englischen Aerzten verdanken, so
lässt sich auch nicht ein einziger dortiger Patholog namhaft machen, der
auf den allgemeinen Gang der Wissenschaft bestimmend eingewirkt hätte.
Die meisten Engländer behielten als Grundlage Cullen's oder Greg-
ory's Ideen und accomodirten diese, so gut es ging, den neuen Ansichten,
die sie vom Auslande, namentlich von Frankreich zugeführt bekamen, oder
den Thatsachen, welche ihre eigene Erfahrung sie lehrte. Die practische
Anschauung war im Anfang dieser Periode am vollkommensten vertreten
in dem weitverbreiteten Handbuch von Mason Good.
Die Broussais'sche Lehre von der Entzündung, von der Gastroenteritis,
noch mehr aber die ganze Tendenz der pathologisch-anatomischen Schule
fand frühzeitig lebhafte Theilnahme bei ihnen. Die abstracten Theorien,
die von Deutschland ausgingen, blieben ihnen völlig fremd. Ueberhaupt
326 Die jüngste Umwälzung und die Entwiklung der Gegenwart.
ist der ganze Sinn der englischen Aerzte auf's Practische, auf die Beob-
achtung gerichtet geblieben. Sie haben hiebei viele feine Bemerkungen
gemacht , viele wichtige Facta aufgefunden ; die Theorien über das That-
sächliche verfehlen sie nicht aus einer Art Pflichtgefühl mitzuführen ;
allein sie verhalten sich gleichgültig gegen sie , prüfen sie nicht , und oft
trifft man bei den tüchtigsten und umsichtigsten englischen Schriftstellern
Ansichten, die man kaum im 19. Jahrhundert mehr erwarten sollte.
Im Speciellen machten sich in der neuern Zeit in Grossbritannien
folgende Richtungen bemerklich :
Travers. Travers (über constitutionelle Irritation , 1826 und 1835) warder
Erste, der originelle und selbständige Ideen vorbrachte. Seine Irritation
ist etwas durchaus Anderes, als die Broussais'sche. Er ging von chirurg-
ischen Erfahrungen aus, nämlich von Fällen, wo eine örtliche Affection,
eine Wunde, um die sich nur eine leichte erisypelatöse Röthe bildet, die
bedeutendsten allgemeinen Symptome hervorrufen kann. Travers ist sich,
wie alle Engländer, in seinen Begriffen nicht recht klar. Seine Abstract-
ionen sind dunkel und verworren. Im Allgemeinen scheint er alle durch
aussergewöhnliche Aufregungen hervorgerufenen Zustände unter Irritation
zu verstehen und fügt noch bei , dass die Irritation durch das Nerven-
system vermittelt werde. Diese Irritation, die sich durch Schmerz, Con-
vulsionen und andere Störungen der Sensation und Bewegung äussert,
kann local sein oder allgemein d. h. Constitutionen. Zur allgemeinen oder
constitutionellen Irritation gehört das Fieber, gehören aber auch tetan-
ische Zufälle und verbreitete Nervenzufälle anderer Art. Wofern diese
Zufälle von einem rein örtlichen Leiden ausgehen, so nennt sie Travers
direct entstehende Constitutionalirritation ; wenn aber sowohl die ört-
lichen als die allgemeinen Zufälle durch einen sonstigen Krankheitszu-
stand der Constitution modificirt sind, so nennt er das die reflectirte Con-
stitutionalirritation.
Ausserdem vergleicht Travers die Irritation mit der Entzündung,
scheidet sie genau, rechnet zu jener alle Processe,. bei denen Hyperämie
und namentlich plastische Productbildung fehlen,, dagegen mehr wässerige
oder albuminöse Stoffe abgelagert werden, oder aber auch cachectische
Producte und Afterbildungen sich einstellen, wie Tuberkeln, Krebse, Con-
dylome, fibrocartilaginöse Geschwülste, Steatome, Fettgeschwülste, War-
zen. Alle diese sind ihm durch theils örtliche, theils reflectirte con-
stitutionale Irritation hervorgebracht.
Troz der Dunkelheit und Ungenauigkeit im Ausdruk sind Travers'
Untersuchungen über die Irritation von nicht geringem Verdienst, indem
Travers.
327
sie 1) zur schärfern Trennung der eigentlich plastischen Processe von den
nicht plastischen viel beigetragen haben; 2) indem sie den Einfluss der
allgemeinen Organisationsstimmung auf die örtlichen Ablagerungen ge-
zeigt haben (reflected constitutional irritation); 3) indem sie das Binde-
glied der örtlichen und allgemeinen Erscheinungen in das Nervensystem
versezten; 4) indem er das Fieber nicht in peripherische Organe localisirt
wissen wollte , sondern als allgemeine Irritation aufzeigte und auf seine
Verwandtschaft mit verbreiteten Nervenzufällen aufmerksam machte.
So wenig im Ganzen Travers' Arbeiten auf dem Continent directen Travers- Einfluss.
Einfluss geübt haben, so bedeutend war derselbe in England selbst. Fast
alle englischen Pathologen , besonders aber die Chirurgen, haben seine
Ideen mehr oder weniger adoptirt. Ihre Ausdruks weise ist häufig unver-
ständlich, wenn man diese Quelle nicht kennt, und zahlreiche einzelne
Entdekungen und Anwendungen sind daraus entsprungen.
Zuerst ist Williams zu nennen, der den Begriff etwas schärfer zu wauams.
fassen wusste und namentlich zeigte, dass Irritation und Entzündung nicht
gerade Gegensäze seien, sondern dass die Irritation häufig und sogar fast
immer der präliminare Process der Entzündung sei, dass er namentlich
der bewegliche Theil der Entzündung sei. Wo Entzündung sympathisch
in einem andern Organe wieder Entzündung veranlasse, da errege sie zu-
nächst nur Irritation , und aus dieser könne dann Entzündung werden,
wenn die Umstände dazu angethan seien.
Auch bei Crawford ist das erste Stadium der Entzündung Irritation. crawford.
In manchen Fällen bleibe die Krankheit auf dieser Stufe und dann ent-
stehen bloss Schmerzen oder wässerige Absezungen; so im Katarrh und
im Diabetes. Steigere sich die Irritation , so komme es zur congestiven
Irritation, d. h. zur Hyperämie, und zulezt zur wirklichen Ausschwizung
von plastischen und eiterigen Stoffen, zur Entzündung.
Astley Cooper nahm im ganzen Umfange Travers' Irritation an a. cooper.
und zeigte das Vorhandensein rein nervöser Irritationen in den männ-
lichen Genitalien und in den weiblichen Brüsten, Zustände, die man der
Schmerzhaftigkeit wegen oft für Krebs gehalten und behandelt habe.
Brodie lehrte ähnliche Affectionen in den Gelenken kennen und fand, Brodie.
dass sie bloss von der allgemeinen hysterischen Constitution abhängen.
4 Von noch bedeutenderem Einfluss wurde die Lehre von der Irritation,
als zumal in England den Verhältnissen des Nervensystems und dem
Rükenmark grössere Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Charles Bell
hatte schon frühzeitig (1816) den Gedanken gehabt, dass die hintern mit
einem Gangtion versehenen Wurzeln der Spinalnerven allein die Em-
Ch. Bell und
die Arbeiten
über dasNerv-
ensystem.
328 Die jüngste Umwälzung und die Entwiklung der Gegenwart.
pfindung, die vordem allein die Bewegung vermitteln. Magendie' hatte
bekannt oder unbekannt mit des Engländers Idee denselben Saz durch
Experimente zu erweisen gesucht, ebenso Beclard (1823). Erst später
wurde diese Thatsache durch Joh. Müller's Versuche an Fröschen ausser
Zweifel gesezt. Allein es war doch durch Bell ein Impuls für die nähere
Erforschung der Verhältnisse des Nervensystems gegeben, es ward von
ihm selbst der Saz aufgestellt, dass die Nerven eines jeden Organs im
Verhältniss zur Mannigfaltigkeit seiner Verrichtungen complicirt seien;
es war für die Functionen der Bewegung und Empfindung, weiterhin auch
für die Respiration das Rükemnark und die Oblongata als ein wesent-
liches Organ anerkannt und es ward eine neue Richtung eröffnet , auch
die Störungen dieses bis dahin vernachlässigten Theils weiter zu ver-
folgen. Es geschah diess vornemlich durch Bell's Landsleute.
Ganz allmälig wurde der Focus der Nervenphänomene in das Rüken-
mark verlegt, zuerst noch schüchtern und etwras unbestimmt von Allan
undBrown, 1828 und 1829, dann mit grösserer Bestimmtheit vonAber-
crombie und Teale, von Bell selbst (in seinem nervous System of the
human body 1830), hauptsächlich aber vonBright, von Parish, welcher
zum ersten Male sich des Namens der Spinalirritation bediente , und von
den Gebrüdern Griffin. Durch alle diese Arbeiten wurde aufzahlreiche
höchst wichtige und interessante Fälle aufmerksam gemacht, bei welchen
in den verschiedensten Theilen des Körpers örtliche Affectionen zu be-
stehen scheinen, die jedoch nur durch die eigenthümliche Reizung des
Rükenmarks oder einzelner Theile desselben simulirt werden. Mit dem
physiologischen Zusammenhange der meisten dieser Thatsachen be-
schäftigte sich aber erst Marshall Hall, der das Gesez der Reflexthätig-
keit entdekte und die weiteren Arbeiten der Continentalphysiologen über
diesen Gegenstand vorbereitete.
Anatomische Nächst diesen Bestrebungen , die Pathologie des Nervensystems auf-
Pathoiogie. zuheiieil) -wurde die anatomische Pathologie in England mit grossem
Erfolg cultivirt.
Dubiiner Schule. Die Neigung zur pathologischen Anatomie war schon durch John
Hunter in England eingebürgert. Am meisten jedoch fand die französ-
ische Richtung Boden in der Dubliner Schule.
Einige ältere tüchtige Aerzte, besonders Cheyne, Percival, Colles,
Kirby, Pitcairn waren dort Lehrer und gaben schon seit 1818 werth-
volle Hospitalberichte aus. Ein zahlreicher Kreis strebender jüngerer
Kräfte schloss sich um sie. Unter diesen thaten sich bald die Meath-
hospitalärzte und späteren Professoren an der Universität, Graves und
Dubliner Schule.
329
Stokes hervor. Beide der pathologisch-anatomischen Forschung und der
damit zusammenhängenden physikalischen Diagnostik eifrig ergeben,
Ersterer mehr mit einer Hinneigung zu der altenglischen Art, Lezterer
mit nicht ganz geringfügiger Broussais'scher Färbung, haben die junge
Dubliner Schule gebildet, an welcher eine Zeit lang die solideste, unbe-
fangenste, für alles Neue empfängliche, aber nirgends sich überstürzende,
stets practische Richtung einheimisch war. Das Dublin Journal von 1832
an, eine Zeitschrift voll der gediegensten Arbeiten, war das Organ dieser
Schule.
Die englischen und schottischen Aerzte, wenn gleich nicht einen so
geschlossenen Coraplex bildend, sind im weiteren Verlaufe der Zeit nicht
zurükgeblieben hinter den anatomisch -pathologischen Leistungen der
Dubliner. Am hervorragendsten waren die Arbeiten vonBright (Medical
cases 1827), Abercrombie (über die Krankheiten des Unterleibs und
über die Krankheiten des Gehirns und Rükenmarks) , Hope (principles
and illustrations- of morbid anatomy 1834 und über Herzkrankheiten),
Carswell (pathological anatomy 1833, von grösstem Verdienst zumal
für die Unterscheidung der Elementarformen der Krankheitsprocesse),
Williams (a rational exposition of the physical signs of the lungs and
pleura 1828 und elements of medicine, on morbid poisons 1836 — 41),
ferner Walshe, Addison, Christison, Tweedie etc.
Zahlreiche wichtige Beobachtungen sind niedergelegt in den höchst
werthvollen Publicationen der englischen Pathologen : den Medico-chir-
urgical transactions , den Guys hospital reports, der London medical
gazette, der Lancet und den medical times etc., ausserdem in dem durch
eine Reihe der trefflichsten und vornemlich practisch gehaltenen Artikel
sich auszeichnenden Collectivwerke : Cyclopädia of practical medicine in
4 Bänden 1833. Neuerdings hat sich den schon genannten Journalen
auch noch das Edinburgh monthly Journal angereiht.
Ausser den Veränderungen der Festtheile wurde aber von den Eng-
ländern stets auch der Zustand des Blutes in Krankheiten gewürdigt,
ohne dass sie jedoch dabei zu irgend erheblichen exacten Resultaten ge-
langt wären. Der Fehler war, dass keine Methode in der Untersuchung
war und dass man sich immer mit den alten Ausdrüken : aufgelöstes Blut,
faules Blut etc. begnügte. Auch hierin war John Hunter vorangegangen,
und die meisten englischen Pathologen erkennen im Stillen oder laut die
Wichtigkeit der Blutveränderungen an. Auch mehrere ausführliche Arbeiten
sind in dieser Richtung erschienen, namentlich die von Thakrah, von
Stevens (observations on the healthy and diseased properties of the
blood 1832).
Die englischen
und schottischen
Aerzte.
Biutpathologie.
330 D'e jüngste Umwälzung und die Entwiklung der Gegenwart.
pathologische In neuester Zeit hat eine Anzahl englischer und schottischer Patho-
Histoiogie. i0gen ausser den gröberen anatomischen Verhältnissen auch die micros-
copisch-pathologische Anatomie, vornemlich durch deutsche Einflüsse be-
stimmt, mit Erfolg in den Kreis ihrer Forschungen gezogen. Die Beob-
achtungen sind theils in den angegebenen Journalen (namentlich dem
Edinburgh monthly Journal), theils in der Cyclopädia of anatomy von Todd,
theils in einzelnen monographischen Arbeiten niedergelegt.
Prnctische Es war jedoch vornemlich die eigentlich practische Medicin, in welcher
Medicm. die Engländer, anschliessend an die tüchtigen Muster der vorhergehenden
Zeit, Bedeutendes leisteten. Der Charakter der unmittelbar practischen
Verwendbarkeit und die fast ängstliche Vermeidung jeder müssig schein-
enden Frage zeichnet ihre Arbeiten aus. Nicht leicht ist eine englische
Abhandlung ohne allen Werth, obwohl der Brauch, dass junge Aerzte, um
im Publicum genannt zu werden, damit anfangen müssen, ein Buch über
irgend eine Modekrankheit zu schreiben, die englische Literatur mit einem
grossen Ballaste sogenannter Monographien überschüttet hat. Aber selbst
der Geringste weiss doch immer eine practische Seite dem Gegenstand
abzugewinnen, und viele werthvolle factische Bereicherungen steken in der
englischen Literatur. Nüchternheit und eine gewisse Exactheit ist durch-
aus in derselben herrschend ; aber sie geht nur bis zu einem herkömm-
lichen Punkte; sie ist gewissermaassen typisch, und so selten man eine
englische Arbeit trifft, die ganz verwerflich wäre, so selten findet man eine
solche, der man das ehrendste Prädicat eines geistigen Products, das der
Unbefangenheit zuzuerkennen vermöchte. Immer ist der Gesichtspunkt
des Engländers ein beschränkter; er ist begrenzt durch eine herkömmliche
Methode , durch Voraussezungen , die allen seinen Landsleuten geläufig
sind, durch die Dogmen der Schule und durch die Macht der Fashion.
Vergebens sucht man bei ihnen den Schwung, über das Gebräuchliche sich
zu erheben und von sich zu werfen, was die landesübliche Sitte dem
Arzte an Gedankengang und Gedankeninhalt vorschreibt. Die nationale
Uniformität ist nirgends vollständiger, als dort und nur in England war
es möglich, dem Doctorscandidaten einen Eid abzunehmen, sich niemals
mit Homöopathie zu beschäftigen.
•sj-ociaiitaten. So viele monographische Arbeiten die englische Literatur zeigt, so
ist die Cultur der Specialitäten doch in diesem Lande niemals zur Aus-
bildung gekommen. Selbst Medicin und Chirurgie haben sich weniger ge-
schieden, als anderwärts und die Werke der bessern Chirurgen sind voll
von eigentlich medicinischem Inhalt. Mit Vorliebe und Erfolg wurde je-
doch die Geburtshilfe und Gynäcologie bearbeitet und es war wiederum
Italien.
331
die Dubliner Schule, welche dazu den Anstoss gab. Collin , der die Dub-
liner Anstalt von 1826 — 1833 leitete, sofort Kennedy, Maunsell, be-
sonders aber Montgomery und Churchill zeichneten sich dort aus, während
unter den schottischen Geburtshelfern Bums, Hamilton, Campbell und
besonders Simpson, unter den englischen Ashwell, Lee, Rigby, Blundell
und Oldham die hervorragendsten waren und sind.
In Italien war nach dem Erlöschen der Rasori'schen Schule wenig
selbständige Thätigkeit in der Medicin zu bemerken. Viele italienische
Aerzte, vornemlich im westlichen Oberitalien schlössen sich der französ-
ischen Schule an. Andere gaben sich einem Eklekticismus ohne alle
Kritik hin.
Einige Eigenthümlichkeit zeigte Geromini, welcher den Contrasti-
mulus bekämpfte und in einer Reihe von Arbeiten von 1812 an, besonders
aber in seinen Schriften Saggi clinici sulle principali forme dell' umano
infermare 1837, l'ontologismo dominatore perpetuo della Medicina 1841,
dell' umano febricitare 1842 und la medicine misontologica ossia il vero
ippocratismo 1844, die ontologische Richtung, aber ohne viel positive
Fundamente, bekämpfte und drei cardinale Modalitäten der Erkrankung
aufzustellen suchte : die einfache Irritation, die phlogosis und das organico
scompaginamento.
Auch Bufalini in Florenz erhielt sich in einer gewissen Selbständig-
keit. Seine medicina analitica ist das Werk eines sorgfältigen Denkers
und Beobachters, jedoch ohne hervorragende Ideen oder Entdekungen.
Bufalini.
Da die übrigen Völker sich grösstentheils an die drei Hauptnationen
der Civilisation, Franzosen, Engländer und Deutsche anschlössen (Russen
an Deutsche und Franzosen, Genfer und Lausanner an Franzosen, Deutsch-
schweizer an Deutsche , Holländer meist an Deutsche , Skandinavier an
Deutsche, Franzosen und Engländer, Spanier an Franzosen, Portugiesen
an Franzosen und Engländer, Americaner und Ostindier an die Eng-
länder), da mindestens bei ihnen die medicinische Entwiklung keinen
eigentümlichen Gang befolgte, sondern nur einzelne mehr oder weniger
hervorragende Männer unter ihnen auftraten, z. B. bei den Holländern die
pathologischen Anatomen Schröder van der Kolk und Vrolik, der Phys-
iolog Donders, so können wir ohne Weiteres zum Schlüsse die neueste
Entwiklung der Medicin in Deutschland betrachten.
Div
Nati
e rse
o n en.
Deutschland.
Troz des trostlosen Zustands, in welchem sich die deutsche Medicin
in dem ersten Drittel des Jahrhunderts befand oder vielleicht gerade deutschen Med-
332 Die jüngste Umwälzung und die Entwiklung der Gegenwart.
Vereinzelte Ein-
lichten.
Stieglitz.
Krukenberg.
wegen desselben wurden die unermesslichen Fortschritte, welche das Aus-
land indessen machte, fast völlig ignorirt. Uebersezungen erschienen
zwar von den meisten Hauptwerken der französischen und englischen
Pathologen; aber es fehlte aller Sinn, den Werth des Dargebotenen zu
begreifen. Die Vorlesungen auf den Universitäten, wie die Hand- und
Lehrbücher der deutschen Literatur blieben grösstentheils ganz unbe-
rührt von allem dem , was in Frankreich und England gearbeitet worden
war. In den Kliniken, wie in der gewöhnlichen Praxis fanden anatomische
Anschauungen und Diagnosen keinen Eingang und noch in der Mitte der
dreissiger Jahre war an manchen deutschen Universitäten und Hospitälern
das Stethoscop, ein Instrument, das man kaum kannte, das man, wenn
zufällig eines in die Hände fiel , mit einer Art kindischer Neugierde be-
trachtete oder über das man wohl auch schlechte Spässe machte, indem
man die eingebildeten Menschen bemitleidete, die aus einem solchen Holze
glaubten, unerhörte Dinge zu vernehmen. Höchstens Hess man zu, dass
mit der Auscultation der tödtliche Ausgang einer Krankheit vorausbe-
stimmt werden könne. Die meisten Lungenkrankheiten, die Herzkrank-
heiten, die chronischen Hautkrankheiten, die Bright'sche Niere waren
völlig unbekannte Gebiete und wenn man von den Franzosen Notiz nahm,
so geschah, es nur, um die Unwissenschaftlichkeit zu belächeln, mit der
sie alle Krankheiten für Entzündungen erklären.
Doch fand sich da und dort ein einsichtsvoller Mann, welcher merkte,
dass eine neue Wissenschaft ausserhalb Deutschlands erstanden war und
sich bemühte , die grossen Entdekungen der pathologisch-anatomischen
Schule zu verwerthen und anzuwenden. Gewiss sind unter den einfachen
Praktikern manche intelligente Männer gewesen , welchen ein Auge auf-
gegangen war über das Herannahen einer neuen Zeit. So schrieb der
73jährige Stieglitz im Jahr 1840: die deutsche Medicin ist so gesunken
und erschlafft, dass ihr jede Aufrüttlung heilsam sein muss, Alles was sie
in neue Bahnen versezt, selbst wenn diese reich an Irrthümern und Ver-
kehrtheiten sein sollten.
Solche im Stillen wohl vielfach gehegte Ansichten sind nun frei-
lich im Verborgenen geblieben und haben auf die Masse keinen Einfluss
gehabt.
Von grösserer Bedeutung war es , dass auch einige klinische Profess-
oren in Deutschland aus den Erfahrungen des Auslands zu schöpfen an-
fingen. Am vollständigsten ist diess von Krukenberg in Halle geschehen
(schon vom Anfang der zwanziger Jahre an), dessen Klinik dadurch eine
der wenigen in Deutschland war, an denen man etwas Positives lernen
Schönlein.
333
konnte. Seine zahlreichen Schüler verbreiteten bessere Kenntnisse , zu-
mal in Norddeutschland.
Baumgärtner in Freiburg nahm gleichfalls die französische Patho-
logie mit Wärme auf; doch war seinEinfluss ein zu beschränkter, um sich
bemerklich zu machen.
Auch Nasse in Bonn verschluss sich der positiven Richtung nicht,
obwohl bei ihm die philosophischen Neigungen noch überwiegend blieben.
Der einflussreichste unter allen aber und derjenige, welcher wirklich
eine durchgreifende Umgestaltung der deutschen Medicin hervorgebracht
hat, wenn gleich sie auch durch ihn in neue Irrwege geleitet wurde, war
Schönlein.
Schönlein (geb. 1796, Professor in Würzburg 1820, in Zürich 1832, in
Berlin seit 1840) betrat die von Peter Frank und Autenrieth verfolgte, von
fast allen damaligen Pathologen Deutschlands abweichende Richtung auf
das Praktische und auf die objective Beobachtung und überragte seine
Vorgänger namentlich dadurch weit, dass er die seitherigen zahlreichen
Entdekungen des Auslandes kannte und zu benuzen wusste.
Er verstand es übrigens vortrefflich, sowohl das von seinen deutschen
Vorgängern Frank und Autenrieth Ererbte, als auch das vom Ausland
Entlehnte nicht nur als einfach Ererbtes und Entlehntes wieder von sich
zu geben, sondern selbständig und mit Geist zu verarbeiten.
Hätte er sich mit dieser Hinweisung auf die exacte Beobachtung be-
gnügt, hätte er allein darauf gewirkt, die in Deutschland verloren ge-
gangene Objectivität wiederherzustellen, heimisch und populär zu machen,
so wäre sein Verdienst nicht anzufechten.
Aber Schönlein brachte aus der Jenenser und Würzburger Schule
eine pronuncirt naturphilosophische Hinneigung mit, die zwar in seiner
klinischen Thätigkeit ziemlich zurüktrat, um so mehr aber in seinen theor-
etischen Vorlesungen, wie sie als gedruktes Manuscript erschienen sind,
hervortritt.
Schönlein's förderndster Einfluss lag in seiner Klinik. Seine Klinik
war es, durch die er reformirend wirkte und durch die er Deutschland dem
Geiste guter Beobachtung wieder geöffnet hat. Es war in diesem Lande
etwas völlig Neues, als Schönlein sämmtliche Krankheitserscheinungen
auf materiell nachweisbare Veränderungen , mit andern Worten , auf die
pathologische Anatomie zurükzuführen anfing; denn die pathologische
Anatomie galt damals bei uns nur als ein Theil der Naturgeschichte, als
die Naturgeschichte der Missgeburten ; um so überraschender war es, als
Baumgärtner.
Nasse,
Schönlein.
Schönlein's
Klinik.
334 Die jüngste Umwälzung und die Entwiklung der Gegenwart.
Schörtfein sie zur Basis seiner gesammten Nosologie machte; um so leb-
hafter war aber auch der Widerspruch von Seiten der altgläubigen Aerzte
und Lehrer.
Aber Schönlein beging den Missgriff, anstatt diese anatomischen
Veränderungen als einfache Folgen und Producte der vorausgegangenen
Zustände anzusehen, sie vielmehr als etwas dem Körper Fremdes, als
etwas der Krankheit als Wesen Eigenes, als Leib des Abstractums
Krankheit, aufzufassen. Er wendete botanische Termini dafür an, sprach
von der Blüthe und der Frucht der Krankheit, vom Fruchtboden , vom
Pericarpium u. s. w. Am meisten trat diess bei den Hautkrankheiten her-
vor. Die anatomischen Charaktere der Krankheiten sind ihm die ent-
wikeltsten Formen derselben ; er betrachtet sie überdem nur in der höch-
sten Ausbildung; ihre Genesis dagegen, der Process, der zu ihnen führt,
geht bei ihm verloren.
Mit der Rüksichtnahme auf pathologische Anatomie im engsten Zu-
sammenhange und als nothwendige Folge davon erscheint die Einführung
der Auscultation und Percussion in Deutschland durch Schönlein. Mind-
estens zehn Jahre lang war die Schönlein'sche Klinik fast die einzige in
Deutschland, wo man den physikalischen Erscheinungen Aufmerksamkeit
schenkte, und da der Nuzen der Untersuchungsmethode sich nicht bloss
auf einzelne neue Zeichen für einzelne Krankheiten beschränkt, sondern
von ihr aus die ganze Aufgabe der Diagnostik eine Umgestaltung erleidet
und an die Stelle der Aufsuchung vager Krankheitsnamen die Bestimmung
des anatomischen Verhaltens der Organe treten lässt, so hat auch hierin
die Schönlein'sche Klinik reformirend gewirkt.
Viel weniger, als die pathologische Anatomie, benuzte Schönlein die
Physiologie für die Klinik. Dem Namen nach vernachlässigte er sie nicht
und vergass nie , von den physiologischen Charakteren der Krankheiten
und der Krankheitsfamilien zu sprechen; aber die Deutung der Erschein-
ungen nach physiologischen Grundsäzen ist bei ihm nur rudimentär zu
finden.
Daher ist denn auch namentlich seine Nervenpathologie sehr unklar.
Das Gangliensystem mit seinen mysteriösen Functionen spielt darin die
Hauptrolle und Schönlein erhob sich hier kaum über Autenrieth , den er
in wichtigen Punkten copirt hat, namentlich in der Ansicht vom Wechsel-
fieber als Ganglienneurose , vom Abdominaltyphus als Ganglientyphus,
von den neuroparalytischen Entzündungen, die Schönlein Neurophlogosen
nannte.
Eine ausgedehntere und zum Theil übertriebene und gezwungene An-
wendung machte Schönlein von der Chemie und Electricitätslehre, während
Schönlein. 335
die übrige Physik und im Speciellen die Mechanik , die so wichtige Auf-
schlüsse geliefert hatte, von ihm ganz vernachlässigt blieb. Schönlein
war es vornemlich, der wieder den chemischen Theorien Kredit verschaffte.
Doch hat er viele seiner Ideen Reil entlehnt. Seine Vorliebe für Chemie
und Electricitätslehre führte ihn zu manchen voreiligen Hypothesen, z. B.
den Begriffsbestimmungen des Erysipel und Rheumatismus.
Die Aetiologie Schönlein's war in den Hauptpunkten vielfach Auten-
rieth entlehnt, nur mehr in's Einzelne ausgeführt. Die Ursachen stehen
bei ihm ebenso ohne inneres nothwendiges Band neben den Erschein-
ungen, wie in der gesammten altern Medicin.
Für die Therapie hat Schönlein erklekliche Verdienste, indem er die
damals allgemeine reizende Behandlung durch Antiphlogose verdrängte,
worin er namentlich den Franzosen folgte, ohne jedoch in deren Einseitig-
keiten zu verfallen; vielmehr wusste er auch von England mehrere kräftige
Mittel einzuführen (z. B. die Tinctura Colchici), und überhaupt war seine
Therapie vielmehr eine entschiedene und bestimmte, während fast alle
damaligen Aerzte auf die exspectative und symptomatische zurükzugehen
anfingen.
Schönlein schikt als Einleitung zu seinem Systeme seine allgemein- Allgemeine
pathologischen Grundsäze voran. Pathologie
Die Krankheit leitet er ab von dem Gegensaze des egoistischen indi-
viduellen Princips mit dem planetarischen. Beide sind in beständigem
Conflict. Wo das egoistische überwiegt oder dem planetarischen Princip
das Gleichgewicht hält, ist Gesundheit; im umgekehrten Falle ist Krank-
heit vorhanden. Diese Säze, so leicht sich für sie einzelne Beispiele auf-
finden lassen, sind doch auf zahlreiche concrete Krankheitsfälle nicht an-
zuwenden; zumal bei den contagiösen Krankheiten ist diese Auffassung
entweder falsch oder völlig nichtssagend. Jener Saz kann nichts weiter
als die allgemeinsten Ursachen des Erkrankens bezeichnen, nicht aber
denProcess desselben. Schönlein aber will diesen leztern selbst als einen
Kampf des individuellen Lebens gegen die äussere schädliche Potenz an-
gesehen wissen. Soll diess auch nur ein Bild sein , so war es jedenfalls
ein übel gewähltes, denn der Process der Krankheit hat fast immer eine
gewisse Selbständigkeit; er wird wohl angefacht von den äussern Ur-
sachen, besteht aber meist fort, auch wenn deren Einwirkung aufgehört hat.
Die parasitische Anschauungsweise der Krankheit, d.h. die Annahme,
dass die Krankheitserscheinungen selbst etwas von dem Individuum Ver-
schiedenes seien und einem besondern schmarozenden, im Körper wuch-
ernden Organismus angehören, ist nicht eine nothwendige Consequenz
der eben angeführten Schönlein'schen Lehre ; sie kommt vielmehr auf ein-
336 Die jüngste Umwälzung und die Entwiklung der Gegenwart.
mal herein, man weiss nicht wie, noch warum, indem Schönlein bei dem
Capitel über Contagium sagt, man könne die spontane Genese der Krank-
heit die Infusorienbildung, die contagiöse dagegen die Erzeugung der
Krankheit nennen. Wiederum soll diess ursprünglich ohne Zweifel ein
Bild sein, aber das Bild gelangt alsbald zur Herrschaft in dem System.
Wie auf der einen Seite die Lehre von der Contagion und der Er-
zeugung der Krankheit als die Spize der Krankheitsverkörperung bei
Schönlein erscheint, so kommt die andere Seite der Schönlein'schen An-
schauungsweise , die Idee von der Reaction , zur extremsten Entwiklung,
besonders in der Fieberlehre. Während ihm das eine Mal die Krankheit
ein Selbstsein, eine Existenz, ein Organismus im Organismus ist, sieht er
doch wieder die krankhaften Erscheinungen und auch ausdrüklich die
Krankheit selbst als die Aeusserungen des gegen jenen Eindringling
kämpfenden Individuums an. Diess ist ein Widerspruch, den Schönlein
in seinem Sinne nur hätte lösen können , wenn er überhaupt genau hätte
zu bestimmen vermocht, welche Symptome dem Krankheitsorganismus
zukommen und welche als die reactionären, als die Symptome des Mutter-
organismus d. h. des kranken Individuums angesehen werden sollen.
Allerdings erklärte Schönlein einzelne Krankheitserscheinungen bei-
läufig als reactionäre , namentlich das Fieber. Das Fieber ist ihm keine
Krankheit, sondern nur die Theilnahme des gesammten Organismus an
den localen Leiden, und die Form des Fiebers hängt ab von dem Grade
der Reaction. Ist die Reaction des egoistischen Princips gerade stark
genug, die Schädlichkeit zu entfernen und so die Integrität zu erhalten,
so erscheint das Fieber in einem massigen Grade als erethisches Fieber;
ist die Reaction heftiger, als noth thut, so hat das Fieber den Charakter
der Synocha; ist die Reaction zur Entfernung zu schwach, so erscheint
es als torpides Fieber. Auch diese Ansichten, wie fast alle Schönlein's,
taugen immer nur für einzelne Fälle ; die Mehrzahl der Fälle lässt sich
nicht damit vereinigen. So wie Schönlein die Synocha auffasst, müsste
sie immer nur von der Individualität abhängen, von einer zu übermässiger
Reaction geneigten Organisation; denn bei einer normalen Organisation
sieht man nicht ein, warum, die äussere Schädlichkeit gleich gesezt, nicht
immer auch die Reaction die gleiche und namentlich die angemessene,
d.h. die erethische Form sein soll. Ueberdem treten die höheren Fieber-
grade, die synochalen Formen , hauptsächlich dann ein, wenn auch die
Schädlichkeit eine vehemente ist, während bei schwachen Schädlichkeiten
gewöhnlich nur leichte Fiebergrade entstehen. Nun sollte aber offenbar
bei einer leichtern Schädlichkeit viel eher die Reaction das geringe Maass
Pathologie.
Schönlem. 337
des Nöthigen überschreiten, als bei starken Schädlichkeiten, wo ein
grosses Maass von Reaction an sich am Plaze ist.
Noch weniger haltbar ist aber Schönlein's Erklärung des torpiden
Fiebers als eines solchen, das zu schwach sei für die Entfernung der
Schädlichkeit. Hienach müsste Niemand von einem torpiden Fieber ge-
nesen können. Ferner hat Schönlein die directen Gründe des Torpors im
Fieber, wie sie wenigstens in vielen Fällen wirken, ganz übersehen. Die
Ausschwizungen im Gehirn, die eiterigen Exsudationen rufen direct Torpor
und Sopor hervor ohne das Mittelglied einer Reaction.
Durch seine ganze Anschauungsweise vom Fieber als einer consecut-
iven Symptomengruppe wurde Schönlein veranlasst, die verschiedenen
Fieber aus der speciellen Pathologie zu streichen und die Fälle, wie
Broussais und die anatomische Schule Frankreichs, unter die localen
Krankheiten unterzubringen.
Uebergehend zur speciellen Pathologie Schönlein's finden wir als we- specieiie
sentliche und am meisten gerühmte Eigenthümlichkeit die Anordnung der
Krankheiten in einem natürlichen System, d. h. in einer Classification, in
welcher nicht ein einzelnes Moment im Kranksein zum Eintheilungsprincip
genommen wird , sondern in der alle wesentlichen Krankheitsphänomene
zur Gruppirung benüzt werden sollen. Unter Krankheitsspecies fasst er
diejenigen Erscheinungen zusammen, die sich ohne Rüksicht auf Alter,
Constitutionen, Geschlecht u. s. w. des Erkrankten finden. Ist schon
hierin eine bedenkliche und unausführbare Bestimmung enthalten , so ist
der Begriff des Genus noch lokerer , indem er die wesentliche Ueberein-
stimmung der Symptome mehrerer Arten als Criterium für das Genus ver-
langt, wobei freilich die Wesentlichkeit immer nur mit einer gewissen Will-
kür festzustellen ist.
Die wichtigsten Categorien sind aber die Familien. Zur Charakter-
istik der Krankheitsfamilien wird gesehen
1) auf die Zahl der Gewebe und Gebilde, die bei der ganzen Krank-
heitsfamilie befallen werden können ;
2) auf die stetigen chemischen Producte (Kalibildung bei Erysipelas,
Säurebildung bei Rheumatismus), worauf ganz besonders Gewicht ge-
legt wird ;
3) auf die Bildung constanter und identischer Producte im Körper
(Tuberkel);
4) auf die Art und Weise, wie die Krankheiten sich erzeugen.
In allen diesen vier Verhältnissen müssen die Genera Uebereinstimmung
zeigen, wenn sie zu einer und derselben Familie gerechnet werden sollen.
Wunderlich, Geschichte d. Medicin. 22
338 Die jüngste Umwälzung und die Entwiklung der Gegenwart.
Alle Familien werden endlich in drei Klassen subsumirt, nach den drei
organischen Grundgeweben, wie sich Schönlein ausdrükt.
Die erste Klasse enthält die Morphen , d. h. die Krankheiten , die in
Veränderung des Zoogens bestehen, von dem Schönlein sagt, dass es das
Substrat des thierischen Lebens sei. Diess ist Alles, was wir von diesem
ürstoff erfahren , von dem Niemand etwas weiss , den kein Anatom kennt.
Die Familien der Morphen selbst sind so bunt, dass man sich kaum
überreden kann, sie seien ernstlich gemeint. Es sind :
1) Die Dysmorphen, angeborene Missbildungen;
2) Die Theromorphen , thierähnliche Bildungen, wobei die Grenze
zwischen der vorigen Familie schwerlich angegeben werden könnte. (Das
Curiosum, dass bei dem einzigen Genus der Theromorphen, nemlich bei der
Atresia ani in der Aetiologie angegeben ist, die Mutter des mit dieser
Theromorphe geborenen Kindes habe einen durch Condylom und adhäsive
Entzündung verschlossenen After gehabt, kommt wohl auf Rechnung des
Nachschreibers).
3) Hypertrophien;
4) Atrophien ;
5) Stenosen,
6) Ektopien ;
7) Vulnera. (Es ist somit eine Krankheit des Urstoffs, wenn man
sich in den Finger schneidet.)
Man begreift ferner nicht, wesshalb Dilatationen, abnorme Canalisat-
ionen, Verwachsungen und dergleichen hier nicht aufgeführt sind.
Die zweite Klasse betrifft die Krankheiten, in denen das zweite Grund-
gewebe des Körpers ergriffen sein soll : das Blut. Die Familien dieser
Klasse sind:
1) Die Erythrosen, unter welchen auch die Menstruatio praecox
steht ;
2) die Phlogosen, deren Charaktere sein sollen : eine raschere Be-
wegung des arteriellen Blutes in dem afficirten Organe, eine Retardation
des venösen Blutes, Vermehrung der Fibrine, erhöhte Wärme, vermehrter
Turgor vitalis, ein Plazwechsel des afficirten Organes in der Weise, dass
es die Stelle einnimmt, die ihm im Momente der höchsten physischen
Thätigkeit zukommt (Schlussfolgerung aus der einzigen, freilich anders zu
erklärenden Thatsache, dass der Hode an den Bauch heraufsteigt), so-
dann keine erhöhte Thätigkeit, sondern Beschränkung der Function, wenig
Antheil der Nerven. Bei den anatomischen Charakteren wird die Ver-
grösserung des Volums , die Zunahme der Schwere , die Erweiterung der
Gefässe, die lebhafte Röthe des Theiles, die Undurchsichtigkeit durchsieht-
Schönlein. 339
iger Organe angeführt; dagegen auf Productbildung keinerlei Rüksicht
genommen;
3) die Neurophlogosen sind eine Sammlung der mannigfaltigsten
und auf die verschiedenste Weise zu erklärenden Störungen. Es finden
sich unter ihnen die acute Gehirntuberculose und der Tetanus der Neuge-
borenen, der Croup und die Gastromalacie , die Stomacace und die Pneu-
monia notha, die Angina pectoris und der Brand der Gebärmutter;
4) die Typhen mit der Eintheilung in Cerebral-, Ganglien- und
Petechialtyphus;
5) die Cyanosen, welche mit den Typhen verwandt sein sollen. Der
chemische Charakter des Blutes dabei soll nicht mehr noch weniger als
ein Prävaliren der wässerigen Bestandtheile sein. Die einzelnen Gattungen
zeigen die Verwirrung. Es folgen neben einander Peliosis, Scorbut, Cyan-
osis cardiaca (also eine wenigstens häufig angeborene Krankheit, eine
Dysmorphe), Pulmonalcyanose, Hämophilie und Chlorose ;
6) die Hämorrhagie , deren Aufstellung als eigene Familie jedoch
nicht verhindern konnte , dass sehr eclatante Fälle von Hämorrhagie an
ganz andern Stellen untergebracht wurden;
7) die Katarrhe , bei welchen Schönlein freilich den Nachweis
schuldig bleibt , dass das Blut dabei verändert sei. Unter ihnen stehen
die Masern , das Emphysem der Lunge , sogar das interlobuläre , welches
bekanntlich meist eine cadaveröse Erscheinung ist, eine sogenannte nervöse
Hepatitis, ferner die Cholera, die Diarrhoea paralytica, die Bandwürmer
und die Aphthen ;
8) der Rheumatismus , unter welchem auch die Miliaria aufge-
zählt ist;
9) die Erysipelaceen , unter welchen nicht nur einige Schleimhaut-
krankheiten, sondern auch der Zoster und die Variolen betrachtet werden,
von welchen mindestens nicht das Familiencriterium zutrifft, dass die in
derselben Familie stehenden Krankheiten eine gleiche Erzeugungsweise
haben müssen ;
10) die Familie der Impetigines enthält die meisten chronischen
und einige acute Hautausschläge; durch die poetische Licenz, mit der
Schönlein in der Ausdichtung der Verhältnisse dieser Krankheitsformen zu
Werke gegangen ist, wurde aus denselben ein wohlgeordneter und sorg-
fältig etikettirter Garten phantastischer Gewächse.
11) In der Familie Scropheln werden die wirklichen Scropheln und
die Rhachitis zusammengeworfen, auch die Blennorrhoeen mit abgehandelt.
12) Unter den Tuberkeln wird nicht nur der Leberkrebs mit abge-
handelt, während die Tuberkeln des Darms und der Knochen mit Still-
340 Die jüngste Umwälzung nnd die Entwiklung der Gegenwart.
schweigen übergangen werden , sondern es finden sich auch manche selt-
same Genera: die Menstrualtuberkeln, Puerperaltuberkeln, die Autenrieth'-
schen Tuberkeln von kaltem Trunk, exanthematische, impetiginöse, arth-
ritische, angeerbte Tuberkeln.
13) Neben den Tuberkeln erscheint sofort in diesem natürlichen
System noch eine Familie der Phthisen.
14) Die Colliquationen enthalten zugleich den fluor albus.
15) Die Familie der Hydropsien enthält unter andern den Ascites
psoricus und den Echinococcus der Leber.
16) Unter den Dyschymosen finden sich neben Icterus und Uro-
dialysis die Dysmenorrhöen.
17) Die Familie Arthritis nimmt auch die Hämorrhoiden mit auf.
18) Unter den Carcinomen ist der feste Krebs ganz vergessen, zum
Ersaz dafür aber das Aneurysma abgehandelt.
Die dritte Klasse beschäftigt sich mit den Störungen des dritten Grund-
gewebs, der Nerven, und handelt die Intermittentes , die Neuralgien und
Neurosen ab.
Ein Missgriff des Nachschreibers war es wohl nur, dass die ohne Zweifel
als im System nicht unterzubringender Anhang gemeinte Abhandlung über
Tripper und Schanker zur vierten Familie der Nervenkrankheiten ge-
worden ist.
schöniein's Schönlein hat niemals etwas von sich druken lassen, ausser seiner
Dissertation über die Hirnmetamorphose 1816 und einem Brief in Müller's
Archiv über die Tripelphosphatcrystalle im Stuhle der Typhösen. Alles,
was sonst von ihm in die Oeffentlichkeit gelangte , wurde durch seine
Schüler vermittelt, ohne Zweifel häufig in sehr incorrecter Weise und es
war daher leicht für seine Anhänger, den Unverstand der Editoren vorzu-
schieben, wo die Lehre des Meisters unhaltbar schien. Nichtsdesto-
weniger darf angenommen werden, dass das gedrukteHeft der allgemeinen
und speciellen Pathologie und Therapie, die Lehre von den Typhen (1840)
und die klinischen Vorträge nach Güterbock's Redaction ein ziemlich ge-
treues Bild seiner Lehre geben.
Er selbst hat wohl verschiedene Stadien seiner Entwiklung durchge-
macht. Seine Würzburger Periode war ohne Zweifel die anregendste und
frischeste, der Contrast seiner klinischen Schule mit allen andern Deutsch-
lands am grössten; zugleich trat aber in dieser Periode der theoretische
Theil seiner Lehre am entwikeltsten hervor und es ist anzunehmen, dass
auch die Umgebung in dieser Richtung mitwirkte. In Zürich wurde der
theoretische Schmuk bereits abgeworfen und Schönlein erscheint als ein
einsichtsvoller , mit den Leistungen des Auslandes vertrauter Practiker,
Wirksamkeit.
Schönlein. 341
bei welchem von Krankheitsparasitismus nicht mehr die Rede ist, sondern
nur die Neigung zu abgerundeten Krankheitsbildern, die Trennung der
topischen und reactionären Symptome , die Tendenz zu mehr streng form-
ulirten und fertigen, als exacten und die Möglichkeiten offen lassenden
Diagnosen, das Anwenden von angeblich specifisch wirkenden Mitteln und
zugleich der Schwung der Combination den früheren Idealtheoretiker ver-
räth. Schönlein stand hier im Zenith seiner Grösse.
In der Berliner Periode dagegen ist eine Abnahme der Originalität
nicht zu verkennen. Als grundgescheidter Mann hat Schönlein offenbar
sich nicht verborgen , dass seine früheren Ideen sich überlebt hatten und
dass selbst der Positivismus, der in Zürich noch bewundert wurde, zu
dürftig und unvollkommen war, als dass er neben den Fortschritten der
Zeit sich noch halten konnte. Schönlein hat daher sich aus den indess
aufgekommenen exacteren Richtungen jüngere Kräfte attachirt, die er,
obwohl ihre Richtung seiner eigenen zum Theil völlig entgegengesezt war,
nicht nur zu beschüzen und zu fördern , sondern auch zu benüzen wusste,
um dadurch selbst noch auf der Höhe der neuen Zeit sich zu erhalten.
Anfänglich war es vornemlich die chemische Richtung, die er an sich her-
anzog, bald auch die microscopische und schliesslich die pathologisch-
anatomische , die experimentelle und die neuere Entwiklung der physik-
alischen Diagnostik (Simon, Remak, Güterbock, Virchow, Traube).
Schönlein hat zahlreiche, zum Theil enthusiastische Anhänger gefunden, schöniem-scho
Vornemlich gingen aus der Würzburger Periode solche hervor, während schuier.
in der Züricher und noch weniger in der Berliner Zeit er eigentlich nicht
mehr Schule gemacht hat.
Dass in der Würzburger Periode seine Lehre eine vielfach hinreissende
Wirkung hervorgebracht hat, mag einerseits in dem ideellen Charakter
und der Geschlossenheit des Systems seinen Grund haben, andererseits
aber gewiss auch in der fast überall in Deutschland damals vorhandenen
Entartung der Wissenschaft. In Schönlein's späterer Periode traten bei
ihm selbst die Elemente zurük, die im Stande sind, blinde Enthusiasten zu
loken und die nüchterne reelle Richtung, welche mit der Autorität sich
nicht verträgt, kam zum Uebergewicht. Bei der Besserung der übrigen deut-
schen medicinischen Zustände minderte sich überdem der Contrast, der
der Schönlein'schen Klinik bis dahin so viel Bewunderer zugeführt hatte.
Es ist nicht zu bezweifeln , dass die Schönlein'schen Schüler auch aus
der Würzburger Zeit viele nüzliche Kenntnisse und Anregungen mit fort-
nahmen, welche ihnen eine Prävalenz über die grosse Mehrzahl ihrer Zeit-
genossen gaben. Aber die lautesten unter den Schülern begnügten sich nicht
342 Die jüngste Umwälzung und die Entwikluug der Gegenwart.
mit diesem Vorzug. Vielmehr fingen sie an, die theoretischen Seiten ihres
Meisters, wohl mehr als er selbst ertragen konnte, auszubeuten und
auszubauen.
Nosoiogisten. Es war zunächst der strenge Nosologismus , der die Classification als
die lezte Aufgabe der Wissenschaft ansieht und der eines der wesentlich-
sten Verdienste Schönlein's in seinem sogenannten natürlichen Systeme
suchte. Diese Seite liebte es, der Schule den Namen der naturhistorischen
zu vindiciren. Man blieb aber nicht bei dem Schönlein'schen System
stehen, sondern indem man an ihm ausbesserte, es zu reinigen und auf
strengere Principien zurükzuführen trachtete, es immer natürlicher zu
machen suchte , trat die Unnatur dieses ganzen Verfahrens nur um so an-
schaulicher hervor.
In dieser Richtung entwikelte namentlich Eisenmann eine grosse
Thätigkeit und legte in seinen vegetativen Krankheiten 1835, sodann in
mehreren Monographien über Kindbettfieber , Typhen , Pyren , Cholosen,
Rheumen die Affectionen in die Fesseln seines Systems. Er theilt die
Krankheiten in Krankheiten 1) der Crystallisation (Morphonosen),
2) der Vegetation und zwar a) Nosen mit den Ordnungen Parapoesen,
Parablasten, Paraphyten, Parazoen, b) Toxen, 3) des Nervensystems
(Neurosen).
Ein ganz ähnliches classificatorisches Spiel hat Fuchs in Göttingen
getrieben (in seinem Werke über Hautkrankheiten und in dem Lehrbuch
der speciellen Nosologie und Therapie 1845).
parasitiker. Eine zweite theoretische Seite der Schönlein'schen Lehre, welche
von seinen Anhängern aufgegriffen und weiter ausgebildet wurde , war die
parasitische Natur der Krankheit. Auch hier steht Eisenmann oben an,
neben ihm Jahn (Ahnungen einer allgemeinen Naturgeschichte der Krank-
heiten 1828), Stark (Allgemeine Pathologie 1838), ferner Volz, Häser
und andere. Schönlein's Gedanke, dass die Krankheit ein wuchernder Aus-
wuchs auf dem Körper sei, kam bei dieser Richtung (den Parasitentheoret-
ikern) zur extremsten Ausbildung. Die Krankheit, ja alle Krankheiten sind
denselben etwas dem Organismus Fremdes, Eingedrungenes, eine am Körper
schmarozende Afterorganisation. Die Natur, sagt Volz, kennt keine Krank-
heiten, nur Organismen; was man bisher Krankheiten hiess, sind nur
niedere Organismen, die den höheren aufgedrungen sind.
Die Krankheit entsteht nach dieser Theorie gleich allen übrigen Organ-
ismen entweder durch Generatio aequivoca oder durch Zeugung. Einzelne
nehmen in lezterem Fall als den männlichen Factor die Gelegenheits-
ursache, als den weiblichen die Krankheitsanlage des Individuums an. —
Einmal geboren macht die Krankheit die gleichen Phasen der Entwiklung
Schönlein'sche Schule, 343
und Abnahme durch, wie die andern Organismen. Ihr Leben sei zwar,
soviel gibt man zu, etwas eigenthümlich, es sei traumähnlich. Die Krank-
heit stirbt zulezt, theils aus Altersschwäche und überwunden durch die
Kräfte des Mutterorganismus, theils gewaltsam durch die Medicamente
des Arztes. Der Leichnam der Krankheit wird aus dem Mutterorganismus
in Form der Crisen entfernt. Noch mehr : die Krankheit, d. h. der Parasit
kann auch selbst erkranken und die Irregularitäten des Verlaufs beruhen
darauf.
Eine dritte theoretische Vorstellung steht mit der parasitischen zum Physiater.
Theil in Connex: die physiatrische Richtung. Jahn (die Naturheilkraft
1831 und System der Physiatrik 1835) und Stark (allgemeine Patho-
logie) sind ihre Vorkämpfer. Die Annahme einer mit einer vollkommenen
Zwekmässigkeit handelnden und gegen den eingedrungenen Parasiten
kämpfenden Naturkraft ist ihre Fundamentallehre. Bei einer Verwundung,
meint Jahn, reagire das Blutsystem aufs kräftigste, wie gereizt stürze das
Blut herbei, arterielles und venöses, kehre um und ströme der Stelle zu,
wo die Verlezung stattgefunden habe. Das Leben der Arterienenden
werde übermässig, reisse selbstisch auftretend die Herrschaft an sich, das
Blut in der Arterie strebe sein Reich zu erweitern, ein neues Herz und
neue kiemenartige Lungen zu bilden. Ein ähnlicher Vorgang sei im Fieber,
es sei ein Aufschwung des Lebens, eine Potenzirung des allgemeinen
neueren Nutritionsprocesses etc.
Die Schönlein'sche Lehre hat aber auch von Anfang an manche Geg- schöniein's
ner gefunden und Gegner von verschiedener Färbung. Die alte symptom- Gegner.
atische Medicin hat theils den Maassstab ihrer Voraussezungen an sie
gelegt und sie danach verworfen, theils auch da und dort einzelne wirk-
liche Schwächen zu entdeken vermocht. Der hartnäkigste Kämpfer für
die alte Schule gegen die Schönlein'sche Lehre war Conradi in Göttingen.
Ein weit begabterer Gegner, mächtig zugleich durch seine Stellung
als dominirender Arzt eines grösseren Staates, noch mehr gefährlich
durch die Verbindung mit der römischen Kirche und allen ihren offenen
und geheimen Kräften war Ringseis in München, der in seinem System
der Medicin 1841, einem Werke von ebensoviel Geist und Dialektik, als
Verkehrtheit und mönchischem Eifer, einen heftigen Angriff auf die Schön-
lein'sche Lehre machte.
Doch die Zeit war vorbei, in welcher das Predigen zur Umkehr, sei
es zur alten Medicin des symptomatischen Eklekticismus, sei es zur mittel-
alterlichen Mystik, den raschen Lauf der Dinge hemmen konnte. So viel
angreifbare Punkte die Schönlein'sche Lehre enthielt, so war weder ein
344
Die jüngste Umwälzung und die Entwiklung der Gegenwart.
Conradi, noch ein Ringseis, auch wenn sie hinwiesen auf die unausbleib-
lichen Erfolge des Angriffs , im Stande , die Geister unter ihre Fahne zu
loken, und der Triumph Schönlein's oder seiner Schüler über diese Gegner
war so vollkommen und so entscheidend, dass es eine kurze Zeit den An-
schein haben wollte, als werde die Schönlein'sche Schule die herrschende
in Deutschland und als müssten alle klinischen Anstalten nur Schönlein'-
schen Schülern anvertraut werden. Ausser Berlin kamen durch neue Be-
sezungen Göttingen, Jena, Giessen, Erlangen, Heidelberg, Zürich in ihre
Hände.
Fast plözlich aber und mitten in der Siegestrunkenheit derParthei trat
ein Umschlag ein , in Folge dessen binnen wenigen Jahren diese Doctrin
wieder beinahe völlig auf allen Lehrstühlen wie aus den Anschauungen
der Aerzte überhaupt verschwunden ist.
Einzelne Leb-
enszeichen
in d er
deutschen
Medicin.
Gegenstände der
Bearbeitung.
Badeliteratur.
Cholera.
Psychiatrie.
Der regere Sinn, den die Schönlein'sche Schule offenbar in medicin-
ischen Dingen in Deutschland wieder herstellte, hat übrigens auch ausser-
halb der Kreise der Schule bethätigend gewirkt. Da und dort fingen die
Praktiker an, sich wieder mehrfach mit pathologischen und therapeutischen
Fragen zu beschäftigen, ihre Erfahrungen preiszugeben und eine grosse
Anzahl von Journalen, auch einzelne monographische Arbeiten gaben Be-
weis , dass wieder ein wissenschaftlicheres Streben in der Medicin Plaz
griff. Freilich waren es grösstentheils sehr verunglükte Versuche. Das
breitgetretene Thema der Solidar- und Humoralpathologie, ideelle Phan-
tasien und geistreich klingende Deutungen der Processe und Einzelbeob-
achtungen ohne Verständniss und ohne Bekanntschaft mit dem bereits
anderwärts Erreichten füllten die Blätter. Vielfach waren es allgemeine
Fragen, sodann die verschiedenen Formen von Fieber und ihr Verhältniss
zum Typhus, die Ruhr, die acuten Exantheme, die Venosität, die
Scropheln und einige Nervenkrankheiten , um was gestritten wurde. So-
dann excedirte die Schreibelust ganz besonders in der Badeliteratur,
welche in jener Zeit eine sehr üppige Entwiklung nahm, freilich aber nicht
überall ein vortheilhaftes Zeugniss über den allgemein wissenschaftlichen
und technischen Bildungsgrad in ärztlichen Kreisen geliefert hat.
Vornemlich aber brachte der Einbruch der Cholera in Europa von
1831 — 38 eine Fluth von Elaboraten zuwege, welche jedoch ganz den
Charakter der Zeit trugen, auf Untergeordnetes den Hauptwerth legten,
mit vielen Voraussezungen die Facta verunreinigten und die wesentlich-
sten Punkte übersahen.
Eine speciellere Cultur von einzelnen Gebieten der praktischen Medicin
war gleichfalls kaum zu bemerken. Die Psychiatrie wurde zwar von einer
Die deutsche Medicin vor der Wendung.
345
Anzahl an sich recht wohlmeinender und begabter Männer und in einer
Art von gemeinschaftlichem Streben gepflegt. Aber theils ideal-psycho-
logische Vorurtheile, theils besonders die Localisation der meisten Krank-
heiten in den Unterleib bei fast gänzlicher Unbekanntschaft mit den im
Gehirn vorkommenden anatomischen Störungen hinderten den Fortschritt
auch hier und brachten ein Sichgehenlassen in nuzlosem und durch geist-
reiche Phrasen aufgepuztem Gerede zustande.
Nächstdem hatte die Augenheilkunde besonders durch Himly in Gott- Augenheilkunde.
ingen und durch Jäger und Rosas in Wien einigen Impuls bekommen.
Der Schüler von Jäger und Schönlein, Sichel, versuchte die Ophthalmia-
trik nach den Voraussezungen der Schule zu doctrinarisiren und mit der
strengen Gliederung seiner Augenkrankheitsspecies zuerst den Franzosen
zu imponiren.
In der Chirurgie wurde im Verhältniss zu den Leistungen des Aus-
landes sehr wenig zustandegebracht, obwohl Deutschland es nicht an
guten Operateurs fehlte. Auch hier machte das Definitionen- und Ein-
theilungswesen jede gesunde Anschauung unmöglich.
Die Orthopädie mit ihrer Maschinenarmatur hatte namentlich durch
Heine in Würzburg (1816) einen Impuls bekommen, der jedoch nicht
allenthalben zur wahren Förderung diente.
Am meisten unter den praktischen Fächern hat in Deutschland die
Geburtshilfe Glük gehabt. Auf diesem abgegrenzten Gebiete waren
durch Boer in Wien (gest. 1835) naturgemässe Einsichten hergestellt
und eine Anzahl tüchtiger Techniker ging aus seiner Schule hervor, währ-
end durch die Kämpfe zwischen ihnen und dem hauptsächlichsten Gegner,
Fr. B. Osiander, dem Vertheidiger der ausgedehntesten Kunsthilfe, eine
Menge specieller Punkte aufgeklärt wurde.
In einem höchst verkünstelten Zustande verblieb die Arzneimittel-
lehre. Sie war der Turamelplaz inhaltsloser Redensarten und der Lieb-
lingsgegenstand aller derer, welche ohne positive Kenntnisse das Bedürf-
niss zu Expectorationen hatten. Das Handbuch der Arzneimittellehre
von Sobernheim 1836, obwohl von einem reinen Compilator stammend,
hat historisches Interesse, weil es als treuer Spiegel die zur völligsten
Carricatur gewordene und dabei immer auf Stelzen wandelnde deutsche
Medicin jener Periode wiedergibt. Das Handwörterbuch der prakt-
ischen Arzneimittellehre von Sachs (und Dulk) in Königsberg 1830
leistet dasselbe nur in weniger bündiger und ungleich mehr langweiliger
Form.
Das Aufkommen einer eigenen Literatur für Wasserheilkunst gab
endlich Gelegenheit, jeden Typus der Entartung der Beschäftigung mit
Chirurgie,
Orthopädie.
Geburtshilfe.
Arzneimittel-
lehre.
Hydropathie.
346 Die jüngste Umwälzung und die Enfrwiklung der Gegenwart.
medicinischen Angelegenheiten in jener Zeit repräsentirt zu finden. Der
unterste Abhub dieser Wasserliteratur nämlich, zumal so lange sie die
Alleinherrschaft in der Medicin zu erlangen suchte, übertrifft an Scheuss-
lichkeit und Blödsinn alles, was jemals in irgend einem Jahrhundert in
dem Gebiete der medicinischen Volksverdummung producirt worden ist.
Selbst die fanatischsten Homöopathen haben hier ihre Meister gefunden
und nur die Polemik gegen die Schuzpokenimpfung hat theilweise die
Ebenbürtigkeit erreicht.
Die deutsche Indessen hatten auf einem Gebiete der Erforschung der menschlichen
Physiologie. Natur, welches früher in der engsten Verbindung mit der Medicin ge-
wesen, in der Zeit der theoretischen Vergeilung der lezten sich von der-
selben zurükgezogen hatte, — es hatten auf dem Gebiete der Physio-
logie sich neue Elemente gesammelt, in welchen die Keime zu einer
raschen Umgestaltung der Verhältnisse reiften.
Die Physiologie war es, in der man zuerst den Ernst, den Werth und
die Notwendigkeit der reinen Thatsachen in Deutschland wieder er-
kannte. Die factische Richtung machte sich anfangs jedoch nur in ver-
einzelten Specialuntersuchungen geltend, welche besonders in dem Archiv
für die Physiologie niedergelegt wurden, das von Reil begonnen und
später in Gemeinschaft mit Autenrieth herausgegeben (1796 — 1815),
von da an fortgesezt von Meckel (1815 — 23), darauf mit verändertem
Titel Archiv für Anatomie und Physiologie (1826 — 32) redigirt wurde
und dem sich als weitere Fortsezung von 1834 an das Müller'sche Archiv
anschloss.
Rudolph). Zum erstenmal fasste das vorhandene thatsächliche Material Karl
Rudolphi zusammen in seinem Grundriss der Physiologie 1821 — 28.
Die physiologischen Thatsachen sind darin mit kritischer Nüchternheit zu-
sammengestellt; nach Kielmeyer's Vorgang wird die vergleichende Ana-
tomie und Physiologie aufs umfassendste benüzt; Hypothesen werden aufs
strengste ausgeschlossen , ebendamit fällt aber auch die Betrachtung des
empirischen Materials nach umfänglichen Gesichtspunkten weg, wird so-
gar gewissermaassen perhorrescirt. Die Anwendung und Ausdehnung
der physiologischen Schäze auf die Pathologie wird nirgends versucht.
Alles ist noch unzusammenhängend, unvermittelt; der Zwek nur des-
criptiv.
Burdach. Ein weit umfassenderer Plan lag dem grossen Werke von Burdach
(die Physiologie als Erfahrungswissenschaft, 5 Bände, 1826 — 1835) zu
Grunde. Ein ausserordentlich mannigfaltiges und reiches Material wurde
für dasselbe gesammelt, doch fehlte die kritische Sichtung. Philosoph-
Joh. Müller. 347
ische Hinneigungen bestimmten wenigstens die Form des Werks, zumTheil
auch die Beurtheilung der Facta. So grossartig die Conception und die
Ausführung des Werkes ist, so ist doch sein directer Einfluss auf die
Medicin ein geringer gewesen.
Auch einige monographisch-physiologische Arbeiten haben in dieser Detaiueistungeu.
Zeit das Herandrängen einer neuen Auffassung angekündigt. Die Unter-
suchungen von Tiedemann und Gmelin über die Verdauung (1826),
die von Joh. Müller zur • vergleichenden Physiologie des Gesichtssinns
(1826), später die von E. H. Weber über Puls, Resorption, Gehör und
Tastsinn (1834) und von Ed. und Wilh. Weber über die Mechanik der
menschlichen Gehwerkzeuge (1836) waren Arbeiten von so rein wissen-
schaftlichem und positivem Charakter, wie man sie in Deutschland bis
dahin noch nicht gekannt hatte.
Den Beginn einer neuen Epoche der deutschen Physiologie bezeichnet Joh. Minier.
aber das Erscheinen von Joh. Müll er 's Handbuch der Physiologie des
Menschen (erste Lieferung 1833). Die jezige medicinische Generation
kann niemals genug schäzen, was sie diesem Werke verdankt.
Das vorhandene positive Material wurde von Müller mit der äussersten
Vollständigkeit, Klarheit und Einsicht dargelegt und gewissermaassen
dem allgemeinen Gebrauche erst zugänglich gemacht. Die Methode der
Darstellung und der Argumentation war eine so vollendete , dass sie als
Muster für die Naturforschung dienen konnte; während dieselbe überall
streng an das Thatsächliche sich hält und nur dieses als maassgebend
anerkennt, sind ihr die höchsten Fragen doch nicht fremd und sie wagt
sich an dieselben mit einer streng philosophischen, aber durch dieJJebung
in dem factischen Gebiete erprobten Logik.
Vornemlich hat J. Müller dem Mechanischen im Organismus überall
sein Recht gegeben und dadurch den Sinn für mechanische Auffassung
in Deutschland geradezu erst geschaffen oder gewekt. Auf zahlreichen
Punkten hat er selbst durch ingeniöse Untersuchungen und scharfsinnig
ausgedachte Experimente die Wissenschaft weiter gebracht, auch hiebei
überall die strengste Methode befolgend.
Weiter aber hat er allenthalben die Verknüpfung der Physiologie mit
der Medicin hervorgehoben und seinerseits den Versuch gemacht, auf
einzelne zunächst liegende Gebiete der lezteren das Licht der Physiologie
wirken zu lassen. Hieher gehören seine Excurse über die Entzündung,
die Exsudation, das Fieber, die Krämpfe, die Wirkungen der Arzneimittel.
Hat er in dieser Hinsicht auch nicht allenthalben das Richtige getroffen,
so hat er doch zündend gewirkt.
348
Die jüngste Umwälzung und die Entwiklung der Gegenwart.
Die Lehre vom
Blut.
;Die Nerven-
physik.
Joh. Müller ist für die medicinische Wissenschaft Lehrer, Muster und
Anreger gewesen, Lehrer, indem er sie bekannt machte mit einem grossen
bis dahin fast vergessenen factischen Gebiete, Muster in der Methode der
Forschung, und Anreger, indem er Ideen und Facta ihr geboten hat, welche
die fruchtbarste Anwendung zuliessen.
Mit Müller begann auch in Deutschland die Wechselwirkung der
Physiologie und Medicin, welche je inniger sie wird und je mehr sie zu
einer völligen Durchdringung gelangt, für beide Wissenschaften um so
wohlthätiger sein muss. Zwar hat es neben Müller in Deutschland noch
manche bekannte Physiologen gegeben, aber ihr Einfluss auf die Medicin
ist nicht eben erspriesslich gewesen ; andere tüchtige Physiologen haben
geradezu sich von der Medicin mit einer Art von Widerwillen und Ge-
ringschäzung abgeschlossen. Aber jene werden allmälig stille und diese
bekehrt, und man kann sagen, dass seit Müller und durch seinen Geist
bestimmt, die ganze deutsche Physiologie einen solchen Charakter ge-
wonnen hat, dass die Pathologie sich mit dem höchsten Nuzen an
sie anlehnen und Methode und Grundsäze von ihr adoptiren kann.
Im Speciellen hat jedoch Müller vornemlich gerade nach drei Seiten
hingewirkt , welche den wichtigsten Bedürfnissen der Medicin entsprachen
und er hat dadurch in der Pathologie den reellen Anbau gerade der ein-
flussreichsten und fundamentalsten Gebiete eingeleitet und herbeigeführt.
Der erste Abschnitt des ersten Buchs von Müller's specieller Physio-
logie handelt von dem Blute. Erst durch diese Darstellung, durch die
geordnete Methode und manche darin beigebrachten originellen Forsch-
ungen wurde die Lehre vom Blute geklärt und dadurch auch für die
humoralpathologischen Anschauungen endlich eine reelle und von den
bisherigen Vorstellungen völlig abweichende Grundlage gewonnen. Bei
dem ungemeinen Einfluss, welchen die humoralen Vorstellungen laut oder
im Stillen jederzeit auf den Ideengang der Aerzte gehabt haben, war
diese Reinigung der Lehre vom Blute und die Zurükführung derselben
auf das Thatsächliche vom äussersten Gewinn für ein correcteres medicin-
isches Denken.
Mit besonderer Vorliebe und grosser Sorgfalt hat J. Müller das dritte
Buch seiner speciellen Physiologie ausgearbeitet, dem er die Ueberschrift
gab: Physik der Nerven, schon durch diesen Titel den völlig veränderten
Standpunkt und die neue Methode anzeigend. War diess auch ein
Gegenstand, der bei seiner Unermesslichkeit und bei den verwikeltsten
und mannigfaltigsten Beziehungen unmöglich durch die erste gründliche
Bearbeitung auch nur zu einem theilweisen Abschluss gelangen konnte,
so unterscheidet sich doch die Müller 'sehe Nervenlehre aufs vortheil-
Joh. Müller. 349
hafteste von dem, was noch Magendie und was die Engländer ziemlich zu
gleicher Zeit gegeben hatten. Müller hat mit der grössten Präcision die
ganze Grundlage geliefert, in welche die spätem zahlreichen specielleren
Entdekungen nur eingetragen werden durften, und er hat zugleich die
Wege gezeigt, aufweichen man mit Notwendigkeit auf bedeutende Funde
gelangen musste. In der That hat er den Impuls zu einer äusserst leb-
endigen Thätigkeit in diesem Gebiete gegeben, und wenn auch hinter den
physiologischen Leistungen auf demselben die zugleich damit begonnenen
und ohne Unterbrechung fortgesezten Versuche, auch die pathologischen
Thatsachen festzusezen und begreiflich zu machen (Romberg, Hirsch, Henle,
Stilling, Spiess, Türk) an exacten Resultaten erheblich zurükstanden , so
lag diess in der Natur der Sache und in den unendlich schwieriger zu-
gänglichen und verwikelteren Verhältnissen der pathologischen Thatsachen.
Das dritte Gebiet, für welches Joh. Müller weite Pforten eröffnet und Die Histologie, x
die Wege der Forschung angebahnt hat, ist die microscopische Histologie.
Bis dahin war dieselbe zwar mit Eifer von Einzelnen , aber fast planlos
und ohne leitende Principien gepflegt worden. Am meisten hatten für sie
Purkinje und Berres gewirkt. Ausserdem waren das Blut und die Excrete
vielfachen Untersuchungen unterworfen worden. Erst durch Müller aber
kam Methode in die Forschung (de glandularum secernentium structura
penitiori 1830). Vornemlich aber waren es die aus seiner Schule hervor-
gegangenen microscopischen Untersuchungen über die Uebereinstimmung
in der Structur und in dem Wachsthum der Pflanzen und der Thiere von
Schwann 1838, welche durch die Zurükführung des elementaren Baues
auf die Zellen und durch die Hinweisung, dass alle Organismen und alle
Organe aus Zellen sich bilden , eine neue Epoche für die Histologie be-
gründeten und die Untersuchung der genetischen Verhältnisse in den
Vordergrund treten Hessen.
Von da an nahm die eifrigste microscopische Untersuchung der Ge-
webe und ihrer Entwiklung zunächst im normalen Zustand ihren ununter-
brochenen Fortgang.
Zugleich wurde aber auch von Joh. Müller die pathologische Gewebs-
lehre eröffnet in der Schrift: über den feineren Bau der krankhaften Ge-
schwülste 1838, in welcher nicht nur die Geschwulstbildungen genauer
beschrieben, schärfer bestimmt und gewissermaassen mittelst der micros-
copischen Prüfung revidirt wurden, sondern auch eine Anzahl neuer
Formen entdekt worden ist. Von dieser Schrift an ist namentlich die
Krebsfrage ein Centralpunkt der microscopischen Forschung geblieben
und hat zahlreiche weitere auf die Genese der Neubildungen überhaupt und
auf die Weise ihrer Entwiklung bezügliche Untersuchungen hervorgerufen.
auf die
Mediciu.
350 Die jüngste Umwälzung und die Entwiklung der Gegenwart.
Der pathologischen Microhistologie bemächtigte sich alsbald eine
Anzahl geschäftiger Hände, die meist ohne gründliche Anschauung in der
groben pathologischen Anatomie um ein Kleines diese ganze Forschungs-
methode wieder in Misscredit gebracht hätten. Erst als nach einigen Jahren
erfahrene pathologische Anatomen die pathologische Microhistologie in
die engste Verbindung mit der gesammten Pathologie zu sezen wussten
(Reinhardt, Virchow, Meckel und einige Oesterreicher) , wurde sie zu
einem nicht mehr zu entbehrenden Forschungsmittel, von welchem grosse
Aufschlüsse geliefert worden und noch grosse zu erwarten sind.
EinAuss Müiier's So ist also von der Müller'schen Schule aus nach mehreren Richt-
ungen hin die Medicin mit exacten Forschungen befruchtet worden. Sie
hat von ihr Keime erhalten, welche eine reiche Zukunft in sich tragen und
welche auch nicht zögerten, sich rasch zu entwikeln.
Nichtsdestoweniger blieb der Einfluss Müiier's auf die eigentliche
Medicin eine geraume Zeit hindurch ein sehr beschränkter und kaum be-
merklicher. Er hat erst angefangen hervorzutreten, als Müller bereits
andersartigen Forschungsobjecten sich zugewendet hatte.
Die Arbeiten, zu denen Müller den nächsten Anstoss gegeben hatte,
zeigten in gewissem Sinne einen exclusiven Charakter. Sie waren nicht
für Jedermann; sie hatten namentlich nicht die unmittelbar praktische
Verwendbarkeit. Der Grund davon lag nicht allein darin , dass sie ge-
wisse ganz specielle Kenntnisse und technische Fertigkeiten voraussezten,
die bei dem practischen Arzt nicht vorhanden zu sein pflegen, die ihm
auch nicht zugemuthet werden können, aber ohne welche doch Autopsie und
daher richtiges Verständniss jener Arbeiten nicht zu erlangen war, dass
also gewissermaasen diese Forschungen zu hoch für den Praktiker waren.
Sondern die Ursache des restringirten Charakters der meisten dieser
Untersuchungen lag auch noch darin, dass sie von Männern gemacht
wurden, denen die Pathologie selbst kein geläufiges und durch tägliche
Beschäftigung gewohntes Gebiet war, die vielmehr Kranke und Krank-
heiten grösstenteils nur aus Büchern und Reminiscenzen kannten, ja
denen selbst in der pathologischen Anatomie massenhafte Anschauungen
völlig abgingen.
Erst nachdem die von Müller angeregte Weise der Forschung von
wirklichen Pathologen in die Hände genommen und weiter geführt wurde,
hat sie angefangen wirklich Früchte zu tragen.
Die versuche der Noch von einem andern ausserhalb der Medicin stehenden Gebiete
Chemiker, die WQr(je <jer Versuch gemacht, die Heilkunde mit einer Reform zu
Mediciu zu
reformiren. beschenken.
Liebig. 351
Im Giessener Laboratorium wurde das kühne Project concipirt, ohne
Kenntniss von den Krankheiten mittelst chemischer Formeln die Patho-
logie wissenschaftlich zu machen.
Lieb ig, nachdem sein Versuch, die Pflanzenphysiologie und Agri- Liebig.
cultur aufzuklären, bei Dilettanten mit grossem Applaus aufgenommen
worden war (1840) und er schon hiebei seine Ideen über Gift, Contagien
und Miasmen angefügt und dieselben auf einen Gährungsvorgang zurük-
zuführen versucht hatte, unternahm es sofort, seine organische Chemie
auch auf Physiologie und Pathologie anzuwenden (1842). Er gibt einige
allgemeine Säze, z.B.: „Krankheit entsteht, wenn die Summe von Lebens-
kraft, welche alle Ursache von Störungen aufzuheben strebt, kleiner ist,
als die eintretende störende Thätigkeit." Ferner: „wenn in Folge einer
krankhaften Umsezung ein grösseres Maass von Kraft erzeugt wird, als
zur Hervorbringung der normalen Bewegung erforderlich ist, so zeigt sich
diess in einer Beschleunigung aller oder einzelner unwillkürlicher Beweg-
ungen, sowie in einer hohem Temperatur des kranken Körper theils (!):
diess ist Fieber. Bei einem Uebermaass von Krafterzeugung durch Stoff-
wechsel überträgt sich die Kraft, da sie nur durch Bewegung verzehrt
werden kann , auf die Apparate der willkürlichen Bewegung : diess heisst
Fieberparoxysmus. Gelingt es dem Arzt, die Einwirkung des Sauerstoffs
im Blute auf den kranken Körpertheil so weit zu, vermindern, dass die
Lebensthätigkeit des Leztern, sein Widerstand, die chemische Action nur
etwas überwiegt und geschieht diess, ohne den Functionen der andern
Organe eine Grenze zu sezen, so ist die Wiederherstellung gewiss."
Einige wohl für Laien berechnete halbwahre Beispiele mussten diese
kühnen Säze stüzen. Gleichzeitig damit haben Liebig'sche Schüler
andere Punkte der Pathologie chemisch aufzuklären gesucht. Hoffmann
(das Protein und seine Verbindungen in physiologischer und nosologischer
Beziehung, 1842) erklärte das Vorkommen der Rhachitis im Salz-
burg'schen von dem Sauerkrautessen daselbst, und Scherer deutete die
Wirkung des Tartarus emeticus in der Pneumonie aus seinem Gehalt an
Weinstein.
Die Medicin musste unendlich gesunken sein, wenn man wagte, ihr
solche Dinge zu bieten. Allein Liebig kam zu spät. Die Zeit, wo er
hätte Glük machen können mit seinen chemischen Hypothesen, war
vorbei, und mit weniger, kaum zurechnungsfähiger Ausnahme wandte
man ihm den Rüken oder ignorirte ihn. Es hätte kaum der eingehenden
und theilweise fast humoristischen Kritik von Kohlrausch (Physiologie
und Chemie in ihrer gegenseitigen Stellung, 1844) bedurft, um die
Liebig'sche Invasion völlig unschädlich zu machen. Nur in den Vorstell-
352
Die jüngste Umwälzung und die Entwiklung der Gegenwart.
ungen einiger naiver Aerzte in Bezug auf die therapeutischen Indicationen
haben sich noch eine Zeitlang die groben chemischen Voraussezungen
erhalten.
Die Einführ-
ung der aus-
ländischen
Leistungen
und die Kritik.
SchiU.
Hasse.
Laue.
Lehmann.
Hatten in den besprochenen Bewegungen mehr oder weniger fremd-
artige Wissenschaften der Heilkunde ihre Dienste geliehen oder doch an-
geboten, so regte sich doch auch in dem Schoosse der deutschen Medicin
selbst etwas von richtigem Verständniss.
Da und dort drang man darauf, doch endlich von den Fortschritten
der Franzosen und Engländer Notiz zu nehmen. Niemand hat diess mit
vollständigerer Kenntniss der ausländischen Literatur gethan als Schill in
Tübingen, welcher in seinem Grundriss der pathologischen Semiotik 1836,
in seiner Monographie über die Irritation 1838 und in seiner allgemeinen
Pathologie 1840 der warme Apostel der ausländischen, namentlich
englischen Medicin für Deutschland geworden ist, ohne irgendwie seine
Selbständigkeit dabei aufzugeben. Er war schon 1839 gestorben.
Auch in Leipzig traten Regungen einer neuen Zeit ein. Hasse
bearbeitete (1841) die pathologische Anatomie der Circulations- und
Respirationsorgane vornemlich nach französischen Mustern , doch auch
nach eigenen Untersuchungen; ein äusserst feiner Kopf, H. Lotze, wagte
es, in einer ausführlichen Kritik der Stark'schen allgemeinen Pathologie
in den Halle'schen Jahrbüchern 1839 die ganze naturhistorische Richtung
bis auf die Wurzel anzugreifen. Von demselben erschien später (1842)
eine allgemeine Pathologie und Therapie als mechanische rWissen-
schaften. Lehmann, obwohl zunächst Chemiker, wusste in seiner
physiologischen Chemie (1840) überall die Auffassungen eines aufge-
klärten Verständnisses medicinischer Dinge mit der Darlegung der chem-
ischen Verhältnisse zu verflechten und hat weit mehr als Liebig die
Aufgabe der physiologischen und pathologischen Chemie erkannt.
Doch blieben alle diese Kundgebungen unbefangener Anschauung ver-
einzelt und ohne wesentlichen Einfluss.
Die
neue Wiener
Schule.
Indessen schon im Jahre 1836 war in einer Zeitschrift, welcher ausser
in ihrer nächsten Umgebung geringe Beachtung geschenkt zu werden
pflegte, in den medicinischen Jahrbüchern des k. k. österreichischen
Staates im X.Band der neuesten Folge, Stück 4, von einem ausserordent-
Rokitansky. liehen Professor der pathologischen Anatomie, mit Namen Carl Roki-
tansky, Beobachtungen über innere Darmeinschnürungen erschienen. Nie-
mand nahm Notiz davon. Die Schmidt'schen Jahrbücher in Leipzig , das
grosse Sammeljournal, das sich beeilte, jede neue Salbe in die Archive
Rokitansky. 353
der Wissenschaft einzuregistriren , Hessen zwei Jahre vergehen, ehe sie
es für gut fanden , den Artikel excerpiren zu lassen. Im selben Jahre
kam im XL Bande der gleichen Zeitschrift von einem Secundararzt des
allgemeinen Krankenhauses, Joseph Skoda, eine Abhandlung über Per-
cussion. Die Schmidt'schen Jahrbücher Hessen abermals zwei Jahre
darüber hingehen, ehe sie es für nöthig erachteten, den Aufsaz durch
ihren Mund zu verbreiten. Weitere Abhandlungen von Rokitansky wie
von Skoda folgten : die Gelehrten und Aerzte sezten ihnen dieselbe
Gleichgiltigkeit entgegen. Und doch herrschte ein anderer Ton und
eine andere Methode in diesen über mannigfaltige Gegenstände sich ver-
breitenden Artikeln , als man sie sonst gewohnt war. Auch ein Artikel
von Kolletschka, dem Prosector Rokitansky's, theilte dasselbe Schiksal,
nicht beachtet zu werden. 1839 erschien von Skoda eine eigene Mono-
graphie: Abhandlung über Percussion und Auscultation, die früheren
Publicationen zusammenfassend und vervollständigend. Obwohl auf allen
Punkten von den bisherigen , den französischen und englischen Lehren
abweichend, wurde diese Schrift mit fast absolutestem Stillschweigen
aufgenommen. Von allen den zahlreichen Recensiranstalten der period-
ischen Presse nahm Jahre lang fast nicht Eine Notiz davon und nur die
Berlinische Autorität in Dingen der Brustdiagnostik, Dr. Philipp, der
selbst eine Compilation geschrieben hatte, Hess sich vernehmen, indem
er ein unbedingt verdammendes Urtheil aussprach und in der Abhandlung
nichts weiter als eine misslungene Nachbildung der französischen
Schriften über die physikalische Zeichenlehre erkannte (Casper's
Wochenschrift 1840.). Es ist nothwendig, diesen Gang zu constatiren,
denn die Erbärmlichkeit der damaligen deutschen Medicin manifestirte
sich nicht nur durch den Mangel selbständiger Forschungen, sondern auch
durch die Unfähigkeit, eine grossartige Leistung zu verstehen.
Ich muss mich rühmen , zuerst und zu einer Zeit , in der Niemand
sonst Ahnung davon zu haben schien, gezeigt zu haben, dass in den
Arbeiten der genannten Wiener Pathologen ein neues Leben für die
deutsche Medicin angebrochen sei. In einem Schriftchen über die
französische Medicin und die junge Wiener Schule (1841) habe ich ver-
sucht, die neuen Bestrebungen zu charakterisiren und nachzuweisen, wie
dieselben als ein Uebergangsstadium von der früheren corrupten An-
schauungsweise zu einer richtigen und unbefangenen Auffassung der
krankhaften Verhältnisse anzusehen seien und wie namentlich die Patho-
logie Rokitansky's und die Semiotik Skoda's nicht nur eine einfache Be-
reicherung des Thatsächlichen seien, sondern völlig neue und reformirende
Gesichtspunkte eingeführt haben.
Wunderlich, Geschichte d. Medicin. 23
354 Die jüngste Umwälzung und die Entwiklung der Gegenwart.
Die bald darauf zuerst mit dem dritten Theile (den Brust- und Unter-
leibsorganen) begonnene Ausgabe des Handbuchs der pathologischen
Anatomie von Rokitansky bestätigte im vollsten Maasse diese Erwartungen.
Rokitansky*« Das Haupt dieser neuen Wiener Schule ist Rokitansky; von
Methode und An- seinem Leichenhofe aus entwikelten sich die neuen Anschauungen, und
schauungen. . , , .^
seine pathologischen Auffassungen sind es im Wesentlichen , welche allen
Uebrigen zur Grundlage dienten.
Rokitansky's Anschauungen lag eine in anatomischem Material enorm
ausgedehnte Erfahrung zugrunde. Er verstand dieselbe mit einem
Beobachtungstalent von seltener Schärfe auszubeuten und es ist fast kein
Gegenstand der gesammten pathologischen Anatomie, dem er nicht neue
Seiten abgewonnen und an dem er nicht Punkte aufgefunden hätte, die
von seinen Vorgängern übersehen wurden. Durchaus bekannt mit den
Leistungen der Franzosen und Engländer, hat er ihre Resultate geprüft,
manche derselben erst in Deutschland eingeführt, überdem aber sie
allenthalben ergänzt und vervollkommnet.
Doch in der Menge seiner factischen Entdekungen liegt nicht das
Wesentliche seiner Eigenthümlichkeit. Es liegt vielmehr in dem Streben,
den Gang des pathologischen Geschehens anschaulich zu machen, und
die pathologische Anatomie zu einer anatomischen, d. h. durch die Ana-
tomie aufgeklärten Pathologie zu erheben. Er ging dabei zunächst aus von
den palpablen Veränderungen in der Leiche, als demjenigen Theile der
Beobachtung, der nicht nur ihm direct sich darbot, sondern der überall
am objectivsten sich erfassen lässt. Aber er begnügte sich nicht mit der
naturhistorischen Betrachtung und Zergliederung des pathologischen
Erfundes; sondern er knüpfte daran die rükwärtsgehende Betrachtung,
durch welche Vorgänge die anatomische Veränderung geworden sein
müsse und könne, und er sucht diese Frage durch die Vergleichung ver-
schiedener Entwiklungsstufen desselben Processes, wie auch durch die
Erörterung der Möglichkeiten oder der Notwendigkeit zu beantworten.
So trachtet er überall, die Bedingungen, den Gang, die möglichen Ausart-
ungen der krankhaften Processe, aber auch die Wege zur Wiederher-
stellung einer vollkommenen Integrität oder doch einer relativen Aus-
gleichung festzusezen. Er hat in ersterer Hinsicht vornemlich die Ent-
wiklung der Hyperämie, Exsudation und Neubildung in allen Theilen
verfolgt, in lezterer dagegen dem Processe der Verödung von Geweben
und Producten die grösste Aufmerksamkeit geschenkt.
Während er dabei überall den topischen Veränderungen die volle
Anerkennung einräumte, so liess er doch zeitig schon durchbliken, dass
Rokitansky. Skoda. 355
er ihre Entstehung und Schiksale als vielfach abhängig von constitution-
ellen Verhältnissen, von Crasen, wie er sie nannte, sich dachte.
Es ist jedoch nicht zu verkennen, dass Rokitansky in der Auffassung
seiner Krankheitsproducte und Processe nicht ohne ontologische Hinneig-
ungen war, und namentlich die Lehre von den Combinationen und Aus-
schliessungen hat dadurch bei ihm eine widernatürliche Form gewonnen.
Ebenso ist nicht zu läugnen , dass seine plastische Phantasie ihn
häufig verleitete, die lebhafte Vorstellung, die er sich von Hergängen und
Existenzen machte, schliesslich mit der Realität zu verwechseln. Am
meisten trat diess bei seiner Annahme bestimmter Crasen hervor, bei
welchen er zwar , sowie er in der Pathologie der Festtheile sich an die
französische pathologische Anatomie angeschlossen hatte, sich an An-
dral's und Gavarret's Untersuchungen anlehnte, dabei aber mit einer nicht
zu rechtfertigenden Imagination die einzelnen Crasen sich malerisch aus-
dachte und die selbstgeschaffenen Bilder weiter verarbeitete.
Doch kehrt er stets nach jeder derartigen Abschweifung alsbald zum
Positiven und Factischen zurük, und zumal die Ausfindung der mechan-
ischen Folgen der Störungen zeigt ebensoviel Nüchternheit als Scharfsinn.
Auch geht sein Bestreben allenthalben dahin, die nothwendigen
symptomatischen Folgen der anatomischen Störungen aus den lezteren
selbst zu construiren und die Erkennung dieser daher auf sicherster
Grundlage zu ermöglichen.
Ja selbst therapeutische Indicationen sucht er da und dort aus den
anatomischen Verhältnissen abzuleiten, und wenn ihm dabei auch die
controlirende directe Erfahrung abging, so sind seine Gedanken doch oft
glüklich und überraschend.
Skoda seinerseits ist ein noch schärferer und nüchternerer Geist. In
der physikalischen Diagnostik vollkommen Autodidact ist es ihm ge-
lungen , die Lehren und Techniken von Lännec , Bouillaud und Piorry bis
zum Grunde zu durchdringen und sich anzueignen. Aber nicht befriedigt
von der schlaffen, symptomatisch-empirischen Verwerthung der Zeichen,
führte er ein neues Princip in die Semiotik der Töne und Schallarten ein,
indem er versuchte , einerseits die Schallmodificationen selbst auf wenige
wesentliche Differenzen zurükzuführen, die nicht nach äusserlichen Aehn-
lichkeiten, sondern nach der Bedingung ihres Entstehens oder nach ihrem
acustischen Charakter benannt wurden; andererseits aber indem er trach-
tete, sowohl bei den normal sich findenden Schallverschiedenheiten, als
auch bei den in kranken Zuständen vorkommenden nach physikalisch-
acustischen Gesezen und unter Zuhilfenahme directer controlirender
23*
Skoda.
356 Die jüngste Umwälzung und die Entwiklung der Gegenwart.
Experimente (an Leichen u. dergl.) die ihnen mit Nothwendigkeit zu
Grande liegenden körperlichen Verhältnisse der Theile aufzufinden.
Höchst gründliche anatomische Kenntnisse über die vorkommenden
krankhaften Veränderungen unterstüzten und leiteten ihn bei dieser
Arbeit.
Mag man die Weise , wie Skoda dieser Aufgabe entsprochen hat,
beurtheilen, wie man will, und mag man die Art und Werthbestimmung
der Zeichen Skoda's ohne weiteres acceptiren oder verbessern und ver-
ändern wollen, so muss man doch anerkennen, dass sein Princip ein
völlig correctes , und dass dasselbe allein im Stande war, die Semiotik
der Schallarten zu einer wirklich physikalischen zu erheben. Viele haben
sich später berufen gefunden, Einzelnes oder Alles von den Skoda'schen
Resultaten zu critisiren und zu ändern. Diese Versuche sind nicht mehr
von historischem Belange. Das Princip, die Methode war von Skoda
vollendet und die Deutungsdifferenzen sind Fragen von untergeordneter
Bedeutung.
Rokitanskys Auch mehrere andere junge Wiener zeigten sich von Anfang an in der
schuier und Gemeinschaft von Rokitansky und Skoda. So Kolletschka, der mit
Skoda einen Artikel über Pericarditis schrieb voll der sorgfältigsten und
einsichtsvollsten Bemerkungen, Helm, der diePuerperalkrankheiten bear-
beitete, Schuh, der in der Chirurgie eine ähnliche Richtung verfolgte.
Mehr noch als die Schriften von Rokitansky und Skoda hat der directe
und persönliche Einfluss, den sie auf die zahlreichen jungen Aerzte, welche
am Schluss ihrer Studien Wien zu besuchen pflegten, zur Anerkennung
ihrer Richtung und zur Verbreitung ihrer Lehre durch alle Länder Deutsch-
lands beigetragen. Doch würde man irren, wenn man diesen mündlichen
und persönlichen Erfolg der eindringlichen Beredtsamkeit und der Lehr-
begabung jener Männer oder einer wohl überlegenden und den superioren
Charakter der Wiener Pathologen erfassenden Einsicht der Schüler zu-
schreiben wollte.
Im Gegentheil ist in gewissem Sinne der Enthusiasmus für die Wiener
Schule eine neue Beschämung für die deutsche Medicin jener Zeit und ein
neuer Beweis für die Unwissenheit der deutschen Aerzte gewesen. Nicht
weil man bei Vergleichung der bisherigen Leistungen der pathologischen
Anatomen Frankreichs und Englands mit der Richtung und Methode der
neuen Wiener Schule die reinere Wissenschaftlichkeit und die grosse
Sorgfalt und Gründlichkeit bei der lezten fand, fiel man ihr zu, sondern
einfach weil man von jenen so gut wie gar nichts wusste, weil man so un-
wissend war zu glauben , pathologische Anatomie und physikalische Diag-
Die neue Wiener Schule. 357
nostik, diese freilich bis dahin unter den deutschen Aerzten fast unerhörten
Dinge seien in Wien gewissermaassen entdekt worden. Unter den
österreichischen Anhängern der neuen Schule hatten ohnediess Viele keine
Ahnung, dass etwas ausserhalb des Kaiserstaates in der Wissenschaft
schon geschehen war und staunten mit der kindlichsten Naivetät alle
die vermeintlichen Wiener Entdekungeri an. Und die Fremden, die
wohl zum Theil mit grossem Dünkel aber ohne alle reellen Kenntnisse in
Wien anlangten, mussten anerkennen, dass sie, selbst in Berlin, nichts der-
artiges gehört und gesehen hatten und somit musste es nothwendig das
unbedingt Neueste sein.
Die Wiener Schule stellt freilich eine höchst bedeutende Erscheinung
und für Deutschland eine Epoche dar , aber nicht in dem Sinn , wie Viele
gemeint haben.
Die Wriener Schule ist auf allen Punkten die Fortsezung der Lännec'-
schen Richtung, der pathologisch anatomischen Schule Frankreichs. Durch
ein immenses Material unterstüzt und unter den Händen selbständiger und
ingeniöser Männer hat die pathologische Anatomie und Diagnose in Wien
allerdings an Schärfe undExactheit ungemein gewonnen, hat ihre Methode
gereinigt und neue Grundsäze aufgenommen. Die Vorurtheile der path-
ologisch-anatomischen Schule, ihre Ontologien hat sie nicht abgeworfen, ja
sie hat sie fast mit neuen (z. B. den Crasen) vermehrt. Für Deutschland
lag das Epochemachende der Schule darin, dass man sich in Wien, der
Bildungsstätte für zahlreiche Aerzte, auf der breiten Grundlage einer aus-
gedehnten Erfahrung von allem Zusammenhang mit der bisherigen deut-
schen Medicin losriss und die anatomische Pathologie an die Stelle der
symptomatischen sezte.
Noch so lange die Wiener Schule in den Anfängen ihrer Entwiklung
stand, ihre Anerkennung höchstens eine vereinzelte war, ja zu einer Zeit,
wo sie wohl selbst über ihre Grundsäze und ihre Eigentümlichkeiten sich
noch nicht klar gewesen ist, fing allenthalben in Deutschland ein gewalt-
iges Andrängen gegen die alten Vorurtheile der deutschen Medicin an,
sich bemerklich zu machen.
Zahlreiche Stimmen der medicinischen Presse haben im Anfang der Der
40er Jahre die Reform der medicinischen Anschauungen verlangt und
ihr zum Organ gedient. Ueber die persönlichen Prätensionen, wer damals Medicin
am exactesten und schärfsten die geistigen Bedürfnisse der Zeit gefühlt,
für sie den richtigsten Ausdruk gewählt und am kräftigsten zum Resultate
mitgewirkt habe, werden erst spätere Geschlechter entscheiden können.
Umschwung in
der deutschen
358
Die jüngste Umwälzung und die Entwiklung der Gegenwart.
Archiv für
physiologische
Heilkunde.
Fortgang des
Umschwungs.
Allgemeine
Adoption der
Bezeichnung
physiologische
Medicin.
Das Archiv für physiologische Heilkunde, von Roser und mir am
Ende des Jahres 1841 begonnen, war wenigstens das Erste, welches
unumwunden die Forderung stellte, dass mit den geläufigen Vorstellungen
gebrochen werden und durch eine andere, der Physiologie sich anschliess-
ende Methode eine geläuterte Grundlage für die Erfahrung gewonnen
werden müsse.
Der Angriff war theils gegen die veralteten Anschauungen der deut-
schen Symptomatiker und Idealisten, theils und vornemlich gegen die eben
in vollster Herrschaft sich wiegende naturhistorische Schule gerichtet.
So gross bei vielen die Ueberraschung und/ so gross bei andern die
Erbitterung über diesen Angriff war, so ist doch der Erfolg ein vollständ-
iger gewesen. Die deutsche Medicin war an ihrem Wendepunkt ange-
kommen gewesen und ein einziger kräftiger Stoss, das unverholene Aus-
sprechen des Worts, das allen Einsichtigen auf der Zunge lag, musste im
Stande sein, den Uebertritt von der alten in die neue Zeit zu vollenden.
Von Jahr zu Jahr traten weitere Organe der neuen Richtung auf,
schon 1842 die Zeitschrift für rationelle Medicin von Henle u. Pfeufer,
1844 die Prager Vierteljahrschrift und die Zeitschrift der Gesellschaft der
Wiener Aerzte , denen sich später noch weitere in demselben Sinne ge-
halten anreihten.
Die Organe der alten Schule dagegen verstummten, sei es, dass sie
überzeugt, sei es, dass sie eingeschüchtert waren; ein Journal um das
andere von der alten Sorte erlosch und die Kundgebungen der symptom-
atischen Richtung, anfangs noch voll Zuversicht über die vermeintliche
Bedeutungslosigkeit des Angriffs, wurden bald immer sparsamer und
schüchterner und verschwanden schliesslich völlig.
Der Ausdruk physiologische Heilkunst, von uns gewählt einer-
seits um auszudrüken, daSs die Pathologie im Gegensaz zu allen ontolog-
ischen und personificatorischeti Auffassungen nur die Physiologie des
kranken Menschen sei, andererseits um zu erinnern, dass sie derselben
Mittel und Methoden zur Feststellung der Thatsachen und derselben Logik
in Durchführung der Beweise bedürfe, wie bei der Lehre von dem gesunden
Menschen bereits anerkannt war — dieser Ausdruk wurde das Stichwort
der Zeit und viele rühmten sich der physiologischen Richtung anzugehören,
welche weder die Aufgabe erfasst hatten , noch die Mittel ihr zu ent-
sprechen, besassen.
Verstanden oder unverstanden breitete sich das Gefühl, dass man in
eine neue Zeit eingetreten sei, und dass man nur durch Anerkennung der-
selben und Betheiligung an derselben seine Stellung erhalten müsse , in
einer rapiden Weise aus und was man im Anfang fast für einen verbrech-
Widerstände und Missgriffe. 359
erischen Insult gehalten hatte, davon waren in wenigen Jahren alle Köpfe,
kluge wie einfältige durchdrungen.
Widerstände
Jedoch blieben einzelne Widerstände und Venrrungen auch in der und
nächsten Zeit bemerklich. Missgriffe.
In gewissen Kreisen der neuen Richtung, besonders in solchen, welche Neueste
noch eine Versöhnung mit der idealistischen Stimmung der vorausgegang-
enen Periode für nicht unmöglich hielten, wurde in philosophischer Hülle
die Neigung zu schwunghaften Conjuncturen wieder hereingeführt und als
speciell rationelle Medicin proclamirt. Viele eindruksfähige Köpfe jubelten
einen Augenblik dieser neuesten Iatrosophistik zu; aber eben so schnell
fiel sie wieder in den Staub der Vergessenheit zurük.
Die Wiener Schule ferner enthielt eine grosse Menge misslicher und verimmgen der
zweideutiger Elemente. Diese wurden um ein sehr bedenkliches vermehrt,
als im Jahr 1846 der zulezt ausgegebene erste Band von Rokitansky's
pathologischer Anatomie, die allgemeinen Betrachtungen und namentlich
die Crasenlehre enthaltend, erschien. Waren bis dahin schon dunkle und
beunruhigende Gerüchte über diese romantische Ausstattung der Wiener
Humoralpathologie umhergegangen, so wurden sie durch das Buch selbst in
einer kaum geahnten WTeise übertroffen. Aber gerade diese Crasenlehre
war es, welche die unkritischen Köpfe mit sich fortriss und, wäre die Zeit
nicht so frisch und gesund gewesen, so hätte das Hereinbrechen der erou-
pösen a, /SundyCrase, der albuminösen Oase und dergleichen mehr einen
abermaligen Beweis für die Meinung unserer Nachbarn gegeben, dass der
Deutsche aus keinem Nebel sich herausarbeiten könne , ohne in einen
zweiten zu stürzen. Albuminöses Exsudat im Innern, wie bei Hautkrank-
heiten, exanthematische Crase, aphthöse, fibrinöse, puerperale Crase und
dergl. mehr wurden eine kurze Zeit hindurch bei pathologisch-anatomisch
gebildeten Aerzten alltägliche Redensarten
Dieser Schwindel, an dem jedoch Rokitansky in keiner Weise sich be-
theiligt hat, wenn er auch durch augenblikliches Freilassen seiner Phantasie
der intellectuelle Urheber davon geworden ist, ging jedoch bei irgend Ver-
ständigen rasch vorüber; und namentlich Engel, ursprünglich ein eifriger
Craseolog, hat hiezu beigetragen, indem er sich zur Aufgabe stellte, jede
theoretische Annahme Rokitansky's ohne Weiteres zu verdächtigen und
anzugreifen, eine Aufgabe, welcher er mit grossem Scharfsinn und nicht
geringer Rüksichtslosigkeit gerecht zu werden suchte.
Aber selbst die Missgriffe der Wiener Schule waren keineswegs
hinderlich, eher vielleicht förderlich für ihre Ausbreitung und halfen ihr
360 Die jüngste Umwälzung und die Entwiklung der Gegenwart.
Eingang in die gewöhnliche Praxis gewinnen. Gerade die craseolog-
ischen Hypothesen haben die deutschen, für alles Conjecturale empfäng-
lichen Practiker mit besonderer Innigkeit aufgenommen und glüklicherweise
ist mit diesem süssen Gifte auch manche gute Vorstellung in sie ein-
gedrungen.
Weiter aber ging aus der Wiener Schule ein in keiner Weise in ihr
nothwendig begründeter Scepticismus gegen alle positiven therapeutischen
Vornahmen hervor. Skoda hat allerdings durch seine mit äusserster Kaltblüt-
igkeit und Hoffnungslosigkeit angestellten medicamentösenVersuche, welche
bei der Unvollkommenheit der Methode stets ein negatives Resultat lieferten,
den Anstoss gegeben. In diesen trostlosen Resultaten, die schliesslich darauf
hinauskommen, dass alles völlig einerlei, lag für viele schwache Gemüther
ein ungemeiner Reiz Denn viele sind so organisirt, dass es. sie kizelt und
dass sie sich erhaben dünken , wenn sie die Hilflosigkeit proclamiren , und
das professionelle Zweifeln an Allem ist ohnedicss oft genug die Maske
der Geistesstärke für schwache Denker gewesen.
So hat die principielle Verwerfung der Therapie, der Nihilismus, nicht
wenige verlokt, zumal solche, welche noch sparsame Gelegenheit hatten
mit Kranken zu verkehren und von den tausendfältigen Beziehungen keine
Ahnung haben, in welchen der Arzt, auch ohne specifische Mittel anwenden
zu wollen , nicht nur ohne Medicamente , sondern mit und durch sie den
Kranken nüzlich und hilfreich werden kann. Es hat jene Verwerfung der
Therapie namentlich solche angelokt, welche bei noch so geräuschvoller
Betheiligung an der Neuzeit es doch noch nicht zu der Einsicht in den
Hauptgedanken der neuen Anschauung gebracht haben , dass der Arzt es
nicht mit Krankheiten, sondern nur mit Kranken zu thun hat, dass daher
auch die Zurükweisung einer formulirten Therapie für eine Krankheit noch
keineswegs den Grund enthält , dass man dem Kranken nicht auch in der
Apotheke verkaufte Substanzen so gut zu seinem Vortheil darreichen kann,
als das auf dem Markt feilgebotene, und dass, wenn die Aufgabe giltig ist,
ihm sein Blut zu vermehren , auch Umstände vorliegen können , es zu
vermindern.
Dietl, jezt in Krakau, war es vornemlich, welcher zuerst den An-
griff auf die positive Therapie eröffnete. Aber niemand' ist in Verwechs-
lung der Begriffe, in Aufstellung unbegründeter Annahmen und in falschen
Schlussfolgerungen weiter gegangen als Hamernjk, der den Schmerz
eine Ontologie nennt, und ein trauriges Beispiel für die Gefahren eines be-
gabten aber undisciplinirten Kopfes gegeben hat. Bei gediegenen Kennt-
nissen in vielen Hinsichten, bei reicher Erfahrung, bei grösster technischer
Widerstände und Missgriffe.
361
Uebung und ohne Zweifel bei ganz reinem Streben nach Wahrheit hat er
mehr als irgend ein Anderer in neuester Zeit verwirrend gewirkt.
Doch auch diese nihilistische Richtung kann wohl grösstentheils als
überwunden angesehen werden. Was von ihr übrig geblieben ist , trägt
nur dazu bei, die Anforderung an therapeutische Erfahrungen strenger zu
machen.
Neben einzelnen Verirrungen der in der Wissenschaft wurzelnden
Richtungen haben natürlich die schwindlerischen Bestrebungen ihre Thätig-
keit fortgesezt. Homöopathie und thierischer Magnetismus haben zu viel
Anknüpfungspunkte mit den verschiedenen Bildungsgraden der Menschen,
als dass sie nicht ihre Vortheile reichlich benüzen sollten. Die Wasser-
heilkunst, für einzelne Fälle nicht ohne Nuzen, hat sich herbeigelassen, zu
der bescheidenen Rolle eines da und dort angezeigten Hilfsmittels herab-
zusteigen. Die schwedische Heilgymnastik, gleichfalls anfangs mit Pomp
als Universalheilmethode verkündet, ist gleichfalls zu einem mehr oder
weniger harmlosen , mit einigen Proceduren von zweifelhaftem Nuzen be-
reicherten Turnen und Massiren reducirt worden.
Nur eine Lehre sucht sich noch das Ansehen einer höheren Inspiration
zu erhalten.
Im Jahr 1841 gab ein unbekannter und betagter Arzt, Joh. Gottfried
Rade mach er, eine „Rechtfertigung der von den Gelehrten misskannten
verstandesrechten Erfahrungsheillehre der alten scheidekünstigen Geheim-
ärzte" heraus. Anfangs wenig beachtet, fand doch allmälig das Buch
einige Liebhaber. 1846 kam die zweite Auflage heraus, der sofort mehrere
weitere folgten. Eine ungewohnte und baroke Form mag manche an diesem
Buche angezogen haben. Vornemlich war Rademacher willkommen, weil
er eine Menge neuer oder vielmehr alter Arzneimittel eingeführt hat, was
dem Bedürfniss des um Rath gar mannigmal verlegenen Practikers voll-
kommen entsprach. Für diejenigen, welche lüstern nach den neuen Arz-
neischäzen, doch ungern sich durch den unschmakhaften Bombast Rade-
macher'schen Geredes durcharbeiten , hat Auerbach (Rademacher's Heil-
mittel, für den Practiker zusammengestellt 1851) eine Brüke gebaut. Die
Mittel sind theils solche , welche eine specifische Wirkung auf einzelne
Organe haben sollen (Organheilmittel) , auf Erfahrungen hin , bei welchen
freilich, nicht etwa jede Garantie für richtige Diagnosen, sondern jede
Wahrscheinlichkeit der Befähigung, das Afficirtsein der betreffenden Organe
zu erkennen, vermisst wird. Theils sind es sogenannte Universalmittel,
als welche , ohne weitere Bemühung um Gründe , schlechthin der Natron-
salpeter, das Eisen und das Kupfer proclamirt werden. Die Theorie, durch
welche Rademacher seine abweichenden Arzneimittel mundgerecht machen
Therapeutisch»
Extravaganzen.
Rademacher.
362 Die jüngste Umwälzung und die Entwiklung der Gegenwart.
will, ist eigentlich gar keine; es ist ein hausbakenes Gefasel über den
paracelsischen Gedanken, dass die Differenzen der Krankheiten durch die
Wirksamkeit der Mittel gegen sie bezeichnet werden. Das Motiv für die
erste Anwendung eines Medikaments in einem Krankheitsfall war immer
lediglich der Zufall oder wenn man will ein durch die unklarsten Vorstell-
ungen geleiteter oft auch eingestandener Maassen blinder Griff. War ohne
alle Einsicht in die Verhältnisse des menschlichen Körpers und ohne
jegliche sorgfältige Untersuchung die Erkrankung eines bestimmten
Organes angenommen worden und war auf die Anwendung des willkürlich
gewählten Medicamentes in dem Falle eine Besserung eingetreten , so
schloss Rademacher daraus , dass dieses Medicament ein Organheilmittel
für jenes bestimmte, als krank vermuthete Organ sei; und von da an ist
die Besserung von Krankheitsfällen unter dem Gebrauche desselben Mittels
für ihn ein genügender Beweis , dass auch in diesen Fällen die gleiche
Organerkrankung bestehe.
Nichtsdestoweniger hat die Rademacher'sche Medicin ihre warmen
Vertheidiger und noch mehr ihre stillen Anhänger in Menge gefunden und
abermals hat Mch bewährt , dass es keinen Widersinn gibt, aus dem nicht
Viele eine tiefe Wahrheit herauszugrübeln sich zur Ehre rechnen, während
Andere einfach den angebornen Sympathien ihrer Natur gerecht werden
und widerstandslos und ohne Arg dem Zuge des Wirrsinns folgen.
Auf solchen und ähnlichen Abwegen wird stets ein Theil der Menschen
wandeln, und man muss sie ihrem Schiksal überlassen. Es ist nicht gut,
dass man die Menschen durch Gewalt, nicht einmal, dass man sie durch
Ueberredung vernünftig zu machen sucht. Man muss vielmehr abwarten,
was die Wirkung der Zeit und das unwiderstehliche Vordringen derCultur
auch bei mangelhaftem spontanem Denken#vermag. Man kann sich damit
trösten , dass Hindernisse von ganz anderer Kraft und Dauer der Sieges-
wagen der Wahrheit lautlos zerdrükt hat.
Durchdringen Und wirklich haben bereits troz aller dieser Widerwärtigkeiten sich
der neueren correctere Anschauungen nicht nur immer mehr in der Wissenschaft aus-
Richtung. °
gebreitet; sondern sie haben auch das natürliche Widerstreben der in an-
deren Gesichtskreisen aufgewachsenen Generationen überwunden und sind,
wenn auch nur allmälig, doch unwiderstehlich in die Praxis eingedrungen.
Zur Einführung der pathologisch-anatomischen und physiopathologischen
Richtung in die alltägliche practische Beschäftigung hat ohne Zweifel
Oppolzer (bis 1848 Professor in Prag, von 1848—1850 in Leipzig, von
da an in Wien) ganz wesentlich beigetragen, nicht etwa nur dadurch, dass
er anatomische Diagnosen machte und bei seiner Therapie von anatomischen
Gegenwart.
Die Gestaltung der Medicin in der Gegenr/art. 363
Anschauungen ausging; diess haben Viele vor und neben ihm gethan.
Sondern dadurch, dass er mit seiner anatomischen Diagnostik und mit
seiner Behandlung anatomischer Störungen das umfangreichste Vertrauen
des Publikums zu gewinnen wusste, dass er den Aerzten durch sein Bei-
spiel die Vereinbarkeit der neuen Wissenschaft mit der Praxis zeigte
und dass er die Kranken durch die eminente practische Begabung seiner
Persönlichkeit dazu brachte, dass sie physikalische Untersuchung und
anatomische Diagnosen nicht nur sich gefallen Hessen, sondern verlangten.
Indessen kamen die wesentlichen theoretischen Streitigkeiten noch im ni»
Laufe der 40er Jahre allmälig zur Ruhe und es trat in Principienfragen derMediCiD
eine Uebereinstimmung aller Einsichtigen ein, wie sie noch niemals in der in der
Medicin gesehen worden ist. In den lezten Jahren des vorigen Jahrzehnds,
sei es durch die in Folge der Discussion gereiften Anschauungen , sei es
durch manche gelegentliche Aufklärungen, für welche die Cholera keine
unergiebige Quelle geliefert hat, haben die alten Parteien ihr Ende erreicht
und man kann sagen, dass von da an, in Deutschland wenigstens, jede ex-
clusive Schule aufgehört habe; die Einsicht hat Plaz gegritfen, dass eine
Schule mit ihrer Einseitigkeit nur eine Hemmung und eine Verirrung ist.
Nur aus dem Munde der Unkundigen hört man da und dort noch von
physiologischer „Schule". Eine physiologische Schule existirt nicht, so
wenig als in der Physik eine mathematische.
Denn wie in der Physik, in der Astronomie und in der Mathematik
nirgends principielle Parteiungen mehr bestehen können , sondern der Be-
weis einziger Maassstab für die Annahmen ist, so endlich jezt auch in der
Medicin. Zwar mögen immerhin einzelne Zurükgebliebene in der Illusion
sich wiegen , irgend einer Schule anzugehören und für sie schwärmen,
mögen andere es in ihrem Vortheile finden, eine Fahne, wie die homöo-
pathische oder die Rademacher'sche aufzusteken, oder mag irgendwo selbst-
süchtiger Ehrgeiz ein neues Phantom erdenken, damit der Zulauf der
Menge nach dem Embleme gelokt werde ; die Wissenschaft selbst braucht
von Sonderlingen, Verblendeten und Intriguanten keine Notiz zu nehmen.
Sollte deren isolirter Gesichtspunkt ihnen zufällig zu einem glüklichen
Funde verhelfen, so nimmt die Wissenschaft diesen auf, ohne vor der
Quelle zurükzuschreken. Die Allgemeinheit der Tendenzen schliesst dabei
nicht aus, dass bei dem unermesslichen Gebiete , welches der Forschung
offen steht, den Einen nach diesen, den Andern nach andern Punkten Vor-
liebe und Geschmak drängt, und dass der Eine sanguinischer, der Andere
ängstlicher in seinen Erwartungen von den künftigen Geschiken der Wis-
senschaft ist.
364 Die jüngste Umwälzung nnd die Entwiklung der Gegenwart.
Die Medicin der Gegenwart kennt ihre Aufgabe und ihre Pflichten als
ein Theil der unerraesslichen und erhabenen Wissenschaft von der Natur.
Sie ist sich klar geworden , dass ihre Grundlage nur die Thatsachen sind,
und dass das Verständniss der Thatsachen, soweit es überhaupt möglich
ist, nur in der Verbindung der Thatsachen selbst zu finden ist. Sie weiss
aber auch, dass wahrhafte Thatsachen nur durch die strengste Anforderung
an die Methode der Forschung und durch die stete Erinnerung an die
Fehlerquellen gewonnen werden. Man hält nicht mehr den Geist für ver-
bannt, weil er gezwungen wird, an den Methoden zu arbeiten und seine
Einfälle der scharfen Controle einer disciplinirten Logik zu unterwerfen.
Man denkt nicht mehr daran, der Natur ein System aufzuzwingen, sondern
man strebt, das Sein und Geschehen, wie es ist und wo es ist, in mög-
lichster Reinheit aufzudeken.
Die Gegenwart will nichts von pathologisch-anatomischen Einseitig-
keiten; aber sie begreift, dass man über Zustände, bei welchen Organe
verändert sind, nichts weiss, so lange man die Veränderung an diesen nicht
kennt; sie lässt weder eine ausschliessliche Pathologie der Säfte noch der
Solida gelten: denn sie vergisst nicht, dass die einen, wie die andern zum
Organismus gehören; sie meint nicht, von Uebertragung chemischer Con-
jecturen Aufschlüsse zu erhalten, aber sie muss verlangen, dass die Ver-
bindungen und Trennungen der Stoffe auch im kranken Menschen verfolgt
und aufgeklärt werden; sie wähnt nicht, dass durch Vordringen bis zur
äussersten Grenze des Sichtbaren die Geheimnisse des Lebens sich er-
schliessen : aber sie hält keine Thatsache für unwerth, mag sie der groben
Masse entkommen, oder an den minimalsten Partikeln des Körpers gefunden
sein. Sie sieht in dem kranken Menschen einen Organismus, dessen Verhält-
nisse niemals gründlich und allseitig genug zu durchforschen und aufzuklären
sind, und sofern sie nichts mehr und nichts weniger als eine Lehre von der
Natur des kranken Menschen in allen Gestaltungen seines Krankseins zu
sein sucht, kann die Medicin der Gegenwart eine physiologische heissen.
Lässt unsere Wissenschaft heut zu Tage das Uebergewicht eines ihrer
Einzelbezirke nicht mehr zu , so weist sie mit noch entschiedenerem Pro-
teste die Einmischung von aussen ab. Aber sie hat auch aufgehört über
Punkte zu discutiren, die sie, so sehr sie ihre allgemeine Wichtigkeit an-
erkennt, nicht in den Kreis der Beobachtung zu ziehen vermag. Trans-
scendentale Probleme liegen jenseits ihrer Grenze und sie hat, für sie keine
Antwort und kein' Urtheil. Sie hat gegen sie von ihrem Standpunkte
aus nur das Recht und die Pflicht einer achtungsvollen aber strengen
Neutralität. Niemand mehr als der Arzt hat Gelegenheit, sich zu über-
zeugen, dass das Gemüth berechtigte Bedürfnisse hat, für deren Befried-
Die Gestaltung der Medicin in der Gegenwart. 365
igung alles Wissen von der Natur insufficient ist, und niemand mehr als
der Arzt hat die Pflicht, die Ruhe des Gemüths und das Glük des Herzens
in dem Besize ideeller Güter als ein Heiligthum zu achten. Wenn dessen-
ungeachtet in neuerer Zeit von Einzelnen beklagenswerthe Uebergriffe in
der Naturforschung fremde Gebiete gemacht worden sind, so haben Solche
im Momente des Uebergreifens aufgehört, Naturforscher zu sein. Die
Naturlehre hat sich zu bescheiden mit dem Stüke Wahrheit, das in den
Erscheinungen liegt, und dieses Stük ist kein kleines.
Aber die Medicin des heutigen Tages ist sich auch, mehr als zu irgend
einer Zeit, ihrer socialen und humanen Aufgabe eingedenk. Sie weiss,
dass sie all ihr Wissen und Können darauf zu concentriren hat, diemensch-
lichen Leiden im Grossen und Kleinen, die sich auf Störungen des Organ-
ismus beziehen, abzuhalten , zu vermindern und zu beseitigen. Der Wege
dazu sind im einzelnen Falle fast immer mehrere und es muss der sorg-
samen individuellen Erwägung überlassen bleiben, welcher von ihnen zu
wählen ist. Niemand wird heut zu Tage so übermüthig sein, seine eigene
Wahl für eine unfehlbare zu halten. Und die heutige Wissenschaft, die
in ihren Principien und in der Prüfung der Thatsachen niemals strenge
genug sein kann, ist tolerant in den concreten Entscheidungen, sobald
diesen richtige Principien und Thatsachen zugrundeliegen. Es gibt daher
kein schulmässiges und doctrinär autorisirtes Curverfahren mehr, son-
dern jedes ist zulässig und gerechtfertigt, das sich auf methodisch festge-
stellte Thatsachen und in Ermanglung von solchen wenigstens auf ge-
wissenhafte Ueberlegung der Verhältnisse zu stüzen vermag.
So hat sich das wissenschaftliche und practische Verhalten des Arztes
gestaltet und er hat darin zu verharren troz aller Anfechtungen, welche
seinen Beruf erschweren mögen. Allerdings ist in der neueren Zeit die
dilettantische Beschäftigung mit der Natur Sache der Mode , das Lesen
von naturwissenschaftlichen Zeitungsartikeln und das Anhören von popu-
ren Vorträgen für Viele vermeintliches Bedürfniss geworden und man
könnte sich die Hoffnung machen , dass damit auch die Wirksamkeit des
Arztes erleichtert worden sei. Manche Aerzte haben selbst in der besten
Absicht getrachtet, die Massen über die Leistungsfähigkeit der Wissen-
schaft, wie über ihre Aufgaben aufzuklären.
Man darf sich aber über die Fortschritte der ausserwissenschaftlichen
Einsicht in das Geschehen in der Natur und damit in die Würdigung der
ärztlichen Leistung keine Illusionen machen. In dem Zeitalter der wan-
delnden und redenden Tische kann Niemand die öffentliche Meinung für
reif halten , in Sachen der Natur eine Stimme abzugeben. Es wird auch
heut zu Tage noch dem Einzelnen überlassen werden müssen , nicht kraft
366 Die jüngste Umwälzung nnd die Ent-wiklung der Gegenwart.
seiner Wissenschaft, sondern kraft seines persönlichen Geschiks sich seine
Stellung zu erwerben und zu sichern. Aber dieses Ziel wird um so
eher mit Ehrenhaftigkeit zu erreichen sein , je mehr es auf dem Boden
positiver Kenntnisse und humaner Gesinnung erstrebt wird.
Mag aber auch zuweilen der Einzelne Unbilligkeiten und Verkennung
erdulden , mag sein redliches Streben da und dort ohne Beachtung bleiben
und selbst gekränkt werden, so muss er sich erinnern, dass der Einzelne
ein Nichts ist neben der Majestät des Weltlaufs. Und mag es ihn drüken,
wenn die Chikane und die Gaukler ihrer ephemeren Erfolge sich brüsten,
so kann er gewiss sein, dass auch diese Pilze von den Erinnyen ihres Ge-
wissens erreicht werden. Die Naturforschung aber ist die stolze und im
Stillen fortschreitende Macht, von deren Gewalt die am meisten durch sie
gefährdeten Gebiete kaum eine Ahnung haben. Es ist ihre Eigenthüm-
lichkeit und ihre Grösse, dass sie ihre Gaben über Freunde wie über Feinde
und Verächter ausschüttet , dass sie durch Wohlthaten ihre Eroberungen
macht und ihre Herrschaft befestigt und dass sie ohne Lärm die Unver-
nunft überwältigt und auflöst.
Die Was aber ist die Zukunft und die fernere Aufgabe unserer Wissen-
schaft? Ihre Grundlagen, sofern sie werth sind, bleiben unvergänglich.
Aber es ist die Art aller mit der Natur sich beschäftigenden Erkenntniss,
dass sie niemals zu einem Abschluss kommt und dass mit jedem Erwerbe der
Kreis der Probleme sich erweitert. Worin die künftigen Probleme bestehen?
Niemand kann es voraussehen! Aber so viel ist sicher, die zukünftigen
Aufgaben liegen weder einseitig in physikalischer , noch in chemischer
Untersuchung, weder in der Gestaltung der Nervenpathologie noch in den
Forschungen über das Blut oder über die Zelle , weder in einer subtileren
und schärferen Diagnostik, noch in der Rehabilitation oder Neugewinnung
therapeutischer Maximen ; die Aufgabe der Zukunft ist keine andere , als
die jeder Wissenschaft, keine andere, als die, welche die Medicin jederzeit
gehabt: es ist die Aufgabe, die Wahrheit zu suchen und zu finden, wo sie
ist und wie sie ist und auf welchem Wege man sie finden kann.
Zukunft.
BELEGE, EXCÜRSE UND NOTIZEN.
Belege zu Wunderlich' s Gesch. d. Med.
ZUM ERSTEN ABSCHNITT.
Hippocrates.
Ueber Zeit- und Lebensverhältnisse des Hippocrates findet sich eine lesenswerthe
Abhandlung von Petersen im Philologus 1849. Jahrg. IV. p. 209.
Das erste Drukwerk von Hippocrates Schriften und zwar in lateinischer
Uebersezung von Fabius Calvus in Ravenna erschien zu Rom im Jahr 1525, die erste
griechische Ausgabe besorgt von Asulanus in Venedig 1526, die zweite besorgt durch Cor-
narius bei Froben zu Basel 1538, von demselben eine Uebersezung ins Lateinische bei
Gryphius in Venedig 1545. Eine weitere und zwar kritische Ausgabe mit lateinischer
Uebersezung besorgte Mercurialis (Venedig 1588). Hierauf folgt die zu den berühm-
testen gehörige Ausgabe in lateinischer Uebersezung von Foüsius (Frankfurt 1 595), ferner die
von van der Linden (Leyden 1665), von Chartier (Paris 1679). Die erste deutsche Ueber-
sezung ist von Grimm (Altenburg 1781 — 1792, 4 Bände), die erste französische von
Gardeil (Toulouse 1801, 4 Bände). In neuerer Zeit wurde eine Ausgabe in lateinischer
Uebersezung von Kühn in Leipzig (1825) besorgt. Die sorgfältigste aller Ausgaben aber,
mit Hinzufügung aller Varianten und mit Beigabe einer etwas freien französischen Ueber-
sezung, zugleich bereichert durch umfangreiche Commentare ist die von Littre (Oeuvres
completes d'Hippocrate , bis jetzt 8 Bände 1839 bis 1853).
Ausserdem sind die wichtigeren einzelnen Schriften in zahlreichen Ausgaben , Ueber-
sezungen und Commentaren erschienen.
Ueber die Aechtheit und Unächtheit der unter Hippocrates' Namen vereinigten
Schriften und über ihre wahrscheinliche Zeitfolge sind viele Untersuchungen angestellt
worden ; von besonderem Interesse sind die von H. F. Link (über die Theorien in den
hippocratischen Schriften nebst Bemerkungen über die Aechtheit dieser Schriften in der
Abhandlung der Berliner Akademie Physical. Klasse 1814, 1815), von Petersen (Hipp,
nomine qua circumferuntur scripta Hamburg 1839) und von Littre.
Die unächten Schriften sind theils vorhippocratische (ifQOQ Qt/tiHnv und xactHai tIqo-
yv(oost£), theils Schriften des Polyb (rfept (pvöioq av&QwTtov, iteqi biairijc, vyisivrj*;), theils
solche anderer Schüler und Nachfolger, theils völlig unterschoben und selbst der hippo-
cratischen Schule fremd.
Die Kenntnisse vom Bau des menschlichen Körpers zu Hippocrates' Zeit war
lediglich nicht auf Oeffnung von Leichen gegründet, wenn auch einzelne Male ein Ca-
daver geöffnet worden sein mag (z. B. der spartanische Feldherr Aristomenes und die
der Schwangerschaft beschuldigte Tochter des Aristodemus). Auch in den hippocratischen
Schriften (zumal in den chirurgischen) will man da und dort Hinweisungen auf Ne-
croscopien gefunden haben; doch sind solche Stellen mehrfacher Deutung fähig und be-
weisen namentlich nirgends, dass Behufs der anatomischen Untersuchung eine Leiche ge-
öffnet wurde.
Zwei Beispiele von Specialbeobachtungen aus der hippocratischen
Casuistik. „Silenus wohnte auf dem Quai in der Nähe des Eualkidos und wurde nach
Verdruss, Trinken und unzeitiger Anstrengung von Hize befallen. Er fing an, Schmerzen im
Kreuze, Schwere im Kopfe und Spannung im Naken zu fühlen. Aus dem Unterleib gingen
am ersten Tage gallige, unvermischte, schaumige, übermässig reichliche Stühle ab; Urin
dunkel mit dunklem Bodensaz ; Durst; Zunge oberflächlich troken ; Nachts ohne Schlaf. —
Am zweiten Tage heftiges Fieber, Ausleerungen reichlicher, dünner und schäumend; Urin
1*
4 Zum ersten Abschnitt.
dunkel; Nacht schlecht; leichte Delirien. — Am dritten alles verschlimmert; Spannung
beider Hypochondrien bis zum Nabel und in den Weichen ; Stühle dünn, ziemlich dunkel ;
Urin trüb, ziemlich dunkel; Nachts keiu Schlaf; spricht viel, lacht, singt und kann sich nicht
zurükhalten. — Vierter Tag: ebenso. — Fünfter Tag: unvermischte, gallige, weiche und er-
giebige Stühle; dünner, durchsichtiger Urin ; schwach bei Besinnung. — Sechster Tag: am
Kopf ein geringer Schweiss, Glieder kalt und livid; viel Hin- und Herwerfen. Keine Ausleerung
aus dem Unterleib; kein Urin; heftiges Fieber. — Am siebenten: Stimmlosigkeit ; die Glieder
erwärmen sich nicht ; kein Urin. — Am achten Tag : allgemeiner kalter Schweiss , mit
welchem rothe, rundliche, kleine Blüthen, den Finnen ähnlich, auftraten und nicht wieder
verschwanden. Aus dem Unterleibe werden unter geringer Aufregung viele dünne wie un-
verdaute Kothmassen mit Zwang entleert. Urin schmerzend , brennend , die Glieder er-
wärmen sich wenig ; Schlaf oberflächlich, comatös. — Neunter Tag : ebenso. — Zehnter
Tag: kann nicht trinken, comatös, aber der Schlaf oberflächlich, Ausleerungen im Gleichen.
Urin reichlich, etwas dik, nach dem Stehen einen grossflokigen weissen Niederschlag
gebend, Glieder aufs Neue kalt. — Am eilften Tag: Tod. Von Anfang an und bis zum
Ende war der Athem langsam und gross und in dem Hypochondrium ein unaufhörliches
Pochen. Sein Alter war ungefähr 20 Jahr." (Zweiter Fall der ersten Reihe).
„Die Anginöse (Y.vvayyiy.ij), welche bei Aristion sich befand, bei welcher zuerst es
mit der Zunge begann : Sprache undeutlich , Zunge roth und troken. Am ersten Tag
Schüttelfrost und Hize ; am dritten Frost, heftige Hize, eine rothe harte Hautge-
schwulst (o'idijfia) an Hals und Brust auf beiden Seiten, Glieder kalt, livid; Respiration
hoch (fietea>()ov) ; das Getränke geht durch die Nase, sie kann nicht schlingen. Stuhl und
Urin zurükgehalten. Am vierten Tag verschlimmerte sich alles. Am fünften starb sie in
Folge der Angina." (Siebenter Fall der zweiten Reihe).
In allen diesen Fällen wird weder Therapie angegeben, noch die Benennung der
Krankheit bemerkt.
Versuch einer Diagnose der hippocratischen Einzelfälle aus beiden
Büchern über Epidemien. Es ist in der That bei der dürftigen Erzählung der meisten
dieser Fälle nicht möglich , eine auch nur annähernd sichere Diagnose zu machen. Mit
einiger Wahrscheinlichkeit lassen sich die Fälle folgendermaassen bezeichnen :
erste Reihe: 1) wahrscheinlich Intermittens : Tod am VI. Krankheitstag; 2) heftiges
Fieber mit pustulöser Eruption (Variolen?): Tod am XI; 3) Intermittens mit Milzan-
schwellung , 2 Crisen am IX. und XV. ; 4) Puerperalperitonitis : Tod am XX. ;
5) Puerperalpyämie : Herstellung am LXXX ; 6) zweifelhaft : Herstellung am LXXX ;
7) Fieber mit Kopfcongestionen : Crise am V. ; 8) Urämie : Tod am V. ; 9) heftiges Fieber
mit schwarzen Pusteln (Variolen?): Tod am II ; 10) Abdominaltyphus (?) : Heilung durch
allmälige Besserung; 11) Puerperalpyämie: Tod am VI.; 12) Abdominaltyphus: Tod
am XI.; 13) zweifelhaft: Crise am XIV.; 14) zweifelhaft: Crise am XI.
Zweite Reihe: 1) Pneumonie: Crise am X. ; 2) Typhus (?): Tod am XXVII.; 3) Fieber
mit schwarzen Stühlen und mit spärlichen Intermissionen : Crise am XL. ; 4) Meningitis :
Tod am V.; 5) Abdominaltyphus (?) : Crise am XX.; 6) zweifelhaft: Tod am XVH. ;
7) Scarlatina mit brightscher Niere (?): Tod am V.; 8) Typhus (?) : Tod am VII.; 9) Peri-
tonitis mit tödtlichem Ausgang ; 10) fieberhafte Krankheit mit Diarrhoe nach Abortus :
Tod am VII.; IL) ähnlicher Fall: Tod am VII.; 12) Puerperalperitonitis: Tod am XIV.
Dritte Reihe: 1) Abdominaltyphus (?) : Tod am CXX. ; 2) Puerperalpyämie: Tod
am LXXX; 3) Intermittens: Tod am X.; 4) Meningitis: Tod am III.; 5) zweifelhaft:
Tod am IV. ; 6) zweifelhaft : Tod am IV. ; 7) Causus (?) : Crise am VII ; 8) Pneumonie :
Herstellung am XXXIV.; 9) Typhus (?) : Herstellung am C. ; 10) Intermittens (?): Her-
stellung am XXIV. ; 11) acutes Delirium: Crise am III.; 12) zweifelhaft: Crise am VI.;
13) Leberentzündung oder Leberkrebs: Tod; 14) Puerperalperitonitis: Tod am XVH;
15) Typhus (?): Tod am XXL; 16) Typhus (?): Tod am XXIV.
Wenn man behauptet hat, dass die climatischen Verschiedenheiten eine Zurükführung
der hippokratischen Fälle auf die bei uns vorkommenden Formen unstatthaft machen,
so kann die Differenz doch nur bei einzelnen Fällen eine Unerkennbarkeit rechtfertigen.
Hippocrates.
Statistik der critischen Tage nach hipp ocratischen Einzelfällen.
De Haen (rat. medendi Pars 1. cap. 4. de diebus criticis et crisibus variis) hat die
Berechtigung der hippocratischen Lehre von den critischen Tagen auf numerischem Wege
aus 200 eigenen Beobachtungen des Hippocrates geprüft:
Tage und Zahl der Fälle von
;ritischen Entscheidungen:
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Der Eid der hippocratischen Schüler kann endlich noch einen Eiublik in
die naive und doch ernste Stimmung jener Zeit gewähren. Er lautet:
Ich schwöre bei Apollo, dem Arzte, bei Asklepios und Hygeia und Panakeia und bei
allen Göttern und Göttinnen und nehme sie zu Zeugen, dass ich halten will nach Kraft
und Einsicht diesen Eid und dieses Versprechen:
ich werde den Lehrer dieser meiner Kunst meinen Eltern gleich schäzen, ihn an
meinem Lebensunterhalt theilnehmen lassen, und falls er bedürftig ist, ihm das Nothwen-
dige beisteuern; ich werde seine Kinder wie meine Brüder halten, auch sie in dieser
Kunst, wenn sie dieselbe lernen wollen, unterrichten, ohne Lohn und Verschreibung; ich
werde mittheilen die Lehren, die Vorträge und mein ganzes übriges Wissen meinen Söh-
nen und denen meines Lehrers, sowie den Schülern, welche eingezeichnet und auf das
ärztliche Gesez vereidet sind, aber keinem Anderen! Ich werde anordnen das Verhalten
der Krauken zu ihrem Nuzen nach Kraft und Einsicht und dabei Schaden und Nachtheil
abhalten. Ich werde tödtliches Gift Niemand, der es verlangt, verabreichen, noch hierzu
(J Zum ersten Abschnitt.
Rath geben. Dessgleichen werde ich niemals einer Frau ein Abortivmittel verabreichen.
Rein und heilig werde ich mein Leben und meine Kunst halten. Ich werde niemals
Steinkranke operiren ; ich werde diess den in diesem Geschäft geübten Männern überlassen.
In welche Häuser ich auch komme, werde ich eintreten zu Nuzen der Kranken, mich
enthaltend jeder absichtlichen Kränkung und Beschädigung, vornemlich aber jeder un-
züchtigen Handlung an weiblichen und männlichen Individuen, Freien wie Sklaven.
Was ich von dem Leben der Menschen bei der Kranken-Behandlung sehe oder höre,
oder auch ausserhalb der Behandlung erfahre, und was nicht verbreitet werden soll, werde
ich verschweigen und werde solches als ein Geheimniss achten.
Wenn ich diesen meinen Eid vollständig erfülle und ihn nicht verleze, so möge ich
geniessen meines Lebens und meiner Kunst, welche geehrt ist vou allen Menschen bis
in alle Ewigkeit; übertrete ich ihn aber und werde ich meineidig, so widerfahre mir von
All dem das Gegentheil !
Die atheniensische Pest von Thucydid.es. In Athen brach die Pest
plözlich aus und befiel zuerst die Menschen am piräischen Hafen, so dass man glaubte,
die Peloponeser hätten Gift in die Brunnen geworfen, und doch waren damals keine
Brunnen da. Dann kam sie in die obere Stadt. Das ganze Jahr über hatten keine andere
Krankheiten geherrscht. Wenn Jemand schon vorher krank war, so bildete sich daraus die
Pest aus. Solche, die frisch und gesund waren, bekamen ohne Ursache und plözlich starke
Hize im Kopfe, Röthe und Entzündung in den Augen; die inneren Theile , der Schlund
und die Zunge wurden blutroth , der Athem schlecht und übelriechend ; darauf stellte sich
Niesen und Heiserkeit ein und alsdann Schmerz in der Brust mit heftigem Husten und galliges
Erbrechen mit vielem Würgen. Die Meisten hatten ein häufiges Schluchzen mit starken
Krämpfen, die bei Einigen frühzeitig, bei Andern aber spät aufhörten. Der äussere Körper
war nicht besonders warm, aber geröthet, livid und voller kleiner Blattern und Geschwüre ; die
inneren Theile dagegen waren so heiss, dass die Kranken sich am liebsten in kaltes Wasser
stürzten ; viele sprangen, von unlöschbarem Durst ergriffen, in den Brunnen. Troz dem, dass
die Krankheit zunahm, fiel doch der Körper nicht ab, sondern widerstand dem Uebel, so dass
die Meisten den 7. oder 9. Tag in einem guten Kräftezustand durch die innere Hize starben;
wo diess nicht geschah, starben sie meist nachher aus Schwäche, nachdem die Krankheit auf
den Unterleib sich geworfen hatte und ein übermässiger Durchfall erfolgt war. So ging das
Uebel vom Kopfe bis herunter durch den ganzen Körper, und wenn Jemand die grössten Ge-
fahren überstanden hatte, so zeigte der Verlust der Extremitäten die durchgemachte Krankheit.
Genitalien, Hände und Füsse gingen bei Vielen verloren, bei Andern die Augen ; Einzelne
wurden in der Reconvalescenz so vergesslich, dass sie weder sich noch ihre Freunde kannten.
Diese Krankheit befiel alle Menschen ohne Unterschied. Die Vögel und Raubthiere rührten
die unbeerdigt Gebliebenen nicht an, oder starben, wenn sie von dem Fleische gefressen hatten.
Zur selbigen Zeit herrschte keine von den sonstigen Krankheiten, und wofern eine ausbrach,
ging sie bald in die Seuche über. Es gab kein einziges Heilmittel, von dessen Gebrauche Hilfe
zu hoffen war, und kein Körper, er mochte stark oder schwach sein, vermochte zu widerstehen.
Zweimal befiel die Krankheit Niemand. (Nach Gruner's Uebersezung).
Plato.
Das obige , vielleicht hart scheinende Urtheil über die platonischen Versuche in der
Physiologie und Pathologie machen es nöthig, den übrigens auch zur Characterisirung
der dogmatisch-philosophischen Weise nicht unwichtigen Passus aus Timäus aufzuneh-
men. Ich bin dabei zum Theil der Uebersezung von Schneider (im zweiten Band des
Janus) gefolgt; doch musste an derselben, um sie geniessbar und verständlich zu machen,
sehr vieles geändert werden, da durch den sehr zu entschuldigenden Mangel an Sach-
keuutniss der gelehrte Uebersezer manche sachliche Missverständnisse zu Tage ge-
fördert hat.
Da diese Dinge ungeordnet waren, gab Gott ihnen Ebenmaass, jedem unter sich
selbst sowohl als unter einander, so viel und solcher Art, als sie dazu fähig waren. Denn
damals war nichts verhältniss- und ebeumässig, ausser durch Zufall; noch war überhaupt
etwas von dem, was jezt einen Namen führt, eines solchen werth (wie Feuer, Wasser
und dergleichen). Vielmehr ordnete Er erst alles dieses und sezte das Weltall daraus
zusammen als ein einziges lebendes Wesen, welches die Lebenden alle, sterbliche und un-
sterbliche, in sich hat. Und von den göttlichen Wesen ist Er selbst der Schöpfer; die
Plato. 7
Hervorbringung der Sterblichen aber trug er den von Ihm Erzeugten auf. Diese sodann
ahmten Ihn nach und, als sie die unsterbliche Grundlage der Seele empfangen hatten,
umschlossen sie sie mit einem sterblichen Körper, als Fahrzeug für die Seele. Sie gaben
dem Leibe aber eiue andere Art von Seele, die sterbliche, welche gefährliche uud noth-
wendige Eindrüke in sich aufnimmt, zuerst die Lust, die grösste Lokspeise des Schlechten,
dann den Schmerz, den Verscheucher des Guten, sofort auch Zuversicht und Furcht, zwei
thörichte Rathgeber, weiter den schwer zu besänftigenden Zorn, dann die leicht zu täu-
schende Hoffnung nebst dem Wahnsinn und der alles versuchenden Liebe. Dieses Alles
vermischend bildeten sie das sterbliche Geschlecht. Aber aus Scheu, das Göttliche zu be-
liehen , so weit es nicht nothwendig war, verlegten sie den Siz des Sterblichen , getrennt
von jenem, in einen andern Theil des Leibes, indem sie den Hals zur Scheidung zwischen
Kopf und Brust einschoben. In die Brust und den Thorax schlössen sie die sterbliche
Art von Seele ein. Und weil auch von ihr ein Theil besser, der andere schlechter ist,
so trennten sie wiederum die Brusthöhle, wie in einem Hause das Gemach der Männer
von dem der Frauen abgesondert ist, und spannten das Zwerchfell dazwischen aus. Dem
streitliebenden Theile der Seele nämlich, welchem Tapferkeit und Zorn zukommt, wiesen
sie seinen Siz näher dem Kopfe zwischen dem Zwerchfell und Naken an , damit es auf
die Vernunft hörend gemeinschaftlich mit ihr die Begierden mit Gewalt im Zaume hielte,
wenn diese den von der Höhe des Hauptes herabkommenden Befehlen nicht freiwillig ge-
horchen sollten. Das Herz aber, die Verknüpfung der Adern und die Quelle des durch
alle Glieder mit Heftigkeit herumgetriebeneu Blutes, stellten sie auf die Wache, damit,
wenn der Zorn mächtig aufwallt, von der Vernunft benachrichtigt, es geschehe aussen ein
Unrecht oder entbrenne innen eine Begierde , schnell durch alle engen Gänge alles mit
Empfindung Begabte im Körper die Mahnungen und Drohungen der Vernunft vernehme
und empfinde und dem bessern Theile Leitung und Herrschaft überlasse. Für das Pochen
des Herzens aber bei der Erwartung eines Schreklichen und bei Aufwallung des Zornes
haben sie in der Voraussicht, dass solch Aufwallen immer mit Hize verbunden sei, da-
durch Hülfe geschafft, dass sie die Lunge anschmiegten, die, weich und blutlos, inwendig
wie ein Schwamm von Höhlen und Röhren durchbohrt, Luft und Feuchtigkeit aufnehmen
kann , dadurch abkühlt und die Hize leichter ertragen lässt. Deswegen also führten
sie Kanäle der Luftröhre nach der Lunge und lagerten diese um das Herz herum wie ein
weiches Polster, damit, wenn der Zorn in ihm aufbraust, es an ein Nachgiebiges an-
schlage uud abgekühlt weniger ergriffen werde und mehr der Vernunft als dem Zorne
dienen könne.
Das aber in der Seele, was nach Speise und Trank und nach aller Leibesuothdurft be-
gierig ist, verlegten sie in die Gegend zwischen Zwerchfell und Nabel, gleichsam als eine
Krippe , die sie an dieser Stelle für die Nahrung des Körpers einrichteten. Sie banden
dann jenes dort an wie ein wildes Thier, das aber nothwendig ernährt werden musste,
wenn es überhaupt ein sterbliches Geschlecht geben solle; damit es also immer an der
Krippe weide und so entfernt wie möglich von dem Rathendeu wohne, am wenigsten durch
Lärm und Geschrei das Beste in seinen Berathungen über das allgemein Zuträgliche
störe, haben sie ihm dort seinen Plaz angewiesen. Da sie aber wussten, es würde auf
die Vernunft nicht hören und wenn es irgend von einer Empfindung ergriffen würde, die
Befehle jener nicht zu achten die Art haben, vielmehr von Schatten- und Scheinbildern bei
Nacht und bei Tage hingerissen werden, so stellten sie nach Gottes Willen die Leber zu-
sammen und sezten sie in dieselbe Gegend. Sie bildeten sie dicht, glatt, glänzend und
süss mit Bitterkeit vermischt, damit in ihr die Kraft der aus der Vernunft kommenden Gedanken
wie in einem Spiegel zurükgegeben werde, theils um zu erschreken, wenn die in ihr lie-
gende Bitterkeit unsanft sich nähere , indem die ganze Leber mit Schärfe unterlaufe und
gallichte Farben in ihr erscheinen, sie in allen ihren Theilen sich zusammenziehe und runz-
lich und rauh werde; theils um den Lappen und die Behälter und Pforten, jenen aus
einem geraden zu einem umgebogenen zu machen und zusammenzuziehen , diese zu ver-
stopfen und zu verschliessen , und dadurch Schmerzen und schlimmes Befinden zu ver-
ursachen. Wenn aber Bilder der entgegengesezten Art sich abspiegeln und durch ein
sanftes Anregen der Gedanken die Bitterkeit beruhigt würde, so wird dagegen die ihr ein-
gepflanzte Süssigkeit erregt und alles gerade und glatt in ihr und es werden dem um
die Leber wohnenden Theile der Seele Heiterkeit und gute Tage gegeben und in der
Nacht eine angemessene Beschäftigung, indem sie im Schlafe , wenn sie der Ueberlegung
und Besonnenheit nicht mehr theilhaftig ist, zu weissagen pflegt.
Das Eingeweide aber, was in ihrer Nachbarschaft zur Linken sich befindet, ist um
8 Zum ersten Abschnitt.
ihretwillen zusammengefügt und dorthin gesezt, um sie stets glänzend und rein zu er-
halten, wie ein für einen Spiegel verfertigtes und immer bereit daneben liegendes Wisch-
tuch. Daher denn auch, wenn sich Unreinigkeiten in Folge von Krankheiten des Körpers
in der Leber erzeugen, alles gereinigt und aufgenommen wird von der Lokerheit der
Milz , als eines hohlen und blutlosen Gewebes ; wesshalb sie angefüllt mit den wegge-
nommenen Unreinigkeiten gross und aufgedunsen wird, und wenn der Körper gereinigt ist,
wieder zu demselben Umfange sich zurükziehend zusammensinkt.
Die Schöpfer unseres Geschlechtes sahen unsere Ausschweifung im Trinken und
Essen voraus, und dass wir aus Gier viel über das Maass und die Notwendigkeit zu uns
nehmen würden ; damit also nicht schneller Untergang durch Krankheiten eintrete und
vor der Vollendung das sterbliche Geschlecht sein Dasein endige , bildeten sie in ihrer
Voraussicht als Behälter und Aufnehmer dessen, was von Trank und Speise überflüssig
sein würde, die Dünndärme, und wanden sie wie die Dikdärme im Kreise herum, damit
die Nahrung nicht schnell wieder fortgehe und zu früh der Körper neuer Nahrung be-
dürfe. Denn durch Fressgier wird unser Geschlecht der Liebe zur Wissenschaft und Kunst
entfremdet und taub gemacht gegen die Stimme des Göttlichen in uns.
Mit den Knochen aber und dem Fleische und dem ganzen Wesen dieser Art verhielt
es sich so : der Grund zu diesen insgesammt ist die Entstehung des Markes ; denn in
diesem wurden die Bänder des Lebens als die Wurzeln des sterblichen Geschlechts bei
der Verknüpfung der Seele mit dem Leibe befestigt; das Mark selbst aber ist aus an-
derem entstanden. Denn die ersten unter den Dreieken , welche gerade und glatt Feuer
und Wasser und Luft und Erde am genauesten darzustellen im Stande waren, diese aus
den einzelnen Geschlechtern besonders ausscheidend und wie sie zusammen passten mit
einander vermischend zu einem allgemeinen Samen für das ganze sterbliche Geschlecht
bildete Gott das Mark aus ihnen und befestigte sodann pflanzend in ihm die Gattungen
der Seelen , und wie viel und was für Gestalten es nach den einzelnen Arten haben
sollte, in so viel und solche Gestalten zerlegte er das Mark selbst gleich bei der anfäng-
lichen Vertheilung. Und denjenigen Theil des Markes, welcher den göttlichen Samen
wie ein Saatfeld in sich bergen sollte, bildete er rund auf allen Seiten und nannte ihn
Gehirn (iyv.eqia.kov) , weil am vollendeten einzelnen Wesen das ihn umgebende Gefäss
Kopf (■nsipalij) heissen würde ; was aber den übrigen und sterblichen Theil der Seele in sich
halten sollte, das zerlegte er in runde zugleich und länglichte Gestalten und nannte alles
das Mark. Und wie an Anker befestigte er daran die Bänder der ganzen Seele, machte
um dasselbe herum unsern ganzen Körper fertig, indem er zuerst eine knöcherne Be-
dekung für jenes, die das Ganze umschlösse , zusammenfügte. Den Knochen aber baute
er so: Durchgesiebte, reine und glatte Erde mengte und benezte er mit Mark, und sezte
es sodann in Feuer, danach aber tauchte er es in Wasser, dann abermals in Feuer, dann wie-
derum in Wasser, und vielmals so es hinübertragend aus dem einen in das andere machte er es
unschmelzbar für beide. Hievon nun Gebrauch machend formte er daraus eine knöcherne Kugel
zur Umgebung des Gehirns, Hess aber in derselben einen engen Durchgang zurük; und zur Um-
gebung des Naken- wie des Rükenmarkes bildete er Wirbel daraus und fügte sie wie Thür-
angeln einen unter den andern, vom Kopfe an den ganzen Rumpf entlang. Und so nun dem
ganzen Samen Schuz gewährend umschloss er ihn mit einer steinartigen Umzäunung und
brachte Gelenke in derselben an, bei welchen er von dem Vermögen des andern als einem da
zwischen eintretenden Gebrauch machte, zum Behuf der Bewegung und Biegung. Da er jedoch
dafür hielt, dass die Beschaffenheit der Knochen zu spröde und unbiegsam sei, und dass
sie auch, wenn sie erhizt und wieder erkältet würde, brandig werden und bald den Samen,
der sich in ihr befinde, zerstören würde, so hat er die Sehnen und das Fleisch bereitet.
Mittelst jener verlieh er, indem er alle Glieder durch deren Anspannung und Nachlassung
verband , dem Leibe Biegsamkeit um die Angeln und Ausstrekbarkeit. Das Fleisch aber
sollte als Schirm gegen die Hize und als Schuz gegen die Kälte , wie gegen das Fallen
dienen, indem es den Körpern weich und sanft nachgäbe; vemöge der warmen Nässe
aber, die es in sich hätte, sollte es im Sommer durch Schweiss und äusserliche Benezung
über den ganzen Leib eine geeignete Kühle verbreiten , im Winter dagegen mit seinem
Feuer den von Aussen andringenden und umgebenden Frost auf angemessene Weise ab-
wehren. In dieser Absicht sezte er, dessen Hand uns gebildet hat, aus einem passend
verbundenen Gemisch von Wasser und Feuer und Erde, versezt mit einem aus Sauerem
und Salzigem bestehenden Gährungsstoffe, das Fleisch saftig und weich zusammen; das
Wesen der Sehnen aber liess er aus der Vermischung von Knochen und ungesäuertem
Fleische als ein vereinigtes, aus beiden der Kraft nach mittleres hervorgehen, indem er
Plato. 9
bei ihnen von der gelben Farbe Gebrauch machte. Desshalb ist das Wesen der Sehnen
straffer und zäher, als das des Fleisches, und weicher und feuchter, als das der Knochen.
Und hiemit Knochen und Mark umgebend verband Gott sie unter einander durch Sehnen
und überdekte sodann alles mit Fleisch. Welche nun am beseeltesten waren unter den
Knochen, die umschloss er mit dem wenigsten Fleische, die innerlich seelenlosesten aber
mit dem meisten und dichtesten; und auch an den Verbindungen der Knochen, wo die
Ueberlegung nicht eine Notwendigkeit zeigte, dass es sein müsse, liess er wenig Fleisch
wachsen , damit es weder den Biegungen hinderlich sei und so die Körper unbehilflich
und schwer beweglich mache, noch auch, wenn es viel und dicht und sehr aneinander
gedrängt wäre , durch Derbheit Unempfindlichkeit erzeuge und die Seele ungeschikter und
stumpfer zum Denken mache. Daher sind denn die Schenkel sowohl und Schienbeine und
die Hüftgegend und die Theile um die Knochen der Oberarme und der Unterarme und
welche sonst noch gelenklos sind, sowie alle Knochen, die inwendig wenig Seele im Marke
und darum nichts von Einsicht haben, alle diese sind mit Fleisch reichlich versehen; alle
aber, in denen Einsicht ist; weniger: es sei denn, dass er ein Fleisch für sich der Em-
pfindungen wegen also zus immensezte, wie die Gestalt der Zunge; die meisten aber auf
jene Art. Denn die durch Nothwendigkeit werdende und unter ihr fortbestehende Natur
gestattet keineswegs dichte Knochen und vieles Fleisch und dabei zugleich feine Em-
pfindung. Denn am allermeisten würde es sich am Baue des Kopfes finden, wenn sich
beides zusammen vertrüge, und es würde das menschliche Geschlecht mit einem fleischigen
und sehnichten und starken Kopfe auf dem Rumpfe noch einmal und vielmal so lange
leben, als jezt, und gesünder und schmerzloser. So aber, als unsere Schöpfer überlegten,
ob sie ein länger lebendes schlechteres oder ein kürzer lebendes besseres Geschlecht her-
vorbringen sollten, fanden sie, dass dem längeren aber unvollkommeneren Leben das
kürzere bessere durchaus vorzuziehen sei; desshalb haben sie mit einem dünnen Knochen,
nicht aber mit Fleisch und Sehnen den Kopf, obwohl er keine Gelenke hat, bedekt.
Dem allen zufolge ward also dem Leibe jedes Mannes ein zwar mit Empfindung und Ein-
sicht begabterer, aber viel schwächerer Kopf aufgesezt. Die Sehnen aber heftete Gott aus
diesen Gründen und auf diese Weise an das Ende des Kopfes symmetrisch , sie im Kreise
um den Hals herumstellend, und band mit ihnen die Enden der Kinnladen unterhalb des
Antlizes zusammen. Die andern verstreute er in alle Gliedmaassen, Gelenk mit Gelenk
verknüpfend. Die Kraft des Mundes aber versahen die Schöpfer mit Zähnen und Zunge
und Lippen , zum Eingang für das Nothwendige und zum Ausgang für das Beste ; denn
nothwendig ist alles, was eingeht, dem Körper Nahrung verleihend; der Strom der Rede
aber, der herausfliesst und der Einsicht dient, ist der schönste und beste aller Ströme.
Jedoch den Kopf blos aus naktem Knochen bestehen zu lassen, war wegen der beider-
seitigen Extreme in den Jahreszeiten nicht möglich, so wenig, als er durch eine Masse
von Fleisch stumpf und unempfindlich sein durfte. Es wurde also von dem fleischigen
Wesen ein übrig bleibendes grösseres Stük ausgetroknet und als Schale abgeschieden,
was jezt Haut genannt wird, welche sodann mittelst der Feuchtigkeit um das Gehirn sich
selbst zusammenzog und den Kopf bekleidete. Diese Haut nun durchstach Gott ringsum
mit Feuer, und als sie durchbohrt war und die Feuchtigkeit durch sie hindurch nach Aussen
getrieben wurde, so ging das Feuchte, Warme und Reine ab. Das Gemischte aber, aus
denselben Stoffen wie die Haut bestehend, strekte sich zwar von dem Triebe nach Aussen
gehoben in die Länge so dünn wie der Durchstich; aber seiner Langsamkeit wegen zu-
rükgestossen vom Hauche der äusseren Luft und wieder unter die Haut hinuntergedrängt
schlug es dort Wurzel ; und in Folge dieser Umstände ist denn das Geschlecht der Haare
auf der Haut erwachsen, zwar verwandt mit dieser, aber härter und dichter vermöge der
Zusammendrängung durch Kälte, die jedes Haar, sowie es von der Haut sich entfernt,
erkältet und starr macht. Hiemit also wurde unser Kopf rauh gemacht von seinem Schöpfer
in Rüksicht auf die beschriebenen Ursachen und in der Erwägung, dass es anstatt des
Fleisches zur Sicherung des Gehirns eine leichte und im Sommer und Winter Schatten
und Schuz gewährende Bedekung sein müsste, welche zugleich der Leichtigkeit des Empfiudens
nicht hinderlich werden würde.
Die Gewächse schufen die erhabenen Schöpfer uns Schwachen zur Nahrung und sie
durchzogen darum unsern Körper gleichsam mit Kanälen , wie man sie in Gärten gräbt,
damit er wie von zufliessendem Gewässer befeuchtet würde. Und zuerst gruben sie zwi-
schen Haut und Fleisch zwei Rükenadern, zwiefach, nach den beiden Körperhälften,
der rechten und der linken. Diese führten sie am Rükgrat hinunter und so , dass das
Lebensmark zwischen sie zu liegen kam, damit sowohl dieses aufs Beste gedeihe, als auch
10 Zum ersten Abschnitt.
von hier der Zufluss zu den übrigen Theilen als zu den niedriger Liegenden leicht von
statten gehe und die Bewässerung gleichmässig geschehe. Nach diesem Hessen sie die
Adern sich um den Kopf theilen, sich verschlingen und nach entgegengesezten Seiten gehen,
indem sie die einen von der rechten nach der linken Seite des Leibes und die andern von
der linken nach der rechten richteten, damit zugleich neben der Haut noch ein Band zwi-
schen dem Kopfe und Leibe wäre , weil jener nicht ringsum mit Sehnen am Scheitel be-
sezt war, und dann auch damit der Eindruk der Empfindungen von beiden Seiten sich in
den ganzen Körper verbreitete. Sodann aber schritten sie zur Anlage der Wasserleitung,
d.eren Einrichtung wir leichter einsehen werden , wenn wir uns znvor darüber verständigt
haben, dass alles, was aus kleineren Theilen besteht, das grössere halten kann, das aus
grösseren bestehende aber das kleinere nicht zu halten vermag, und dass das Feuer unter
allen Elementen die kleinsten Theile hat, wesshalb es durch Wasser und Erde und Luft
und alles, was aus diesen besteht, hindurchgeht, und nichts es bändigen kann. Ebenso ist
nun auch von unseren Därmen zu bemerken , dass sie die aufgenommenen Speisen und
Getränke zurükhalten können, Luft und Feuer aber nicht, weil deren Theile kleiner sind
als die aus welchen sie selbst bestehen. Von diesen also machte Gott Gebrauch zur Be-
wässerung der Adern aus der Bauchhöhle, indem er ein Geflecht aus Luft und Feuer nach
Art der Fischreusen zusammenwebte, am Eingange mit doppelten Zwischengeflechten ver-
sehen, deren eines er wiederum zweispaltig flocht ; und von den Zwischengeflechten zog
er dann gleichsam Seile ringsum durch das ganze Geflecht bis zu dessen Enden hin. Das Innere
desselben nun sezte er ganz aus Feuer zusammen , die Zwischengeflechte und das Aus-
wendige aber luftartig; dann nahm er es und umgab damit das lebendige Wesen, das er
gebildet hatte, auf folgende Weise: das eine der Zwischengeflechte Hess er in den Mund
gehen ; da es aber doppelt war, so führte er die eine Hälfte desselben durch die Luftröhre
hinab in die Lunge und die andere in die Bauchhöhle neben den Luftröhren hin; das andere
schaltete er und liess beide Theile durch die Kanäle der Nase hindurch sich vereinigen,
so dass, wenn das andere durch den Mund nicht im Gange wäre, aus diesem auch die
auf jenes angewiesenen Flüsse alle versorgt würden. Das übrige Auswendige der Reuse
aber liess er um den ganzen hohlen Theil unseres Körpers herumwachsen, und veranstaltete
nun, dass dieses Ganze bald sanft in die Zwischengeflechte, als aus Luft bestehend, zusammen-
flösse, bald diese wiederum ihrerseits zurükflössen, andererseits das Geflecht bei der lokern
Beschaffenheit des Körpers durch denselben hinein und wieder herausträte, die inwendig be-
festigten Feuerstrahlen aber dem Zuge der Luft nach beiden Seiten hin folgten, und solches,
so lange das sterbliche Wesen bestünde, ohne Unterbrechung geschehe. Dieses nun, sagen wir,
hat der Urheber der Namen zusammen mit den Wörtern Einathmen und Ausathmen bezeichnet.
Dieses ganze Thun und Leiden nun aber ist uuserrn Körper beigelegt, damit er ange-
feuchtet und abgekühlt ernährt werde und lebe. Denn wenn, während der Athem hinein-
und herausgeht, das inwendig verbundene Feuer folgt und sich durch die Därme verbreitend
die hineingekommenen Speisen und Getränke ergriffen hat, so löst es sich auf, zertheilt sie
in kleine Theile, führt sie durch die Ausgänge, durch die der Weg geht, hindurch, lässt sie
wie aus einer Quelle in Kanäle, in die Adern sich ergiessen, und macht, dass die Strömungen
der Adern den Körper wie einen Wiesengrund durchströmen.
Betrachten wir aber noch einmal den Hergang des Athemholens, vermittelst welcher
Ursachen er ein solcher geworden ist, wie er gegenwärtig ist. Also so: da es nichts Leeres
gibt, in welches etwas von dem, was bewegt wird, hineingehen könnte, der Athem aber von
uns nach Aussen bewegt wird, so ist demnächst schon jedem klar, dass er nicht in die Leere
geht, sondern das nächste aus seiner Stelle fortstösst ; das gestossene aber vertreibt immer
das nächste, und so wird nothwendig alles herumgetrieben nach der Stelle hin, von wo der
Athem ausging, und tritt hinein und füllt sie aus und folgt dem Athem nach, und dieses ge-
schieht alles zugleich wie wenn sich ein Rad umdreht, weil es nichts Leeres gibt. Daher
werden denn Brust und Lunge, wenn sie den Athem von sich geben, wieder von der Luft
um den Körper, welche durch das lokere Fleisch hineindringt und herumgetrieben wird, an-
gefüllt ; wenn aber die Luft wiederum sich wendet und durch den Körper hinausgeht,
so bringt sie durch Herumstossen das Hineingehen des Athems durch den Mund und die
Nasenlöcher zuwege. Als die Ursache aber des Anfangs hievon ist dieses anzunehmen :
Jedes lebende Wesen hat inwendig im Blute und in den Adern seine grüsste Wärme, wie eine
in ihm befindliche Feuerquelle, was wir auch mit dem Geflecht der Reuse verglichen, welches
in der Mitte des Gewebes ganz aus Feuer geflochten sei, im Uebrigen aber, auswendig, von
Luft. Vom Wannen nun muss jeder zugeben, dass es naturgemäss nach seinem Orte hinaus
zu dem verwandten geht. Da aber der Durchgänge zwei sind, welche hinausführen, der eine
Plato. 1 1
durch den ganzen Leib, der andere durch den Mund und die Nase, so muss es, wenn es nach
dem einen hindrängt, am andern sich zusammenziehen. Das Zusammengezogene aber wird
erwärmt, indem es in das Feuer hineinkommt, und das Herausgehende erkältet. Indem aber
die Warme sich ändert und das am andern Ausgange wärmer wird, so schlägt wiederum dort-
hin vielmehr das Warme seinem eigenen Wesen zustrebend, und stösst das an der andern Seite
herum ; dieses aber, immer dasselbe erleidend und dasselbe aueh wieder hervorbringend, wird
so die Ursache des hin- und herwogenden von beiden Seiten zu Stande gebrachten Kreises,
den das Einathmen und Ausathmen bildet.
Von den Krankheiten aber ist wohl jedem klar, woher sie entstehen. Denn da es vier
Elemente sind, aus welchen der Körper zusammengefügt ist, Erde, Feuer, Wasser und Luft,
so hat das widernatürliche Zuviel und Zuwenig von diesen und die Veränderung des Sizes,
wenn sie den eigenen mit einem fremden vertauschen, und wenn von dem Feuer und den an-
dern Elementen (da der Gattungen mehr als eine sind) eine jede das, was ihr nicht zukommt,
an sich nimmt und dergleichen mehr, Aufruhr und Krankheit zur Folge. Denn indem das
Entstehen eines jeden und das Wechseln des Ortes auf die widernatürliche Weise stattfindet,
so wird erwärmt, was vorher abgekühlt wird, und was troken ist, wird nachher feucht, dess-
gleichen was leicht ist, schwer, und alles erleidet die mannigfaltigsten Veränderungen. Denn
nur dann, sagen wir, bleibt alles wohlbehalten und gesund, wenn alles in gleicher Weise und
gleichem Verhältniss hinzukommt und weggeht. Was aber gegen die Regel abgeht oder
hinzutritt, gibt Veranlassung zu den manchfaltigsten Veränderungen, zu unendlichen Krank-
heiten und Arten des Verderbens.
Eine zweite Entstehung der Krankheiten wird einsichtlich aus den naturgemässen Zu-
sammensezungen zweiten Grades. Denn da Mark und Knochen, Fleisch und Sehnen aus
jenen zusammengefügt sind, sodann das Blut, wenn auch auf andere Weise, aber aus eben-
denselben entstanden ist, so entwikeln sich die schwersten Krankheiten dadurch, dass die
Entstehung der genannten Theile verkehrt erfolgt, und damit dieselben verderben. Natur -
gemäss nämlich entstehen Fleisch und Sehnen aus Blut, die Sehnen aus den Fasern der Ver-
wandtschaft wegen, das Fleisch aus dem geronnenen, was von den Fasern sich abscheidet.
Das Zähe und Fettige aber, was wieder von dem Fleische und den Sehnen abgeht, das ver-
bindet theils als Leim das Fleisch mit den Knochen und dient zugleich selbst als Nahrung
zum Wachsthum der Knochen um das Mark; zum andern Theil wird es durchgeseihet durch
die Dichtheit der Knochen, ist die reinste, glätteste und fettigste Art der Dreieke, und be-
feuchtet absikernd von den Knochen und träufelnd das Mark. Wenn nun jedes auf diese Weise
entsteht, so findet Gesundheit und Ordnung statt, Krankheit aber im entgegengesezten Falle.
Denn wenn aufgelöstes Fleisch seine Auflösung zurük in die Adern verbreitet, so wird das
Blut in den Adern in Verbinduug mit Luft vielartig und mauchfaltig von verschiedener Farbe
und Dichtigkeit, auch von saurer und salziger Beschaffenheit, mit allerlei Galle und Lymphe
und Schleim. Denn wenn es auf verkehrtem Wege entstanden und verdorben ist, da wird zu-
erst das Blut selbst zerstört, und ohne selbst dem Körper noch irgend eine Nahrung zu ge-
währen, treibt es sich überall in den Adern herum und hält die Ordnung der natürlichen
Umläufe nicht mehr inne, in Feindschaft mit sich selbst, weil es keinen Genuss von sich hat,
und im Kampfe mit dem bestehenden und an Ort und Stelle verbleibenden im Körper, welches
es zerrüttet und auflöst. Wird nun das älteste Fleisch getroffen, was ein schwer zu zer-
sezendes wird, so bekommt es von dem Brande, dem es lange Zeit ausgesezt war , eine schwarze
Farbe, wird, weil es überall zerfressen ist, bitter und erweist sich allen noch nicht verdorbenen
Theilen des Körpers schädlich. Bisweilen nimmt die schwarze Farbe statt der Bitterkeit
Säure an, wenn das Bittere mehr verdünnt ist ; bisweilen aber nimmt die Bitterkeit wieder
mit Blut getränkt eine röthere, und durch Vermischung dieser mit der schwarzen die grüne
Farbe an, und auch die gelbe verbindet sich mit der Bitterkeit, wenn junges Fleisch von dem
Feuer der Flamme geschmolzen wird. Und alles dieses zusammen wird Galle benannt,
von Aerzten oder von andern, welche fähig sind, auf vieles und unähnliches zu achten und
darin das Gemeinsame zur Benennung für entsprechende Verhältnisse zu erbliken. Die übrigen
Namen der einzelnen Arten der Galle haben nach der Farbe ein jeder seine eigene Erklärung.
Die Lymphe aber, die sich im Blute findet, ist mildes Blutwasser, die in der schwarzen und
sauren Galle dagegen scharf, wenn der Wärme wegen salzige Beschaffenheit hinzutritt, und
diese Art heisst saurer Schleim.
Was aber mit Luft aus jungem und zartem Fleische aufgelöst wird, muss, weil dieses
dann aufgebläht und von Feuchtigkeit aufgetrieben wird, so dass Blasen sich gebildet haben,
die jede für sich der Kleinheit wegen unsichtbar sind, aber in Masse sichtbar werden, von
12 Zum ersten Abschnitt.
Farbe weiss sein wegen der .Schaumbildung. Diese Art der Verderbniss zarten Fleisches mit
Luft verwebt nennen wir weissen Schleim. Vom Schleim aber wiederum, wie er zuerst sich
bildet, ist das Wässerige Schweiss und Thräne und alles dergleichen, was der Körper täg-
lich sich reinigend, ausgiesst.
und dieses alles nun sind Werkzeuge der Krankheiten und werden es, wenn das Blut
nicht aus den Speisen und Getränken sich naturgemäss vermehrt hat, sondern auf entgegen-
geseztem Wege wider die Geseze der Natur zu seiner Masse kommt. Wenn nun das einzelne
Fleisch durch Krankheiten zertrennt wird, die Grundlagen desselben aber bleiben, so hat das
Uebel nur halbe Kraft; dennoch gestattet es leicht Wiederherstellung. Wenn aber das er-
krankt ist, was das Fleisch mit den Knochen verbindet, und durch Entziehung von Blut aus
jenem und den Sehnen dem Knochen die Nahrung und dem Fleische das Band zwischen ihm
und den Knochen entzogen wird, so vertroknet es aus fettigem, glattem und zähem durch
schlechte Nahrung zu rauhem und salzigem und es kehrt 'dieses ganze also veränderte unter
das Fleisch und die Sehnen zurük und löst sich von den Knochen ab ; das Fleisch von seinen
Wurzeln abgetrennt lässt die Sehnen entblösst und mit salzigem Stoffe erfüllt, und indem es
selbst zurük in den Blutstrom fällt, vermehrt es die Zahl der vorher erwähnten Krankheiten.
Sind aber diess schlimme Veränderungen, die den Körper betreffen, so sind die ihnen
vorangehenden noch schlimmer. Wenn der Knochen durch die Dichtheit des Fleisches des
gehörigen Luftzuges beraubt von der Verderbniss erhizt brandig wird und anstatt Nahrung
anzunehmen selbst auf verkehrtem Wege zerbrökelt, und solches mit dem Fleisch sich mischt
und das Fleisch in das Blut eintritt, so werden alle Krankheiten bösartiger als die vorigen.
Wenn aber, was das allerschlimmste ist, das Wesen des Markes von einem Mangel oder Ueber-
maasse erkrankt ist, so hat es die grössten und am entschiedensten tödtlichen Krankheiten
zur Folge, indem der ganze Lauf der Natur des Körpers nothwendig ein verkehrter geworden ist.
Eine dritte Art von Krankheiten hat man sich zu denken, die auf dreierlei Weise ent-
steht, entweder durch Luft oder Schleim oder Galle. Denn wenn die Ausgeberin der Luft
im Körper, die Lunge, von Flüssen verstopft ist und nicht reine Durchgänge darbietet, so dass
hier gar keine, dort zu viel Luft eindringt," so geräth das, was ohne Abkühlung bleibt, in
Fäulniss. Die mit Gewalt durch die Adern sich durchdrängende und sie spannende und den
Körper auflösende Luft wird nach der Mitte und gegen das Zwerchfell zugedrängt und dort
abgesperrt. Diess hat denn tausend schmerzhafte Krankheiten oft mit vielem Schweisse zur
Folge. Oft aber erzeugt sich in dem Körper durch Auflösung des Fleisches Luft und kann
nicht heraus, und diese bringt eben solche Schmerzen, wie die eingedrungene, hervor; die
grössten aber dann , wenn sie um die Sehnen und deren Aederchen sich sammelt und die
Bänder und anstossenden Sehnen anschwellt und so rükwärts spannt. Solche Krankheiten
werden denn auch eben von dem gespannten Zustande Vorwärts- und Rükwärtsspannuugen
(Tetanus und Opisthotonus) genannt. Und bei diesen ist auch die Heilung höchst schwierig ;
denn nur heftiges Fieber ist im Stande, dergleichen Uebel zu heben.
Der weisse Schleim aber ist wegen der Luft iu den Blasen, wenn er abgesperrt ist,
schlimm, wenn er aber einen Abzug nach Aussen bekommt, gutartiger; doch macht er den
Körper flekig, indem er Flechten und Schwinden und die mit diesen verwandten Krankheiten
erzeugt. Wenn er aber mit schwarzer Galle vermischt sich über die Umläufe im Kopfe,
welches die göttlichsten sind, verbreitet und sie verwirrt, so ist er, falls diess im Schlafe ge-
schieht, weniger schlimm, wenn er aber Wachende befällt, schwer zu vertreiben. Und diese
Krankheit heisst mit allem Rechte, weil das, was davon leidet, etwas heiliges ist, die heilige
Krankheit. Saurer und salziger Schleim aber ist die Quelle aller flussartigen Krankheiten;
und von den ganz verschiedenen Orten, in die er fliesst , haben sie sehr verschiedene
Namen erhalten.
Was aber Entzündung des Körpers heisst, rührt alles von dem Brennen und Entzündet-
sein der Galle her. Bekommt nun diese einen Abzug nach Aussen, so treibt sie siedend allerlei
Geschwüre empor ; eingeschlossen aber in innern Theilen, verursacht sie viele hizige Krank-
heiten, und die grösste dann, wenn sie reinem Blute beigemischt, die Fasern aus ihrer Ord-
nung bringt, welche in das Blut zerthcilt sind, um das rechte Verhältniss in Ansehung der
Dünnheit und Dike herzustellen und weder durch die Wärme einen Ausfluss aus dem lokein
Körper noch auch durch Dichtigkeit eine Schwerleweglichkeit in den Adern zu gestatten.
Auf diese Weise entstehen und erfolgen die Krankheiten des Körpers, die der Seele aber
wegen der Beschaffenheit des Körpers also: als Krankheit der Seele haben wir die Unvernunft
und von dieser zwei Arten, den Wahnsinn und den Blödsinn, anzunehmen. Jedes Leiden also,
was einem in dem einen oder dem andern dieser Zustände zustösst, ist Krankheit zu nennen.
Uebermässige Lust aber und übermässiger Schmerz sind als die grössten Krankheiten der
Aristoteles. 13
Seele zu betrachten. Denn ein Mensch, welcher übermässig froh ist oder auch allzugrossen
Schmerz empfindet, ist, da er jenes zu erlangen, diesem dann zu entfliehen unbändig strebt,
unfähig, etwas richtig zu sehen oder zuhören, sondern raset und ist während dieser Zeit
keiner Ueberlegung zugänglich. Wem aber der Same reichlich und flüssig um das Mark
strömt gleich einem Baume, der unverbältnissmässig viel Früchte trägt, der wird von Pein
und Wollust in seinen Begierden und deren Ausbrüchen hingerissen. Er rast die meiste Zeit
seines Lebens hindurch. Er ist krank an seinem Körper und dadurch unvernünftig gemacht
an der Seele. Es ist unrecht, einen solchen nicht als einen kranken, sondern als einen, der
mit Willen schlecht sei, anzusehen. In der That aber ist die Zügellosigkeit im Liebesgenuss
eine zum grössten Theile von der von Lokerheit der Knochen und flüssiger und feuchter Be-
schaffenheit des Darmes herrührende Krankheit der Seele. Und so wird fast alles, was man
Unenthaltsamkeit in den Genüssen nennt und, als geschehe es mit Vorsaz , zum Vor-
wurf macht, nicht mit Recht zugerechnet. Denn schlecht mit Willen ist Niemand; sondern
durch eine krankhafte Beschaffenheit des Körpers und durch verwahrloste Erziehung wird
der Schlechte schlecht.
In solcher Weise ergeht sich der Stifter der Academie von Phantasien zu Phantasien.
Nicht dass er von allem dem so gut wie gar nichts weiss, ist ihm zum Vorwurf zu machen,
sondern dass er thut, als ob er alles wisse, dass er seine Phantasien wie Thatsacheu darlegt
und behandelt, das ist ein Vergehen, das durch keine Genialität gut gemacht werden kann.
Man erkennt hierin nichts mehr von der Art seines Meisters Socrates und dessen berühmter
Kunst des Nichtwissens.
Aristoteles.
Mit Recht bezeichnet man Aristoleles als den ersten grossen Naturforscher und bewun-
dert die umfänglichen Kenntnisse und die kühnen Anschauungen, die sich bei ihm finden.
Es wäre lächerlich, wollte man ihm bei dem Reichthum, den er gibt, die Luken vorwerfen,
gegen welche natürlich für die hgutige Naturforschung sein Reichthum armselig erscheint, oder
wollte man ihn über falsche Ansichten oder selbst über irrthümliche Beobachtungen bekritteln.
Der Naturforscher Aristoteles verdient die unbedingte Bewunderung aller Zeiten und hat
der Nachwelt ein Beispiel geliefert, das vielleicht noch niemals erreicht worden ist. Die Natur-
forschung und die Medicin im Speciellen hätten den bedeutendsten Nuzen haben können, wenn
sie an die factischen Leistungen von Aristoteles sich angelehnt, in gleicher Weise und mit
ähnlichem Eifer das Thatsächliche untersucht hätten und wenn aus dem wachsenden Inhalt
des reellen Wissens selbst die beherrschenden Gesichtspunkte gewonnen worden wären.
Aber es war nicht der Naturforscher Aristoteles, welcher die gauze Naturwissenchaft des
Alterthums und Mittelalters beeinflusste, sondern es war der Dialektiker Aristoteles mit
seiner formalen Philosophie und mit seinen systematischen Gliederungen, von welchem die
Richtung der ganzen Folgezeit bestimmt und von der geraden Linie in tausende von Irrwegen
abgelenkt wurde.
So wird der Widerspruch begreiflich, dass ein Geist des ersten Rangs, der mit dem un-
ermüdlichsten Eifer und mit dem grössten Erfolge die Naturforschung pflegte und durch seine
Entdekungen zuerst den Naturwissenschaften einen compacten Kern geliefert hat, doch für
deren Weiterentwiklung eine hemmende und verderbliche Macht geworden ist ; denn er wurde
diess durch andere Seiten seiner gewaltigen Begabung, durch Seiten, welche blendender und
verführerischer auf die Nachwelt wirkten, als die Früchte seiner sorgfältigen und reinen
Naturbeobachtung.
Die bedeutenden Leistungen des Aristoteles in der Naturforschung besonders mit Bezug
auf Classification der Thiere und auf die Stufenordnungen sind mit Sorgfalt und Liebe darge-
stellt von Jürgen Bona Meyer (Aristoteles Thierkunde, ein Beitrag zur Geschichte der Zoologie,
Physiologie und alten Philosophie 1855). — TJeber den Charakter der Aristotelischen Philo-
sophie hat zuerst Fr. Baco unbefangene Ansichten zu äussern gewagt; in eingehendster und
anziehendster Weise ist die Philosophie des Aristoteles auseinandergesezt von Zeller (die
Philosophie der Griechen, eine Untersuchung über Character, Gang und Hauptmomente ihrer
Entwiklung 1844. 2. Band pag. 362—576).
Die Hauptwerke des Aristoteles, welche Naturbeobachtungen behandeln, sind:
Ttegl £(öcov lötoQias; iteQi fcocov noqimv und nsql tmav yaräoeaq; ferner sind zu beachten:
Tteql aLad'rl(}S(ag%a\aladiritäv; Tteqi pvrmife nal ccvafivtjOecog; fleQl 7tvevnatO£) ffepl veörr/tos wxl
yiyocogj TtSQt yevsoeois xcug>#ooäg.
14 Zum ersten Abschnitt.
Hauptpunkte aus der Aristotelischen Physiologie (im Wesentlichen nach
J. B. Meyer).
Das Herz ist der Quell und erste Aufnahmsort des Bluts, von ihm gehen alle Adern aus
und keine durchzieht es. Es bereitet das Blut uud giesst es in die Adern. Venen und Arterien
werden nicht unterschieden. Das Blut ist der Nährstoff für den ganzen Körper, in den obern
Theilen ist es reiner, in den untern diker. Es ist warm durch die dem Herzen eingeborene
Wärme. Jndem diese Wärme das Blut im Herzen kocht, entsteht eine Aufdampfung, welche
eine Hebung des Herzens (die beständige Pulsation) bewirkt und die Bewegung des Blutes
bewerkstelligt. — Das Herz ist zugleich der Siz der empfindenden Seele und der Ursprung
aller Empfindung. Die Sinnesorgane stehen darum mit dem Herzen mittelst Gängen
(Poren) in Verbindung. — Das Herz ist dadurch das Hauptorgan des Körpers, seine Acropolis,
liegt eben darum in der geschüzten Mitte und in edler Richtung mehr nach vorn gekehrt und
ist auch durch seine Gestalt zu vielseitiger Thätigkeit geschikt. Es fehlt bei keinem Thiere
und hat bei den Grösseren drei Höhlen.
Nächst dem Herzen ist das wichtigste Organ das Gehirn. Dasselbe ist kalt und dient
dazu, die Hize des Herzens abzukühlen. Darum enthält es auch kein Blut. Nur die umge-
bende Haut schikt einige Aederchen hinein, um die Kälte zu mildern. Das Gehirn ist ohne
Empfindung, reinigt aber das Blut für die Organe der Kopfsinne.
Auch das Athmen dient zur Abkühlung des Blutes, und die Wichtigkeit der betreffenden
Organe bemisst sich daher bei den Thieren je nach deren Wärmegrad. Die blutreichen Thiere
bedürfen eines leicht in den ganzen Körper eindringenden Mediums, und ein solches ist die
Luft. Sie besizen daher Lungen und Luftröhre. Die vom Herzen ausgehende Hebung des
Brustkorbes zieht das Einströmen der Luft nach sich und da die eingezogene Luft kälter ist,
so kühlt sie das Herz ab. Die Lungen functioniren einem Blasebalg ähnlich. Die Luftröhre
ist der Canal für die ein- und ausströmende Luft ; der Kehldekel verhindert das Eindringen
der Speisen. Von der Luftröhre wird auch die Stimme gebildet.
Den Bedarf für das thierische Leben bereiten die Ernährungsorgane, die für die Existenz,
nicht aber für die schöne Existenz wichtig sind. Sie haben eine untergeordnete, theils tiefe,
theils seitliche, theils wie die Speiseröhre, hintere Lage. Nur der Mund macht eine Aus-
nahme. Die Nahrung muss eine gemischte sein ; besonders nahrhaft aber ist das Süsse, und
nach diesem das Fette. Jenes wird zu Fleisch verwandelt und süsses Blut gilt daher für
gesundes. Alle Nahrung muss flüssig werden, denn nur durch Flüssiges nimmt der Körper zu.
Die Verflüssigung geschieht durch die Wärme. Der Nahrungsbrei gelangt mittelst Ver-
dampfung durch die kleinen Adern des Gekröses in grössere und von da als Blutwasser zum
Herzen, wo durch Kochung Blut daraus wird. Den besten und reinsten Stoff erhalten Fleisch
und Sinnesorgane, die ersten Ueberbleibsel die Knochen, den lezten Ueberschuss die Haare
und die übrigen Theile.
Die Leber ist ein unterstüzendes blutbereitendes Organ, ebenso die Milz, welche die
Fähigkeit hat, das Flüssige aus dem Magen anzuziehen und da sie bluthaltig und warm ist,
es zu kochen. Die Galle ist eine bedeutungslose Ausscheidung und unnöthig, sobald die Leber
ihrer Function der Blutbereitung genügt.
Die Ausscheidung des Harns rührt davon her, dass zur Abkühlung der Lunge viel ge-
trunken werden muss.
Alle diese Organe haben noch den mechanischen Zwek, dass sie Ankern gleich die
Adern festhalten müssen.
Auch die selbständige Bewegung des Körpers wird durch das Herz vermittelt, aber auch
durch Vorsaz und Begierde begründet ; zu dem Ende haben die Sehnen im Hei zen ihr Princip. Das
Fleisch, wenn auch zur Bewegung behilflich, ist doch nicht unbedingt nöthig ; denn die Aug-
lider besizen es nicht. Die harten Theile sind den weichen stets untergeordnet und um dieser
willen da, bald als Stüze, bald als Hülle.
Bemerkungen, welche sich auf pathologische Verhältnisse beziehen,
finden sich nur sparsam bei Aristoteles. Grüner hat dieselben in seiner Bibliothek der alten
Aerzte (Band 2. pag. 535 — 578) gesammelt. Die wichtigsten derselben sind:
Das Blut fliesstbeim lebenden Thiere überall aus, wo man einen Einschnitt macht. Wenn
es gesund ist, so ist es süss und von rother Farbe; das fehlerhafte aber ist schwärzer. Das
gute Blut ist weder zu dik, noch zu dünn; sobald es aber herauskommt, gerinnt es völlig,
wenn es nicht abnorm ist.
Wo Blutmangel vorhanden ist, oder das Blut zu reichlich weggelassen wird, entsteht
Unmacht. Bei zu grossem Verlust erfolgt der Tod. Ist das Blut zu wässerig, so wird der
Aristoteles. 1 5
Mensch krank, und es kann so dünn werden, wie Wasser, und als blutiger Sehweiss ausge-
schwizt werden. Bei Einigen gerinnt das herausgelassene Blut gar nicht, oder nur zum Theil.
Bei den Schlafenden ist in den äusseren Theilen weniger Blut, so dass es bei Einschnitten
nicht ausfliesst.
Das krankhafte Blut bewirkt Blutflüsse aus der Nase, aus dem After und den Krampf-
adern. Das im Körper faulende Blut wird Eiter; aus dem Eiter aber entsteht Verhärtung.
Bei jungen Individuen ist das Blut dünn und reichlich, bei alten dik, schwarz und sparsam.
Ichor ist unbereitetes Blut, das nicht gehörig verändert oder zu sehr verdünnt ist.
Das Pochen des Herzens ist ein Zusammendrüken der im Herzen enthaltenen Wärme
durch übermässige oder auflösende Erkältung ; so z. B. bei der Furcht; denn die sich fürchten,
werden an den obern Theilen kalt, die zurükgehende Wärme verursacht die Bewegung, und
das Herz zieht sich so zusammen, dass manchmal die Thiere aus Furcht sterben.
Das Pulsiren des Herzens, welches immer fortdauert, ist der schmerzhaften Bewegung
gleich, welche die Knoten verursachen, weil eine widernatürliche Veränderung im Blute be-
steht. Das hält so lange an, bis die stokende Feuchtigkeit in Eiter verwandelt ist. Das
Uebel ist dem Aufbrausen ähnlich.
Allen Thieren ist Entstehen und Sterben gemein ; die Arten aber sind verschieden.
Wenn die Lungen durch die Länge der Zeit verhärtet und eingetroknet und die Erdtheile
in ihnen angehäuft sind, so können sich dieselben nicht bewegen, weder ausdehnen, noch zu-
sammenziehen, und so verlöscht endlich das Feuer. Daher ist der Tod im Alter schmerzlos
und erfolgt ohne einen gewaltigen Zufall, und die Trennung der Seele geschieht ganz ohne
Empfindung. Auch in Krankheiten, bei welchen die Lunge von Knoten, oder von Ueber-
ladung, oder von Uebermaass krankhafter Wärme hart wird, ist der Athem schnell, weil die
Lunge sich nicht sehr ausdehnen und zusammenziehen kann, und endlich wenn sie sich nicht
mehr bewegen kann, erfolgt der Tod unter Ausathmen.
Der Schlaf folgt meistens auf die Mahlzeit; dann geht viele materielle Feuchtigkeit nach
oben, häuft sich daselbst an, macht den Kopf schwer und bewirkt das Einschlafen. Wenn aber
dieselbe nach unten geht und abwechselnd die Wärme zurükstösst, so erfolgt der Schlaf, und
das Thier schläft fest.
Ueberhaupt sind diejenigen zum Schlafe aufgelegt, die tiefliegende Adern haben, die
Zwerge und die Grossköpfigen ; hingegen die sehr herausliegende Adern haben, sind wegen
Weite der Adern nicht schläfrig, wenn nicht ein anderer Zufall da ist ; auch die Schwer-
müthigen nicht, weil die innern Theile kalt sind.
Im Schlafe ruhen die Sinne nicht, und jedes Thier kann noch empfinden. In TJnmachten
geschieht das Gleiche; auch in einigen Arten des Wahnsinns. Ferner werden diejenigen
fühllos, denen die Halsadern zugeschnürt sind.
Nicht jedes Unvermögen, zu empfinden, ist Schlaf ; denn Narrheit, Erstikung und Un-
macht erregt auch dergleichen Unvermögen. Einige, die in starker Unmacht lagen, haben
auch schon Vorstellungen gehabt, und obwohl sie todt zu sein schienen, sahen sie vielerlei Dinge.
Alle schlafmachenden Mittel machen eine gewisse Schwere im Körper ; einige Krankheiten,
die vom Uebermaass der Feuchtigkeit und Wärme herrühren, thun dasselbe. So geschieht es
bei Fieberkranken und Schlafsüchtigen. Ebenso verhält es sich im frühesten Alter, denn die
kleinen Kinder schlafen viel, weil alle Nahrung nach oben geht. DerBeweisist, weil in diesem
Alter die obern Theile im Verhältniss zu den untern grösser sind. Aus derselben Ursache
sind sie auch der Fallsucht mehr unterworfen, denn der Schlaf ist etwas der Fallsucht Aehn-
liches und gewissermaassen eine Fallsucht. Daher bekommen auch Viele während des
Schlafes den eisten Anfall von dieser Krankheit, im Wachen aber nicht. Denn wenn viele
Dünste nach oben und wieder herab gehen, so treiben sie die Adern auf und drüken die
Oeffnungen, durch welche die Ausdünstung geschieht, zusammen. Desshalb taugt den Kin-
dern der Wein nichts, auch den Ammen nichts, denn der Wein ist geistig, zumal der rothe.
Die obern Theile sind bei den Kindern so voll Nahrung, dass sie ganze fünf Monate lang den
Hals nicht umdrehen können. Wie bei Betrunkenen geht viele Feuchtigkeit in die Höhe.
Besonders viel hat sich Aristoteles mit den sexuellen Verhältnissen, mit dem Beischlaf,
der Zeugung und den darauf bezüglichen Erscheinungen, mit der monatlichen Reinigung, der
Empfäugniss, Schwangerschaft und Geburt, sowie mit hereditären und angebornen Krank-
heiten, auch mit dem Verhalten der Neugebornen und der Kinder im ersten Lebensjahre be-
schäftigt. Doch sind diese Angaben weniger von allgemeinem Interesse.
Ueber Haare, ihr Ausfallen, Grauwerden und Nachwachsen, über die Entstehung der
Läuse auf den Köpfen trifft mau mehrere theils richtige, theils auch völlig falsche Angaben.
\Q Zum ersten Abschnitt.
Theophrastus Eresius.
Von Theophrastus Schriften sind hervorzuheben :
•rtsQl tijc, täv q>vt(7>v latoQiag, Geschichte der Pflanzen, neun Bücher; itsQl g>vtiy.cöv alricov,
von den Ursachen der Pflanzen, sechs Bücher; TtsQi liß-av, von den Steinen; itEQi avBfUov ;
jtSQi orjutiaiv vbdratv v.a.1 jtvtvfiatov, avBftav, %£ißä>vnc, v.aX sodiag, de signis aquarum, ven-
torum, flatuum, tempestatis et tranquillitatis ; tt^oI 7fi;pöe, de igne ; rtsyl 6<Sf.i(öv, de odoribus ;
Tfeot idQcaTcüT, de sudoribus ; HsqI iXiyyav, de vertiginibus ; itsQi nöitav, de lassitudinibus ;
itBQi T»Jg xwv iy&vav nv £^<p dia/iovijß, de piscibus in sicco degentibus.
Dieselben sind von verhältnissmässig geringer Bedeutung.
In seiner Schrift über den Schweiss wird derselbe als gesalzen, sauer oder übelriechend
bezeichnet ; ausserdem der warme und der kalte unterschieden, und es werden manche Stör-
ungen von den Abweichungen des Schweisses abgeleitet, vornemlich Hautkrankheiten.
Sodann werden die Ursachen des abnormen Schweisses und der krankhaften Geneigtheit
zum Schweisse untersucht, wobei einzelne richtige Bemerkungen sich finden.
In Betreff des Schwindels sind nur wenige Angaben von Theophrastus vorhanden. Auch
das über Ermüdung, Lähmung, Leipopsychie und Erstikung Angeführte beschränkt sich grössten-
theils auf Beobachtungen, welche jedem Laien zugänglich sind.
Die späteren Autoren der griechischen Zeit.
Von den späteren medicinischen Schriften des griechischen Alterthums ist so gut wie
nichts erhalten. Wir kennen diese Autoren nur aus secundären Quellen, aus den Schriften
der römischen Periode. Doch scheint der Verlust ein nicht sehr beklagenswerther.
Ueber H erophilus hat Marx die Fragmente und Citate gesammelt (Herophilus, ein
Beitrag zur Geschichte der Medicin von K. J. H. Marx. 1838).
Von Nicander existiren noch zwei Gedichte in Hexametern: über giftige Thiere und
Gegengifte.
ZUM ZWEITEN ABSCHNITT.
Die griechischen Aerzte im alten Rom und ihr Ruf.
Es war in Rom eine schlechte Empfehlung für die Medicin, dass sie hauptsächlich von
Griechen ausgeübt wurde. Die Abneigung der Catonischen Zeit gegen das griechische Wesen
hat noch lange fortgedauert, und selbst als die griechische Bildung in die Mode gekommen
war, wurde mit unverholener Geringschäzung von den Griechen und ihrem Treiben geurtheilt.
Die Bereitwilligkeit dieses Volks zu allen Diensten und die Missachtung derselben von Seiten
der Römer kann nicht anschaulicher ausgedrükt werden, als in der Stelle von Juvenal (Sa-
tira III. 74—78) :
Ede quid illum
Esse putes: quem vis hominem, secum attulit adnos :
Grammaticus, rhetor, geometres, pictor, aliptes,
Augur, schoenobates, medicus, magus. Omnia novit
Graeculus esuriens; in coelum, jusseris, ibit.
Celsus.
Celsus' 8 Bücher über Medicin enthalten die erste Pathologie nach Hippocrates, welche
auf uns gekommen ist. Darin liegt die Bedeutung des Werks. In der That ist der Abstand
zwischen dem Griechen und dem referiren den Römer höchst beträchtlich und zeigt uns, dass die
Medicin troz aller theoretischen Verwirrung an positivem Material in den dazwischen liegenden
vier Jahrhunderten nicht unbedeutend sich bereichert hat. Es hat sich dieselbe aus losen
Bemerkungen zu einer zusammenhängenden Wissenschaft gestaltet, deren Luken dem unkun-
digen Auge um so mehr sich verbergen konnten, da die Thatsachen und die willkürlichen
und hypothetischen Annahmen aufs Engste sich verflechten und leztere meist in der Form
und mit den Ansprüchen der erstem dargestellt wurden.
Einige Proben aus Celsus' Werken mögen ein Bild seiner Art geben :
Ueber die Fieber (lib. III. cap. 3):
Sequitur curatio febrium, quod et in toto corpore et vulgare maxime morbi genus est.
Ex his una quotidiana, altera tertiana, altera quartana est : interdum etiam longiore circuitu
quaedam redeunt, sed id raro fit. In prioribus et morbi sunt, et medicina. Et quartanae
quidem simpliciores sunt. Incipiunt fere ab horrore, deinde calor erumpit, finitaque febre
biduum integrum est : ita quarto die revertitur. Tertianarum vero duo genera sunt. Alterum
eodem modo, quo quartana, et incipiens, et desinens, illo tantum interposito discrimine, quod
unum diem praestat integrum, tertio redit. Alterum longe perniciosius, quod tertio quidem
die revertitur, ex octo autem et quadraginta horis fere sex et triginta per accessionem occupat
(interdum etiam vel minus vel plus), neque ex toto in remissione desistit, sed tantum levius
est. Id genus plerique medici ^fiitgtraiov appellant. Quotidianae vero variae sunt et mul-
tiplices. Aliae enim protinus a calore incipiunt, aliae a frigore, aliae ab horrore. Frigus voco,
ubi extremae partes membrorum inalgescunt, horrorem, ubi totum corpus intremit. Rursus
aliae sie desinunt, ut ex toto sequatur integritas, aliae sie, ut aliquantum quidem minuatur
ex febre, nihilo minus tarnen quaedam reliquiae remaneaut, donec altera accessio accedat
(ac saepe aliae vix quiequam aut nihil remittant, sed continuent). Deinde aliae fervorem in-
gentem habent, aliae tolerabilem: aliae quotidie paressunt, aliae impares, atqueinvicem altero
die leniores, altero vehementiores : aliae tempore eodem postridie revertuntur, aliae vel serius,
vel celerius: aliae diem noctemque accessione et decessione implent, aliae minus, aliae plus:
aliae cum decedunt, sudorem movent, aliae non movent ; atque alias per sudorem ad integri-
tatem venitur, alias corpus tantum imbecillius redditur. Accessiones etiam modo singulae
singulis diebus fiunt, modo binae pluresve coneurrunt. Ex quo saepe evenit, ut quotidie plures
Belege zu Wund er lieh's Gesch. d. Med. 2
18 Zum zweiten Abschnitt.
accessiones remissionesque sint, sie tarnen, ut una quaeque alicui priori respondeat. Interdum
vero accessiones quoque confunduntur, sie ut notari neque tempora earum neque spatia pos-
sint. Neque verum est, quod dicitur a quibusdam, nullam febrem inordinatam esse, nisi aut
ex vomica aut ex inflammatione aut ex ulcere: facilior enim sempercuratio foret, si hoc verum
esset. Sed quod evidentes causae faciunt, facere etiam abditae possunt. Neque de re sed
de verbo controversiam movent, qui, cum aliter aliterque in eodem morbo febres accedunt, non eas-
dem inordinate redire, sed alias aliasque subinde oriri dieunt; quod tarnen ad curandirationem
nihil pertineret, etiamsi vere diceretur. Tempora quoque remissionum modo liberalia, modo
vix ulla sunt. Et febrium quidem ratio maxime talis est: curationum vero diversagenera sunt,
prout auetores aliquos habent.
Ueber den Schnupfen (lib. IV. cap. 2 u. 3) :
Destillat autem bumor de capite interdum in nares, quod leve est, interdum in fauces,
quod pejus est, interdum etiam in pulmonem, quod pessimum est. Siin nares destillavit, tenuis
per has pituita profluit, caput leviter dolet, gravitas ejus sentitur, frequentia sternutamenta
sunt; si in fauces, has exasperat, tussiculam movet; si in pulmonem, praeter sternutamenta
et tussim est etiam capitis gravitas, lassitudo, sitis, aestus, biliosa urina. Aliud autem quam-
vis non multum distans malum gravedo est. Haec nares claudit , vocem obtundit, tussim
siccam movet ; sub eadem salsa est saliva, sonant aures, venae moventur in capite, turbida
urina est. Haec omnia %oqv£ccq Hippocrates nominat: nunc video apud Graecos in gravedine
hoc nomen servari : destillationem nataatayfiov appellari. Haec autem et brevia et, si ne-
glecta sunt, longa esse consuerunt. Nihil pestiferum est, nisi quod pulmonem exuleeravit. Ubi
aliquid ejusmodi sensimus, protinus abstinere a sole, balneo, vino, venere debemus; inter quae
unetione et assueto eibo nihilo minus uti licet. Ambulatione tantum acri sed teeta utendum
est, et post eam caput atque os supra quinquagies perfricandum. Raroque fit ut, si biduo vel
certe triduo nobis temperavimus, io" vitium non levetur. Quo levato, si in destillatione crassa
facta pituita est, vel in gravedine nares magis patent, balneo utendum est, multaque aqua
prius calida, post egelida fovendum os caputque, deinde cum eibo pleniore vinum bibendum.
At si aeque tenuis die quarto pituita est, vel nares aeque clausae videntur, assumendum est
vinum Aminaeum austerum, dein rursus biduo aqua; post quae ad balneum et ad con-
suetudinem revertendum est. Neque tarnen illis ipsis diebus, quibus aliqua omittenda sunt,
expedit tanquam aegros agere, sed cetera omnia quasi sanis facienda sunt, praeterquam si
diutius aliquem et vehementius ista sollicitare consuerunt: huic enim quaedam curiosior obser-
vatio necessaria est. Igitur huic, si in nares vel in fauces destillavit, praeter ea, quae supra
rettuli, protinus primis diebus multum ambulandum est, perfricandae vehementer inferiores
partes, levior frictio adbibenda thoraci (erit), levior capiti, demenda assueto eibo pars dimidia,
sumenda ova, amylum similiaque , quae pituitam faciunt crassiorem: siti contra, quanta
maxima sustineri potest, pugnandum. Ubi per haec idoneus aliquis balneo factus eoque usus
est, adjiciendus est eibo pisciculus aut caro, sie tarnen ne protinus justus modus eibi sumatur;
vino meraco copiosius utendum est. At si in pulmonem quoque destillat, multo magis et am-
bulatione et frictioue opus est ; eademque adhibita ratione in eibis, si non satis Uli proficiunt, acri-
oribus utendum est, magis somno indulgendum, abstinendumque a negotiis omnibus ; aliquando
sed serius balneum tentandum. In gravedine autem primo die quiescere, neque esse neque
bibere, caput velare, fauces lana circumdare, postero die surgere, abstinere a potione, aut si
res coegerit, non ultra heminam aquae assumere, tertio die panis non ita multum ex parte
interiore cum pisciculo vel levi carne sumere, aquam bibere. Si quis sibi temperare non po-
tuerit, quominus pleniore victu utatur, vomere; ubi in balneum ventum est, multa calida aqua
caput et os fovere usque ad sudorem, tum ad vinum redire. Post quae vix fieri potest, ut idem
incommodum maneat, sed si manserit, utendum erit eibis frigidis, aridis, levibus, humore quam
minimo, servatis frictionibus exercitationibusque, quae in omni tali genere valetudinis ne-
cessariae sunt. —
Dioscorides.
Pedacius (Pedanius) Dioscorides hat uns (nach Choulant's Handbuch der Bücherkunde,
pag. 76) folgende Schriften hinterlassen :
TtSQi v^iji latQiHTJg, de materia medica, von den Arzneimitteln, fünf Bücher, dem Areios
gewidmet, das Hauptwerk des Dioscorides , welches die Kräfte und öfters auch die Zube-
reitungen der Arzneimittel, besonders der vegotabilen kennen lehrt.
rfeot b^lTjt^Qia>v q>aQfid.yia>v, de venenis, von den Giften, ein Buch, welches in den Aldi-
neu, in der cölner und pariser Ausgabe, als sechtes Buch der Arzneimittellehre betrachtet
Aretäus von Cappadocien. 19
■wird, bei Saracenus u. A. den Titel Alexipharmaca führt ; es enthält die Beschreibung von
Giften und den dagegen anzuwendenden Mitteln.
7te(jl iößä&av, de venenatis animalibus, von den giftigen Thieren.
nsQi evTtoQLorav änküv rs Kai aw&etmv tpaQfiäticov, de facile parabilibus medicamentis,
tarn simplicibus quam compositis.
Dioscorides war die höchste und fast einzige Autorität in pharmacologischen und bota-
nischen Dingen bis in das Zeitalter der Reformation. Seine wenig correcte Darstellung ver-
folgt durchaus nur medicinische Zweke und die uaturhistorischen Notizen sind von der
äussersten Dürftigkeit.
Aretäus von Cappadocien.
Einer der besten practischen Schriftsteller der römischen Periode ist Aretäus Cappadox.
Das von ihm Erhaltene sind zwei Werke, das eine pathologisch, das andere therapeutisch :
itt-Qi aluwv Kai orj/ieicov o£ia>v Kai y^qoviutv ita&öJv, de causis et signis acutorum et diutur-
norum morborum, von den Ursachen und Zeichen der hizigen und langwierigen Krankheiten,
vier Bücher, wovon zwei den hizigen, zwei den langwierigen Krankheiten gehören; im ersten
Buche fehlen die 4 ersten und ein Theil des 5. Capitels, auch kommen noch manche andere
Luken vor.
ite(j\ degarteiag p£6tov Kai %QOvt(av rta&aiv, de curatione acutorum et diuturnorum mor-
borum, von der Heilung hiziger und langwieriger Krankheiten, ebenfalls vier Bücher mit
vielen Luken.
Folgende 2 Proben (nach der Uebersezung vonDewez) mögen ein Bild sowohl derpatho-
logischen Auffassung, als auch seiner Anleitung zum Heilverfahren geben:
Die Cholera ist ein zurüktretender Zufluss der in dem ganzen Körper enthaltenen
Substanz nach dem Schlünde, dem Magen und dem Gedärme; ein überhaupt sehr rasches und
gefährliches Uebel. Von oben geht alles, was der Magen in sich gesammelt, durchs Erbrechen
heraus : durch den Stuhlgang aber ergiessen sich die in dem Gedärme enthaltenen Säfte.
Ein Beweis dessen ist, dass das, was durchs Erbrechen herausstürzet, wässericht; was aber
durch den Stuhlgang gehet, wässerig und stinkendes Koth ist. Langwierige TJnverdauung ist
dessen Ursache. Wenn nun die ersten Ausleerungen solcher Materien vorüber sind, so kommen
schleimichte, und sodann galligte nach. Im Anfange zwar geht alles leicht und ohne Schmerzen ;
nachgehens aber geschieht diess alles mit Krämpiüngen des Magens und Grimmen im Bauche.
Wenn aber das Uebel noch zunimmt, so wird das Grimmen heftiger, und es erfolgen Ohn-
macht, Nachlassung der Glieder, und Widerwillen für allem Essen. Und falls sie etwas nehmen,
so ensteht, mit Ekel, ein gewaltiges Erbrechen stark gallicht gefärbter Materien, und der
Stuhlgang ist ebenso beschaffen. Hierauf äussern sich Zukungen und Krämpfe der Mäuseln
an Arm und Beinen ; die Finger werden eingezogen ; sie bekommen Schwindel und Schluksen,
singultus ; die Nägeln werden bleifarbig ; die Extremitäten sind kalt, und Schauer verbreitet
sich über ihren ganzen Körper.
Wenn endlich das Uebel tödtlich wird, so schwizet der Mensch; schwarze Galle geht von
oben und unten; der Krampf, spasmus, hält den Urin zurük, welcher sich aber ohnehin wenig
sammelt, weil alle Feuchtigkeit durch den Stuhlgang aus dem Körper geschaft wird. Die
Stimme bleibt aus ; der Puls ist sehr klein, und gedrängt, wie in der Syncope ; es plaget sie
beständiges und eitles Recken zum Erbrechen; und Zwang ohne Erfolg. Endlich erfolgt ein
schmerzvoller und sehr rascher Tod, mit Krämpfungen, Beängstigung und Recken. Es er-
scheint diese Krankheit im Sommer am meisten ; nachgehends im Herbste ; im Frühlinge
weniger ; im Winter aber am allerwenigsten. Was das Lebensalter anbelanget, so sind Jüng-
linge und Männer derselben am meisten unterworfen, alte Leute am wenigsten ; die Kinder
aber mehr als diese alle ; doch ist sie bei leztern nicht tödtlich. (Fünftes Capitel des Werkes :
de signis acutorum).
Behandlung der Cholera oder des Gallenflusses.
Das Hemmen der Ausleerungen ist bei der Cholera übel ; denn sie sind nicht verkocht.
Wir müssen also dieser Ausleerung ruhig zusehen, wenn sie von selbst leicht geht; wo nicht,
so müssen wir dieselbe befördern, da wir nemlich dem Kranken unausgesezt lauliches Wasser
zu trinken geben; wenig aber auf einmal, damit der Magen nicht durch eitle krämpfige Spann-
ungen geplagt werde. Wenn sie aber über Grimmen klagen, und die Füsse kalt sind, so muss
zu Beförderung der Winde der Bauch mit warmem Oehle. worin Raute und Kümmel gesotten
worden, begossen und eingeschmiert, und Wolle darauf gelegt werden; und da man die Füsse
salbet, muss dieses mehr mit sanftem Streicheln als Reiben, und zwar die Wärme wieder zu
2*
20 Zum zweiten Abschnitt.
erweken bis an die Knie vorgenommen werden. Diess alles aber muss so fortgeschehen, so lange
Koth durch den Stuhlgang, und Galle oberjaus durch das Erbrechen geht.
Wenn aber endlich aller verlegene Koth weggegangen, und nun sonst nichts als blosse
Galle durch den Stuhlgang und das Erbrechen geht ; Anspannung aber, Recken, Beängstigung
und Mattigkeit vorhanden ist, so müssen zween oder drei Becher kaltes Wasser, sowohl die
Gedärme zu befestigen, und dadurch den Zufluss zu hemmen, als auch das Brennen des Ma-
gens zu dämpfen, gegeben werden. Und dieses muss man, wenn er das genommene Wasser
wieder brechen sollte, öfters wiederholen ; denn es wird das was kalt ist leicht in dem Magen
erwärmet. Nun aber bricht der Magen von Kälte und Wärme belästigt; doch verlangt er immer
kalten Trank.
Wenn nun auch der Puls immer kleiner, und zugleich schnell, und gedrängt wird, der
Schweiss sich an der Stirne und den Schlüsselbeinen zeigt, und am ganzen Körper in Tropfen
fliesst, der Durchbruch sowohl als das Erbrechen vom Magen mit Spannung und Ohnmacht noch
immer anhalten, so muss man etwas wenig eines wohlriechenden und herben Weines in das kalte
Wasser einträufeln, damit dieser die Sinne sowohl durch seinen Geruch erweke, als auch den
Menschen durch seine Kraft stärke, und endlich den Abgang an dem Körper durch seine nahr-
haften Theile ersetze. Denn so schnell als der Wein zu den obern Theilen steiget, eben so
geschwind hemmt er auch den Rükfiuss nach dem Gedärme. Denn vermög seiner Subtilität und
Flüchtigkeit breitet er sich leicht, die Natur zu stärken, allenthalben aus ; und vermög der ihm
eigenen Stärke kann er die messenden Kräfte beschränken. Man kann auch zuweilen etwas
von frischem und geröstetem Mehle darunter mischen.
Wenn alles dringender zusezt, der Schweiss nämlich, und die Spannung nicht allein des
Magens, sondern auch der Nerven, sich eitles Schluchzen einfindet, die Füsse gestrekt werden,
vieles durch den Stuhl geht, das Gesicht sich verfinstert, die Bewegungen des Pulses aufzu-
hören beginnen ; so muss mau diesen Uebeln vorzubeugen trachten. Sollten sie aber bereits
vorhanden sein, so muss etwas mehr Wein, und zwar kalt gegeben werden; doch nicht ganz
pur in Rüksicht auf die Berauschung und die Nerven, sondern mit den Speisen, und ausge-
dunkt. Man gibt ihnen auch andere Nahrung, solche nemlich, wie ich sie bei derSyncope vor-
geschrieben habe; auch anziehendes Obst, als Spierlinge, Nespeln, Quitten, und Trauben.
Wenn er aber doch alles bricht, und der Magen nichts behält, so muss man zu dem warmen
Trank sowohl als Speisen zurükkommen; denn es hat diese Veränderung bei manchen das
Brechen gestillet. Doch muss in diesem Falle alles sehr warm gegeben werden. Sollte aber
von diesem allem nichts helfen ; so muss zwischen den Schultern, und unter dem Nabel ein
Schröpfköpflein angesezt werden; mit diesen aber muss man öfters Plaz wechseln ; denn, wenn
sie lang an einem Orte bleiben, verursachen sie Schmerzen, und man ist vor Entstehung von
Wasserblasen nicht gesichert. Es hat auch zuweilen die Bewegung in einer lüftigen Hutsche
gute Dienste gethan, als welche sowohl die Geister bei dem Kranken beleben, und den Durch-
bruch der Nahrung hemmen, als auch dem Kranken einen leichten Athem, und guten Puls
zuwege bringen kann.
Wenn aber doch die Symptome noch ärger werden sollten, so müssen auf dem Magen und
der Brust Hilfsmittel angebracht werden, und zwar die nemlichen, von welchen bei der Syn-
cope Erwähnung geschehen: als in Wein aufgelöste Datteln, Acacia und Hypocistis; diese ver-
mischet man mit Rosensalbe, streichet sie auf ein Stük Leinwand, und leget sie auf den Magen.
Auf die Brust aber wird folgendes gebraucht, nemlich Mastix und die Spizen des Wermuths
gepulvert, welche man mit Narden oder Oeucinthesalbe vermischt, und damit die ganze Brust
beleget. Wenn aber die Füsse und Mäuseln derselben gespannt sind, so müssen sie mit Si-
cyonischem Most, und dem sogenannten alten Oehle mit etwas Wachs vermischt geschmieret
werden, worunter doch auch etwas Biebergaile genommen wird. Wenn sie aber auch kalt
sein sollten, so müssen sie mit der aus Limnestischer Salzlacke bereiteten Salbe und derEuphor-
biensalbe geschmieret, sodann mit Wolle eingehüllt, und sanft mit der Hand ausgedehnet werden.
Es müssen auch der Rükrat, und die Mäuseln sowohl als Sehnen an den Kinnbacken mit eben
denselben eingeschmieret werden.
Sollten nun der Schweiss und Durchbruch durch diese Mittel gestillt werden, der Magen
die Speisen annehmen, und nicht mehr herausbrechen , der Puls gross und stark werden, die
Spannung nachlassen , die Wärme aber alle Theile durchgehen, und bis an die äussersten
Gliedmassen gelangen , und der Schlaf alles verkochen, so muss dem Kranken den zweiten,
oder dritten Tage , nachdem man ihn gebadet, erlaubt werden zu seiner vorigen Lebensart
zurükzukehren. Sollte er hingegen noch immer alles brechen, der Schweiss unaufhörlich
fliessen, der Mensch selbst kalt und blass, der Puls immer schwächer werden, und endlich
Galen. 21
ausbleiben, so ist in diesem Falle das Beste sich mit guter Art aus dem Spiele zuziehen,
(de curatione acutorum, cap. IV).
Galen.
Die Anatomie des Galen, welche eine so eingewurzelte und unbedingte Herrschaft sich
erwarb, war zwar auf sorgfältige Untersuchungen gegründet, aber nur auf solche an Affen
und andern Thieren. Eiu menschliches Skelett scheint er zwar einmal in Egypten gesehen,
aber bei der Ausarbeitung seiner Osteologie nicht mehr vor Augen gehabt zu haben. Daher
beschreibt er einen Mittelknochen des Oberkiefers und auch das Sternum, das Os sacrum, die
Extremitätenknochen ganz so, wie sie bei Affen sich finden. Die Beschreibung selbst zeichnet
sich aber durch Klarheit und Präcision aus und eine Menge subtiler Punkte am Knochen-
system werden von ihm aufs genauste auseinandergesezt.
Die sehr vollständige Myologie ist nach Affen oder Hunden gearbeitet. Die Hautmuskeln,
die Recti abdominis sind so im Einzelnen beschrieben, dass er sie vor Augen gehabt haben
muss, aber offenbar an Thieren. Auch unter den Muskeln sind sogar sehr kleine (z. B. die
Pterygoidei externi und transversa, die 6 Augeumuskeln, die Muskeln der Zunge, des Zungen-
beins, des Larynx etc.) nicht übergangen und selbst ihre Leistungen finden sich angegeben.
In der Nervenlehre theilt er die Nerven in Gebirnnerven, deren er 7 Paare (Opticus,
Oculomotorius, Ramus ophthalmicus, Trigeminus, Facialis mit Acusticus, Vagus mit Glosso-
pharyngeus und Sympathicus, Hypoglossus) beschreibt, und in Rükenmarksnerven (getheilt
in Cervical-, Dorsal-, Lumbar- und Sacralnerven).
Die Beschreibung des Gehirns ist eine sehr vollkommene, aber passt auf das Gehirn des
Ochsen. Auch das kleinste Detail ist nicht übergangen.
Die Gefässlehre wurde von ihm sehr gefördert; doch sind hier Irrthümer, die selbst die
Section der Thierleichen hätte beseitigen können. Die Venen lässt er aus der Leber ent-
springen mit zwei Aesten: Vena portae nach abwärts und Vena cava nach aufwärts; die Ar-
terien sollen sämmtlich aus der linken Herzhälfte hervorgehen, ein diker Stamm (die Aorta),
und ein dünner (Vena pulmonalis). Das Herz besteht aus zwei Kammern, deren Zwischen-
wand eine Communication mittelst Poren enthält.
Die Lungen sind parenchymatöse Organe, welche mit dem Herzen communiciren.
Die Genitalien des Mannes und Weibes hat er mit grosser Umständlichkeit beschrieben ;
aber auch hiebei in den innern Theilen nur Thiere zum Objecte gehabt (so spricht er von den
Hörnern des Uterus). An den Hoden unterscheidet er das Scrotum, die Dartos, die Tunica
vaginalis und den Cremaster.
(Nach Burggraeve: precis de l'histoire de l'anatomie 1840. pag. 29 — 38).
Die Pulslehre des Galen (iteQi rwv a<pvyßdäv, iteQi dta<po()ü<; oqßvyßcöv, Ttsgi Stayvcäöeio^
öq>vypäv, TieQi T(ov iv toiq aq'Vyfiol^ atricüv, itegl iTQoyv(öaea><; ötpvyficöv, övvoipi£Ttt(u o<pvyf.i(öv
Ibiag TtQayuaTsiac) bietet ein treffliches Beispiel seiner ganzen Art, seines anatomirenden
Scharfsinns, der jede Beziehung des Gegenstands zu verfolgen weiss, ihn von jeder Seite her
betrachtet, und dem kein noch so entfernt liegender Umstand entgeht, anderntheils aber auch
seiner Verirrungen in unfassbare Subtilitäten und in eine formale Systematik. Von den vielen
Beziehungen, nach welchen er den Puls abhandelt, möge hier nur die Wichtigste : die Ein-
theilung des Pulses (ifsgl 5(«<pop«£ A.) stehen. Er unterscheidet:
I. Absolute Difterenzen des Pulses; diese können sich beziehen
A. auf einfache Verhältnisse und zwar
1. in Bezug auf die Art der Zunahme der einzelnen Pulswelle :
pulsus celer (ra^rg)
— moderatus (/iieaog)
— tardus (ßQadvc;) ;
2. in Bezug auf die Dimensionen der Arterien in der Zeit der Diastole, nemlich
a) in Bezug auf die Länge der Pulswelle :
pulsus longus ((UctKoog)
— moderatus (ovfifiaTQog)
— - brevis (ßQccxi>i) ;
b) auf die Breite :
pulsus latus (rfAart'g)
— moderatus
— angustus (orei'og);
22 Zum zweiten Abschnitt.
c) auf die Tiefe :
pulsus altus (inf^Aog)
— - moderatus
— humilis (rarteivog) ;
3. in Bezug auf die Stärke des Pulses :
pulsus validus (evotoöTog);
— moderatus
— imbecillus aQQcootog) ;
4. in Bezug auf die Beschaffenheit der Arterie:
pulsus durus (öxta/oog)
— moderatus
— mollis (jUCtAccxög) ;
5. in Bezug auf die Pause:
pulsus rarus (äpaiog)
— moderatus
— creber (rtVKVOi;).
B. können sich die Differenzen auf complicirte Verhältnisse beziehen, -wobei Tabellen
über combinirte Pulse beigebracht werden.
II. Relative Differenzen des Pulses, d. h. der einzelnen Pulsschläge unter einander sind
der rhythmische und unrhytbmische Puls, der aequ ale und unaequale mit zahlreichen Modi-
fikationen, der reguläre und irreguläre etc.
Besonders hervorzuheben sind unter seinen Schriften: de constitutione artis medicae,
de anatomicis administrationibus, de usu partium corporis humani, de humoribus, de morborum
differentiis, de morborum causis, de symptomatum differentiis, de differentiis febrium, de typis
und adversus eos qui de typo scripserunt, de locis affectis, die verschiedenen Schriften über den
Puls, de Crisibus , de diebus decretoriis, de sanitate tuenda, de alimeutorum facultatibus,
mehrere Schriften über Venaesection, dehirudinibus, revulsione, cucurbitulis, incisione et scari-
ficatione, quos, quibus medicamentis et quando purgare oporteat, de simplicium medicamen-
torum facultatibus, de compositione medicamentorum secundum locos, de succedaneis medi-
camentis und die verschiedenen Commentarien zu hippocratischen Schriften. — Es gibt keine
einzige vollständige Ausgabe der zahlreichen Werke Galen's. Ja manche Schriften desselben
sind überhaupt noch ungedrukt. Die umfassendste Ausgabe ist die von Kühn in 20 (22)
Bänden 1821 — 1833 mit lateinischer Uebersezung.
Nachgalenische Periode.
Die na chgalenischen Autoren des römischen Alterthums erregen weder durch fac-
tische Bereicherung der Wissenschaft, noch durch Ausbildung der Theorie Interesse. Die auf
uns gekommenen Schriften siehe in Choulant's Handbuch der Bücherkunde für die ältere Me-
diän. 2te Aufl. pag. 120 ff. u. 210 ff.
Wie bunt die Medication damaliger Aerzte war, lässt sich aus einer Stelle von Lucians
Schwank : Tragopodagra (nach Wieland's Uebersezung) ersehen, wo sich die Göttin Podagra
folgendermaassen auslässt :
. . . Zwar seit es Menschen giebt,
was haben die Verwegenen unversucht
gelassen, meine Herrschaft abzuschütteln?
Was für Mixturen nicht gemischt, für Kräuter,
Drogen und Salben gegen meine Macht
nicht aufgeboten? Jedermann versuchts
auf einem andern Weg an mich zu kommen.
Die einen stossen wilden Portulak, Salat,
Schafzung' und Eppich, andre Andorn oder
Froschlöffelkraut, noch andre Nesseln, Günsel
und Wasserlinsen; andre kommen gegen mich
mit Pfersichblättern, Pastinak und Bilsenkraut,
mit Mohn und Zwiebeln, Schalen von Granaten,
Flobkraut und Weyrauch, Niesewurz, Salpeter,
Johannisbrodt in Wein, Cypressenblättern, Froschleich
mit Linsenbrey, gekochtem Kohl, Fischlacke, Bollen
von wilden Ziegen, Menschenkoth und Mehl
Nachgalenische Periode. 23
von Bohnen und vom Stein von Assus angezogen.
Sie kochen Kröten, Wiesel, Frösche, Katzen,
Eidechsen, Füchse, Hircocerten und Hyänen.
Wo ist ein Mineral, ein Saft von Kräutern
von Stauden und von Bäumen, unversucht
an mir geblieben? Aller Thiere Knochen,
Sennen und Häute, Fett und Blut und Koth,
Mark, Harn und Milch sind Waffen gegen mich.
Die einen trinken ein Decoct von vier
Ingredienzen, andere von achten,
die meisten glauben au die Siebenzahl.
Der lässt durch ein unfehlbares Arcanum sich
purgieren, jener wird mit Anmieten
und Zaubersprüchen um sein Geld geschraubt,
bei einem andern Narren hext ein Jude
den andern aus; ja mancher sucht -was ihn
curiren soll, in einem Schwalbenneste.
Ich aber heisse sie mit allen ihren
Quaksalbereien an den Galgen gehen. . . .
Im Laufe der Zeiten nahm der Unsinn in der mächtigsten Progression zu. Sprengel (Ver-
such einer pragmatischen Geschichte der Arzneikunde 1793 2ter Theil, pag. 178) lässt sich
über Marcellus Empiricus aus Bordeaux (Leibarzt und Magister officiorum unter dem Kaiser
Theodosius L, von dessen- Nachfolger seines Amtes entsezt) folgendesmaassen vernehmen :
„Er sammlete eine Menge Recepte und sogenannter physischer Hülfsmittel gegen alle Arten
von Krankheiten, bloss in der Absicht, damit seine Söhne, denen er dies Werk widmete , an
armen Kranken das Gebot der Liebe erfüllen könnten, und damit andere Leser in den Stand
gesezt würden, im Fall der Noth diese Recepte, ohne Zuthun des Arztes, zu verordnen.
Uebrigens aber sei es allezeit sicherer und rathsamer, wenn die Mittel, wenigstens im Beisein
eines Kunstverständigen, bereitet würden. Nach diesem Eingange folgen verschiedene Epi-
steln, die offenbar das Machwerk eines Mönchs aus den finstern Jahrhunderten der Barbarei
sind, z. B. vom Hippocrates an den Mäcenas und an den König Antiochus. Auch das ganze Werk
ist sichtbar verstümmelt und hat Zusäze erhalten, die gar nicht im Geiste des Zeitalters sind.
Der grösste Theil ist aus dem Scribonius Largus entlehnt. Durchweg herrscht eine armselige,
sklavische Denkungsart, die besonders darin auffällt, dass manche Mittel bloss desswegen em-
pfohlen worden, weil sie die diva Augusta oder die diva Livia gebraucht haben. — Der Aber-
glauben, die Unwissenheit und unverschämte Dreistigkeit des Verfassers, oder des Stopplers
unter Marcellus Namen, sind fast unglaublich. Einige Proben seiner goetischen Mittel und
Rathschläge werden hinreichen, um mein Urtheil zu bestätigen. Einen Menschen, dem ein
Splitter, oder etwas ähnliches ins Auge gekommen war, carminirte er (der damalige Ausdruk)
auf folgende Art. Man berührte das leidende Auge, und sagte dreimal: „Tetune resonco bregan
gresso", wobei jedesmal ausgespuckt werden musste. Ein anderes Carmen gegen eben diesen
Zufall hiess: „In mon dercomarcos axatison". Ein drittes: „Os gorgonis basto". Wenn diess
leztere dreimal neunmal gesagt wurde, so konnte man damit auch einen fremden Körper aus
dem Schlünde hervorziehen. Um ein Gersteukorn oder ein Geschwür am Augenliede zu ver-
treiben, muss man neun Gerstenkörner nehmen, mit ihren Spitzen das Geschwür berühren, und
jedesmal dabei sagen: q>evye, <psvye, no/#>/ ae biayxei. Oder, wenn das Gerstenkorn am rechten
Auge ist, so berührt man dasselbe mit drei Fingern der linken Hand, spuckt dabei aus und sagt
dreimal; Nee mula parit, nee lapis lanam fert: nee huic morbo caput crescat, aut si creverit,
tabescat. Ausser vielen ähnlichen physischen Mitteln und phylacteriis, wie sie im Mittelalter
genannt wurden, findet man, dass er die Bereitung der gewöhnlichen Arzneimittel auf gewisse
Tage, z. B. auf den Donnerstag, einschränkt, Keuschheit und Reinigkeit des Herzens, beson-
ders das Gebet am Neujahrstage und wenn die erste Schwalbe gehört wird, empfiehlt, und die
Kranken sich nach Osten kehren lässt, wenn sie einen Arzneitrank einnehmen. Wer vor Triefen
der Augen gesichert sein will, muss Achtung darauf geben, wenn ein Sternschnuppen fällt, und
vom Augenblick des Entstehens bis zum Augenblick des Verschwindens so schnell zählen als
möglich: so weit er gezählt hat, so viele Jahre wird er vor dem Triefen der.Augen bewahrt
bleiben. Auf den Namen des Gottes Jakob und des Gottes Sabaoth legt er ein vorzügliches
Gewicht: auch ist der Rhamnus spina Christi ein bewährtes Wundermittel, weil Christus mit
diesen Dornen gekrönt worden. — Aus dem Kiranides ist sehr vieles genommen : er wird hier
24 Zum zweiten Abschnitt.
immer dem Demokritus zugeschrieben : eines solchen Vorgängers ist auch der Empiriker Mar-
cellus vollkommen werth."
Weiterer ähnlicher Unsinn ist bei Sprengel selbst nachzulesen.
Die Stellen des Corpus juris civilis, durch welche im römischen
Reiche die Verhältnisse des ärztlichen Standes gesezlich festgestellt wurden,
sind folgende :
Digestorum lib. XXVII; Tit. 1; lex 6; §. 1 — 4 wird die Zahl der Aerzte festgesezt,
welche in den Städten verschiedener Grösse immunes sein sollen: 5 in den kleinen, 7 in den
mittleren, 10 in den grössten, es sei denn, dass durch Senatsbeschluss eine grössere Anzahl
zugelassen werden. Im §. 6 heisst es: Sed et reprobari medicum posse a republica, quamvis
semel probatus sit, Imperator noster cum patre Laelio Basso rescripsit.
Digest, lib. L; Tit. 13; lex 1 ; §. 1 heisst es: Medicorum quoque eadem causa est, quae
professorum, nisi quodjustior, quum hi salutis hominum, illi studiorum curamagant; et ideo his
quoque extra ordinem jus dici debet. §. 2. Sed et obstetricem audiant, quae utique medi-
cinam exhibere videtur. §. 3. Medicos fortassis quis accipiet etiam eos, qui alicuius partis
corporis, vel certi doloris sanitatem pollicentur, ut puta si auricularius, si fistulae vel dentium.
Non tarnen si incantavit, si imprecatus est, si, ut vulgari verbo impostorum utar, exorcizavit;
non sunt enim ista medicinae genera, tametsi sint, qui hos sibi profuisse cum praedicatione
affirment.
Ejusdem Lex 3. Si medicus, cui curandos suos oculos, qui eis laborabat, commiserat,
periculum amittendorum eorum per adversa medicamenta inferendo compulit, ut ei posses-
siones suas contra fidem bonam aeger venderet, incivile factum Praeses provinciae coerceat,
remque restitui jubeat.
Codicis lib. X; Tit. 52; lex 1. Quum te medicum legionis secundae adjutricis esse dicas,
munera civilia, quamdiu reipublicae causa abfueris, suscipere non cogeris. Quum autem abesse
desieris, post finitam eo jure vacationem, si in eorum numero es, qui ad beneficia medicis con
cessa pertinent, ea immunitate uteris.
Lex 5. Nee intra numerum praestitutum ordine invito medicos immunitatem habere,
saepe constitutum est, quum opporteat eis decreto decuriouum immunitatem tribui.
Lex 6. Medicos, et maxime archiatros vel exarchiatros, grammaticos et professores alios
literarum et doctores legum, una cum uxoribus et filiis, nee non et rebus, quas in civitatibus
suis possident, ab omni funetione et ab omnibus muneribus vel civilibus vel publicis immunes
esse praeeipimus, et neque in provineiis hospites reeipere, nee ullo fungi munere, nee ad Judi-
cium deduci, velexhiberi, velinjuriam pati, ut, siquis eos vexaverit, poena arbitrio judicisplec-
tatur. Mercedes etiam eis et salaria reddi jubemus, quo facilius liberalibus studiis et memo-
ratis artibus multos instituaut.
Lex 9. Archiatri, scientes, annonari asibi commoda a populi commodis ministrari, honeste
obsequi tenuioribus malint, quam turpiter servire divitibus. Quos etiam ea patimur aeeipere,
quae sani offerunt pro obsequiis, non ea, puae periclitantes pro salute promittunt.
Lex 10. Si quis in archiatri defnneti locum est promotionis meritis aggregandus, non
ante eorum partieeps fiat, quam primis, qui in ordine reperientur, Septem vel eo amplius judi-
cantibus idoneus approbetur; ita tarnen, ut, quieunquefuerit admissus, non in priorum numerum
statim veniat, sed eum ordinem consequatur, qui ceteris ad priora subvectis ultimus pote-
rit inveniri.
Lex 11. Grammaticos, oratores atque philosophiae praeeeptores, nee non etiam medicos
praeter haec, quae retro latarum sanetionum auetoritate consecuti sunt, privilegia immunitatesque,
frui hac praerogativa praeeipimus, utuniversi, qui in sacro palatio inter archiatros militarunt, cum
comitivam primi ordinis vel seeundi adepti fuerint, aut majoris gradum dignitatis asceuderint,
nullamunicipali, nulla curialium conventione vexentur, seu indepta administratione, seu aeeepta
testimoniali meruerint missionem ; sint ab omni funetione omnibusque muneribus publicis im-
munes, nee eorum domus ubieunque positae militem seujudicem suseipianthospitandum. Quae
omnia in filiis etiam eorum et conjugibus illibata praeeipimus custodiri.
ZUM DRITTEN ABSCHNITT.
Die arabischen Aerzte.
Der Anfang medicinischer Kenntnisse bei den Arabern verliert sich wie bei allen Völkern
in traditionell unter der Masse sich erhaltende empirische Regeln und Kunstgriffe. Egyptische
und jüdische Aerzte mögen frühzeitig unter ihnen sich befunden haben. Aber erst unter den
bagdadischen Kalifen wurde Wissen und Kunst einheimisch, wobei jedoch das Eindringen
abendländischer Kenntnisse das Meiste gethan hat. Durch den Schuz und die Förderung in-
telligenter Fürsten gelangte daselbst die von der griechischen Cultur abgezweigte Wissenschaft
zu einem ungleich lebhafteren Gedeihen, als diess in der gleichen Zeit unter den drükenden
Verhältnissen des Abendlandes selbst möglich war. Aber die unter die Orientalen verpflanzte
Colonie der Wissenschaften hat es doch nicht zu einer Selbständigkeit gebracht, sie hat nur
von den mitgebrachten Reminiscenzen gezehrt, wenn sie auch dabei ihres Lebens eher froh
werden konnte, als in der wilden Barbarei ihrer Heimath.
Die Einzelheiten der arabischen Medicin sind ebendarum nur von antiquarischem Interesse :
nur die Erscheinung im Ganzen hat eine historische Bedeutung.
Eine monographische Darstellung der Geschichte der arabischen Medicin hat F. Wüsten-
feld gegeben : Geschichte der arabischen Aerzte und Naturforscher 1840.
Constantinus AfricantlS ist eine von den vielen merkwürdigen Erscheinungen
unter den Gelehrten des Mittelalters. Mit vielen Fabeln hat man sein abenteuerliches Leben
noch seltsamer gemacht und es ist nicht mehr möglich, die Wahrheit von dem Mythus zu
scheiden. Auch ist es zweifelhaft, ob er identisch mit Constantin von Reggio ist. Aber soviel
ist gewiss, dass seine Ankunft aus arabischeu Landen in Italien ein höchst einflussreiches
Ereigniss war, dass er der Erste im Mittelalter gewesen ist, welcher die Wissenschaft und die
Mystik des Orients im Abendlande einbürgerte, und dass seit ihm die arabischen Lehren zu
einer überwiegenden Macht gelangt sind. Seine literarische Thätigkeit fällt ohne Zweifel in
die Zeit seiner Zurükgezogenheit im Kloster von Monte Cassino, und seine beiden Schüler, von
welchen die Geschichte spricht, Attone und Giovanni, waren cassiuesische Mönche. Allein auch
auf die salernitanische Schule hatte er den entschiedensten Einfluss, sei es dass er ihr selbst
eine Zeitlang angehörte, sei es dass sein Ansehen auf indirecterem Wege auf sie wirkte.
Vgl. über Constantinus Africanus : Choulant: Handbuch der Bücherkunde 2te Aufl. pag. 253,
vorzugsweise aber Salv. de Reuzi: Collectio Salernitana I. 165.
Die mediCinische Schule von Salem ist in neuerer Zeit der Gegenstand sehr
eingehender Studien gewesen und hat dadurch eine etwas grössere Bedeutung erlangt, als man
ihr früher zuzuschreiben geneigt war. Vornemlich haben Henschel, sodann Haeser sich be-
müht, die umfassendere Wirksamkeit der salernitanischen Schule nachzuweisen und namentlich
Lezterer hat ihren weltlichen, nicht clericalen Character gezeigt. Er unterscheidet drei Perioden
der Schule, die erste vom 8ten bis zum Uten Jahrhundert, welche durch das von Henschel
aufgefundene Compendium Salernitanum repräsentirt ist und in welche auch die Abfassung
des Regimen sanitatis fällt.
In der zweiten Periode (12tes und I3tes Jahrhundert) soll die pharmaceutische Therapie
das Uebergewicht erlangt haben, während in eiuer dritten Periode (vom Ende des 13ten Jahr-
hunderts an) die Schule in Verfall gerieth.
Eine Sammlung sämmtlicher der salernitanischen Schule zugeschriebenen Schriften
wurde von Salv. de Renzi (Collectio salernitana. Napoli 1852 — 1854) herausgegeben und
26 Zum dritten Abschnitt.
dabei die Geschichte der Schule auf's Sorgfältigste von der muthmaasslichen Gründung an
bis zum Jahre 1811 (wo unter napoleonischer Herrschaft die Salerner Universität geschlossen
wurde) verfolgt.
Einige Proben aus der Flos medicinae Scholae Salerni (nach der Aus-
gabe von Salvatore de Renzi : Collectio Salernitana 1852 I. pag. 445 ff.).
5. Anglorum Regi scribit Schola tota Salerni.
Si vis incolumem, si vis te vivere sanum:
Curas tolle graves, irasci crede profanum,
Parce mero, coenato parum : non sit tibi vanum
Surgere post epulas; somnum fuge meridianum,
Ne mictum retine, ne comprime fortiter anum.
Haec bene si serves, tu longo tempore vives.
15. Esca, labor, potus, somnus, mediocria cuncta:
Peccat si quis in his, patitur natura molestis,
Surgere mane cito: spaciatum pergere sero,
Haec hominem faciunt sanum, hilaremque relinqunt,
„Si tibi deficiant Medici, medici tibi fiant
„Haec tria : mens laeta, requies, moderata diaeta.
40. Temporis aestivi jejunia corpora siccant ;
Quolibet in mense confert vomitus, quoque purgat
Humores nocuos, stomachi lavat ambitus omnes.
Ver, autumnus, hiems, aestas dominantur in anno.
Tempore vernali calidus sit aer madidusque,
Et nullum tempus melius sit phlebotomiae ;
Usus tunc homini veneris confert moderatus,
Corporis et motus, ventrisque solutio, sudor,
Balnea ; purgentur tunc corpora per medicinas.
Aestas more calet, siccat, noscatur in illa
Tunc quoque praecipue choleram rubeam dominari.
Humida, frigida fercula dentur; sit venus extra:
Balnea non prosunt: sint rarae phlebotomiae:
Utilis est requies, sit cum moderamine potus.
76. Majo secure laxare sit tibi curae;
Scindatur vena sie balnea dantur amaena:
Cum validis rebus sint balnea, vel cum speciebus.
Absynthii lotio edes coeta lacte caprino.
129. Sex horis dormire sat est juvenique senique,
Septem vix pigro, nulli concedimus octo.
Ad minus horarum septem fac tibi sit somnus.
Si licet ad nonam, numquam ad deeimam licet horam.
139. In latus alterutrum praestat se praebere somno
Intentum, et, si nihil prohibet, latus elige dextrum.
143. Sit brevis aut nullus tibi somnus meridianus.
Febris, pigrities, capitis dolor atque catharrus,
Quatuor haec somno veniunt mala meridiano.
Mensibus in quibus R post prandia fit somnus aeger,
In quibus R non est somnus post prandia prodest.
153. In die mictura vieibus sex fit naturalis,
Tempore bis tali, vel ter, fit egestio pura.
Antiquo more mingens pedit absque pudore.
Mingere cum bombis res est saluberrima lombis ;
Nam ventrem stringens, retines bombum veteratum.
194. Ex magna coena stomacho fit maxima poena;
Ut sit nocte levis, sit tibi coena brevis.
Die arabischen Aerzte. 27
203. Temporibus veris modice prandere juberis,
Sed calor aestatis dapibus nocet immoderatis;
Autumni fructus caveas ne sint tibi luctus ;
De mensa sume quantum vis tempore brumae.
212. Post coenam stabis aut passus mille meabis.
252. Non sit acetosa cerevisia, sed bene clara,
De validis cocta granis satis ac veterata,
De qua potetur, stomachus non inde gravetur.
Grossos humores nutrit cerevisia, vires
Praestat , et augmentat carnem , generatque cruorem ;
Provocat urinam, ventrem quoque mollit et inflat.
1153. Ossibus ex denis bis centenisque novenis
Constat homo ; denis bis dentibus et duodenis,
Ex tricentenis decies sex quinque venis.
Os, nervus, vena, caro, cartilagoque, corda,
Pellis et axungia tibi sunt simplicia membra :
Hepar, fei, stomachus, caput, spien, pes, manus et cor,
Matrix et renes et vesica sunt officialia membra.
(Diese sieben Verse enthalten die ganze Anatomie !)
1323. Efficit febrem, gfinerat, custodit et äuget,
Ut putredo, pori constrictio, prava diaeta.
1330. Frigiditas mala si sit per tempora longa
Nascitur in fine leucophlegmaticus inde,
Aut apoplexia, vel phtisis, vel cachexia.
1375. Monstrat opus laesum, tumor egestum, dolor aegrum;
Infigit, pungit, extendit, aggravat, errat,
Sanguineus, croceus, juvenis, niger humor et aure.
Sanguis et vomitus ventris purgatio, sputum
Sudor, aposthema medici dant tacita signa.
1546. Tres sunt, non plures, in nostro corpore morhi,
Morbus consiliaris, communis, et officialis.
Morbum consiliarem causat complexio prava ;
Si caret officio merbum facit officialem;
Morbus communis sit, si peccabit utroque.
2074. Stercus et urina sunt Medico fercula prima;
Hydrops quartana sunt Medico scandala plana.
2076. Non didici gratis, nee musa sagax Hippocratis
Aegris in stratis serviet absque datis.
Empta solet care multum medicina juvare ;
Si quae detur gratis, nil affert utilitatis.
Pes dare pro rebus, pro verbis verba solemus:
Pro vanis verbis montanis utimur herbis;
Pro caris rebus, pigmentis et speciebus.
Est medicinalis Medicis data regula talis :
Ut dicatur: da, da, dum profert languidus ha, ha!
Da Medicis primo medium, medio nihil imo.
Dum dolet infirmus Medicus sit pignore firmus ;
Instanter quaerat nummos, vel pignus habere ;
Fidus nam antiquum conservat pignus amicuru,
Nam si post quaeris, quaerens inimicus haberis.
2090. Fingit se Medicus quivis idiota, prophanus,
Iudaeus, monachus, histrio, rasor, anus,
Sicuti Alchemista Medicus fit aut Sapouista,
Aut balueator, falsarius aut oculista.
Hie dum lucra quaerit, virtus in arte perit.
28 Zum dritten Abschnitt.
Dreizehntes und vierzehntes Jahrhundert.
Das 13te und 14te Jahrhundert hat da und dort seltsame Männer hervorgebracht (z. B.
Albertus Magnus, Arnaldus von Villanova), für deren Art und Geistesproducte unsere Zeit
schwerlich mehr ein richtiges Verständniss zu gewinnen vermag. Es ist ebenso absurd, aus
ihnen tiefsinnige Naturforscher und Reformatoren der Wissenschaft machen zu wollen, als
es verkehrt und ungerecht wäre, sie einfach als Verrükte oder Betrüger zu behandeln. Die
Gewöhnung an einen disciplinirten Gedankengang, wie sie die Gegenwart von einem gesunden
und entwikelten Gehirne verlangt, macht geneigt, so wilden Excessen nur noch eine patho-
logische Bedeutung zu gestatten. Wenn man das unheimliche Brennen und Kochen unter dem
Schutte steriler Gelehrsamkeit gewahrt, so kann man freilich versucht sein, darin die Delirien
eines heissen kranken Kopfes in der Zwangsjake der Scholastik zu erbliken. Aber wir haben
heutigen Tags jeden Maassstab verloren, wie weit ein glühender Trieb nach Erkenntniss sich
vergehen kann, wenn ihm die unbezwingbare Gewalt der Finsterniss jeden gesunden Schritt ver-
schliesst. Nur allenfalls auf dem politischen Gebiete sind unserem modernen Verständniss die
Beispiele näher gerükt, wie gefesselte Begeisterung im Typus des Wahnsinns loszubrechen
geneigt ist. Man muss an diese Aehnlichkeit erinnern, um jene Phänomene der spirituellen
Exaltation im Mittelalter einigermaassen begreiflich zu machen.
Die Litterae naturales und sacrae gingen bei diesen Männern in ihren Meditationen Hand
in Hand, und die Versuche zur Besiegung der Widersprüche zwischen den kirchlichen For-
derungen und der Naturanschauung nahmen einen wesentlichen Theil ihrer geistigen Anstren-
gungen in Anspruch.
Die Schriften von Albertus Magnus hat Choulant im Janus 1. 127 zusammengestellt. Ueber
Arnaldus hat Henschel in derselben Zeitschrift II. 526 eine ausführliche Abhandlung mitge-
theilt, in welcher er die wissenschaftliche Bedeutung dieses Mystikers zu retten sucht. Auch
einige andere Aerzte und Chirurgen jenes Zeitalters hat derselbe ehrenwerthe Historiker dort
monographisch behandelt.
Der raedicinische Unterricht am Schluss des Mittelalters.
Die Art des medicinischen Unterrichts blieb im 15ten Jahrhundert durchaus eine commen-
tirende, wie man aus folgender Studienordnung der medicinischen Fakultät zu Tübingen nach
dem Statut vom Jahr 1481 ersieht.
Der Cursus ist auf drei Jahre bestimmt. Im ersten Jahre wird Vormittags Galen's Ars
medica und Nachmittags der erste und zweite Abschnitt der Fieberlehre von Avicenna gelesen.
Im zweiten Jahre kommen an die Eeihe Vormittags das erste Buch von Avicenna (Anatomie
und Physiologie), das neunte Buch von Rhazes oder auch dieselben Abschnitte des Avicenna
(Localpathologie) ; im dritten Jahre werden Morgens die Aphorismen des Hippocrates und Nach-
mittags Galen de ingenio sanitatis oder nach Belieben der Zuhörer dessen Schrift de internis mor-
bis vorgetragen. Zum Unterricht in der Chirurgie diente der 3. — 5. Abschnitt von Avicenna's
Fieberlehre oder ein beliebiger anderer arabischer Schriftsteller. Auch wurden in ausser-
ordentlichen Vorlesungen Aegidius tractatus urinarum et pulsuum, Mesue de consolatione sim-
plicium und Constantinus Africanus' Viaticum abgehandelt. Alle 3—4 Jahre, verlangt das
Statut, soll in der kältesten Zeit nach Weihnachten die Section eines Hingerichteten vorge-
nommen werden, wenn man einen bekommen kann. Während der Section, welche mehrere
Tage und selbst Wochen dauerte, mussten alle Theilnehmer jeden Morgen eine Seelenmesse
hören; auch waren sie eidlich verpflichtet, nicht nur nichts zu stehlen von den Leichen, sondern
auch die Ueberreste selbst zu Grab zu geleiten. Nach Moll (württembergisches Correspon-
denzblatt 1855).
Syphilis vor 1493.
Dass der syphilitischen Erscheinungen vielfach schon früher als 1493 Erwähnung ge-
schieht, habe ich bereits im Texte angeführt. Aber nicht ohne Interesse ist es, dass auch der
Name „Franzosen" für die Krankheit dem französisch-neapolitanischen Kriege, von dem man
ihn abstammen lässt, lange vorangegangen zu sein scheint. Dafür spricht eine Notiz in Franz
Jos.'? Bodmann's rheingauischen Alterthümern 1819 Bd. I. 199, nach welcher es in dem
Stiftsprotokoll von St. Victor zu Mainz vom Jahre 1472 heisst, dass ein Stiftsgeistlicher
supplicirte , quatenus sibi concedatur, ut a choro sequestratus in domo sua se continere possit
propter fetulentum morbum qui dicitur MalaFranzos, worauf ihm bedeutet wurde: quod
chorum et caplum intrare non debeat priusquam D. Decano et Caplo ex testimonio cyrur-
gicorum de plena et perfecta ejusdem absolutione sufficienter cautum fuerit et comprobatum.
ZUM YIEßTEN ABSCHNITT.
Das Reformations-Zeitalter.
Es gibt wohl kaum eine interessantere und lehrreichere Periode in der ganzen Cultur-
geschichte, als das Zeitalter der Reformation. Erst zeigen sich nur da und dort vereinzelte
und noch zweifelhafte leuchtende Punkte ; aber bald entdekt man überall, wohin man blikt,
die Finsterniss durchbrochen und die Lichtkraft wächst in dem Maasse, als sie sich verviel-
fältigt. Die Naturwissenschaften und die schönen Künste waren die ersten Fakeln, an denen
sich der erwachende Menschengeist erwärmte. Und bald findet man sich mitten in einem
Entwiklungsprocesse, dessen reiner und gesunder Character jede Besorgniss für seine Zukunft
beseitigen zu dürfen scheint. Aber der Fortgang der humanen Bildung stiess auf Mächte,
denen ihre zarte Natur nicht gewachsen war. Kräftigere Elemente mussten ihr Unterstüzung
gewähren ; sie selbst verlor dabei freilich ihre ursprüngliche Reinheit, und in den stürmischen
Conflicten, zu welchen der Kampf im Verlaufe führte und in denen die Leidenschaften die
oberste Leitung sich aneigneten und die materielle Gewalt entschied, kamen die Errungen-
schaften der Cultur wieder dem Untergang nahe.
Wenn man, wie häufig geschieht, die kirchliche Bewegung oder gar die Concentration
derselben in der confessionellen Lostrennung als initiatives Moment der Reformationsperiode
ansieht, so erhält man eine völlig schiefe Vorstellung von dem Character der Epoche. Es war
beim Beginne des grossen Processes, den der Menschengeist gegen eingewurzelte Autoritäten
unternahm, keine Abhängigkeit irgend eines Gebietes von dem andern. Auf allen zeigt sich
derselbe und durchaus selbständige Trieb nach Befreiung. Unberechenbar ist, wie der Gang
sich gestaltet hätte, wenn die profane Aufklärung in ihrem weniger offensiven Fortschreiten
hätte erstarken können und nicht in die Wirren der clericalen Revolution verwikelt worden
wäre, ehe jene sich selbst noch zu einem klaren Bewusstsein gekommen war. Aber es ist voll-
kommen begreiflich, dass nicht nur die Läuterung des kirchlichen Glaubens als eine will-
kommene Mithilfe für die Aufhellung auf allen Gebieten erschien, sondern dass Viele unter
den Naturforschern selbst mit wärmster Begeisterung der erbaulicheren und das acht religiöse
Gefühl mehr befriedigenden Richtung sich anschlössen. Es ist aber auch nicht zu verwundern,
dass die profanen Interessen von der tiefer greifenden und allgemeinen Aufregung der Ge-
müther über die höchsten Fragen gar bald absorbirt werden mussten. Daher sehen wir, dass
durch die kirchliche Bewegung nicht etwa die Reformation auf dem naturwissenschaftlichen,
und medicinischen Gebiete angeregt und gefördert wurde, sondern vielmehr, dass in dem Maasse
als jene höheren Interessen das Uebergewicbt bekommen , die lebendige Thätigkeit in der
Naturforschung zurüktritt, sich verflacht oder in falsche Bahnen geräth.
Die Gräuel der Hexenprocesse sind unter andern ein abschrekender Beweis, in welchem
Maasse in kürzester Zeit nach so hoffnungsvollen Anfängen die Verfinsterung wieder die Ober-
hand gewann.
Ueber die Hexenprocesse lässt sich C. G. v. Wächter (Beiträge zur deutschen
Geschichte 1845. pag. 83) folgenderweise vernehmen:
Bis in das 15. Jahrhundert kamen in Deutschland wohl da und dortProcesse wegen Zau-
berei vor uud wurden Zauberer und Zauberinnen verurtheilt. Aber, wenn wir die Fälle ausnehmen,
in welchen die Angeschuldigten nebenbei wirkliche Verbrechen begingen, wie Giftmischerei,
Kindsmord, Betrug und Anderes: so waren solche Verurtheiluugen durch wirkliche Gerichte
selten. Nun aber, von dem Ende des 15. Jahrhunderts an, scheint Deutschland von einer
wahren Hexenepidemie ergriffen worden zu sein. Die Hexenprocesse kamen nun wahrhaft an
die Tagesordnung; Tausende von Unglücklichen wurden von da an bis in den Anfang des
30 Zum vierten Abschnitt.
18. Jahrhunderts verbrannt und Alle — auf ihr Geständniss hin. Da es beinahe un-
glaublich ist, wie in dieser Hinsicht in jenen Zeiten verfahren wurde : so will ich nur vom
16. und 17. Jahrhundert Einiges zum Belege aus Urkunden anführen.
In der Bäuerischen Grafschaft Werden fels wurde im Jahre 1582 ein Hexenprocess an-
hängig, der immer weiter auf mehr Personen führte ; das Resultat war, dass 48 Hexen ver-
brannt wurden.
In der Reichsstadt Nord lingen beschloss im Jahre 1590 der Rath, auf Anregung des
Bürgermeisters Pferinger, der ein eifriger Hexenverfolger war, nun einmal auch die Hexen in
Nördlingen mit Stumpf und Stiel auszurotten. Man begann die Hexen zu suchen,
und der Erfolg war, dass in der kleinen Reichsstadt in drei Jahren 32 Personen wegen
Hexerei und Zauberei theils verbrannt, theils geköpft und nachher verbrannt wurden.
In Ellingen, einer Landcomthurei des Deutschen Ordeus, wurden in demselben Jahre
in acht Monaten 65 Personen wegen Hexerei hingerichtet.
In der kleinen Grafschaft Henneberg wurden im Jahre 1612 allein 22 Hexen hinge-
richtet und in einem Zeiträume von 80 Jahren, in den Jahren 1597 — 1676, im Ganzen 197
Hexen verbrannt.
Besonders stark wurde im Anfange des 17. Jahrhunderts gegen die Hexen gewüthet. In
der Stadt Offenburg im Breisgau wurden in den Jahren 1627 — 1630, also in vier Jahren,
60 Personen wegen Hexerei hingerichtet.
Das gleiche Loos traf um dieselbe Zeit im Bisthum Würzburg eine Menge Personen. Es
wurden dort in drei Jahren, 1627- — 1629, mehr als 200 Personen wegen Hexerei und Zauberei
hingerichtet, Personen jeden Alters, selbst Kinder von 8 — 12 Jahren, Personen jeden Standes;
irgend eine ausgezeichnete Eigenschaft war Veranlassung, am Ende auf den Scheiterhaufen
zu führen. So waren z. B. unter jenen Hingerichteten, wie es in einem Verzeichnisse jener
Zeit heisst, die Kanzlerin, ferner die Tochter des Kanzlers von Aichstedt, der Rathsvogt, ein
fremd Mägdlein von zwölf Jahren, ein Rathsherr, der dickste Bürger in Würzburg, ein klein
Mägdlein von neun Jahren, ein kleineres ihr Schwesterlein, der zwei Mägdlein Mutter, die
Burgermeisterin, zwei Edelknaben einer von Reitzenstein und einer von Rothenhan, das Göbel
Babele die schönste Jungfrau in Würzburg, ein Student, so viel Sprachen gekonnt und ein
vortrefflicher Musiker gewesen, der Spitalmeister ein sehr gelehrter Mann, eines Rathsherrn
zwei Söhnlein grosse Tochter und Frau, drei Chorherren, vierzehn Domvicarii, ein blindes
Mägdlein, die dike Edelfrau, ein geistlicher Doctor u. s. w.
Noch mehr gemordet wurde in denselben Jahren im Bisthum B am b erg. Graf Lambert
weist aus Urkunden nach, dass in vier Jahren, 1627 — 1630, in dem Gebiete des Fürstbischofs
von Bamberg bei einer Bevölkerung von etwa 100,000 Seelen 285 Personen wegen Hexerei
den Tod erlitten, und auch hier wieder Personen aus allen Ständen, jeden Ranges, jeden Alters.
Ein Hexenrichter in Fulda, der über 19 Jahre sein Unwesen trieb — Balthasar Voss biess
der Unmensch — rühmte sich: Er habe allein über 700 beiderlei Geschlechts verbrennen lassen
und hoffe, es über 1000 hinauszubringen.
In Lindheim wurde in Folge einer Hexenuntersuchung in den Jahren 1661 — 64 der
achtzehnte Theil der Bevölkerung des Ortes verbrannt, von 540 Einwohnern 30 Personen.
In Salzburg wurden im Jahre 1678 bei Gelegenheit einer Rinderpest, die man von
Hexerei herleitete, 97 Personen wegen Hexerei hingerichtet.
In Rottweil wurden im 16. Jahrhundert in 30 Jahren 42 und im 17. Jahrhundert in
48 Jahren 71 Hexen und Zauberer verbrannt.
Als medicinische Repräsentanten der ruhigen, wenn auch energischen Fort-
SChrittsparthei im 16. Jahrhundert können Leonhard Fuchsin Süddeutschland und
Crato von Kraftheim in Norddeutschland hervorgehoben werden. Es mögen hier einige Proben
folgen, um einigermaassen ein Bild derselben zu vermitteln.
Leonh. Fuchs' libri octo de curandi ratione 1548 haben folgenden Inhalt:
Lib. I. 1. De alopecia et ophiasi; 2. de defluvio capillorum ; 3. de porrigine ; 4. de phthi-
riasi; 5. de achoribus; 6. de dolore capitis; 7. de dolore capitis ex calore nato; 8. de dolore
capitis ex frigore contracto ; 9. de dolore capitis e siccitate aut humiditate orto ; 10. de dolore
capitis ex plenitudine ; 11. de dolore capitis e biliosis humoribus ; 12. de dolore capitis e pitui-
tosis humoribus; 13. de dolore capitis e ventriculi vicioorto; 14. de dolore capitis ex ebrietate ;
15. de capitis dolore ex ictu, vel casu; 16. de dolore capitis in febribus; 17. do cephalaea;
18. de hemicrauia; 19. de vertigiue; 20. de phrenitide ; 21. de lethargo; 22. de caro ; 23. de
catocha et catalepsi; 24. de comate; 25. de memoria abolita; 26. de apoplexia; 27. de reso-
Leonh. Fuchs. 31
lutione alterius lateris; 28. de resolutione, quae unam aliquam tantum partem obsedit; 29. de
epilepsia; 30. de convulsione ; 31. de incubone; 32. de mania ; 33. de melancholia; 34. de
tremore ; 35. de Ophthalmia, sive lippitudine; 36. de pterygio; 37. de phlyctaenis : 38. de ul-
ceribus oculorum; 39. de cicatricibus et albuginibus oculornm; 40. de sugillatis ; 41. de pure
sub Cornea; 42. de suffunone; 43. de dilatatione et diminutione pupillae; 44. de visus obscu-
ritate ; 45. de nyctalopis ; 46. de expressione oculi; 47. de aegilope ; 48. de aurium dolore;
49. de sonitu aurium; 50. de surditate, et gravi auditu; 51. de parotidibus ; 52. de ozaenis;
53.de sanguinis ex naribus profluvio ; 54. de destillatione, gravedine, et raucitate ; 55. de den-
tium dolore; 56. de dentibus denigratis, liventibusque, et mobilibus; 57. de aphthis; 58. de
foetore oris.
Lib. II. 1. de columellae inflammatione; 2. de laxata columella; 3. de tonsillarum in-
fiammatione; 4. de serpentibus et malignis tonsillarum ulceribus; 5. de augina; 6. de tussi;
7. de astbmate ; 8. de pleuritide ; 9. de peripneumonia; 10. de sanguinis rejectatione; 11. de
empyemate ; 12. de tabe; 13. de cordis palpitatione ; 14. de syncope; 15. de lactis defectu;
16. de lactis redundantia ; 17. de lacte in grumos converso; 18. de inflammatione mammarum.
Lib. HI. 1. de imbecillitate ventriculi; 2. de nausea et vomitu; 3. de siti immensa ;
4. de dolore stomachi ; 5. de inflammatione ventriculi; 6. de cibi fastidio ; 7. de appetentia
canina; 8. de bulimo ; 9. de cruditate; 10. de inflatione ventriculi; 11. de singultu; 12. de
cholera; 13. de diarrhoea; 14. de lienteria; 15. de dysenteria; 16. de tenesmo ; 17. de coli
doloribus; 18. de ileo ; 19. de lumbricis; 20. de haemorrhoidibus: 21. de procidentia ani;
22. de rimis ani; 23. de imbecillitate jocinoris; 24. de obstructione jocinoris; 25. de inflamma-
tione jocinoris; 26. de intemperie lienis ; 27. de lienis inflammatione ; 28. de lienis scirrho ;
29. de lienis obstructione; 30. de ictero; 31. de malo corporis habitu; 32. de aqua inter
cutem; 33. de anasarca; 34. de ascite; 35. de tympanite; 36. de renibus cruentam urinam
excernentibus ; 37. de renum inflammatione; 38. de calculo renum ; 39. de ulceribus renum;
40. de diabete ; 41. de vesicae calculo ; 42. de sanguinis ex vesica eruptione, et grumis ejus-
dem ; 43. de inflammatione vesicae; 44. de ulceribus vesicae, et ejus cervicis ; 45. de stillicidio
urinae ; 46. de difficultate urinae ; 47. de suppressione urinae ; 48. de exulceratione pudendi;
49. de priapismo; 50. de seminis profluvio; 51. de iis qui re venerea uti non possunt; 52. de
ramice; 53. de suppressis mensibus ; 54. de redundantibus mensibus ; 55. de flnore muliebri;
56. de uteri suffbcatione ; 57. de uteri procidentia; 58. de mola; 59. de inflammatione uteri;
60. de inflatione uteri; 61. de uteri exulceratione ; 62. de phimosi uteri ; 63. de sterilitate
removenda ; 64. de difficultate partus ; 65. de ischiade ; 66. de podagra et arthritide.
Lib. IV. 1. de diaria; 2. de diaria plurium dierum ; 3. de synocho putrida; 4. de conti-
nuis febribus; 5. de ardente febre; 6. de exquisita tertiana intermittente ; 7. de tertiana notha;
8. de quartana; 9. de quotidiana; 10. de hectica febre; 11. de hemitritaeo, seu semitertiana;
12. de pestilentia.
Lib. V. 1. de inflammatione; 2. de herpete; 3. de erysipelate ; 4. de carbunculo ; 5. de
gangraena; 6. de impetigine; 7. de scabie ; 8. de pruritu ; 9. de exanthematis ; 10. de am-
bustis ; 11. de formica, Verruca et clavo ; 12. de vitiligine; 13. de oedemate ; 14. de inflationi-
bus; 15. de schirrhis; 16. de strumis; 17. de abscessibus ; 18. de cancro; 19. de elephantia;
20. de morbo gallico.
Lib. VI. 1. de vulneribus in Universum; 2. de vulneribus magnis in superficie acceptis, et
minime profundis ; 3. de vulnere profundo, et recondito, citra amissionem substantiae, in carne
accepto; 4. de cavo vulnere; 5. de aequali, sive impleto vulnere; 6. de vulnere supercrescentem
carnem habente ; 7. de vulnere contuso, et cum alio praeter naturam affectu conjuncto, et im-
plicito; 8. de ecchymosi ; 9. de vulnere ex morsu vel ictu animantium tum venenatorum, tum
rabidorum; 10. de morsu canis rabiosi; 11. de vulnere cum sanguinis profusione ex venis et
arteriis; 12. de punctura nervi, seu punctim vulneratis nervis; 13. de nervo caesim vulnerato;
14. de nervi contusione.
Lib. VII. 1. de ulcere simplici, et quo d solum consistit; 2. de ulcere cum intemperie;
3. de ulcere cum tumore particulae; 4. de ulcere contuso; 5. de carne in ulceribus supercres-
cente, quam hypersarcosin Graeci nominant, tollenda; 6. de ulcere cum duricie, et labrorum
decoloratione ; 7. de ulcere cum varicibus complicato ; 8. de verminoso ulcere; 9. de ulcere
dirupto, et cum ossis corruptione complicato; 10. de ulceribus aegre cicatricem admittentibus,
et malignis; 11. de ulcere exedente ; 12. de sordido et putri ulcere; 13. de profundo et cuni-
culoso ulcere; 14. de fistula; 15. de cancro exulcerato.
Lib. VIH. 1. de fracturis in Universum; 2. de luxationibus in Universum.
32 Zum vierten Abschnitt.
Eine Einzelnprobe aus Leonh. Fuchs' Werk: Lib. IL cap. 4. de serpentibus et
malignis tonsillarum ulceribus.
Maligna tonsillarum ulcera interdum praecedente earundem fluxu incipiunt. Aliquando
autem a consuetis fieriinflammationibus, potissimum efferatis, perficiuutur. Fiunt autem fre-
quentissime pueris, atque etiam aetate jam perfectis, maxime iis qui vitiosis humoribus abun-
dant. In pueris vero aphtha praecedente omnino perficiuntur. Colore similia sunt crustis,
quae ferro inuruntur. Accidit etiam aegris siccitas in transglutiendo, et suffocatio coacervatim
incidit, maxime quum rubor subit mentum. Ubi humorum acrimonia praecesserit, nome quae
depascitur locos excipit, succeditque una putrefactio. Festinanter iis auxilium adferre oportet,
et si sunt aetatis perfectae, et nihil sit quod prohibeat, confidenter brachii venam exteriorem,
aut si illa non appareat, mediam incidere convenit. Si vero virgines fuerint, quas circa aetatis
vigorem dum mensium purgationem appetunt, hoc malnm crebro apprehendit, tunc eis malle-
oli venae suntincidendae, unica sanguinis detractione facta: non tarnen usque ad animi defec-
tionem, ne subinde profluentibus mensibus virtus plane concidat. Deinde alvus clysteribus,
glandulis, et sedis illitionibus movenda : atque omnibus modis conandum erit, ut aversio ab
affectis partibus fiat. In quem usum cucurbitulae juxta lumbos affigendae, ac ligaturis
extremitatum utendum. Postea gargarismis uti decet Post morbi principium diamoron collu-
endum exhibeatur, mulsae permixtum. Tum etiam iridis decocto, et aliis locojam citato com-
memoratis uti licebit. Conandum autem est in Universum, ne digitum quidem tonsillis ulceratis
admoveamus, aut leni saltem tactu manum admoliamur. Etenim inscii, ad quos maxime in
rebus dubiis homines errore quodam confugiunt, vehementius illinunt, simulque locum patientem
comprimunt, ac crustam detrahunt: quod minime facere convenit, priusquam elevatam et vix
innitentem crustam conspiciamus. Quod si enim adhaerentem adhuc crustam avellere aggre-
diamur, ulcerationes magis in profundum procedunt, et inflammationes consequuntur, augen-
turque dolores, et in ulcera serpentia proficiunt. Itaque sicca quidem remedia insufflare
convenit: liquida vero cum pinnulaillinire, ita ut quantum licuerit, quam penitissime pinnulam
immittamus. Mirabiliter autem crustas aufert stercus caninum, cum melle illitum: quod tum
optimum erit, quum ossibus canes antea per biduum fuerint nutriti. Magnopere enim auxili-
atur, neque odium sui inducit, neque insuavitatem representat in cibo oblatum. Cinis item
ustarum hirundinum. et centaurij minoris usti cinis cum melle. Oportet autem post irritationes
a medicamentis factas, lenire cumglycyrrhizae decocto : et eo qui ex mastiche, myrrha, traga-
cantha, amylo, et croco constat, gargarismo. Cohibito autem jam ulcere pascente, lacgargaris-
sandum,lemnia terra permixtum. Quid multa? in repurgandis explanandisque ulceribus maxime
sollicitum esse oportet. Infantes enim plurimi in ulcerum repurgatione convulsionem passi
sunt. Aliqui vero via transglutiendi exiccata, sunt strangulati. Forinsecus certe fomenta ad-
hibere convenit, et cataplasmata, cum cautione, ne refrigeremus. Feliciter enim res procederet,
si intrinsecus detentam materiam extra possent transferre. Contegantur itaque semper post
cataplasmatum ablationem, partes circa mentum, circumpositione lanarum mollium in oleo
nardino irrigatarum. Porro ubi crustae solutae fuerint, et ulcera ipsa purgata, hoc remedio
utendum erit, quod habet: Florum rosarum purpurearum öjjj- croci 5j,3. balaustiorum öß.
myrrhae ^j. nucum pinearum repurgatarum Sjj- amyli %. rhois culinarii, aluminis scissilis, utrius-
que 3j/?- Tritis et subactis melle, ad illitionem utere.
Von Crato von Kraftheim (Leben und ärztliches Wirken von Hens chel) mögen
folgende schöne Vorschriften einen Plaz finden:
Praecepta quaedam generalia ad Medicinam .... pertinentia, quae autor .... cum ex
gravissimo morbo anno MDLX. convaluisset sibi observanda praescripsit . . . sunt autem haec :
Primuni : pietatem colat. Ea enim est vera felicitas.
Secundum: artem recte discat, nee temere, priusquam didicerit, exerceat.
Tertium : ad aegrum veniens utatur blanda oratione, non inquirat et curet quae ad vale-
tudinem aegri non speetant.
Quartum: interroget de aetate, consideret habitum corporis, studia , vitae genus, ra-
tionem victus.
Quintum: investiget temperaturam ex habitu et colore corporis, cum primis membrorum
priueipalium, circa cor, affectiones, pulsum; circa epar, hypochondria, venas, exerementa; in
cerebro, consideret cum interiorum, turn exteriorum sensuum rigorem.
Sextum : quaerat de symptomatibus, quia ea monstrant morborum et locum affectum. Hie
diligenter doctrina signorum observetur. Qua re si quis aecurate, certe Montanus in obser-
vationibus Rhasis traditit.
Septimum : investiget causas symptomatum, et ita demum in exaetam coguitionem morbi
praeveniet.
Paracelsus. 33
Octavum: dicat praesagium, observet diligenter dies criticos ; morbi tempora, stellarum,
inprimis lutninarium aspectus malos. Ac etiamsi res sit in dubio, moneat amicos, aegrum sem-
per bene sperare jubens, nisi ille ea sit infirmitate, ut potius cum Christo, quam in hac misera
vita cito vivere cupiat.
Nonum: si contagiosus est morbus, astantes admoneat.
Decimum : in vulgus nihil spargat, vel de salute vel morte aegri, sed dubitanter loquatur
nee in ullum, (praeter-) quam magnitudinem morbi, causam mortis conferat, nisi propriam
famam et conscientiam tueri necesse sit.
Undecimum: in curatione primum instituat victus rationem. Interdum ubi noxa non est
magna, aliquid aegro concedat. Aegro non recitet catalogum eibormn ; sed qui ejus curam gerunt.
Duodecimum: (si) interrogabit aeger de remediis, parum proponat, ac ipse necessaria recte
t fideliter agat.
Decimum tertium: si morbus non cedit, diligentia intendatur.
Decimum quartum: si convalescit aeger, non accedas, ne videaris petere peeuniam. Fuge
avaritiam radicem omnium malorum, et nihil sine ratione, et inprimis invocatione Dei facias.
Ita eris bonus Medicas.
Paracelsus.
Drei Consilia des Paracelsus.
1. An den Hochgelehrten Herrn Adamum Reyssner alten Stattschreiber zu Mündelheym.
Das Hirn und den Magen sollen jhr in euch bewahren, dass sie nicht in jhrer bossheit
fürfahren: Dann auss dem Hirn werden euch entspringen, Arthetica, das ist Gliedsucht, Schwin-
del, Pleuresis, vhParalysis: Dess Mages halb, Phthysis, Hydrops, Febris, Dysenteria.
Der Speiss halb, sollen jhr euch hütten vor Gewürtz, starken Wein, Kreutterwein, Knob-
loch, Senff, Essig, vnd vor Vische, so viel euch müglich, sonderlich für gesotte.
Abstinentz halten ist gut, doch kein Hunger leiden, noch Durst, vnnd in täglicher gewon-
heit bleiben, zu gemeinen Stunden.
Lassen vnd Purgieren ist euch nit gut, fürdert euch zum Schlag, vnnd zum Hauptweh,
auch zu der Wassersucht.
Baden in Thermis ist euch nit gut. Dann sie werden euch zu viel das Haupt in die
Flüss richten, vnd die Nervös erweichen, das jhr dester ehe, vnnd Fürderlicher in Artheticam
fallen, vnnd alle glieder im Leib dester vngeschikter machen.
Zum Haupt sollen jhr von diesen Stücken, so hernach volgen, ein Potion machen, vnd
darvon trincken, all Morgen vnnd nachts ein trüncklin auffvier Wochen; Das wirdt das Hirn
wider recht machen, vnd bringen in sein Temperatur.
Vnnd des Magens halb die Lattwerg alle mahl nach essens, morgens vnd nachts ein halbe
Baumnuss gross einnemmen, vnnd damit nichts mehr essen, auch aufi' zwen Monat.
Vnnd ob jhr noht würden zu laxiren haben, der gefallnen Flüss, so nemmen ein halb Loht
gedörte Holderprösslin, mit so viel Zuckers, zu Morgens ein : Das nimpt die Flüss hinweg, die
in Magen gefallen sein, ohne alle andere stuck, vnnd ist euch ein Laxatiuum ohn schaden,
doch im Jahr nicht vber ein mahl, als Meyen.
Solch Regiment ist euch genugsam sechs Jahr, Nachfolgendts schadets nicht, weiter bey
gemelteu kranckheiten Raht vnd Hülff zu suchen.
Potio ad Cerebrum.
Rec. Radic. Caryophyllatae, id est Benedicten Wurtzlen.
Acori, id est Gelb, Gilgenwurtzlen, an. j. halb Pfundt.
Flores Sambuci, Maioranae ana j. halb Fierl.
Euphragiae M. ij.
Diese ding legendt in ein dreyssig massig Vass mit Wein, lassents also ligen acht Tag,
darnach trincken darvon, wie obsteht. Wöllendt jhr weniger machen, so nemmen dess Ge-
wichts auch weniger.
Electuarium pro Stomacho.
Nembt Weckholder Beer ein Pfundt, siedens in Wasser zwo stundt, darnach seigens durch
ein Tuch, das die Hülsen vnd Kernlein darvon fallen, vnd was hindurch geht, darzu nemmen
so viel Zucker, mischendts durch einander, stosseudts zusammen, mit diesem Gewürtz.
Imber zwey Loht. Calmus ein halb Loht.
Macis ein halb Loht. Cubeben ein Quint.
Darnach stellendts an die Sonnen in einem vermachten Glass auff ein Monat, darvon
brauchent wie obsteht, wirt euch den Magen recht machen.
Belege zu Wundeilich's Gesch. d. Med. 3
34 Zum vierten Abschnitt.
2. Theophrastus von Hohenheim, genannt Paracelsus, der freyen Kunst vnnd beyder
Artzney Doctor, wünscht dem Edlen vnd Ehrnvesten Herrn Francisco Bonero, seinem Gross-
günstigen Hern, Glück vnnd Heyl in dem Herrn dem Höchsten Gutt.
Edler, Ehrnvester, Grossgünstiger Herr, Euwere Brieff, so ewer Herrligkeit an mich ge-
schribe, hab ich empfangen, gelesen vnd wider gelesen : was die Artznei belangt vnd was
E. H. für gefahr, vnnd Schmertzen erlitten, hab ich vernommen. Vnd darbey der Artzt, vnd
der Wundartzt Einfältigkeit genugsam verstanden, welche im anfang die sach nit verstanden
haben, vnnd das ist der Artzt erster mangel, dass sie den Morbum erstlich nit erkennen : wie-
wol die Zeichen, vnd Proguosticationes der kranckheit vorgehnt, gleich wie der Ascendens Coeli
die Geburt dess Kindts.
Im anfang, gleich wie ein Kind, das in dess Vatters Gewalt ist, sich lest biegen: So es
aber alt wirdt, weder der Vatter, noch der Nachrichter ziehen kan : Also sind auch alle kranck-
heiten im anfang heilbar, welche, so sie vberhand nemmen, schwerlich curirt werden mögen.
Das zeig ich darumm an, das es auch in ewern schmertze, dess Geschröts, oder Gemechte
also gange, welcher jetzundt Hernia Carnosa, ein Fleischbruch worden ist, dann erstlich ist es
Napta gewesen, jetzt ist der Morbus darauss in Herniam Carnosam gerahten, vnd schier vn-
heilbar worden: Dann es ist species Elephantiae, derhalben mich bedunckt, das wenig hie zu
rahten sey.
Dann dieser kranckheit ist nit zu helffen, nach der Cracowischen Artzet Vrtheyl, vnnd
were ein thorheit in einer verderbten sach zu rahten: Ist mir leyd das euwer Herrligkeit so ein
weiten weg von Crakow biss hieher gehn Saltzburg ein Botten geschickt habe, von wegen dess
grossen Umbkostens, vnd das die Cracowischen Medici diesen schaden nit zuvor angezeigt.
3. Consilium an denselben.
Ich hab gelesen wie die kranckheit zugenommen, vnd das der Artzt Rahtschleg ohn Ver-
standt gesteh worden: Dann sie haben ihre Artzneyen vnd Regiment in kalte ding gesetzt, so
doch die kranckheiten durch kalte ding ernehrt werde. Also auch in den andern, da sie mit
Narcoticis vnnd Stupefactivis E. H. haben wollen Artzneyen, welche alle Contraria gewesen:
derhalben ich mich scheuhe diese ding zuerzehlen, so mir E. H. geschrieben. Darumm lass
ichs bleibe, dieweil alle ding ohn verstand geschrieben, vnd gerahten worden sind, wie ich vor-
gesagt, darumb das die Narcotica, Stupefactiva vnnd Infrigidantia, welche gemeinlich im vierdten
Gradu stehn, in gemelten kranckheiten, nichts thun mögen. Derhalben auch die Medici, so
anfangs gebraucht worden, darfür gehalten, das dieser Morbus incurabilis sey.
Wiewol nuhn diese kranckheit zum end geloffen, vnd für vnheilbar geacht wirdt: Halt ich
sie doch darfür, dass sie zu Curiren sey, darumb das der Artzet nicht allezeit die kranckheit
auff einem näglin wissen vnnd verstehn soll, sondern es ist genug wann er diefürnemste vrsach,
vnnd das Fundament darinn versteht. Dann es ist möglich, das wir die vnsichtbaren vnnd
verschlossenen ding mögen erkennen : Wir wissen, verstehn, vnd haben ettwas, aber dess Ge-
sichts manglen wir hierinn.
Ich hab dieser Kranckheit jhren Namen geben, vnnd meinem Verstandt nach, die Cur
darauff gericht, wiewol kurtz, wie volgt.
Suchen euch einen Menschen der im distillieren geschickt sei, dem geben dieses Recept
zu machen.
Nembt Opopanaci, Serapini, Ammoniaci, Galbani jedes ein Vntz. Olei Philo-
sophorum so viel von nöhten.
Lassendt die Gummi zergehn, in Rosenessig, wie der brauch ist, vnd sied sie wider ein,
dass sie wider dick werden, dann bereitens zu einem Pflaster mit dem obgenanten Oleo.
Dieses Pflaster leg auff die gantze Herniam auff drey oder vier woche, dann wirdt durch
krafft dieses Pflasters an eim bequemen orht ein Apostema sich samlen, welchs für sich selbs
auffbrechen, vnnd sich vnder dem Pflaster resoluieren wirdt : So dann das Apostema offen ist,
soll man ein Zugpflaster von Gummis vnd Colophonia darauff legen, wie ich vielfeltig in meinen
Büchern geschriebe, auff die weiss wirdt die Materi warhafftig resoluiert, vnd aussgetrieben.
Doch wirdt hie aussgenommen dieser schaden, der im Leib Fix ist, vnnd auff die Elephantia
geht : wiewol so es gleich ein Species Elephantiae ist, so wirdt es doch also aussgetriben, vnd
der Morbus gemindert.
Auch sollen die Praeservativa wider diesen Fixum Morbum nicht in Leib gebraucht
merden, dann dieser Schaden wirdt von seinem Contrario genehrt, vnd kompt wieder in sein
ersten standt.
Also hab ich die Curam auff ewer Herrligkeit kräckheit angericht: wiewol ich weder die
Person, noch die Kranckheit gesehen, dann sovil ich in E. H. Brieffen gelesen hab. Wann die
Syphilis. 35
sach also geschaffen, so hahen E. H. recht geschriben ; wo nit, so ist es nit wol geschrieben :
ich glaub den Brieffen, dann sie siend nach gewonheit der Artzet gestelt. So sich aber je-
mandt an meiner vor vngehörten Ordnung verwundert, ist nicht daran gelegen. E. H. lassen
ein erfahrnen das Emplastrum machen, das ich fürgeschrieben, so wirdt es alles glücklich von
statt gehn. Die Verehrung so mir E. H. geschickt, hab ich empfangen, damit Gott dem Herrn
befohlen. Datum Saltzburg, den fünfften Augusti. Anno 1541.
Syphilis.
Die bedeutendsten Schriftsteller aus der ersten Zeit der umfänglicheren Verbreitung der
Syphilis waren :
Joannes Widmann oder Salicetus (tractatus de pustulis et morbo qui vulgato nomine
mal de franzos appellatur 1497).
Nie. Leonicenus (über de epidemie quam Itali morbum Gallicum, Galli vero neapoli-
tanum vocant 1497).
Forell a (tractatus de dolore cum traetatu de ulceribus in Pudendagraevenire solitis 1500).
Grimbeck (libellus de mentulagra alias morbo Gallico 1503, seine eigene Leidensge-
schichte erzählend).
Ulrich v. Hütten (libellus de Guajaci medicina et morbo Gallico 1519, ebenfalls nach
Erfahrung am eigenen Leibe).
Fracastorius (Syphilis sive morbus Gallicus 1520, ein Gedicht von ausgezeichnetem
Werthe, und de contagionibus et contagiosis morbis et eorum curatione 1546).
Hernandez de Oviedo (in seiner historia general y natural de las Indias oeeiden-
tales 1525 ; der zuerst die Meinung des americanischen Ursprungs der Krankheit aufbrachte).
Massa (liber de morbo gallico 1532).
Montan us (tractatus de morbo Gallico 1550).
Vidus Vidius (in seiner Curatio morborum 1551).
Musa Brassavolus (tractatus de morbo gallico 1551, unterscheidet 234 Species von
Syphilis).
Amatus Lusitanus (Curationum medic. Centuriae 7. 1554).
Faloppia (tractatus de morbo Gallico 1564).
Fernel (de luis venereae curatione perfectissima liber, nach seinem Tod gedrukt).
Amb r. Pare.
Franciscus Diaz (traetado de todas las enfermedades de los rinones, vexiga y carno-
sidades de la verga y orina 1588).
Forest (in s. observ. et curationem medicinale et Chirurg, lib. XXXII. 1596).
3*
ZUM FÜNFTEN ABSCHNITT.
Baco.
Zum Verständniss Baco's, der von deutschen abstracten Philosophen so vielfach mis-
handelt, von de Maistre vom jesuitischen Standpunct aus verurtheilt und selbst von Macauley
so wenig gewürdigt wurde, ist Schaller (Geschichte der Naturphilosophie 1841. Band 1.
pag. 29 — 85), besonders aber die schöne Schrift von Kuno Fischer (Franz Baco von Verulam,
die Realphilosophie und ihr Zeitalter 1856) zu vergleichen.
Harvey.
Probe aus der Exercitatio anatomica de motu cordis et sanguinis in animalibus.
Cap. 2. Ex vivorum dissectione, qualis sit cordis motus.
Primum itaque in cordibus omnium adhuc viventium animalium, aperto pectore, et dis-
secta Capsula quae cor immediate circumcludit, observare licet cor aliquando moveri, aliquando
quiescere ; et esse tempus in quo movetur, et in quo motu destituitur. Haec manifestiora in
cordibus frigidorum animalium, ut bufone, serpentibus, ranis, cochleis, gammaris, crustatis con-
chis, squillis, et pisciculis omnibus. Fiunt etiam omnia manifestiora in cordibus calidiorum,
ut canis, porci, si cousque attente observaveris quoad emori cor, etlanguidius moveri, et quasi
extinguiincipiat: tum etenim tardiores et rariores ipsius motus fieri, et longiores quietes, cernere
aperte et clare poteris ; et motus qualis sit, et quomode fiat, commodius intueri et dijudicare
licet. In quiete, ut in morte, cor laxum , flaccidum, enervatum, inclinatum quasi, jacet.
In motu, et eo quo movetur tempore, tria prae caeteris animadvertenda.
I. Quod erigitur cor, et in mucronem se sursum elevat ; sie ut illo tempore ferire pectus,
et foris sentiri pulsatio possit.
II. Undique contrahi, magis vero seeundum latera; ita uti minoris magnitudinis, et lon-
giusculum, et collectum appareat. Cor anguillae exemptum, et super tabulam aut manum
positum, hoc facit manifestum : aeque etiam apparet in corde pisciculorum, et illis frigidioribus
animalibns, quibus cor coniforme aut longiusculum est.
III. Comprehensum manu cor, eo quo movetur tempore, duriusculum fieri. A tensione
autem illa durities est ; quemadmedum si quis lacertos in cubito manu comprehendens, dum
movet digitos, illos tendi et magis renitentes fieri pereipiat.
IV. Notandum insuper in piseibus, et frigidioribus sanguineis animalibus, ut serpentibus,
ranis, et caeteris, illo tempore quo movetur, cor albidioris coloris esse ; cum quiescit a motu,
coloris sanguinei saturum cerni.
Ex his mihi videbatur manifestum, motum cordis esse tensionem quandam ex omni parte
et seeundum duetum omnium fibrarum, et constrictionem undique ; quoniam erigi, vigorari,
minorari, et durescere in omni motu videtur: ipsiusque motum esse, qualem musculorum, dum
contractio fit seeundum partium nervosarum et fibrarum. Musculi enim, cum moventur et in
actusunt, vigorantur, tenduntur, ex mollibus duri fiunt, attolluntur, incrassantur: et similiter cor.
Ex quibus observatis rationi consentaneum est, cor, eo quo movetur tempore, et undique
constringi, et seeundum parietes incrassescere, seeundum ventriculos coaretari, et contentum
sanguinem protrudere ; quod ex qitarta observatione satis patet ; cum in ipsa tensione sua,
propterea quod sanguinem in se prius contentum expresserit, albescit; et denuo in laxatione
et quiete, subingrediente de novo sanguine in ventriculum, redit color purpureus et sangui-
neus cordi. Verum nemo amplius dubitare poterit, cum usque in ventriculi cavitatem inflicto
vulnere, singulis motibus sive pulsationibus cordis, in ipsa tensione prosilire cum impetu foras
contentum sanguinem viderit.
Harvey. 37
Simul itaque haec, et eodem tempore, contingunt ; tensio cordis, mucronis pulsus, qui
forinsecus sentitur ex allisione ejus ad pectus, parietum incrassatio, et contenti sanguinis pro-
trusio cum impetu a constrictione ventriculorum.
Hinc contrarium vulgariter receptis opinionibus apparet ; cum, eo tempore quo cor pectus
ferit et pulsus foris sentitur, una cor distendi secundum ventriculos et repleri sanguine putetur ;
qnanqnam contra rem se habere intelligas, videlicet cor dum contrahitur inaniri. Unde qui
motus vulgo cordis diastole existimatur, revera Systole est. Et similiter motus proprius cordis,
diastole non est, sed Systole ; neque in diastole vigoratur cor, sed in Systole : tum enim tenditur,
movetur, vigoratur.
Neque omnino admittendum illud (tametsi divini Vesalii adducto exemplo confirmatum,
de vimineo circulo scilicet ex multis juncis pyramidatim junctis) cor secundum fibras rectas
tantum moveri ; et sie, dum apex ad basin appropinquat, latera in orbem distendi, et cavitates
dilatari, et ventriculos cueurbitulae formam acquirere etsanguinem introsumere (nam secundum
omnem quem habet duetum fibrarum, cor eodem tempore tenditur, constringitur) : at potius
incrassari et dilatari parietes et substantiam, quam ventriculos; et, dum tenduutur fibrae
a cono ad basin, et conum ad basin trahunt, non in orbem latera cordis inclinare, sed potius
contrarium; uti omnis fibra in circulari positione, dum contrahitur, versus rectitudinem. Et
sicut omnes musculorum fibrae, dum contrahuntur, et in longitudine abbreviantur; ita secun-
dum latera distenduntur et, eodem modo quo in musculorum ventribus, incrassantur. Adde,
quod non solum , in motu cordis , per directionem et incrassationem parietum contingit
ventriculos coaretari ; sed ulterius, eo quod fibrae illae (sive lacertuli in quibus solum
fibrae reetae, in pariete enim omnes sunt circulares) ab Aristotele nervi dietae (quae variae in
ventriculis cordis majorum animalium) dum una contrahuntur, admirabili apparatu omnia in-
teriora latera veluti laqueo invicem compelluntur, ad contentum sanguinem majori robore
expellendum.
Neque verum est similiter, quod vulgo creditur, cor ullo suo motu, aut distensione, san-
guinem in ventriculos attrahere : dum enim movetur et tenditur, expellit ; dum laxatur et con-
eidit, reeipit sanguinem ; eo modo, quo postea patebit.
1
van Helmont
aus dem Abschnitte über den Latex humor neglectus.
1. De Latice humore unico, et hactenus neglecto, dicturo probanda est primum quaestio,
An sit, sive quod sit: dein ejus usus, atq; necessitates, sive fiues ac scopi, quibus inservit. Ante
haec tarnen omnia, juvat obiter explieuisse, quid illo insolito nomine siguificatum velim.
2. Enimvero praeter unicum liquorem alimentarium aperte et palam cognitum, quem
cruorem vocant, innatat ei liquor quidam aquosus, nedum salivae, lacrymis, sudori, tenui
mueco, oedemati etiam aliis morbis materialiter substratus ; sed et variis usibus illustris. Me-
minerunt Scholae quidem illius, sub nomine seri sanguinis, illumque tarn urinae, quam sudori
communem fecere : At sane ostendam, eundem proeul materia, et usibus diversum: ac per con-
sequens non inter exerementa, sed utiles suecos referendum.
3. Laticem enim voco, non autem humorem, ut tollatur abusus nominum, postquam sat
per librum expressum demonstraverim, nunquam in humana natura exstitisse quaternarium
humorum, quos Scholae per repetitas commentariorum centurias dilatarunt, adeoq; humores,
ceu actores, in omnium morborum tragoedias introduxerunt
9 Ego autem pro basi indubia, fassus sum semper, naturae Parentem non posse fru-
strari coneeptis finibus, necquicquamlotii, ordinario naturae errore, cruorireliquissepermistum.
Denique, quod quiequid liquidi in substantia sanguinis est : id ipsuni non esse de constitutione
sanguinis, nee ejus exerementum : sed esse Laticem, suis utilem finibus. Nee enim est Latex
pars urinae, ut nee pars sudoris. Nam inprimis sal sudoris distmetus est suis proprietatibus,
a sale urinae. Estque Latex manifesti adhuc salis expers. Idque non mirum. Quippe urina,
jam fermento stercoreo renum, quatenus imbuta, etiam ab eodem est transmutata.
10. Fit enim lotium suis officinis, suisque completur proprietatibus formalibus, ad suas func-
tiones, atque scopos utilis. Differt itaque lotium, nedum a sudore : sed et a seipso quantisper non
dum renum fermento, atque stercoris liquidi intestinorum est partieeps. Idque sane nee alias, quam
stercus coli, a cremore stomachi differt, vel chylus a cruore. Non inest ergo pars urinae san-
guini, nee alimento jam depurato commistum est exerementum actu corruptum, et alterius
corruptivum. Nam iste error esset nimis quotidianus, et directus : pro cujus aversione, natura
ubique non segniter ita insudavit, quod in nullo passim laboret operosius, quam ut molesta sibi
recrementa proscribat ocissime. Siquidem exerementa euneta, et singula, jam sunt fermenti
38 Zum fünften Abschnitt.
stercorei impressione a seipsis prioribus alienata, ideoq ; non possent non eadem dote ulterius
tabefacere, optima quaeq ; sibi admista.
11. Profecto Latex in cruore oberrat permistus, non quidem ut pars cruoris, autresiduum
lotii excrementum : sed ad varios scopus utilis : Ideoq ; et Laticem vocavi, sive humorem pecu-
liarem a cruore distinctum. Est nimirum in se pene insipidus, et pro primo scopo, contem-
perat cruoris aciditatem, ut eandem arceat.
12. Potissimum namque post labores , aestus, sudores, balnea, etc. nam in tanta per-
spirabilitate cruor valde condensaretur, nisi haberet aqueam partem admixtam pro sudore.
13. Alter laticis scopus fuit, scilicet dum in omni crudiore Chylo, cremore, et cruore, sit
aliquod excrementum, et cruor sub digerendo salem excrementitium reservet, etiam dum in
purum alimentum convertitur : fuit ipsi proin latex opportunus socius, qui in se reciperet hunc
salem, eumque everreret.
14. Tertius laticis accessit scopus, ut materialiter causet, ne ullum densioris compaginis
residuum, in ultima alimoniae evaporatione remaneat : sed simul per diapnaeam explodatur,
ratione fermenti arterialis, (ut supra in Blas humano), vel ratione sudoris eluatur. Sudor namque
materialiter nil nisi latex est, cui accessit sal superfluus. Quod apparet.
15. Nam a potu aquae, aut cerevisiae tenuioris, mox sudor copiosus aestate profluit: non
quidem quod halitu tenus, salsus sudoris latex, per corpus feratur, ut subter pellem salem prius
induat, simulq; oleosum quiddam.
16. Sed sudor expellitur, in forma aquae (ut in sanitate) vel sponte ut aqua profunditur
in meticulosis, syncopizantibus, et morientibus. Ubi per impertinens obiter annoto.
17. Quod morientium sudor, non sit tarn latex in sui natura, quantum ros alimentarius
resolutus, cui mors imperat. Quod patet. Nam statim corporis habitus sidit, prout et in
syncope. Habetque sudor ille mirificas vires mortificandi haemorrhoides, et excrescentias pos-
sidet. Porro quod sudor non feratur per calorem, vaporis specie, patet.
18. Nam cum vapor centuplo majorem locum occupet quam aqua: tumeret sudando corpus
centuplo magis, quam alioqui proprio est ejus extensio. Non est enim subter pellem locus
vacuus, qui vaporem excipiat; ahenum quoque aquae fervidae, nullum intra se vaporem habet:
et quem emittit, e superficie tantum exhalat. Non oberrat ergo vapor, sub pelle : sed liquoris
sola specie propellitur.
19. Sudor ergo est latex materialiter e culinis partium per quas fertur abradens, vel
abluens sordes, ideoque plerumq ; olidus, idque magis in morbidis, quam sanis. Adeoque et
in Crisi saepe terminat morbos, quatenus secum effert sordes pro scopo suo ordinario. Cadave-
rum dissectiones admiratae sunt Scholae : sed sudoris anatomiam nondum per digestiones, fuli-
gines, electiones, admistiones, resolutiones, aut expulsores, introspexerunt.
20. Quintus Laticis scopus fuit magis intimus. Etenim cum oculus liquore opus haberet
ut ejus palpebra innocue moveretur, et lingna saliva eguit, ut masticatos cibos madore tempe-
raret : absurdum autem foret, totum cibum e massa cruoris humectari : Idcirco per venas latex
delatus est, unde saliva, lacryma, etc. fierent. Nam dum in anginis, et infami Mercurii sali-
vatione, plus justo saliva profluit, alvus seipsa siccior fit.
21. Latex ergo in cruoris massa innoxius vagatur, ad loca opportuna defertur, distributivae
facultati prompte auscultans. Qui quidem sicubi salem cerebri (ut in gravedine) secum ra-
puerit : non est tarnen Latex sui natura noxius, nee illi piandum in eulpam, quod ipsi insonti,
per aeeidens, importune associatur. Pariter licet in morbis obsequiosus abundet, oedematosa
crura inflet, id sorte contingit. Natura namque generali nisu, odiosum sibi hospitem parit,
eumque exerementis sarcinat, quae abigere optat. Nocte frigidissima linteamen invenio mane
tentum et congelatum a nocturno anhelitu, cujus aquae quadruplum adhuc exhalavit, ad mi-
nimum. Estque anhelitus, aestivis diebus non minus: sed multo magis vapidus. Igitur aliquot
unciae insipidi liquoris e solo pulmone efflantur. Sed non est illa aqua, excrementum pulmonis,
ut neque cruoris resoluti materia. Quapropter e latice petitur, sive mittatur a potestate distri-
butiva Archei, sive demum pulmo eundem ad se alliciat. Saltem continuo suppeditatur, quodq;
alibi praebent glandulae ministerium : hoc idem praestat pulmonis parenehyma. Adeoque
laticis velut scopus est, quod suo madore compescat, ne pulmo dehiscat, siccitate attracti aeris.
Sylvius.
Series morborum.
Partium contentarum sive fluidarum morbi sunt.
I. In qualitatibus sensilibus propriis funetionem aliquam laedentibus.
1. ratione visus, in colore mutato ; in perspieuitate, aut opacitate mutata; in luce
aut tenebris.
Sylvius, 39
2. ratione auditus, in sono.
3. ratione olfactus, in odore grato, vel ingrato.
4. ratione gustus in sapore multifario, dulci, acido, austero, salso, amaro, etc. vel insipido.
5. ratione tactus in duritie aut mollitie.
6. ratione caloris sensus, in calore, frigore, tepore, rigore, horrore.
II. In qualitatibus sensilibus communibus functionern aliquam laedentibus.
1. ratione copiae auctae vel diminutae.
2. ratione loci mutati.
3. ratione motus aucti, diminuti, aboliti.
4. ratione temporis mutati, exeinpli gratia quando menstrua singulis mensibus non
prodeunt, sed citius, vel tardius.
5. ratione fluiditatis mutatae.
Partium continentium seu consistentium morbi sunt.
I. In qualitatibus sensilibus propriis functionem aliquam laedentibus.
1. ratione visus in colore mutato; in perspicuitate vel opacitate mutata; in luce aut
tenebris.
2. ratione auditus in sono.
3. ratione olfactus in odore grato vel foetente.
4. ratione gustus in sapore multifario.
5. ratione tactus in duritie aut mollitie.
6. ratione caloris sensus, in calore, frigore, tepore.
II. In qualitatibus sensilibus communibus functionem aliquam laedentibus.
1. ratione uumeri aucti vel diminuti.
2. ratione magnitudinis auctae vel diminutae.
3. ratione figurae mutatae.
4. ratione continuitatis solutae, aut secreti coalescentiae.
5. ratione connexionis solutae.
6. ratione loci et situs mutati.
7. ratione soliditatis vel fistulositatis mutatae.
8. ratione motus aucti, diminuti, aboliti.
9. ratione consistentiae mutatae in fluiditatem.
De morbis sanguinis et eorum indicationibus curatoriis.
I. Postquam corporis partium tarn continentium et consistentium, quam contentarum et
fluidarum morbos secundum qualitates sensiles tarn comunes quam proprias in diversas spe-
cies sie distinximus, tempus est, ut nunc ipsas medendi metbodo applicare ineipiamus.
II. Quo autem brevior et dilueidior sit nostra medendi methodus, initium faciemus a con-
tentarum sive fluidarum corporis partium vitiis, quae, sicut ex jam dictis patet, consistunt.
1. in earum qualitate sensili propria mutata.
2. in earundem copia vel aueta, vel diminuta.
3. in earundem motu vel aueto, vel diminuto, vel abolito.
4. in earundem loco mutato, et forsan nonnunquam.
5. in tempore mutato : menstruis puta non menstruatim prodeuntibus, et similibus.
6. in earundem fiuiditate mutata in substantiam consistentem.
III. Inter corporis humani contenta, sive partes fluidas merito primum locum tribuimus
sanguini, a quo immediate vita pendet, partiumque caeterarum omnium reparatio. Cujus vitia
et indicationes considerabimus secundum qualitates sensiles tum proprias, tum communes.
IV. Inter proprias speetabimus 1. ipsius colorem, qui secundum naturam parte sui superiore,
postquam eduetus concrevit, est rutilus, parte autem inferiore nigricans : quemadmodum ipsius
Serum est subflavum.
V. Hie color si mutatus oecurat, indicat sanguinem male affectum ; nam in superficie si
albicet, crustamque similem habeat, pituitam et quidem glutinosam in sanguine abundare sig-
nificat, ideoque ipsam ineideudam et amplius corrigendam, quinimo etiam minuendam.
VI. Quomodo haec singula peragenda sint, postmodum in genere docebimus, ubi indi-
catorum materiam et formam in cornpendio proponemus, nunc enim ex indicantibus indicata
duntaxat rimamur.
VII. Quoties universus sanguinis color ater ac niger observatur, totiesin ipso aeidum exu-
perare significat, a quo nigredinem aeeipit, quopropter aeidum in corpore nostro, hinc et in
ipso sanguine minuendum, et infrigendum indicat; quod qui obtinendum docebimus postmodum.
VIII. Contra color sanguinis magis rubieundus significat bilem in ipso abundare, ipsamque
minuendam, ipsiusque vim frangendam indicat.
40 Zum fünften Abschnitt.
IX. 2. Quoad sonum, non memini aliquem in sanguine observari, quapropter nil etiain
nunc de ipso trademus.
X. 3. Quoad odorem, sanguis secundum naturam, quantumego saltemnovi, estinodorus;
qui foetens si observetur, corruptionem ipsius significat, ipsamque corrigendametemendandam
indicat: ubi ad causae corrumpentis diversitatem erit attendendum, ac secundum ipsam reme-
dia diversa erunt usurpanda, de quibus postea, et quidem in genere, ubi ostendemus quibus
mediis possimus variis satisfacere indicationibus.
XI. 4. Quod saporem, sanguis secundum naturam gustatur subdulcis , et ipsius serum
insipidum.
XII. Quotiesantem sanguinis, ac praesertim seri ipsius sapor mutatur, toties ac frequentius
quidem salsus, aliquando acidus vel austerus, aliquando amarus deprehenditur ; plures namque
in ipso sapores non memini me observare.
XIII. Salsus sanguinis ac praesertim seri sapor significat nimis purum existere in corpore
salem lixivum, ideoque cum spiritu acido confiuentem parere liquorem salso muriatico sapore
notabilem, corporique noxium, cum talis sapor, sed blandior, in sola urina sit ferendus, non
item in sanguinis sero, aut inde productis lympha, succo pancreatico, aut saliva.
XIV. Sapor autem ille salsus muriaticus indicat sui temperationem ac correctionem : quae
quibus absolvi possit et obtineri, docebimus postea.
XV. Ubi autem acidus, vel austerus est sanguis, et imprimis ejus serum, significatur aci-
dum et austerum redundare in corpore, indicaturque ipsius correctio, et correcti diminutio.
XVI. Ubi denique amaricat tum sanguis, tum ejus serum, significatur bilis valde amara
et copiosa sanguini admista, indicaturque ipsius tum correctio, tum diminutio : quorum reme-
diorum materia et forma multiplex tradetur postmodum.
XVII. 5. Quoad duritiem ac mollitiem, sanguis secundum naturam dicendus mollis,
postquam digitis si conteratur, nulla in ipsosentitur durities, sed summa mollities, nisi postquam
eductus, effususque in grumos concrevit, tum demum firmior factus ab illa mollitie descivit atque
duritiem levem mentitur. Talis autem non est in vasis secundum naturam.
XVIII. Quemadniodum vero sanguis in vasis suis contentus semper fluidus existit ac fluens
secundum naturam, ita praeter naturam ibidem coagulari potest ac concrescens aliquam con-
sistentiam, hinc et duritiem nancisci : quae significat exuperare in eo acidum et inprimis
austerum, a quibus sanguinis coagulationempenderenotum, indicatque usurpanda, quae acidum
et austerum corrigant et infringant, quin aliquando minuant.
XIX. Denique 6. Sanguis secundum naturam mediocriter calidus observatur; qui ali-
quando praeter naturam mimis calidus, aut minus calidus reperitur: significatque calentior
causas caloris aucti dominium habere in corpore, sicut minus calens cousas contrarias dominari;
unde a calentiore indicatur contemperatio et quandoque diminutio causarum calorem in san-
guine augentium; sicut a minus calente temperatio et diminutio causarum calorem in sanguine
impedientium.
XX. Ubi facile quivis agnoscit, ut hisce indicationibus rite satisfiat, opus esse, ut causae
verae atque adaequatae tum caloris naturalis, tum caloris praeter naturam in sanguine aucti
vel diminuti notae sint: nam in causis veris determinandis, (plures namque tales occurrere do-
cuimus non semel) si fallatur medicus, periculum est ne in remediis, ipsorumque materia determi-
nandis fallatur similiter, atque in grandius periculum conjiciat aegrum, tantum abest, utipsum
rite curet.
XXI. Hoc idcirco hie moneo, quia observavi saepius non parum hie peccari a multis satis
et nimis confuse hanc de calore, ipsiusque causis multifariis, modoque agendi vario doctrinam
traetantibus, nee proinde tyronibus viain ad medicinam rite ac tuto faciendam satis planam
parantibus vel monstrantibus.
XXII. Utique non tantum calor, quem sentimus, multum diversus oecurrit et observari
potest, verum ipsius quoque causae notantur diversae, singularumque agendi modus existit
valde diversus.
XXIII. An tempore frigoris febrilis, aut quando alias undeeunque Universum corpus valde
friget, sanguis quoque frigidus existat, ego saltem non possum determinare, qui nunquam eo
tempore sum ausüs sanguinis eduetionem praescribere, atque tunc sanguinem eduetum potui
contingere ; quod testari poterunt, qui non dubitaut eo tempore quoque venam secare, san-
guinemque mittere.
XXIV. Hoc si fiat, et tunc sanguis observetur frigidus, non puto facile medicum prudentem
ad similem venae apertionem venturum, cum pur ipsam quoque m nuatur sanguinis calor,
augeaturque proinde in ipso frigus ; quo nil nocentius et ad vitam tollendam praesentius ac po-
tentius. Cum calore namque consistit vita, uti cum frigore mors.
Sylvius. 41
XXV. Atque sie consideravimus in sanguine qualitates sensiles proprias praeter naturam
in ipso existentes cum suis indicatis : pergamus ad communes.
XXVI. Inter qualitates sensiles communes contentis competentes posuimus primo loco
quantitatem sive copiam, eamque nunc praeter naturam diminutam, nunc auetam.
XXVII. Diminuta praeter naturam sanguinis naturalis quantitas et copia indicat sui
augmentum ; cujus materiam et modum proponemus postmodum.
XXVIII. Aucta ejusdem sanguinis copia indicat sui diminutionem ; quod quibus mediis et
modis obtineri queat, docebimus in sequentibus, ubi iudicatorum in genere consideratorum
materiam et formam speetabimus, explicabimusque.
XXIX. Contentis, ergo sanguini quoque competit motus, et quidem continuus, ac circu-
laris ; qui vel in totum, vel ex parte potest augeri, vel minui vel etiam aboleri.
XXX. Quando totius sanguinis motus est auetus praeter naturam, tunc is diminutionem
sui indicat. Minuendus certe motus nimius: quibus autem mediis hoc ipsum queat obtineri,
docebimus in sequentibus.
XXXI. Diminutus contra sanguinis motus universus sui indicat augmentum ; quod quae
praestant et quomodo, dicendum postea.
XXXII. Imprimis abolitus sanguinis universi motus indicat sui restitutionem, et quidem
festinatam ; cum alias brevi sequatur mors. Id autem faciendum docebimus postea, prout causa
ejus est diversa, diversimode.
XXXIII. Tantum autem vitae periculum non sequitur abolitum in aliquo vase sanguinis
motum, quamvis si aliquamdiu perduret, corrumpatur in totum, in pus scilicet sanguis, nee tantum
reddatur nutriendae illi parti, in qua subsistit, ineptus ; verum, si reliquo sanguini reddatur et
illi admisceatur, eundem ita inficiat et corrumpat, ut et universus corpori nutrieudo, caeterisque
funetionibus, quibus inservit, reddatur paulatim magis, magisque ineptus, accedente universi
corporis tabe ac morte, sicut in phthisi, empyemate ac similibus affectibus iudies fieri videmus,
atque serio notare deberemus, quo lethalibus tandem istis affectibus in tempore obviam eatur, nee
quod fere a multis solet fieri, negligantur, quando praeservationi aut curationi superest locus.
XXXIV. Loco etiam peccare solet sanguis quoties quaeunque de causa ex apertis quovis
modo vasis effunditur idem in partium vicinarum substantiam vel cavitatem.
XXXV. Locus enim naturalis sanguinis sunt cordis auriculae ac ventriculi, atque arteriae,
aevenae, cum duetibusintermediis, extra quos canales atque cavitates quoties reperitur sanguis,
extra locum suum existere dicendus, ac loco peccare.
XXXVI. Loquimur autem de sanguine puro, ejusve massa ; nil enim impedit aliquas ejus
partes a reliqua massa secedentes transire in partium quarumvis substantiam, tum ad ipsarum
nutritionem, tum ad liquorum variorum praeparationem.
XXXVII. Tempore ostendimus nuperposse quoque peccare sanguinem tum ratione morae,
tum ratione motus, et quidem uteri respectu in foeminis.
XXXVIII. Notum enim est sanguinem in foeminis puberibus et ad generandum adhuc
aptis seeundum naturam mensibus singulis ad uterum copia majori meare, ibidem in ejus sinubus
colligi, et tandem effluere.
XXXIX. Hie sanguis quoties non tantum ibi colligitur, sed ibidem diutius permanet, nee
constituto tempore effluit, cum variis modis foeminis noceat, dicitur tunc mora peccare.
XL. Quemadmodum si effluat quidem, sed nunc serius, post quintam demum, sextamque
septimanam, vel adhuc serius: nunc citius, singulis puta, vel alternis, vel ternis septimanis, tunc
dicendus peccare fluxus sui, effluxusque tempore.
XLI. Sic etiam tempore peccat fluxus sanguis menstruus, quando diu ante quartum deci-
mum aetatis annum, quo seeundum naturam solet ineipere idem fluxus, anno puta aetatis
oetavo, nono, deeimo vel undeeimo, vel diu post eundem notatum annum deeimum quartum,
deeimo septimo, deeimo oetavo, vel adhuc serius ineipiunt foeminis prodire menstrua ; cum vix
unquam sine notabili earum detrimento id fieri observetur.
XLII. Haec autem vitia omnia indicant vel subsistentem ac moram nectentem in utero
sanguinem esse ad effluxum excitandum ; sie segnius effluentem itidem ad motum citiorem
urgendum ; quemadmodum contra citius solito effluentem ad segniorem fluxum ac effluxum
deducendum.
XLIII. Rursum. Menstruus fluxus ante annum aetatis quartum deeimum observatus
coercendus ; ut et serius adventans ad effluxum citiorem urgendus, ac vi blanda cogendus.
XLIV. Quomodo autem, ac quibus mediis hoc queat obtineri, paucis docebimus in sequent-
ibus, atque passim docetur in practicorum libris.
XLV. Inter qualitates sanguinis sensiles communes notavimus etiam fluiditatem, quae
mutari potest atque funetionibus obeundis obesse.
42 Zum fünften Abschnitt.
XLVT. Commnnem illam dixi qualitatem sensilem, quoniam pluribus apparet sensibus,
visui puta et tactui ; quibus fluiditas rerum aut consistentia diagnosci potest.
XL VII. Hanc fluiditatem quoties amisit sanguis, consistitque idem coagulatus acgrumes-
cens, toties indicat idem sui solutionem talem, cujus ratione fiat denuo fiuidus.
XLVIII. Quaenam remedia id praestare possint, et quomodo eadem sint usurpanda, dicemus
quoque in sequentibus.
XLIX. Autequam vero a sanguinis consideratione transeamus ad humorum, fiuidorumve
aliorum examen, unum habeo monendum, omnia nempe vitia quae in sanguine ad indicationes
instituendas explicuimus, non esse morbos, verum aliquando causas morbificas, et quidem ante-
cedentes, a quibus docuimus praeservatoriam peti indicationem, et aliquaudo symptomata,
praecedentes morbos manifestantia, sicque ad medicationes ipsis curandis aptas eliciendas viam
monstrantia, imo agenda indicantia.
L. Res fiet exemplo manifestior. Sanguis copia nimia peccans in plethora, quamdiu
functionem nullam adhuc laedit, rationem habet causae antecedentis, et ad imminentis morbi
praecautionem indicatione praeservatoria diminutionem sui indicat: Idem functionem actu
laedens, adeoque morbum constituens et causam continentem, ad praesentis morbi curationem
indicatione curatoria indicat itidem sui diminutionem.
LI. Idem sanguis solito magis nigricans testatur nimiam acidi humoris admistionem,
a quo acido laeditur sanguinis non tantum color, verum in nutriendo corpore, humoribusque
variis producendis utilitas, quin imo effervescentia in corde vitalis: quoniam vero nullafunctio
laeditur a sanguine nigricantiore, qua tali, verum is color symptoma est in qualitate mutata,
sequiturque functionem ab acido nimio laesam, idem hactenus signum est acidi exuperantis in
sanguine, adeoque non immediate, sed mediate tantum indicat istius acidi correctionem ac
diminutionem.
LH. Quod nunc dictum de sanguine, id etiam intelligendum erit de caeteris humoribus
ordine proponeudis, ac secundum qualitates suas sensiles tarn proprias, quam communes
a statu naturali recedentes, adeoque vitiosas considerandis.
LIIL Plura siquidem, dum illa nunc tractanda serio ac saepius speculor, tempore diverso
mihi occurrunt notabilia, quae quoniam nondum in chartam conjeci, atque in exactum ordinem
retuli, non semper loco aptissimo a me proferuntur : nolo tarnen illa perire lectoribus meis,
etiam privatim cuncta exactius repetituris et in certum ordinem redacturis, donec liceat mihi
per otium medicam theoriam accuratius conscribere atque publico dare.
LIV. Longo enim tempore, ac multiplici labore opus est ex observationibus practicis, ac
praesertim memoriae infelici, non item chartae mandatis systema quodvis adornare catenatum
et solidum: quod mecum agnoscent, quotquot unquam operi manum serio admoverint.
Iatromechanische Schule.
Eine Consultation Malpighi's, betreffend cordis palpitationem et affectionem hypo-
condriacam.
Pro excell. principe columna magni regni Neapolis contestabili.
Notissimus est morbus, quo vexatur nobiliss. Patiens, affectio scilicet hypocondriaca cum
cordis palpitatione, pulsus vibratione, et tensione, capitis vertigine, aurium tiunitu, respirandi
difficultate, hypocondriorum murmure, tarda ventriculi coctione, ructu acido, reliquisque symp-
thomatibus, quae eleganter describuntur , et doctissime exponuntur in transmissa schaeda.
Haec autem omnia ortum trahunt a copiosis particulis vitriolo-analogis, quae sanguini affusae,
irritando fibras nerveas, lacertosque carneos, et fluidorum compagem immutando, eorumque
motum vitiando, naturam perpetuo sollicitant. Est enim impossibile, immutata fermentorum
imi ventris natura, et labefactato motu fibrarum ventriculi, et intestinorum, tardam non fieri
coctionem, nee debite subsequi chyli dulcificationem, et exerementorum praeeipitationem.
Cibus namque diuturniori mora in ventriculo , et intestinis acorem contrab.it, et bilis suis
salibus non debite atterit, et immutat chylum, quia a toto reflui ichores per intestinorum glan-
dulas eidem affusi labem augent. Quapropter ex improportionata attritione, et fermentatione
liberatus aer factitius ruetus, et murmur excitat. Impurus igitur chylus, et vitriolatis particulis
saturatus sanguini affunditur, etintransitu cor, cerebrum, etmusculos irritando, varia manifestat
symptomata. Cordis palpitatio obscuram habet causam, cum adhuc nos lateat mechanica
ratio, qua cor in naturae statu movetur. Ex Ins tarnen, quae ex cadaverum sectionibus habentur,
videtur cum Neoterico quodam Observatore concludi probabiliter posse, nunquam cordis palpi-
tationem succedere, nisi in ipso, vel circa ipsum obstaculum adsit. Certum etenim est in
sanitate constrieta extremitate venae cavae, et pulmonaris. debitam sanguinis quantitatem,
statuta temporis differentia, auriculis subministrari, a quibus eodem rythmo in cordis ven-
Malpighi. 43
triculos propellitur, et ex his in arterias, aortam scilicet, et pulmonarem. Inter haec omnia
proportio exigitur, Dam momentum cordis debet superare resistentiam sanguinis in ipsis ven-
triculis, et continuatis arteriis esistentis ; quapropter latitudo tubulorum proportionari pariter
debet, sicut et gravitas sanguinis. Hinc est, quod vitiata sanguinis subministratione a venis,
variata tubulorum arteriae capacitate, et gra iori, densiorique reddito sanguine, contingit cordis
palpitatio. His addere possumus irritationem moventis Principis, sive sit in sanguine, sive in
succo nerveo, de quibus solas palpemus tenebras. In casu itaque nostro probabile est, nullum
adesse impedimentum circa cor es polypo, vel alio consimili fixato corpore, sed probabiliter
sanguinis in cor irruptionem inordinatam esse ex convulsione facta ab acidis particulis in
aunculis, et ventriculis cordis, et quoniam sanguis in aortam ob crassitiem, et latiorem fortasse
in principio tubuli latitudinem, et extremorum in carnibus obstructionem, non debita felicitate
fluit; hinc est, quod a corde communicatus impulsus repercutitur, et ad latera deflectitur, et
in arteriae tunica manifestatur; unde in pulso tensio, et renitus. In sectis namque cadaveribus
quamplurimis consimilium dilatatum observavi aortae truncum, lucrosoque sanguine turgidum,
et quandoque eodem vitio laborabat sinister cordis ventriculus. Ingeniosa quidem sunt, quae
ex compositione arteriae habentur in media tunica ; hujus tarnen motus ex ribris carueis con-
strictivus tantum est. Quae vero a compressione lymphaticorum deducuntur, non undequaque
suadent, cum moles lymphaticorum, lymphae pondus, et ejusdem compressiva vis longe inferior
sit arteriis fere innumeris, quarum fiuidum velocius, et impetuosius movetur. Vertigo capitis
babiliter succedit, remorata sanguinis subministratione corticalibus cerebri glandulis, unde
intercepta debita propagatione succi nerveiin cerebri fibras, et appensos nervös, deficit natura-
lis fibrarum tensio, et ita novus, et extraueus inducitur tremor, et undulatio. Tinnitus
pariter aurium, vellicato nervo auditorio subsequitur, unde ab internis tremorem concipit, qui
alias ab objecto externo communicari solet. Morbosam hanc affectionem praeter hypocon-
driorum inquinamenta lymphae vitium, et prohibita tanspiratio excitare, et fovere possunt.
Indicationes igitur manifestae occurrunt juvandi prirnam coctionem, depurandi fiuida ab
acidis particulis, firmandi viscerum fermenta, ut nativa felixque succedat sanguinis circulatio,
et irritationes, motusque spasmodici auferantur. Ut his itaque satisfiat, varia proponuntur ex
arte praesidia. Post blandam alvi leuitionem, laudo usum tincturae martis pro absumendis
particulis acidis cum jusculo alterato foliis Melissae etBorraginis, hisque longo tempore utatur.
Circa lactis usum vereor, ne acidorum copia acescat, et ejus loco potius sero caprilli uterer, vel
satius succo depurato Borraginis, Melissae, Taraxaci, et similium alchalicorum. Antim. diaph.
arridet, et cum sero caprilli, vel jure alterat. rad. gram, assumi poterit post usum chalybeati.
Circa usum Spiritus sanguinis humani exterius naribus tuto, urgente capitis, vel cordis affec-
tione, usurpaii potest, et possunt etiam parari tabellae interdiu assumendae ocul. canc. ras.
mat. perl, eboris, et similib. additis guttis aliquot ejusdem Spiritus, vel salis armoniaci, quo
passim ego utor. Vinum absynthites, si tollerari potest, prae reliquis juvabit, vel saltem in-
fundantur folia melissae in vino. Balneum aq. dulcis opportunum erit, sicut et frictiones totius
corporis; motus localis etiam equitando factus ; taliter enim humores acres vindicantur, et
transpiratio promovetur. Parce coenet, et ciborum varietatem vitet simplicitate contentus.
Dormiat a cibo etiam post prandium. Hilare vivat absque curis. Pauca haec in confirmationem
propositorum indicabam , eaque subjiciebam acri judicio doctissimorum Virorum meden-
tium F. D.
Lettera I consultiva sopra il male del medesimo principe.
Dalle due relazioni in viatemi si puö congietturare, che l'affetto, che travaglia Sua Ecc.
sia un' Ipocondria con varii sintorni, e specialmente con una palpitazione di cuore, vibrazione
di polso, difficoltä di respiro, copia de' flati e qualche tumore nell' estremitä. La causa di
questi sintomi e stata accennata nella scrittura giä mandata, e spiegata con l'osservazione de*
Cadaveri e con il modo Meccanico, col quäle la natura si serve nel far il moto ordinato dal
cuore, per quanto portano le umane cognizioni : e perche nell' ultima relazione viene fusamente
esposto, che la palpitazione del cuore e periodica, accompagnata da una difficoltä di respiro,
e l'Infermo e proclive alle vertigini, gonfiandosi li vasi jugulari ; quindi e, che necessariamente
bisogna confessare, che si fa una turbazione della circolazione del sangue , parte del quäle
resta per qualche tempo come stagnante nel polmone, o almeno non scorre con la facilitä na-
turale, e cosi le vene superiori non siscaricano nel cuore nel dovuto tempo e no siegue la gon-
fiezza ne' vasi del collo, e l'appannamento negli occhi, come succede ne' strangolati. Se
questo impedimento, o ritardamento poi venga causato dalla sola convulsione fatta da' nervi
nell' estremitä della vena cava e auricola destra, come succede nel tumore, o pure da un mo
44 Zum fünften Abschnitt.
mentaneo, e quasi avagliamento dello stesso fluido, cessando il proprio modo intestino, o da
impedimento fatto nell' estremitä delle arterie nelle vene, non e cosi facile a determinarsi.
E perö probabile che vi sia l'irritamento ne' nervi e conseguentemente le vie siano fuori del
loro stato naturale ; e perche que' sali, che hanno dell' acetoso, e che turbano, prima si mani-
festano con moti spasmodici, e finalmente impedendo il moto delle parti volatili, levano la
naturale fluiditä degli umori, quindi e, che con il progresso del tempo da un tale male si passa
ad un altro, e si muta anche la specie in pejus. II giudica adunque verisimile, che in Sua
Ecc. per la copia degli acidi vi sia un' irritamento nel cuore, una scompostura nelle parti in-
tegranti del sangue e forsi forsi un vizio nella struttura de' precordii. L'irritamento lomostrala
palpitazione del cuore, ed il polso vibrato o alterato. II vizio de' fluidi si manifesta dal tumore
ne' piedi e da' segni della viziata cozione prima. L'impedimento poi delle vie si puö cavare
da' sintomi, che succedono nel moto locale del corpo, nella variazione del sito ed altri. Essendo
adunque ciö probabile, restano in essere. i
Le indicazioni giä prese, ed esposte nel Consulto, ed a questo fine stimiamo, che sii bene
il praticare l'uso di qualche calibeato, accompagnandolo con un brodo di polla, nel quäle siano
state bollite le foglie di borragine e la radice di gramigna, e praticarlo per un mese almeno,
e caso non venga approvato o non venga tollerato, prenda si sughi depurati dell' erbe giä
proposte, alle quali con il progresso del tempo si potria aggiungere la tintura dolce dell' acciajo,
per passar poi a suo tempo all' uso dell' antinronio diaforetico etc. etc.
Alchymisten und Adepten.
Die Blüthezeit der Alchymisten fällt in das 17. Jahrhundert, obwohl dieselben sowohl
früher, als auch noch im Anfang des 18. Jahrhunderts eine grosse Rolle gespielt haben. Es
sind diese Menschen vom höchsten psychologischen Interesse, indem sie eines der seltsamsten
und belehrendsten Beispiele einer Degeneration des menschlichen Geistes darstellen, wie sie
zu allen Zeiten bald vereinzelt, bald in epidemischer Verbreitung, bald in milden, bald in den
verzerrtesten Formen und nicht allem in der Goldmacherkunst, sondern in den mannigfachsten
Gebieten des Schwindels sich gezeigt hat. Ein Drang, geheime Wahrheiten zu erfassen neben
dem stupidesten Aberglauben, die stumpfeste Blindheit neben der durchtriebensten Schlauheit,
abgefeimte Betrügerei und daneben ein schwärmerisches Aufgehen in der Selbsttäuschung,
Berechnung und Fanatismus, Eigennuz und stoischer Heldenmuth im Leiden haben Charaktere
zusammengesezt, die, wenn man das Fratzenhafte übersieht, fast erhaben erscheinen könnten.
Es ist kaum anzunehmen, dass irgend ein Adept von der Hoffnungslosigkeit seiner Unter-
nehmungen überzeugt und reiner bewusster Betrüger gewesen sei. Ein unerschütterlicher
Glaube an die Wahrheit und Göttlichkeit des Geheimnisses bildete wohl bei Allen den Kern
ihrer Gemüthslage, und wunderbare Geschichten und Gerüchte, die sich stets erneuerten,
schienen zu bestätigen, dass einzelne Glükliche das Geheimniss ergründet haben. Die Spannung
der Ungeduld, durch angestrengtes Grübeln gesteigert, und die Hoffnung, durch missver-
verstandene Funde immer aufs neue gestachelt, verwirrte den Kopf, und die Einbildung, der
Entdekung nahe zu sein, verführte zu gewagten Verheissungeu. Einmal aber unter den Drang
unabweissbarer Anforderungen gelangt und geblendet von den Vortheilen und dem Glänze,
womit der als eingeweiht Angesehene überschüttet wurde, war der Adept in die Alternative
versezt, entweder durch ein bündiges Bekenntniss seine Impotenz einzugestehen und den Miss-
handlungen der enttäuschten Goldgier sich preiszugeben, oder durch ein System von Trug und
Gaukelei sich Tage und Wochen zu fristen und für die Zukunft auf einen günstigen Zufall zu
hoffen. Es ist begreiflich, dass der leztere Weg gewählt wurde, dass aber auf demselben mit
jedem Schritte die Gefahren wuchsen, das Bekenntniss unmöglicher wurde und der Trug raffi-
nirter werden musste. Dass bei solcher Lage in den zuvor schon verdrehten, durch unge-
wohnten Glanz noch mehr verwirrten und überdem durch die drohende Zukunft zum Tode
geängstigten Gehirnen alles klare Bewusstsein abhanden kommen musste, ist zu begreifen.
Und dass auch die sehr materielle Folter, zu der gewöhnlich geschritten wurde, um ihnen ihre
Geheimnisse abzupressen, nicht das Mittel war, sie zu ruhiger Ueberlegung zurükzubringen,
ist ebensowenig zu verwundern. Aber es weist auf eine merkwürdige Seite des menschlichen
Geistes hin, dass auch der allen Schreken glüklich Entronnene doch so oft den Kizel nicht zu
überwinden vermochte, aufs neue durch geheimnissvolles Gebahren sich in die Gefahr zu bringen,
für einen Eingeweihten gehalten zu werden. Wie durch magische Kraft wurden die Halbver-
brannten immer wieder von dem tödtlichen Feuer angezogen. Mag man noch so streng den
Unfug und die Betrügereien der Adepten beurtheilen, man kann doch diesen schwergeprüften
und hartgestraften Männern nicht alles Mitleid versagen und muss tief bedauern, wie so
Die spagirische Medicin. 45
manche tüchtige Forscherkraft durch die Finsterniss, wie durch die Grausamkeit einer hrutalen
Zeit dem jämmerlichen Untergange verfallen ist.
In ungleich geringerem Grade werden unser Mitleid und unser Interesse durch das Ver-
halten der ungebildeten Massen gegenüber den Goldköchen erregt. Der Leichtgläubigkeit, mit
der man die vielversprechenden Betrüger oder Phantasten aufnahm, kommt nur die Unmensch-
lichkeit gleich, mit der man sie verfolgte, sobald Ungeduld oder Enttäuschung eintrat. Eins
wie das Andere lässt einen tiefen Blik in den Grad der Bildung thun, welche in damaliger Zeit
die Völker regierte. Der Adept Don Caetano, angeblich Graf v. Ruggiero, ein Bauernsohn
aus Neapel, wurde in den ersten Tagen des Entzükens vom Kurfürst von Bayern zum Feld-
marschall, Chef eines Infanterieregiments und zum Titularcommandanten von München ernannt.
Als er seine Rolle ausgespielt hatte und flüchtig nach Berlin kam, wiederholte sich dieselbe Ge-
schichte. Friedrich I. von Preussen ernannte ihn zum General der Artillerie und ehrte ihn
wie einen Fürsten, weil er versprach in 60 Tagen 6,000,000 Thaler Gold zu machen. 4 Jahre
darauf wurde er gehängt. Der Betrüger Mamugnano und viele Andere büssten die Grund-
losigkeit ihrer Versprechungen an einem vergoldeten Galgen, an dem sie selbst in Flittergold
gehüllt aufgeknüpft wurden. Herzog Julius von Braunschweig Hess die Adeptin Anna Maria
Ziegler (1575) in einem eisernen Stuhle verbrennen. Der Adept Johann Klettenberg, von König
August II. von Polen zum Kammerherrn ernannt, wurde, als die Geduld zu Ende ging, (1720)
auf dem Königstein enthauptet. Setonius Scotus wurde fast bis zum Tode gefoltert, und ähn-
liche Beispiele einer grässlichen Justiz waren nichts weniger als Seltenheiten.
Vgl. über die Geschichte der Alchymie vornemlich Kopp's Geschichte der Chemie 2ter
Theil pag. 139—262.
Die spagirische Medicin.
Unter den Spagirikern hat sich besonders berühmt „Oswald Croll aus Hessen gemacht,
der Anhaltischer Leibarzt war, und sogar vom Kaiser Rudolf IL zu Rathe gezogen
wurde. Er ist der Verfasser eines Werks, dessen Einleitung einen kurzen und wirklich sehr
fasslichen Begriff von dem ganzen Umfang der paracelsischen Theosophie gibt. Ich will davon
nur etwas weniges anführen: . . . Alles in der Natur lebt, nichts ist todt . . . Alles, was lebt,
hat eine Lebenskraft, ein Astrum, in sich, welches ohne Körper nichts kann, sondern, bei der
Fäulniss und Verwesung des einen in den andern übergeht. Der Mensch ist nach dem Firma-
ment gebildet: alles, was wir in der grossen Welt finden, treffen wir auch in der kleinen an:
und so viele Arten Mineralien es im Makrokosmus gibt, so viel sind deren auch im Mikrokosmus,
als dem Sohn des erstem. Aus dem Firmament nimmt der Mensch alle Kenntnisse her: die
astralischen Einflüsse machen ihn zu einem wahren Weisen : denn sein Geist floss aus den
astris, die Seele aber aus dem Munde Gottes. Das Firmament ist das Licht der Natur, Gott
aber das Licht der Gnade, aus welchem der Arzt gebohren werden muss. Die Zahlenleiter der
Kabbalisten gilt auch bis auf die intellectuelle Welt und bis auf den Archetypus: alle Theile
des Körpers kommen mit gewissen Elementen, Kräften und Zahlen überein. Der innere, astra-
lische Mensch, der Genius der Menschen, die Imagination, ist Gabalis, woher die Gabalistische
Kunst ihren Nahmen hat. Dies ist zugleich der Magnet und die magnetische Natur des
Menschen. Alles, was man mit den Augen sieht, kann man hervor bringen, durch Hülfe dieses
Gabalis, der Imagination, die als ein Magnet sichtbare Körper an sich zieht und sie den Sinnen
darstellt. Das innere, kabbalistische Gebet zu Gott, oder die geheime Unterredung mit ihm,
vereinigt die Seele mit dem Urquell alles Lichts und aller Erkenntniss : und nun kann der
Mensch mit einem Gedanken Wunder thun. Er verhält sich hiebei nicht thätig, bloss leidend;
er lernt nichts, die Gnade fliesst in ihn ein, und theilt ihm alles mit. Das Wort ist in den
magischen Handlungen am kräftigsten: dadurch werden alle Krankheiten geheilt, wie auch
besonders durch Charaktere und Talismane, die zu gewissen Zeiten verfertigt werden. Alle
Arzneimittel wirken vermöge der magnetischen Kraft, die sie von den astris erhalten haben,
und wovon ihre sinnliche Eigenschaften bloss die Signaturen sind. Der Siz dieses astri ist
der Balsam: dieser verbindet sich mit dem Lebensbalsam im Menschen, und kurirt dergestalt
die Krankheiten. Der Arzt muss diesen Balsam in der ganzen Natur aufsuchen, und zwar
durch Hülfe aller Theile der Magie, von denen ihm keiuer fremde sein darf. Endlich kann
das Leben verlängert werden, wie man das Feuer durch Zuthat von Brennmaterialen verlängert:
und Paracelsus, der im Besiz dieses Geheimnisses war, würde gewiss nicht so früh gestorben
sein, wenn seine Feinde ihn nicht durch Gift hingerichtet hätten. Croll, der Erfinder dieser
Fabel, wird gründlich vom Libavius widerlegt.
Ein anderer Tractat von ihm über die Signaturen ist ganz nach der Theorie des Paracelsus
geschrieben. Jedes Kraut, sagt er, ist ein Stern, und jeder Stern ist ein Kraut: die astra
46 Zum fünften Abschnitt.
geben den Pflanzen ihre Kräfte und drüken ihnen die Signaturen ein. Dies ist das Principium,
von welchem Croll ausgeht, und man kann sich kaum vorstellen, mit welcher ausschweifenden
Phantasie er alles zusammenrafft, was seinem Lieblingssaz die geringste Wahrscheinlichkeit
geben kann. Ich will einige Beispiele davon anführen. Das kleine Hauslauch hat in seinen
Blättern Aehnlichkeit mit dem Zahnfleisch: darum ist es ein gutes antiscorbutisches Mittel. Die
Augen im Pfauenschwanz haben Aehnlichkeit mit den Warzen an weiblichen Brüsten : dess-
wegen werden die Krankheiten der Brüste dadurch geheilt. Die Maiblumen sehen wie Tropfen
aus: daher sind sie im Schlagfluss (gutta) dienlich. Die Wurzel der Zaunrübe sieht wie ein
geschwollener Fuss aus: darum ist sie ein gutes Mittel gegen die Wassersucht. Hypericum
hat seinen Nahmen von vrttQ s'iHovog, quasi sitsupra spectra: es ist also das beste Mittel gegen
verlezte Phantasie und gegen alle Zaubereien. Ausserdem werden auch viele Beispiele ange-
führt von Thieren, die den Menschen die Arzneimittel kennen gelehrt haben." (Aus Sprengel's
Versuch einer pragmatischen Geschichte der Arzneikunde 1794. 3ter Theil pag. 432 — 435).
Im Speciellen lernt man die Art der spagirischen Heilkünstler recht gut kennen aus
G. Gramau's „New zugerichte, sehr nützliche chymische Reise und Hauss Apotheca 1630",
wo z. B. über das Oleum Nucis Myristieae destillatum folgendes angegeben wird:
Zvm ersten, die Muscatennus repräsentirt anatomiam cerebri, vnd die Signatur, oder Ge-
stalt in vnd ausswendig, zeigt durch die Natur, dass sie Krafft vnd Macht habe, alle des Hirns
Gebrechen vnd Abgang zu ersetzen, solches wieder zu erfrischen, und zu erquicken, wann man
seines gedistillirten Öls fünff oder sechs Tropffen in Majoranwasser, oder gutem Weine etliche
Tage einnimmet.
2. Welche mit Schwindel, oder Zuneigungen der Fallendensucht, kleinen vnd grossen
Schlages angefochten werden, die sollen das Gehirn corroboriren damit, vnd ein Monat dis
köstliche öl in Meyenblumenwasser, oder guter Brüe eintrincken.
3. Ist es gut wider das leichtlich erschrecken, erzittern vnd beben, welches des Schlages
böse Vorboten seynd, Es bringt wieder die verfallene Sprach, erhebet vnd erleichtert die schwere
stamlende Zunge, es wendet torturam oris, vndgekrümbten Mund, angezeigter Gestalt gebraucht.
4. Stercket dieses öl das blöde vnd schwache Gedechtnis, vnd renovirt, oder bringt das
geschwundene vnd abgenommene Gehirn wieder zu Krefften, vnd erfrischt solches ein Monat
in Augentrostwasser, oder gutem Weine eingenommen.
5. Verzehret dis öl, die inwendigen Nebel, Pradem, vnd Dünste, welche die Augen vnd
das Gesicht verdunckeln, leutert vnd macht gute klare Augen.
6. Eröffnet dis köstliche öl die verstoffpte Organa et instrumenta auditus et odoratus, vnd
bringet den verfallenen Geruch wieder zu recht.
7. Ist dis öl ein herrlich arcanum, wider den Schorbock, Schwinden vnd Faulen des Zahn-
fleisches, vnd befestet die wacklenden Zähne, so aussfallen wollen, eingenommen, vnd offt
damit angestrichen vnd eingerieben.
8. Stillet dis öl dashetschen, vndkluxen, oder schlucken des Magens, verzehret die faulen
ructus, Dämpfte, vnd sawre auffsteigende Schwaden von roher vngedaweter Speise , welche
sonsten evaporiren, vnd das Hirn turbiren.
9. Erwärmet dis öl den kalten, vndawigen, auffblöhenden Magen, vnd stillet seine Wehe-
tagen vnd Schmertzen, corroborirt, vnd stercket denselbigen.
10. Stillet das öl das gefährliche würgen, vnd obenaussbrechen, für eckel vnd grawen
aller Speise, bringet wider den verlornen appetit, vnd macht wieder lust zum Essen, in Krause-
mintzwasser, oder gutem Weine eingenommen, vnd die Hertzgruben mit angesalbet.
11. Erfrischet es die angegangene vnd verschrumpffte Lungen, wendet das Reichen vnd
schweren Athem, macht einen lieblichen Geruch des Athems.
12. Stercket es die blöde Leber, vnd machet ein flüssiges, durchgängiges, frisches, ge-
sundes Geblüt, dass sichs durch den gantzen Leib spargiren vnd ausstheilen kann, derowegen
ist es denen gut, so die Schwindsucht haben.
13. Ist es gut für Hertzklopffeu, Beben, Zittern, vnd Hertzohnmachten, vnd erquicket die
spiritus vitales.
14. Erweichet, vnd eröffnet es die erharte Miltz, leget desselbigen Geschwulst, Stechen,
vnd Schmertzen, in Hirstzungenwasser, oder Bier eingetrunken , vnd ausswendig vmb die
Lägerstatt damit geschmieret.
15. Wendet es das blehen, krimmen vnd Därmgicht, vnd verzehret die verhaltene flatus
vnd Bläste im vnterm Leibe, eingenommen, vnd damit circa umbilicum gestrichen.
16. Treibt es den verstandenen Harn, treibt den Lenden- vnd Blasenstein, vnd stillet den
grawsamen Schmertzen derselbigen.
Sydenham. 47
17. Erwärmet es den Weibern die erkalte, aufkaufende Beermutter, vn macht sie frucht-
bar, eingenommen, vnd vmb die gegend damit angesalbet.
18. Stillet es den Weibesbildern jhren vnzeitigen, vnd langwirigen, beydes weissen vnd
rothen Fluss, davon sie sonsten vngestalt, vnd schwindsüchtig pflegen zu werden.
19. Stillet es den vnzeitigen durchfall des Leibes, rothe- vnd weisse Ruhr, eingenommen
vnd auff Rockenbrodt getreufft, in die Hertzgrube gebunden.
20. Gibt dieses öl ein augmentum seminis, sintemal die Natur Signaturam, s. r. et formam
testiculorum, solches zu erkennen vor Augen gestellet, stimulirt Venerem, hilfft dem kalten
Manne in Sattel, vnd reitzet auch zum Beischlaff, eingenommen, vnd deii umbilicum damit
offt bestrichen.
Die sämmtlichen übrigen Mittel haben so ziemlich die gleiche Wirkung.
Sydenham
Abhandlung über Peripneumonia notha.
Bei Beginn des Winters, häufiger noch gegen dessen Ende oder selbst beim Anfang des
Frühjahrs entwikelt sich alljährlich ein Fieber mit nicht wenigen peripneumonischen Symptomen.
Dasselbe ergreift vorzugsweise etwas beleibtere und fettere Individuen, welche das männliche
Alter entweder erreicht, oder, was noch häufiger ist, bereits überschritten haben, und
Spirituosen Getränken, vorzüglich dem Branntwein, mehr als billig ergeben sind. Denn da
bei solchen Menschen das Blut mit schleimigen Säften, die sich während der Winterszeit ange-
häuft haben, überladen ist und dasselbebeibeginnendemFrühjahrineineneueBewegungkommt,
so entsteht durch diese Gelegenheit bald ein Husten, durch welchen die genannten schleimigen
Säfte in die Lungen gelangen, und wenn der Kranke vielleicht zu dieser Zeit noch unzwek-
mässig lebt und die geistigen Getränke noch reichlicher geniesst, so wird die Substanz, welche den
Husten hervorgerufen hat, noch dichter und die Zugänge der Lunge werden durch sie verschlossen,
und ein Fieber verzehrt die ganze Menge des Blutes. Beim ersten Anfall des Fiebers wird
der Kranke bald heiss, bald friert er ; er ist schwindelig, klagt über stechende Kopfschmerzen,
so oft der Husten lästiger quält. Die Getränke wirft er alle durch Erbrechen weg, bald ohne
Husten, bald durch diesen gequält. Der Urin ist trüb und intensiv roth. Das herausgelassene
Blut entspricht dem der Pleuritischen. Sehr oft entsteht Engbrüstigkeit und bedingt eine
frequeute und raschere Respiration. Wenn er ermahnt wird, zu husten, so schmerzt der Kopf
nicht anders, als wenn er bald inTheile zerspringen sollte (ein Ausdruk, welchen die Kranken
meist gebrauchen). Es schmerzt auch der ganze Thorax, oder wenigstens wird die Verengerung
der Lunge von dem Gehör der Umgebung wahrgenommen, so oft der Kranke hustet, denn die
Lunge dehnt sich nicht genügend aus, und die vitalen Wege sind, wie es scheint, durch die
Anschwellung verschlossen; daher sind bei unterbrochener Circulation und gleichsam erstiktem
Blute beinahe keine Zeichen von Fieber vornemlich bei beleibteren Individuen vorhanden, ob-
gleich es auch geschehen kann, dass das Blut wegen der Menge schleimiger Materie, mit
welcher es überladen ist, in eine volle Aufwallung nicht zu gerathen vermag.
Aus der Abhandlung über die Wassersucht.
Jedes Menschenalter, jedes Geschlecht wird zuweilen von Wassersucht befallen; die
Frauen sind jedoch dieser Krankheit mehr unterworfen, als die Männer. Leztere werden aber
hauptsächlich im höhern Alter befallen, jene, nachdem sie schon zu gebären aufgehört haben.
Unfruchtbare befällt sie zuweilen auch schon frühzeitiger.
Gruben, von dem Eindruk der Finger in dem untern Theile der Wade hervorgebracht
und während der Nacht hauptsächlich sichtbar, bei Tage aber wieder verschwindend, geben
das erste Zeichen dieser Krankheit.
Dieses Zeichen einer beginnenden Wassersucht ist jedoch nicht so sicher bei Frauen, als
bei Männern, da auch die Schwangern und solche, bei welchen die Menstruation aus irgend
einer Ursache unterdrükt ist, dasselbe nicht selten zeigen. Auch bei Männern zeigt eine der-
artige Geschwulst den Hydrops nicht sicher an; denn ein Greis, der mit einer etwas reichlichem
Beleibtheit behaftet ist und schon seit vielen Jahren an Asthma leidet, wird, wenn er Winters-
zeit von demselben befreit wird, bald von einer starken Schwellung der Muskeln, der Tibien
befallen, welche die Geschwulst der Hydropischen nachahmt, im Winter mehr als im Sommer,
bei regnerigem Wettermehr als bei troknem zunimmt und doch ohne irgend eine erhebliche Unbe-
quemlichkeit das Individuum bis an sein Ende begleitet.
Dessen ungeachtet können im Allgemeinen geschwellte Waden und Tibien auch bei
Männern für ein Zeichen einer überkommenden Wassersucht gehalten werden, um so mehr,
wenn die so Befallenen einen schweren Athem haben. Die Geschwulst nimmt täglich an Um-
48 • Zum fünften Abschnitt.
fang und Schwere zu, bis die Füsse die Wassermenge nicht mehr fassen, die Beine und darauf
selbst der Unterleib befallen werden. Dieser wird, weil sich Serum fortwährend aus dem Blute
absezt, allmälig bis zur Gränze seiner Capacität angefüllt uud ausgedehnt, so sehr, dass er
häufig viele Maasse Wassers enthält, welche in den Nabel, wie durch eine Pforte vortreten
und einen Nabelbruch bilden.
Drei Symptome sind es, welche diese Krankheit begleiten, nämlich Dyspnoe, sparsamer
Urin und heftiger Durst. Das erschwerte Athmen hat seinen Grund in dem Druke, welcher
von dem Wasser auf das Zwergfell ausgeübt wird, wodurch dessen natürliche Bewegung be-
einträchtigt wird. Der Urin wird desshalb spärlicher entleert, weil das Blutserum, welches
nach Naturgesezeu durch die Urinwege abgesondert werden sollte, schon in die Bauchhöhle
und in andere Theile abgesezt wird, die zu seiner Aufnahme passend sind. Der Durst ent-
steht durch die Fäulniss der serösen Ansammlung (Colluvies), welche wegen des längeren Ver-
bleibens im Körper Wärme und Schärfe annimmt, wesshalb der Kranke gewissermaassen
fortwährend an Fieber und eben auch an Durst leidet.
In demselben Verhältnisse, in welchem der Kranke an denTheilen, in welchen die Krank-
heit ihren Siz hat, an Masse zunimmt, wird er am übrigen Körper täglich magerer und
schmächtiger, und wenn endlich der zu grossen Gewalt des Wassers innerhalb der Bauchhöhle
nicht länger Widerstand geleistet werden kann, dann dringt das Wasser in die edleren Einge-
weide ein und in die wichtigsten Theile des Körpers, und der Kranke geht zu Grunde, wie von
einer Wasserfluth überschwemmt.
Die Ursache dieser Krankheit im Allgemeinen ist eine Schwäche des Blutes, in Folge
deren es nicht mehr im Stande ist, die von aussen eingeführte Nahrung in seine Substanz zu
verwandeln und zugleich gezwungen ist, diese in die Extremitäten und die herabhängenden
Theile des Körpers, bald darauf auch in den Bauch auszuschwizen; in welchem lezteren, so
lange es nur hie und da in geringer Menge zerstreut ist, die Natur, um es zusammenzuhalten,
gewisse Blasen bildet, bis es endlich, alles Mass überschreitend, nur noch vom Bauchfelle be-
grenzt wird.
Zur Schwächung des Blutes tragen aber vorzüglich bei : die Blutentziehung durch zu
grosse Aderlässe, oder die Blutentleerung auf andere Weise, oder eine länger dauernde Krank-
heit, oder jene abscheuliche Sitte, geistige Getränke im Uebermasse zu geniessen, wodurch die
natürlichen Gährungsstoffe des Körpers zerstört werden und der Spiritus zerstreut wird. Daher
kommt es auch, dass gerade solche Trunkenbolde häufiger von dieser Krankheit, nemlich der
kalten (Wassersucht?) befallen werden, als andere Menschen. Auf der andern Seite schadet
aber auch das Wassertrinken dem Blute derjenigen in derselben Weise, welche sich lange an
edlere Getränke gewöhnt hatten.
Bei den Weibern aber findet sich, was auch beachtenswerth ist, eine andere von jenen
weit verschiedene Ursache zur Wassersucht, nemlich eine Unreinlichkeit, die in einem der
beiden Eierstöke eingeschlossen ist, oder eine Verstopfung, welche allmälig dessen Structur
vernichtet; wesshalb an dem erwähnten Eierstöke, nachdem zuerst der Grund der Krankheit
gelegt ist, seine Hülle auf eine merkwürdige Weise ausgedehnt wird ; wenn diese nun nicht
berstet, bildet die Natur, um die Flüssigkeit aufzunehmen, eine Art von Blasen, und wenn nun
eine oder mehrere von diesen plazen, und ihre:i Inhalt in die Bauchhöhle ergiessen, dann
treten dieselben Symptome auf, wie bei der Wassersucht, die wir oben geschildert haben. Doch
von dieser Art war schon früher die Rede.
Es gibt auch zwei andere Arten von Bauchgeschwülsten, die der Wassersucht nicht un-
ähnlich sind und sich beide bei Frauen finden. Die eine ist eine widernatürliche Fleisch-
wucherung an den Theilen, die in der Bauchhöhle liegen, und die den Bauch zu einer nicht
unbeträchtlicheren Grösse emportreibt, als es das eingeflossene Wasser zu thun pflegt. Die
andere Art hat ihren Grund in Blähungen, welche nicht nur Geschwulst, sondern auch andere
Schwangerschaftszeichen hervorrufen. Diese befällt besonders Wittwen, doch auch Frauen,
welche erst in späterer Zeit geheirathet haben. Diese nemlich versehen sich schon manchmal
mit Binden und anderen zur Aufnahme eines Kindes nothwendigen Dingen, sowohl nach ihrer
als auch der Hebammen Meinung, deren Rath sie bei dieser Sache in Anspruch genommen
haben. Sie fühlen die Bewegung des Kindes, von der gewohnten Zeit bis zur gesezmässigen
Zeit der Entbindung, ja sie erkranken sogar plözlich, ganz in der Art der Schwangeren, indem
beide Brüste anschwellen und Milch abträufelt; bis endlich der Bauch auf dieselbe Weise, wie
er angeschwollen war, allmälig wieder abschwillt und nur eitle Hoffnungen erregt hat. Indessen
keine von beiden Krankheiten gehört zu der, von welcher wir handeln.
Das wahre und ächte Heilverfahren, wie es sich nach den vorerwähnten Erscheinungen
gleichsam von selbst herausstellt, muss entweder auf die Entleerung des Wassers aus der
Sydenham. 49
Bauchhöhle und den übrigen Theilen, oder auf die Wiederherstellung der Kraft des Blutes,
damit eine neue Wasseransammlung verhütet werde, gerichtet sein.
Was die Entleerung des Serum anlangt, so ist es von nicht geringer Wichtigkeit, sorg-
fältig zu beachten, dass bei allen Wassersüchtigen diejenigen Abführmittel, die weniger kräftig
und langsamer wirken, mehr Schaden, als Nuzen bringen. Die Abführmittel sind durchgängig
der Natur zuwider, mögen sie einen Namen haben, wie sie wollen, sie schwächen und verlezen
das Blut gewissermaassen ; wenn sie daher den Körper nicht recht schnell durcheilen und so
schnell als möglich ausgeschieden werden, so bewirken sie das Gegentheil, vermehren die
Flüssigkeit, welche sie nicht wegführen können und indem sie das Blut in heftige Unruhe ver-
sezen, machen sie die Geschwulst nur noch grösser, was man ganz deutlich an den Füssen
derjenigen sieht, deren Unterleib nur schwach und mild angegriffen wird. Will man desshalb
mit passenden Mitteln die Reinigung des Kranken vornehmen, so muss man wissen, ob der
Körper des Kranken leicht oder schwer und mit Mühe Abführmitteln nachgibt ; auf diesen Punkt
des ganzen Heilverfahrens muss man entweder gar keine oder die allergrösste Mühe verwenden.
Um zu erfahren, wie oft man die Mittel, welche das Wasser wegschaffen, anwenden
soll, muss man eifrig darauf Acht haben,' ob der Körper des Kranken leicht oder schwer Ab-
führung verträgt; dies kann man nicht anders erfahren, als durch sorgfältige Untersuchung,
wie andere Purgirmittel, zu andrer Zeit gereicht, ihre Wirkung gethan haben. Denn, wenn
in den Körpern eine gewisse Idiosyncrasie gefunden wird, in Bezug auf die leichtere oder
schwerere Wirkung der Abführmittel, so bringt derjenige den Kranken oft in die grösste
Lehensgefahr, der sich zum Maasse und zur Norm ein empfindliches Temperament nehmen
wollte ; denn es kommt gar nicht selten vor, dass bei Leuten von athletischem Baue gelinde
Abführmittel wirken, während bei Leuten von ganz entgegengesezter Gestalt kaum die stärk-
sten Abführmittel ihre Wirkung äussern. Und in der That sollte die erwähnte Vorsicht, die
man wegen der Unpassendheit der Abführmittel für den Körper des Kranken haben sol!, nicht
nur bei der Versclreibung der Mittel, welche das Wasser wegschaffen, sindern auch bei allen
andern Abführmitteln gebraucht werden. Denn gar oft habe ich gesehen, wie zu heftige Ab-
führungen auch schon durch milde Abführmittel herbeigeführt wurden, weil der Arzt nicht, wie
es sich eigentlich geholt, gefragt hatte, ob der Kranke leicht oder schwer zu erregen sei.
Wenn nun aber die Wassersucht, wie ich oben erwähnt habe, vor andern beliebigen Krank-
heiten, Abführung und zwar eine recht kräftige und schnelle verlangt, und wenn in dieser
Krankheit die Reinigung durch „*irt'xgacF«g", die in einigen andern Fällen nüzt, durchaus
unstatthaft ist (weil derartige Abfühiungen die Geschwulst nicht nur nicht verkleinern, sondern
noch vergrössern), so ist desshalb, sage ich, eine etwas starke, und am Ende kräftigere Ab-
führung, als üblich, doch wohl einer schwächeren vorzuziehen ; zumal wenn wir vom Laudanum
nicht absehen, dem sichersten Zügel mit dem man zu grosse Abführungen bändigen kann.
Dazu muss man noch bei allen Abführmitteln, welche zur Heilung der Wassersüchtigen
empfohlen sind, darauf achten, dass das Wasser gerade mit der Schnelligkeit verschwinde, als
es die Kräfte des Kranken vertragen; der Kranke soll überdiess alle Tage purgiren ; ausser
wenn entweder wegen zu grosser Schwäche des Körpers oder wegen zu grosser und heftiger
Wirkung des vorbeigehenden Abführmittels der eine oder der andere Tag zuweilen frei-
gelassen werden kann. Denn wenn nur nach langem Zwischenräume eine Abführung wieder-
holt wird, auch wenn vorher die Abführmittel in reichlicher Gabe gereicht wurden, so würden
wir zur wiederholten Ansammlung von Wasser nur die Gelegenheit geben und bei Gelegenheit
dieses Waffenstillstandes werden wir unverrichtetersache und schändlich, als ob wir gleichsam
den errungenen Sieg nicht zu nüzen verständen, endlich vomPlaze verdrängt und in die Flucht
geschlagen. Man überlege auch noch ferner, dass die Gefahr vorhanden ist, dass das Wasser,
wenn es längere Zeit die Eingeweide umgibt, endlich auch diese mit derselben Fäulniss durch-
dringt und verunreinigt. Dazu kommt noch, was man auch nicht gering achten muss, dass
jenes Wasser, von den vorhergegangenen Abführmitteln in Bewegung gesezt, mehr geneigt
ist, Schaden anzurichten, als wenn es ruhig steht. Schon aus diesem Grunde, doch auch aus
anderen früher erwähnten, muss man der Absicht, die in der Bauchhöhle eingeschlossene
schlechte seröse Flüssigkeit zu entfernen, in möglichst kurzer Zeit genügen; und nur wenn
man von der Notwendigkeit dazu gezwungen ist, darf man davon abstehen und eher nach-
geben, bis endlich die ganze Wassermasse entfernt ist.
Ferner ist zu erwähnen, dass, wie die Praxis lehrt, beinahe alle Mittel, welche das Wasser
entfernen, vermöge eines ihnen eigentümlichen Charakters, wenn sie allein angewendet
werden, bei denen, die schwer abführen, den Wünschen sehr wenig entsprechen ; ja dass eine
zu reichliche Gabe derselben nicht sowohl Abführung herbeiführt, sondern das Blut in heftige
Bewegung versezt (wesshalb die Geschwulst, welche kleiner werden sollte, nur noch grösser
Belege zu Wunderlich'« Gesch. d. Med. ^
50 Zum fünften Abschnitt.
erscheint). Bei derartigen Körpern haben diese Mittel keinen andern Nuzen, als dass sie
zu den gelinderen Abführmitteln noch einen Reiz hinzufügen. Demungeachtet wirken aber
bei solchen, welche leicht abführen, jene Mittel, welche das Wasser entfernen, schnell
und kräftig.
Desshalb lokt bei denjenigen, welche leicht abführen, derSyrupus de Spina cervina, schon
allein, das Wasser genugsam heraus. Dieses Heilmittel führt das Wasser bei diesen fast
allein und zwar in grosser Menge weg, und beunruhigt weder das Blut, noch macht es den
Urin mehr gefärbt, als es die übrigen Abführmittel thun. Nur hat jener Syrup das Unange-
nehme, dass er während er wirkt einen bedeutenden Durst hervorruft. Wird er auch in
grösster Gabe von Anderen getrunken, welche weniger abführen, so erfolgen weder viele Stuhl-
entleerungen, noch sind diese, wie es doch sein sollte, mit viel Wasser vermischt etc. etc.
Ein Sydenham' sches Recept gegen Rhachitis.
Rec. Fol. Absinth, vulg. Centaur. min. Marr. alb. Chamaedr. Scordii, Calamenth. vulg.
Parthen. Saxifrag. pratens. Hyperic. virgae aur. Serpill. Menth. Salviae, Rutae, Card, bened.
Puleg. Abrotan. Chamaemel. Tanacet. Lilior. convall. (omnium rec. collectorum et incisorum)
aa. man. j. Axungiae porcinae libr. IV. Sevi ovini et Vini Clareti aa libr. duas. Macerentur
in olla fictili super cineres calidos per horas XII. Deinde ebulliant ad humiditatis consumpt-
ionem et postea colentur utfiat linimentum, quo venter ac hypochondriaillinantur mane et sero
per 30 vel 40 dies continuas, uti etiam axillae utraeque.
Morton.
Schema morborum generale.
Morbi, quibus corpus humanum affiigi solet, sunt
I. Accidentales et externi, quippe qui ab externo aliquo accidente oriuntur, uti casu,
ictu, vulnere, contusione etc. quos omnes jam consulto praetermitto, quoniam eorum aetiologia
facilis. et in promptu est, et ad partem chirurgicam potius quam ad medicinalem stricte ita
dictam spectat.
II. Habituales, qui intus a diathesi spirituum praeternaturali, et crasi sanguinis eversa
immediate, vel saltem mediate, aut a canalium seu vasorum hos spiritus, et liquores toti ma-
chinae ministrantium obstructione, ruptura vel aliqua alia mala affectione nascuntur. Quaenani
sit horum omnium causa, quoniam nondum satis constat, de eorum aetiologia et pathologia
fusius jam sermonem habituri sumus, suntque vel
A. Universales, qui seil, immediate a diathesi spirituum animalium praeternaturali et crasi
sanguinis inde labefaetata oriuntur ; ideoque primo insultu totum corporis systema afficiunt,
non autem a vitio singularis eujuseunque partis dependent; suntque vel
1. Primario ita dicti, qui absque respectu ad partem aliquam singularem prius aegro-
tantem habito oriuntur, suntque vel
a. Acuti, qui paueorum dierum cireuitu, crisi finiuntur funesta, vel salutari: uti febres
quaeeunque acutae, variolae, morbilli etc.
b. Chronici, qui similiter, spiritibus prius laborantibus, Universum corpus afficiunt, non
tarnen ruinam tarn praeeipitem, quam priores minantur, indeque aegri hoc modo afFecti, vitam
valetudinariam , ad plures menses, imo annos protrahere solent. Hujusmodi sunt febris
hectica, et pallida, chlorosis, scorbutus, rheumatismus vagus, scorbuticus, affectio hypoehon-
driaca et hysterica, seu vapores, affectus strumosus, seu scrophulae, rachitis etc.
2. Secundario, qui licet ex accidente partem aliquam singularem primo afficere possint,
qui tarnen sanguinem et spiritus universim illico inquinando, naturam morborum universalium
partieipant, neque ex propria sua natura unam partem singularem prae alia affeetant, rite in
classem morborum universalium referendi sunt, et in hoc censu habendi. Hujusmodi sunt lepra,
Scabies, lues venerea, et fere omnes morbi chronici ex contagione propagati.
B. Morbi partium qui a viscerum aliquo, vel alia parte singulari laborante immediate pro-
dueuntur; utut crasis sanguinis a peculiari spirituum vitio labefaetata, iis viam remote sternat;
indeque totum corporis systema non nisi ex consequente his morbis afficitur.
De morbillis et febre scarlatina.
Morbus qui passim apud authores hoc nomine designatur, est febris conjuneta cum efflores-
centia inflammatoria, hie illictotam cuticulam distinguente. Cuticulam solummodo hac effiores-
centia obsessam esse avtoxpia constat, quae inde primo morbi momento rubedine et levi calore
ubique perfunditur, deinde in ejus dn/nij, quamprimum scilicet acri hurnore erosa turgescere,
atque a cute vera separari ineipiat, inaequalem quandam asperitatem prodit, demum vero
evanescente efflorescentia, squammarum ad instar deeidit. Efflorescentiam hanc semper,
Morton. 5 1
interstitiis figura diversa, oblonga scilicet quadrata, vel multangula praeditis, variegatam ob-
servare est: namque non una continuata inflammatione seu rubedine, ut in febre scarlatina,
perfunditur cuticula. Quo criterio duntaxat haec efflorescentia ab altera, quae febrem scarla-
tinam comitatur dignoscenda est. Dolor autem hanc inflammationem, utut a constrictione
fibrarum cuticulae ortam non comitatur, ob causam prius memoratam.
Neque tumoraliquispalpabilis adest, quippe haec membranula tenuissima incrassescere et
acuminari more cutis verae haud potest ; quo pacto praesertim morbilli a variolis dignosci possunt,
quae ab ipso initio more exanthematum sive tuberculorum intumescentia renitente tactui pal-
pantis sese palam produnt. Denique liquor ille tenuissimus et acerrimus, qui a sanguine in
tubulis fibrillarum cuticulae coarctatarum stagnante extravasatus eas corrodit, nunquam in
pus maturat ir (ut in variolis solet) ob peculiarem suam indolem, ei affinem quae e tendinibus
et nervis in rheumatica inflammatione scatet.
Febris quae cum hac efflorescentia conjungitur (quod de scarlatina et variolosa dictum sit)
indolem quadantenus peculiarem sortita est, cum enim sit genuina et maxime benigna est
tarnen peracuta, quam citissime varia sua stadia peragrat, et nihilominus crisi salubri finitur;
unde vires spirituum venenum adorientium fere integras esse conjicere licet.
Ex comate autem, deliriis, vigiliis, subsultibus tendinum, ceterisque id genus vacillantium
spirituum, a veneno deleterio percitorum symptomatis vehementioribus, et uno tenore progredi-
entibus a primo insultu oövo%ov esse, ac malignam suspicari fas est. Genium autem ac pro-
sapiam hujusce febris clarius percipiemus, si rationem diversorum symptomatum in variis ejus
stadiis suboriri solitorum, consideremus, seil, in apparatu efflorescentiae ; stadio seil, in quo ex
symptomatis indies auetis febris ad incrementi finem pervenisse videatur; in efflorescentiae
vigore, qui statum, atque ejusdem declinatione, quae crisin morbi continet.
In apparatu efflorescentiae, seu primo morbi stadio, (quod in morbillis benignis et sporadicis
a mitiori veneno intus nato ortis XXIV horis, aut saltem bidui vel tridui spatio conficitur,
utut in malignis et epidemiis, id ad septimum aut oetavum diem nonnunquam protendatur)
praeter algorem, quo Spiritus a primo insultu veneni improviso fere enecati et extineti tentantur
atque horrorem, rigorem, oscitationem, pandiculationem, aegritudinem, nauseam, vomitionem,
jaetationem inquietam, vertiginem, cephalalgiam, lassitudinem ulcerosam, lumbaginem, ceter-
aque id genus symptomata a primo nisu, seu lucta difficili spirituum irritatorum, atque inde
hostem adorientium provenientia ; praeter sitim immensam, foeditatem oris, cuticulae aridi-
tatem, ceteraque symptomata a calore, et spiritibus sese expandentibus orta. Praeter haec ge-
neralia symptomata (inquam) quae febrem quameunque coniitantur pathognomica quaedam,
quae nullam aliam praeter hanc febrem, scarlatinam huic cognatam, et variolosam conse-
quuntur, vim veneni valde deleteriam, indeque summam spirituum oppressionem, ac massa
humorum colliquationem significant : Pulsus nimirum debilis ac celer, respiratio admodum cita
et anhelosa, hypochondriorum oppressio et angustia, urina pallida ac tenuis, vel saltem rube-
dine non multum tineta, aut contentis saturata, aH'ectus cerebri comatosus, vel vigihae perti-
naces, subsultus tendinum frequentes, nonnunquam etiam a contentione ac vacillatione spirituum
spasmi manifesti, et deliria prorsus efferata, gravativa palpebrarum debilitas, oculorum rubedo,
punetura dolorifica, ac lachrymae involuntariae, adeo ut aeger oculos difficulter admodum
aperiat, vel lumen aspiciat: in gutture dolor ulcerosus ex acri lymphaper glandulas pharyngis
exereta, raucedo clangosa ex eadem lympha trachaeam seu tympanum sonornm obducente;
tussis perpetuo molesta, immanis ac ferina, a bronchiis eadem acri lympha indesinenter laces-
sitis ; sternutatio nonnunquam fere perpetua ab eadem lympha papillas mammillares irritante.
Cuncta haec symptomata, tum pathognomonica, cum generalia in hoc stadio morbi indies
augentur, donec febris paulo ante efflorescentiam ad äx^?}f suam perveuiat. Atque equidem
hoc praepropero febris incremento, atque repentina symptomatum vehementia febris morbillosa
genium suum maxime prodit: atque ab hac lucta subita et vehementi non tantum vires spiri-
tuum fortes et fere integras et veneni gradum molestissimum esse ac deleterium concludere
licet, sed etiam febrem ipsam, utut a veneni excessu praeter modum maligna in hoc stadio vide-
atur ob vires spirituum non irritatione diuturna fraetas aut fatigatas, crisin salubrem, eamque
repentinam habituram fas est conjicere, qualem nulla alia febris nisi scarlatina et variolosa
usquam habet. Ubi vero in morbillis epidemiis et vere malignis a veneno Spiritus plus obruuntur
et pessundantur ; minus acriter hostem adoriuntur, et symptomata sub initium non adeo saevi-
unt ; febris hoc stadio longius protracto, et crisi diutius expeetata tardius ad d^fiijv pervenit
atque spiritibus ex his moris maxime prostratis, eventus magis dubius, ac saepe funestus redditur.
Vi autem elastica prius a veneno deleterio depressa tandem sensim restituta, spiritus novis
viribus aueti hostem fugare moliuntur, et per cuticulam et glandulas, portas a natura designa-
4*
52 Zum fünften Abschnitt.
tas, per quas majora verena in ipsa peste foras feruntur, rlirninare satagrnt. In hoc vero
agone fibrillae partium affectKrum a summa contentione et orgasmo spirituuui admoduni feroci-
entium spasmodice constringuutur ac vellicantur, atque inde partes affectae varia inflamma-
tionis symptomata pro textura sua diversa patiuntur ; cuticula nempe levi ardore et rubedine
suffunditur; glandulae autem insuper dolore vellicante, ardore et tumore praegrandi corripiuntur.
Ab hoc tempore febris haecce primario maligna genium suum mutat et trausit in vere
inflammatorium, Spiritus venenum jam aliquantum superant, arteriae fortius vibrantur, et urina
contentis ac rubedine saturatur. Atque ab hac efflore.scentia inchoata usque ad ejus completam
eruptionem status morbi durat, et febris, ejusque symptomata uno eodemque tenore progredi-
untur. Citius autem vel tardius hoc Stadium decurritur pro differenti ratione vigoris veneni et
spirituum, ac diversa indole febris inflammatoriae inde ortae. In morbillis benignis et spora-
dicis, ubi ob vegetum spirituum robur virus confertim ubique per cuticulam quasi uno ictu
elimiuatur, Status morbi spatio bidui, vel saltem tridui deiinite terminatur. A quo tempore
febris, utut cum diris symptcmatis ante sociata, tanquam crisi perfecta soluta, unacum efflores-
centia derepente evanescit.
In morbillis autem epidemiis et malignis, quia venenum intus delitescens vigorem spiri-
tuum elasticum deprimit, haec efflorescentia unam partem cuticulae post alteram occupat,
jamque vegeta est, jam sublurida et pallida, prout spiritus plus minus vigent vel deprimuntur.
Non raro autem hoc morbi Stadium, ancipiti eventu ad decimum septimum, vel vigesimum
usque diem protensum observavi, et auginam, ophthalmiam vel peripneumoniamfunestam, inde
subortam, inflammatis prius ab efferato spirituum nisu glandulis in pharynge et larynge, vel
pulmone sitis, etdeinde exulceratis. Unde tussis ferica ac perpetua, deglutitio difficilis, dolor
pectoris lancinans, anhelitus, straugulatio ac suffocatio insequebantur et indoles febris inflam-
matoria manifestier evasit. Demum vero certamine finito crisis morbi instat salutais vel
funesta; salutaris, quoties venenum prorsus eliminatum spiritus non amplius lace.ssat; funesta,
cum spiritus a veneno triumphati haud amplius luetam instaurare queunt. Qualiscunque fuerit
crisis efflorescentia cutanea sensim colorem rubicundam mutat, et in dies luridior et pallidior
fit, donec tandem prorsus dispareat; quo tempore fluxus alvi suboritur, lympha acri a veneno
colliquata et in habitu corporis prius congesta, jam per intestina deturbata et amandata. Qui
fluxus utut primum levamen naturae afferat, modo diutius duret, facile in diarrhoea sympto-
matica, torminosa, irno colliquativa et funesta terminatur. Haec crisis in morbillis sporadicis et
benignis ut plurirnum est salutaris et quam citissime ut cetera morbi stadia tinitur, fermento
nempe penitus exhausto, spiritus non amplius lacessiti ultro quiescunt; et massa humoruminde
non amplius agitata colliquatio cessat, brevique spatio febris sponte exulat, pulsu, temperie,
urina, et appetitu intra paucissimas horas restitutio. Tussis etiam, oppressio hypochondriorum,
respiratio anhelosa, comatosus affectus et reliqua symptomata sensim mitescnnt.
In epidemiis autem et malignis morbillis declinante efflorescentia febris manet, vel forsan
augetur atque inflammatione pulmonis, glandularum faucium aliarumque partium perseverante,
speciem induit anginae, peripneumoniae, vel alterius morbi peracuti et funesti, qui aegrotantes
e vivis tollit, vel in malignam transit. Quoties autem haec crisis salutaris est, febris in avveyr^
plurium dierum, vel hecticam mutatur; quae si cortice peruviano vel aliqna alia antidoto, vel
naturae benignitate non tempestive subigatur, facillimo negotio in Gvvoypv malignam et funestam
saepissime degenerat; aut fermento morbifico imperfecte de"leto, quod superest veneni post
febris crisin, tussim, respirationrm difficilem, inappetentiam, rubedinem et dolorem oculorum,
aliaque symptomata infert, et haud raro fundamenta jacit funestae diarrhoeae, phthiseos pul-
monaris, atrophiae universalis, anasarcae seu leucophlegrnatiae, hydropis, op/.thalmiae, scro-
phularum aliorumque morborum chronicorum curatu admodum diflicilium. Symptomaturn
phaenomenis hoc modo explicatis, genius morbi et ff bris concomitantis natura perspicue
intelligitur. Atque jacto hoc fundamento, causa tarn continens quam procatarctica morbil-
lorum eruitur , differentes eorum species distinguuntur, signa praesagientia, et diagnostica
investigantur, prognostica certa ac comperta proferuntur, indicationes curativae verae desum-
untur, et deniquie methodusmedendi pro indole morbi ac symptomatum diversa vera, et rationo
simul ac usu quondam comprobanda excogitatur.
Causa morbillorum continens seu imniediata est venenum ?piritus inquinans, quod non tan tum
inprimo morbi stadiomalignitate sua spiritus obruit, sed massam sanguinis agitando eam in coll-
uviem acrem, prae ceteris omnibus fermentis colliquefacit; unde ad plures dies invasionem antece-
dentes, a quo tempore scilicet massa a fermento delitescentiir.terturbariincipiat, colliquatio haec
inchoata haud raro sese prodat, et tussim ferinam, oculoslachrymantes etinflammatos ceteraque
id genus symptomata producat, quae omnia statim a priino morbi insultu mirum in modum
Morton. {53
angentur. In statu morbi per cuticulam copiosa lyruphae praedictae colluvies excernitur.
Eadem colluvies tan dem diarrhoea critice eliminatur, et (si quid veneni post crisin supersit)
diarrhoeas novas symptomaticas, ophtbalmias, et ceteros prius memoratos chronicos affectus
excitat, qui huic morbo, f'ebri scarlatinae, ac variolis prae ceteris omnibus supervenire obser-
vantur. Causa procatarctica morbillorum (sicut et aliarum febrium inflainmatoriarum) petenda
est ab atmosphaera, quae in niorbillis sporadicis semiua morbi latentia in actum deducit, iu
epidemiis miasma venenatum ab extra in porös cutis immittit, et si< ut in peste momento tem-
poris ac sine apparatu praecedente Spiritus inquinit, et massam sanguinis interturbat atque
confundit. Quod in morbillis epidemiis et malignis hie Loudini post anu. 1670 ad plures
menses publice grassantibus contigisse memini.
De methodo medendi morbillis.
Indicationes curativae in genere duae sunt in hoc morbo; seil, extinetio veneni febriferi,
quod spirirus exagitat, ac humores colliquat, atque allevatio symptomatum ab humorum colli-
quatione, ac nisu spirituum subortorum. Quandoquidem vero iudoles febris in vanis hujus
morbi stadiis diversa, atque symptomata diversa inde provenientia plures, easque differentes
admodum indicationes suggerant, eae non separatim, sed simul cum methodo medendi tra-
dendae sunt; ad quam igitur delireandam me jam accingo.
Regimen propter febrem praesentem hie morbus commune cum aliis febribus jure merito
exigit, seil, diaetam admodum tenuem, deeubitum in lecto quietum, et calorem stragulorum
injeetorum moderatum. Sicut enim fiigus aeris externi spirituum expansionem impediendo
efflorescentiam in cuticula retardat; ita ejus temperies impense calida spiritusnimium exagitat,
unde in seeundo morbi stadio, cum legenaturae hostem superare ineipiant, glandulispharyngis,
pulmonis vel oculorum diathesin inflammatoriam impertiuut, cujus erroris aegrotans sero luit
poenas, symptomatis anginae, peripneumoniae vel ophthalmiae peraperam atque officiose
accersitis, et variis afl'ectibus morbosis qui a colliquatione nimia post crisin peraetam saepe
subpullulant. Quapropter author omnibus sum, ut aequabili et moderato regimine si in quo-
vis alio, saltem in hoc morbo utantur, ubi re naturae commissa (modo nihil injuriosum officiose
perpetretur) optatum ev*»ntum brevi utplurimum consequamur.
Quod spectat ad remedia sive pharmaceutica sive chirurgica ea pro indole febris in
diversis morbi stadiis varia, differenti et saepe contrario plane modo adhibenda sunt. Nihil
autem temere, atque sine evidenti necessitate facieudum est in quoeunque morbi adeo peracuti
stadio, ubi crisis praepropera jure merito, atque naturae lege expeetatur et ubi symptomata
efferata quotquot sunt, crisi instante vel sponte evanitura sunt, vel saltem mitiora evasura,
atque interea robur naturae non diutumo conflictu attritum et fractum iis sufferendis sufficiat.
Cum autem ante efflorescentiam ex diliriis, spasmis, comatoso affectu, sternutatione indesi-
nenti, tussi ferina, diarrhoea enormi, vomitatione inani, ceterisque symptomatis hoc Stadium
morbi comitari solitis, constet febris indolem prorsus esse malignam, seil, a veneno, Spiritus
de praesenti pessundante ortam, quodque massam sanguinis in fluorem colliquat, duplex in
genere indicatio exurgit. Quarum prima est ut expansio spirituum alexipharmacis et vesi-
catoriis applicatis si opus fuerit promoveatur, vel saltem conservetur ut viribus naturae
integris venenum morbificum comatis , delirii ceterorumque symptomatum causa deleatur
vel subigatur, quod in hoc statu spirituum depresso, ut in caeteris malignis febribus, vires cor-
ticis petuviani aut alterius eujuseunque antidoti speeificae spernit. siquidem totum negotium
jam a spirituum expansione dependet. Ideoque nihil saltem absque evidenti necessitate
tentandum est quod aegrorum vires coerceat vel deprimat, utut symptomata id efflagitare
videantur. Quo nomine in hoc morbi stadio a venaesectione (nisi vasorum sanguiferorum
apertura, vel aliquod aliud grande ac insolitum symptoma id necessarium fecerit) atque
ab usu opiatorum liberali, utut delirium, tussis, vigiliae etc. ea postulare videantur. apprime
atque religiöse abstinendum est; spiritibus enim quoeunque modo dissipatis venenum augetur,
atque inde morbilli natura beuigni in malignos non possunt non transire. Etc. etc.
Eine Krankengeschichte Morton's.
Filia mea charissima Marcia VII annos nata, anno 1689 in quo febris dieta scarlatina
tempore praesertim aestivo quadantenus publice grassabatur, post apparatum rigoris, horroris
etc. plurimum febricitare ineepit, nausea, vomitione, comate ceterisque malignitatis symp-
tomatis afflieta. Quocirca julapium cord. cum specieb. in historia praecedenti descriptum
eochleatim exhibendum esse jussi, atque vesicatorium emplast. amplum ad nucham applican-
dum. Quandoquidem vero nee fluxus alvi, nee tussis, nee rubedo oculorum, aut aliud
54 Zum fünften Abschnitt.
aliquod nsitatum colliquationis signum apparatum comitabatur, in isto stadio genium morbi
non clare perspectum habui. Quarto autem morbi die, effiorescentia rion interrupta derepente
ubique per totam cuticulam sparsa, febris dicta scarlatina indolem suam palam prodebat,
atque eqnidem inflammatio erat maxima omnium quae unquam vidi, tota cuticula ex in-
flammatione sensim crassescebat, aequali quadam ac renitenti intumescentia affecta, et
post inflarrimationem peractam, non squamarum, verum pergamenae similis dehiscens deci-
debat. Cum vero febris post quatriduum ab efflorescentia incepta protenderetur, atque pe-
riodis certis quotidie reverteretur, äVj sanguinis detrahendas esse jussi, atque 3j|? corticis
peruviani quarta quaque hora exbibendam, unde spatio bidui änv^etög facta prorsus re-
valescebat.
ZUM SECHSTEN ABSCHNITT.
Fr. Hofimann.
Das practische Wesen Fr. Hoffmann's erkennt man am besten aus seinen Consultationes
et responsa. Sie geben nicht nur von seiner lichtvollen und einfachen Art ein gutes Bild,
sondern auch vielfach einen Spiegel der Albernheit der damaligen Aerzte.
Im vierten Casus der ersten Centurie schreibt ein Arzt an Hoffmann wegen der Krankheit
eines 27jährigen Edelmanns von cholerisch-melancholischem Temperament, der von frühe in
Wein und Tabak excedirt hatte, sehr aufbrausend war und seit 3 Jahren sich krank befand.
Er litt an einem heftigen lancinirenden Schmerz, der vom Epigastrium bis zur Mamma und
der linken Scapula sich erstrekte. Der Puls war gleichmässig doch zuweilen aussezend. Nach
einer Besserung auf carminative und nervine Mittel kam mitten in der Nacht ein Paroxymus
mit dem Gefühl eines Druks in der Milzgegend, dem eine krampfhafte Bewegung um das
Scrcbiculum cordis und die linke Mamma folgte, und sich bis zum Larynx ausdehnend die
Respiration erschwerte. Schwarzwerden vor den Augen, Ohrenbrausen und selbst mentis
alienatio traten ein et quod notatu dignum est, per totum paroxysmum penis rigebat erectus.
Der Arzt fährt nun in diesem (wahrscheinlich einen Herzkranken betreffenden) Bericht fort:
Quare ego malum a cruditatibus pituitoso-acidis, in primis viis haerentibus, ortum fuisse ratus,
propinavi absorbentia cum stomachicis et nervinis mixta, worauf am 3. Tage eine Besserung
eingetreten sei. Nichtsdestoweniger ist die Sache dem Arzt noch sehr bedenklich und er wendet
sich daher um Rath an Hoffmann : 1) Primum enim doceriaveo,annehic affectus potius fuerithypo-
chondriacus, quam insultus apoplecticus, aut catharrus suffocativus? 2) numne funditus ex-
stirpari possit, quibusve hunc scopum assequi liceat remediis? 3) utrum sit impossibile, tales
accessiones a cruditatibus pituitosis acidisque primarum viarumsuboriri? 4) Anne adobtinendam
valetudinem necessarium sit, pertinacem observare victum? et num 5) denique eorum sententiae
subscribi queat, qui malum a phtysi, aut plane fascino derivare voluerunt?
Hierauf antwortete Hoffmann folgendes: Acceptis tuis litteris, in quibus adversam vale-
tudinem viri cujusdam generosi descripsisti, et de illa quinque mihi proposuisti quaestioDes:
omnia bene perlustravi momenta, et ad primam quaestionem, morbum illum minime apoplec-
ticum, vel catharrum suffocativum pronunciare possum, cum signa horum affectuum pathog-
nomonica nullibi recensita reperiam. Videtur ille potius fuisse gravis ventriculi spasmus, ner-
vös octavi potissimum paris occupans, et hinc eas partes, quibus illud nervorum par surculos
impertitur, in sinistro maxime latere in consensum rapiens. Quare etiam sensus ille pressionis,
quocum incepit paroxysmus, minimein splene quaerendus est; quippe quod viscus ex meris san-
guineis vasculis constat, et ideo ob paucas, quas habet, nerveas atque musculosas membranas, minus
sensibile deprehenditur. Vera potius sedes ac domicilium veluti morbi in ventriculo latet, qui
magis versus sinistrum hypochondrium situs est, et ob valde membranaceam acnerveam struc-
turam insignem cum nervosis universi corporis partibus fovet communionem. Hinc etiam sedes
hypocbondriaci mali, ac spasmodicarum, quae illud comitantur, passionum falso attribuitur
lieni, cum magis in ventriculo haereat; a cujus flatulentainflationeplurimahypochondriacorum
dependent symptomata. In praesenti autem malo minime inflatio ventriculi, sed potius gravis
illius spasmus subesse videtur; qui partim ex insigni ad iracundiam proclivitate, partim potuum
spirituosorum abusu natales suos mutuatur.
Quod autem alteram attinet quaestionem, num morbus ille penitus exstirpari queat, et
quae huic scopo prosint medicamina? non omnino possum, quin curationem hujus mali fore
perarduam pronunciem: quoniam ille jam diu duravit, ac in habitum veluti degeneravit; porro
a continuis animi commotionibns sustentatur; non minus vires corporis jam insigniter prostratae
videntur; unde nee vegetus adpetitus, nee bona digestio locum invenire potest. Nee denique
56 Zum sechsten Abschnitt.
sine ratione suspicor atque vereor, ne scirrhositas atque exulceratio ventriculi, nisi jam actu sit
praesto, tarnen certe hnmineat. Neque tameu ideo prorsus est desperandum, maxime cum
aetasadhuc sit junior: hinc ad instituendam rite eurationem, suadeo, ut singulo mane quaedara
vascula hujus infusi hauriantur. (Es folgt das Recept zu eiuem Kraut erthee, sodann zu
Pillen, zu Pulvern, die Verordnung des Liquor anodynus, sowie eines Clysma.)
Ut autem ad tertiam quoque respondeam quaestionem ; ex superioribus patet, caussam
mali principalem in vitio solidarum potissimum partium haerere, et quidem in perverso motu,
ac spastica constrietione ventriculi aliarumque nervearum partium. Neque tarnen ideo r.egari
potest, quin saburra quaed.im acida, viscida ac biliosa ventriculi et inte-tini duodeni, seu causa
materialis malum illud toveat atque sustentet. Quando-enim cumque peristalsis veutriculi ac
intestinorum laesa fuit ac destructa; aümenta nee intime solvi, nee debita chyli, suecorumque
utilium secretio, nee inutilium expulsio fieri potest: hinc omnino restant in cauale intestinorum
exerementa inutilia, quae diuturniori mora majorem contrahunt acrimoniam, et spasmos magis
exaeerbant.
Juxta quartam porro quaestionem omnino necesse est, ut aeger, si a malo suo vindicari
cupiat, recto vivendi ordini iusistat; maxime omnem ad excandescentiam occasionem sedulo
evitet; potus vinosos, calidiores atque Tabacum probe fugiat; omne frigus arceat, nee denique
cerevisia utatur. Haec enim hisce morbis plane non est conveniens, et majori fruetu ejus in
locum decoctum ex rasura cornu cervi cum cortieibus citri recentibus: aut jusculum avenaceum
cum vitellis ovi ac Acribus chamaemeli paratum substituetur. Et denique vix opus est, ut ad
quintam respondeam quaestionem: doler.dum potius est quod ii morbi, quorum caussa cogritu
difficilior, et curatio ardua est, mox a fascino deriventur ; sicuti cum affectibus spasmodicis,
qui fixam in genere nervoso obtinuerunt sedem, vulgo quidem fieri assolet.
Stahl.
Die Hauptstelle in der Abhandlung de diversitate mixti et vivi corporis
§. 42 lautet (nach Ideler's geschmakvoller Uebersezung) :
Wenn also bei der beginnenden Zersetzung eines Theils in den benachbarten die erhal-
tende Tbätigkeit erlischt, durch welche dem Fortschreiten jener Schranken gesetzt werden
sollten, so muss die Schuld dem Lebensprincip, also der Seele, dem verständigen Wesen bei-
gelegt werden, wohlverstanden, diss diese so gedacht werde, wie sie wirklich ist, nicht wie sie
sein sollte. Denn die Seele ist nicht wohl gerichtet, mit sich in Uebereinstimmung, mit einem
Worte gesund, sondern entartet, abschweifend; sie übereilt sich nach unreifen Entschlüssen,
kommt durch eitle Vielgcchäftigkeit vom einfachen Wege zum Ziele ab, schwärmt anstatt
reiflich zu erwägen; sie sieht dem Zukünftigen entgegen, ohne die nöthigen Vorbereitungen
zu treffen, und wenn das Unerwartete sie überrascht, verzagt sie, oder wird ungeduldig, wan-
kelmüthig, regellos, und fahrlässig die passenden Mittel verabsäumend, sucht sie ohne diese
den Zweck zu erreichen. So die menschliche Seele. Dagegen die thierische mit gesammelter
Kraft geradeswegs zu Werke geht, sieb mit den Dingen, von denen sie einfache und bestimmte
Vorstellungen erlangt, in ein richtiges Verhältnis setzt, und nach diesem ihre EntSchliessungen
abmis.-t und ihr Handeln bestimmt. Daher die ungleich grössere Häufigkeit der Krankheiten
bei dem Menschen als bei den Thieren.
Wenn daher die Seele als Lebensprincip im ununterbrochenen, und so lange sie nicht
eine bedeutende Störung erleidet, im geregelten Fortgange der Zersetzung der Materie Einhalt
thut, indem sie die Stoffe, welche, wenn auch nicht von Fäulniss angesteckt, doch ihr nahe
gebracht sind, aus dem Körper entfernt ; und wenn ihr ganzes Bestreben dahin gerichtet ist,
dies Geschäft mit Vorsatz und Ueberlegung zu vollziehen, damit jede Gelegenheit zur Ver-
derbniss mit Vorsicht vermieden, oder sie selbst im Beginnen mit Nachdruck zurückgewiesen
wird: so geschieht es doch, dass ungeachtet der vielfältigen Vorkehrungen, jene Verderbniss,
besonders wenn sie von gewaltsam wirkenden Einflüssen abstammt, entsteht. Sie tritt dann
in erneuten Angriffen mit der erhaltenden Lebenskraft, deren gewöhnliche Wirkungsweise
im Vergleich mit ihrer raschen Thätigkeit zögert, in einen ungleichen Kampf. Wenn der
Seele auch der Charakter eines ruhigen und geregelten Wirkens eigen ist ; so muss sie doch
(wie viel mehr, wenn sie tumultuarisch zu Werke gebt) durch diese Bedingungen in Uneut-
schlossenheit, Furcht, Abneigung gegen jedes thätige Bestreben, selbst in verworrenes Schwan-
ken beim Handeln versetzt werden. Schwindet nun gar jede Hoffnung, den Theil. welcher
bereits der Verderbniss anheim gefallen ist, zu erhalten, und wird der Seele die Gleichgültigkeit
gegen den verlorenen Theil und das Vergessen desselben schwer; so entspringt hieraus eine
verzweifelnde Furcht, welche auch in den angrenzenden Theilen die Energie der erhaltenden
Lebensthätigkeit in ihrem Widerstände gegen die rasch einbrechende Verderbniss lähmt. Es
Stahl. 57
ist dann der gesunden Vernunft (Seele) angemessener, jenen Widerstand aufzugeben, als in
ihm zu beharren. Denn da sie stets mit Ueberlegung zu Werke geht, und bei der Vorbereitung
zum Handeln sich Zweck und Ziel vorsetzt; so ist in dem Falle, vo die Voraussetzung eines
unmöglichen Widerstandes, wenn auch an sich falsch, doch für wahr gehalten wird, derSchluss
ganz richtig, dass bei der Unerreichbarkeit des Zwecks sie sich auch der demselben ent-
sprechenden Mittel enthalten müsse.
Das Capitel vcn der Vollblütigkeit (Patholog. part. I. general. Sect. IV. Membr. 1)
lautet :
Eine materielle Ursache, welche mannigfache widernatürliche Zustände erzeugen
kann, ist der Ueberfluss an Blut, welcher nicht nur den freien Kreislauf desselben in Hinsicht
auf den angemessenen Raum beeinträchtigt, sondern auch die Energie der Bewegung des
Blutes durch das Gewicht und die Masse desselben in Vergleich zu der Kapacität der Gefässe
beschränkt. Einen einleuchtenden Beweis dafür liefert die Erfahrung, dass die Vollblütigkeit
für den Körper ein Uinderniss der willküh liehen Bewegung abgiebt, welche er nicht iu dem
Grade leicht, schnell, stark und ausdauernd vollziehen kann, als ein solcher, welcher nicht
daran leidet. Ausserdem, dass die Vollblütigen mit geringerer Bewegkraft begabt, bei schneller
sich einstellender Ermüdung zugleich das Gefühl der Zerschlagenheit erleiden, belästigt sie
noch bei der Bewegung oder ähnlichen Veranlassungen eine ungewohnte Hitze, während ihre
Temperatur bei der Ruhe unter den natürlichen Grad herabsinkt, und sie gegen äussere Kälte
empfindlicher sind. Um so leichter gesellen sich dazu anderweitige Störungen, Verstopfungen
und Ueberfüllurgen, welche leicht in Stockungen übergehen, von der Ausdehnung herrührende
Schmerzen, ja selbst tonische Bewegungen, welche durch erstere veranlasst, ihnen Widerstand
zu leisten streben.
Der Zweifel einiger, ob eine Vollblütigkeit stattfinden könne, ist zwar schon in der
Physiologie beantwortet worden; indess mag dagegen noch Folgendes angeführt werden:
1) Ein Körper, welcher noch um vieles und schnell vergrössert werden soll, bedarf mehr aus-
dehnenden Stoffs, als der gegenwärtigen Kapacität entspricht. 2) Ein zu übermässiger Appetit
macht die Erzeugung einer zu reichlichen Blutmenge wahrscheinlich. 3) Eben so liefert das
Fett, da es sich in zahllosen Fällen bis zu einer beschwerlichen Menge anhäuft, den Beweis,
dass ein Ueberfluss an nährenden Stoffen, welcher ein bequem zu ertragendes Maass übersteigt,
leicht angesammelt und aufbewahrt werden kann. 4) In Uebereinstimmnng mit diesen That-
sachen steht die Erfahrung, dass dergleichen Personen, theils nach freiwilligen Blutentleerungen
sich sehr wühl befinden, theils nach künstlichen, welche mit Klugheit angeordnet worden sind,
vi lmehr zu einer grösseren Euphorie gelangen, als dass sie i gend eine Schwäche erlei-
den sollten.
Was nun das ursächliche Verhältniss betrifft, in welchem die Vollblütigkeit zur Hervor-
bringung von Krankheiten steht, so bezieht sich dasselbe zunächst auf Fehler der Bewegung,
in sofern sie dem regen Fortgange derselben ein Hinderniss entgegenstellt. Hieraus gehen
die gedachten Beschwerden der Bewegung und Empfindung hervor. Dann zieht sie auch noch
Mischungsfehler (craseos intemperiem) nach sich, welche einen hinreichenden Grund zu ander-
weitigen Ataxieen abgeben.
Membr. 2. Von der Verdickung des Blutes.
Wenn wir die zwei vornehmsten Eigenschaften des Blutes erwägen, deren eine sich auf
eine Mischung bezieht, welche zur schnellen Entstehung und Verbreitung der Vprderbniss
geneigt ist, während seine Vitalität es dagegen zu bewahren strebt, ohne ihm seinen gedachten
materiellen Charakter nehmen zu können; so geht hieraus unwidersprechlich hervor, dass der
Akt der Zersetzung alsbald hervortreten muss, wenn der Akt der Erhaltungsthätigkeit aufhört.
Da nun letzteres erst beim Tode des ganzen Körpers oder eines Theiles geschehen kann, so
giebt es mittelbare Zustände, welche zwar mehr oder weniger zur Zersetzung hinneigen, wo
aber die Lebensthätigkeit das Verderbte frühzeitig auf entsprechenden Wegen ausscheidet, ehe
es, sich selbst überlassen, die Zerstörung weiter ausbreiten kann.
Es giebt eine leicht eintretende und einfache fehlerhafte Beschaffenheit des Blutes, aus
welcher, da sie dem Wi ken der Erhaltungsthätigkeit Hindernisse entgegenstellt, wie aus
einer gemeinsamen Wurzel, mannigfache verderbliche Wirkungen hervorgehen. Ja, wenn jene
Beschaffenheit, ohne mit irgend einer Nebenbedingung verbunden v sein, den höchten Grad
erreicht; so führt sie nicht nur die äusserste Lebensgefahr herbei, sondern wenn sie sich auf
irgend einen beträchtlichen Theil des Körpers erstreckt, so wird sie die Ursache eines unver-
meidlichem Todes, indem sie durch Unterdrückung der Lebensthätigkeit die Materie des Kör-
per» ihrer ursprünglichen Neigung zur Zersetzung, welche sich besonders im Blute offenbart,
58 Zum sechsten Abschnitt.
preis giebt. Es geschieht dies, wenn das Blut durch seine Konsistenz für die Wirkung der
Erhaltungsbewegung völlig unfähig wird, und dadurch das System der Lebensökonomie ver-
letzt, im geringeren Grade wenigstens Störungen derselben erzeugt, indem es die Erhaltungs-
bewegungen zu stärkeren Anstrengungen veranlasst. Als eine solche einfache und gradweise
zunehmende Unfähigkeit des Blutes zum Kreislaufe und zu den Ab- und Aussonderungs-
bewegungen stellt sich die Verdickung desselben dar, zu welcher es, auch bei übrigens durchaus
untadelhafter Beschaffenheit von Natur geneigt ist, da es bei längerer Ruhe gleich der Gall-
erte gerinnt. Jedoch muss man mit dem gleichförmigen Koaguliren der letzteren nicht das
nach erfolgter Abscheidung der flüssigem Theile erfolgende Gerinnen des in sich heterogenen
Blutes verwechseln. Da nun diese Gerinnung verhütet wird durch das fortwährende Um-
kreisen des durch die porösen Theile gepressten und durchmischten Blutes; so kann jener
Fehler aus einer blossen Trägheit der Bewegung entspringen, welche ihrerseits durch eine
angefangene Verdickung des Blutes noch mehr erschwert werden muss.
Ohne dass also irgend eine äussere Ursache hinzuzutreten brauchte, kann ein Uebermaass
von an sich löblichem Blute die zur Erhaltung seiner Konsistenz und seiner Mischung erfor-
derliche Bewegung erschweren. Hierdurch wird dasselbe die substanzielle Ursache mannig-
facher Leiden , indem die erschwerten Lebensbewegungen völlig unterdrückt und erstickt
werden, theils aber auch durch ihre Steigerung gegen jenen quantitativen und qualitativen
Fehler des Blutes ankämpfen. Diese an sich heilsamen Anstrengungen führen aber nicht nur
Beschwerden mit sich, sondern es wird auch durch sie die Gefahr nicht geradezu gehoben.
Die Beschwerden sind physisch nothwendige Folgen der vermehrten Bewegung, zu deren wohl-
thätigem Zweck sie unmittelbar nichts beizutragen scheinen. Dahin gehören Veränderungen
der Farbe und Wärme, ferner mannigfache, theils gesteigerte, theils ungewohnte Empfindungen,
z. B. Spannung, Vibriren, Palpitiren, das Gefühl einer bevorstehenden Zerreissung, einer ver-
mehrten Hitze, welche Empfindungen sowohl wegen der Ungeduld und Angst der Kranken, als
wegen ihrer erhöhten Empfindlichkeit ihnen stärker vorkommen, als sie wirklich sind.
Die Gefahr ist eine zweifache, und hängt 1) von der individuellen Beschaffenheit des Lei-
denden ab, der zufolge die nützlichen Bewegungen, welche im erhöhten Grade und in einem
zur Erreichung des heilsamen Zwecks angemessenen Verhältniss von Statten gehen sollten,
auf eine verkehrte Weise zu Stande kommen, indem sie zitternd, ängstlich, zaghaft, stürmisch,
übereilt und vom Ziel abirrend vollzogen werden. 2) Wie richtig aber auch diese Heilbe-
wegungen geleitet werden mögen, so bleibt doch, zumal zu Anfang, über den Ausgang eine
stete Ungewissheit, welche eine wache und furchterfüllte Besorglichkeit, eine Abneigung gegen
die auf einen aussergewöhnlichen Gegenstand gerichtete Anstrengung, Unruhe und Ungeduld
zur Folge hat. Und zwar treten diese Uebelstände um so gewisser und stärker hervor, je
grösser der Kampf, je flüchtiger die günstige Gelegenheit, je gegenwärtiger die Gefahr, je
ungewisser der Ausgang ist.
Cullen's Urtheil über Stahl: zur Characteristik beider (nach Idelers Uebersezung):
„Stahl hat sein System ganz offenbar auf der Hypothese erbauet, dass die Kraft der
Natur, von der so viel geredet worden ist, gänzlich in der vernünftigen Seele ihren Sitz habe.
Er setzt voraus, dass die Seele oft unabhängig von dem Zustande des Körpers wirke: und dass
dieselbe, ohne irgend eine von diesem Zustande abhängige physische Nothwendigkeit, blos zu
Folge ihres Verstandes, indem sie die Annäherung der zerstörenden Kräfte, die dem Körper
drohen, oder andere in demselben auf irgend eine Art entstehende Unordnungen wahrnimmt,
solche Bewegungen im Körper erregt, welche den schädlichen oder gefährlichen Folgen, welche
sonst statt finden könnten, entgegen zu wirken geschickt sind. Es werden viele meiner Leser
glauben, es wäre kaum nöthig gewesen, eines Systems zu erwähnen, das auf einer solchen auf
blosse Einbildung gegründeten Hypothese beruht ; allein man bemerkt oft so viel scheinbares
Ansehen von Verstand und Absicht in den Wirkungen der thierischen Oekonomie, dass viele
berühmte Männer, als z. B. Perrault in Frankreich, Nichols und Mead in England, Porterfield
und Simson in Schottland, und Gaubius in Holland die erwähnte Meinung sehr lebhaft be-
hauptet haben, und es verdient daher dieselbe allerdings einige Aufmerksamkeit. Es ist jedoch
nicht nöthig, mich hier in eine Widerlegung derselben einzulassen — und ich will nur noch
das einzige hinzusetzen — dass wir bei der Annahme einer solchen eigensinnigen Beherrschung
der thierischen Oekonomie, als die erwähnten Schriftsteller in einigen Fällen voraussetzen, auf
einmal alle physischen und mechanischen Schlüsse, die sich zur Erklärung der im menschlichen
Körper vorgehenden Verrichtungen anwenden lassen, zu verwerfen uns genöthiget sehen —
diesem zu Folge hätte ich die Stahl'sche Lehre auf einmal verwerfen können; allein es ist
schon gefährlich, irgend einen solchen Grundsatz anzunehmen. Denn ich sehe, — dass so-
Herrn. Boerbaave. 59
wohl Stahl als alle seine Anhänger in ihrer ganzen Praxis sich von ihrem allgemeinen Grundsatze
vorzüglich haben leiten lassen. Voll von Zutrauen auf die beständige Aufmerksamkeit und
Weisheit der Natur, trugen sie die Kunst vor, Krankheiten durch die Erwartung zu heilen ;
sie haben daher grösstentheils blos sehr unwirksame und unnütze Arzneien empfohlen, sich
dem Gebrauch einiger der wirksamsten Arzneien, dergleichen das Opium und die Fieberrinde
sind, eifrig widersetzt, und die allgemeinen Mittel, als z. B. das Blutlassen (?), Erbrechen u. s.w.
mit der äussersten Behutsamkeit angewandt. — Wir mögen dasjenige, was man die Wirkungen
der Natur zu nennen pflegt, erklären wie wir wollen, so kommt es mir doch vor, als ob die
allgemeine Lehre von der die Krankheiten heilenden Natur, die so sehr gerühmte Heilmethode
des Hippocrates öfters einen höchst verderblichen Einfluss auf die ausübende Arzneikunst ge-
habt habe; indem dieselbe die Aerzte zu einer unthätigen oder schwachen Behandlung verleitet,
oder macht, dass sie darinnen verharren, und zugleich alle Hülfsquellen der Kunst vernach-
lässigen oder an dem guten Erfolge derselben verzweifeln. Huxham hat sehr richtig bemerkt,
dass diese Methode sogar in Sydenham's Händen die nämlichen Folgen gehabt. Obgleich
eine solche gelinde Heilmethode zuweilen das Unglück verhüthen kann, welches verwegene und
unwissende Empiriker anrichten können ; so ist es doch auch gewiss, dass sie der Ursprung
von jener übertriebenen Vorsicht und Furchtsamkeit ist, welche jederzeit dergleichen Aerzte
bewogen hat, sich der Einführung neuer und wirksamer Mittel zu widersetzen. Die Schwierig-
keiten, welche der Einführung der chemischen Arzneimittel in dem 16. und 17. Jahrhundert
entgegengesetzt worden sind, und das bekannte Verbot der medicinischen Fakultät zu Paris
in Ansehung des Gebrauchs des Spiessglases, müssen hauptsächlich diesen Vorurtheilen beige-
messen werden, welche die französischen Aerzte nur erst ungefähr hundert Jahre nachher aus
dem Wege geräumt haben u. s. w."
Herrn. Boerhaave.
Einige Proben aus den Aphorismen (entnommen aus der in Gotha 1828 erschienenen
Uebersezung) :
Von den Krankheiten der festen einfachen Faser.
§. 21. Die, aus der in den Gefässen enthaltenen Flüssigkeit ausgeschiedenen, durch die
Lebenskraft und durch Hülfe des feinsten, wässerigen und fetten Schleims gegenseitig an ein-
ander gefügten Theile, welche die kleinste Faser bilden, sind die kleinsten, einfachsten ird-
ischen Theile, kaum veränderlich durch jene Ursachen, die im lebenden Körper stattfinden.
§. 22. Darum kömmt in diesen (§. 21), wenn man sie für sich allein betrachtet, keine
Krankheit vor, deren Beobachtung und Heilung von Aerzten beschrieben würde.
§. 23. Aber in der kleinsten, aus der Vereinigung jener (§. 21) gebildeten Faser, ver-
dienen folgende einfache Krankheiten betrachtet zu werden: denn sie sind häufig und liegen
dem Verständniss der anderen zum Grunde, wenn sie gleich über.-ehen oder nicht recht er-
kannt worden.
§. 24. Schwäche der Faser (§. 23) heisst die Vereinigung der kleinsten Theile (§.21)
mit so geringem Streben zum Zusammenhang, dass dieser schon durch jene leichte Bewegung,
die in Folge der Gesundh<jt stattfindet, gelöst werden kann, oder doch durch eine nicht
viel stärkere.
§. 25. Dieser (§. 24) gehen voraus: 1) verhinderte Assimilation der Nahrungsmittel in
eine gesunde Lebensflüssigkeit; dieses ist die Folge eines zu grossen Verlustes guter Säfte
und der zu tiefen Einwirkung der festen Theile auf die flüssigen, oder verhältnissmässig zu
grosser Festigkeit des Wesens der Nahrungsmittel gegen die umändernde Kraft im Körper.
2) Zu schwacher Zusammenhang der Theile unter einander (§. 21), welcher aus zu schwacher
Bewegung der Flüssigkeiten entsteht, und diese meistens aus Mangel an Bewegung der
Muskeln. 3) Zu grosse, dem Zerreissen nahe kommende, Ausdehnung der Faser.
§. 26. Sie bewirkt aber, dass die, aus diesen Fasern (§.24) zusammengesetzten Gefässe
leicht ausgedehnt und zerrissen werden können; träge Wirkung auf die in ihnen enthaltenen
Flüssigkeiten, wodurch Geschwülste von den sie ausdehnenden, Fäulniss von den stockenden
oder ausgetretenen Flüssigkeiten und die zahllosen Folgen aus der Verbindung von beiden
entstehen.
§ 27. Hieraus (§. 24 — 26) erkennt man die gegenwärtige, zukünftige und vergangene
Schwäche der Faser: die Folgen werden vorausgesehen, und die zur Heilung nöthigen Hülfs-
mittel aufgefunden.
§.28. Die Heilung wird bewirkt : 1) durch Nahrungsmittel, in welchen der nährende
Stoff (§. 21) im Ueberfluss vorhanden ist, und die schon ungefähr so zubereitet sind, wie dieses
in einem gesunden und starken Körper geschieht. Milch, Eier, Fleischbrühe, Abkochung
60 Zum sechsten Abschnitt.
eines gut gesäuerten Brodes, herbe Weine sind die hauptsächlichsten. Diese miKsen in kleiner
Menge, aber oft wiederholt genommen werden. 2) Durch vermehrte Bewegung; des Festen
und Flüssigen vermittelst Reibungen, Reiten, Fahren im Wagen und zu Schiffe, Spazieren-
gehen, laufen, körperlich^ Uebungeu. 3) Durch gelindes Zusammenpressen der Gefässe und
Zurücktreiben der Flüssigkeiten. 4^ Durch vorsichtige und gelinde Anwendung von, durch
Säure zusammenziehenden Arzneimitteln, oder vnn gegohrneu geistigen Mitteln. 5) Durch
Alles, wodurch zu grosse Ausdehnung gehoben wird.
§.29. Schlaffheit der Faser heisst derjenige Zusammenhang der Theile (§. 21)
untereinander, der durch geringe Kraft so verändert werden kann, dass die Faser länger wird,
als im gesunden Zustande; woraus erhellt, dass dieses eine Art von Schlaffheit (§.24) ist, dass
die Biegsamkeit davon abhängt, und da*s Alles dieses ausdem§.21 — 28 Gesagten deutlich
ist, sowie auch vermi n derte Elastizität. Denn das Glas, der zerbrechlichste Körper,
kann durch Kunst in Fäden gezogen werden, die noch die der Spinne an Feinheit übertreffen,
der Faden hängt zusammen, er ist biegsam, und kann, ohne zu. zerbrechen, ganz leicht in die
kleinsten Windungen gebogen werden. Mit der Feinheit wächst die Biegsamkeit.
§ 30. Hieraus beantworten sich auch folgende Fragen: warum wässerige und fette
Nahrungsmittel schwache Fasern erzeugen? warum sie bei kalten Naturen, Jüngern, ruhig
lebenden, im Wachsthum begriffenen schwacli sind? Warum erdige und herbe Nahrungsmittel
kräftige Fasern erzeugen? Warum diese bei hitzigen und arbeitsamen Menschen stark sind?
Warum Elastizität eine Begleiterin der Stärke ist?
§.31. Zu grosse Starrheit der Fasern ist diejenige Verbindung der kleinsten
Theile (§. 21), durch welche diese so fest zusammenhängen, dass sie derjenigen Einwirkung
der Flüssigkeiten nicht nachgeben können, welche diesen Widerstand überwinden muss, damit
die Gesundheit bestehe.
§. 32. Dieser Zustand (§. 31) folgt auf die Ursachen, welche zur Heilung der schwacheu
Faser erfordert werden (§. 28), wenn sie zu lange und zu stark in ihrer Wirkung anhalten.
§.33. Wenn sie aber (§. 31) entstanden ist, so macht sie die Gefässe, die aus diesen
Fasern bestehen, weniger biegsam, enger, kürzer, der Bewegung der Flüssigkeiten zu grossen
Widerstand leistend, und was hieraus noch weiter folgt. (S. §. 50 — 53.)
§. 34. Hieraus (§. 31 — 33) wird das Uebel erkannt, zugleich werden seine Folgen (§. 33)
vorausgesehen, und so ist auch die Heilmethode klar.
§.35 Die Heilung nämlich wird bewirkt: 1) durch wässerige und milde Speisen und
Getränke, besonders durch Molke, sehr weiche Gemüsse, verdünnte, nicht gegohrue Mehlspeisen,
2) Durch Ruhe in feuchter, kühler Luft, mit reichlichem Schlaf. 3) Durch wässerige äusser-
liche und innerliche Heilmittel, warm aufgelegt oder eingenommen, zugleich durch die An-
wendung ungesalzener, leichter und milder ölichter Mittel unterstützt.
§. 36. Hieraus ergiebt sich auch, was man unter zu grosser Elastizität zu ver tehen
hat, und wie sie zu heilen, da sie meist Begleiterin und Folge der zu grossen Starrheit (§. 31)
zu sein pflegt ;
§. 37. warum bei Knaben, Weibern und Müssigen Schlaffheit, bei Erwachsenen dage-
gen, bei Männern und solchen, die ihre Kräfte geübt haben, Starrheit der Fasern und aller
festen Theile stattfindet; und warum bei getrenntem Zusammenhang eine kräftige Zu-
sammenziehung ?
Von den Krankheit in der kleinsten und der grössern Gefässe.
§. 38. Die Krankheiten der kleinsten, aus der Vereinigung, Verwebung, Verwachsung
der einfachen Fasern (§. 21. 23) gebildeten, Gefässe entspringen aus denselben Ursachen und
haben denselben Charakter und dieselbe Wirkung, und erfordern dieselben Heilmittel; dieses
ergiebt sich also aus dem oben (§. 21 — 38) Gesagten.
§. 39. Die grössern Gefässe, welche aus der Verbindung der kleinsten (§. 38) unterein-
ander durch Vereinigung, Verwebung oder Verwachsung bestehen, sind zwei verschiedenen
Arten von Krankheiten ausgesetzt. Die eine Art hängt von den Krankheiten der kleinsten
Kanäle (§. 38) ab, aus welchen der grössere zusammengesetzt ist, daher deren Ursprung,
Natur, Wirkung und Heilung denen der erstem (§. 38) gleichkommen. Die andere Art aber
hängt ab: 1) von der Kraft, womit die Flüssigkeit, welche durch diesen grössern Kanal fliesst,
dessen Wände au dehnt und drückt, welche Wände, aus andern kleinern Kanälen bestehend,
durch diesen Druck ihrer Flüssigkeit beraubt und vereinigt werden, und zu einer festen, aber
dickern, Faser (§. 21. 23) verwachsen: dasselbe kann auch in den benachbarten kleinen Ge-
fässen geschehen. 2) Von der Flüssigkeit, die mit dem sie enthaltenden Gefässe verwächst.
§. 40. Hieraus ist die Schwäche, Schlaffheit, Stärke, Starrheit, Elastizität der Gefässe,
Herrn. Boerhaave. 61
worüber Unwissende Vieles sprechen, deutlich zu verstehen. Und ihre Wichtigkeit verdient
eine gründliche Abhandlung.
"Von den einfachsten und von selbst entstehenden Fehlern der Säfte.
§. 58. Die in dem lebenden Menschen vorkommenden Säfte bleiben entweder roh, indem
sie noch die Natur der eingenommenen Nahrungsmittel beibehalten, oder sie haben durch die
Kraft der natürlichen Funktionen und durch Vermischung mit menschlichen Flüssigkeiten
einen, unsern Säften ähnlichen Character erhalten.
§. 59. Die erstem (§. 58) sind entweder von Pflanzen oder von andern Thieren her-
genommen.
§. 60. Unsere aus mehligen Pflanzen oder aus zeitigen, rohen odergegohrenen Früchten
gebildeten Säfte, wenn sie über unsere Lebenskräfte die Oberhand behalten, nehmen in uns
denselben Zustand an, in den sie ihrer Natur nach, wenn sie durch Hitze in Gährung ge-
setzt worden, versetzt werden. Am häufigsten entspringt hieraus saure Schärfe und fette
Klebrigkeit. Das erstere hauptsächlich aus gegohrenen und nicht gegohrenen Stoffen ; das
andere entsteht aus mehligen Feldfrüchten und Gemüsen, die nicht gegohren und nicht ge-
kocht sind; dahin gehören auch diejenigen, die durch ihr herbes Zusammenziehen die Zähig-
keit der Säfte erzeugen.
§. 61. Die dieser sauren Schärfe (§. 60) vorangehenden Ursachen sind: 1) Nahrungs-
mittel aus mehligen, flüssig-sauern, noch frischen, rohen, noch gährenden oder schon gegohrenen
vegetabilischen Th eilen. 2) Der Mangel an gutem Blute im Körper, der diese Nahrungsmittel
aufnimmt. 3,) Schwäche des Faserngewebes (§. 24. 29. 41.) der Gefässe und Eingeweide.
4) Mangel der thierischen Bewegung.
§. 62. Anfangs hat sie ihren Sitz hauptsächlich in den ersten Verdauungswegen, von da
geht sie langsamer in das Blut und endlich in alle Säfte über.
§. 63. Sie erzeugt saures Aufstossen, Hunger, Schmerz im Magen und im Unterleib?,
Blähungen, Krämpfe, Trägheit der Galle und verschiedene Veränderungen in derselben, sauern
Milchsaft, sauer riechende Exkremente. Dieses sind die Wirkungen der Säure im Magen
und in den Eiugeweiden.
§. 64. Im Blute erzeugt sie Blässe, säuerlichen Nahrungssaft ; daher bei den Weibern
saure oder vielmehr zu leicht sauer werdende Milch, sauern Schweiss, sauern Speichel ; daher
Jucken, Verstopfungen, Ausschläge, Geschwüre, zu rasches Gerinnen der Milch, vielleicht auch
des Blutes selbst, wodurch es zum Umlauf weniger fähig wird, dann Erregung des Gehirns
und der Nerven ; daher Krampf, gestörter Umlauf und der Tod erfolgen.
§. 65. Aus dem Gesagten (§. 60—65) erkennt man die gegenwärtige, zukünftige und
da gewesene Neigung zur Säure; ihre Wirkungen lassen sich durchaus vorher sagen, und ihre
Heilung wissen.
§. 66. Die Heilung wird bewirkt: 1) durch thierische und vegetabilische, der Säure entge-
gengesetzte, Nahrungsmittel. 2) Durch, dem guten Blute ähnliche Säfte von Raubvögeln.
3) Durch stärkende Mittel. 4) Durch starke Bewegung. 5) Durch Arzneimittel, welche die
Säure aufsaugen, verdünnen, einhüllen und verändern.
§. 67. Die Auswahl, Bereitungsart, Gabe und zeitgemässe Anwendung dieser Mittel,
beurtheilt der Arzt aus der Erkenntniss des Uebels, dessen Sitz, dem Zustande des Kran-
ken u. s. w.
§. 68. Hieraus erhellt, warum diese Krankheit Knaben, Trägen, Jungfrauen, Armen und
gewissen Künstlern so gemein ist.
§. 69. Der aus dem Pflanzenreiche entspringende fette Kleber hat als vorhergehende
Ursachen: 1) rohe, mehlige, herbe unreife Nahrungsmittel. 2) Mangel eines guten Blutes.
3) Schwäche der Gelasse, der Eingeweide, der Galle. 4) Verminderte thierische Bewegung.
5) Verflüchtigung der flüssigeren Thede durch die erschlaffenden nbscndernden Gefässe. 6) Zu-
rückhaltung der festeren Bestandtheile durch die Schwäche der aussondernden Gefässe.
§. 70. Er entsteht zuerst in den ersten Wegen der Verdauung, sodann im Blute und
endlich in den übrigen, hieraus entspringenden Flüssigkeiten.
§. 71. In den ersten Wegen bewirkt er Niederlage des Appetits; Gefühl von Vollheit;
Ekel; Erbrechen; Unverdaulichkeit der Nahrungsmittel; Trägheit der Galle, deren Verdickung
und Mangel; Erzeugung von Schleim im Magen und in den Eingeweiden; trägen und ge-
schwollenen Leib, Hindernisse in Bereitung, Vollendung und Absonderung des Nahrungssaftes.
§. 72. Im Blute erzeugt er Zähigkeit, Blässe, Stockung: in den Gefässen Verstopfungen,
Verwachsungen, blassen, kaum riechenden Urin; zähen Speichel; weisse Geschwulst; verhin.
62 2um sechsten Abschnitt.
derte Absonderungen ; Mangel an feineren Theilen ; dadurch bewirkt er Verwachsung der
kleinsten Kanäle.
§. 73. Dadurch werden die Verdauung, derümfluss, die Ab- und Aussonderungen, die natür-
lichen thierischen und Lebens-Verrichtungen sämmtlichgestört, worauf Erstickung und Tod erfolgt.
§. 74. Hieraus (§. 69 — 73) erhellt die Erkenntniss (Diagnose), die Vorhersage (Prog-
nose) und das Ursächliche (Anamnesis) dieser Krankheit, und was zu ihrer Heilung angezeigt
ist, ist nicht mehr in Dunkel gehüllt.
§. 75. Die Heilung wird bewirkt: 1) durch den Genuss von gut gegohrenen, mit Salz
und Gewürz bereiteten, Speisen und Getränken. 2) Durch Brühen von Geflügel. 3) Durch
Stärkung der Gefässe und Eingeweide. 4) Durch vermehrte Bewegung. 5) Durch verdünn-
ende, auflösende, reizende, gallenähnliche, seifenartige Mittel. 6) Durch Reiben, Wärme,
Baden, Blasen ziehende Mittel. Uebrigens werden die innern Theile des Körpers mit kleb-
rigen, dicklichen, käsigen, schleimigen, lehmigen, wachsähnlichen, erdigen, schaumigen,
steinigen, weinsteinartigen, entzündetem Serum, polypösen, honiggeschwulstähnlichen, speckig-
en, dicken, breigeschwulstartigen und skirrhosen Concrementen angefüllt. Ganz vorzüglich
muss man sich hüten, dass man nicht den gutartigen, natürlichen, erweichenden, schlüpfrig-
machenden, vertheidigenden Schleim, der den Augen, den Augenlidern, der Nase, dem Munde,
dem Schlund, der Kehle, dem Magen, den Eingeweiden, dem Becken, den Harnleitern, der
Harnblase, der Harnröhre, den schleimigen Scheiden der Sehnen, den Gelenken, der Speise-
röhre, der Luftröhre, den Bronchien zu nöthigem Gebrauch gegeben worden, mit einer krank-
haften Schleimmasse verwechsele. Ein Irrthum , der bei Unwissenden und Afterärzten
nur zu häufig vorkömmt.
§. 76. Einige Pflanzen sind überfüllt mit einer Materie, die, von selbst in Verderbniss
übergegangen, nicht sauer wird noch gerinnt, sondern in eine flüchtige, stinkende Masse, fettes
Alkali, aufgelöst wird; dergleichen sind fast alle gewürzreichen, sehr scharfen Pflanzen. Diese
werden zwar selten in so grosser Menge eingenommen, dass sie allein eine Krankheit hervor-
bringen könnten ; wo dieses aber der Fall sein sollte, da wird sie zu den, vom scharfen öligen
Alkali entstehenden gehören.
§. 77. Die aus den thierischen Theilen bereiteten Flüssigkeiten sind verschieden: 1) nach
der Verschiedenheit der Nahrung, von welcher sich die Thiere erhalten; 2) nach der Ver-
schiedenheit des Theils, welcher verzehrt wird. «
§. 78. Denn die Thiere, die von Kräutern und Wasser leben, haben einen säuerlichen,
oder wenigstens leicht säuerlich werdenden, Milchsaft, und auch eine solche Milch ; was in
uns, indem es seiner Natur folgt, einen, dem Pflanzenstoffe sehr ähnlichen Nahrungssaft her-
vorbringt (§. 61 — 76), und eine träge, gepresstem Käse ähnliche Masse in den ersten Wegen
erzeugt; dieses ist eine besondere Art dieser klebrigen Materie.
§. 79. Diejenigen Thiere, die sich von andern Thieren nähren, haben alle zu alkalischen
Veränderungen mehr geneigte Säfte.
§. 80. Wenn die Nahrungsmittel durch die Kraft unseres Körpers (§. 58) schon in solche
Flüssigkeiten verwandelt sind, wie sie nach vierundzwanzigstündiger Enthaltung von Speise
und Trank im gesunden und kräftigen Körper gefunden werden : so nehmen sie, wenn sie dann
der Ruhe und der Wärme überlassen, oder auch wenn sie stark bewegt werden, überall die-
selbe Natur der anfangenden Fäulniss an.
§.81. In den Nahrungsmitteln aber aus andern Thieren ist sogleich, noch vor der
unserm Körper beizumessenden Veränderung, jene Neigung zur Fäulniss von selbst vorhanden.
§. 82. Diese Fäulniss (§. 80. 81) bedeutet denjenigen Zustand der Säfte, wo sie viel
Wasser ausdampfen; wenn die verdünnte Salzmaterie ihrer sauern Theile beraubt oder auch
verändert, und von ihrer Erde und von ihrem Oele getrennt wird : so wird sie scharf, flüchtig
und alkalisch; der übrige Theil, um einen Theil dünner, wird gleichfalls seiner Erde beraubt,
mit jenem scharfen Salze gemischt, scharf, flüchtig und stinkend; den andern Theil des Oels
aber, auf das innigste mit der ihres Wassers, Salzes und Oeles beraubten Erde vermischt,
geht in eine schwarze, dicke, unbewegliche Masse über.
§.83. Insekten, Fische, Amphibien, fliegende, kriechende, gehende, schwimmende
Thiere, Menschen endlich neigen von selbst ihrer eigenen Natur nach immer zu dieser Fäul-
niss (§. 82) hin ; niemals werden sie in saure Veränderung übergehen.
§. 84. Die dieser Fäulniss (§.82) vorangehenden Ursachen sind: 1) aus anderen Thieren
genommene Speisen, ausgenommen Milch von Gras fressenden Thieren (§. 78), besonders
Speisen von Iusecten, Fischen, Raubvögeln, Alkali enthaltenden Pflanzen. 2) Ueberfluss von
gutem Blute, oder wenn es schon der Fäulniss nahe ist. 3) Grosse Stärke der Gefässe und
Eingeweide (§. 50 — 54), Galle. 4) Stockung oder zu grosse Erregung von zu träger oder zu
Herrn. Boerhaave. 63
starker thierischer Bewegung. 5) Grosse , zu lange und zu viel auf den Körper wirkende
Wärme.
§. 85. In den ersten Wegen erzeugt sie Durst, Mangel an Appetit, ranziges Aufstossen,
fauligen und verdorbenen Geruch, bittere und faulige Unreinigkeiten im Munde, auf der Zunge,
an dem Gaumen, Ekel, Erbrechen einer fauligen, galligen Masse, Widerwillen gegen Alles,
ausgenommen gegen wässerige und säuerliche Dinge , faulige Cruditäten , gallige Diarrhoe,
entzündliche Leibschmerzen, das Gefühl einer beschwerlichen Hitze.
§. 86. Im Blute erzeugt sie dessen faulige Auflösung; eine alkalische, ölige, flüchtige
Schärfe; Unfähigkeit zum Nähren; Neigung zum Verzehren; Zerstörung der kleinsten Ge-
fässe ; daher stört, verschlechtert, vernichtet sie alle Funktionen der festen und flüssigen Theile,
wonach der Kreislauf, die Absonderung und Aussonderung verändert werden; hierauf folgen
hitzige Fieber, Fäulniss des Urins und aller Absonderungen, Entzündung, Eiterung, heisser
und kalter Brand, Tod.
§. 87. Hieraus (§. 76. 79 — 86) ergiebt sich deutlich die Diagnose, die Vorhersage und
die Heilmethode dieser Krankheit.
§. 88. Diese wird bewirkt: 1) durch schnell sauer werdende oder schon sauere Speisen
und Getränke, wie mehlige in Wasser gekochte, oder schon im Beginnen der Gährung zube-
reitete Substanzen; Milch, deren vegetabilische Bestandtheile, frühzeitige Gartenfrüchte, deren
rohe Säure oder gegohrene, weinige oder essigähnliche Säfte. 2) Durch säuerliche Arznei-
mittel, die aus rohen oder gegohrenen Pflanzenstoffen bereitet, oder aus Salzen und Schwefel,
die mit Hülfe des Feuers in Säuren verwandelt worden sind. 3) Durch salzige Mittel, die das
Alkali aufsaugen, wie Steinsalz, Seesalz, Salpeter. 4) Durch verdünnende wässerige Ge-
tränke. 5) Durch gelind einhüllende Mittel, wie mehlige, vegetabilische Emulsionen oder
Abkochungen; auch die sehr gerühmten Erden (Boli), die aus einer balsamischen säuerlichen
und klebrigen einhüllenden Masse bestehen. 6) Durch seifenartige, reinigende, öligsäuerliche
Mittel, Sauerhonig und säuerliche Seifen. 7) Durch Ruhe, Schlaf, Dampfbäderund Bähungen.
§. 89. Daraus geht hervor, warum es gut ist, wenn saueres Aufstossen auf fauliges
folgt; warum und welchen Genesenden der Geschmack des Salmiaks beschwerlich ist; warum
der säuerlich riechende Schweiss in hitzigen Krankheiten heilsam ist; welche Schärfe sauer,
welche alkalisch, gallig, ölig ist; welche Krankheiten im eigentlichen Sinne faulig genannt
werden können ; warum diese hauptsächlich die stärksten und die vollblütigen Menschen be-
fallen. Auf die Frage: ob im lebenden Menschen wahrhaftig alkalische Säfte gefunden werden,
antworte ich aus Erfahrung, dass dieses höchst selten der Fall ist. Lange in der Blase zu-
rückgehaltener, oder in einem schwammigen Stein aufgesogener Urin, kann vielleicht zuweilen
so verändert werden. Ausserdem erfolgt vorher der Tod, indem die schwammigen Enden der
lebendigen Theile durch die, noch nicht in Alkalien übergegangenen, Schärfen zerstört
worden sind. •
§. 90. Daraus geht endlich auch hervor, welcher Schade aus zu starkem und zu schwa-
chem Umlauf der Flüssigkeiten entsteht, und wie dessen Wirkung, nach der Verschiedenheit
des Ortes, wo er stockt, und der Flüssigkeiten, worauf er wirkt, verschieden ist, und welcher
Nachtheil von Stockungen oder ausgetretenen Säften entsteht. Demnach ist auch die Ent-
stehung des zähen Leims nicht mehr dunkel, wodurch unsere Säfte dicker und schwerer be-
weglich werden ; wenn durch langes Kochen aus thierischen Substanzen bereitete, gesättigte
Abkochungen in zu grosser Menge verzehrt werden; oder auch, wenn Bedeckungen der Thiere
und deren zähe und klebrige Extremitäten zu begierig und zu lange genossen werden; denn
hieraus entsteht eine andere Art von Schleim, verschieden von dem schon im §. 75 angeführten.
Von der Verstopfung.
§. 107. Verstopfung ist die Verschliessung eines Kanals, welche der durchfliessenden,
gesunden oder kranken, Lebensflüssigkeit den Durchgang verbietet ; entstanden, wenn die
durchfliessende Masse die Weite des durchlassenden Gefässes überschreitet.
§. 108. Sie ensteht aus der Engigkeit der Gefässe, aus zu grosser Menge der flüssigen
Masse, oder aus der Verbindung von beiden.
§. 109. Die Verengerung des Gefässes entspringt durch äusserliches Zusammendrücken,
eigene Zusammenziehung, oder Vermehrung der Dicke der Häute des Kanals selbst.
§. 110. Die Masse der Theile wird vermehrt durch Verdickung der Flüssigkeit oder Ver-
wechselung des Ortes.
§. 111. Aus beiden aber vom Zusammenwirken beider Ursachen (§. 109. 110).
§. 112. Die Gefässe werden von aussen zusammengedrückt:
]) Von einer in der Nähe befindlichen Geschwulst, plethorischen, entzündeten, eiterigen,
64 Zorn sechsten Abschnitt.
skirrhosen, krebsigen, ödematösen, balgeschwulst-, grütz-, brei-, honiggesclvwulst-, hvdatiden-
artigen, aneurisinatischen, varikösen, knochenartigen, schleimigen, steinigen, eallösen Ursprungs.
2) Von zerbrochenen, verrenkten, verbogenen oder au.seiuandergezogenen, haitenTheib-n,
welche die nachgiebigen Gefässe zusammendrücken.
3) Von jeder Ursache, welche die Gefässe zu sehr zieht und ausdehnt, es sei nun durch
Geschwulst, oder den Druck eines, ausserhalb seines ihm zukommenden Ortes gelegenen
Theiles, oder von einer äusserlichen ziehenden Gewalt.
•i) Von äusserlich zusammen drückenden Ursachen, wohin enge Kleider, Binden, die Last
des uuf einem Theil ruhig aufliegenden Körpers, Bänder u. s.w. gehören, Bewegung, Reibung,
Andrücken eines Theiles gegen andere Körper.
§. 113. Die vermehrte Zusamrnenziehung des Gefässes besonders der Spiralfasern, auch
der Längenfasern, verengert die Höhle desselben, und sie entsteht: 1) von jeder Ursache, welche
die Elastizität der Fasern, des Gefässes, der Eingeweide vermehrt (§. 31. 36. 40. 50. 51.)
2) Von der Anschwellung der zu sehr angefüllten, kleineren Gefässe, ans deren Verflechtung
die Wände und die Höhlungen der grösseren gebildet werden. 3) Von der Verminderung der
die Gefässe ausdehnenden Ursache, sie sei nun Leere oder Schwäche: daher die zerschnittenen
Kanäle die ihnen angehörigen Flüssigkeiten in Kurzem anhalten.
§. 114. Die Dicke in der eigenen Haut des Gefässes wird vermehrt: 1) durch jede Ge-
schwulst (§. 112. Nr. 1), die in denjenigen Gefässen ensteht, die vereint und verwebt eine
Haut bilden. 2) Durch ebendatelbst entstandene knorpelige, häutige, knochige An-
schwellung (§. 51).
§. 115. Die Grösse der flüssigen Theile, so dass sie nicht durchdringen können, wird
vermehrt: 1) durch Veränderung der runden Gestalt in eine andere, welche die Oeffnung des
Gefässes, in das sie eindringen sollen, an Grösse übertrifft. 2) Durch die Vereinigung mehrerer,
früher getrennter, Theile in eine Masse.
§. 116. Die Gestalt wird hauptsächlich verändert, wenn der von allen Seiten gleich-
förmige Druck gegen das Atom (Molecula) aufhört, das seiner eigenen Spannkraft überlassen
bleibt, d. h. wenn die Bewegung träger wird durch Erschlaffung der Gefässe oder verringerte
Menge der Flüssigkeit.
§. 1 17. Die Atome (Moleculae) werden verdichtet durch Ruhe, Kälte, Frost, Austrocknung,
Wärme, heftig bewegten Blutumlauf und stark drückende Gefässe, durch saures, herbes, spiri-
tuöses, absorbirendes Gerinnsel (Coagulum), durch Zähigkeit und Fettigkeit.
§. 1 18. Wegen Verirrung sind die flüssigen Theile unfähig durchzudringen, wenn ein
Körperchen in die erweiterte Mündung eines kegelförmigen Kanals eindringt und nun nicht
mehr durch das viel engere Ende hindurch kann. Vollblütigkeit, vermehrte Bewegung, Aus-
dehnung der Flüssigkeit, Erschlaffung des Gefässes erzeugen vor allen diese Erweiterung; be-
sonders wenn auf diese vorausgegangenen Umstände plötzlich das Gegentheil davon erfolgt.
§. 119. Hieraus erhellen die Ursachen und die Natur einer jeden Verstopfung.
§. 120. Wenn diese im lebenden Körper entstanden ist, so hindert sie den Durchgang
der flüssigen Materie; sie hemmt die übrige dagegen dringende Masse; sie hebt ihre Thätigkeit
auf; sie presst die dünneren Theile aus; verdichtet die dickeren; dehnt das Gefäss aus; er-
weitert, verdünnt es, löst es auf; verdickt die stockende Flüssigkeit; hebt die in ungestörter
Flüssigkeit begründeten Verrichtungen auf; entleert die damit zu befeuchtenden Gefässe und
trocknet sie aus; vermindert die Weite der Gefässe jiegeu die durchzulassende Flüssigkeit ;
vermehrt die Menge der Flüssigkeit und die Schnelligkeit ihrer Bewegung in den freien Ge-
fässen ; und erzeugt daher alle hiervon abhängigen Uebel.
§. 121. Daher sich jene Wirkungen (§. 120), je nach der Verschiedenheit des verstopften
Gefässes und der verstopfenden Materie, mit verschiedenen Erscheinungen zeigen.
§. 122. In den blutführenden rothen arteriellen Gefässen entsteht die Entzündung erster
Art; in den serösen gelben arteriellen Gefässen entsteht die rothe Entzündung dmch Ver-
irrung des Ortes, oder die heisse gelbe, jenen Gefässen, als gelbe, eigenthümliche; in den
arteriellen lymphatischen erweiterten Gefässen entsteht die gelbe Entzündung der zweiten Art
durch Verirrung des Ortes, oder die durchsichtige, hitzige, diesem Gefäss eigenthümliche; in
den grösseren arteriellen Lymphgefässen erzeugt sich die hitzige Wassergeschwulst, in den
kleinereu Schmerz ohne sichtbare Geschwulst; andere Erscheinungen zeigen sich in den fett-
führenden, knöchernen, markigen, Galle bereitenden, nervigen Theilen.
§. 123. Wer aber den Sitz, die Natur, die Materie, die Ursachen, die Wirkungen der
Verstopfungen, die bisher (§. 107 — 123) aufgezählt worden, kennt, dem werden die Zeichen,
aus welchen die erfolgende und die vorhandene Verstopfung erkannt wird , nicht unbe-
kannt sein. '
Herrn. Boerhaave. 65
§. 124. Und nach Erkenntniss ihrer Verschiedenheit, wird es nicht schwer sein, die einer
jeden zukommende Heilmethode zu bestimmen.
§. 125. Denn die, welche von einem äusseren Druck (§. 112) entspringt, erfordert die Entfer-
nung der Ursache, die, wo sie möglich, aus der folgendenBeschreibung derselben herzunehmen ist.
§. 126. Diejenige aber, welche von der vermehrten Zusammenziehung der Fasern ent-
steht, wird aus den Zeichen erkannt, welche die übermässige Zusammenziehung der Einge-
weide, der Gefässe, der Faser kund geben (§. 34. 36. 40. 50. 53.); bei der, wo die Zusammen-
ziehung aus der zweiten Ursache (§. 113. Nr. 2.) entsteht, sind die Zeichen durch die ihrer
Ursache deutlich; sowie auch die, die wir der vorhergegangenen Entleerung zugeschrieben
haben (§. 113. Nr. 3).
§. 127. Diese Verstopfung (§. 113. 126.) wird geheilt: 1) durch Mittel, welche die zu
grosse Zusammenziehuug der Faser, des Gefässes, des Eingeweides vermindern (§. 35. 36. 38.
54. 55.). 2) Hauptsächlich wenn ihre Wirkung unmittelbar auf die leidende Stelle selbst an-
gewendet werden kann, welches besonders mit Dämpfen, Bähungen, Bädern, Salben, der Fall
ist. 3) Durch solche Mittel, welche die überfüllten kleinen, die Membranen zusammen-
setzenden, Gefässe entleeren. Dahin gehören entleerende Mittel im Allgemeinen; aber vor-
züglich, wenn sie auf jene Gefässchen unmittelbar wirken, wie die erschlaffenden, auflösenden,
zertheilenden, abspühlenden, ausleerenden Mittel. 4) Durch solche, welche eine entstandene
Verhärtung der Häute (Callosität) zertheilen.
§. 128. Die Art von Verstopfung aber, welche aus dieser Ursache entstanden ist, kann
nur selten, wenn überhaupt jemals, geheilt werden. Erweichende und erschlaffende Mittel
sind die vorzüglichsten. Hieraus erhellt die unvermeidliche Nothwendigkeit des Todes und die
grosse Schwierigkeit, durch Arzneimittel ein langes Leben zu erhalten.
§. 129. Die Unfähigkeit der Flüssigkeiten, durch die Gefässe hindurch zu fliessen, die
aus dem Verlust der runden Gestalt entspringt, wird aus ihren eingesehenen Ursachen (§. 116)
erkannt, da diese meistens in die Sinne fallen.
§. 130. Geheilt aber wird sie durch solche Mittel, welche jene Gestalt wieder herstellen.
Dergleichen sind solche , die die Bewegung durch die Gefässe und Eingeweide vermehren,
wie alle reizende und stärkende Mittel ; sodann auch beschleunigte thierische Bewegung.
§. 131. Die verdickte zusammengetretene Masse der Flüssigkeit, da sie aus sehr ver-
schiedenen Ursachen (§. 117) entstehen kann, erfordert auch, je nach ihrer Entstehung, ver-
schiedene Mittel und verschiedene Heilmethoden ; welche Verschiedenheit auch in den einzelnen
Krankheiten untersucht werden, und die angezeigten Hülfsmittel und die Art ihrer Anwendung
angeben wird,
§. 132. Im Allgemeinen werden zusammen getretene Massen aufgelöst: 1) durch wech-
selsweise Bewegung des Gefässes. 2) Durch Verdünnung. 3) Durch Einführung, Zumischung
und Mitbewegung einer auflösenden Flüssigkeit. 4) Durch Entfernung der verdickenden Ursache.
§. 133. Die wechselsweise Bewegung in dem Gefässe wird bewirkt: 1) durch solche
Mittel, welche die, die Gefässe ausdehnende, Ursache verringern, wie die Aderlässe. 2) Durch
solche, welche die Gefässe stärken (§. 28. 29. 45—47. 49.) 3) Durch Reiben und Muskel-
bewegung. 4) Durch Reizmittel.
§. 134. Auflösend wirkt das Wasser, vorzüglich das warme, wenn es getrunken, einge-
spritzt, in Dampfform angewendet wird, und wenn es dann zu den Theilen gelangt, wo es auf-
lösen soll. Dahin gehören die ableitenden, anziehenden, forttreibenden Mittel.
§. 135. Verdünnende Mittel sind: 1) Das Wasser. 2) Seesalz, Steinsalz, Salmiak,
Salpeter, Borax, fixes und flüchtiges Alkali. 3) Natürliche, künstliche, russige, flüchtige
Seifen aus Alkali und Oel. Galle. 4) Quecksilberpräparate. — Diese werden durch ablei-
tende, anziehende, forttreibende Mittel an die nöthigen Orte hingeführt.
§. 136. Die Gerinnen machende Ursache wird entfernt durch die Anziehung eines andern,
stärker anziehenden Mittels. So werden Säuern, auch Oele von Alkalien u. s. w. angezogen,
was hauptsächlich durch chemische Versuche gefunden wird.
§. 137. Da aber eine Flüssigkeit, wenn sie an einen, ihr fremden Ort getrieben wird,
nicht durchdringen kann und dadurch Verstopfung erzeugt: so entstehen dadurch viele hart-
näckige Krankheiten, daher dieses Uebel genau erwogen zu werden verdient.
§. 138. Wir wissen, dass dieses geschehen ist, wenn uns bekannt ist: 1) dass die Ur-
sachen davon (§. 118), die oft sichtbar genug sind, vorausgegangen. 2) Dass hierauf diesen
entgegen wirkende, gefolgt sind. 3) Wo wir deutlich die Wirkungen davon sehen. (§.120 — 122).
§. 139. Es ist auch leicht vorauszusehen, was aus diesem vorhandenen Uebel folgt,
durch dasjenige, was §. 120—123 erläutert wurde.
Belege zu Wunderlich'» Gesch. d. Med. 5
fiß Zum sechsten Abschnitt.
§. 140. Die Heilung wird bewirkt: 1) indem durch rückgängige Bewegung das Stockende
in die grössern Gefässe zurückgetrieben wird. 2) Durch Auflösung desselben. 3) Durch Er-
schlaffung der Gefässe. 4) Durch Eiterung.
§. 141. Das Stockende Wird zurückgebracht: 1) durch Ausleerung der Flüssigkeit, die
das Stöckende drängt, vermittelst grosser, schneller Blutentziehung, wonach es durch den Druck
des zusammengezogenen Gefässes "zurückgetrieben wird. 2) Durch Reibung des Gefässes von
seinem Ende gegen seinen Anfang.-
§. 142. Das Stockende "wird aufgelöst durch die oben(§. 133 — 137) angegebenen Mittel.
§. 143. Die Gefässe werden erschlafft durch die (§. 35. 36. 54.) vorhergenannten Mittel.
§. 144. Von der Eiterung wird in der Geschichte der Entzündung gehandelt werden.
Gorter's systematische Eintheilung der Krankheiten:
Partes corporis humani distinguuntur in solida et liquores.
I. Morbi solidorum referuntur ad simplicem eohaerentiam, sensum, motum.
A. Morbi simplicis cohaerentiae referuntur ad nexum, actionem physicam et causas mutantes.
1. Nexus ille est firmior, debilior, solutus.
a. Firmior nexus distinguendus robore cohaerentiae majore, rigiditate.
b. Debilior nexus continet debilitatem et fragilitatem, laxitatem.
2. Actio physica complectitur elasticitatem, inertiam, robur contractilitatis majus, flacci-
dam fibram et contractionem minorem.
3. Causae mutantes reducuntur ad extensionem seu elongationem , adductionem seu
COmpactum, siccitatem, humiditatem vel uliginem.
B. Sensus continet nervös et spiritus, sensus in genere, dolores.
C. Morbi ex motu dividuntur in motum minorem seu languidiorem, motum majorem seu
fortiorem.
1. Motus minor distinguitur in motum solidorum languidum, tremorem, debilitatem,
paralysin.
2. Motus major continet motum oscillatorium majorem, mobilitatem solidorum, singultum,
palpitationem cordis et aliarum partium, horrorem et rigorem, convulsionem seu spasmum.
II. Morbi liquorum referuntur ad quantitatem, qualitatem, motum.
A. Quantitas absolvitur cognitione sanguinis fluxus, mensium purgationis, mensium sup-
pressionis, hydropis, urinae.
B. Qualitatis vitia referuntur ad totam massam, unicam tantum particulam.
1. In tota massa proponuntur: putredo, salia et acrimonia salina, cruditas et austeritas,
visciditas et pituita, lentor seu diathesis phlogistica, coagulatio et polypus, crassitudo, tenuitas.
2. In una particula acrimonia.
C. Motus vel est auctus, minutus, türbatus:
1. in motu aucto inflammatio, abscessus, calor corporis.
2. in motu minore frigus corporis.
3. in motu turbato febris.
Eine Krankengeschichte de Haeil'S: de singulari modo respirationis, et motus
cordis (aus der Ratio medendi Part. II. cap. 8.)
Erat 43 annos natus, rudiori assuetus labori, 30 abhinc annis spinam ventosam ad dex-
tram claviculam passus ; quaehucusquequovis biennio aut triennio recrudescens, festucas osseas
ejicefe solebat; caetera sanus.
Anni octo elapsi erant, cum a valido ligno resiliente femur sinistrum contunderetur, atta-
men sine ullo mali relicto vestigio penitus sanesceret. Septem vero abhinc mensibus denuo
gravi ligno sinistram coxam contusus, male habuit ; bimestri tarnen spatio hortulani continuans
labores, demum se quieti dedit. Postquam tumore sinistri femoris per sex menses mals ha-
buisset, disparuit tumor omnis, cessavitque dolor, et sensim femur dextrum tumere ac dolore
inchoat. Hunc tumorem, mensis spatio passus, nobis exhibuit pure refertus. Aperto eo tres
unciae puris effluxere, immissus vero Stylus sinuosum ulcus ostendit.
Postquam quatuor ab apertura diebus se optime habuisset, sublata eum peripneumonia
prehendit, pure quamvis rite ex ulcere fluente: hanc iterata missio sanguinis, penitus phlo-
gistici, et idonea remedia, ad quartum diem egregie solverunt: ita ut cum respiratione non
impedita, semper dein miti febre continua remitteute laboraret, et appetitu perpetuo bono
gauderet; donec demum colliquante diarrhoea, ichoris ex ulcere effluxu, immobilitate affecti
cruris, urinis denique tum colore, tum crassamento, fuscis, difricilique respiratione praepressis,
moreretur,
de Haen. 67
In cadavere clavicula et tumens, et exesa hinc inde ; caeterum nihil in tota vicinia mali.
Os femoris laevum, bis contusum, vera mali origo et sedes, integerrimum fuit. Os autem
femoris dextri, ad quod decem ante mortem septimanis materiae metastasis facta erat, orbum
periosteototum, scabrum eterosum; acetabulum sine cartilagine, sine periosteo, sine glandula :
ipsaque theca ligamentosa ad acetabulum magnam partem consumta.
In jejuno intestiuo susceptio notabilis quatuor pollices longa, multum quamvis corrugata,
cum parte superiore in inferiorem prolapsa; mox parvae duae aliae ibidem, binaeque similes,
sed inverso ordine, in duodeno. Colon a dextro latere medium ventrem emensum, ubi se
hepati pluribus ligamentis affixerat, replicuit sese ad spithamae longitndiuem versus dextrum
latus, indeque reflexum, lienem petebat, sub quo ingenti formato sacco, solitam deinceps viam
absolvebat.
Thoracem rimatus, pulmones ita nexos inveni, ut simile quid nee viderim, nee legerim
unquam. Nam non fuit in toto thorace, universoque pulmonum in ambitu, vel unicum punctum
a cohaesione liberum. Quippe cohaerebat pulmo cum tota pleura, cum universo diaphrag-
mate, integro cum pericardio, sternoque. Modus autem cohaerentiae adeo firmus erat, ut
nemo nostrum, citra dilacerationem, vel minimam solvere portionem posset.
Connectebant enim eosdem tenacissima, non dilatabilis, et ubi vi partes a se invicem
distrahebantur, vix semilineam crassa, cellulosa membrana. Imo toto sinistro in latere, tena-
citatis cellulosae loco, vera reperta sarcosis ; veluti si pleura degenerasset in crassissimam
carnem rubram, insertam alte in pulmonum substantiam, ab eaque inseparabilem lobi quoque
omnes inter sese eadem tenacissima cellulositate coivere.
Sed nihil mirabilius contemplatione cordis. Ut enim pericardium omni in puncto aretissime
unitum cum pulmonibus erat, ut jam dixi, ita interno pariete suo, ope ejusdem tenacissimae
texturae cellulosae, tarn firmiter cum corde, ejusque auriculis, sinibus, ac vasis majoribus
omnibus concreverat, ut solvere nemo, nisi lacerando, posset. Praeterquam quod crassus
saecus, ceu nova genitura, aortae ad pollicem latum undique, firmiterque, circumeretus, et
intime connatus, reperiretur. Cavum sinistrum cordis circiter solitam, dextrum vero vix quar-
tam partem solitae crassitudinis habebat.
Porro nemo nostum vidit hominem hunc laboriose respirantem, cum 4 Martii hujus, quem
vivimus, anni, circiter 50 gradus conscenderet, consilium, cum caeteris adventantibus paupe-
ribus, petiturus. Nee vitiose respiravit quatuor primis diebus, uti neque post peripueumoniam
curatam, nisi sub mortem. Respiratio tantum fuit naturali brevior, pulsusque naturali paulo
celerior ac debilior, vix tarnen inaequalis.
Homo ergo hie cohaesiouem habuit, cur forte similis non visa unquam: attamen non su-
bita, sed lenta morte, cujus causae aliunde notae, periit.
Sed consideremus jam actionem cordis. Cor hoc cum auriculis, ac sinibus, vasisque majo-
ribus, intra pericardium plane immobile fuit ; idque non partim ut pluries vidi, sedubiquelocorum,
concretione valida, vi tantummodo dilaceranda.
Si igitur hie contemplemur totum thoracem, pleuram, diaphragma, pulmonem, pericar-
dium, cor, vasa majora, mediastinum, non fuisse nisi unicum solidum, quomodo actiones vis-
cerum vitalium horum explicabimus ? Si quis cogitaverit musculosam osseamque fabricam
thoracis dilatasse thoracem, aera in dilatatos pulmones intrasse, laxatis iterum musculis
dilatantibus, thoracis capacitatem hinc imminutam aera expulisse, et hac ratione quandam
exercitam fuisse respirationem ; respondeo ejusmodi respirationem si possibilis fuisset, longe
sane laboriosiorem observari debuisse, quam eandem nos omnes in hoc homine observaverimus.
Sed praeterea, quis cordis motum explicabit? An tota concreta massa dilatata, cor quo-
que dilatatum fuerit?
Tunc semel modo in singula respiratione impleri, ac depleri potuit ,• dum naturaliter quater,
quinquies, in singula respiratione pulset. Sed homo habuit semper, etiam usque ad finem
vitae, pulsum celeriorem, non palpitantis, sed evacuantis se cordis, argumentum. Si aorta
arteria in singula respiratione semel modo dilatata et angustata fuit, cur per suos in carpo
ramos potuit, v. g. in febre peripneumonica, frequentes producere pulsus?
Sane qnocumque modo rem examino, volvo, ac revolvo, non invenio nisi ubique insupera-
biles mihi difficultates ; cohaerentia .euirri descripta notas cujusdam vetustatis habet, ob idque
comunes physiolgicas regulas repudiat.
An ergo etpraeter, et contra, communes leges naturales homo vitam vivere possit? Noster
vixit, ergo potuit.
Stoll. Ueber verschiedene Formen von Pleuresie.
Der 'Arzt ist oft zweifelhaft, ob er eine gallichte, oder inflammatorische, oder eine aus
5*
68 Zum sechsten Abschnitt.
beyden zusammengesetzte Pleuresie vor sich hat. Man muss, um sichere Unterscheidungs-
zeichen zu haben, auf folgendes Rücksicht nehmen.
1) Was für eine Epidemie zu der Zeit herrscht.
2) Man muss die oben erzählten Symptome der Brustkrankheiten im Gedächtniss haben.
3) Es lässt sich vieles aus dem vorhergehenden' Gesundheitszustand erklären. Die ■wahre
entzündliche Pleuresie befällt bisweilen unverhoft die stärksten Personen. Die unächte gal-
lichte Pleuresie hat einen langsamen Gang, und ist schon lange vorher aus den Zeichen der
Verderbniss des Magensystems erkennbar.
4) Diese letztere greift hauptsächlich Leute an, die rohe Nahrungsmittel geniessen, einen
sehr schwachen Magen haben, und von gallichtem Temperament sind.
5) In der unächten Pleuresie vermehrt sich der Schmerz selten während desAthemholens,
da bey der wahren alles Husten und Einathmen die grösste Beschwerde macht. Die gallichte
Pleuresie ist selten mit einem Bluthusten verbunden, ausser, dass bei dem allerheftigsten
Husten etwas Blut ausgeworfen wird.
6) In der unächten Pleuresie ist der heftigste Schmerz in der Gegend der Herzgrube, der
Hypochondern, des Unterleibes und der Lenden, welches in der wahren nicht ist.
7) In der unächten Pleuresie geht lange zuvor ein Durchfall vorher : welches in der
wahren nicht gewöhnlich, sondern nur zufällig geschieht.
8) In der gallichten Pleuresie ist lange vorher, oder gleich im Anfange der Krankheit,
der Urin nicht dunkelroth, sondern gelb, dem Gelben im Ey ähnlich, gallicht, oft mit einem
schleimigten, ziegelrothen Bodensatz. In der wahren Pleuresie ist der Urin dunkelroth, geht
sparsam ab, ist ohne Bodensatz.
9) Die wahre Pleuresie wird von einem anhaltenden Fieber begleitet, welches gewöhnlich
Abends ohne untermischtes Schauern etwas zunimmt. Das Fieber hingegen, welches sich mit
der gallichten Pleuresie verbindet, gehört unter die Ciasse der nachlassenden anhaltenden
Fieber (Feb. continuarum remittentium), welches keine regelmässige Exacerbationen hat.
10) Der Puls der wahren Pleuresie ist stark und hart, und durchsägt gleichsam den füh-
lenden Finger (tactum serrat). In der einfachen gallichten ist er weich, und nach Verschie-
denheit der Subjecte von verschiedener Schnelligkeit.
Gemeinschaftliche Symptome der wahren und der gallichten Pleuresie.
1) Bitterkeit im Munde, welche gewöhnlich die gallichten Krankheiten begleitet, aber
auch fehlen kann, wenn gleich sehr grosse Anhäufungen von Galle in den ersten Wegen vor-
handen sind. Aber es ist kein entscheidendes Kennzeichen; sie findet sich auch, wo kein
gallichter Stoff gegenwärtig, selbst in der ächten Lungenentzündung.
2) Neigung zum Brechen, oder wirkliches Erbrechen. Dieses kann auch bey einer
wahren Entzündung erfolgen , indem die Entzündung der Lunge das Zwerchfell, den Magen
und den Speisekanal vermöge einer Sympathie angreift, ohne dass die Ursache im Magen liegt.
3) Der gallichte Auswurf beweiset keine gallichte Pleuresie. Bei jedem heftigen Brechen
wird die Galle in den Magen und in die Gedärme gedrängt und weggebrochen. Diess be-
gegnet auch Gesunden.
4) Böthe des Gesichts, der Wangen etc. trifft man in beyden Gattungen der Pleuresie.
Die Gesichtsfarbe kann blass und grünlicht, auch roth, sogar das Weisse im Auge roth seyn,
bey Kranken, die an einem unverdaulichen Stoff in den ersten Wegen leiden. Diese blasse,
grünliche Farbe kann ebenfalls die entzündliche Pleuresie begleiten.
5) Mit Blut vermengter Auswurf, ist ein zweydeutiges Zeichen, ob zwar mehr der wahren
als der gallichten Pleuresie eigen. Doch kann auch in dieser durch heftigen Husten, bei
schwacher Lunge, eine Zerreissung der kleinen Gefässe statt finden, wodurch etwas Blut aus-
geworfen wird.
Merkwürdig ist auch die rhevmatische Pleuresie. Sie unterscheidet sich durch
folgende Symptome von der wahren Pleuresie :
1) Die Vorbothen waren rhevmatische Schmerzen der obern und untern Gliedmassen,
welche auch bisweilen während der Krankheit fortdauerten.
2) Der Anfang dieser Pleuresie ist meist ohne Fieberschauer oder mit vorübergehendem
Frösteln, — da hingegen die wahre Pleuresie mit einem starken Froste beginnt , welcher
mehrere Stunden anhält.
3) Mit dem Froste tritt in der unächten Pleuresie bald der Seitenschmerz ein. In der
inflammatorischen erfolgt der stechende Schmerz erst einige Stunden nach dem heftig-
sten Froste.
4) In der rhevmatischen Pleuresie zieht sich der Schmerz in die Gegend der Herzgrube,
Stoii. 69
des Unterleibes, über die ganze Brust, bis zwischen die Schultern. In der wahren hat er nur
einen kleinen Umfang.
5) Die rheumatische Pleuresie unterscheidet sich von jener durch den fliegenden Schmerz.
6) In der rhevmatischen Pleuresie ist das Anfühlen des schmerzhaften Theiles fast un-
erträglich. Nicht so in der wahren.
7) In der rhevmatischen Pleuresie fühlt der Kranke auf der gesunden Seite liegend Er-
leichterung, in jener wird es ihm beschwerlich.
8) Die Beklemmung und das schwere Athmen, welches in der wahren Pleuresie so heftig,
ist in der rhevmatischen unbedeutend.
9) In der rhevmatischen ist die Zunge und der Schlund meistens schleimicht und weiss,
in der wahren mehr trocken.
10) In der wahren ist eine grosse Trockenheit der Haut und der Nase, die Augen sind
unrein, der Urin sparsam und dunkelroth, wenig Stuhlgang: die rhevmatische hat nichts von
alle dem, oder in einem sehr geringen Grade.
11) Die ächte Pleuresie fand ich im Anfange trocken, ohne Auswurf. Selten warfen die
Kranken eine schleimigte, gelbliche oder blutige Materie aus. Die rhevmatische war selten
trocken, begleitet von einem Husten mit schleimichtem, zähen, mit Blutstreifen vermischtem
Auswurf bald im Anfange der Krankheit. In beyden Arten war das Blut sehr inflammatorisch,
aber die Speckhaut in der rhevmatischen meistens dicker und grösser, so dass wenig oder fast
gar kein Cruor zu sehen war, in der ächten war die Speckhaut mit Fasern umzogen, welche
rund umher emporstiegen.
12) Die wahre Pleuresie als eine hitzige Krankheit, drohte vielmehr Lebensgefahr, sie
richtete sich ganz nach den kritischen Tagen und den kritischen Erschütterungen (perturbatio).
Dies war in der rhevmatischen nicht so deutlich, sie endete manchmal mit Schweiss.
Die Cur der rhevmatischen Pleuresie bestand in einer oder mehrmaligen Aderlass, nach
Erforderniss der Umstände, in erweichenden, salpeterartigen, lauen Getränken, in früher An-
wendung der Blasenpflaster auf die schmerzhafte Stelle, oder sonst wo. Bisweilen kam ich
mit der entzündungswidrigen Methode aus, ohne der Blasenpflaster zu bedürfen. Aber sie
halfen, wenn der Schmerz nach der Aderlass nicht weichen wollte. Ob Synapismen eben das
thun, habe ich keine Erfahrung.
Wenn sich die Krankheit gebrochen hatte, that der Kermes vortrefliche Dienste. Man
eile überhaupt nie zu sehr mit dem Gebrauch der Auswurf erregenden Mittel. Oft war dies
die Ursache von Fieberbewegungen, die erst eine Aderlass unterdrücken musste.
In dem verwickelten Zustand einer gallicht-rhevmatischen Pleuresie gab das dringendste
Symptom die Anzeige zur Heilart.
Von der verborgenen oder versteckten Pleuresie.
Diese Krankheit ist schwer zu erkennen, weil ihr die Unterscheidungszeichen der wahren
Pleuresie und Peripneumonie grösstentheils fehlen. Sie ist gewöhnlich ohne Fieber, das Liegen
ist auf beiden Seiten nicht beschwerlich, dabey zeigt sich ein trockener Husten, oder wenig
schleimigter reifer Auswurf, etwas weisse Zunge, kein Durst, keine Beklemmung der Brust,
ausser beym Wenden des Körpers, gute Esslust, keine oder geringe abwechselnde Fieber-
bewegungen. Bey allen diesen nicht eben in die Augen fallenden Zeichen kann dieses Uebel
durch Vernachlässigung in eine vollkommene, allgemeine, inflammatorische Lungenentzündung
ausarten, oder es können Verhärtungen der Lunge, oder Lungenknoten entstehen, oder, wie
oft der Fall, am Ende eine wahre Schwindsucht. Die heftigste Lungenentzündung hat nicht
so viele Schwindsüchtige gemacht, als die geringscheinende Vernachlässigung einer solchen
verlarvten Pleuresie. Um sie zu erkennen, beobachte 1) man die oben erwähnten Symptome,
2) lasse man den Kranken bald auf dieser, bald auf jener Seite liegen, um zu erfahren, ob er auf
der einen Seite liegend husten muss, ob ihm das Athmen auf der einen Seite beschwerlicher
ist, als auf der andern, 3) hole der Kranke tief Athem, und beobachte, ob er während des Athem-
holens eine Beschwerde auf der Brust, eiuen stechenden brennenden Schmerz oder Druck
empfindet, 4) er soll mit Fleiss in mancherlei Lagen des Körpers husten, und wahrnehmen, ob
es ihm eine solche Empfindung macht, 5) untersuche man den vorigen Gesundheitszustand
des Kranken.
Denn verschiedene Krankheiten lassen die verborgene Pleuresie als Folge nach sich.
1) Auch nach einer gut geheilten wahren Pleuresie bleiben zuweilen einige Beschwerden
zurück. Es ist nichts fieberhaftes vorhanden: aber doch erfolgen leicht Rückfälle in die
Peripneumonie und Pleuresie.
70 Zum sechsten Abschnitt.
2) Eben das geschieht nach fieberhaften inflammatorischen Rhevmatismen , und nach
rhevmatischen Pleuresien und Peripneumonien.
3) Nach einem Catharr bleibt bey Einigen viele Wochen auch Monate lang ein sehr ge-
ringer Seitenschmerz, Brennen und unmerkliche Beklemmung, ein nicht blutiger, sondern eyter-
artiger gekochter Auswurf zurück. Diese leiden an jener versteckten Pleuresie oder Pe-
ripneumonie.
4) Personen, welche mit Lungenknoten behaftet, sind bey einer starken Erhitzung durch
Wein, oder in der Sonnenhitze durch heftige Bewegung leicht einer Entzündung ausgesetzt,
ohne dass sie dabey von einem allgemeinen Fieber befallen werden.
Der Ausgang der versteckten Pleuresie ist entweder in eine hitzige entzündungsartige
Krankheit, oder in eine gutartige Zertheilung, oder in Eyterung.
Die Kämpf'sche Lehre vom Infarctus.
Unter der Verstopfung der Eingeweide des Unterleibs, oder den Infarctus, verstehe ich
also den widernatürlichen Zustand der Blut- besonders der Pfortadern, wie auch der Mutter-
gefässe, wenn sie hie und da von einem im Kreislaufe zaudernden, endlich stillstehenden,
stockenden, übelgemischten, verschiedentlich verdorbenen, seiner Flüssigkeit beraubten, dicken,
zähen, gallichen, polypösen und verhärteten Geblüt angefüllt, vollgepfropft und ausgedehnt
werden ; oder wenn sich das verdickte Serum in denselben, in den Drüsen, in dem Zellgewebe
und nebst den eben erwähnten Bluthefen in den Verdauungswegen anhäuft, vermodert, ver-
trocknet und vielerley Arten der Verderbniss annimmt
Die infarzirenden Blutausartungen habe ich von so verschiedener Beschaffenheit abgehen
sehen, dass ich sie füglich in folgende Arten und Gattungen oder Unterarten eintheilen konnte.
Die erste Art enthält solche, woran der Blutkuchen oder die dichteren, irdischen, schwe-
ren, öhlichten, brennbaren, mehr zusammenhängenden, schwärzlichen Bestandtheile des Bluts
den grössten Antheil haben.
Die erste Gattung derselben ist theils ein noch flüssiges, aber zum Gerinnen geneigtes
und theils ein verdicktes, geronnenes, oder geliefertes, doch noch mildes und geruchloses Blut.
Die zwote, ein nicht auflösbares, sondern fest zusammenhängendes, faserichtes, häutiges,
fleischartiges Blutwesen, das, in Gestalt rother oder schwärzlicher, entweder länglicher und
runder Polypen, oder kleiner und grösserer unförmlicher Fleischgewächse, abgeht.
Die dritte erscheint als ein nicht zusammenhängendes, im höhern Grade vertrocknetes
Blut, in Gestalt von schwarzbraunem Kaffeesatz, oder eines schwarzen Staubs, der sich, nach
Zugiessung vieles Wassers, sogleich zu Boden setzt.
Die vierte aber als eine mehr schmierige, klebrige, fette, theils zähe, pechartige,
schwarze, dunkelbraune, manchmal in das gelbgrüne, bläuliche spielende Bluthefe, welche
bald wie Holdermuss, bald wie Schmierseife, bald wie Theer, und bald wie verdickter Wagen-
schmeer aussieht.
Die fünfte stellen dergleichen gerundete, theils weiche, theils steinharte, dem Schaf- oder
Ziegenkoth ähnliche Substanzen (Scybala) vor.
Die zwote Art Inf. besteht grösstentheils aus dem Blutwasser, oder dem mit der Lymphe
vermengten Serum, dem ich alsdann den Namen Pituita beyzulegen mir die Freyheit nehme,
wenn sich dessen nun abgenutzte Theile, die man als die Hefe des Blutwassers ansehen kann,
nach unvollständigen Ab- und Aussonderungen, angehäuft haben, und wenn überhaupt das
Serum seine milde, flüssige, seifenartige und nährende Natur sehr alterirt, oder wenns mehr
oder weniger verdickt, schmierig, zähe, unrein, scharf und, ausser dem Kreislaufe gesetzt,
noch mehr verdorben ist.
Ihre erste Gattung ist eine, dem Eierweiss oder Eichelmistelbeerensaft, oder dem im
Wasser geweichten Schreinerleim ähnliche, mehr oder weniger durchsichtige und weisse, zähe,
schlüpfrige, glitschende, auch elastische, auf den Boden geworfen, fortrollende, in der Kälte
sich verdickende, und wie Gallerte zitternde Masse, die manchmal keinen Geruch hat, und sich
zum Theil wie lange Fäden ziehen, oder gleichsam haspeln lässt.
Die zwote eine minder zusammenhängende schmierige, mehr stinkende, dem weichen
Käse, Eiter, oder der durch Wasser erweichten Töpfererde gleichende Substanz, welche selten
als eine dünne, schäumige, gährende und aashafte Hefe, öfters aber als ein steifer Klei-
ster erscheint.
Die dritte zeigt sich als ein dem Griessmehl oder der Asche ähnliches Produkt.
Die vierte als ein mehr zusammenhängender Unrath, der, als zähe, dehnbare cnd
oft kaum trennbare, sennichte Pfropfen, als eine dem zerschnittenen Kalbsgekröss und der
Lunge ähnliche Substanz, als Fasern, dünne Fäden, die man für Haare ansieht, als kleine
Die Kämpf sehe Lehre vom Infarctus. 71
Bläschen, Körner, Flocken, Brocken, oder als unförmliche, manchmal mit Bläschen durch-
webte und faustendicke Klumpen, oder als Lappen, oder dicke und dünne, dann und wann
halbdurchsichtige Häute abgehet, die theils schichtenweise über einander geklebt, und theils
in lange hohle Röllchen, oder ziemlich weite, den Gedärmen gleichende Schläuche, oder den
Gänsegurgeln ähnliche knorpelichte Röhren gerundet sind, oder der, minder dichte und zähe,
in Gestalt des Froschlaichs, der Schlangeneier, oder des Eierstocks der Hüner, oder als eine
lange Reihe aneinander hängender, grösser und kleiner, mit eiter-, honig-, brei- oder speck-
artiger Materie, oder mit faulem Blut angefüllter, verschieden gefärbter Kugeln oder Blasen
ausgeworfen wird.
Die fünfte ist ein verhärtetes und wie Gummi, oder gipsartige Massen ausgeartetes se-
röses Wesen, das, in Gestalt von Griess oder unförmlicher selten figurirter Steinchen, zum
Vorschein kommt.
Von den Inf. der Mutter, die sich sowohl in ihre Gefässe einnisten, als in ihrer Höhle
aufhalten, und ihren Wänden bald fester, bald lockerer, oder gar nicht mehr anhängen, sah
ich folgende Gattungen aussondern: 1) Die oben beschriebene, theils schwarzgelbliche Blut-
hefe. 2) Den pituitösen Schlamm, der öfters mild, manchmal scharf und vielfarbig, auch mit
gipsartigen Bröckchen vermischt war, und in Gestalt vom weissen Flusse abgieng. 3) Aller-
ley fleischartige, oder solche Gewächse, die aus einem filamentösen, häutigen oder polypösen
Wesen zusammengesetzet, und an Zahl und Grösse und Konsistenz so verschieden waren, dass
man sie bald einzeln, bald in grosser Menge, und bis zu einem Pfund schwer, bald so zähe
wie Leder, oder scirrhös und knorbelicht, bald weicher, manchmal aus dünnen Häuten gebildet,
und mit Bläschen besetzt oder durchwebt antraf. Die erste und zwote Gattung enthalten die
Gefässe, die andern aber wohnen in der Höhle der Mutter
Wenigstens habe ich folgende Krankheiten und noch mehrere, die mir jetzo nicht ein-
fallen, seit etlich und dreyssig Jahren, nicht einmal, sondern manche fünfzig und hundertmal,
blos dadurch aus dem Grunde gehoben, dass ich die Kranken auf eine sehr in die Sinnen
fallende Art von den Inf. befreit habe. Es sind die Nerven- und Gemüthskrankheiten, die
dahin gehörige Hypochondrie, Hysterie, Epilepsie, Zuckungen, Krämpfe, Sprach- und Sinn-
losigkeit, Starrsucht, Alpe, Nachtwandern, Ohnmächten, Verdrehungen des Halses, beschwer-
liches Schlingen, wandelbare Halsgeschwulst, Speichelfluss, u. s. w. Manie, und Melancholie ;
allerley Gattungen, Haupt-, Augen-, Ohren u. s.w. Krankheiten, anhaltender und periodischer
Kopfschmerz in verschiedenen Gegenden, feuchte und trockene Entzündungen der Augen,
grauer und schwarzer Staar, verschiedene Mängel des Gehörs, Betäubung, Schwindel, Schlaf-
sucht, Schlaflosigkeit, Schlagfluss, Lähmung u. s. w. Brustbeschwerden, Engbrüstigkeit,
Steckfiuss, Blutspeien, Lungensucht: Krankheiten des Unterleibs, Koliken von verschiedener
Art, mit Zufällen der Bleikolik, Darmgicht, Bauchflüsse, unbändige Hartleibigkeit, Wind-,
Wasser- und Gelbsucht, falsche Steinschmerzen, allerlei Harnbeschwerden, Harnstreiige,
Harnruhr, Brüche; Mutter- und Aftervorfälle, Hodengeschwülste, dem Druck nachgebende, aber
alsdann oft schmerzhafte und Erbrechen erregende Erhabenheiten an verschiedenen Stellen
des Bauchs, Krankheiten der Haut, allerley Ausschläge und Geschwüre, Krebs, Aussatz,
Skorbut, Schmerzen uud Geschwulst der Glieder; übermässige Blutflüsse, Unordnung der
natürlichen, Unfruchtbarkeit, Missgebähren, u. s. w. kalte schleichende Fieber,' hitzige'
Krankheiten.
Die Nervenkrankheiten, besonders die Fallsucht, habe ich so oft von den Inf. vorzüglich
den pituitösen und auch schwarzgallichten, von der daher entstandenen Verstopfung der Ge-
krösdrüsen, und von gehemmten Wechselfiebern, wiewohl weit mehr bey Kindern, als bey Er-
wachsenen, entstehen sehen, dass ich unter zwanzig dergleichen Kranken kaum zwey oder
drey angetroffen habe, wo ich eine andere Ursache zu bekämpfen fand. Ich bin daher er-
staunt, dass Herr Tissot, dieser scharfsinnige Beobachter, dem doch solche Fälle weit öfter,
als mir, vorgekommen sind, in seiner Abhandlung von den Nervenkrankheiten, dieser wichtigen
und allgemeinen Ursachen so wenig, und gleichsam nur im Vorbeygehen Erwähnung thut.
Die sehr seltene Pulsadergeschwulst (aneurisma) der innern Theile habe ich meistens,
wenn nicht offenbar eine äussere Gewaltthätigkeit vorhergegangen ist, von den Inf. herzuleiten
Ursache gehabt, und bin durch folgenden Fall in meiner Muthmassung bestärkt worden. Ein
fünfzigjähriger Herr klagte über allerley hypochondrische Beschwerden, vorzüglich über Ban-
gigkeiten, Drücken in der Brust, und oft wiederkehrendes heftiges Herzklopfen, welche Zu-
fälle, durch den Gebrauch der Viszeralklystiere, sehr erleichtert wurden. Dieser betrügerische
Stillstand machte den Kranken sicher. Er fieng wieder an, sich, mit Vernachlässigung der
Kur und Diät, Tag und Nacht durch Staatsgeschäfte zu erhitzen und zu entkräften, und allen
den damit verknüpften Aergernissen, gegen die nur eine am Staatsruder schwielig gewordene
72 Zum sechsten Abschnitt.
Seele unempfindlich wird, kühn und mit dem Übeln Erfolg auszusetzen, dass er, nach einer
heftigen Gemütsbewegung, plötzlich mit Sinnlosigkeit und Zuckungen befallen worden,
worinnen er bald den Geist aufgab. Bei der Sektion fand man im Unterleib die Blutgefässe
des Gekröses mit dickem, und theils polypösen Blut vollgepfropft, und hier und da in Säcke
(varices) ausgedehnt, in der Brust aber eine geborstene Geschwulst der Aorta.
Die gewöhnlichen Viszeralmittel, deren ich mich, zur Zubereitung unserer Klysliere,
mit unbeschreiblichem Nutzen bediene, sind folgende :
Die Wurzel des Löwenzahns oder Pfaffenröhrlein (Taraxacum) mit dem Kraut,
der Quecken (Graminis radix),
des Baldrians (Valeriana minor).
Das Kraut der Kardobenedikten.
Das Kraut und die Blume des Gauchheils (Anagallis flore phoeniceo), das aber mit der
alsine nicht darf verwechselt werden.
Das Kraut des Erdrauchs oder Taubenkropfs (fumaria),
des weissen Andorns (marrubium album).
Des Wolverley oder Fallkrauts, nebst Blumen und Wurzeln (Arnica).
Die Spitzen und Blüte der Schafrippen (MillefoHum).
Kamomillen und Wollblumen (Verbascum).
Und die Roggen- und Weizenkleyen.
Nach Befinden der Umstände nehme ich die meisten obigen Spezies zum Klystierabsud,
oder wechsele mit ihnen ab, oder setze folgende zu, mit Weglassung der minder passenden ;
nemlich
Die Grindwurzel (Lapathum acutum).
Und die Färberröthewurzel (Rubia Tinctorum).
Die Sprösslinge vom Bittersüss (Dulcamara).
Das Heuhechelkraut (ononis).
Die Simarubarinde.
Das Schierlingkraut (Cicuta major sive Conium maculatum).
Die Pomeranzenblätter, die Rosmarinblätter und Blumen, und die Pfeffermünze
(Mentha piperita).
Die verdickte Ochsengalle und besonders den stinkenden Assant, oder auf deutsch,
Teufelsdreck.
Die Wurzeln werden von der Hälfte Märzes an, bis in den Junius, oder ehe sie stark in
die Stengel geschossen sind , und die Kräuter, ehe sie Blumen tragen, gesammelt. Beyde
werden luftig und im Schatten getrocknet
Aus diesen angezeigten Spezies nun wird der Klystierabsud auf folgende Art zubereitet.
Man giesst über zwey bis drei Loth, oder eine starke Handvoll der Klystierspezies, und über
eine kleine Handvoll Kleyen anderthalb Schoppen Regen - oder Kalkwasser. Hat man den
Tag über zwey oder drey Klystiere nöthig, so setzt man eine doppelte oder dreyfache Portion
auf einmal an. Diesen Aufguss stellt man, in einem irdenen oder eisernen Gefässe, das mit
einem genau passenden Deckel versehen ist, und dessen Rand man noch überdiess, vermittels
eines länglich geschnittenen und mit Mehlpappe überstrichenen Papiers rings herum verkleben
muss, Nachts in heisse Asche. Morgens wird er, bey etwas verstärktem Feuer, so lange gelind
abgedämpft, dass, nach dem starken Durchpressen desselben durch ein Tuch, etwas weniger,
als zwey Drittel davon oder ein kleiner Schoppen, der ungefähr zwölf Unzen ausmacht,
übrig bleiben.
Dieser Absud wird wohl noch einmal so kräftig, wenn man Gelegenheit hat, ihn in der
papinianischen Maschiene zubereiten zu lassen. Man brüht alsdann die Spezies nur mit einem
Schoppen Wasser an, dem, zu mehrerer Sicherheit, durchs Kochen ein guter Theil der Luft
vorher benommen worden ist, hängt den, bis auf drey Zoll hoch leeren Raum angefüllten
Digestor Nachts über einen solchen Grad von Koh'feuer, der dem Siedpunkt nahe ist, worinnen
ihn die mit Asche gedämpften Kohlen bis an den Morgen erhalten sollen. Wenn der Digestor
genugsam abgekühlt ist, um ihn, ohne Verlust der Brühe öfnen zu können, so wird die Kräuter-
brühe, ohne weiteres Abdämpfen, stark ausgepresst
Ich liess die Klystiere ehedem mit Regen- oder leichtem Flusswasser absieden. Seit ein
paar Jahren aber habe ich aueh das Kalkwasser anstatt des Regenwassers, mit augenschein-
lichen, gutem, nie übelm Erfolg, doch meistens gegen die pituitösen Inf. gebrauchen lassen.
Ich mache mir wirklich Vorwürfe, dass ich dieses vortreffliche Viszeralmittel nicht eher und
häufiger in den Klystieren angewandt habe , da doch dessen Nutzen im Gries, in verstopften
Die Kämpf'sche Lehre vom Infarctus. 73
Eingeweiden, in den Plagen von herrschender Säure, in hartnäckigen Durchfällen, der Ka-
kochymie, dem Scharbock, den Hautausschlägen, wo es auch bey säugenden Kindern, wenn es
gleich bloss von den Säugammen verschluckt wurde, vortreffliche Wirkung geäussert hat, und
in scrophulösen, bösartigen und selbst Krebsgeschwüren, in den Urinbeschwerden, der Harn-
ruhr, und gegen die Blähungen, schon längstens bestätigt war, und das, nach den neueren
Erfahrungen eines Whytt, Senac, Gaben und anderer, in Schmelzung der Speckhaut des Bluts,
der Polypen und Gichtknoten, und nach eigenen Versuchen, in der Auflösung der verstopften
Gekrössdrüsen und unbändigsten schleimichten, lymphatischen Verhärtungen, seines gleichen
nicht hat. Es zieht überdies die Kräfte der Klystierspezies besser aus, und verhütet die saure
Gährung ihres Absudes.
Wenn ich es für nüthig erachte, zähen, fetten Unrath kräftiger aufzulösen, und die von
undurchdringlichem Kleister übergezogenen und daher unempfindlichen Gedärme zum Auswurf
desselben zu reitzen, die Säure noch mehr zu dämpfen, oder den Mangel der Galle und ihre Un-
thätigkeitzu ersetzen, so lasse ich ihm etliche Löffel voll inspissirter Ochsengalle beymischen
Sobald der Absud durchgeseigt ist, so giebt man ihm, dnrch Zugiessung kalten Kalk-
wassers, die erforderliche Temperatur von Wärme, die diejenige des Bluts von weitem nicht
erreichen, oder den fünf und dreysigsten Grad des reaumürschen Wärmemessers nicht über-
steigen darf, und füllt darauf die Klystiermaschiene ohne Verweilen damit an.
Den Anfang der Kur lasse ich meistens mit milchlauen, doch eher kühlem, als wärmern
Klystieren machen, das ist: mit solchen, die nicht kühlerund nicht wärmer sind, als der fünf
und zwanzigste und fünf und dreysigste Grad des reaumürschen Thermometers anzeigt.
Die wärmern, meistens lauen Klystiere, wende ich in den oben bestimmten Fällen, wo
das Kalkwasser nicht statt hat, aus den dort beschriebenen Spezies zubereitet, an, das sehr
selten geschieht.
Bey dieser Beschaffenheit lasse ich noch den Unterleib zugleich mit Breiumschlägen, die
aus ähnlichen Ingredienzien und Seife verfertigt werden, fleissig bähen. Die nemlichen haben
mir auch, zur Beförderung gehemmter Blutflüsse u. s. w. oft erwünschte Hülfe geleistet.
Zur Abwechselung der lauen Klystiere mit kühlem schreite ich, sobald ich merke, dass
die Infarctus beweglich sind. Ich schliesse es daraus, wenn die Kranken, nach dem beyge-
brachten Klystier, einen Drang, oder Stuhlzwang, Kneipen, Aufblähen, und andere bisher
ungewöhnliche, besonders periodische Beschwerden zu fühlen anfangen. So habe ich mehr-
malen erfahren, dass die Kranken, die die Klystiere vorher leicht bei sich behielten, sie, nach
einer viertel oder halben Stunde, plötzlich von sich zu geben gezwungen waren, und wo erst,
drey bis vier Stunden nach dem Abgang des unveränderlichen Klystierdekokts, die Infarctus
nach und nach gefolgt sind. Noch vor kurzen bewunderte ich dieses bey einem Wassersüch-
tigen, in den ersten vierzehen Tagen der Kur. Dieser glückliche Zeitpunkt zeigt sich aber
selten so geschwind.
Es muss oft zwey bis sechs Monate, ja Jahre lang mit dem Gebrauch der Klystiere ge-
duldig und standhaft angehalten werden, ehe derselbe erscheint
Es ist eine Hauptsache, dass der Klystierabsud so lange im Darmkanal zurückgehalten
werde, bis er völlig darinnen verzehrt, verdämpft, oder von seinen Saugröhrchen, so weit auf-
genommen worden ist, dass man bei dem nächsten Stuhlgange keine Spur davon wahrnehmen
kann. Unter dieser Bedingung hat man sich erst die ausserordentliche Wirkung von den
Viszeralklystieren zu versprechen. Dennoch sind auch manche genesen, welche sie nur eine
viertel, oder halbe Stunde bey sich behalten konnten. Bey vielen waren sie nicht länger, als
die ersten fünf bis sechs Tage rebellisch, und bey andern musste man vorher die verschiedenen
Ursachen heben, die das Zurückhalten der Klystiere erschwerten, oder verhinderten
Die auflösende Wirkung der Klystiere wird durch folgende äusere Mittel kräftig unter-
stützt: durch zugleich angewandte Bäder, wovon ich unten ein mehreres sagen werde, durch
eine, mit dem flüchtigen Liniment vermischte Seifensalbe, die man täglich zweymal, unter an-
haltendem Reiben, dem Unterleib oder demjenigen Theil, woran man eine Geschwulst oder
Verhärtung bemerkt, appliziert. In diesem letztern Fall lasse ich noch etwas mit arabischem
Gummischleim abgeriebenes Quecksilber und gepulverte Belladonnablätter zusetzen, und, durch
ein stark auflösendes Pflaster, des Nachts auflegen.
Diejenigen Kranken aber, welche sehr geschwächte Gedärme haben, lasse ich, statt des
Pflasters, einen mit China oder Lohstaub und etwas Musskatennusspulver angefüllten uud ge-
stopften Gürtel um den Bauch tragen, dessen inwendige Seite dann und wann mit Salmiak-
geist und destillirtem Kamomillenöl angefeuchtet wird.
Die Seifensalbe, deren ich mich bediene, besteht aus einer Unze geschabter venetianischer
Seife, vier Unzen Weingeist und zwey Skrupel Kampfer. Der Weingeist wird angezündet
74 Zum sechsten Abschnitt.
und die Masse, so lange er brennt, umgerührt, und ihr, wenn sie abgekühlt ist, der Kampfer
zugemischt.
Das flüchtige Liniment lasse ich aus einer Unze Leinöl, das mit Bilsensaamen und Blät-
tern gekocht worden, anderthalb Quentchen Salmiakgeist und dem Gelben eines Eyes ver-
fertigen. Einer jeden Portion der gemischten Linimenten, lasse ich, kurz vorm Gebrauch,
allenfalls noch zehn Tropfen vom Alkali volat. des Herrn Sage, und zwanzig bis dreyssig
Tropfen des destillirten Kamomillenöls beymischen.
Das Pflaster wird aus verdicktem Schirlingssaft, Bilsensaamenschleim, Ochsengalle, dem
in Terpentingeist aufgelösten Galbanum, den floribus salis ammoniaci martialibus und Wachs
zubereitet
So sehr auch die Wirkung der Viszeralmittel dadurch erhöht wird, wenn man sie in Ge-
stalt von Klystieren anwendet, und so gewiss es auch ist, dass gegen die oben beschriebenen
hartnäckigen Gattungen von Inf. ohne diese Methode nichts ausgerichtet werden kann, soschliesst
dieselbe dennoch die gewöhnliche Kurart nicht aus. Ia es giebt viele Fälle, wo man die Klystiere
füglich entbehren kann. So habe ich die nicht verjährten und zu zähen, pituitösen und schwarz-
gallichten Inf. mehr als hundertmal, ohne ihre Beyhülfe, überwältigt. In den meisten Fällen
fährt man aber am sichersten, wenn man eine Kurart durch die andere unterstützt, oder wenn
man die Viszeralmittel in beyderley Gestalt, den diätetischen Gebrauch derselben mit einge-
rechnet, zu gleicher Zeit oder wechselsweise nehmen lässt. Sobald ich aber gewahr werde,
dass die gewöhnlich einschneidenden und abführenden Mittel keine oder nicht hinlängliche
Ausleerungen eines widernatürlichen Unraths bewirken, oder dass die Gedärme gegen die stärk-
sten Purganzen unempfindlich sind, so mache ich den in der Erfahrung gegründeten Schluss,
dass sie mit einem häufigen, äusserst zähen Kleister überzogen sind, der vorher durch Klystiere
erweicht und beweglich gemacht werden muss, wenn er nicht gegen jedes andere Mittel un-
bändig bleiben soll. Ich bin mehrmals Zeuge gewesen, dass drastische Mittel, z. B. zwölf
Gran Gummigutt kaum etliche wässerige Stuhlgänge erregten, und wo die milden Klystiere,
in der Folge drastisch wirkten.
Aus dem Verzeichniss der Klystierspezies, und der Beschreibung ihrer Wirkungsart wird
man ersehen, dass die meisten derselben, nach behöriger Zubereitung, auf die gewöhnliche
Art verschrieben werden können. Die auf jeden Umstand passende Auswahl, wovon ich eine
kurze Anleitung gegeben habe, überlasse ich den Einsichten der Aerzte, welche auch auf die
verschiedene Beschaffenheit des Körpers überhaupt, und des Magens insbesondere Rücksicht
nehmen werden
Man muss sie (nämlich Klystiere und Arzneien) aber immer, wie in diesem, so in jedem
Falle, mit solchen Nahrungsmitteln, welche vorzüglich den Inf. angemessen sind, oder welche
seifenartige, eröfnende, geschmeidig machende und die scharfen Säfte versüssende Arzeney-
kräfte besitzen, angenehm und doch kräftig unterstützen.
Zu diesem Behufe will ich unter vielen andern nur derjenigen erwähnen, die ich des
meistens Zutrauens würdig gefunden, und auch diejenigen bemerken, deren Missbrauch eine
Ursache der Inf. abgeben, und deren Gebrauch folglich schädlich seye, oder doch nur selten
und unter gewissen Bedingungen erlaubt werden kann.
Unter die heilsamen (es werden nur einige als Gemüse oder Salate, in Suppen oder Trän-
ken, oder ohne Zubereitung genossen) rechne ich die Skorzoner- Haber- Zucker-Sellery und
Cichorien- wie auch die Petersilien- und Palsternakwurzeln ;.. . die Rapunzen, gelbe und rothe
Rüben, Spargel und Hopfensprossen, das Löwenzahnkraut, die jungen Nesseln, das Maus-
öhrlein, den Spinat, die ihm ähnliche türkische oder weisse Gartenmelde, den eingemachten
weissen Kohl oder Sauerkraut, den in der ersten Brühe abgekochten blauen Kohl, den Koch-
salat, das Cichorienkraut, die Endivien und Brunneukresse, den Lattig (Lactuca), Portulack,
Boratsch, Sauerampfer, die Gurken, Zitronen, Limonen, Pomeranzen, und unter dem Obst, die
völlig reifen Trauben, Kirschen, Zwetschgen, die Johannes- Preisel- und Maulbeeren; die von
Würmern freyen Himbeeren, und die so angenehmen als vortrefflichen, aber, wenn sie nicht
Nervenzufälle erregen sollep, von den unreifen sorgfältig abgesonderten, und vom Ungeziefer
unbesudelten, oder davon gereinigten Erdbeeren.
Den Mangel dieser Gattung Obst ersetzen die zuckerreichen, mit Essig eingemachten
rothen Rüben, und die Salzgurken.
Ferner gehören auch die Körbel, Meerrettig, Senf, der antiseptische, antiskorbutische, die
verdickten Säfte, und die schwarze Galle auflösende Zucker und Honig, die seifenartigen,
gegen die serösen und gallichten Stockungen wirksamen, frischen, ungesottenen Eyer, die
lindernden, die Schärfe tilgenden Austern, und das die Pituita auflösende, gesalzene und ge-
räucherte Fleisch, nebst den frischen Heringen in die Klasse der diätetischen Arzeneymittel
Sauvages* nosologisches System. 75
Zum gewöhnlichen Trank wählt mau Tisanen, die z. B. ans Reiss, Cichorien, Quecken-
und wohl geschabten Skorzonerwurzeln verfertigt werden, oder auch das mit schicklichen
Wurzeln u. s. w. gegohrene Luftmalzbier, oder, nach Umständen, den ungegohrenen Malz-
trank, oder den Absud von Wacholderwurzeln. Diese Getränke müssen zwar sehr häufig
genossen werden, wenn sie als Viszeral- oder blutreinigende Mittel wirken sollen, aber es darf
doch nie zu viel auf einmal und wenig bey den Mahlzeiten, das heisst, es darf nur so viel ge-
schehen, dass sie den Magen nicht ausdehnen, unddie Verdauungssäfte schwächen.
Wo eine Neigung zur Säure verspürt wird, muss man zu der Hühnerbrühe und zu den
Tisanen mehr bitterliche Wurzeln wählen, auch Körbel und Eyergelb zusetzen
Zuverlässig machen die mit dem Gebrauche der Arzeneyen verbundenen, täglichen Leibes-
bewegungen einen für unsre Kranken wichtigen, und oft unentbehrlichen Theil der Lebensart
aus. Dahin gehören das Reisen zu Wasser und Land, die Veränderung der Gegenstände, die
Jagd, lustige Schauspiele, die Musik und angenehme Gesellschaft, das Reiben des Unterleibs,
und das kalte Waschen und Baden.
Sauvages' nosologisches System.
Classis I. (Vitia.)
Ordo I. Maculae.
Leucoma. — Vitiligo. — Ephelis. — Gutta-rosea. — Naevus. — Eccbymoma. —
Ordo II. Efflorescentiae.
Pustula, Papula, Phlyctaena. — Varus. — Herpes. — Epinyctis. — Psydracia. —
Hidroa. —
Ordo III. Phymata.
Erythema. — Oedema. — Emphysema. — Scirrhus. — Phlegmone. — Bubo. — Pa-
rotis. — Furunculus. — Anthrax. — Cancer. — Paronychia. — Phimosis. —
Ordo IV. Excrescentiae.
Sarcoma. — Condyloma. — Verruca. — Pterygium. — Hordeolum. — Broncbocele. —
Exostosis. — Gibbositas. — Lordosis. —
Ordo V. Cystides.
Aneurysma. - — Varix. — Marisca. — Hydatis. — Staphyloma. — Lupia. — Hy-
darthrus. — Apostema. — Exomphalus. — Oscheocele. —
Ordo VI. Ectopiae.
Exophthalmia. — Blepharoptosis. — Hypostaphyle. — Paraglosse. — Proptoma. —
Exania. — Exocyste. — Hysteroptosis. — Enterocele. — Epiplocele. — Gastrocele. — Hepa-
tocele. — Splenocele. — Hysterocele. — Cystocele. — Encephalocele. — Hysteroloxia. —
Parorchidium. — Exarthrema. — Diastasis. — Loxarthrus. —
Ordo VII. Plagae.
Vulnus. — Punctura. — Excoriatio. — Contusio. — Fractura. — Fissura. — Rup-
tura. — Amputatura. — Ulcus. — Exulceratio. — Sinus. — Fistula. — Rhagas. — Eschara. —
Caries. — Arthrocace. —
Classis II. (Febres.)
Ordo I. Continuae.
Ephemera. — Synocha. — Synochus. — Typhus. — Hectica. —
Ordo IL Remittentes.
Amphimerina. — Tritaeophya. — Tetartophya. —
Ordo IH. Intermittentes.
Quotidiana. — Tertiana. — Quartana. — Erratica. —
Classis III. (Phlegmasiae.)
Ordi I. Exantheinaticae.
Pestis. — Variola. — Pemphigus. — Rubeola. — Miliaris. — Purpura. — Erysipelas. —
Scarlatina. — Essera. — Aphthae. —
Ordo H. Membranosae.
Phrenitis. — Paraphrenitis. — Pleuritis. — Gastritis. — Enteritis. — Epiploitis. —
Metritis. — Cystitis. —
Ordo III. Parenchymatosae.
Cephalitis- — Cynanche. — Carditis. — Peripneumonia. — Hepatitis. — Splenitis. — ■
Nephritis. —
Classis IV. (Spasmi.)
Ordo I. Tonici partiales.
Strabismus. — Trismus. — Ostipitas. — Contractura. — Crampus. — Priapismus, —
76 Zum sechsten Abschnitt.
Orto II. Tonici generales.
Tetanus. — Catochus. —
Ordo III. Clonici partiales.
Nystagmus. — Carphologia. — Pandiculatio. — Apomyttosis. — Convulsio. — Tre-
mor. — Palpitatio. — Claudicatio. —
Ordo IV. Clonici generales.
Rigor. — Eclampsia. — Epilepsia. — Hysteria. — Scelotyrbe. — Beriberia. —
Classis V. (Anhelationes.)
Ordo I. Spasmodicae.
Ephialtes. — Sternutatio. — Oscedo. — Singultus. — Tussis. —
Ordo II. Oppressivae.
Stertor, — Dyspnoea. — Asthma. — Orthopnoea. — Angina. — Pleurodyne. —
Rheuma. — Hydrothorax. — Empyema. —
Classis VI. (Debilitates.)
Ordo I. Dysaesthesiae.
Cataracta. — Caligo. — Amblyopia. — Amaurosis. — Anosmia. — Agheustia. —
Dysecoea. — Paracusis. — Cophosis. — Anaesthesia. —
Ordo II. Anepithymiae.
Anorexia. — Adipsia. — Anaphrodisia. —
Ordo III. Dyscinesiae.
Mutitas. — Aphonia. — Psellismus. — Paraphonia. — Paralysis. — Hemiplegia. —
Paraplexia. —
Ordo rV. Leipopsychiae.
Asthenia. — Lipothymia. — Syncope. — Asphyxia. —
Ordo V. Comata.
Catalepsis. — Ecstasis. — Typhomania. — Lethargus. — Cataphora. — Carus. —
Apoplexia. —
Classis VII. (Dolores.)
Ordo I. Vagi.
Arthritis. — Ostocopus. — Rheumatismus. — Catarrhus. — Anxietas. — Lassitudo. —
Stupor. — Pruritus. — Algor. — Ardor. —
Ordo II. Capitis.
Cephalalgia. — Cephalaea. — Hemicrania. — Ophthalmia. — Otalgia. — Odon-
talgia. —
Ordo III. Pectoris.
Dysphagia. — Pyrosis. — Cardiogmus. —
Ordo IV. Abdominales interni.
Cardialgia. — Gastrodynia. — Colica. — Hepatalgia. — Splenalgia. — Nephralgia. —
Dystocia. — Hysteralgia. —
Ordo V. Partium externarum.
Mastodynia. — Rachialgia. — Lumbago. — Ischias. — Proctalgia. — Pudendagra. —
Classis VIII. (Vesaniae.)
Ordo I. Hallucinationes.
Vertigo. — Suffusio. — Diplopia. — Syrigmus. — Hypochondriasis. — Somnambul-
ismus. —
Ordo IL Morositates.
Pica. — Bulimia. — Polydipsia. — Antipathia. — Nostalgia. — Panophobia. — Saty-
riasis. — Nymphomania. — Tarantismus. — Hydrophobia. —
Ordo III. Deliria.
Paraphrosyne. — Amentia. — Melancholia. — Daemonomania. — Mania. —
Ordo IV. Vesaniae anomalae.
Amnesia. — Agrypnia. —
Classis IX. (Fluxus.)
Ordo I. Sanguifluxus.
Haemorrhagia. — Haemoptysis. — Stomacace. — Haematemesis. — Haematuria. —
Menorrhagia. — Abortus. —
Ordo II. a) Alvi fluxus sanguinolenti.
Hepatirrhoea. — Haemorrhois. — Dysenteria. — Melaena. —
Ordo IL b) Alvi fluxus non sanguinolenti.
Sauvages' nosologisches System. 77
Nausea. — Vomitus. — Ileus. — Cholera. — Diarrhoea. — Coeliaca. — Lienteria. —
Tenesmus. —
Ordo III. Seri fluxus.
Ephidrosis. — Epiphora. — Coryza. — Ptyalismus. — Anacatharsis. — Diabetes. —
Enuresis. — Dysuria. — Pyuria. — Leucorrhoea. — Gonorrhoea. — Dyspermatismus. —
Galactirrhoea. — Otorrhoea. —
Ordo IV. Aeri fluxus.
Flatulentia. — Aedopsophia. — Dysodia. —
Classis X. (Morbi cachectici.)
Ordo I. Macies.
Tabes. — Phthisis. — Atrophia. — Aridura. —
Ordo II. Intumescentiae.
Polysarcia. — Pneumatosis. — Anasarca. — Phlegmatia. — Physconia. — Graviditas. —
Ordo III. Hydropes partiales.
Hydrocephalus. — Physocephalus. — Hydrorachitis. — Ascites. — Hydrometra. —
Physometra. — Tympanites — Meteorismus. — Ischuria. —
OrdorV. Tubera.
Rachitis. — Scrophula. — Carcinoma. — Leontiasis. — Malis. — Frambaesia. —
Ordo V. Impetigines.
Syphilis. — Scorbutus. — Elephantiasis. — Lepra. — Scabies. — • Tinea. —
Ordo VI. Icteritiae.
Aurigo. — Melasicterus. — Phoenygmus. — Chlorosis. —
Ordo VII. Cachexiae anomalae.
Phthiriasis. — Trichoma. — Alopecia. — Elcosis. — Gangraena. — Necrosis. —
Classes morborum aetiologicae.
Classis I. Morbi venenati.
„ II. Morbi virulenti.
„ HI. Morbi exanthematici.
„ IV. Morbi metastatici.
„ V. Morbi febricosi.
„ VI. Morbi miasmatici.
„ VII. Morbi phlogistici.
„ VIII. Morbi sanguinei.
„ IX. Morbi biliosi.
„ X. Morbi saburrales.
„ XI. Morbi pituitosi.
„ XII. Morbi catarrhales.
„ XIII. Morbi lactei.
„ XIV. Morbi serosi.
n XV. Morbi flatulente
„ XVI. Morbi purulenti.
„ XVII. Morbi acrimoniosi.
„ XVIII. Morbi organici.
„ XIX. Morbi vulnerarii.
„ XX. Morbi emphractici.
„ XXI. Morbi verminosi.
„ XXII. Morbi calculosi.
„ XXIII. Morbi spasmodici.
„ XXIV. Morbi atoni.
„ XXV. Morbi morales.
Methodus anatomica morborum.
Classis I. Morbi cutanei universales.
n II. Morbi cutanei partiales.
„ III. Morbi artuum.
„ W. Morbi sexuum.
« V. Morbi sensuum.
„ VI. Morbi capitis.
» VII. Morbi pectoris.
n VIII. Morbi abdominis.
„ ,IX. Morbi aetatum.
78 Zum sechsten Abschnitt.
Beispiele der Beschreibung und Specific ation.
Apoplexia, ab apoplettein, desuper percutere. Cognoscitur ex somno profundissimo, vix
excitabili, cum stertorosa respiratione, et artuum omnium laxitate: confunditur saepe cum
asphyxia, cephalitide, epilepsia etc. 1. Apoplexia sanguinea Sennerti. — 2. Apoplexia trau-
matica. — 3. Apoplexia temulenta. — 4. Apoplexia hysterica Sydenhami. — 5. Apoplexia
arthritica Musgravii. — 6. Apoplexia metastatica. — 7. Apoplexia pituitosa. — 8. Apoplexia
epileptica Lancisii. — 9. Apoplexia febricosa. — 10. Apoplexia suspiriosa. — 11. Apoplexia
polyposa. — 12. Apoplexia atrabilaria. — 13. Apoplexia inflammatoria. — 14. Apoplexia
mephitica. — Apoplexia verminosa. —
Hepatitis phlegmasia est acuta, cujus praecipua symptomata sunt tensio dolorifica hypo-
chondrii dextri sub costis spuriis, cum sensu ardoris, gravitatis, dyspnoea, tussi sicca, faciei
colore flavescente, siti, anorexia, et saepius singultu et vomitu. 1. Hepatitis erysipelatosa. —
2. Hepatitis pleuritica. — 3. Hepatitis muscularis. — 4. Hepatitis cystica. — 5. Hepatitis
obscura. — 6. Hepatitis suppurans.
.••"
ZUM SIEBENTEN ABSCHNITT.
Brown. Seine Eintheilung und Aufzählung der Krankheiten.
I. Allgemeine Krankheiten.
1. Erste Form oder sthenische Krankheiten. Peripneumonia, worunter auch Pleuritis und
die idiopathische Carditis begriffen werden. — Phrenitis. — Sthenische Ausschläge. — Variola
gravis. — Rubeola. — Erysipelas gravis. — Rheumatismus. — Erysipelas mitius. — Cynanches
tonsillaris. — Catarrh. — Synocha. — Scarlatina. — Pocken. — Gelinde Masern. — Phlo-
gistische Apyrexien. — Mania. — Pervigilium. — Obesitas.
2. Zweite Form oder asthenische Krankheiten. Macies. — Inquietudo. — Amentia. —
Eruptioscabiosa. — Scarlatina asthenica. — Diabetes levior. — Rhachitis. — Haemorrhaeae. —
Epistaxis. — Haemorrhois. — Menstruorum cessatio, retentio, suppressio. — Sitis. — Vomi-
tus. — Indigestio. — Diarrhoea. — Colicanodyne. — (Kinderkrankheiten: Vermes. —
Tabes. — ) Dysenteria et cholera leniores. — Angina. — Scorbutes. — Hysteria lenior. —
Rheumatalgia. — Tussis asthenica. — Cystirrhoea. — Podagra validiorum. — Asthma. —
Spasmus. — Anasarca. — Dyspesodynia. — Hysteria gravior. — Podagra imbecilliorum. —
Hypochondriasis. — Hydrops. — Pertussis. — Epilepsia. — Paralysis. — Trismus. — Apo-
plexia. — Tetanus. — Febres, ut quartana, tertiana, quotidiana. — Dysenteria, cholera gra-
viores. — Synochus et Typhus. — Cynanche gangraenosa. — Variola confluens. — Typhus
pestilens. — Pestis.
II. Oertliche Krankheiten.
1. Enteritis. — Hysteritis. — Abortus. — Difficilis partus. — Altiora vulnera.
2. Allgemeine Krankheiten, die in örtliche ausarten : Suppuratio. — Pustula. — An-
thrax. — Bubo. — Gangraena. — Sphacelus. — Tumor cum ulcere scrofulosus. — Tumor
scirrhosus.
Rösehlaub's dreissig Geseze der Erregbarkeit.
1) Ohne Reiz existirt keine Reizung (Irritation).
2) Ohne Reizung keine Erregung.
3) Ohne Reizbarkeit keine Reizung, also auch keine Erregung.
4) Ohne Reizbarkeit keine Lebensfunction.
5) Die Reizung besteht nur so lange als der Reiz dauert, hört auf, sobald der Reiz
aufhört.
6) Gleich starker Reiz bringt in der organischen Materie desto heftigere Reizung hervor,
je grösser die Erregbarkeit ist.
7) Je grösser die Erregbarkeit ist, desto geringeres Incitament ist hinlänglich, eine be-
trächtliche Erregung hervorzubringen und umgekehrt.
8) Jeder Reiz vermindert die Erregbarkeit.
9) Jede Verminderung des Reizes vermehrt die Erregbarkeit.
10) Je mehrere und stärkere Reize auf die organische Masse wirken, desto mehr wird
die Erregbarkeit vermindert und umgekehrt.
11) Je grösser die Verminderung des Reizes ist, desto mehr wird die Erregbarkeit erhöht.
12) Je länger derselbe Grad des Reizes wirkt, desto mehr wird allmählig die Erregbarkeit
vermindert.
13) Ein gelinder Reiz, der länger wirkt, vermindert die Erregbarkeit eben so sehr, als
ein heftiger, der kürzere Zeit dauert.
14) Jeder gar zu heftige Reiz tilgt alle Erregbarkeit.
15) Ein massiger Reiz, der zu lange dauert, tilgt alle Erregbarkeit.
80 Zum siebenten Abschnitt.
16) Ein bestimmter Reiz, der lange fortwirkt, bewirkt endlich keine verstärkte Erregung
mehr, wohl aber wenn er eine Zeit lang ausgesetzt wurde.
17) Die durch einen Reiz verminderte Erregbarkeit kann durch einen anderen wieder zu
stärkerer Erregung gezwungen werden.
18) Derselbe Reiz vermindert die Erregbarkeit desto mehr, je grösser sie ist.
19) Zu gehörig starker Incitation ist gehörig starkes Incitament nöthig.
20) Jedes verstärkte Incitament bewirkt verstärkte Incitation und Lebensfunction und so
im Gegentheil.
21) Das Incitament muss, um gehörig starke Incitation zu bewirken, desto stärker sein,
je mehr die Erregbarkeit vermindert ist, und umgekehrt.
22) Jede Incitation eines Theiles wirkt als Reiz und Incitament für alle Theile des Körpers.
23) Jede verstärkte Incitation eines Theiles verursacht verstärkte Incitation des ganzen
Organismus und im Gegentheil.
24) Jede Verstärkung der Incitation eines oder mehrerer Theile vermindert die Erreg-
barkeit des ganzen Körpers und so im Gegentheil.
25) Jeder Reiz vermindert die Erregbarkeit des ganzen Körpers; doch mehr jene des
Theiles, den er geradezu afficirt.
26) Jeder Reiz bringt grössere Reizung in dem zunächst afficirten Theile hervor.
27) Dasselbe Incitament bringt desto stärkere Incitation in den Theilen hervor, je grösser
ihre Erregbarkeit ist und je mehr geradezu auf sie gewirkt wird.
28) Bei jeder Reizung und Incitation darf die intensive Grösse derselben nicht mit der
extensiven verwechselt werden.
29) Intensiv grosse oder starke Incitation kann aber so wohl mit extensiv kleiner,
als zu grosser Incitation existiren (falsche Schwäche).
30) Intensiv kleine oder schwache Incitation kann eben sowohl mit extensiv grosser, als
kleiner Incitation existiren (falsche Stärke).
Bichat.
Ueber die Bedeutung der Flüssigkeiten.
Voyons le röle des fluides et des solides dans les phenomenes vitaux. Ce röle depend
evidemment des proprietes qu'ils ont en partage : or, en reflechissant ä la nature des proprietes
vitales que nous connaissons, il est evident que toute idee de fluide leur est etrangere, que
ceux-ci ne peuvent etre le siege d'aucune contraction, que les sensibilites organique etanimale
ne s'allient point non plus avec l'etat oü se trouvent leurs molecules, etc. Je ne parlerai pas
ici des pretendus mouvemens spontanes du sang, des fluides subtils qu'il contient, suivant les
uns, et qui le dilatent ou le resserrent au besoin ; tout cela n'est qu'un assemblage d'idees
vagues qu'aucune experience ne confirme. D'ailleurs, tous les phenomenes de l'economie
vivante nous montrent manifestement les fluides dans un etat presque passif, les solides, au
contraire, toujours essentiellement actifs. Ce sont les solides qui regoivent Fexcitation, et qui
reagissent en vertu de cette excitation. Partout les fluides ne sont que les excitans. Cette
impression continuelle des seconds sur les premiers constitue, dans toutes les parties, des sen-
sations continuelles, qui ne sont point rapportees au cerveau, qui ne sont pas pergues par con-
sequent: c'est la sensibilite organique en exercice; eile differe de l'animale en ce que Tarne
n'a point la conscience des sensations, qui ne depassent pas les organes oü elles arrivent.
Puisque, d'une part, les proprietes vitales siegent essentiellement dans les solides, et que,
d'une autre part, les phenomenes maladifs ne sont que des alterations des proprietes vitales,
il est evident que les phenomenes morbifiques resident essentiellement dans les solides, que les
fluides leur sont, jusqu'ä un certain point, etrangers. Toute espöce de douleur, tous les spas-
mes, tous les mouvemens irröguliers du coeur, qui constituent les innombrables varietes du
pouls, ont leur principe dans les solides.
N'allez pas croire cependant que les fluides ne sont rien dans les maladies: tres-souvent
ils en portent le germe funeste; ils jouent alors le müme röle que dans l'etat de sante, oü les
solides sont les agens actifs de tous les phenomenes que nous observons, mais oü leur action est
inseparable de celle des fluides: pour que le coeur se contracte, que le Systeme capillaire se
resserre, etc., il faut que les fluides y abordent. Tant que les fluides sont dans leur etat na-
turel, ils determinent une excitation naturelle, mais qui change de nature par une cause quel-
conque: que des principes etrangers s'y introduisent, a l'instant ils deviennent des excitans
contre nature, ils determinent des reactions irregulieres, les fonctions sont troublees, les mala-
dies surviennent. Vous voyez donc que les fluides peuvent etre souvent le principe des
premieres, le vehicule de la matiere morbifique. (Anatomie generale tom. I. pag. XLIV.)
Bichat. 81 '
Unterscheidung von Krankheit und Symptom.
D'apres tout ce qui vient d'etre dit, il est evident qu'il faut hien distinguer les maladies
elles-memes, ou plutöt l'ensemble des symptömes qui les caracterisent, d'avec les principes qui
les produiseut ou qui les entretienuent. Presque tous les symptömes portent sur les solides;
mais la cause peut en etre dans les fluides, comme en eux. Un exemple rendra ceci plus
sensible: le coeur peut se contracter contre l'ordre naturel, 1° parce que sa sensibilite orga-
nique est exaltee, tandis que le sang reste le meme; 2° parce que le sang est ou augmente,
comme dans la plethore, ou altere dans sa nature, comme dans les fievres putrides etc., tandis
que la sensibilite organique du coeur ne varie pas. Que l'excitation soit double, ou que l'or-
gane soit deux fois plus susceptible qu'ä l'ordinaire, 1'effet est toujours le meme; il survient
acceleration du pouls. C'est toujours le solide qui joue le principal rüle dans la maladie; c'est
toujours lui qui se contracte; mais, dans le premier cas, la cause est en lui; dans le second,
eile est hors de lui (ibid. pag. XL VIII).
Ueber die Pathologie der Gewebe.
Puisque les maladies ne sont que des alterations des proprietes vitales, et que chaque
tissu est different des autres sons le rapport de ces proprietes, il est evident qu'il doit en
differer aussi par ses maladies. Donc, dans tout organe compose de differens tissus, Tun peut
etre malade, les autres restant intacts ; or, c'est ce qui arrive dans leplus grand nombre de cas.
Prenons pour exemple les orgaues principaux:
1°. Rien de plus rare que les affections de la pulpe cerebrale; rien de plus commun que
les inflammations de l'arachnoide qui la revet. 2°. Le plus souvent une seule membrane de
l'oeil est malade, les autres conservant leur mode ordinaire de vitalite. 3". Dans les con-
vulsions des muscles du larynx, ou dans leur paralysie, la surface muqueuse reste intacte ; et
reciproquement, les muscles fönt comme a l'ordinaire leurs fonctions dans les catarrhes decette
surface. Les affections de ces muscles et de cette membrane sont etrangeres aux cartilages,
et reciproquement. 4°. On observe une foule d'alterations diverses dans le tissu du pericarde:
on n'en rencontre presque jamais dans le tissu du coeur lui-meme; il est intact quand l'autre
est enflamme. L'ossification de la membrane commune du sang rouge n'envahit point les
tissus voisius. 5°. Quand la membrane des bronches est le siege d'un catarrhe, la plevre ne
s'en ressent que peu; et reciproquement, dans la pleuresie, la membrane bronchiale ne s'affecte
presque pas. Dans la peripneumonie, lorsqu'une enorme infiltration annonce sur le cadavre
l'infiammation excessive qui a eu Heu pendant la vie dans le tissu pulmonaire, ses deux sur-
faces, sereuse et muqueuse, paraissent souvent ne pas avoir ete affectives. Ceux qui ouvrent
des cadavres savent que tres-souvent elles sont intactes dans la phthisie commen(;aute. 6°. On
dit un mauvais estomac, un estomac delabre, etc., cela ne doit s'entendre le plus commune-
ment que de la surface muqueuse. Tandis que celle-ci ne separe que difficilement les suCs
digestifs, que pour cela les digestions languissent, la surface sereuse exhale comme ä l'ordinaire
son fluide, la tunique musculaire se contracte comme de coutume, etc. Reciproquement, dans
l'hydropisie ascite, oü la surface sereuse exhale plus de lymphe que dans l'etat naturel, la
surface muqueuse remplit souvent tres-bien ses fonctions, etc. 7°. Tous les auteurs ont beau-
coup parle des inflammations de l'estomac, des intestins, de la vessie, etc. Moi, je crois que
presque jamais cette maladie n'affecte primitivement la totalite de ces organes, excepte dans
les cas oü une substance delötere agit sur eux. II y a, pour la surface muqueuse stomacale
et intestinale, des catarrhes aigus et chroniques; pour le peritoine, des inflammations sereuses :
peut-etre meme, pour la couche des muscles organiques qui separent ces deux membranes, une
espece de phlegmasie particuliere, quoique nous n'ayons presque encore aueune donnee sur ce
dernier point; mais l'estomac, les intestins et la vessie ne sont point tout ä coup affectes de
ces trois maladies. Un tissu malade peut influencer les tissus voisins ; mais l'affection primi-
tive n'a jamais porte que sur un seul. J'ai ouvert une assez grande quantite de cadavres dont
le peritoine etait enflamme soit sur les intestins, soit sur l'estomac, soit dans le bassin, soit en
totalite: or, tres-souvent alors si l'affection est chronique, presque toujours si eile est aigne,
les orgaues subjacens sont intacts. Jamais je n'ai vu cette membrane exclusivement malade
sur un organe gastrique isole, et saine aux environs ; son aflfection se propage plus ou moins
loiu. Je ne sais pourquoi les auteurs n'ont presque pas parle de son inflammation ; ils ont mis
sur le compte des visceres subjacens ce qui vraiment n'appartient le plus souvent qu'ä lui. II
y a presque autant de peritonites que de pleuresies, et cependant, tandis que celles-ci ont fixe
particulierement l'attention, ä peine l'a-t-on arrötee sur les autres. Tres-souvent la partie du
peritoine correspondant ä un organe est bien specialement euflammee : on le voit sur l'estomac;
on l'observe surtout lorsque, ä la suite des suppressions de lochies, de meustrues, etc., c'est sä
Beiego zu Wuaderlicli's Gesch. d. Med. 6
82 Zum siebenten Abschnitt.
portion tapissant le bassin qui s'affecte la premiere. Mais bientot l'affection devient plus ou
moins generale, au moins les ouvertures cadaveriques le prouvent jnsqu'ä, l'evidence. 8°. Cer-
tainement le catarrhe aigu ou chronique de la vessie, de la matrice meme, n'ariende commun
avec l'inflammation de la portion du peritoine correspondant ä ces organes. 9°. Tout le monde
sait que les maladies du perioste sont souvent etrangeres ä l'os, et röciproquement, que sou-
vent la moelle est depuis long-temps affectee, tandis que tous deux sont encore intacts. II est hors
de doute que les tissus osseux, medullaire et fibreux ont leurs affections propres, qu'on ne con-
fondra jamais dans l'idee qu'on se formera des maladies des os. II faut en dire autant des
intestins, de l'estomac, etc., par rapport 4 leurs tissus muqueux, sereux, musculaire, etc.
10°. Quoique les tissus musculaire et tendineux soient reuuis dans un meme muscle, leurs
maladies sont tres distinctes. 11°. De meme ne croyez pas que la synoviale soit sujette aux
memes affections que les ligainens qui l'entourent, etc.
Je crois que, plus ou observera les maladies et plus on ouvrira de cadavres, plus ou se
convaincra de la necessite de considerer les maladies locales, non point sous le rapport des
organes composes qu'elles ne frappent presque jamais en totalite, mais sous celui de leurs tissus
divers, qu'elles attaquent presque toujours isolement.
Quand les phenomenes des maladies sont sympatbiques, ils suivent les memes lois que
quand ils proviennent d'une affection directe. On a beaucoup parle des sympathies de l'esto-
mac, des intestins, de la vessie, du poumon, etc. Je vous defie de vous en former une idee,
si vous les rapportez ä l'organe en totalite, et abstraction faite de ses tissus divers. 1°. Quand,
dans l'estomac, les fibres charnues se contractent par l'influence d'un autre organe, et deter-
minent le vomissement, elles seules ont re^u l'influence; eile n'a portenisurla surfacesereuse,
ni sur la muqueuse, qui, si cela etait, seraient le siege, l'une d'une exhalation, l'autre d'une
exhalation et d'une secretion sympathiques. 2°. Certainement, quand le foie augmente sym-
pathiquement son action, qu'il verse plus de bile, la portion de peritoine qui le recouvre ne
verse pas plus de serosite, parce qu'elle n'a pas ete influencee. II en est de meme du rein, du
pancreas, etc 3°. Par la meme raison, les organes gastriques sur lesquels se deploie le
peritoine ne participent point aux influences sympathiques qu'il eprouve. J'en dirai autant du
poumon par rapport ä la plevre, du cerveau par rapport ä l'arachnoi'de, du coeur par rapport
au pericarde, etc. 4°. II est incontestable que dans toutes les convulsions sympatbiques le
tissu cbarnu seul est affecte, et que le tendineux ne Test nullement. 5". Qu'a de commun
la membrane fibreuse du testicule avec les sympathies de son tissu propre ? 6". Certainement
une foule de douleurs sympathiques qu'on rapporte aux os siegent exclusivement dans la moelle
(ibid. pag. LXXVII).
Puisque chaque tissu organise aune disposition partout uniforme; puisque, quelle que soit
sa Situation, il a la meme structure, les memes proprietes, etc., il est evident que ses maladies
doivent etre partout les memes. Que le tissu sereux appartienne au cerveau par l'arachnoi'de,
au poumon par la plevre, au coeur parle pericarde, aux visceres gastriques par le peritoine, etc.,
cela est indifferent: partout il s'enfiamme de la meme maniere ; partout les hydropisies arri-
vent uniformement, etc. ; partout il est snjet ä une espece d'eruption de petits tubercules blan-
chätres, comme miliaires, dont on n'a pas, je crois, parle, et qui cependant merite une grande
consideration. J'ai deja observe un assez grand nombre de fois cette eruption propre au tissu
sereux, qui affecte en general une marche chronique, comme la plupart des eruptions cutanees:
j'en parlerai plus bas. Quel que soit aussi l'organe que revete le tissu muqueux, ses affections
portent en general le meme oaractere, et n'offrent point d'autres varietes que Celles qui pro-
viennent des varietes de structure. J'en dirai autant des tissus fibreux, cartilagineux, etc.
(ibid. LXXXIV).
Apres avoir montre la plupart des maladies locales comme affectant presque toujours non
un organe particulier, mais un tissu quelconque dans un organe, il f'audraitmontrerlesdifferen-
ces qu'elles presentent suivant les tissus qu'elles affectent (ibid. LXXXVI).
Resume von Bayle's Abhandlung über pathologische Anatomie im
zweiten' Band des Dictionaire des sciences medicales.
En resumant les faits et les considerations que nous avons exposes dans cet article, on
peut etablir les propositions suivantes: 1°. L'anatomie pathologique est utile pour la Classi-
fication d'un grand nombre de maladies; 2°. eile ne fait conaitre que des lesions organiques :
eile nous laisse dans la plus profonde obscurito relativemeut ä la cause prochaine des mala-
dies; 3°. eile ne peut presque jamais faire conaitre la cause immediate de la mort; 4°. eile
peut souvent fournir des lumieres sur la lesion organique ä laquelle on doit attribuer les
lesions vitales qui ont entraine la perte du malade; 5°. eile est indispensable pour aider
Bayle. Peter Frank. 83
ä distinguer des maladies non contagieuses qui, presentant les memes symptümes, tiennent
ä des lesfons organiques d'une natuie difierente; 6°. on ne peut retirer de l'anatomie patho-
logique aucun secours direct pour ötudier les maladies purement vitales ; nöanmois l'ouverture
du cadavre des individus qui ont ete la victime de ces maladies sert ä constater l'absenee de
toute lösiun organique; 7°. dans les maladies contagieuses, l'anatomie pathologique contribue
quelquefois ä donner une conaissance plus complete des effets du principe contagieux ; mais son
utilite n'est alors que secondaire, parce que, dans ces sortes d'affections, les lesions organiques
sont ce qu'il y a de moins important ä counaitre; 8°. dans les maladies aigues, accompagnees
ou suivies d'une lesion organique peu grave, l'anatomie pathologique sert ä completer l'histoire
de la maladie, et ä faire connaitre quelques uns des resultats qu'elle a entraines: eile est donc
alors utile, quoiqu'elle ne soit peutetre pas absolument indispensable : 9n. mais dans les mala-
dies organiques, dans toutes les affectiuns oü une lüsion organique peut determiner des symp-
tumes graves et entrainer la mort, l'anatomie pathologique fournit les plus grandes lumieres,
et l'on ne peut se passer de son secours, soit pour etablir une Classification lumineuse, soitpour
tracer des monographies exactes, soit enfin pour conduire avec prudeuce les individus atteints
de ces formidables maladies qui, comme tout le monde en convient, sont excessivemeut nora-
breuses.
Aus Peter Frailk's Vorwort zu der Heilart in der klinischen Anstalt
zu Pavia.
Nicht unbekannt mit den Hindernissen, -welche das Wacbsthum der Arzneiwissenschaft
seit so vielen Jahrhunderten gehemmt haben, entferne ich mich voll Unwillens von dem grossen
Haufen derjenigen, welche entweder den Alten jede Einsicht in der Heilkunde absprechen, und
die ihrige dafür geltend machen ; oder eben denselben allein alle mögliche Kenntnisse zuge-
stehen, und was Neu ist, ohne Unterschied verwerfen. Von den ersten Tagen meiner medi-
cinischen Laufbahn an, verabscheute ich immer das Heer von Hypothesen, so wie die Streitig-
keiten, welche solche unter gelehrten Männern anzeddeln : da solche, obschcn der Gegenstand
des Zankes nach wenigen Jahren in tiefer Vergessenheit vergraben liegt, doch zu einem
immerwährenden Hasse der ehemaligen Gegner Anlass geben und dem Fortgang der Wissen-
schaft zum Nachtheil gereichen. Mein Glaube in medizinischen Dingen war daher immer
ohne Geräusche und von der grössten Duldsamkeit mit noch so entgegengesetzen Meinungen,
begleitet. Indem ich an meinem eigenen Wissen oft zweifelte, habe ich die Beweisgründe
anderer, wenn ich ihnen nicht beigepflichtet habe, nie öffentlich, es seye dann mit wenig
scharfen und gewiss nie den Menschen beleidigenden Waffen bestritten. Seitdem ich aber
zu Göttingen, zu Pavia und endlich zu Wien als Lehrer aufgetreten bin, habe ich mich
nie anders, als es mein Amt erforderte, benommen; ich stellte meine Meynungen auf, und
verschwieg die ihnen widersprechenden Gesinnungen anderer nicht, und so hatte ein jeder die
volle Freyheit über beyde sein Urtheil zu fällen. Nur zielte unablässig mein Bestreben: dass
meine Schüler die schwere und grosse Kunst an vielem zu zweifeln erlernen möchten.
Der Erfolg entsprach meinem Wunsche, denn bald gab es Gelegenheit für den jugend-
lichen Verstand, sich in solch einer Kunst zu üben. Drey der angesehendsten und erfahrensten
Männer, Valcarenghi, Borsieri und Tissot, hatten nach und nach der Kanzel der praktischen
Arzneikunst auf der hohen Schule zu Pavia, welche ich im Jahr 1785 bestiegen habe, ein
glänzendes Ansehen verschafft. Und doch wichen sowohl viele meiner Lehrsätze, als selbst
meine Heilart, in manchen Stücken von jenen dieser berühmten Männer, und selbst von dem
gewöhnlichen Verfahren der mehrsten italienischen Aerzte am Krankenbette, um ein grosses ab.
Zwar hatte ich zwanzig Jahre hindurch eine unzählige Menge von Krankheiten behandelt, und
auf der hohen Schule zu Göttingen, welche in der gelehrten Welt immer des grössten An-
sehens genoss, war mir die Verwaltung der Klinik anvertraut worden; allein da ich ausser der
in deutscher Sprache geschriebenen medicinischen Polizey, ausser der bekannten Ankün-
digungsschrift de larvis morborum biliosis und einigen, in akademische Sammlungen einge-
rückten, in lateinischer Sprache verfassten medicinisch-chirurgischen Beobachtungen, noch
nichts herausgegeben hatte, welches mir das gerechte Zutrauen fremder Nationen hätte ge-
winnen, und das Ansehen verschaffen können, dessen die berühmten Männer genossen,
in deren Fusstapfen ich getreten war, und mit welchen ich um den Vorrang weder kämpfen
konnte, noch wollte ; so musste ich mich nicht nur mit starken Beweisgründen ausrüsten, welche
denzumTheil mit andern ganz entgegengesetzten Meinungen genährten Geist der Schüler zu
erschüttern und zu neuer Durchforschung der Dinge aufzufordern vermochten ; sondern musste
auch all' dasjenige, was ich in meinen Vorlesungen von der gemeinen Lehre abweichendes
vortrug, am Krankenbette nicht nur durch eine, sondern durch vielfache Erfahrungen als wahr
6*
84 Zum siebenten Abschnitt.
zu bestätigen suchen, oder der Aussage pathologischer Leichenöffnungen unterwerfen. Hiedurch
geschah es, dass nach einigen Jahren eine grosse Anzahl junger Aerzte aus sehr verschiedenen
Gegenden in Pavia zusammenströmte. Diese bildeten verschiedene Sekten, je nachdem
nämlich die Lehren, welche sie auf dieser oder jener Schule eingesogen hatten, verschieden
waren. Ein jeder bestrebte sich seine Theorie zuerst hartnäckig zu vertheidigen , die
Erscheinungen und den Ausgang der Krankheiten nach seiner Weise auszulegen, und in den
ersten Monaten des Schuljahrs allen fremdartigen Grundsätzen die Ohren zu verschliessen.
Dieses bemerkte ich stillschweigend, und es gereichte mir zur grössten Freude, mich über-
zeugen zu können, dass meine Schüler nicht auf die Worte ihres Lehrers schwuren, sondern
zweifelhaft und mit ängstlicher Wissbegierde zum Krankenbette, als dem untrüglichsten Prob-
steine, ihre Zuflucht nahmen. An diesem geprüft, habe nicht nur ich selbst seit vielen Jahren,
sondern haben auch diese meine Zöglinge vieles, was für achtes Gold gepriesen worden war,
als unedles Metall und von schlechtem Gehalt anerkannt. So wuchsen Zweifel über Zweifel bei den
Zuhörern, und nachdem solche nach und nach unbemerkt den unnützen Schwärm kurz vorher
noch so hoch gepriesener Hypothesen verlassen hatten, waren sie erst das, zu was ich sie mir
wünschte : Freunde der Wahrheit, nicht des gelehrten Prunkes, unermüdet und gierig nach
jedem neuen Lichtstrahle, woher er auch immer kommen möchte. Daher war es auch nichts
seltenes, dass meine Schüler meine eigene Meinungen verliessen, und solche mit entgegen-
gesetzten vertauschten, oder wohl gar diese letztere in ihren öffentlich ausgestellten Sätzen
bei Erlangung der Doktorwürde freundschaftlich, aber aus allen ihren Kräften, vertheidigten ;
eine Sache, zu welcher zwar meine Einwilligung erfordert, aber auch mit vieler Leichtigkeit
erhalten wurde.
Hahneraann.
Ueber die Wirkung des Lycopodiums (chronische Krankheiten Band 2.
pag. 199).
„Wenn dieser Bärlapp-Staub auf die Art, wie die homöopathische Kunst die rohen Natur-
stoffe aufschliesst, nach obiger Anleitung zur Bereitung der antips orischen Arz-
neien, behandelt wird und ein Gran davon durch dreimal einstündiges Reiben mit jedesmal
100 Granen Milchzucker bis zur millionfachen Verdünnung und Potenzirung gebracht worden
ist, so entsteht eine so wundervoll kräftige Arznei, dass ein Gran des letztern in 100 Tropfen
gewässertem Weingeiste, wie dort gelehrt wird, aufgelöset und mit zwei Armschlägen ge-
schüttelt, eine Arznei-Flüssigkeit darstellt, die auch in der kleinsten Gabe (ein, zwei Mohn-
samen grosse, damit befeuchtete Streukügelchen) in den für dieselbe geeigneten Krankheiten
noch viel zu heftig wirkt. Selbst der höher, bis zur Billion- (II.) Potenzirung verdünnten
Flüssigkeit kann man sich, auch in der gedachten, kleinsten Gäbe, wegen ihrer noch allzu-
grossen Heftigkeit für Kranke noch nicht bedienen. Erst bei der potenzirten Sextillion-Ver-
dünnung (VI.) fängt diese Arznei an, brauchbar zu werden, so jedoch, dass man sich für reiz-
barere und schwächere Kranke doch stets nur der noch höher potenzirten Verdünnungen,
Oktillion (VIII.) und Decillion (X.) bediene, zu einem, höchstens zwei feinsten, damit befeuch-
teten Kügelchen auf die Gabe.
In diesen Zubereitungen ist das Lycopodium eine der unentbehrlichsten, antipsorischen
Heilmittel vorzüglich in den Fällen chronischer Krankheiten, wo folgende Symptome beschwer-
lich sind: Schwindel, besonders beim Bücken ; Blutdrang nach dem Kopfe; Hitze im Kopfe;
Schwere des Kopfs; mit Niederliegen verbundene Anfälle von Reissen oben auf dem Kopfe,
der Stirne, der Schläfe, der Augen, der Nase bis zu einem Zahne; Reissen in der Stirne hin
und her, alle Nachmittage; nächtlicher, äusserer Kopfschmerz, Reissen, Bohren und Schaben;
drückend spannender Kopfschmerz ; Kahlköpfigkeit; Augen vom Kerzenlichte gereizt; Stechen
in den Augen, Abends bei Lichte; Drücken in den Augen; Seh runden der Augen;
Zuschwären der Augen; A ugen- Entzündung mit nächtlichem Zuschwären
und Thränen am Tage; Thränen der Augen in freier Luft; Weitsichtigkeit (Presbyopie);
Trübsich tigkeit, wie Federn vor den Augen; Flimmern und Schwarzwerden vor den
Augen ; öftere Anfälle von Gesichts-Hitze : juckender Ausschlag im Gesichte ; Geschwulst und
Spannung im Gesichte; Sommersprossen im Gesichte ; Ueberempfindlichkeit des Gehörs , An-
gegriffenheit von Musik, Schall, Orgel; Ohr-Klingen; Schwerhörigkeit; Nasen-Bluten;
nächtliches Zuschwären des Nasenlochs; Schorfe in der Nase; geschwürige Nasenlöcher; harte
Geschwulst an der einen Hals Seite; Steifheit der einen Hals-Seite; Genicksteifigkeit; Durst-
losigkeit mit Trockenheit am uud im Munde, so dass diese Theile spannen und die Zunge
schwer beweglich und die Sprache undeutlich wird; Geschmacks- Verlust; belegte, unreine
Zunge; früh, Schleim-Geschmack; Schleim-Rahksen; langwieriges Halsweh; früh,
Hahnemann. 85
Mund-Bitterkeit, mit Uebelkeit ; übermässiger Hunger; Heisshunger; Appetitlosig-
keit; der Appetit vergeht beim ersten Bissen; Abneigung vor gekochten, warmen Speisen;
Abneigung vor schwarzem Brode, oder vor Fleisch; allzugrosse Neigung zu Süssem; Milch
erregt Durchfall; fettiges Aufstossen; saures Aufstossen; Sood-Brennen; Würmerbe-
seigen; öftere, stete Uebelkeit; früh, Weichlichkeit im Magen; Magen-Drücken; Magen-
Drücken nach dem Essen; Herzgruben- Geschwulst und Schmerz beim Anfühlen; Voll-
heit im Magen und Unterleibe; beschwerliche Aufgetriebenheitdes Bauches;
Mangel an Blähungs-Abgang; Kulkern im Bauche; Verhärtungen im Unterleibe;
Kneipen im Bauche; Leibschneiden; Leibschneiden im Oberbauche; Brennen im Unterleibe;
Spannung um die Hypochondern, wie von einem Reife; Leberschmerzen nach satt Essen;
Herzklopfen bei der Verdauung; schwierig und mit vieler Anstrengung herauszupressender
Stuhl; Leib- Verstopfung zu mehren Tagen; Hartleibigkeit; Afterschmerzen nach
Essen und Stuhlgange; Schneiden im Mastdarme und in der Harnblase; Nieren-Gries;
Drängen zum Harnen; allzu häufiges Uriniren, mit Drang; Jucken in der Harnröhre bei
und nach dem Harnen; Blutfiuss aus der Harnröhre; schwache Steifheit des männlichen Glie-
des; Mangel an Erektionen; Mangel an Pollutionen; Mangel an Geschlechts-Trieb; mehr,
jährige Impotenz; Abneigung vom Beischlafe; allzu leichte Reizung zur Begattung, schon
durch Gedanken daran; unbändiger Trieb zur Begattung alle Nächte; der Samen gehet zu
schnell fort; zu lang dauernde und allzustarke Regel; von Schreck auf lange Zeit zu unter-
drückende Regel; Weissfluss-Abgang auf vorgängiges Schneiden im Unterbauche ; Weis s-
fluss; — Fliesschnupfen; Schnupfen und Husten; Stockschnupfen; Verstopfung beider
Nasenlöcher; Husten nach Trinken ; trockner Husten, Tag und Nacht langjähriger, trockener
Frühhusten; Husten und Auswurf; (Husten mit eiterigem Auswurfe); Stiche in der linken
Brust; Brennen in der Brust heran (wie von Sood); steter Druck au der linken untersten Ribbe ;
Kurzäthmigkeit bei Kindern; stete Brust-Beklemmung, jede Arbeit verkürzt ihm den Athem;
Stechen im Kreuze, nach Bücken, beim wieder Aufrichten; nächtlicher Rückenschmerz;
Reissen in den Schultern ; Ziehen und Zusammenraffen im Nacken bis in den Hinterkopf, Tag
und Nacht; Zieh-Schmerz in den Armen; nächtlicher Knochenschmerz im Arme; Einschlafen
der Arme schon beim Aufheben derselben; nächtliches, krampfiges Einschlafen der Arme;
Kraftlosigkeit der Arme; nächtlicher Knochenschmerz im Ellbogen; gichtsteifes Hand-Gelenk;
Taubheit der Hände; Verstorren der Finger bei der Arbeit; Reissen in den Finger-Gelenken;
Röthe, Geschwulst und gichtisches Reissen der Finger-Gelenke; von Gicht-Knoten steife
Finger; nächtliches Reissen in den Beinen; Reissen im Kniee; Steifheit des Knie es;
Knie-Geschwulst; Brennen an den Unterschenkeln; Zusammenzieh-Schmerz in den
Waden beim Gehen; Geschwulst des Fussknöchels ; Klamm in den Unterfüssen; kalte
Füsse; kalte, schweissige Füsse; starker Fuss-Schweiss; Fusssohlen-Geschwulst; Schmerz der
Fusssohlen beim Gehen; Umknicken der Zehen beim Gehen; Klamm in den Zehen; Hüner-
augen; Schmerz der Hüneraugen; Tages-Schweiss bei massiger Arbeit; Tages-Schweiss, bei
geringer Bewegung, besonders im Gesichte; Trockenheit der Haut der Hände; die Haut
springt hie und da auf und bekommt Risse ; Jucken am Tage bei Erhitzung; Jucken Abends
vor dem Niederlegen; schmerzhafter Ausschlag am Halse und auf der Brust; Blutschwäre;
alte Unterschenkel-Geschwüre, mit nächtlichem Reissen, Jucken Und Brennen; Klamm in den
Fingern und Waden; krampfhaftes krumm Ziehen der Finger und Zehen; Reissen in den Armen
und Beinen; Reissen in den Knieen, Füssen und Fingern ; Zieh-Schmerz in den Gliedern;
überlaufende Hitze; Aderkröpfe, Wehadern der Schwangern; (leichtes Verheben); Ver-
kältlichkeit ; Mangel an Körper- Wärme ; Eingeschlafenheit der Glieder, Arme, Hände, Beine,
bei Tag und Nacht; Gefühllosigkeit des Armes und Fusses; nach wenigem Spazieren, Müdig-
keit der Füsse und Brennen der Fusssohlen; innere Kraftlosigkeit; Mattigkeit in den
Gliedern; Müdigkeit beim Erwachen; öfteres Gähnen und Schläfrigkeit; Tages-Schläfrigkeit;
unruhiger Schlaf, die Nacht, mit öfterm Erwachen ; traumvoller Schlaf; ängstliche Träume;
fürchterliche Träume; öfteres Erwachen die Nacht; spätes Einschlafen; er kann vor Ge-
danken nicht einschlafen ; dreitägiges Fieber, mit sauerm Erbrechen, nach dem Froste, Ge-
dunsenheit des Gesichtsund der Hände; Angegriffenheit; Furcht vor allein Seyn ; Eigensinn,
Empfindlichkeit; Aengstlichkeit, mit Wehmuth und Weinerlichkeit; Aergerlichkeit.
Eine massige Gabe, wenn es richtig gewählt war, wirkt 40, 50 Tage lang Gutes, auch
wohl einige Tage länger."
Einige der 891 Einzelwirkungen des Lycopodiums sind nicht ohne Interesse:
1. Er bekommt Schwindel in einer heissen Stube (nach 23 Tagen).
2. Früh, bei und nach dem Aufstehen aus dem Bett, Schwindel (nach 30 Tagen).
86 Zum siebenten Abschnitt.
9. Er kann über höhere, selbst abstracte Dinge ordentlich sprechen, verwirrt sich aber
in den alltäglichen; so nennt er z. B. Pflaumen, wo er Birnen sagen sollte.
60. Links oben auf dem Haarkopf Empfindung, als wenn an einem einzelnen Haare ge-
zogen würde.
62. Die Kopfhaare gehen ungeheuer aus.
76. Rothes gedunsenes Gesicht.
78. Mehr Sommersprossen auf der linken Gesiehfcseite und über der Nase.
80. Blasse elende Gesichtsfarbe.
118. Die Augen sind Abends voll eitrigen Schleims mit schründendem Schmerz (nach
32 Tagen).
168. Abends auf einem Spaziergang starkes Nasenbluten aus einer kleinen Wunde in der
Nase (nach 32 Tagen).
173. Eine jükende Blüthe auf der Oberlippe (nach 14 Tagen).
244. Früh schmekt das Wasser ganz zuckersüss.
446. Er schläft bei der Begattung ein, ohne Samenerguss (nach 12 Tagen).
476. Niessen ohne Schnupfen.
481. Stockschnupfen.
488. Heftiger Schnupfen etc. etc.
Mag diese Art der Registrirung der Selbstempfindungen und Selbstbeobachtungen von
Leuten, die durch die Versuchsmaassregel mit Notwendigkeit auf hypochondrische Grillen
und Täuschungen geführt werden, einer dunklen und übelverstandenen Ahnung der Forderung
strengster Esactheit entsprungen oder mag sie reine Windbeutelei sein, in einem wie dem
andern Fall gibt sie ein Beispiel, dass es weder eine Absurdität noch eine Geschmaklosigkeit
gibt, welche nicht auf einen Schweif gedankenloser Nachbeter rechnen dürfte.
Zur Würdigung des sittlichen Charakters Hahnemann's genügt ein einziges Factum,
erzählt von Moriz Müller, einem der anständigsten Anhänger der Secte, aber freilich nicht in
exclusiver Verblendung befangen (Vater von Clotar Müller): Hahnemann „erklärte, dass er
dem Heilanstaltsdirector aus eigenen Mitteln 400 Thaler jährlich zulege. Es fand sich
endlich, dass er die bei ihm für den Fonds eingehenden Beiträge hiezu verwendet
hatte. Als nach 3/4 Jahren diese ihm eigentümliche Quelle, aus eigenen Mitteln
zu zahlen, erschöpft war, schrieb er den Inspectoren: da der Fonds jezt in so vortrefflichen
Umständen sei, so müssten sie nun die 400 Thaler Zulage aus dem Fonds geben. Die Inspec-
toren wussten aber nichts davon, dass der Fonds in guten Umständen sei, nur das Gegentheil."
(Zur Geschichte der Homöopathie 1837. pag. 92).
Angebliche Weiterentwiklung der Homöopathie.
Man hört zwar vielfach laut oder im Vertrauen von sogenannten Homöopathen die Ver-
sicherung, dass die Homöopathie in ihrer jezigen Gestalt eine wesentlich andere geworden sei
und nicht mehr für Hahnemann's Absurditäten verantwortlich gemacht werden dürfe, auch dass
sie für einzelne schwindlerische Bestrebungen in ihrer eigenen Mitte so wenig zu haften brauche,
als diess der Medicin überhaupt für die in allen ihren Branchen vorkommenden Charlatanerien
zugemuthet werde.
Sind auch immerhin solche Bekenntnisse beachtenswerth, so gelingt es doch nicht, in den
Publicationen der Secte die Beweise der Besserung zu entdeken. Es ist zuzugeben, dass
Manche der Anhänger der Homöopathie in pathologischen Beziehungen sich mehr oder weniger
der heutigen Ausbildung der Wissenschaft genähert haben und über die von Hahnemann und
Anderen in dieser Hinsicht vorgetragenen Albernheiten sich keine Illusionen mehr machen.
Eine eigentlich selbständige Leistung ist aber auch in dieser Beziehung bei den Homöopathen
nirgends zu finden. Dagegen sind die therapeutischen Grundsäze, auch wo man sie zu mildern
suchte, überall noch in dem gleichen Conflicte mit der Vernunft und mit getreuer Beobachtung.
Immerhin bleibt es von einigem Interesse einen Blik auf das jezige Gebahren zu werfen,
um sich zu überzeugen, wie breit und tief die Kluft noch ist, welche zwischen dem Menschen-
verstand und der Homöopathie sich ausbreitet. Einer der anerkanntesten und gescheidesten
Homöopathen, Hofrath Wolf, hat in 18 Thesen diejenigen Grundsäze niedergelegt, zu welchen
sich die Homöopathen aller Farben bekennen. Aus jenen hat Hencke in Riga (allgem.
homöopath. Zeitung 1857 Band LIV. pag. 2) die 4 wesentlichsten Principien ausgezogen.
Sie sind mit den eigenen Worten folgende:
„1) Das Princip: Similia similibus curantur.
Die homöopathischen Aerzte erkennen das zwar von mehreren Aerzten früherer Zeit ge-
ahnte, aber von Hahnemann zuerst in vollster Ueberzeuguug aufgestellte und practisch erprobte
Homöopathen. g7
Princip : dass Krankheiten durch kleine Gaben derjenigen Mittel geheilt werden können, die
bei Gesunden, in grossen Gaben, ähnliche Krankheiten zu erzengen vermögen, als ein Natur-
gesetz an, auf welches ein kräftiges, einfaches und minder unsicheres Heilverfahren gegründet
werden konnte, und haben dessen practische Anwendbarkeit in den verschiedenartigsten
Krankheitsformen vielfach bewährt gefunden.
2) Die Arzneiprüfungen an Gesunden.
Die homöopathischen Aerzte sind für die Unvollkommenheiten der bisherigen Resultate von
Arzneiprüfungen an Gesunden der reinen Arzneimittellehre Hahnemann's und aller ähnlichen
Symptomenverzeichnisse geprüfter Arzneien nicht blind. Wir wissen sehr wohl, dass Irrthümer
hier mit unterlaufen können und müssen und sind darum weit entfernt jedes Symptom unbe-
dingt der Arznei zuzuscbreiben, welche eben geprüft worden ist; desshalb nehmen wir auch
die pathologischen Erscheinungen, welche sich nach einer Arzneiprüfung geäussert haben, nur
als Andeutungen, diese Arznei bei ähnlichen spontanen Krankheitserscheinungen zu versuchen,
und nur wenn die Tilgung dieser das gleichmässige Resultat wiederholter Versuche ist, treten
jene Andeutungen in den Rang von Anzeigen für den fernem usus in morbis.
3) Anwendung eines einzigen Mittels zur Zeit.
Die Vorzüglichkeit dieses Grundsatzes vor jedem andern Verfahren ist unverkennbar.
Nur die Befolgung dieses Grundsatzes allein kann zu einer wahren Kenntniss des Mittels und
dessen Nutzen und Wirkungssphäre führen.
4) Die Kleinheit der Arzneigabe.
Wir homöopathischen Aerzte stellen keineswegs in Abrede, dass man in vielen Fällen
auch mittelst der usuellen Präparate der altern Schule und nicht ganz kleinen Dosen homöo-
patisch heilen könne, da Hahnemanu selbst ursprünglich mit solchen agirte und eben dadurch
weiter geführt wurde, wir auch die ältere Schule oft mit demselben Mittel heilen sehen, dessen
wir uns in demselben Falle mit gleichem Erfolg in kleinen Gaben bedienen. Aber bei heftigen,
schnell verlaufenden und lebensgefährlichen Zuständen würde das homöopathische Heilprinzip
ohne sehr verkleinerte Gaben gar nicht anwendbar sein. Grössere Gaben könnten eine posi-
tive Steigerung der Krankheit zur Folge haben, im günstigsten Falle müsste man gefasst sein,
der Besserung eine nicht kurze, stürmische, den Heilzweck auf keine Weise fördernde und den
Kranken sehr peinliche Aufregung vorhergehen zu sehen. Hahnemann ersann, weil er diess
erfuhr, in den Verdünnungen ein so einfaches als zweckmässiges Mittel und gerieth dabei auf
die Entdeckung des merkwürdigen Facti, dass selbst weit getriebene Verdünnungen (d. h.
recht passend gewählter positiver, homöopathischer Arzneireize. Hahnemann) eine Wirksam-
keit zeigen, die man nicht hatte ahnen können und wir müssen erklären, dass die homöo-
pathischen Aerzte ohne Ausnahme die Richtigkeit seiner Beobachtungen anerkennen. Unsere
tägliche Erfahrung spricht mächtig dafür.
Hahnemann fand den Grund dieser Thatsache darin, dass Krankheit allemal die natür-
liche Empfindlichkeit des Organismus für äussere Reize abändere, so dass er für Agentien,
welche dem Krankheitsreize analog wirken, viel empfänglicher wird, für heterogene dagegen
unempfänglicher. Vernunftgründe, unsere Beobachtungen und tägliche Erfahrungen sprechen
für diesen Satz, den wir als vollkommen wahr anerkennen.
Die Suppressiou der Symptome (Enantiopathie) würde dem Homöopathiker bei den kleinen
Gaben, die er anwendet und deren Wirksamkeit eben in ihrer specifischen (homöopathischen)
Beziehung zu dem Krankheitsfalle beruht, nicht so leicht werden, als den Aerzten der altern
Schule mit grossen Gaben nicht specifischer, unhomöopathischer Arznei."
Aber selbst die in diesen Worten enthaltenen mannigfachen Concessionen sind für viele
Homöopathen ein Greuel und haben Protestationen für die Reinerhaltung hervorgerufen.
Prüfen wir aber statt der Principien die Praxis, so finden wir z.B. in dem „Ausführlichen
Symptomencodex der homöopathischen Arzneimittellehre" von Jahr (1848) eine mit der
naivsten Treue hergestellte Sammlung und Wiedergabe des haarsträubendsten Unsinns. Ein
einziges Beispiel mag genügen. Im 2ten Bande werden sub XXIV. die weiblichen Genitalien
abgehandelt und zwar in einem ersten Abschnitt die Symptome. Der zweite Abschnitt ist
überschrieben: „Einzelnes" und hier werden die verschiedenen Zustände und Verhältnisse
alphabetisch abgehandelt und die dabei anzuwendenden Mittel beigesezt. Hier heisst es
pag. 751 ohne alle weitere Bemerkung: „Beim Beischlafe, im Allgemeinen : Ferr. mar.
Kali c. Kreos. Merc. Merc. c. Sil. Sulph."; „nach dem Beischlaf, im Allgemeinen: Natr.
mur."; bei „leichter und gewisser Empfängniss Merc."!!
Aber vielleicht gehört dieser Jahr zu den Desavouirten.
In einem in 2ter Aufl. 1855 erschienenen homöopathischen Haus- und Familienarzt von
Clotar Müller, dem Heraasgeber des Centralorgans für die gesammte Homöopathie, finden wir
38 Zum siebenten Abschnitt.
pag. 118 ganze Reihen von Mitteln aufgeführt gegen hellen, rothen, braunen, schwärzlichen,
grünlichen, trüben, weisslichen etc. etc. Urin, erfahren dass gegen ,,fasrigen" Bodensaz im Urin
Cannabis, Cantharis, Mercur, Salpetersäure „oft passen" und dabeiist von „rettendem Beistand
der Wissenschaft" die Rede. Noch mehr! wir begegnen dort (pag. 62 — 64) einem drei
Seiten langen Verzeichniss von Mitteln gegen Zahnschmerzen mit scharfsinniger Unterscheid-
ung in der Art, dass Chamomilla, Clem. Puls. etc. passen, wenn die Schmerzen bis in die
Augen, Mercur, Nux etc. wenn sie bis ins Gesicht, Mercur, Pulsatilla etc. wenn sie bis in
Ohren, Chamom, Merc, Nux, Hyosciamus etc., wenn sie bis in den Kopf gehen; dass
Belladonna und Bryonia etc. angezeigt ist, wenn die Schmerzen durchs Essen, Chamom. und
Coffea etc., wenn sie durchs Kauen verschlimmert werden, Pulsatilla wenn sie durch Stochern
sich vermehren. Angesichts dieser Finessen ist es noch erträglich, wenn Arthur Lutze (Lehr-
buch der Homöopathie 1855. pag. 110) 19 Mittel für die linke und 17 für die rechte Körper-
hälfte aufzählt.
ZUM ACHTEN ABSCHNITT.
BrOUSSais. Aus den Commentaires : Proposition CXXXIV. Toutes les fievres essentielles
des auteurs se rapportent ä la gastroentürite simple ou compliquee. Ils l'ont tous meconnue
lorsqu'elle est sans douleur locale, et meme lorsqu'il s'y trouve des douleurs, les regardant
toujours comme un accident.
Cette proposition est une de Celles qui ont le plus revolte les anciens medecins. Sans
vouloir en approfondir le sens, ils l'ont declaree trop exclusive. L'idee de ne voir que l'inflam-
mation des voils gastriques dans les fievres les a choques ; ils ont d'abord. crie a. l'absurdite.
En y reflechissant ensuite, ils ont bien voulu accorder, au moins les plus senses, qu'il n'y a
point de fievre sans l'affection d'un organe; mais ils ont refuse d'admettre que cette affection
se reduisit toujours ä une gastroenterite. Nous leurs avons repondu en parcourant les phleg-
masies aigues de tous les organes, et les comparant avec l'etat febrile.
Avez-vous, leur avons-nous dit, donne un nom aux inflammations de la peau, a Celles du
tissu cellulaire, ä Celles des muscles, ä Celles des articulations, ä Celles de l'encephale, äcelles
de la gorge, du larynx, des poumous et de ses differens tissus, ä Celles du coeur, ä Celles du
foie, du pöritoine, des reins, de l'uterus, de la vessie, ducolonet du rectum; aux phlegmons du
tissu cellulaire des cavites viscerales, aux phlegmasies de l'appareil vasculaire? Le reponse
ne pouvait etre qu' affirmative ; il suffit de parcourir les nosologies pour en avoir la certitude ;
mais les hommes qui craignaient d'etre convaincus ne l'ont point faite; faisons la donc pour
eux; disons que toutes ces inflammations sont designees, chacune, par une denomination
speciale qu'ä cöte se trouve le groupe de symptömes qui les caracterise et que la fievre qui
les accompagne en est consideree comme l'effet. Ajoutons maintenant : Ou vous donnez aux
fievres dependantes de ces phlegmasies le nom de fievres essentielles, ou vous ne leur donnez
pas ce nom. Si vous le leur accordez, vous contrevenez ä vos principes, puisque vous professez
que toute fievre produite par 1'inflammation d'un organe n'est pas essentielle; si vous leur
refusez ce titre, vos fievres essentielles ne sont dependantes d'aucune des phlegmasies que nous
venons d'enumerer, et alors il faut pour les caractöriser, d'autres symptömes que ceux de ces
meines phlegmasies. II s'agit maintenant, avons nous ajoute, de rechercher la valeur des
symptömes qui attestent l'existence de vos fievres essentielles; or je parcours ces symptömes
et je trouve que ce sont precisement ceux de 1'inflammation de la membrane muqueuse du canal
digistif, cepuis l'estomac jusqu'au colon.
Einge Proben aus der deutschen medicinischen Literatur vor dem
Umschwung der Anschauungen:
„Vergleichen wir nun die vollkommenste bewegte Zelle der höheren Thiere, die Blutzelle
mit der Eide, so ergibt sich die Aehnlichkeit auffallend. So denn
Ist die Erde rund und an den Polen ab- Die Blutzelle des Menschen ist rund und
geplattet. an den Seiten abgeplattet.
Die Irde hat einen Kern (sie selbst) und Die Blutzelle hat einen Kern und eine
eine contnhirte Hülle (den Dunstkreis). contrahirte Hülle.
Die Erde dreht sich um ihre Axe. Die Blutzelle dreht sich um ihre Axe
(bei höheren Thieren).
Die 2rde wird durch die Sonne gezügelt Die Blutzelle wird dies durch das Nerv-
und höhei potenzirt etc. etc. ensystem etc. etc.
Wem wir denn nun eine so grosse Aehnlichkeit zwischen beiden sehen, so dürfen wir
wohl au:h den Schluss wagen, dass alle Eigenschaften, welche der Blutzelle
zukomnen, so auch der Erde zustehen müssen. (Aus H. Horn's Darstellung des
Schleimfebers 2. Aufl.)
Naci Steinheim (Heft III. des Gräfe und Walther'schen Journals 1838) ist „die Cholera,
was ihre legative Sphäre anlangt, von einer outrirten Decombustion der organischen Ursäfte, von
90 Zum achten Abschnitt.
einer vollendeten' Melanhaemie mit allen ihren begleitenden aus dieser einzigen Quelle ent-
springenden pathologischen Affecten abzuleiten."
Die Thräne als Abstossung und Aufopferung eüies organischen Theils ist das Symbol des
Unterliegens unter die äussere Macht, aber auch andrerseits der Anerkennung einer Erhaben-
heit, einer sittlichen Grösse, ja des höchsten Weltgerichtes selbst." (Dr. Nathan: physiolog-
ische Analyse der Thräne, Zeitschr. für gesammte Medicin von Oppenheim Bd. 26 S. 38.)
Dr. Krüger-Hansen in Güstrow hat im Jahr 1845 folgende Bedenken gegen die Aus-
cultation :
1) Ein züchtiges Fräulein werde sich nicht überwinden können, „ihren Busen den Blicken
eines jüngeren Aesculaps blosszulegen, der ihr fremd ist oder an dessen Namen sich nicht der
beste Ruf knüpft." 2) Wäre das Auscultiren nothwendig, „so würden taube Aerzte, die
doch auch ihre Praxis fortsetzen, übel daran sein." 3) Es sei unmöglich, die Töne
und Geräusche in der Brust durch unsere beschränkte Sprache auszudrücken , ja sogar sie
systematisch zu ordnen. „Versuche mal ein Naturforscher den Gesang oder das Geschrei der
befiederten Thiere durch Worte auszudrücken!" 4) Es sei ein Versteck der praktischen Un-
wissenheit, „wenn der Arzt sein Ohr darauf legt und dabei eine gelehrte Miene macht, als sitze
er auf dem delphischen Dreifuss." 5) Nur die, deren Auge und Ohr in geschwächtem Zu-
stande sind, dürften zur Unterstützung Brillen und Stethoskop brauchen. 6) „Welche Kosten
würden über Land wohnende Kranke tragen müssen , wenn Aerzte sogar für das Dorfgesinde
herbeigeholt werden müssten, um durch Stethoskope die Indication festzustellen!" 7) Wollte
man aber „solche Instrumente über Land schicken und sich über das Gehörte berichten lassen,
welche Anwendung würde ein ganz ungehobelter, sonst nur den Dreschflegel handhabender
Taglöhner davon machen, welch ein Galimathias würde zu Hand kommen, wenn er über das
so Gehörte referiren sollte!" 8) Die auscultirenden Aerzte können nicht nachweisen, dass sie
durch den Gebrauch des Instruments mehr und schneller Heilungen bewirkt haben, „wenn sie
aber die Richtigkeit der Diagnose zum Anschauen bringen wollen, so müssen sie ja den der
Cur Unterlegenen bereits auf dem Secirtische vor sich haben." (Praktische Fragmente von
Dr. Krüger-Hansen in Güstrow. Coblenz 1845 S. 99 u. a. a. 0.)
Aus Sobernheim's Handbuch der praktischen Arzneimittellehre (1836):
Von allen Antimonialpräparaten greift der Goldschwefel am intensivsten in das vegetative
Leben ein und führt die den Spiessglanzmitteln im Allgemeinen zukommende Hauptwirkung:
Steigerung des organischen Verflüssigungsprocesses auf Kosten des Festbildenden am reinsten
und consequentesten durch , vorzüglich in der Schleimmembran , der äussern Haut und im
Lymphdrüsensysteme und den venösen Gebilden, überall fluidisirend, auflösend, den Ab- und
Ausscheidungsact und die resorbirende Function energisch bethätigend ; dessgleichen, wiewohl
in etwas schwächerem Grade in den serofibrösen Auskleidungen, und vermag somit die ge-
sammte vegetative Metamorphose in dieser Weise umzustimmen. Vermöge seines mächtig
reizenden Eingriffes in die asthenisirte und desshalb zu copiösen , zähen Absonderungen ge-
neigte Lungenschleimhaut, steigert er die darniederliegende und zu versiegen drohende Leb-
ensthätigkeit in diesem Organe, wodurch auch die in Folge der Atonie verhinderte Los- und
Ausstossung der angesammelten und stokenden Schleimmassen kräftig befördert wirc, so dass
er in solchen Fällen als das summum espectorans angesehen werden kann. Allein nicht bloss
in functioneller Beziehung, als ein die tiefgesunkene Dynamik der Lungenmembran mächtig
erhebendes, specifisches Reizmittel, leistet er hier so vorzügliches, sondern noch mehr in Folge
seiner qualitativen plasticitätswidrigen Beziehungen auf die krankhaften Absonderun^sproducte
selbst und die luxurirende Metamorphose der Schleimhaut die in ersterer Hinsicht zähe, zu
plastischen Gerinnungen geneigte Schleimwucherung einschneidend, auflösend, veräüssigend,
und in letzterer den Trieb zur organischen Concrescenz, zu Afterbildungen durch srine allge-
mein fluidisirende Wirkung daruiederkämpfend, woher auch seine unübertroffene Wirksamkeit in
solchen Leiden der Lungenschleimhaut, welche durch metastatische Ablagerungen (zumal psor-
ischerund herpetischer Art) sich gebildet haben ; so dass nach diesen thatsächlichen Wirkingen wohl
der Schluss erlaubt ist, der Goldschwefel wirke ebenso auflockernd, verflüssigend auf db Schleim-
bildung, wieCalomel specifisch auf das an plastischen Elementen überladene, zuAusschwitzungen
einer plastischen Lymphe, concrescirenden Bildungen geneigte Blut in entzündlichen Uebeln.
Kali sulphuratum. Durch die Verbindung mit der kaiischen Grundlage wird dk Wirkung
des Schwefels wesentlich modificirt; denn einerseits die ihm zukommenden Eigenschiften, zu-
mal die specifischen, in Beziehung auf das Venensystem, das Hautorgan, sowie die stcretions-
befördernden im Bereiche der Schleimhaut der Darm- uud Respirationsorgane belauptend,
Schönlein. 91
erhält dieses Präparat andererseits durch den Zutritt des Kali eine weit grössere auflösende
Kraft im Allgemeinen und eine besondere Beziehung zum lymphatischen und Drüsensystem.
Das Kali steht in seiner auflösenden Wirkung dem Mercur sehr nahe, es drängt gleich diesem
die festbildende Thätigkeit zurück, erhebt den Verflüssigungsprocess auf Kosten des assimilat-
iven, eine Wirkung, die, von den Chylifications- und Sanguificationsproducten ausgehend, denen
mit Zurückdrängung, Zerstörung der plastischen Elemente ein vorwiegend seröser Charakter
aufgedrückt wird, bis in die allgemeine B'utmasse durch ihre auflösenden, die serösen Bestand-
theile auf Kosten der cruor- und faserstoffhaltigen egoistisch hervorhebenden, desshalb auch
verflüssigenden Eigenschaften sich Schritt vor Schritt fortsetzt und in der vollendeten thierischen
Metamorphose mit der Auflockerung des Organisch-Materiellen, Fluidisirung und Schmelzung
der organischen Krystallisation endet etc. etc.
So geht es fort durch das ganze Buch und dieser Galimathias war in einem halben Duzend
Auflagen die Basis des Unterrichts in der Pharmacologie in Deutschland, der Rathgeber für
Anfänger und erfahrene Praktiker.
Aus Schönlein's Pathologie und Therapie.
Krisen lehre.
a) Allgemeine Krisen bilden die quantitativen und qualitativen Veränderungen : a) durch
den Urin tritt die Krise ein, wenn ein brennendes Gefühl an den Genitalien, ein Ziehen in der
Nierengegend längs der Urethra stattfindet. Fernere Zeichen sind: heftiger Trieb, Harn zu
lassen, spröde, etwas trockene Haut, vermehrter Durst, woher nicht selten intermittirender
Puls. Soll aber der Urin kritisch sein, so muss er in gehöriger Menge abgesondert werden,
anfangs eine Wolke nebula oben, und dann eine in der Mitte — suspensum, und endlich unten
einen Bodensatz — Sediment haben, der leicht zusammenfliesst, rothlich ist und sich in der
Mitte etwas erhöht zeigt; zugleich sei die Haut duftend und feucht, oder es bricht gar Schweiss
aus. ß) Durch Schweiss tritt die Krise ein, wenn sie vermehrte Röthe, Wärme und Weichheit
der Haut zeigt. Der Puls wird weich, klein, der Urin nur sparsam abgesondert, der Schweiss
muss mit warmer Haut erfolgen, flüssig und klebrig sein, er muss am ganzen Körper aus-
brechen, der Kranke sich sichtbar erleichtert fühlen, auch muss errnit dem kritischen Urin verbun-
den sein. Mit dem kritischen Schweisse erscheinen noch andere Productioneu der Haut. Es bilden
sich auch oft zugleich Exantheme, die mehr auf das locale Leiden Bezug haben, und als örtliche
Krisen zu betrachten sind. So findet man bei Typhus in den Gebilden des Unterleibs eine Blasenbild-
ung auf dem Unterleibe, so auch bei der Pneumonie auf der Brust, um den Mund und die Nasenflügel.
b) Locale Krisen. Alle andere Ausleerungen ausser Urin und Schweiss sind örtliche
Crisen , selbst Blutungen und Durchfall. Nach den verschiedenen Functionen der leidenden
Organe sind auch die örtlichen Crisen verschieden. So stellt sich z. B. bei der Pneumonie die
örtliche Krise durch den Auswurf ein, bei dem Catarrh durch einen Ausfluss von Schleim aus
der Schleimhaut der Luftröhre. Die kritischen Blutungen erscheinen nur bei synochalen
Krankheiten; sie erscheinen an verschiedenen Orten nach Verschiedenheit der leidenden
Organe und der Individualität des Subjects. Ist z. B. das Subject ein Jüngling, werden sich
leicht kritische Blutungen aus der Brust, aus der Nase bei ihm einstellen. Weil vorzüglich in
diesen Jahren das Blut nach der Brust und dem Kopfe strömt, da sich dagegen bei alten
Leuten gerne Blutungen aus dem After einstellen , weil in diesen Jahren gerne das Blut
nach unten strömt. Auf die Art der Blutung hat auch das Geschlecht Einfluss. et) Kri-
tische Blutungen am häufigsten durch die Nase bei jungen Subjecten, wenn der leidende
Theil oberhalb des Zwerchfells liegt und es eine synochale Krankheit ist, doch auch diese
Blutungen bei nicht rein synochalen Krankheiten öfters, wie z. B. bei Hirntyphus, ein-
treten. Vorboten dieser Blutungen sind : Röthe und Aufgetriebenheit des Gesichts, rothe
thränende Augen, Funkeln vor denselben, Druck in der Schläfengegend, Kopfschmerz,
besonders am Hinterhaupte, Saussen vor den Ohren, Zucken und Kitzeln in der Nase. Oft geht
dem Nasenbluten eine Ausleerung von seröser Flüssigkeit voraus, die Carotiden pulsiren heftig,
der Puls ist doppelt anschlagend puls, dicrotus. Entscheidet das Nasenbluten synochale Krank-
heiten, die unter dem Zwerchfelle ihren Sitz haben, was jedoch selten ist, so geschieht die Blut-
ung aus dem Nasenloche jener Seite, nach welcher das leidende Organ liegt, z. B. hei Splenitis
aus dem linken, bei Hepatitis aus dem rechten Nasenloche. fi) Die kritischen Blutungen er-
folgen auch durch die Genitalien, jedoch bei Männern selten, wohl aber bei Weibern und selbst
bei Krankheiten, die ober dem Zwerchfelle ihren Sitz haben; besonders wenn das kritische
Moment mit der Menstruation zusammentrifft. Vorboten sind Schmerz und Spannen in der
Brustgegend gegen den Uterus hin, Brennen beim Uriniren und heftiger Trieb dazu, und die
übrigen individuellen Erscheinungen der Menstruation. 7) Die kritische Blutung durch den
Mastdarm erscheint nur bei synochalen Affectionen des Unterleibs; bei Individuen, die über
92 Zum achten Abschnitt.
das Mannsalter hinaus sind. Vorboten eines solchen Ausflusses sind : Schmerz im Kreuze und
Unterleibe, Drang zum Harnen und Stuhl, Jucken im After uud Hämorrhoidalbeschwerden,
molimina hämorrhoidalia. 5) Kritische Blutungen können auch durch die Lunge, Harnwege und
den Magen erfolgen, diese sind aber selten heilsam, denn entweder sind sie zu gering und daher
nicht kritisch, oder zu profus, wo sie zwar die Krankheit brechen, aber noch eine gefährlichere
setzen. Eine Blutung ist kritisch, wenn das Blut in gehöriger Menge ausfliesst, dasselbe arte-
riell hellroth ist, aussen gerinnt und der Kranke sich darauf erleichtert fühlt, s) Der Durch-
fall als Krisis durch den Darmkanal ist bloss eine örtliche Krisis und beschränkt sich als
solche auf Affection der Secretionsorgane des chylopoetischen Systems; so zeigt er sich
z. B. bei Hepatitis als galliger, bei Verschleimung als schleimiger Durchfall. Er erscheint aber
nicht nur bei Krankheiten dieser Organe, sondern auch anderer Organe, die nicht zum chylo-
poetischen Systeme gehören, wenn dieselben einen Anstrich von Gastricismus haben , vermöge
des Gen. epidemicus. Vorboten eines kritischen Durchfalls sind: ein eigenes Zittern der Unter-
lippe, Stottern in der Sprache, Schmerzen und Poltern im Unterleibe, Abgang häufiger Winde,
sparsame Secretion des Urins, intermittirender Puls, dessen Intermissionen zunehmen, wenn
die Ausleerungen sich nähern.
Um kritisch zu sein, muss er erscheinen: a) Entweder bei Krankheiten des chylopoet-
ischen Systems, oder auch bei Krankheiten anderer Organe, wenn der Gen. epidemicus gastrisch
ist und die Krankheiten daher auch dessen Charakter angenommen haben; ist dieses nicht der
Fall, so ist er nicht kritisch, sondern colliquativ, wie beiPhthisis. ß) Die Ausleerungen müssen
meist in der Remission des Fiebers geschehen, gewöhnlich gegen Morgen, doch auch bisweilen
gegen Abend, y) Die Ausleerung darf nicht zu copiös sein, aber auch nicht zu gering, es
muss dem Kranken Erleichterung verschaffen. Was die Beschaffenheit der ausgeleerten Stoffe
betrifft, so ist sie nach der Krankheit verschieden, z. B. bei Leberkrankheiten galligt. Als
eigenthümliche Krisis eines Theils des chylopoetischen Systems, und zwar vorzüglich des
Magens, erscheint noch 6) das Erbrechen. Die Vorboten sind: Beben der Unterlippe, Stammeln
der Sprache, Zusammenziehen des Schlundes, Brennen rh demselben, Ekel, Congestion des
Blutes zum Kopf, Schwindel, Verdunkelung des Gesichts, Durst, kalte Schweisse auf der
Stirne, intermittirender Puls. Die örtlichen Krisen der Secretionsorgane erscheinen nur bei
Krankheiten der Secretionsorgane selbst, oder solcher Organe, die mit denselben in Verbind-
ung stehen. So entstehen bei Hepatitis galligte Durchfälle , bei Splenitis Bluterbrechen.
Haftet aber die Affeetation in einem Organe, das keiner Secretion vorsteht, so besteht die
örtliche Krise bloss in der Alienation der Function dieses Theiles; z. B. wo das Gehirn leidet,
ist wegen der Wichtigkeit des leidenden Theils die Krise eine Fiebercrise, als örtliche Krise
könnte man aber noch annehmen den tiefen Schlaf. Bei der Affection des Gangliensystems
erscheint als Alienation der Function der Krampf, z. B. bei Hysterischen. Was hier örtliche
Krisis ist, nimmt man oft für Krankheit selbst. Hieher gehören noch die Ergiessungen von
Lymphe und Wasser. Auch sie sind eigenthümliche Secretionsproducte, nur werden ihre Pro-
duete nicht nach aussen geschieden.
Das Zoogen.
Da das Zoogen als das Grundprincip, als Substrat des thierischen Lebens erscheint, so kann
es keine wesentliche qualitative Veränderungen erleiden, denn sonst würde es aufhören, Element
zu sein; das Grundgewebe lässt sich nicht weiter zerlegen und verändern, sondern muss qual-
itativ dasselbe bleiben, und seine krankhaften Veränderungen beziehen sich nur auf die Art
und Weise, wie es in einzelnen Individuen und Organen sich gestaltet. Es ist hier, wie bei den
einfachen Stoffen in der Natur, der Sauerstoff kann niemals seine Qualität verlieren, wenn er
nicht selbst als solcher seine Natur aufgeben soll. Da nun das Zoogen sich nicht wesentlich
verändern kann, ohne aufzuhören, Urstoff zu sein, so müssen sich seine Veränderungen bloss
auf räumliche quantitative Verhältnisse beziehen; diese Veränderungen sind nun entweder
absolut, nämlich solche, welche die Form der Organe an sich anziehen, oder relativ, nämlich
die sich auf die wechselseitige Lage der Organe unter einander beziehen. Morphen sind also
solche Krankheiten, bei denen absolut oder relativ räumliche Veränderungen des Zoogens vor
sich gehen, ohne Veränderungen der Textur.
System von Fuchs.
I. Classe: Hämatonosen.
1. Ordnung: Parakyklesen (Krankheiten der Vertheilung und Bewegung des Bluts, Hy-
perämie und Hämorrhagie).
2. Ordnung: Parakrisien (Krankheiten der Absonderung; Hydrochysen, Rheumen, Blen-
norrhoen, Eczematosen, Chymozemien = Drüsenflüsse).
Rademacher. 93
3. Ordnung: Hämopexien (Krankheiten mit vermehrter Gerinnbarkeit des Bluts: Phlogose
und Erysipelaceen).
4. Ordnung: Hämatolysen (Krankheiten mit verminderter Gerinnbarkeit: Hämochrosen
[Blutsuchten], Melanosen, Leukosen, Hydropsien, Malakien).
5. Ordnung: Haematophthoren (Krankheiten mit Blutverderbniss : Typhen, Typhoide,
Toxicosen).
6. Ordnung: Dyscrasien: Chymoplanieu (Versetzungen), Kacochymien, Phymatosen, Car-
cinosen, Phthisen.
II. Classe : Krankheiten des Nervenlebens. Neuronosen.
7. Ordnung: Krankheiten des sensitiven Nervenlebens: Parästhesien (Typosen, Neur-
algien, Anästhesien).
8. Ordnung: Parakinesien (Krankheiten des motorischen Nervenlebens: Neurospasmen,
Paralysen).
9. Ordnung: Paranoien (Krankheiten des psychischen Nervenlebens).
III. Classe: Morphonosen (Krankheiten der Form und Bildung).
10. Ordnung: Paratrophien (Hypertrophien, Atrophien, Teratosen, Neoplasmen).
11. Ordnung: Paratasien (Krankheiten durch fehlerhafte Ausdehnung: Stenosen, Ectasien).
12. Ordnung: Paratopien (Formkrankheiten durch veränderte Lage: Ectopien, Traumen).
Proben aus Rademacher's Rechtfertigung der verstandesrechten Er-
fahrungsheillehre.
■ Ueber den Frauendistelsamen (I. 140).
„Es mögen jetzt 18 oder 19 Jahre sein, da sollte ich einer Frau helfen, wehhe in den
Niederlanden mehrmals und hier im Lande Einmal an chronischem Erbrechen gelitten, dessen
Grund weder der niederländische Arzt, noch ich erkannt. Es hatte, wenu es sechs bis acht
Wochen gewährt, nach und nach von selbst aufgehört, ohne dass man hätte behaupten können,
die gereichten Arzneien haben auch nur das geringste zu dem Aufhören beigetragen.
Ihr jetziges Uebel bestand aber nicht in Erbrechen, sondern in Bauchschmerz. Dieser
Schmerz, obgleich er den ganzen Bauch einnahm, war doch in der Umgegend des Blinddarms
besonders vorwaltend. Alles wohl erwogen, hielt ich ihn für ein consensuelles, von einer Ur-
afi'ection der Leber abhängendes Darmleiden. Ob Gallensteine oder Verhärtung eines Theils
der Leber vorhanden, war ungewiss; beide Uebel sind gar sch:imm zu erkennen und letztes
wahrlich nicht immer mit Händen zu greifen. Ich hatte zu jener Zeit zwar schon eine reiche
Erfahrung über chronische und acute Leberübel, sie half mir aber in dem gegenwärtigen Falle
zu gar nichts. Schmerzen und Krämpfe blieben wie sie waren ; es entstand schleichendes
Fieber; bei ganz gesundheitsgemässem Harne wurde die Gesichtsfarbe schmutzig, schillerte in's
Gelbliche, der Schlaf fehlte gänzlich, die Abmagerung wurde so gross, dass keiner mehr daran
zweifelte, die Frau leide an der Auszehrung und sei verloren.
In diesem bedenklichen Zustande, wo ich mit meiner Erfahrung wirklich ganz am Ende
war und doch helfen sollte, kam mir eine Erinnerung aus E. Stahl's Dissertationen wunderbar
zu Statten. Dieser rühmt nemlich den Samen der Frauendistel als besonders heilsam in den-
jenigen Brustentzündungen, welche sich zu Gallenfiebern gesellen. Die angebliche Subinflamm-
ation der Lunge, gegen welche er ihn mit Nutzen gebraucht haben will, sah ich bloss als eine
schulrecht-ärztliche Idee an. Bei mir lautete seine reine Erfahrung also: er hat den Samen
der Frauendistel in Leberkrankheiten gebraucht, und consensuelle Brustleiden, die bekanntlich
bei diesen nicht selten sind, besser damit gehoben, als mit andern Mitteln ; darum, dachte ich,
ist es wahrscheinlich, dass der Frauendistelsame heilend auf die Leber wirkt und nicht auf
die Lunge.
Ich liess jetzt eine Abkochung des Samens machen und die Kranke stündlich einen Löffel
davon nehmen. Die Wirkung war in der That wundervoll; der Schmerz und alle krampfhafte
Zufälle minderten sich von Stunde an augenscheinlich, die Kranke genas allein durch den
fortgesetzten Gebrauch dieses einfachen Trankes.
Von der Zeit an habe ich das Mittel nie wieder verlassen und mich je länger je mehr
überzeugt, dass es bestimmt durch kein anderes zu ersetzen ist. Sehr wichtig ist es in dem
consensuellen Blutspeien, welches sich nicht selten zu chronischen Leber- und Milzleiden ge-
sellet. In unserem ganzen Arzneischatze findet sich kein Mittel, welches so bald und so
sicher diesen den Kranken sehr beunruhigenden Zufall beseitiget. In den häufig vorkomm-
enden acuten Leberfiebern, die mit Seitenstechen, Husten uud blutigem Auswurf verbunden
sind, kenne ich kein Mittel, welches diesem in Heilwirkung gleich käme. Mit ihm habe ich
Mutterblutflüsse, die consensuell von einem Leberleideu herkamen, gestillt, mit ihm consen-
suelles, von einem Leber- oder Milzleiden abhängendes bedenkliches Nasenbluten. Ein
94 Zum achten Abschnitt.
einziges Mal heilte ich eine Gelbsucht damit, die durch andere gute Leberruittel eher schlimmer
als besser wurde. Sie war neu, mit Bauchschmerzen und massigem Durchlaufe verbunden.
Die Heilung machte sich, bei dem Gebrauche einer schwachen Abkochung des Samens, sicht-
bar und bald. Das Hüftweh hängt auch zuweilen , als consensuelles Leiden des Hüftnerven,
von einem Urleiden der Leber oder der Milz ab, in welchem Falle es dem Samen der Frauen-
distel weicht. Viele chronische Husten habe ich damit gehoben, die, von Urleiden der Leber
oder der Milz abhangend, nicht selten schon durch viel schulrechte Mittel vergebens von
andern Aerzten bekämpft waren. Hiebei bemerke ich aber ein für allemal der jüngeren Leser
wegen, dass man sowohl beim Blutspeien als beim Husten, wenn sie consensuell von einem
Urbauchleiden abhangen, genau zusehen muss, ob chemisch scharfe Stoffe sich im Darmkanale
befinden; ist das der Fall, so wirkt kein Bauchmittel jemals das, was man von ihm verlangt.
Ich werde aber von der Entfernung chemischer Schärfen, durch Neutralisiren oder Ausleeren,
weiter unten sprechen.
Der reine Abzug meiner Beobachtungen über die Heilwirkung des Frauendistelsamens
lautet also. Es gibt einen eigenen krankhaften Zustand in der Leber und in der Milz, welchen
dieses Mittel weit sicherer und besser hebt als jedes andere; da, wo es auch nicht als eigenthüm-
liches Heilmittel kann angesehen werden, wie z. B. beim Stein und bei Verhärtung, bewirkt
es doch, dass das örtliche Abnorme nicht mehr feindlich in das Leben eingreift ; es wandelt in
dem Kranken das Gefühl des Krankseins in das des Gesundseins um, es macht die Anwendung
des eigentlichen Heilmittels möglich; vorausgesetzt, dass ein solches zu finden sei.
Apoplexie. Diese Krankheit gehört zu denen, deren Entstehung den Aerzten gar übel
zu erklären ist; ihre Form ist sehr schlimm zu bestimmen, denn sie gleicht ja in manchen
Fällen dem tiefen, krankhaften Schlafe, auch möchte wohl der höchste Grad der Trunkenheit
gar nicht von ihr zu unterscheiden sein. Auf der Hochschule nannte man mir zwei Hauptarten
der Apoplexie; in einer sollte Blutentziehung nützlich und nothwendig, in der anderen unnöthig
ja schädlich sein; wunderlich ist es jedoch, dass ich, vom Anfange meiner Praxis bis jetzt,
immer gesehen und gehört, dass die Aerzte den apoplectischen Menschen mit der Lanzette zu
Leib gegangen sind, und noch wunderlicher, dass ich selbst noch nie Nutzen vom Aderlassen ge-
wahret habe, auch da nicht einmal, wo ein voller, starker Puls diese Hülfe anzurathen schien.
Durch den Erfolg belehrt, habe ich mich also schon früh der Blutentleerung enthalten.
Wäre Aderlassen ein Heilmittel der Apoplexie, so müsste es, meines Erachtens, noch weit
sicherer ein Vorbauungsmittel derselben sein. Ist es das denn auch immer? — Ihr könntet mir,
werthe Leser! dreissig Fälle erzählen, in denen Ihr durch Aderlassen vermeintlich der Apo-
plexie vorgebeugt; wenn ich Euch aber nur einen einzigen, in dem das Aderlassen ihr nicht
vorgebeugt, entgegensetze, so beweiset dieser einzige weit besser die Nichtigkeit der blutigen
Prophylaxis, als Eure dreissig die Nützlichkeit und Sicherheit derselben. In diesen dreissigen
beruhet der Beweis auf einem blossen Wähnen und Meinen ; Ihr könnt nicht mit Sicherheit be-
haupten, dass, wenn allen dreissig Menschen nicht zur Ader gelassen wäre, auch nur ein ein-
ziger den Schlag würde bekommen haben. Ist aber Jemand nach dem Vorbauungsaderlass,
selbst bald nach demselben, apoplectisch geworden, so ist das eine sichtbare Thatsache, über
deren Wirklichkeit Niemand etwas wähnen und meinen kann.
Den 26. Juli 1805 wurde ich von einem älteren Collegen , dem jetzt verstorbenen Kreis-
physikus Pfeffer zu Geldern gebeten, mich mit ihm über einen, auf niederländischem Gebiete
liegenden Apoplectischen zu berathen. Dieser 60jährige, früher immer gesunde und starke
Mann, hatte sich, wegen Anwandlung von Schwindel, zu meinem Collegen nach Geldern be-
geben und sich auf dessen Rath eine tüchtige Menge Blut abziehen lassen. Weit entfernt
aber, dass ihn diese Entleerung vor der Apoplexie hätte bewahren sollen, wurde er vielmehr
zwei Tage nachher davon ergriffen. Sein voller, starker Puls und sein athletischer Körperbau
hatten meinen Amtsgenossen auch jetzt bestimmt, ihm ein reichliches Aderlass, nebst antiphlo-
gistischen Mitteln zu verordnen ; die Krankheit war aber nach diesem Heilversuche sichtbar
schlimmer geworden. Pfeffer, ein ehemaliger Schüler Stoll's, der grösste ärztliche Skeptiker,
den ich je gesehen, fragte mich chne Umschweif, ob ich schon in meinem Leben einen Puls
gefühlt, der das Aderlassen mehr anzeige, als der des vorliegenden Kranken? Ich konnte
nicht in Abrede stellen, dass nach schulrechter Ansicht der Puls des Kranken auf eine solche
Hülfe hinweise, setzte aber hinzu, ich habe schon ein paar Mal , ausser der Apoplexie, einen
gleich starken , vollen und harten Puls beim Marasmo senili gefunden , wo es denn doch wohl
schwerlich einem Arzte einfallen würde, die verschlissenen Körper durch Blutlassen zu ver-
jüngen. Das war Wasser auf des Skeptikers Mühle; satyrisch erinnerte er mich an die ärzt-
liche Erklärung jener auffallenden Erscheinung beim Marasmus, und war der Meinung, es
Rademacher. 95
würde denn doch unweise sein, in dem vorliegenden Falle , irgend einer Theorie zu Liehe,
eigensinnig auf einem Wege fortzuschreiten, der bis dahin sichtbar und unwidersprechlich zu
nichts Gutem geführt. Ich musste ihm Beifall geben, ■wiewohl ich begriff, dass das Einschlagen
eines anderen Heilweges den Kranken auch nicht mehr retten würde; er starb den dritten
Tag nachher.
Im Anfange des zweiten Befreiungskrieges musste ich einen 80jährigen apoplectischen
Mann übernehmen, dessen Arzt zum Kriegshospital abgegangen war. Dieser hatte dem Alten,
bei dem ersten Zeichen des eintretenden Schlages, eine reichliche Blutentleerung gemacht ;
nach Aussage der Hausgenossen war der Kranke gleich nach dem Aderlassen schlimmer und
die Lähmung sichtbar geworden. Auch dieser hatte einen vollen starken Puls und wird ihn
auch wohl bis zum Tode, der am zweiten Tage erfolgte, behalten haben.
Wie die Schulen die Artungen der Apoplexie eintheilen, weiss jeder, ich will mich nicht
dabei aufhalten. So viel ich aber selbst diese Krankheitsform beobachtet, ist sie ihrer Natur
nach zweiartig, die eine ist das Sterben selbst, die andere eine heilbare Krankheit.
Was die erste Artung betrifft, so meldet sie sich gern vorher an, zuweilen ein Jahr, ja
wol zwei Jahre vorher. Alte Leute sind ihr am meisten ausgesetzt, das heisst, 60jährige und
noch ältere, oder solche jüngere, die so schnell und ungestüm gelebt haben, dass man sie vor
der natürlichen Zeit zu den Alten rechnen muss. Schwindel, Fehler des Gedächtnisses, ein
Gefühl von Abnahme der Kräfte, auch wol schnell vorübergehende Lähmungen des einen oder
des andern Gliedes sind die Vorboten derselben.
Es ist freilich unsere Pflicht , eine solche Apoplexie zu bekämpfen, denn da wir nicht
wissen, was das Leben sei, so können wir auch nicht wissen, ob es in dem Einzelfalle am Ab-
nehmen, am Ablaufen, am Verlöschen sei ; mithin müssen wir jeden Menschen so behandeln,
als sei seine Krankheit heilbar, unser blosses Vermuthen darf keinen Einfluss auf unser ärzt-
liches Handeln haben. Im Allgemeinen muss man sich aber nicht schmeicheln, dass man den
Kampf mit dem Tode rühmlich bestehen werde. Ich habe mehrmals, seit ich mich zur geheim-
ärztlichen Lehre gehalten, bei den Vorboten der Apoplexie diesen Kampf unternommen, aber
nie das Feld behalten können, sondern der Tod ist zuletzt, früher oder später, immer Meister
geblieben. Zuweilen freilich schien es andern Leuten wol, als sei ich ein wahrhafter Todes-
bändiger; allem zwischen dem Schein und dem Sein ist eine grosse Kluft. Ich erinnere mich
noch lebhaft eines achtbaren Mannes, den ein Gefühl von Kraftabiiahme und ein Wanken des
Gedächtnisses an einen apoplectischen Tod mahnteu. Das Wanken des Gedächtnisses äusserte
sich nicht durch Vergesslichkeit, sondern durch Aussprechen von Wörtern, die er nicht sagen
wollte. Die dadurch bewirkte Verwirrung seiner Rede machte seine Freunde, deren er viele
hatte, sehr besorgt um ihn, und ich musste versuchen, das geahnte Schicksal von ihm abzu-
wenden. Durch Kupfer brachte ich ihn in Kurzem so weit, dass man keine Spur der gefürcht-
eten Todesboten mehr an ihm gewahren konnte; er sprach und beschickte seine Geschäfte wie
früher. Zu einer Zeit, da man schon längst alle Besorgniss fahren gelassen, vermissen ihn
einst seine Hausgenossen ; dringende Geschäfte warten auf ihn , man sucht ihn vergebens in
allen Zimmern und findet ihn endlich besinnungslos und halbseitig gelähmt auf dem Abtritte.
Schlucken konnte er noch, aber er erbrach Alles, was in seinen Magen kam. Das ist ein übler
Zufall, der böseste unter den bösen. So viel ich mich erinnere, habe ich noch keinen gesehen,
der bei diesem Zufalle dem Tanze entsprungen ist, und so ging es auch hier, der Mann starb
nach ein paar Tagen.
Ein anderer TOjähriger Mann, der schon länger über allmälige Abnahme seines getreuen
Gedächtnisses geklagt, stürzt einst auf dem Wege nach seiner ländlichen Wohnung zusammen,
stehet aber ohne Hülfe wieder auf, fühlt sich nach diesem Falle etwas matt und fragt mich um
Rath. Nach dem Gebrauche des Kupfers bekam er den Schwindel, der ihn angeblich zum
Fallen gebracht, in einem ganzen Jahr nicht wieder; der Mangel des Gedächtnisses blieb aber.
Ein Jahr darauf wurde er von einer Besinnungslosigkeit ergriffen, die aber nur anderthalb
Stunden anhielt. Ich fand ihn, da ich hinkam, bei vollem Bewusstsein. Die vorübergehende
apoplectische Gehirnaffection hatte eine unvollkommene Lähmung des linken Armes zurückge-
lassen ; bald erschien eine zweite kleine Gehirnaffection und bewirkte eine Halblähmung des
linken Fusses; nun machten mehrere kleine Anfälle die Lähmung beider Glieder vollständig,
ohne jedoch in den Verrichtungen der Sprachorgane einige Störung zu verursachen. Anhaltend
besinnungslos, wie bei der gewöhnlichen Apoplexie, ist der Mann nie gewesen. Sein Schicksal
sagte er mir, da ich zuerst ihn besuchte, vorher. Er war der Meinung, meine Pflicht sei, seine
Heilung zu versuchen, und die seine sei, meinen Anordnungen Folge zu leisten ; aber weder
meine Bemühungen noch seine Folgsamkeit werden das endliche Schicksal der Menschheit von
ihm abwenden, seine Zeit sei abgelaufen und er zum Scheiden bereit.
96 Zum achten Abschnitt.
Uebrigens hatten die mehrmals wiederkehrenden kleinen Gehirnaffectionen keinen stör-
enden Einfluss auf seinen Verstand gehabt. Er hatte mir früher einmal in einem Geldge-
schäfte freundschaftlichen Rath gegeben. Um zu sehen, ob auch sein Verstand gelitten, er-
zählte ich ihm jetzt, wie ich seinen Rath befolgt und welches das Ergebniss gewesen ; er sprach
aber wirklich noch eben so verständig und mit eben der Theilnahme darüber als früher. Das
Ende seines Lebens wurde auch nicht durch einen erneuerten apoplectischen Anfall herbeige-
führt; er ward vielmehr immer matter, sein Puls kleiner und schneller, sein Schlrf unter-
brochener, sein Gedächtniss schwächer, und so verlöschte er am Ende der dritten Woche seines
Krankenlagers.
Solch ein kurzes Gefecht mit dem Tode lasse ich mir allenfalls noch gefallen; wenn ich
aber Monate lang mich abmühe, den scheinlich Geheilten mehrmals rückfällig werden sehe und
dann doch endlich der Tod mit seiner knöchernen Tatze mir einen groben Strich durch meine
Rechnung macht, so ergreift mich zuweilen noch jetzt, obgleich ich der Sache längst gewohnt
sein sollte, ein widriges, mein Geschäft auf Augenblicke mir ve-rleidendes Gefühl. Ich sehe
dann die Uebung unserer Kunst als ein Pharospiel an, bei dem der Tod Bankhalter, also auf die
Dauer immer im Vortheile ist, und der Gedanke steigt in mir auf, ob es nicht weit gescheidter
sein möchte, des Bankhalters Spielhelfer, als sein Gegenspieler zu sein.
Mache ich von allen apoplectischen Fällen, die ich je behandelt, einen Ueberschlag (Buch
habe ich nicht darüber gehalten), so waren die meisten Offenbarung eines abhängigen Organ-
ismus, sie trafen entweder abgelebte Menschen, oder jüngere, die mit chronischen Gehirn-, oder
Bauch-, oder Herzleiden behaftet waren. Apoplexie als krankhafte Störung des wirklich ge-
sunden, kräftigen Organismus sah ich sehr wenig. Daher mag es auch wol kommen, dass ich
dem Aderlassen keine sonderliche Lobrede halten kann. Wo ich geholfen , habe ich früher
durch Aether, Wein und andere belebende Dinge geholfen, später, der geheimärztlichen Lehre
folgend, durch Kupfer. Bei weitem der grösste Theil wurde dadurch wieder aufgeflickt, wenige,
sehr wenige starben in oder gleich nach dem apoplectischen Anfalle. Dass aber das vermeint-
liche Heilen nur Flickwerk war, darüber kann ich keinen Zweifel haben, weil entweder, früher
oder später, die Apoplexie wiederkehrte, oder weil, ohne Wiederkehr derselben, ein allmäliger
Verfall des Organismus dem Leben ein Ende machte. Uebrigens spreche ich bloss von dem,
was ich selbst erfahren. Ohne es jedoch selbst beobachtet zu haben, sehe ich leicht ein, dass
Apoplexie eben so gut eine im Gehirn vorwaltende Eisen- oder Salpeteraffection sein kann und
dass man dann weder die eine, noch die andere durch Kupfer wird heilen können. So viel ich
Eisenkrankheiten im Allgemeinen kennen gelernt, muss ich urtheileü, dass bei einer Eisenapo-
plexie am ersten Blutextravasate und andere von dem Eindringen des Blutes in die feineren
Gehirngefässe abhängende Störungen zu erwarten sind. Begreiflich wird man diese Störungen
durch Blutentziehung nicht vermindern, sondern vermehren und in den meisten Fällen tödt-
lich machen.
Wenn zu chronischen, meiner Kunst unheilbaren Bauchleiden, diese mögen von Verhärt-
ungen oder Steinen abhangen, sich Apoplexie mit Lähmung gesellet, so gebe ich den Kranken
verloren. Auch wenn sie sich zu chronischen Gehirnleiden gesellet, siehet es misslich aus,
denn diese Leiden hangen entweder von alten erworbenen Bildungsfehlern des Gehirns ab, und
darauf weiss ich keinen Rath, oder sie rühren von epidemischen Einflüssen her, und dann sind
sie, sobald sie eingewurzelt, auch übel zu heben; jedoch so lange das höchst verdächtige, an-
haltende Erbrechen nicht dabei ist, darf man den Muth nicht sinken lassen. Begreiflich können
solche Apoplexien nur durch Gehirnmittel geheilt werden, denn sie bestehen in einer Urgehirn-
krankheit. Ich rathe aber jedem Arzte, auch in den Fällen, wo das anhaltende Erbrechen
noch nicht erschienen, vorsichtig in seinen Versprechungen zu sein, denn dem von epidemischen
Einflüssen herrührenden veralteten und schon eingewurzelten Gehirnleiden ist gar nicht zu
trauen.
Sollten manche Leser denken, die Leichenöffnungen haben ja oft genug Blutüberfüllung
des Gehirns nachgewiesen, wie ich also eine solche Ursache der Apoplexie verdächtigen könne;
so bemerke ich diesen Folgendes. Die Anatomen haben in früher Zeit die Affenanatomie des
Galen in den menschlichen Leichen wiederzufinden geglaubt, und da Vesalius ihnen Stück für
Stück es auslegte, wie thöricht, wie blind sie seien, so wurden sie unwirsch und schrien ihn als
einen unbefugten Kritiker, als einen Verächter der alten guten Schule aus. Nun, ich denke,
die Menschen bleiben sich in allen Jahrhunderten so ziemlich gleich. Wer sich einmal in den
Kopf gesetzt, Blutüberfüllung des Gehirns habe bei einem Menschen den Schlag gemacht, der
wird in der Leiche auch diese Blutüberfüllung finden. Zwischen dem Mehr und dem Minder ist
ja keine bestimmte Grenze, Also ist es bloss die Einbildung des vorgläubigen Besichtigers,
welche hier die Grenze ziehet. Mir scheint überhaupt der Bau des Gehirns mit seinen grossen
Rademacher. gy
Blutbehältern so weise von der Natur eingerichtet zu sein, dass Blutüberfüllung nicht leicht
das Leben gefährden wird, vorausgesetzt, dass der Rückfluss des Blutes durch die Drossel-
adern nicht mechanisch gehemmt sei. (Band II. pag. 362 — 373.)
Ist meine Behauptung, dass durch die Schullehre (welcherlei Farbe sie habe) der Ver-
stand der Aerzte theilicht verkrüppelt sei, eine Beleidigung für die Aerzte ?
Diese Frage werde ich bloss für die Schwachen beantworten, denn die Starken bedürfen
der Beantwortung nicht. — Dass keine bösliche, hämische Absicht meiner Behauptung zum
Grunde liege, geht daraus hervor, dass ich gestehe, zwanzig Jahre an der nämlichen Verstandes-
verkrüppelung, worauf ich die Lehrer aufmerksam mache, gelitten zu haben. Wahrscheinlich
würde ich bis zum Ende meines Lebens nicht zur Heilung gelangt sein , wenn mich nicht ein
Zusammenstoss von Umständen bestimmt hätte, die Werke des Paracelsus mit Aufmerksamkeit
zu lesen, und wenn dieser mir nicht ein Licht angesteckt, welches ich vergebens bei andern
Aerzten gesucht. Dass ich dem Lichte gefolgt bin, ist eben kein grosses Verdienst. Viele
meiner Amtsgenossen, in deren Köpfen, so gut als in dem meinen, eine dunkle Verstandes-
mahnung gedämmert, dass zwischen der rohempirischen und der rationell-empirischen noch
eine dritte verstandhafte Erfahrungsheillehre liegen müsse, würden, hätte sie, wie mich, ein
Zusammenstoss von äusseren Umständen zum ernsten Studium der Paracelsischen Schriften
getrieben, den nämlichen Weg betreten haben, dem nämlichen Lichte gefolgt sein. Ich deuke
also, dass meine Behauptung von einem ehrlichen Gemüthe, und weit eher von einem demüth-
igen als von einem hochmüthigen Sinne zeugt. Wäre ich ein Schelm und ein hochmüthiger
Narr, der Euch, meine Freunde! plagen wollte, so würde ich ja ganz von Paracelsus ge-
schwiegen und mich gestellet haben, als sei alles, was ich Euch gesagt, mein Eigenthum.
Ich begreife übrigens so gut als einer von Euch, dass nichts misslicher ist, als über thei-
lichte Verstandesverkrüppelung zu sprechen. Wie ich zu Euch sage: Euer Verstand ist durch
die Schule theilicht verkrüppelt; eben so gut könnt Ihr mir sagen, ich sei in den ersten zwanzig
Jahren, der Schullehre folgend, ein verständiger Mann gewesen, in den letzten zwanzig Jahren
meiner Praxis aber, durch Paracelsus toll gemacht, ein Narr geworden. — Wer soll nun ent-
scheiden ? — Bekanntlich halten die Berauschten sich häufig für sehr nüchtern, die Verrückten
für sehr verständig. Möglich biu ich verrückt oder berauscht, ohne es selbst zu wissen ; aber
eben so möglich könnt Ihr, meine Freunde! es sein. Da wir nun über diesen kitzlichen Ge-
genstand bis in alle Ewigkeit zanken könnten, ohne aufs Reine zukommen, so halte ich es für
das Beste, Euch daran zu erinnern, dass die anderen drei Fakultäten, die Philosophische,
Theologische und Juristische, Zeiten gehabt haben, in denen sie an theilichter Verstandes-
verkrüppelung gelitten.
Von den Philosophen lasst Euch das selbst auslegen: sie werden keinen Anstand nehmen,
Euch zu willfahren. Ich kann und mag nicht darüber reden, denn ich habe nicht ninmal einen
klaren Begriff von dem, was man heut zu Tage Philosophie nennt.
Die Verstandesverkrüppelung der Theologen ist weit ernsthafter für das Wohl der Mensch-
heit gewesen. Sie haben geglaubt, der christlicheu Lehre zu folgen, das Reich Gottes zu
fördern, wenn sie Leute, die in einigen Dogmen von ihuen abweichen, verfolgten, marterten,
tödteten. Da nun dieser Glaube nicht aus der Lehre Christi hervorgehet, so konnte er doch
nur die Frucht einer Verstandesverkrüppelung sein. Und wie lange hat diese Verstandesver-
krüppelung mit Ketten der Finsterniss die Theologen gebunden! I&t nicht erst in unserer
Zeit das Glaubensgericht in Spanien aufgehoben? Ja wir haben nicht einmahl ein sicheres
Wahrzeichen, ob in jeziger Zeit die Köpfe der Theologen gründlich von dieser Verkrüppelung
geheilt sind; wir wissen bloss, dass die weltliche Macht die handgreifliche Offenbarung jener
Verstandesverkrüppelung nicht mehr duldet.
Der schlagendste Beweis der Kopfhrankheit der Theologen ist jedoch ihre Behauptung:
der Stifter unserer Religion sei Gott; seine Lehre aber (die er doch in Palästina dem einfäl-
tigen Judenvolke vorgetragen) sei so unbegreiflich, dass man zu verschiedenen Zeiten alle
Theologen aus der ganzen christlichen Welt habe zusammenrufen müssen, um sie zu erklären.
Sie sehen uns also, die wir doch auch einige Ansprüche auf geistige Bildung machen^für
viehisch dumme, tief unter dem alten Judenvoike stehende Menschen an ; ja sie begreifen nicht
einmahl, dass ihre Behauptung: ein Gott habe den Willen gehabt, das Volk zu belehren, die
Gabe der deutlichen Mittheilung aber in so geringem Grade besessen, dass man seit achtzehn
hundert Jahren aus seiner Lehre nicht klug werden könne, eine ungeheure, ganz offenkundige
Contradictio in adjecto enthält.
Nun wollen wir uns zu den Rechtsgelehrteu wenden. Hier erinnere ich zuerst an die
Folter. Bekanntlich wurden nicht bloss die gemartert, die eines Verbrechens beschuldigt
Belege zu Wunder lieh's Gesch. d. Med. 7
gg Zum achten Abschnitt.
waren, sondern in manchen Fällen selbst die Zeugen, wenn sie den unteren Volksklassen an-
gehörten. Der Verstand der Rechtsgelehrten musste doch nothwendig durch die Schullehre
theilicht verkrüppelt sein, dass sie solchen Unsinn für etwas sehr Verständiges, bei ihrem Ge-
schäft Unentbehrliches ansehen konnten. Bekanntlich hat Friedrich der zweite, König von
Preussen, zuerst diese empörende juristische Grausamkeit abgeschafft; aber wie lange ist sie
noch in anderen Ländern geübt worden !
Ferner erinnere ich an die Hexenprozesse. Freilich haben die Theologen auch ihre Hand
mit darin gehabt, und dem armen Volke, das sie belehren sollten, ihre eigene Verstandes-
verkrüppelung gewissenhaft mitgetheilt. Aber die Rechtsgelehrten hätten sie doch als studirte
Leute von dieser Geisteskrankheit heilen müssen. Sie haben es nicht gethan, sondern sich
vielmehr gegen die Heilung gesträubt. Seit unser achtbarer Amtsgenosse Wierus sich als
Schriftsteller der armen Hexen angenommen, sind noch Bücher über die Hexenprozesse ge-
schrieben, aus denen in unseren Tagen verständige Männer der lesenden Welt merkwürdige
Fälle zur Unterhaltung mitgetheilt haben. Die Verstandesverkrüppelung der Rechtsgelehrten
ging selbst so weit, dass sie, wenn die armen gemarterten Menschen durch die unerträglichsten
Qualen ohnmächtig und ganz besinnungslos wurden, der festen Meinung -waren, der Teufel
mache dieselben durch seine höllischen Künste unempfindlich für den Schmerz.
Nun, Ihr Herren Amtsbrüder ! die Ihr Lust haben möchtet, mich, weil ich Euch einer
theilichten Verstandesverkrüppelung bezichtige, für einen ungeschliffenen Gesellen zu halten,
sagt mir einmahl : woher habt Ihr doch das Privilegium, von solcher Verkrüppeiung frei zu
bleiben? Warum sollte das Menschliche, was dem Philosophen, Theologen und Juristen wider-
fahren, nicht auch den Aerzten widerfahren sein? Wäre es diesen nicht widerfahren, so
müssteu sie nicht Menschen, sondern wahrhafte Engel sein. Betrachte ich aber die Geschichte
der Medizin, so kann ich nichts Engelhaftes an ihnen entdecken, aber wohl viel grob Mensch-
liches. Sie haben ja nicht bloss die ihnen von der Urzeit eingeleibte ärztliche Verstandes-
verkrüppelung treu bewahrt und gepflegt, sondern sich auch die der Theologen und Philo-
sophen sorgfältig angeeignet, selbst mit letzter so geprunkt, dass man manches, was in gewissen
Zeiträumen von ihnen geschrieben ist, kaum ohne Mitleiden und Ekel lesen kann. (Band II.
pag. 735.
Die Popularisation der Naturwissenschaften und der Medicin.
Die jüngste Erscheinung auf dem Gebiete der Naturwissenschaften , welche als Zeichen
unserer Zeit für den künftigen Historiker kein geringes Interesse darbieten wird, ist die Theil-
nahme des grossen Publikums an den Forschungen in der Natur. Zahlreiche emsige Federn
sind beflissen , den sogenannten Gebildeten die Einsicht in die Gestaltungen der Natur und in
ihre Vorgänge zu vermitteln und es ist eine eigene , äusserst geschäftige Literatur entstanden,
welche bald in trokener Weise , bald in schöngeistig zugeschnittener Form für das moderne
Bedürfniss sorgt. Auch die Medicin hat ihren Theil an dieser neuen Industrie genommen und
die Annahmen Einzelner sind als ausgemachte Thatsachen unter den grossen Haufen ausge-
streut worden. Es ist schwierig , zu einem Entschluss zu kommen , ob man über dieses ver-
breitete Interesse sich freuen oder schlimme Folgen von demselben befürchten soll. Der Nuzen
für das Publicum selbst dürfte mindestens ein minimaler sein. Wie früher dasselbe seine
Illusion, aus van der Velde' und Spindler's „historischen Romanen" gelegentlich und in ange-
nehmster Weise Geschichte sich aneignen zu können, nur mit einer Geschmaksverwilderung
büsste, so ist zu vermuthen, dass auch die naturwissenschaftliche Nascherei, welche jezt an
der Tagesordnung ist, Niemanden zu einer klaren Einsicht verhilft, selbst wenn der Gehalt
dieses neusten Mittels, die Zeit zu tödten, wirklich ein gediegener ist. Die Naturwissen-
schaften und zumal die Medicin verlangen vor Allem ein ernstes Studium und die Strafe dürfte
nicht ausbleiben für den, welcher versucht, sie zum gelegentlichen Amüsement seiner müssigen
Stunden zu missbrauchen. In der That kann man bemerken, dass die Eindrüke, welche
solche Leetüre auf den Unkundigen macht, die flüchtigsten und unhaltbarsten sind und dass
nichts davon zurükbleibt, was das Herz erbaut und das Gehirn säubert, sondern nur ein Chaos
unverdauter Fragmente. Doch soll und kann nicht die Möglichkeit in Abrede gestellt werden,
dass da und dort ein einsichtigerer Sinn angeregt und zu ernstlichem Studium der Wissen-
schaft hingelenkt wird, von der einige seltsame Proben seiner Neugierde gestachelt hatten.
NAMEN-REGISTER.
Die mit kleineu Lettern gedrukten Namen und Ziffern beziehen sich auf die Belege.
Abercrombie 328. 329.
Abemethy 243.
Abu Bekr el Rari 46 .
Abul Casem 46.
Acerbi 251.
Achillini 67.
Ackermann 283.
Addison 329.
Aerius v. Amida 38.
Agrippa v. Nettesheim 84.
Alkenside 227.
Albeithar 46.
Alberti 72.
Alberti Michael 166. 225.
Albertini 211.
Albertus Magnus 49. 28.
Albin 153.
Albinus 173. 210.
Alembert, d' 149 153.
Alexander v. Tralles 37.
Ali Ben-Abbas 46.
Allan 328.
Alpino Prosper 81.
Amatus Lusitanus 103.
Amoretti 254.
Anaxag ras 5.
Andral 309.
Andromachus 31.
Antyllus 37.
Aran 324.
Arantius 70.
Arcaeus Franciscus 76.
Archagatus 26.
Aretäus v. Kappadocien 32. 19.
Aretius, Benedictus 102.
Argenterius, Job. 65.
Aristoteles 17. 13.
Aristoxenos 21.
Amaldus von Vilauova 51. 28.
Arnold 151. 223.
' Asclepiaden 3.
Asclepiades 26.
Ashwell 331.
Asselh 115.
A=truc 223 u. ff.
Athenäus aus Cilicien 30.
Aubert 81.
Auenbrugger 225.
Auerbach 361.
Aureiianus, Cölius 37.
Autenrieth 2S5. 287. 289.
Avenzoar 46.
Averr^es 46.
Avicenna 46.
Baco, Franz 104. 38.
Baco, Roger 54.
%Baglivi, Georg 134.
Baillarger 323.
Baillie 243.
Baillou 77.
Bak, de 117.
Baktischuah 46.
Balfour 22f>.
Ballonius 73. 77.
Bang. Friedr. Ludw. 222.
Barbarus 66.
Barth 313.
Bartbez 188.
Barthez, [E ] 313. 323.
Bartholin, Thomas 136.
Batemann 243.
Battie 177.
Baudelocque, Jean Louis 232. 323.
Bauhin, Caspar 72. 76.
Baulot 145.
Baumes 227 u. ff.
Baumes 259.
Baumgärtner 233.
Bayle'249. 250. 307. 82.
Bayle, Pierre 148.
Beaulieu 145.
Becher. Joachim 115.
Beclard 328.
Becquerel 320.
Beddocs 243.
Begin 305.
Beireis 234.
II
Namen-Register.
Bell, Benjamin 220.
Bell, Charles 327.
Bell, Georg 243.
Bellini, Lorenzo 119. 134.
Bellocq 217.
Ben Isaak 46.
Benedetti, Alessandro 58. 68.
Beniveni, Antonio 77.
Berengar v. Caspi 67. 73.
Berlinghieri, Vacca 196. 251. 254.
Bernard, Claude 321.
Bernoulli 173.
Bertini, Giorgio 102.
Berton 323.
Bertrand 231.
Bianchi 254.
Bichat, Marie Franz Xaver 244. 80.
Bidloo 119.
Biett 323.
Billard 312. 323.
Bizot 313.
Blache 323.
Blandin 322.
Blaud 223.
Bleuland 226.
Blumenbach 199.
Blundeh 331.
Bock, Tragus 66.
Bodenstein, Adam v. 95.
Boer 290. 345.
Boerhaave, Abraham Kaauw 171.
Boerhaave, Hermann 166. 226. 59.
Böttcher 228.
Bohn 131.
Boisseau 306.
Boivin, Mad. 324.
Bolingbroke, Viscouut von 148.
Bolognini 73.
Bonagentibus, Victor de 78.
Bondioli 251.
Bonnet, Theophil 136.
Bontekoe 131.
Borda 251.
Bordenave 228.
Bordeu, Theophile 186. 228.
Borelli, Giovanni 119. 133.
Borsieri de Kanilfeld 221 u. ff. 83.
Bosch, van der 177.
Botalli 80.
Bouillaud 306.
Bovius, Thomas 84.
Boyle, Robert 114.
Boyer 250.
Brandis 285.
Brassavolus, Musa 35.
Brera 251
Breschet 3i2. 322.
Bretonneau 309.
Bright 328. 329.
Brissot, Peter 64.
Brodie 327.
Bromfield 220.
Broussais, Casimir 307.
Broussais, Franz Joseph Victor 270. 298. 89.
Brown 328.
Brown, John 193. 236. 79.
Brunfels 66.
Brunner 120. 229.
Büchner 160. 223.
Bufalini 254. 331.
Burdach 346.
Bums 331.
Bush 225.
Buzzicaluve 135.
Cabanis 249.
Caetano, Don 45.
Cagnati, Marsilius 63.
Cajus, Johann 64.
Calmeil 313 323.
Campanella, Thomas 124.
Campbell 231. 331.
Camper, Peter 153.
Campolongus 81.
Canano 68.
Cappel 2b'2.
Cardanus, Hieronymus 84.
Cardogan 229.
Carminati 251.
Carrichter, Barthol. 95.
Carswell 329.
Casserio, Giulio 7l.
Cassias der Iatrosophist 33.
Cassiodor 47.
Cato 26.
Cazenave 323.
Celsus, Aulus Cornelius 28. 17.
Cerise 323.
Cesalpino 71.
Chalmers 225.
Chamberlen 231.
Chapmann 232.
Charmetton 228.
Chaussier 305.
Chenot 183 231.
Cheselden 220.
Chevallier 323.
Cheyne, Georges 155.
Cheyne 328.
Chirac 154.
Chomel 309.
Chopart, Franz 218.
Christison 329.
Chrysippus v. Knidos 17.
Churchill 331.
Civiale 323.
Claubry, Gaultier de 323.
Cleghorn 221.
Clementius Clementinus 80.
Cime 243.
Namen-Register.
in
Clusins 66.
Cole 154.
Colles 328.
Collin 183.
Cüllin 331.
Columbus 70. 73.
Combalusier 229.
Combe, George 270.
Condillac 149.
Condorcet 149.
Conradi, G. Chr. 288.
Conradi (in Göttingen) 343.
Coming 131.
Constantinus Africanus 48. 25.
Contanceau 313.
Cooper, Astley 243. 327.
Copho 48.
Cornarus 78.
Corvisart, Jean Nicolas 244. 248.
Coschwitz, Georg 166.
Cotugno 223 u. ff.
Cowper, William 119. 146.
Craftheim, Crato v. 66. 78. 30.
Crawford 243. 327.
Croll, Oswald 123. 45.
Cruveilhier 308.
Cullen, Wilhelm 192. 202. 223 u. ff. 58.
Cuvier 286.
Dalmas 313.
Damokrates, Servilius 31.
Dance 313.
Daniel 202.
Dariot 95.
Darwin 243.
Dechambre 323.
Dekakarchos 21.
Delaberge 313.
Delasiauve 323.
Deleurie, Frang. Ange 232.
Delius 176.
Delpech 250.
Demokrit 5.
Denman, Thomas 223 u. ff.
Denis 320.
Desault 215. 218. 244.
Descartes 112. 117.
Desmarres 323.
Desruelles 306.
Deventer, Hendrik van 146.
Devergie 323.
Diaz, Francescus 35.
Diderot 149.
Dietl 360.
Diemerbroek, Isbrand van 136.
D'gby 124.
Dinus, Garbo 52.
Diocles v. Karystos 16.
Dionis, Pierre 145. 223.
Dioskorides Pedacius 31. 18.
Dobson 229.
Dodart 154.
Dodonaeus 66. 73. 78.
Doläus 131.
Donatus 73.
Donders 331.
Donzellini 135.
Dornaus, Gerhard 95.
Double 312.
Draco 6. 15.
Drake 117.
Dran, le 217.
Drelincourt 167.
Dubois, Paul 323.
Dudith, Andr. v. Horekowitz 66.
Duges 324.
Dumas 191.
Dupuy 320.
Dupuytren 249. 305. 307. 321.
Durand-Fardel 323.
Duretus, Ludwig 64.
Duverney 228.
Eben al Dschezzar 46.
Eberhard 160.
Ebn Albeithar 46.
Ebn Sina 46.
Eisenmann 342.
Ellinger 102.
Emmerich 228.
Empedokles von Agrigent 5.
Engel 359.
Erasistratus 22.
Erastus, Thomas 96.
Eresius Theophrastus 16.
Eschenmayer 266. 270.
Esquirol 323.
Etienne, Charles 68.
Ettmüller, Michael 131.
Eudemus 22.
Euler 153.
Euryphon 4.
Eustachi 70.
Eyerell 183.
Fabricius ab Aquapendente 7l. 73. 115.
Falconner 229.
Faloppia, Gabriel 71. 35.
Fantoni 135.
Faure 228.
Faye, George de la 217.
Fernel 65. 72. 77. 35.
Ferrar 223.
Ferrior 243.
Ferro 183.
Ferrus 313. 323.
Fickel281.
Fienus 81.
Fioraventi, Leonardo 84.
Fleischmann 281.
IV
Namen-Register.
Floyer 225.
Fludd, Robert 124.
Foesius, Anutius 64.
Folli 117.
Fonseca, Roderigo de 63. 103.
Fontana 177.
Forjzago 251.
Forbes 225.
Fordyce 243.
Forella 35.
Forest, Peter 78. 80. 35.
Fothergill, John 220. 223 u. ff.
Foubert, Peter 2 17. 225.
Fouquet 188.
Fourcroy 258.
Fournet 313.
Foville 323.
Fowler 243.
Fraca;torius 35.
Fracastoro 79.
Franco, Pierre 76.
Frank, Joh. Peter 222. 288. »3.
Frank, Jos. 251. 262.
Franke 151.
Frere Jacques 145.
Fuchs, Leonhard 64. 66. 78. 30.
Fuchs (in Göttingeu) 342.
Gaddesden, Jobann 52.
Galenus, Claudius 33. 21.
Galilei 113.
Gall, Joh Joseph 270.
Gallini, Stefan 251.
Garbo, Dinus 52.
Garengeot, Rene de 217.
Gariopontus 48.
Gaspard 320.
Gassendi 112. 117.
Gaub, Hieronvmus David 178.
Gavarret 310i 311. 320.
Gehler 223.
Gendrin 309. 320.
Georget 323.
Gerdy 322.
Geromini 331.
Gessner, Conrad 66.
Geulinx 150.
Gibert 323.
Gilbert 49.
Gilles v. Corbeil 49.
Giorgio, Franz 84.
Girtanner 258. 259.
Glauber 114.
Glaukias 24.
Glisson, Franz 118. 1 74.
Gmelin, Ferdinand 295.
Gmelin 347.
Good, Mason 325.
Gordon, Bernard von 52.
Gorter, Johann von 171. 66.
Goupil 306.
Graaf, Regner de 119.
Gräfe 290.
Graman, G. 46.
Gramann, Johann 123.
Grant 229.
Graves 328.
Greatrake 124.
Gregoire d. Aelt. 232.
Gregoire d. Jung. 232.
Gregorius, Fabricius v. Chemnitz 59.
Gregory, Jacob 195.
Gregory, John 193.
Griesselich 281.
Griffin, Gebrüder 328.
Grimaud 191.
Grimbeck 35.
Grisolle 313.
Gross 280.
Grossi, Ernst v. 290.
Grüner, Chr. 263. 289.
Gültenklee, Timäus v. 136.
Güterbock 340. 341.
Guerin 323.
Guersent3l3. 323.
Guglielmini 135.
Guillemeau, Jacques 76.
Guislain 323.
Guy de Chauliac 55.
Habicot 76.
Haen, Anton de 176, 181. 214. 225 u. ff. 66
Häser 342.
Hagenbutt, Johann (Cornarus) 64.
Hahnemann, Samuel 271. 34.
Haies, Steph. 215. 229.
Hall, Marshall 328.
Haller, Albert von 172. 226.
Hamberger 173.
Hamernjk 360.
Hamilton 331.
Hammen, Ludwig von 119.
Harper 223.
Hartmann, Philipp Carl 260. 263. 267. 293.
Harvey, William 115. 36.
Hasenöhrl, Johann Georg 183.
Haslam 223.
Hasse 352.
Heberden, William 221. 230.
Hecker 262. 290.
Hegel 267.
Heim 290.
Heine 345.
Heister 219. 231.
Helidäns 77.
H» Im 356.
Helmnnt, Joh. Bapt. von 114. 124 37.
Helvetius 149.
Hempel 287.
Hencke (in Riga) S6.
Namen-Register.
Henke 262.
Heule 349. 358.
Heraklides v. Tarent 24.
Herodot 33.
Herophüus 22. 16.
Herpin 323.
Hery, Thicrry de 76.
Heuermann 177.
Heviu 218.
Hewson 215
Heyne 228.
Highmor, Nathanael 119.
Hildanus, Fab'icius 146.
Hild brandt 287.
Hildenbrand, Joh. Valentin 290.
Himly 266. 345.
Hippi'krates 5. 3.
Hirsch 349.
Hobbes 112.
Hoboken, Nicol. 119.
Hoffmann, Friedr. 175. 223 u. ff. 55.
Hoffmanu 351.
Hofmann, Christoph Ludwig 200.
Homberg, Wilhelm 115.
Home, Everard 243.
Home, Franz 221. 225.
Hoorn van 146.
Hope 329.
Hörn, Ernst 262. 290.
Hörn, H. 8D.
Houllier, Jacob (Hollerius) 64.
Hourman 323.
Hoven v. 262.
Huarte, Juan 103.
Hufeland, Chr. Wilh. 259. 263. 280. 291.
Humboldt 284. 288.
Hunter, John 214. 220 u. ff. 243. 328 u. ff.
Hunter, William 220. 232.
Flurtado 307.
Hütten, Ulrich v. 80. 35.
Huxham, John 220. 226 u. ff.
Jacob v. Forli 58.
Jacobus Soter 37.
Jaeger 263.
Jaeger (in Wien) 345.
Jänisch 229.
Jahn 267. 342. 343.
Jahr 87.
Jenner 243.
Ilsemann 229.
Ingrassias 70. 73. "8.
Johann v. St. Amaud 51.
Jones, Robert 243.
Jordanus 79.
Joubert, Laurentius 65.
Isa ben Ali 46.
Isaak ben Soliman 46.
Jung, Joachim 112.
Junker, Johann 166.
Kämpf 200. 227. 70.
Kallisthenes 21.
Kant, Immanuel 256.
Karl, Joh. Samuel 166.
Kaye 64. 79.
Keill, James 154.
Kennedy 331.
Kenntmann 72.
Keppler, Joh. 113.
Kergaradec, Lejumeau 323.
Kern 290.
Kerner, Justinus 270.
Kielmeyer 285.
Kieser 266. 270.
Kilian 266.
Kirby 328.
Klettenberg, Johann 45.
Koch, Wilhelm (Copus) 63.
Kölreuter 80.
Kohlrausch 351.
Kolletschka 353. 356.
Kopp 281.
Kortum 228.
Koyter, Volcher 71. 73.
Kratevas 24.
Krause 177.
Kreyssig 263. 292.
Krüger-Hansen 90.
Krukenberg 332.
Krzowitz, Trnka de 183. 231.
Kunkel, Johann 115.
Kunrath, Heinrich 123.
Lacaze de 188.
Lachapelle 323.
Lännec, Rene 249. 307.
Lallemand 305.
Lamettrie 192.
Lancisi 210. 224 u. ff.
Landus 78.
Lanfranchi 49.
Lange, Johannes 64. 80.
Langenbeck 287. 290.
Lanza 251.
Largus, Scribonius 32.
Larrey 250.
Latour 310. 313.
Lautter 183.
Lavoisier 258.
Lecat 176.
Lee 331.
Legendre 323.
Lehmann 352.
Leibnitz 150.
Leidenfrost 223.
Lemery, Nicolaus 115. /
Lentin, Benjamin 222.
Leonicenus, Nicolaus 63. 66. 35.
Leuret 320. 323.
Leuwenhoeck, Anton van 119.
VI
Namen-Register.
Levret, Andreas 232.
Levy 323.
Libavius 96. 114.
Lieberkühn 153.
Liebig 351.
Lietaud 214. 225.
Linacer, Thomas v. Canterbury 64.
Lind 228.
Linne201. 229.
Lisfranc 322.
Littre 215.
Lobelius 66.
Locatelli 250.
Locke 148.
Locke, Johu 113.
Loder 287.
Lombard 312.
Lommius, Jodocus 81.
Longet 321. 323.
Lorry 228.
Lotze, H. 352.
Louis, Antoine 218. 228.-
Louis 310.
Lower, Richard 119. 224.
Ludwig 224.
Lunier 323.
Lups 177.
Lusitanus, Amatus 103. 35.
Lutze, Arthur 88.
Lux 282.
Lynch 243.
Mac Bride 202.
Magati 145.
Magendie 319. 328.
Maggi 73.
Magni, Guillaume de 178.
Magnus v. Ephesus 33.
Maitre-Jean, Antoine 146.
Malebranche, Nicol. 148.
Malfatti 266.
Malgaigne 322.
Malpighi, Marcello 119. 134. 228. 42.
Mamugnano 45.
Manardo 77.
Mandella 77.
Manningham 232.
Marandel 250.
Marc 323.
Marc d'Espine 313.
Marcellus Empincns 23.
Marchettis, Dominico de 119.
Marchettis, Pietro de 145.
Marcus Adalb. Friedrich 262. 266. 268.
Marinus 32.
Marnionides 46.
Marque. .Tacque« de 76.
Massa, Nindaus 68. 77. 18. 79. 35.
Massaria 78.
Mauchart 219.
Maunsell 331.
Mauriceau, Frangois 146.
Maxwell, William 124.
Mayow, John 119.
Mazzini 135.
Mead, Richard 155. 220 u. ff.
Meckel, Joh. Friedr. 287. 288. 350.
Medicus 198.
Megliorati, Remigius 102.
Menekrates 31.
Mercado, Luis 103.
Mercier 323.
Mercurialis, Hieronym. 63. 102.
Mesmer, Anton 269
Mesue 46.
Mesue der Jüngere 46.
Mettrie la 149.
Michaelis 225.
Miliar 225.
Mirandola, Pico della 84.
Mittelhäuser 232.
Mnesitheos 16.
Mondini de'Luzzi 54.
Montieret 313. 324.
Monro, Alexander 193. 220. 227.
Monro, Alexander der Jüngere 221.
Monro, Donald 229.
Montagnana, Bartholomäus 58.
Montauus 77. 35.
Montanus , Johann Baptista 63.
Monte del 251.
Monte Giambattista de 77.
Monteggia 251.
Montesquieu 149.
Montgomery 331.
Morand, Franz Salvator 217.
Morgagni, Joh. Bapt. 211. 224 u. ff.
Morton, Richard 144. 50.
Moscati 251.
Moschion 37.
Motte, dela2l7. 232.
Müller, Clotar 87.
Müller, G. Fr. 282.
Müller, Johannes 328. 347.
Müller, J. H. 262.
Müller, Moritz 280. 86.
Mulcaille 229.
Mursinna 227.
Musa, Antonius 28.
Musa Ben Maimon 46.
Mu>chenbrock van lf-3.
Musgrave, Samuel 195. 229.
Mus^is de 56.
Nahuvs 226.
Nasse 266. 270. 333.
Nathan 90.
Naumann 267.
Nees v. Einbeck 270.
Nenter, Ge^rg 166.
Namen-Register.
VII
Neustain, Alexander von 102.
Newton 153.
Nicander von Colophon 24. 16.
Nicolai 160.
Nicolaus Praepositus 48.
Niemeyer 262.
Nietzky 170.
Nuck 119.
Oken 266. 268.
Oldham 331.
Olivier 217.
Ollivier 313. 323.
Oporinus, Johannes 96.
Oppolzer 362.
Orfila 323.
Oribasius 37.
Orräus 231.
Oslander, Fr. B. 345.
Otto 288.
Overkamp 131.
Oviedo, Hernandez de 35.
Ozanam 254.
Palfyn 232.
Paracelsus, Aureolus PhilippusTheophrastus
Bombastus ab Hohenheim 85. 33.
Pare, Ambroise 74 78. 35.
Parent-du-Chatelet 323.
Parisanus, Aemilius 117.
Parish 328.
Parketer 223.
Passavant 270.
Patin, Guy 131.
Paul v. Aegina 38.
Pecquet 117.
Pelletan 313.
Percival 328.
Perfect 223.
Perrault, Claude 154.
Perrier, Casimir 299.
Peter von Abano 51.
Peter de la Cerlata 53.
Petit, Antoine 218. 232.
Petit, Jean Louis 215. 228.
Petit 250.
Petrarcba, Franz 55.
Petri 223.
Peyer 120.
Peyronie, Frangois la 217.
Pfaff 259. 260.' 263.
Pfeufer 358.
Phädro v. R dach 102.
Phiünus v Kos 23.
Philipp 353.
Philo 31.
Pliilumenos 32
Pico della Mirandola 84.
Pigray 76
Pineau, Severin 76.
Pinel, Philipp 244. 247.
Piorry 312.
Pitard 54.
Pitcairn 328.
Pitcairn, Archibald 154. 167.
Platearius, Joannes 48.
Platearius, Mattheus 48.
Plater, Felix 72. 73. 78.
Platner 219.
Plenciz, A. 183.
Plenck 183. 228.
Plenkwitz 230.
Plinius Secundus 28.
Plouquet 202.
Polybus 6. 15.
Pommer 289.
Pool 229.
Portal, Antoine 215.
Portal, Paul 146.
Posidonius 33.
Pott 220.
Praxagoras 16.
Primerose, Jacob 117.
Primigenes 21.
Pringle, John 220. 227 u. ff.
Prochaska 285.
Prodicus 16.
Prost 250.
Prus 323.
Psellus, Michael 38.
Puchelt 268.
Pujol 228.
Purmann, Matthias 146.
Puzos, Nicolas 232.
Pythagoras 4.
Quarin, Jos. von 221. 271.
Quercetanus (Duchesne) 95.
Quesnay, Franz 217.
Quintus 32.
Rademacher. Joh. Gottfr. 361.
Ramazzini, Bernhardin 136.
Rasori, Giovanni 251.
Rau, Joh. Jac. 146.
Rayer 306.
Read 229.
Redi, Francesco 119.
Rega 160.
Regius 117.
Reich 283.
R> iff. Walter 76.
Reil 283.
Reinhardt 350.
Remak 3*1.
Renhac, Solayeres de 232.
Requin 313.
Rhazes 46.
Richerand 249.
Richerand 250.
vni
Namen-Register.
Richter, August Gottlob 219.
Ricord 323.
Ridley 225.
Rigby 321.
Rilliet 313. 323.
Ringseis 343.
Riolan 102. 117. 131.
Ritter 268.
Riverius, Rochus 95.
Rivinus 120.
Robinson, Nicolaus 155.
Roboretus 79.
Roche 306.
Roche de la 196.
Rochoux 313.
Rodier 320.
Röderer 231.
Röderer 233.
Rösch 268.
Röschlaub, Andreas 259. 260. 79.
Röslin, Eucharias 76.
Roger 323.
Rokitansky, Carl 352.
Rolfink 117.
Rolfink, Werner 146.
Rollo 243.
Romberg 349.
Rondelet, Guillaume 77.
Roonhuysen 231.
Rosas 345.
Rose 123.
Rosen v. Rosenstein 225 u. ö'.
Rosenmiiller 287.
Roser 358.
Rotan 308.
Rousseau 149.
Rousset 76.
Roux 322.
Rubini 251.
Rudolphi, Carl 288. 346.
Rueff, Jacob 76.
Rufus v. Ephesus 32.
Benj. Rush, 221.
Rust 290.
Ru>tanus, Amatus 103.
Ruysch 119.
Sabatier der Vater 218.
Sabatier der Sohn 218.
Sachs 345.
Sagar 183. 202.
Sailant 229.
Sala 114.
Saladin v. Asculo 59.
Samolowitz 231.
Sanchez, Franzisco 111.
Sandifort, Eduard 215. 228.
Sandri, Jacob de 135.
Sanson ?>22.
Santorini 153.
Santoro Santorio 132. 145.
Sarcoue 221 u. ff.
Sauchez, Franzisco 111.
Sauvages, Franz 186. 201. 223 u. ff.
Savonarola, Michael 58.
Scarpa 254.
Schaeffer, Gottlieb 198.
Schellhammer, Günther 131.
Schelling 263.
Schenk v. Grafenberg 73.
Scherer 351.
Scheunemann, Heinrich 123.
Schieffeibein, Margarethe 146.
Schill 352.
Schmidt 266.
Schneider 120.
Schönlein 267. 333. 91.
Schröder 224.
Schröder van der Kolk 331.
Schrön 281.
Schuh 356.
Schulze 160.
Schwann 349.
Scultetus, Johann 146.
See 323.
Seidl, Bruno 80.
Seile, Christian Gottliel 222.
Senac 210 224 u. ff.
Sequard, Brown 321.
Serapion 46.
Serveto 64. 69.
Sestier 313
Severino 145.
Severinus, Peter 95.
Sextus Empiricus 37.
Shaftesbury Graf 148.
Sichel 323. 345.
Siegmund, Justine 146.
Siena, Franz v. 55.
Simon 341.
Simpson 225.
Simpson 331.
Skoda, Joseph 353. 355.
Smellie, William 232.
Smetius 96.
Sniadezki 286,
Sobernheim 345. 90.
Sömmering 287.
Solingen, Cornelis van 146.
Soranus der Aeltere von Ephesus 32.
Soranus der Jüngere 37-
Spach 76.
Spallanzani 254.
Spangenberg 223.
Spener 151.
Spieghel, Adrianus van den 115.
Spiess 349.
Spinoza 150.
Sprengel, Kurt 199. 262.
Spurzheim, Johann Caspar 270.
Namen-Register.
IX
Stahl, Georg Ernst 152. 160. 227. 56.
Stapf 280.
Stark 267. 342. 343.
Stein, Georg Wilh. 233.
Steinheim 268. ao.
Stevens 329.
Stewart 243.
Stieglitz 263. 290. 332.
Stüüng 349.
Stockhausen 229.
Störck, Anton 184.
Stokes 329.
Stoll 184. 214. 225 u. ff. it.
Strack 231.
Strato 21.
Strathius 80.
Suavius, Leo 95.
Swammerdam, Joh. 119.
Swieten, Gerhard van 180. 225 u. ff.
Sydenham, Thomas 136. 47.
Sylvius, der Chemiatriker 117.
Sylvius (Uubois) 68.
Sylvius, Franz Deleboe 129. 30.
Tabernämontanus 66.
Tabor, John 155.
Tacheniu.% Otto 131.
Taube 229.
Taupin 323.
Teale 328.
Tessier 229.
Thaddäus von Florenz 51.
Thakrah 329.
Themison von Laodicea 27.
Theophanes Nonnus 38.
Theophilus von Coustantinopel 38.
Theophrastus 21.
Thessalus 6. 15.
Thessalus von Tralles 32.
Thomasius 79.
Thomasius, Christian 151.
Thore 323.
Thumeyssen zum Thurn 95.
Tiedemann 347.
Tissot 177. 221 u. ff. 83.
Tomasini 251.
Torrigiano 51.
Torti 231.
Traube 341.
Travers 326.
Treviranus 285.
Trevisius 79.
Troja, Mich. 227.
Tronöhin 229. ■
Trou-seau 320. 323.
Troxler 266.
Türk 349.
Tulpius, Nicolaus 136.
Turner 228.
Tweedie 329.
Unzer, Joh. Aug. 197.
Valcarenghi 83.
Valens, Vectius 31.
Valescus de Taranta 58.
Valleriola 77.
Valleix 323.
Valles, Francisco 103.
Valsalva 153.
Valverde de Hamusco 72.
Vater 210.
Vavasseur 74.
Vega, Christobal de 103.
Velpeau 322 u. ff.
Vesal, Andreas 69. 72.
Vesling, Johann 115. 117.
Vetter 288.
Victorius, ßenedictus 77.
Victor de ßonagentibus 78.
Vidius, Vidus (Guido) 68. 35.
Vieussens 120. 136.
Vigo 73.
Villerme 323.
Vincenz v. Beauvais 51.
Virchow 341. 350.
Vochs 78.
Vogel 202. 221.
Vogel, Samuel Gottl. 222 u. ff.
Voigtel 288.
Voism 323.
Voltaire 149.
Volz 342.
Vrolik 331.
Wagler 231.
Waldkirch 76.
Waldschmidt, Wulfg. 131.
Wale de 117.
Walshe 329.
Walther 227.
Weber, Ed. 347.
Weber, E. H. 347.
Weber, Wilh. 347.
Wedekind 263.
Wedel, Georg Wolfg. 131.
Weigel, Valentin 123.
Weikat 259. 262.
Wepfer 120. 223 u. ff
Werlhof, Paul Gottl. 221 u. ff.
Wernischek 183
Wesele, Andreas 69.
Whart"n, Thomas 119.
Whytt 176.
Wichmann, Joh. Ernst 222 u. ff.
Widmann, Joannes (Salicetus) 35.
Wienholt 270.
Wierus 102.
Willan 243.
Williams 327. 329.
Willis, Thomas 119. 132.
Namen-Register.
Wilson 223.
Winslow 153.
Winther v. Andernach 64. 68.
Wolf, Caspar 76.
Wolf, Christian 151.
Wolf (Hofrath) 86.
Walfart 270.
Wrisberg 287.
Würtz 73.
102.
Wunderlich 353. 358.
Wyl, Stalpaart van der 136.
Zerbi 67.
Zimmermann 177. 221. u. ff.
Zinn 177.
Zopyrus 24.
Zwinger 102.
Zwinger, Theodor 64.
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Avccession no.
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Author
Hundsrlich, K.R.A.
Geschichte der
Medicin. 1859.
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(2/ JA S7 /J.
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